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Montag, 4. Mai 2015

Lisa Morgenstern, Berlin, 02.04.15

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Konzert: Lisa Morgenstern
Ort:  Grüner Salon (Volksbühne) in Berlin
Datum:  2. April 2015 (Gründonnerstag)
Dauer: 80 min
Zuschauer: knapp 60


All die wunderbaren Fotos sind von Markus (vielen Dank!)

I survive it all (aus Amphibian)

Genau an diesem stilvollen Ort hatte ich Lisa Morgenstern im September 2014 erlebt und mich von ihrer Performance überwältigen lassen. Als sich erneut die Möglichkeit bot, habe ich nicht arg lange überlegt. Obwohl es natürlich ein Risiko gab, dass es - zumindest in Teilen - Enttäuschung geben könnte, nachdem das erste Erlebnis so einzigartig grandios gewesen war. 


Was schwerer wog: Ich hatte einen Karlsruher Begleiter angestiftet. Ich war mir sicher genug gewesen, dass sich die Fahrt für ihn lohnen würde. Natürlich fuhr auch die stille Hoffnung mit, dass wir anschließend ein bewegendes Erlebnis teilen würden, von dem wir noch lange mit glänzenden Augen reden würden. Nun ist schon ein Monat vergangen seit wir wieder zurück im badischen sind und der Bericht musste immer wieder "auf morgen" warten, auf die ruhige Minute, die sich nicht finden wollte. Tatsächlich haben wir in der Zeit öfter und gern von unserer Reise gesprochen und von diesem facettenreichen Abend im Grünen Salon - wenn auch etwas anders, als ich bei der Planung vermutet hatte.


Aufgeboten wurde im grünen Salon am Gründonnerstag neben Lisa Morgenstern und dem herrlichen Flügel auch die beiden inzwischen schon erprobten Bühnengefährten Benni Cellini am Cello und Katharina Parczyk an der Geige und als zweite Stimme. So wie auch schon im September - da war es die Premiere der Trio-Besetzung gewesen. Auffällig anders war diesmal tatsächlich das Publikum (jünger und "gothischer") - vielleicht auch wegen der späteren Anfangszeit. Uns kam es gelegen, dass es erst 21 Uhr begann, weil wir damit mehr Zeit für unsere Anreise hatten, die wir gut gebrauchen konnten. Als es aber dann 21:15 Uhr wurde und es noch nicht losging, wurde es doch etwas unruhig im Zuschauersaal. (*)


Mit Under Water begann schließlich das Konzert und hatte mit den sich anschließenden Liedern Hairy moon und My Room die gleiche Eröffnung wie im September. Aber die Stimmung war seltsam unklar und wie ver-rückt. Lisa erschien mir wie nicht ganz anwesend - oder nur anwesend für den Flügel aber nicht für das Publikum. So gab es kein Fenster für Applaus bis nach My Room, wo Teile des Publikums die Stummheit nicht mehr aushielten.  Auch später hatte ich manchmal das Gefühl, es wurde in die noch gehaltene Spannung "hineingeklatscht", um ganz sicher "zu Wort" zu kommen. 


Was auch bedeutet: Das Publikum mochte das musikalische Programm und wollte auch die Künstlerin ein Stück mit tragen in einer Situation, die anscheinend irgendwie schwierig oder nicht so gut beherrschbar für sie war. In der ersten Ansage fragte sie das Publikum, ob alle deutsch sprächen. Und hätte wohl eine genügend große Gruppe an Ausnahmen zum Anlass genommen, englische Ansagen auszuprobieren, die für das erste Konzert in Belgien am Karsamstag notwendig werden würden.


Unser Aprilprogramm fand seine Fortsetzung in Kannibalische Gourmet und vermied damit und mit den sich anschließenden Stücken die totale dramatische Eskalation vor der Pause. Das war natürlich nur relativ zum Programm im September spürbar und fühlte sich für die anderen im Saal sicher als Zunahme der dramatischen Spannung an. Für mich war die Konstruktion der ersten Halbzeit damit jedoch schaumgebremst und in der Pause fragten wir uns schon ein bisschen besorgt, was wohl los sei. 


Gibt es doch noch Probleme mit der Hand - das war im Winter ein übles Thema gewesen? Wir rangen um das rechte Wort für unser Gefühl, aber waren uns dann einig: Der Abend war bisher ein bisschen wie das Cello von Benni Cellini: die Umrisse sind erkennbar und sind kunstvoll, aber es fehlte das "Fleisch", das uns im September so atemlos zurückgelassen hatte. 


Die Knaller und Balanceaktstücke kamen diesmal im zweiten Teil: Amphibian, Eskalation und schließlich auch - fast erlösend - Lieber Tod, das mich immer wieder neu bestürzt und erhebt und glücklich macht. Lisa war mit einem Gin Tonic auf die Bühne zurückgekehrt und begann mit einer dramatischen Improvisation am Flügel. Dann erbat sie sich sozusagen eine Billigung des Publikums für einen von ihr selten gewählten Ausweg aus verzwickten Übeln - Alkohol.


Ich hatte nicht den Eindruck, dass sich das wirklich entspannend auswirkte, aber die wahre Messlatte, ob es ein gutes Konzert war, ist wohl, ob es denen etwas gab, die die Musik von Lisa Morgenstern an diesem Abend zum ersten Mal live erlebten. Und da war mein Karlsruher Begleiter klar positiv - übrigens auch das restliche Publikum, die sich noch eine Zugabe erklatschten und auch danach noch mehr gewollt hätten aber wohl sahen, dass die Künstlerin nicht glücklich war und gern über die Ziellinie gehen wollte.

Unser Fahrt nach Berlin hatte sich wirklich gelohnt - aber das nächste Mal müssen wir uns doch mal in der Dreikönigskirche in Dresden treffen! 
 

Setlist:
01: Under Water
02: Hairy moon
03: My Room
04: Kannibalische Gourmet
05: Sonnet 1 (vs. Mondscheinsonate)
06: Celene
07: Bury me


- Pause -

08: Impro
09: Amphibian
10: Eskalation
11: Allegro con Fuoco
12: Sweet Dreams
13: Lieber Tod
14: Farewell

15: Metamorphoses Intro + Spiral Tongue (Z)


(*) Der Grund für den nach hinten verschobenen Beginn war ganz nachvollziehbar, dass die Aufführung auf der Hauptbühne nicht gestört werden sollte.

Aus unserem Archiv:
Lisa Morgenstern, Freiberg, 29.10.14
Lisa Morgenstern, Berlin, 14.09.14


Widerhall:
Interview
Liederlich Interview 



Dienstag, 16. September 2014

Lisa Morgenstern, Berlin, 14.09.14

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Konzert: Lisa Morgenstern
Ort: Grüner Salon (Volksbühne), Berlin
Datum:  14. September 2014
Dauer: 105 Minuten
Zuschauer: knapp 100


Alle die wunderbaren Fotos sind von Markus

Wie ich über diesen Abend im Grünen Salon reden oder gar schreiben könnte, ist mir auch zwei Tage danach nicht klar. Noch taste ich und spüre Wellen in mir schwappen, die sich nicht abschwächen - schwimme beim deuten und werten in Gewässern, für die mich keine Erfahrung genügend vorbereitet hat. Es dämmert mir, ich kann nicht warten, dass sich DAS klärt, sondern muss davon jetzt irgendwie erzählen. Zum Glück gibt es ja auch noch sprechende Fotos von Markus.


Als ich mich entschied, für das Konzert nach Berlin zu fahren, hatte ich mir natürlich ein besonderes Erlebnis versprochen. Seit ich das Dresdner Konzert im Januar ganz knapp hatte sausen lassen müssen, hatte ich ein Ziehen im Herzen. Nun sollte es endlich Frieden finden. Andererseits hatte ich mir selbst aber auch gut zugeredet, mir nicht zu viel zu versprechen. Diese Musik fordert mich. Zu Hause kann ich das steuern und mich notfalls entziehen, wenn es Überforderung wird. Aber live muss ich mich ausliefern. Und muss außerdem sehen und erleben, wie sich die Künstlerin ihren Liedern und dem Publikum hingibt. Wie sie sich dabei entblößt und verwundbar macht und vielleicht auch verwundet. Nach meiner Erfahrung ist das für derartig kraftvolle und aufrichtige Musik ein Drahtseilakt - oder um ihre eigenen Worte zu benutzen - ein Seiltanz mit Schirmchen im Sturm.


Grandios wenn man miterleben könnte, wie es klappt, aber welche Wahrscheinlichkeit hat dieser Ausgang? Vor allem, wenn das von einer Frau gewagt wird - es erzähle mir keiner, dass die Rolle nicht mit ordentlich Gepäck beladen kommt, das leicht zum Stein um den Hals werden kann. Zu einfach bieten sich Zuschreibungen an, die erschreckend tief in uns allen sitzen. Und - ein Gelingen des Experiments würde mich am Ende ganz persönlich in Frage stellen, wenn ich mich scheue, mich selbst so zu exponieren. Es würde auf allen Seiten mit hohem Einsatz gespielt werden...



Lisa Morgenstern war Anfang November 2013 auf meinem Radar aufgetaucht. Das Album Amphibian hatte ich gerade noch so über die Crowdfunding Kampagne bekommen und es hatte  einen  Volltreffer in meinem Herzen gelandet. Seitdem verfolgte ich aus der Ferne, was künstlerisch passierte und darüber ist mir die Person Lisa Morgenstern (soweit ich sie virtuell kennenlernen konnte) ans Herz gewachsen. Mehr noch - sie hat sich meinen Respekt erworben. Aber was mich nun wirklich an dem Abend in Berlin erwarten würde? Versprochen war neue Musik und ein langer Abend. Geboten wurde neben dem inzwischen schon erprobten Bühnengefährten Benni Cellini am Cello auch als (glücklich gelungene) Premiere Unterstützung von Katharina Parczyk an der Geige und als zweite Stimme.


Der grüne Salon selbst gefiel mir sehr gut. Alle Personen waren so nett und entspannt. Der Raum gerade noch plüschig genug, um als Salon gelten zu dürfen und sehr einladend für die Art Musik, die ich mir für den Abend vorstellte. Auf der Bühne gab es einen großen Bechstein Flügel, einige Mikros und das Cello (es fand sich dann auch noch ein zweites Cello-ähnliche Instrument, das ich erst gar nicht wahrgenommen hatte). Under Water - der erste Track auf Amphibian eröffnete den Abend (außer Nocturne wurden im Verlauf des Programs alle Lieder des Albums geboten und außerdem alle Stücke der EP Hairy Moon). Es bot gleich die Möglichkeit, sich in den wunderbar satten Flügelklang zu versenken. Freundlich plätscherndes Wasser. Nicht ganz ohne Untiefen. Als später die Stimme einsetzte, war sie in den tiefen Lagen oft fast außerweltlich - streng, fest und manchmal auch verfremdet durch fast mystisch anmutenden Kehlkopfgesang. Sie würde in Celene den Mond als Freundin ansprechen, sie würde raunen, betören und beschwören. Schlaflosen und quälenden Nächten hinterherrufen. Bei Eskalation kreischen und schreien: verletzt, wütend und unendlich traurig. Benni verließ theatralisch Türen schlagend den Raum. Das saß! Anschließend wurde - nur äußerlich leis - eins drauf gesetzt - Lisa beging drastische Selbstzerfleischung in Kannibalische Gourmet (der erste Titel des Abends mit deutschem Text). Und doch hat dieses Lied auch das kraftvolle und tänzelnde Lalala, das ich unversehens noch Tage hinterher vor mich hinsumme...


Markus und ich waren uns in der Pause einig: ein toller, ein einzigartiger Abend. Einer, der aus allen Schubladen krachend ausbricht. Aber im zweiten Programmteil wurde es noch eine ganze Spur expressiver. Vielerlei Abschiede wurden durchgestanden. Ein wunderbares  Sweet dreams zelebriert. Bury me - voller stampfender Rhythmen und Chöre. Und dann schließlich ... Lieber Tod. Erst kürzlich hatte ich etwas neidisch einen Konzertbericht gelesen darüber wie bei einem Freund an das tiefste und innerste geklopft worden war. Und unversehens war ich nur wenige Tage später selbst an einem solchen Punkt. Unfassbar ergriffen und ein Körper gewordenes OH. Vibrierend und doch erstarrt und fassungslos. Das wohlvertraute Stück hieb mich live komplett aus dem Gleichgewicht.




Und auch Lisa musste danach erst wieder ankommen, um als Draufgabe neue Stücke zeigen zu können. Beispielsweise einen Traurigen Sonntag in der großartigen Tradition von Gloomy Sunday als Finale zu setzen, das es in sich hatte. Wir zollten den ihr zustehenden Applaus und wollten zu gern das Ende noch etwas herauszögern. Und zum Glück gab es noch eine allerletzte Zugabe. 

Was für ein Abend! Was für eine Frau! Ich kann - ganz egoistisch - nur hoffen, dass sie diese Strahlkraft in sich stärken und bewahren kann und ihren Weg Schritt für Schritt findet.



Setlist:
01: Under water
02: Hairy moon
03: My room
04: Celene
05: Allegro con fuoco
06: Eskalation
07: Kannibalische Gourmet
08: Amphibian
 - Pause -
09: Metamorphoses
10: Sonnet 1
11: Sweet dreams
12: Bury me
13: Farewell
14: Lieber Tod
---
15: Spiral tongue (Z)
16: Lied vom traurigen Sonntag + Gloomy sunday (Z)

17: Silence (Z)


Tourdaten
25.09. Hannover Feinkost Lampe
26.09. Hamburg Kulturgold Sichtbar
29.10. Freiberg ePIzentrum

 
Widerhall:
Bayreuth, 22. November 2013 (Marcus Rietzsch)
Dresden, 3. Januar 2014 (Edith Oxenbauer & Marcus Rietzsch)
Interview, 9. April 2014 (Joinmusic)

Pledgekampagne für das Album Amphibian


Montag, 3. Dezember 2012

Caroline Keating, Berlin, 02.12.12

2 Kommentare

Konzert: Caroline Keating
Ort: Grüner Salon, Berlin
Datum: 02.12.2012
Dauer: 70 min.
Zuschauer: ca. 40




Berlin am 2. Advent. Am Nachmittag hat es angefangen zu schneien. Mir war richtig kitschig zumute. Bevor ich aber zu Caroline Keating kam, gab es noch einem Abstecher auf den Weihnachtsmarkt des Michelberger Hotels. Dort sollte am Nachmittag ebenfalls Live-Musik erklingen. Es war dort proppenvoll - draußen als auch drinnen. Mit dem Dröhnen der Disco-Musik machte ich mich rechtzeitig zum Grünen Salon der Volksbühne auf. Viel zu selten wird heutzutage noch ein Raum Salon genannt. Das Wort alleine schon lädt förmlich zum Verweilen und die Seele baumeln lassen ein. Es hat etwas von Gemütlichkeit.

Von der Kanadierin Caroline Keating habe ich mir im Vorfeld optisch noch kein Bild gemacht. Ich kannte nur ihren aktuellen (und wohl einzigen) Tonträger, den ich die vergangenen Tagen dutzendfach hörte. Sie erinnerte mich stark an Regina Spektor, wenn sie auch nicht ganz so poppig klingt, worüber ich nicht wirklich traurig bin. Vielleicht habe ich mich deswegen kurzfristig gegen das Konzert von Regina Spektor entschieden. Mit ihrem neusten Machwerk konnte ich nur sehr wenig anfangen.

Der Grüne Salon ist an dem Abend mit bequemen Sesseln "bestuhlt". Zwischendrin stehen kleine Tischchen mit Kerzen. Hätte ich an diesem Abend eine romantische Verabredung gehabt, es hätte nicht besser kommen können. Auf der Bühne steht ein alter Bechstein Flügel, eine große Trommel sowie eine noch hängende Geige. Das Publikum würde ich zwischen 30-50 Jahren einschätzen.

Als Caroline Keating zur Bühne kommt, muss sie, wie alle Künstler im Grünen und Roten Salon, vorher durchs Publikum. Das sitzt ja gesittet im gediegenen Ambiente. Sie trägt an diesem Abend ein hochgeschlossenes kurzes schwarzes Samtkleid. Dazu noch ein paar silbern glitzernde Schühchen - sehr kleidsam. Sie setzt sich direkt an den Flügel und witzelt noch über ihre starke Konkurrenz an diesem Abend, die "very popular crime show" und beginnt dann noch alleine mit Silver Heart, dem Namensgeber ihres Tonträgers. Sie hat eine unheimlich ausdrucksstarke Stimme, die mir live sofort gefällt.

Zu Riots kommt Sebastian Chow auf die Bühne, mit dem sie einen kurzen Plausch auf französisch hält. Das Lied soll wohl von einem wunderbaren Studentenstreik handeln. Die hallende Geige fügt sich in das gekonnte Klavierspiel von Caroline Keating blendend ein. Es kommt immer wieder zu kurzen Blicken der Verständigung, die Stimmung zwischen den beiden Musikern scheint gelöst, aber sehr konzentriert. Zwischendurch erinnert mich das Aufbrausen der Geige an die Vier Jahreszeiten von Vivaldi. Richtig stimmungsvoll wird es dann mit dem mir bislang unbekannten Old Faithful - zum dahinfließen. Mit fließendem Übergang geht es dann über zu So Long. Es wird wohl an diesem Abend keinen dritten Musiker mehr geben, denn die Trommel wird von Sebastian Chow stimmungsvoll geschlagen und das im Wechsel zu seinem Geigenspiel, zupfend und streichend und immer mal wieder auf die große Trommel hauend, die den Raum mit einem tollen dumpfen Bass erfüllt. Caroline Keating weiß sehr zu schätzen, was sie an ihrem "Octopus" hat, wie sie ihn lieb nennt. Ein Abend voller Magie. Das Publikum ist gebannt und fasziniert. Niemand unterhält sich nebenher und die Telefone bleiben in den Taschen. Vielleicht blende ich das auch alles nur aus, denn ihre Musik verzaubert. Ihr Album ist deutlich poppiger produziert, nicht überproduziert, aber live gefallen mir ihre Musik und ihre Stimme noch besser. Mit Sebastian Chow hat sie wirklich einen Glücksgriff getan, wie uneitel und gefühlvoll er den Liedern sein Können schenkt.


Bei ihrem letzten Berlin Konzert waren es gerade mal vier Zuhörer. Kaum zu glauben, dass es an diesem Abend nicht weitaus mehr den Weg in den Grünen Salon gefunden haben. Ich gebe nur selten Prognosen über den Verlauf einer Karriere ab, zu unwägbar ist es. Aber bei Caroline Keating bin ich mir sicher, dass sie noch ein deutlich größeres Publikum erreichen wird. Ich erinnere mich dabei gerne an das schöne Konzert von Marketa Irglova im Babylon Mitte.

Zu Nightlife wippe ich mit dem Kopf mit... und es geht gleich über zu Grow Old, baby we all grow old. Zuletzt lebte sie für einen Monat in Leipzig und das sie nun wieder Abschied nehmen muss, fällt ihr sehr schwer. Sie fühlte sich dort "natural high". Wie schön! Ich habe keine wirkliche Vorstellung vom Leben in Kanada, aber es ist schön zu hören, dass es umgekehrt den Durchreisenden in Deutschland besser und besser gefällt. Die stechende Geige bei One gefällt mir - auch das dramatisch, chaotische Klavierspiel, welches dann doch wieder seine Ordnung findet, erinnern mich an das Tanzen der Schneeflocken, die mit ein wenig Wind mächtig durcheinander gewirbelt werden, um sich dann bei Gatsby wieder zu finden. Eine so berührende und kurzweilige Musik! So viel natürlicher und mädchenhafter Charme! Sie hat immer so ein natürliches und freundliches Lächeln. Bei Montreal komme ich dann völlig ins Träumen. Zu Ghost stellt sie sich scherzend neben Sebastian Chow, der sie nur zupfend begleitet. Ihre Aufregung kann man nun nicht nur erahnen, sondern auch sehen. Mit der einen Hand klammert sie sich ans Mikrofon, während die andere Hand das Kabel knetet. Niemand mag es ihr verdenken, dass sie noch unsicher ihres Könnens ist. Die die ihr Zuhören konnten, sind sich da aber ganz sicher. Also Zugaben folgen dann noch das zuckersüße Pit Stop und das vielleicht durch youtube bekannteste Lied von ihr: Billy Joel.

Ich hatte nach dem Konzert so ein wohliges Gefühl. Ich wollte noch gar nicht wirklich gehen. Im Gegenteil - irgendwie hätte ich Lust gehabt noch mit den anderen Gästen zusammenzusitzen und bei einem Getränk und angenehmer Musik weiter zu plauschen. Es war in mir eine schöne Salonatmosphäre, die ich versuchte bis in meinem Salon daheim mitzunehmen. Vielen Dank, dass ich Dich auf Deiner Reise durch Deinen musikalischen Zauberwald begleiten durfte, Caroline Keating.



 
Setlist Caroline Keating, Grüner Salon, Berlin:

01: Siver Heart

02: Riots
03: Old Faithful
04: So Long
05: The Pier
06: Holiday
07: Lusty Dusty
08: Nightlife
09: Grow Old
10: One
11: Gatsby
12: Montreal
13: Ghosts

14: Pit-Stop (Z)
15: Billy Joel (Z)

Links:


- aus unserem Archiv:
- Caroline Keating, Darmstadt, 03.11.12
- Caroline Keating, Frankfurt, 25.09.12
- Caroline Keating, Paris, 16.03.10
- Caroline Keating, Köln, 30.01.09




Montag, 21. Mai 2012

Susanne Sundfør, Berlin, 15.05.12

1 Kommentare
Konzert: Susanne Sundfør
Ort: Grüner Salon, Berlin
Datum: 15.05.2012
Zuschauer: ca. 150
Konzertdauer: 1,5 Stunden


von Markus aus Berlin




Berlin. Es ist Mitte Mai. Die Eisheilige Sophie hat uns fest im Griff und zu allem Überdruss werde ich auf dem Hinweg von einem Regenschauer erwischt. So komme ich wie ein begossener Pudel im Grünen Salon an. Als ich den Saal betrete, sticht mir sofort das grell-grüne Neonlicht ins Gesicht. Die Bühne ist vollgestellt mit diversen Keyboards und im Hintergrund kaum zu erkennen steht ein Schlagzeug. Vor der Bühne ist ebenfalls ein Keyboard platziert. Eigentlich war keine Vorband angekündigt, was ich an diesem Abend zu schätzen gewusst hätte.

Das Publikum ist gut durchmischt und von Anfang 20 bis Mitte 50 ist alles vertreten. Das hat eher was von Familienfeier. So machen es sich auch die meisten Gäste auf den Sofas und Stühlen am Rand bequem und der Rest sitzt mittig im Saal auf dem Parkett.


Irgendwann geht ein kleiner Mann mit Glatze zu dem Keyboard, welches vor der Bühne platziert ist. Vom Typ her eine Mischung aus John Malkovich mit Italo-Bart. Er bearbeitet eifrig die Tasten. Das Ganze erinnert mich eher an einen DJ, der auf Hochzeiten die Gesellschaft unterhält. Nur sind seine Töne und Gesang schräger. Leider nicht schräg genug, sonst hätte ich wohl mehr Gefallen an den 30 Minuten Beschallung empfunden. Eine nachträgliche Recherche ergab, dass es sich um Anton Sword handelte. Der ganze Auftritt wirkte eher tragisch.

Mit der Zeit füllt sich der Grüne Salon weiter und es setzen sich auch immer mehr auf den Boden. Dann kommt Susanne Sundfør mit Band auf die Bühne. Die Bühne ist dekoriert mit diversen Neonröhren sowie unzähligen großen und kleinen Keyboards. Das netzartige Gespinst um die Bühne herum passt hervorragend zum Outfit der Sängerin, dessen Oberteil quasi nur aus Fäden besteht. Dazu noch das Lichtspektakel, das aus Scheinwerfern, Stroboskop und dem Wechselspiel der Neonröhren bestand. Ein Ambiente wie in den Dorfdiscos der 80er nur bedrückender.

Das Publikum hatte es sich auf dem Boden so richtig gemütlich gemacht. Es ging los mit Diamonds vom neusten Album The Silicone Veil. Danach Rome - ebenfalls vom neuen Album, welches ich mir im Vorfeld noch nicht angehört hatte. Die Marschroute wurde schnell klar - akustische Klänge werden an diesem Abend eher die Ausnahme bleiben. Schade.

Susanne Sundfør stand inmitten zweier Keyboardtürme links und rechts neben ihr. Während des Konzertes wechselte sie immer mal wieder die Seiten und versuchte sich an unbeholfenen und ungelenken Tanzeinlagen. Mit Knight Of Noir wurde dann ein kleines Highlight für mich gespielt.

Nach etwa drei Stücken spricht die Frontfrau das Publikum an: How are you? Einer fragte zurück: How are you? I think, I am okay. Dann legte sie nach und sagte, dass sie das Publikum doch bitten möchte aufzustehen, und verspricht, dass man Spaß hat. Sie wirkt leicht genervt. Also doch kein neuer Trend - das Sitzkonzert. Dabei hat sich einer schon seiner Schuhe entledigt und fläzte barfuß in seinem Sessel wie im Wohnzimmer.

Richtig gut gefallen hat mir auch White Foxes. Bei dem Lied ging für mich der Plan auf, ihre Stimme, Melodie, Schlagzeug und Keyboards zu vereinen.

Je weiter das Konzert fortschritt, umso mehr nervte mich die Lichtshow. Dazu noch
eine für mich unfreiwillig komische Tanzeinlage von Susanne Sundfør zum Schlagzeugsolo im Zwischenraum der ihrer beiden Keyboards. Dear John vom 2008er Album war in der Neuinterpretation von 2012 völlig verkitscht. Der Kitsch ging auch mit When weiter. The Silicone Veil gefiel mir wieder richtig gut und der erste Teil des Konzertes wurde damit auch beendet.

Für eine Zugabe ließ sie nicht lange bitten und so kam nach Lullaby und Lilith mit The Brothel ihr wohl stärkstes und bekanntestes Stück. Das wurde sehr gelungen und dezent von ihr präsentiert. Diese Stimmung wird dann zum Abschluss mit It´s All Gone Tomorrow mit vollem Einsatz der Lichttechnik und der Synthesizer-Klänge schnell zunichte gemacht.

Mit einem Resümee tue ich mich bei dem Konzert sehr schwer. Es war gut genug, um bis zum Ende zu bleiben. Solange sich Susanne Sundfør weiterhin auf elektronische Klänge versteift, werde ich ihre Konzerte künftig meiden. In meinen Augen verschenkt sie damit viel Potential. Die Show wirkte billig und gewollt. Susanne Sundfør war auf der Bühne engagiert, aber so richtig glücklich schien sie mir in der Rolle als Disco-Queen nicht zu sein. Die Band gab ihr Bestes, um ihren Sound zu komplettieren. Daran gab es nichts zu kritisieren. Nur Atmosphäre versprühten die Musiker nicht sonderlich. Der intime Grüne Salon war meines Erachtens auch nicht die beste Wahl für diese Art Musik in dieser Darbietung. Ein rauer und kalter Ort wäre die bessere Wahl gewesen.

Setlist Susanne Sundfør, Grüner Salon, Berlin:

01: Diamonds
02: Rome
03: Knight Of Noir
04: Turkish Delight
05: Can You Feel The Thunder
06: White Foxes
07: Dear John
08: When
09: Your Prelude
10: The Silicone Veil


11: Lullaby (Z)
12: Lilith (Z)
13: The Brothel (Z)
14: It´s All Gone Tomorrow (Z)



 

Konzerttagebuch © 2010

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