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Montag, 12. August 2024

LIve /s Live Festival - Antwerpen

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Konzert: Live /s Live Festival Antwerpen
Ort: City of Antwerp
Datum: 28.-30.06.2024
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: ca. 20.000/Tag


Ein Bericht unserer Gastautorin Sonja: 

Für mein erstes Festival in diesem Jahr, reise ich nach Antwerpen. Das Line- Up und die „anfängliche“ Wetterprognose sieht vielversprechend aus. Am Freitag verpasse ich die wunderbare Bess Atwell und auch Alvvays, da ich erst am späteren Nachmittag anreise. So startet die Erkundungstour des Geländes zu den entfernten Klängen von Ben Howard. 

Das Gelände ist sehr großzügig und liebevoll hergerichtet. Überall auf dem Gelände sind überdachte Sitzgelegenheiten verteilt und auch Bars sowie Food Trucks sind ausreichend vorhanden. Da es sich bei dem Festival Gelände um einen Park in der Stadt handelt gibt es vor Ort kein Camping. Aber Antwerpen bietet zahlreiche Hotels um sich hier ein komfortables Festival Wochenende zu gestalten. 


Für den ersten Abend habe ich nur The National auf dem Plan, die als Headliner für diesen Abend mit leichter Verspätung dafür aber gut gelaunt die Bühne betreten. Das Set ist eine gelungene Mischung für ein Festival-Gig. Alle „All Time Favourites“ wie Bloodbuzz Ohio, I Need My Girl, Conversation 16, Light Years, Fake Empire uvm. sind dabei. Aber auch die neuen Songs wie Eucalyptus und Tropic Morning News fehlen nicht. Mein persönliches Highlight war der wundervolle Track „England“ vom Album „High Violet“.


In einem Bericht habe ich mal den Kommentar gelesen: „Matt Berningers Bariton ist ein Geschenk der Götter, völlig gleich ob er schmachtet, kratzt oder bricht“. Wenn dazu noch die Gitarren von Aaron und Bryce Dessner jauchzen und das Schlagzeug sowie der Bass von den Devendorf-Brüdern Bryan und Scott ihre angetraute Schlagzahl gefunden haben ist das „The National Feeling“ da. 


Eine umarmende Melancholie, die einen emotional tief berührt, aufgewühlt und gleichzeitig auch hoffnungsvoll zufrieden zurücklässt. Und genau all dies durfte man an diesem Abend erleben. Es ist das das dritte Mal das ich diese wunderbare Band live sehen durfte und es war bestimmt nicht das letzte Mal. 


Der Samstag hält tolle Namen parat, auf meiner Liste stehen Lord Huron, Paolo Nutini und Editors. Lord Huron stehen bereits um 15:00 Uhr bei strahlendem Sonnenschein auf der Bühne. Sie starten ihr Set mit „Meet me in the Woods“ dessen Rhythmus gut zum gute Laune Wetter passt. Alle bekannten Songs wie z.B. „Dead Man ́s Hand“, „Ends of the Earth“ sind dabei. Das wunderbare „I lied“ fehlt leider und auch wenn sie Ihren Auftritt mit ihrem größten Hit „The Night We Met“ beenden, will der Funke bei mir nicht überspringen. Vielleicht liegt es an dem guten Wetter und dem Auftritt im Sonnenschein, was bei mir leider dazu führt, dass die emotionale schwere der Songs, die ich so mag, nicht bei mir ankommt. 


Der schottische Sänger Paolo Nutini mit seiner unfassbar berührenden und intensiven Soulstimme braucht nicht viel Show auf der Bühne. Er steht lässig mit T-Shirt und Jeans auf der Bühne und überzeugt durch die abwechslungsreichen Tracks. Sei es von den Songs der vorigen Alben wie „New Shoes“, „Candy“ bis hin zu den aktuellen „Afterneath“ und „Acid Eyes“ von Last Night In The Bittersweet. Auch der Stil reicht hin von rockigen Nummern bis zu den richtig gefühlvollen Einlagen. Wenn er beispielsweise bei „Through The Echoes“ das Publikum mit einbezieht und mitsingen lässt. Zum Abschied gibt es dann einen gute Laune Song zum Wohlfühlen. Mit „Shine a Light“ verabschiedet er sich und es bleibt das Gefühl: "Da war mehr drin".


Auf Editors freue ich mich heute besonders.  Die musikalische Entwicklung der Band gefällt mir mal mehr und mal weniger. Der charismatische ​ Bariton von Tom Smith fesselt mich aber immer. Trotzdem ist die Hoffnung groß, dass die Setlist an diesem Abend möglichst viele Songs von den ersten beiden Alben The Back Room und An End Has a Start beinhaltet. Die Show startet mit „Strawberry Lemonade“ direkt gefolgt von „An End Has a Start“ und die düstere Stimme von Smith hat mich in diesem Moment schon abgeholt. Die Abwechslung zwischen New Wave und Indie-Rock präsentiert die Band in dunkler Kleidung und auf der Bühne gibt es Pyrotechnik und Stobogewitter bei Songs wie „The Racing Rats“ und „Picturesque“. Aber nicht mehr soviel und übertieben wie auf den letzten Tourneen. Das Songmaterial hat Vorfahrt.

Zum Ende des Sets spielt Tom Smith das Intro zu „Smokers Outside the Hospital Doors“ als Akustik-Version und trifft mich mitten ins Herz, als die Band einsetzt und diesen berührenden Song mit viel Kraft unterstützt ist für mich klar, emotionaler wird es heute nicht mehr. Als Zugabe gibt es noch den absolut unter die Haut gehenden Song „No Sound but the Wind“, der von Smith selbst am Klavier begleitet wird und der Editor Klassiker „Papillon“ darf natürlich auch nicht fehlen und beendet ein für mich perfektes Konzert. Editors können immer noch Headliner, auch wenn sie dazu nur noch in Benelux und England Gelegenheit bekommen.


Alle guten Dinge sind drei, oder nicht? Der dritte Tag hält auch bekannte und vielversprechende Namen bereit. Für mich gibt es heute Mogwai, Interpol und The Smashing Pumpkins. Ein klein wenig 90er Nostalgie..... Mogwai sind dafür bekannt, keinen konventionellen Songstrukturen zu folgen und kommen auch fast immer ohne Lyrics aus. Die Band betritt wenig spektakulär die Bühne und beginnt ohne große Worte ihr Set mit „Yes! I Am a Long Way From Home“ direkt gefolgt von „I ́m Jim Morrision,I ́m Dead“. Der langsame Aufbau und die instrumentale Vielschichtigkeit begeistert mich. Bei den weiteren Songs wie „Kids will Be Skeletons“ und „Mogwai Fear Satan“ erlebt man wahre Klanglandschaften die eine düstere melancholische Atmosphäre zaubern. Ein super Live Erlebnis auch wenn ich sie lieber bei Nacht gesehen hätte. 


Interpol Touren ja bereits seit ein paar Wochen durch Europa und kommen wie gewohnt relaxed und komplett in schwarz gekleidet auf die Bühne. Den Auftakt macht C ́mere gefolgt von Narc. Leider ist der Gesang von Paul Banks sehr leise und "matschig" abgemischt. Ob es an der beanspruchten Stimme oder dem Techniker lag kann ich nicht beurteilen. Auch bei den weiteren Songs wie „My Desire“ oder „Into the Night“ ist der Sound nicht richtig gut. Bei „Evil“ und „Not Even Jail“ konnte man kurz erahnen das Interpol auch Live zu überzeugen wissen. 

Zum Finale des Abends und zum Ende des Wochenendes verabschiedet sich das gute Wetter, nun regnet es in Strömen. Also ab unter den Regenponcho und vor die Bühne. Smashing Pumpkins Sänger Billy Corgan gilt im Allgemeinen als schlecht gelaunt, sollte also zum Wetter passen. Bei diesem Konzert war dann alles anders und zudem noch erstaunlich gut.

In einem wallenden Mantel/Kleid in schwarz-weiß kommt er auf die Bühne, Gitarrist James Iha und Drummer Jimmy Chamberlin sind wieder mit dabei, was mich sehr freut. Das Set startet wie erwartet ohne große Worte mit „The Everlasting Gaze“ gefolgt von „Doomsday Clock“ man merkt schnell, Corgan hat trotz des Regens heute gute Laune. Jubelt mit den Fans, macht Ansagen, immer wieder sieht man ihn lachen und tanzend die volle Breite der Bühne nutzen. 



Zeitweise spielt er mit Handtuch auf dem Kopf und schaut dann aus wie ein ägyptischer Pharao, der im Regen steht. Das Licht der Scheinwerfer wird durch den Regen ganz speziell reflektiert, eine Leinwand gibt es keine. Gut so.

Auch wenn meine Schuhe und Hose mittlerweile komplett durchfässt sind, klingt die Band so gut. Befreit, heavy, schön, laut, gar nicht wie auf Platte, aber trotzdem erkennt man die Songs schon ab Note eins. „Disarm“, „Today“, „1979“, „Zero“ und The World is an Vampire... „Bullet with Butterfly Wings“ – alle Hits sind dabei. Zugegeben für mich war viel Nostalgie bei diesem Konzert im Spiel. Allerdings, wenn schon Nostalgie, dann so souverän, freudvoll und frisch wie von den Smashing Pumpkins an diesem Abend. 


Auch wenn die Wetterprognose nicht bis zum Ende durchgehalten hat, so hat das Line-Up gehalten was es versprochen hat. Viele einmalige Momente mit großartigen Künstlern in einem wunderbaren Ambiente von Antwerpen.


Samstag, 6. Januar 2018

miXmass Tag 1, Antwerpen, 05.01.18

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Festival des Ensembles Baroque Orchestration X
meine Konzerte:
      The Golden Glows (10 min)
      Liesa van der Aa & B.O.X. (15 min)
      Arne Leurenthrop & B.O.X. (15 min)
      Dez Mona & B.O.X. (15 min)
      Helga Davis, Shara Nova & B.O.X (20 min) 
      Pétur Ben (15min + 45 min)
      Mugison (10 min + 45 min)
      Anthony Romaniuk & Mads Brauer (30 min)
      DAAU & B.O.X. (40 min)
      Shara Nova (20 min)       
      Nocturnal (30 min)
Ort: Musiktheater deSingel in Antwerpen
Datum: 5. Januar 2018
Zuschauer: etwa 300


In meinem Jahresrückblick habe ich beklagt, dass mir einige Lieblingkünstler-Konzerte 2017 geplatzt sind. So habe ich nicht lange gezaudert: das Konzert von Shara Nova in Antwerpen werde ich sehen! Das Ensemble Baroque Orchestration X (B.O.X.) lädt für zwei Abende Mitstreiter (wie Shara) aus aller Welt in ein schönes Konzerthaus, um zusammen zu musizieren. Ganz mein Geschmack und dazu noch in der Weihnachtspause. Tatsächlich fühlte es sich wie ein unfassbar nettes Jahrgangsstufen-Treffen an... Zusätzliche Pluspunkte für mich waren, dass sich unter den "ehemaligen Klassenkameraden" auch einige Namen fanden, die mich ähnlich wie Shara anzogen: Efterklang, die Isländer Pétur Ben und Mugison, die ich 2016 in Reykjavík in Wahnsinnsform gesehen hatte und Valgeir Sigurðsson mit Liam Byrne, deren Auftritt 2015 in Island eine große positive Überraschung war.


Baroque heißt bei B.O.X., dass das Ensemble auf den Klang alter Musikinstrumente baut. Aber es führt Musik aller Epochen enthusiastisch und hoch professionell auf. Deshalb passt der Name miXmass auch so gut für das Festival. Leider passte er auch, weil es im Vorfeld schwer fiel, die verteilten Informationen zum Ablauf zusammen zu setzen. Oder die Orte im Programm mit den Orten, die es im Konzerthaus gab, in Deckung zu bringen. Da sich tatsächlich erst kurz vor 20 Uhr die Türen öffeneten, machte mich das etwas nervös. Aber mit Beginn löste sich das alles in Wohlgefallen auf. Die Besucher (alle Altersgruppen waren gekommen!) waren allesamt besonders freundlich und umsichtig und ich fand einen Platz, wo ich mir Notizen machen konnte und für die nächsten 6 Stunden auch so viel sitzen konnte, wie mir gut tat.


Der Abend begann mit einem Teil, der B.O.XXL genannt wurde: ein Estradenprogramm, wo die B.O.X. Ensemblemitglieder jeweils wenige Songs unterschiedlicher Projekte mit Künstlern präsentierten:
  A Folksongbook:  The Golden Glows
  White Chalk:  Liesa Van der Aa
  Amnesiac:  And They Spoke in Anthems

  Sága:  Dez Mona
  You Us We All.  Shara Nova  & Helga Davis  
  The Loom of Mind:  Pétur Ben & mugison


Was hier ein bissch verrückt und zerfasert klingt, ging als Konzept grandios auf. Die 90 min reihten sehr unterschiedliche Musikstile und Klangkosmen aneinander und bot mir diverse Höhepunkte. Es begann zunächst fast kammermusikalisch mit zwei Frauen- und einer Männerstimme. Dazu eine Gitarre. Schräger Folk, der dann im zweiten Stück durch B.O.X. unterstützt wurde und durch den Klang eines Blasinstrumentes etwas gespenstisches beigemischt bekam. Später lernte ich, dass es sich um ein Holzblasinstrument, das Cornetto handelte (das im Ansatz wie Blechblasinstrumente gespielt wird)


Für Liesa van der Aa wurde anschließend alles aufgeboten - ganz großes Kino - und auch die Sängerin war kraftvoll und fast rockig. Ich kann die Assoziation zu PJ Harvey, die Oliver in seinem Bericht schildert, sehr gut nachvollziehen. Ähnlich intensiv war auch das nachfolgende Projekt von Arne Leurentop, wenngleich die Intensität sich mehr als Innigkeit audrückte. Im ersten Stück schaffte es ein Geigentremolo über dem Gesangspart, mir die Tränen in die Augen zu drücken, während es im zweiten Stück die interessante Verknüpfung der altmusikalisch aufgefassten und instrumentierten Aria mit einer modernen Gesangsphrasierung war, die mich aufhorchen ließ.
 

Das nächste Projekt jagte das Publikum ganz schön durch die Lande. Es gab Anklänge an Tango - nicht zuletzt durch das benutzte Akkordeon (Roel Van Camp) schön gefärbt, aber auch Balkantöne klangen auf. Dann setzte gar ein schmachtender Kontertenor (Gregory Frateur grandios!) glanzvolle Akzente. Wiederum total anders, war schließlich die Barockoper You us we all. Die Musizierhaltung  war hier klar barock, aber die Texte sehr heutig und wirklich witzig: "Dear Britney Spears, we have a lot of commonalities.. " Das war wunderbar verspielt, aber traf dann doch ins Schwarze. Ganz herrlich war neben der hinreißenden Shara auch die Stimme von Helga Davis, die mich im Sturm erobert hat. Was für eine Ausstrahlung!
 

Anschließend wurde es wieder poppiger mit den schon oben genannten Isländern. Ein Höhepunkt hier war ein herrlich besoffener Walzer und der Schlusspunkt von mugison als Hallenabrißversuch mit Ankündigung. Das erinnerte mich dann doch sehr wohlig an das Wahnsinnskonzert von 2016. Ein klares Votum dafür, unbedingt noch bis 1 Uhr für das Konzert von mugison zu bleiben!


Der Übergang zum angekündigten Surprise-Act war etwas unglücklich. Den meisten war wohl nicht aufgefallen, dass in der hinteren Ecke des Theatersaales alles vorbereitet war und man verließ den Raum auf der Suche nach der VOX-Bühne... Aber die Efterklang-Kollegen Casper Clausen & Rasmus Stolberg wußten natürlich, dass nun Anthony Romaniuk (B.O.X. - Tastenmann) & Mads Brauer (Efterklang-Soundtüftler) hier etwas vorhatten. Was fast als Privatkonzert für uns Handvoll begonnen hatte, fand jedoch über die Zeit immer mehr Zuhörer (wahrscheinlich fanden uns die suchenden Zuschauer...). 
 

Die Idee war eigentlich denkbar einfach. Anthony nahm sich Repertoire-Stücke für Klavier (Bach, Bartok und Schostakovich konnte ich zuordnen) her und wandelte sie sich an bzw. verfremdete das mir so wohlvertraute. Dazu lieferte Mads sehr zurückhaltende elektronische Töne und es war wie eine Zwiesprache zwischen einem extrovertierten Pianisten und einen introvertierten Computernerd. Zum Teil war es wie zerfleddern, aber es war unfassbar interessant und für mich zum Teil sehr, sehr lustig.
 

Auf der großen Bühne hatten sich derweilen DAAU (Die Anarchistische Abendunterhaltung) alles aufgebaut, was sie so brauchte. Es gab wieder das ganze Ensemble und die Musik war zunächst sehr sphärisch. Im Vergleich zum Eingangskonzert fehlte der Gesang, aber auch hier fiel mir  wieder dieses Blasinstrument auf, das mit seinem Klang so sehnsuchtsvoll durchs Mark geht. Aber so "zahm" blieb es nicht. Es wurde sogar recht temperamentvoll mit Balkan-Anklängen und der im Programm "versprochene" Punk klang für mich ein wenig wie Musik für die Globolinks.


Inzwischen war es 23:00 Uhr und Zeit für meinen privaten Höhepunkt des Abend. Shara Nova ließ sich von vier Musikern des B.O.X. begleiteh: Harfe, Klavier, Cornetto(!) und Vioal da Gamba. Dafür hatte sie ein paar Tage zuvor Musik brandneu arrangiert. Zum Teil auch neue Musik mitgebracht - was für eine Freude! Man spürte während des ganzen Konzertes, dass alle einen totalen Spaß hatten. Schon das erste Stück beantwortete mir dann auch die Frage, ob ich mir vielleicht doch zu große Hoffnungen gemacht hatte: Sharas Stimme gepaart mit ihrer Ausstrahlung nahm das Publikum vom ersten Moment an total gefangen und entführte uns alle in den Himmel (ups, falsches Fest!). 


Anschließend hatte sie uns ein neues Lied Chance mitgebracht. Mir gefiel die filigrane Begleitung, die den Fokus sehr auf ihre Stimme legte, aber auch Platz für vielfältige Farben fand. Zuletzt hatte ich sie ja mit ordentlich Bums erlebt - das war nun etwas ganz anderes. Auch so ein wohlbekanntes Stück wie If I were queen von A tousand shark's teeth konnte so wunderbar neu glitzern und schillern. 
 

Nach dem ersten Stück war wohl das nächste neue und sehr melancholische Lied One million perls mein ganz privates Superhighlight - wirklich Gänsehaut pur. Wobei das Motto für das (leider kurze aber sehr, sehr intensive Set) vom letzten Stück ausgesprochen wurde: Love goes through and through. Anschließend schrieb ich eine Nachricht, dass ich wohl mein schönstes Konzerterlebnis für 2018 gerade schon erlebt hätte...


Nachdem sich auf der kleinen Bühne fünf Personen mit einer Harfe und einem Klavier etwas kuschlig gefühlt haben dürften, stand anschließend Pétur Ben (Pétur Þór Benediktsson) mit seiner Gitarre ganz allein auf der großen Bühne und das war ein so krasser Gegensatz, dass ich mich schon fragte, welche Gründe es dafür wohl gab. Der Isländer hatte sich mit seiner Platte Wine for my weekness (2008) in mein Herz gespielt und war anschließend von meinem musikalischen Horizont gekippt. Von mir unbemerkt hatte er 2012 ein Album veröffentlicht God's lonely man und Soundtracks für Ragnar Bragason's Filme gemacht (z.B. Metalhead). Beim 2016er Airwaves waren wir uns wieder begegnet und die druckvolle Livevorstellung dort hatte mich extrem kalt erwischt, aber mir auch sehr gefallen. 


In Antwerpen war er allerding nur auf sich und seine Gitarre angewiesen. Er spielte einige Stücke, die ich auch in Reykjavík gehört hatte, wie Painted Blue und Skinny Girl. Außerdem ist mir ein Klassiker von Iggy Pop Search & Destroy im Gedächtnis geblieben.  Selbst mit diesen sehr sparsamen musikalischen Mitteln riß er mir das Herz aus. Wie macht er das nur? Schließlich beantwortete sich auch die Frage nach der großen Bühne: Für die letzen 15 Minuten bat er die Sängerinnen des Kórus auf die Bühne. Wie in Reykjavík fand ich die zwei Stücke Warehouse in the sky und Lonesome like me sehr, sehr eindrucksvoll. Ich bin auf das Konzert von Kórus am zweiten Festivaltag nun sehr gespannt.


Bevor es mit mugison zum letzten Konzert auf der großen Bühne ging, war nach Pétur Ben noch eine halbe Stunde Raum, für die ich mich noch nicht zwischen unterschiedlichen Angeboten entschieden hatte. Im Vorbeigehen fing mich das Konzert Nocturnal ein mit Jon Birdsong am Kornett & Anthony Romaniuk am Flügel. Vielleicht war der Pianist tatsächlich der meistbeschäftigte Mann des ersten Tages... Jedenfalls boten die beiden sehr zauberhafte Nachtmusik. Zum Teil dezent und dunkel, zum Teil auch aufbegehrend und frech, aber alles mit einer wunderbaren Spielfreude. Besonderen Spaß machte es Anthony, als das Kornett durch Blasen kurz über den Flügelsaiten diese zum schwingen brachte. Dafür sollten wir alle unbedingt so nah wie möglich herankommen.


Der Abschluss mit mugison begann - wie alle Programmpunkte - pünktlich. Aber er wurde nicht ganz so, wie ich es mir nach dem XXL-Konzert erwartet hatte. Alle - inkl. mugison - waren doch etwas müde. Trotzdem war es ein toller Abschluss zunächst solo und später mit Pétur. Ich fand es irgendwie rührend zu sehen, wie die Spannung sichtbar von Pieter Theuns abfiel und er ein ganz inniges - dabei mehr oder weniger wortloses - Lob von Casper Clausen erhielt. Ja, das hier hatten sie echt toll hingekriegt.



B.O.X.:
Pieter Theuns (Theorbe), Anthony Romaniuk (Cembalo, Orgelpositiv), Bart Vroomen (Barockposaune), Ira Givol (Viola da gamba), Jon Birdsong (Cornetto, Trompete), Joshua Cheatham (Viola da gamba, Violone), Jutta Troch (Barockharfe), Lambert Colson (Cornetto), Liam Byrne (Viola da gamba, Soprangambe), Mattijs Vanderleen (Schlagwerk) en Pieter Vandeveire (Viola da gamba).  



Aus unserem Archiv:
Liesa van der Aa, Saint Ouen, 27.01.13
My Brightest Diamond, Paris, 13.02.15
My Brightest Diamond, Haldern, 08.08.14
My Brightest Diamond, Eindhoven, 07.02.14
My Brightest Diamond, Straßburg, 30.03.12
My Brightest Diamond, Paris, 28.03.12
My Brightest Diamond, Berlin, 24.11.11
My Brightest Diamond, Haldern, 13.08.11
My Brightest Diamond, Paris, 07.10.08
My Brightest Diamond, Haldern, 08.08.08
My Brightest Diamond, Evreux, 27.06.08
My Brightest Diamond, Paris, 22.04.08
My Brightest Diamond, Paris, 02.10.07
My Brightest Diamond, Paris, 26.02.07

Pétur Ben, Reykjavik, 02.11.16 
Mugison, Reykjavik, 04.11.16



Montag, 23. März 2015

Sleater-Kinney, Antwerpen, 21.03.15

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Konzert: Sleater-Kinney
Ort: Trix, Antwerpen
Datum: 21.03.2015
Dauer: Sleater-Kinney 85 min, PINS gut 40 min
Zuschauer: gut 1.000 (nicht ganz ausverkauft)



Je mehr Bands sich wiedervereinigen, desto häufiger hört man, wie unnötig so etwas doch ist. Die wollten ja alle nur das große Geld machen und seien musikalisch eh nicht mehr relevant. Ich sehe das (vielleicht, weil ich in den 90er Jahren so gut wie kein Konzert gesehen habe) ganz anders. Solange eine Band gut ist, ist sie auch relevant. Ganz einfach. Und das große Geld wünsche ich jeder Band, die ich mag. Das ist deren Beruf und den machen sie hervorragend, also sollen sie gefälligst auch gut damit verdienen. Die Realität ist ja leider eine andere.

Auch über die Sleater-Kinney Reunion hatte ich mich riesig gefreut. Sie kam für mich überraschend, meine Reaktion, natürlich eines der wenigen Festlandskonzerte sehen zu wollen, dann aber nicht. Wir einigten uns schnell auf Antwerpen. Eine Stadt in striking distance an einem Wochenende, das klang gut.

Das Trix ist ein moderner Konzertbau in direkter Autobahn-Nähe. Und wie alle Benelux-Auftrittsorte, die ich kenne, ist es ein Beispiel dafür, wie sehr unsere westlichen Nachbarn auch nicht-E-Musik fördern. Jede niederländische und belgische Stadt hat solche Konzertgebäude, die einzig zum Zweck, Rockkonzerte zu veranstalten, gebaut wurden - von der öffentlichen Hand. Bei uns fördert die lieber die Formel eins oder fordert Steuergelder für die Sicherstellung der Grundversorgung aller mit Fußballübertragungen. Aber wir sind trotzdem das Land der Dichter und Denker, glaube ich.



Auch das ganze Drumherum eines Konzertabends ist in Belgien vorbildlich. Wir mussten zwar unsere E-Tickets noch gegen Bändchen tauschen, was ein wenig lästig war aber schnell ging. Taschenkontrollen oder etwa Leibesvisitationen gibt es aber genausowenig wie die Politik der Betreiber, die Besucher über die Startzeiten der Bands im Unklaren zu lassen, damit die früh kommen und viel Bier trinken.


Der Innenraum des Trix fasst wohl 1.000 Zuschauer, es dauerte aber lange, bis der Saal annähernd voll war. Viele verpassten damit die Chance, die hervorragende Vorgruppe PINS aus Manchester zu sehen. Ich hatte PINS im vergangenen Sommer beim Best Kept Secret Festival gesehen und sehr gemocht. Damals erinnerte mich die junge britische Band an Savages oder die Dum Dum Girls oder irgendetwas dazwischen. Natürlich kaufte ich mir ihr tolles Album Girls like us, aber natürlich hörte ich das hinterher viel zu selten. Umso glücklicher war ich, als vor einigen Wochen bekannt wurde, daß die Engländerinnen Sleater-Kinney auf der ganzen Tour supporten würden.

PINS spielten gut 40 Minuten und obwohl mein anderes Konzert erst neun Monate her ist, war dieser Auftritt komplett anders. Die Band hatte zwei neue Mitglieder, eine Keyboarderin und eine andere Bassistin und von den Liedern kannte ich kaum eines. Viele Stücke scheinen neu zu sein. Was geblieben ist, ist die fantastische Live-Qualität der Band (und der Lieder). Wenn man als junge Band bei Support-Auftritten in riesigen Hallen auf einen Großteil der veröffentlichten Stücke verzichten kann, spricht das für Selbstvertrauen und Talent.


Herausragende Stücke waren Oh Lord, Too little too late (das einen wundervollen Tempowechsel hat) und Girls like us am Ende. Sängerin Faith erinnerte mich gesanglich nicht mehr an Savages, ihre Stimme klang punkiger, bilde ich mir ein. 


Wir standen vor der irre unterhaltsamen Gitarristin Lois, die jedes Lied mitschmettert - stumm vor sich hin - und nur ab und zu in ein Mikro singt. Daher fiel mir erst spät auf, daß die neue Bassistin auch die von Fear Of Men ist, Becky. Nach dem Konzert erfuhr ich, daß die eigentliche Musikerin sich ein Bein gebrochen habe.


Besonders eindrucksvoll fand ich die Souveränität, mit der PINS auftraten. Die riesige Bühne schien sie nicht weiter zu beeindrucken. Wenn da nichts schiefgeht, werden PINS eine Ecke größer als bisher. Einzig die Keyboarderin wirkte manchmal ein wenig unsicher. Als sie bei Girls like us gemeinsam mit Lois Gitarre spielte und ins gleiche Mikro sang, musste sie immer zwischendurch auf ihre Griffe gucken. Gitarre scheint sie noch nicht lange live zu spielen, wenigstens nicht singend.

Setlist PINS, Trix, Antwerpen:

01: Lost lost lost
02: Get with me
03: Young girls
04: Curse these dreams
05: Oh Lord
06: Too little too late
07: Wild nights
08: Got it bad
09: Dazed by you
10: Waiting for the end
11: Hybrid moments (Misfits Cover)
12: Girls like us


Als zwei Stunden später Sleater-Kinney zu den Zugaben zurück auf die Bühne kamen, sagte Carrie Brownstein sie seien als Band wieder da, "weil sie noch nicht alles gesagt hätten." Das mag eine übliche Floskel sein (a-ha werden ihr Comeback vermutlich ähnlich begründen), bei Sleater-Kinney glaube ich die aber. Vermutlich wäre auch das neue Album bei weitem nicht so gut, ginge es hier vor allem ums Geld.



Sleater-Kinney spielten Stücke aller Platten mit Ausnahme des Debüts. Erstaunt hat mich dabei vor allem, wie wenig Unterschiede zwischen den neuen und den alten Liedern festzustellen sind, obwohl der Altersunterschied vermutlich* immer mindestens 10 Jahre beträgt (The woods, das bis Januar aktuellste Album ist von 2005). Das ist mir aber ehrlicherweise erst hinterher aufgefallen. Während des knapp anderthalbstündigen Konzerts war keine Zeit, über irgendetwas nachzudenken. Pausen und Ansagen passen nicht ins Konzept eine Punk- (oder wie ich irgendwo las Postpunk-) Band. 


Doch, einen (wichtigen) Unterschied gab es bei den neuen Stücken. Bei denen stand naämlich neben den beiden Gitarristinnen Corin Tucker und Carrie Brownstein und Schlagzeugerin Janet Weiss eine Gastmusikerin auf der Bühne. Auch bei der handelt es sich um eine alte Bekannte, um die wundervolle Katie Harkin von Sky Larkin, die ich für eine der talentiertesten jungen Musikerinnen halte. Zuletzt war sie als zusätzliche Keyboarderin mit den Wild Beasts unterwegs, auf der kompletten Sleater-Kinney Tour spielt sie eine weitere Gitarre und ab und zu Keyboard und Rassel. Nicht nur, weil sie manchmal alle drei Instrumente gleichzeitig spielen musste, war ihr Job anstrengend. Katie ging siebenmal von der Bühne (aber sie kam dann auch immer wieder zurück - puh!). 


Etwas Angst hatte ich vor dem Konzert vor den großen Rockstar-Posen, die mir auch gute Bands ordentlich vermiesen können. Ich weiß nicht mehr, wie es bei Wild Flag war, der Band, die Janet und Carrie eine Weile betrieben und mit der sie im Gebäude 9 waren. Corin Tucker ist die ruhige der beiden Gitarristinnen. Vielleicht hat sie auch keine Gelegenheit für Unsinn, weil sie die Haupt-Verantwortung für den Gesang trägt. Carrie dagegen kickte ab und zu die Beine wahnwitzig hoch, riss (nur einmal glücklicherweise) ihre Gitarre in die Senkrechte, stand bei Words and guitar minutenlang auf einem Bein oder lehnte bei Entertain ihr ganzes (bescheidenes) Gewicht auf ihr Instrument, das sie scheinbar in den Bühnenboden rammen wollte. Selbst das heikle Thema Rockgesten lösten die drei Amerikanerinnen also äußerst stilvoll. Die synchronen Roboter-Bewegungen von Carrie und Katie beim sagenhaften Surface envy und später bei Gimme love waren wunderbar und meilenweit von Ekel-Rockposen (bzw. Ekelrock-Posen) entfernt!

Schade irgendwie, daß PINS vor solch eine brillanten Band spielen mussten. Deren hervorragendes Konzert verblasst in meiner Erinnerung nämlich jetzt schon, weil ich nur noch die coolen Punkrockerinnen aus Washington (und Katie) vor Augen habe.  

Wer solche Comebacks für nicht relevant und cool genug hält, bestraft sich selbst mit dem ständigen Hinterherrennen hinter dem neuesten heißen Scheiß, den in drei Jahren kein Mensch mehr kennt.

Setlist Sleater-Kinney, Trix, Antwerpen:

01: Price tag
02: Fangless
03: Oh!
04: The end of you
05: Ironclad
06: What's mine is yours
07: No anthems
08: One beat
09: A new wave
10: Youth decay
11: Bury our friends
12: Rollercoaster
13: No cities to love
14: Words and guitar
15: Get up
16: Surface envy
17: Entertain
18: Jumpers

19: Gimme love (Z)
20: I wanna be your Joey Ramone (Z)
21: Dig me out (Z)
22: Modern girl (Z)
23: One more hour (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- PINS, Hilvarenbeek, 21.06.14


 

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