Freitag, 17. April 2015

Lene Lovich, Koblenz, 16.04.15


Konzert: Lene Lovich
Ort: Circus Maximus, Koblenz
Datum: 16.04.2015
Dauer: Lene Lovich gut 80 min, Kirsten Morrison 30 min
Zuschauer: 35 bis 40



"Du bist doch viel zu jung, um die zu kennen," war die Standard-Antwort meines Plattenverkäufers, als ich mit 17, 18 immer wieder nach gebrauchten Lene Lovich Singles gefragt habe. "Ich die habe Ende der 70er Jahre im Wartesaal gesehen."

Daß ich die Punk-Sängerin selbst einmal sehen würde, hatte ich schon lange aufgegeben. Ihre Comeback-Platte Shadows and dust, die 2005 erschien (16 Jahre nach dem Vorgänger March), hatte ich nicht mitbekommen, daß die Künstlerin überhaupt nach 1989 wieder aktiv geworden war, auch nicht. Vor ein paar Monaten habe ich Lene Lovich ergoogelt und gleich Konzerttermine in Deutschland entdeckt. Verrückt!

Daß einer der Konzertorte in Deutschland ausgerechnet in Koblenz stattfand, war vermutlich kein echter Zufall. Ende der 80er, Anfang der 90er liefen ein paar ihrer Lieder regelmäßig in der Koblenzer Indiedisco Logo. Ob die damalige Strahlkraft von Hits wie Bird song oder Lucky number ausreichen würden, 25 Jahre später den Circus Maximus zu füllen, konnte ich nicht einschätzen. In dem kleinen Club in der Innenstadt finden immerhin ab und zu Disco-Logo-Nostalgieparties statt. Als um halb neun das Vorprogramm begann, waren gut 30 Zuschauer da. Eine Stunde später, als Lene Lovich auftrat, waren es eine Handvoll mehr. Der Großteil des Publikums war aber viel zu jung, um Lene Lovich von früher zu kennen. Also so wie ich damals im Kölner Plattenladen.


Supportet wurde Lene Lovich von ihrer Keyboarderin Kirsten Morrison, die schon einmal so extravagant aussah, wie ich mir ihre Chefin auch vorgestellt hatte. Sie trug ein goldenes Krönchen.

Kirstens Begleitmusik kam von Band, dazu spielte sie Zither und Geige und sang mit offenbar ausgebildeter operesquer Stimme. Die Texte ihrer Stücke schienen alle Gedichten großer Poeten entliehen zu sein. Je flotter die Lieder, desto besser. Marie Antoinette gefiel mir am besten. Kirsten Morrison bescherte uns ein kurzweiliges Vorprogramm und mir die ersten von vielen Dresden Dolls Assoziationen.

Setlist Kirsten Morrison, Circus Maximus, Koblenz:

01: She walks in beauty
02: Still do you leave me
03: Marie Antoinette
04: Alchemy of love
05: Kubla Khan
06: Siren song
07: Bal des pendus



Neben Kirsten, die sich hinters Keyboard stellte, kamen kurz nach halb zehn ein glatzköpfiger Schlagzeuger (Morgan King), eine in einem kupferfarbenen Skioverall aus den 80ern gesteckte Bassistin (namens Valkyrie) und ein blondierter Gitarrist (Jude Rawlins) mit auf die Bühne. Lene Lovich erschien etwas später. Ihr Gesicht war erst noch weitestgehend von einer Art Spitzenturban verhüllt. Erst nach dem ersten Lied fiel der. Die Haare waren danach aber kaum weniger ungewöhnlich, weit jenseits meiner Fähigkeit, das zu beschreiben.



Ich hatte keine Ahnung, was mich musikalisch erwarten würde. Ich war aber auf Schlimmstes gefasst. Das erste Stück What will I do without you war bevor Lenes Stimme einsetzte nicht schlimm, es war aber lahmer und weniger zackig als auf Platte. Zumindest sagte mir das meine Erinnerung. Danach setzte die Stimme ein, die verblüffend eindruckvoll war und die die leichten Bedenken wegen des lahmeren Tempos wegpustete! 


Vierzig Minuten später hatten Lene und ihre Band Hit für Hit gespielt. Viele hatte ich seit Jahr(zehnt)en nicht mehr gehört. Aber alle waren wundervoll! Lenes Stimme überzeugte vollkommen. Sie bekam all die kleinen Zwischentöne perfekt hin. Ob sie 1979 so gut geklungen hat, weiß ich nicht. Aber besser kann die Stimme eigentlich gewesen sein. Lediglich der Anfang des Bird songs, dieses besonders hohe Zeugs, klang anders als auf den Aufnahmen. Aber ich gehe davon aus, daß sie das auch früher nur im Studio so hinbekam.

Erst die letzten Titel kannte ich nicht (bei Maria dachte ich das auch, das stammt aber noch aus einer Phase, die ich verfolgt habe). The wicked witch und Light stammen von 2005er Album. The wicked witch gefiel mir recht gut, Light blieb nicht hängen.

Auch wenn da natürlich eine ganze Menge Nostalgie im Spiel war, überzeugte mich das Konzert musikalisch vollkommen. Es war eben nicht nur nicht die erwartete Katastrophe, es war sehr gut. Ob Lenes Songs heute zeitgemäß klingen oder nicht, ist mir da vollkommen egal. 


Neben der Musik beeindruckte mich, wie professionell die Sängerin mit dem überschaubaren Publikum umging. Am Anfang bei It's you, only you zeigte sie beim ersten "mein Schmerz" in den Zuschauersaal. Aber das war vermutlich eine Überinterpretation, das auf den miesen Besuch zu beziehen. Denn ansonsten schien die 1949 geborene Sängerin ausgezeichnet gelaunt zu sein. Sie tanzte über die Bühne, bewegte sich cabaretartig, sang mal den und mal den an. Man durfte sich aber nicht von der auffälligen Sängerin ablenken lassen, die größte Unterhaltung fand rechts von ihr statt. Bassistin Valkyrie hat nicht nur den besten Künstlernamen und das beste Bühnenoutfit, sie hüpfte auch immer wieder lustig in die Luft. Und sah dazu dann aus wie die russischen Agentinnen in Spione wie wir - großartig!



Nach einstündigem Konzert kam die Band für drei Zugaben zurück. Das erste Stück ("das einzige romantische Lied") machte erst Probleme. Das Keyboard klappte nicht. "Can you please imagine the keyboard?!" - und schwupps, es funktionierte wieder. "It's magic!" Too tender too touch hatte ich auch vergessen, es war aber sagenhaft schön (war es auch früher). Details kannte ich auch nicht mehr, es war damals die B-Seite von Blue Hotel. Beendet wurde der Auftritt von Home, einem der vielen Knüllersongs.

Wow, wie toll! Im Moment habe ich wirklich Glück mit alten Helden die ich jahrzehntespäter erstmals live sehe (The Darling Buds...). Wird langsam Zeit für Elastica und die Primitives.

Setlist Lene Lovich, Circus Maximus, Koblenz:

01: What will I do without you?
02: Blue Hotel
03: It's you, only you (Mein Schmerz) 
04: Maria
05: You can't kill me
06: The freeze
07: Bird song
08: New toy
09: Lucky number
10: Say when
11: Rocky road
12: The wicked witch
13: Light

14: Too tender too touch (Z)
15: Details (Z)
16: Home (Z)




2 Kommentare :

Anonym hat gesagt…

Valkyrie ist übrigens Lenes Tochter.

Anonym hat gesagt…

Valkyrie is NOT Lene's daughter.

 

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