Samstag, 17. Dezember 2011

Flowers From The Man Who Shot Your Cousin & Nick Jaina, Paris, 9.& 11.12.11


Konzerte: Flowers From The Man Who Shot Your Cousin & Nick Jaina

Orte: L'Escalier Rouge und Tea- party,
Paris

Daten: 9.& 11.12.11
Zuschauer: 12 bzw. 18



Wohnzimmerkonzerte sind schon was Feines! Solange nicht geklärt ist, ob, wie und wann es mit meinen Oliver Peel Sessions weitergeht, genieße ich es, bei anderen Homeshows dabei zu sein. Zumal wenn das musikalische Programm so gut und die Gastgeber und Gäste so angenehm und liebenswürdig sind wie an jenem Dezemberwochenende in Paris.

Am Freitag, den 9.12., hatte eine nette Französin in ihre absolut urige und originelle Bude geladen. Diese lag im 13. Pariser Arrondissement und war nur durch einen pittoresken Innenhof mit einem schweren Tor und über eine rote Wendeltreppe zu erreichen. Als ich vor Ort eintraf, hatten es sich schon rund ein Dutzend Folkmusikfans in einem loftartigen Raum auf den Sofas und vor dem lodernden Kamin bequem gemacht. Ein amerikanischer Singer/Songwriter aus Portland/Oregan spielte gerade. Sein Name: Nick Jaina. Der Bursche veröffentlicht auf dem glänzenden Label Hush (Laura Gibson, Peter Broderick, Nils Frahm, etc.) und hat eine ganz wunderbare Stimme zu bieten. Ein leicht verrauchtes, sehr eigenwilliges und ausdrucksstarkes Kehlchen, das mich mitunter an Willy Mason, manchmal aber auch an Sam Amidon erinnerte. Ich war auf Anhieb angetan und räkelte mich zu den sanften Klängen auf der Couch. Er trug das Ganze sehr reduziert nur auf seiner (von Morgan Caris geliehenen ) Gitarre vor und trat so bescheiden auf, als sei er nur ein Nachbar, der mal eben ein paar Songs auf der Akustischen kratzt. Aber Hush Records signt nun einmal keine Dilettanten und so war schnell klar, daß hier ein Könner für gerade mal 12 Leute seine Kunst darbot. Irre! Die Songs kannte ich vorher noch nicht, aber sie waren irgendwie alle erlesen. Vor allem textlich kamen sie sehr charmant, sympathisch und selbstironisch rüber (manche reden von Freak-Folk) und gewährten Einblicke in das Seelenleben eines Portländer Mitdreißigers. Nick erzählte auch immer ein paar einleitende Anekdötchen dazu und erlaubte es somit, ihn in kurzer Zeit ein wenig besser kennenzulernen.

Zwei Tage später vertiefte ich meine Begegnung mit Nick Jaina, denn der Bursche mit dem lichten blonden Haar und der intellektuellen Brille spielte auf einem anderen Wohnzimmerkonzert, diesmal bei der aus Vancouver stammenden Kanadierin Stefana Fratila, die selbst Musikerin ist. Er performte unter andererm das feine, autobiografische Lied Days In My Room, das ich auch als Video beigefügt habe und Cincinatti, einen Titel über eine überaus langweilige und unspektakuläre Stadt wie Nick zynisch schnumzelnd anmerkte (woraufhin jemand im Publikum leicht empört anmerkte: "oh, ein Freund von mir kommt daher"). Den Song You Were So Good To Me hat er im Original mit der famosen Jolie Holland eingespielt, die aber leider heute nicht in Paris unter den Gästen weilte.

Insgesamt eine tolle Entdeckung, dieser Nick Jaina!



Keine Entdeckung, sondern eine eindrucksvolle Bestätigung meines sehr positiven Bildes waren die beiden Hauskonzerte von Morgan Caris aka Flowers From The Man Who Shot Your Cousin. Der Franzose, der lange Zeit in Vancouver gelebt hat, und akzentfrei englisch spricht und singt, verfügt über eine der schönsten Stimmen weit und breit. Sein Gesang ist unbeschreiblich warm, sanft und berührend und es ist eine riesige Ungerechtigkeit, daß er nicht viel bekannter ist. Er hat nämlich alles in die Wagschale zu werfen, was es braucht, um zu begeistern. Neben der sensationellen Stimme sind seine Songwritingkünste sehr zu loben und fantastische Lieder hat der ungemein bescheidene Bursche in Hülle und Fülle zu bieten. Girls ist eine der Perlen, die er zwar bei der Escalier Rouge Session versemmelte, bei der Tea-Party dann aber perfekt hinbekam. Und Lay Down Your Arms ist solch ein betörender Seelentröster, das dieser Song allein den Kauf des vorzüglichen ersten Albums Hapless (2006) rechtfertigt. Schade ist allerdings, daß man so unendlich lange auf den Nachfolger warten muss. Morgan hat in der Zwischenzeit so viele glänzende Lieder geschrieben, daß es absolute Verschwendung ist, daß diese noch nicht auf Tonträger gebannt wurden. Father's Day zum Beispiel ist wahnsinnig bewegend, Kitchen Fires ebenfalls traumhaft. Wer greift dem Kerl mal unter die Arme, hilft ihm die Lieder in der gebührenden Form aufzunehmen, wer vermarktet ihn? In Morgan Caris ist ein potentieller Star der Indie-und Folkszene verschüttet gegangen und wenn ihn nicht mal jemand aus dem Dornröschenschlaf aufweckt, wird er für den Rest seines Lebens kleine Homeshows spielen. Das würde mich zwar nicht stören, wenn ich denn immer eingeladen würde, aber ich würde mich noch mehr freuen, wenn ihn endlich ein breiteres Publikum entdeckt!

Also, ran an den Speck, hört gefälligst FlowersFrom The Man Who Shot Your Cousin! Empfohlen für Fans von James Yorkston, Smog, Lambchop, Hayden, The National, sprich für Fans guter Musik!



Achso: jeder positiv verrückte Musikfan sollte sich in das Abenteuer "Organisieren von Hauskonzerten" stürzen. Es macht einfach irre viel Spaß und die magischen Momente sind unbezahlbar! Bei der Tea-Party beispielsweise saßen 10 Leute auf dem Bett , um den Konzerten zu lauschen, viel mehr Platz gab es ansonsten nicht. Toll und saugemütlich!

Setlist Nick Jaina, Tea-Party, Paris:

01: Another Kay Song
02: Days In My Room
03: True Hearts Are As International As War
04: You Were So Good To Me (featuring Jollie Holland im Original)
05: Winding Sheet
06: Cincinatti

Aus unserem Archiv:

Flowers From The Man Who Shot Your Cousin, Paris. 08.05.10*
Flowers From The Man Who Shot Your Cousin, Paris, 08.07.09



2 Kommentare :

gudrun.thaeter hat gesagt…

Nick Jaina hat einen meiner Allzeithits geschrieben: "The whim of the ruling class". Daraufhin habe ich ihn bei HUSH "aufgestöbert" und mir einiges zugelegt und es nicht bereut. In ein Konzert von ihm würde ich sicher auch gern gehen!

E. hat gesagt…

mit nick jaina hast du einen erwischt, dem ich schon länger hinterher schlittere. und richtig, wie gudrun hier betont, die labelzugehörigkeit tut da das übrige. beneide dich um diese konzerte sehr. muss mal langsam in die pötte kommen, um das nächste klienicum hauskonzert auf die beine zu stellen.

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates