Sonntag, 16. September 2007

Razorlight, Fête de l'humanité, 15.09.07


Konzert: Razorlight
Ort: Parc De La Courneuve bei Paris (Fête de l'humanité)
Datum: 15.09.2007
Zuschauer: angeblich 80.000 (!)


Zweiter Tag der Gutmenschenfete mit dem schönen Namen Fête de l'Humanité im Parc de la Courneuve bei Paris. Am heutigen Samstag warteten gleich zwei ganz dicke Fische darauf, geangelt zu werden. Um 20 Uhr 30 waren Razorlight angesetzt und um 22 Uhr 30 sollte Iggy Pop seine verrückte Show abziehen. Zunächst galt es aber, auf das riesige Gelände vor den Toren von Paris zu gelangen. Und dies war gar nicht so einfach, schließlich mußte man die U-Bahnlinie sieben bis ganz zum Ende fahren, um dann in einen der völlig überfüllten Shuttle-Busse einzustiegen. Im Gegensatz zu gestern stand erfeulicherweise gleich einer dieser Busse bereit. Der Rest der Reise war allerdings weniger erfreulich. Ungepflegte, verfilzte und nach Büffel stinkende Menschen, wohin man auch schaute. Gleich vor mir stand so ein miefendes Schwein und soff Bier aus einer Dose. Seine Augen waren rot wie bei einem Kaninchen, seine Haare seit Wochen ungewaschen und zu allem Überfluss kaute er auch noch an seinen ohnehin schon völlig abgefressenen Nägeln ( sowieso eine weit verbreitete französische Unsitte, dieses eklige Nägelkauen, bähh!). Ich wollte raus aus diesem Viehtransporter, aber ich mußte Geduld aufbringen, die Fahrt war lang. Fast 40 Minuten mußte man in diesem stickigen Gefährt aushalten, bevor endlich die Türen am Zielort aufgingen. Ich glaubte den schlimmsten Teil hinter mir zu haben, aber ich hatte weit gefehlt! Auf der Anlage selbst war es so voll, wie ich es noch nie zuvor bei einem Festival erlebt habe. Hier hatten sich wirklich die widerlichsten Leute Frankreichs versammelt, gleich mehrfach sah man Typen, die inmitten der Menschenmenge anfingen, auf den Boden zu kotzen! Wo waren wir hier hingeraten? Und vor allem: wie kamen wir an den hunderten von Ständen jeglicher kommunistischen Parteien vorbei auf die Hauptbühne? Dummerweise hatten wir uns der Grande Scène von hinten genähert und gerieten so in einen gewaltigen Menschenstrudel, man wurde fast erdrückt und zwangsläufig an Leiber schweißnasser Menschen gestoßen. Irgendwie schafften wir es, umzukehren und uns von der anderen Seite anzupirschen. Unsere Laune war auf dem Tiefpunkt, wir ekelten uns nur noch und wären am liebsten nach Hause gefahren, zumal die Müllberge auf dem Boden zum Himmel stanken!

Aber mit dem Auftritt von Razorlight, zu dem wir nach vierzigminütigem (!) Rumirren auf dem Gelände gerade noch rechtzeitig ankamen, wurden alles besser!

Am seitlichen Rand der Bühne , wo wir standen, war es wenigstens etwas luftiger, der Blick auf die Hauptakteure war halbwegs frei und die kleinen kreischen Mädchen, die für Johnny Borrell gekommen waren, waren mir allemal lieber als kotzende Kerle...

"In The Morning" erklang und alle sangen den Refrain lauthals mit: "in the morning, you know we wont remember a thing, in the morning you know it's gonna be allright"... Der Text passte sehr gut zum Zustand einiger Leute auf der Anlage, ich bin sicher, daß sich einige Gäste am nächsten Morgen an nichts mehr erinnern werden...

Das angeschlagene Tempo war hoch wie immer bei Razorlight, besonders am Anfang, als mit "Hold On", "Golden Touch" und "Back To The Start" gleich drei fetzige Kracher abgefeuert wurden. Die kleinen Mädchen kreischten hysterisch, aber zunächst mußten sie sich mit euphorisierender Musik zufrieden geben, bis Johnny sein Hemdchen fallen ließ, war es nämlich noch ein Weilchen hin. Der gutgebaute Lockenkopf trug zu Beginn ein langes, schwarzes Jacket (fast eine Art Gehrock) und darunter ein schwarzes Shirt. Die weiße Skinny-Jeans durfte natürlich auch nicht fehlen, davon hat er sicherlich 200 Stück im Kleiderschrank (hoffentlich, ansonsten wäre es ganz schön eklig mit der immergleichen Hose!). Auffällig war heute auch der Look des fabelhaften Drummers Andy Burrows. Der langmähnige Bursche hatte nämlich lediglich eine extrem kurze hellblaue Shorts an, die fast wie eine Badehose aussah, was für verdutze Gesichter sorgte. Neben seinem Drumset hing eine riesige britische Flagge, die stolz die angelsächsische Herkunft verdeutlichte. Aus Fairnessgründen hätte eigentlich die schwedische Fahne daneben gehört, schließlich sind die beiden anderen eher unauffälligen Razorlights Björn Agren und Bassist Carl Dalemo skandinavischer Herkunft. Aber sei's drum, musikalisch ist das Ganze ja sowieso eher Brit-Rock als Schweden-Pop...

Und zwar britischer Rock, der sich textlich auch über amerikanische Zustände mokiert. "The next song ("America") is about how much I Hate George Bush and Dick Cheney", sprach Johnny und hatte damit natürlich die Zuneigung der Franzosen auf seiner Seite. Eine Zuneigung, die sich noch erheblich steigerte, als Herr Borrell "America" mit einer eingebauten Version des Serge Gainsbourg Klassikers "Je Suis Venu Te Dire Que Je M'en Vais" beendete. Nicht nur ich wunderte mich über den sehr guten Akzent des Engländers, er hatte nämlich schlichtweg keinen, sein Französisch war einwandfrei! Chapeau Johnny!

Von da an lief es natürlich noch besser für Razorlight, die Franzosen stehen nun mal darauf, wenn Ausländer ihre schöne Sprache sprechen. Für mich persönlich, war das Beste mit einer Ausnahme allerdings schon am Anfang abgefeiert worden, gerade "In The City" geriet im Mittelteil zu lang und zäh. Die Ausnahme von der ich spreche war natürlich "Somewhere Else", ein Lied das unverständlicherweise zunächst nicht auf dem zweiten Album von Razorlight enthalten war, mit seiner Frische und Eingängigkeit aber die Charts stürmte. Und dies zu Recht, es ist zweifelsohne eines der besten Stücke der Band und zog auch hier und heute wieder großartig. Der "Popsong 2006" beschloß dann ein erneut rundum gelungenes Konzert der Briten. Razorlight hatte wieder einmal die neiderfüllten Kritker, die die Gruppe verhöhnen, ("Razorshite") Lügen gestraft.


Setlist Razorlight, Fête de L'Humanité, Le Bourget:

01: In The Morning
02: Hold On
03: Golden Touch
04: Back To The Start
05: America (outro: je suis venu te dire que je m'en vais (S. Gainsbourg-Cover!))
06: Before I Fall To Pieces
07: In The City
08: Los Angeles Waltz
09: I Can't Stop This Feeling I've Got
10: Somewhere Else
11: Who Needs Love
12: Pop Song 2006

Mehr Photos von Johnny Borrell und Razorlight hier



0 Kommentare :

 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates