Montag, 6. Januar 2014

My year in lists - Die besten Konzerte 2013 (Jens)


Aus über 100 Auftritten die besten auszuwählen, fällt äußerst schwer. Nach langen Überlegungen hier nun eine Zusammenstellung der besten Konzerte, die ich 2013 besucht habe. Außer Konkurrenz laufen dabei eigenorganisierte (Wohnzimmer-)Konzerte und ein Abend im Londoner Britpop-Himmel.
Viel Spaß!


20. Trümmer, Esslingen, KOMMA, 09.02.2013 


„Wir setzen die Segel und durchqueren die Wüste.“ Eine halbe Stunde spielt der Hamburger SPEX-Hype des Jahres während des KOMMA Winterfests in Esslingen – und ganz nebenbei den gefeirten Gastgeber, Die Nerven, an die Wand. Paul Pötsch fürchtet sich nicht vor großen Zeilen, setzt auf Diskurs und leitet mit Trümmer die Zukunft des Diskurspops ein. Gemeinsam mit Tammo Kasper (Bass) und Maximilian Fenski (Schlagzeug) spielt Pötsch ein schnelles, begeisterndes Set.  Unverkrampft und im Stile eines Jochen Distelmeyer, dem er auffallend ähnlich sieht, schüttelt er höchst politische Verse aus dem Ärmel, spielt Noise-Gitarren zu Harmonien. Für ein Stück bittet der Frontmann das befreundete Duo Zucker auf die Bühne. Alles ist im Einklang. Von Hamburger Schule möchte niemand etwas hören, als qualitative Kategorie funktioniert die Einordnung dennoch. 
Im Publikum staunen Mitglieder der später auftretenden Nerven und Messer. Trümmer legen vor, brillieren. Im Internet findet man derweil mit Ausnahme eines Songs überhaupt nicht statt. 
Im Stillen keimt Großes. Neujahr 2014 gibt es in einem Hamburger Künstlerhaus ein Wiedersehen. Die Band ist noch besser geworden, mitreißender. Was 2013 viel versprach, hält 2014 alles ein. Das Album wird großartig, sicher. Nicht nur in Augen der SPEX. „Und wir werden niemals alt, nein, wir bleiben so für immer.“ Nur auf Facebook gibt es mittlerweile eine Bandseite.


19. Art Brut, Stuttgart, Club Schocken, 07.05.2013


„We make pop music, we make pop music for people who don't like people“. Ganz nebenbei liefert der legendäre Westentaschen-Jarvis-Cocker Eddie Argos mit Art Brut das vermutlich spaßigste Konzert des vergangenen Jahres ab. Das Schocken ist überfüllt, Schweiß tropft von der Decke, Indie-Hits aus meiner Oberstufenzeit werden gespielt, schließlich wagt Argos den Ausflug in die pogende Menge. Am Ende ist man fertig, feiert Art Brut als einstige Speerspitze des englischen Indie-Rocks und fühlt sich plötzlich alt, das ist wohl schon Nostalgie. Letztlich ist das alles egal, Lynyrd Skynyrd und Guns 'n Roses werden verwurstet, man sei jetzt eine Classic Rock Band, kokettiert Argos. Und dann gibt es noch dieses unsterbliche „Emily Kane“. Libertines-Attitüde trifft auf Monty Python, das ist auch nach Jahren einmalig. Argument genug für diese Platzierung. 



18. Motorama, Esslingen, KOMMA, 05.03.2013


Vor nicht allzu langer Zeit, hätte ich mir kaum vorstellen können, dass eine der spannendsten Indie-Bands der Gegenwart aus der russischen Provinz stammen könnte. Vom Gegenteil überzeugten mich Berichte von Oliver über die großartige Band Motorama aus Rostov-on-Don. 
Wie gut die Band um Vlad Parshin (Gitarre und Gesang) und seine Frau Irina (Bass) allerdings tatsächlich ist, können die Studioaufnahmen nur begrenzt wiedergeben. So offenbarte mir das Konzert im Esslinger KOMMA schließlich den wahren Zauber Motoramas. Knapp eine Stunde zelebrieren die Russen sensationellen Indie-Rock an der Schnittstelle von The National und Joy Divison. Dass das Ganze ohne erschreckenden Schwermut auskommt, dazu äußerst tanzbar ist und ästhetisch aufgewertet durch hübsche Leinwandprojektionen aus der heimischen Flora und Fauna wird, steigert den Gesamteindruck weiter. Eine Band, die dieses Jahrzehnt prägen könnte. 


17. LaBrassBanda, Stuttgart, Freilichtbühne Killesberg, 18.07.2013


Der organische Alpen-Techno auf Bayrisch, den LaBrassBanda seit Jahren in Indie-Clubs und Festivals weltweit erzeugen, kommt erst live völlig zur Geltung. Viel besser als an jenem heißen Julitag kann er nicht aufgeführt werden: Mit Leidenschaft, musikalischem Können und mitreißenden Melodien sorgt die Blas-Kapelle aus Übersee im Chiemgau für das schweißtreibendste Konzert des Jahres. In Lederhosen beweist Stefan Dettl mit in Höchstgeschwindigkeit ausgespuckten Worten zum Blechbeat seiner Band, wie gut bayrische Musik jenseits der Sportfreunde Stiller, und sogar, dass jener seltsame Dialekt wohlklingend sein kann. Politische Ansagen nicht scheuend, mutiert das scheppernde Konzert im feinsten Ska-Off-Beat zum aufrichtigen Nachhaltigkeits-Appell, der die Zuschauer im ausverkauften Rund der Freilichtbühne am Killesberg erschöpft und glücklich zurück lässt.


16. Thees Uhlmann & Band, Hemmoor, Festhalle, 27.12.2013


Würde man Thees Uhlmanns Auftritt in seinem Heimatdorf Hemmoor in der norddeutschen Provinz zwischen Stade und Cuxhaven nach rein objektiven Kriterien bewerten, so würde es vermutlich nicht für einen Platz in dieser Liste reichen, wäre nicht einmal das beste Konzert Uhlmanns, das ich in diesem Jahr gesehen habe. 

Dass dem Abend durch ungewöhnliche Rahmenbedingungen und einen besonders leidenschaftlichen Auftritt des Tomte-Frontmanns ein ganz eigener Zauber innewohnt, rechtfertigt meine Entscheidung allerdings. Nach emotionslose aufgenommenen Auftritten von Rob Lynch und Vierkanttretlager steht der eine berühmte Sohn des Städtchens auf der Bühne dieser Festhalle mit Schützenhaus-Charme und jenem vertrauten Geruch von Vereinsheimen und Dorfgemeinschaftshäusern, wie ich ihn aus meiner Kindheit kenne. Vor laufenden Fernseh-Kameras zeigt sich Uhlmann von seiner energischen Seite, erzählt immer wieder Anekdoten aus dem Dorfleben, zur Entstehung von Songs. Wenige Künstler lassen in ihrem Werk derart viele Verweise auf ihre auftreten, sodass auch der miserable Sound nebensächlich ist. 
Thees' Mutter ist im Publikum. Dazu jede Menge Freunde, Verwandte. Ein Großteil der Zuschauer scheint aus Hemmoor und dem Umland zu stammen und ganz selten – wenn überhaupt – auf Konzerte zu gehen. 
Schließlich will ein Hemmoorer von der Bühne ins Publikum springen und landete auf der Absperrung zwischen Zuschauern und Fotograben. „Hugo, was machst denn du für Sachen“, fragt Uhlmann besorgt. Hugo ist nichts passiert, doch es sind die intimen und skurrilen Momente wie dieser, die den Abend unvergesslich machen. Am Ende hängt Uhlmann an der Theke ab, grölt Songs von AC/DC, den Toten Hosen oder Guns 'n Roses mit. Inmitten der Dorfdisco scheint der 39-jährige glücklich. Es ist jener persönliche Reiz dieses Abends, der die rein musikalische Komponente tatsächlich zur Nebensache macht. Es kümmert ja auch keinen Besucher eines Stone-Roses-Konzerts, wie Ian Brown singt... 


15. Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen, Stuttgart, Club Schocken, 24.04.2013


Das Ende Superpunks kam ein wenig überraschend und war schmerzhaft für die deutsche Musik. Dass Frontmann Carsten Friedrichs gemeinsam mit Bassist (und 11-Freunde-Redakteur) Tim Jürgens noch zu Lebzeiten der größten und einzig wahren deutschen Modband der letzten zwanzig Jahre bereits eine Nachfolgeformation gründete, beruhigte hingegen. Mit Blumfeld-Drummer André Rattay, Tapete-Records-Gründer Gunther Buskies (Keyboards) und dem hervorragenden Philipp Morton Andernach (Gitarre und Saxophon) formierten die beiden Superpunk-Veteranen Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen, nahmen ein tolles Album auf und begeisterten mit erstklassigen Konzerten. 
Im gut gefüllten Schocken spielt Die Liga schließlich alle Zweifel hinweg. Diese Band ist Superpunk ebenbürtig, die Songs zünden, sind pointiert wie eh und je und glanzvolle Referenzen an die Pop-Kultur. Ganz nebenbei veröffentlichen die Hamburger den besten Song des Albums zum Record Store Day und damit die vielleicht beste Single des Jahres, "Der 5. Four Top". Eine Soul-Hommage mit Zeilen wie „Und wäre die Welt perfekt und wär sie ein Song / Dann von Holland/Dozier/Holland oder Barrett Strong“ ist unübertrefflich. Was möchte man dem noch hinzufügen? 
 Es besteht übrigens berechtigte Hoffnung auf ein weiteres Album in diesem Jahr, schön wär's. Wer nicht warten will, kann Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen außerdem auf dem kommenden Andreas-Dorau-Album als Backing-Band hören. There is a light that never goes out.


14. Neil Young & Crazy Horse, Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyer-Halle, 22.07.2013

Weit hinter den überlebensgroßen Erwartungen zurückliegend, überzeugte Neil Young mit den Crazy Horse im riesigen, unschönen Zweckbau, der die Hanns-Martin-Schleyer-Halle in Bad Cannstatt ist, dennoch. 
Das Spielen der deutschen Nationalhymne zu Beginn, die perfektionierte Kunst der Dekonstruktion, brachialer Krach und wenige Minuten Lagerfeuerromantik mit „Heart of Gold“ reichen für ein erstaunliches, ein großes Konzert. Die Feedback-Gewitter während der 20-minütigen Zugabe, „Like A Hurricane“, sind laut und fesselnd und schlichtweg fantastisch. 
Young wirkt agil, die Crazy Horse hingegen behäbig bis desinteressiert. Man glaubt Spannungen zwischen den Musikern zu spüren. Klassiker, die auf anderen Konzerten der Tour gespielt werden, fehlen. Kein „Cinnamon Girl“, kein „Cortez the Killer“, das Young wohl noch beim Soundcheck spielte. Die Klasse des Konzerts ist trotz allem unbestritten. Allein die wimmernde Stimme rechtfertigt den Eintritt. Okta Logue im Vorprogramm sind ein zusätzliches Sahnehäubchen. 
Im Sommer tritt der große, weise Mann aus den kanadischen Bergen erneut mit Crazy Horse in hiesigen Gefilden auf. Der Ulmer Münsterplatz ist schön. Eigentlich ein unbedingtes Muss...


13. Niels Frevert, Stuttgart, Kulturzentrum Merlin, 09.03.2013


Der Musiker, auf den sich wohl all seine Kollegen einigen können, legt Solo mit Akustikgitarre ein bemerkenswertes Konzert im Stuttgarter Kulturzentrum Merlin hin. Mühelose Alltagsbetrachtungen, traumhafte Balladen und Meisterwerke deutschen Liedermachertums werden wunderbar unprätentiös gespielt. „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“ und „Zettel auf dem Boden“ gehören zweifellos zu den besten deutschsprachigen Alben der letzten Jahre, in reduzierter Fassung, entfalten diese modernen Klassiker ihre volle Wirkung. Dazwischen gibt es einen aufrichtigen Tribut an den verstorbenen Nils Koppruch. Tränen und Anerkennung.


12. Lloyd Cole, Schorndorf, Club Manufaktur, 07.12.2013


Ein Abend, von dem ich noch in vielen Jahren schwärmen werde. Selbst während der Songs ist es oft so ruhig, dass man das Klicken einer Spiegelreflexkamera hören kann. Lloyd Cole wirkt mürrisch, macht den Fotografen auf die Störung aufmerksam. Dass ich mir Notizen mache, lässt der Musiker, der mit den Commotions Großtaten der 80er vollbrachte und später tolle Soloalben veröffentlichte, nicht unkommentiert, ebenso wie die geschlossenen Augen meiner Freundin. Störend sind solche Bemerkungen nicht, vielmehr gelingt es dem übermüdeten Engländer zeitlose Eleganz auf die Bühne zu bringen, Songperlen aus 30 Jahren aufzuführen. Dazu gibt es ein Leonard Cohen-Cover und eine Hommage an Lou Reed
Als Cole die Bühne verlässt, erkennt man, was die Popkultur an diesem Mann hat. Er ist ein unbekannter Star, der ewige Insider-Tipp, der so groß wie Morrissey sein müsste. 


11. Kettcar, Stade, Müssen Alle Mit Festival, 03.08.2013


Auf unbestimmte Zeit verabschieden sich Kettcar von den Bühnen, während Marcus Wiebusch den Schritt zum Solokünstler versucht. 
Gerade noch rechtzeitig erkenne ich, wie gut diese Hamburger Band ist, die ich lange missachtete, und sehe sie innerhalb weniger Wochen zweimal. Nachdem mich bereits der Auftritt auf dem Fest in Karlsruhe überzeugte, bin ich am Ende des Headliner-Auftritts auf dem Tapete-Festival „Müssen Alle Mit“ überwältigt. 
Der sonst so ruhige Wiebusch ist in Redelaune, parodiert Ärzte-Mitmachspiele und genießt das Fast-Heimspiel. Im Publikum treue Fans, gereckte Arme und Tränen in vielen Augen. Thees Uhlmann genießt zwischen Fans. Zum Schluss „Landungsbrücken raus“ und Wehmut. Der Pathos ist am rechten Fleck. Hoffentlich währt die Auszeit nicht allzu lange.


10. Nick Waterhouse, Stuttgart, Club Zwölfzehn, 05.06.2013


Niemand spielt derzeit authentischeren R'n'B als Nick Waterhouse aus Los Angeles. Mit brillanter Liveband, Bläsern und jeder Menge Stil sorgt das Buddy-Holly-Lookalike für eines der intensivsten Konzerterlebnisse 2013. Die Melange aus locker um den Finger gewickelten Melodien, einem treibenden Beat und einer Portion Charisma versetzt meinen Stuttgarter Lieblingsclub in Ekstase. Im Publikum zahlreiche Musiker, Journalisten und Konzertjunkies, die sich in ihrem Urteil am Ende weitgehend einig sind: Viel aufregender kann ein Konzert nicht sein. Regelrecht langweilig erscheinen da schon die routinierten Posen Dave Gahans wenige Tage zuvor beim Depeche-Mode-Konzert in der Mercedes-Benz-Arena.


9. Jane Birkin, Ludwigsburg, Forum am Schlosspark, 14.07.2013

Am französischen Nationalfeiertag bezaubert Jane Birkin mit Songs ihres verstorbenen Ex-Manns Serge Gainsbourg. Gemeinsam mit ihrer klassisch ausgebildeten, japanischen Band gelingt die Hommage glänzend. Das ewige Mädchen Birkin führt keine einfache Nummern-Revue an Standards auf, sondern bringt eine umfassende, teilweise kuriose Werkschau des größten französischen Musikers des 20. Jahrhunderts auf die Bühne. Charisma, Eleganz, Charme und große Begeisterungsfähigkeit machen das Ganze besonders. Selten hat mich ein Konzert derart gerührt. Die Engländerin bleibt der Inbegriff der schönsten Seiten der 60er.


8. Die Nerven, Stuttgart, Keller Klub, 06.09.2013


Die Nerven sind die spannendste Stuttgarter Band dieser Zeit. Max Rieger, Julian Knoth und Kevin Kuhn spielen fantastischen Noise-Punk, kokettieren mit Klischees, bewahren Haltung und geben grandiose Konzerte. Während einer Indie-Disco versören die Esslinger junge Hipster-Mädchen und spielen das bisher beste Konzert, das ich von dieser Band gesehen habe. Zwanzig Minuten genügen, um die Live-Qualität des Trios zu manifestieren. Tocotronic waren einst sicher ähnlich aufregend. Musikfans in Deutschland, blickt auf Esslingen.


7. Tocotronic, München, Muffathalle, 04.11.2013


Ich wage zu behaupten: Nie waren Tocotronic besser. Es ist mein fünftes Konzert der Hamburger Diskursrock-Heroen und ich bin restlos begeistert. Nachdem Okta Logue im Vorprogramm hohe Erwartungen schüren, glänzen die Herren von Lowtzow, Müller, Zank und McPhail mit einer grandiosen Setlist, Spielfreude und Humor. Die Band wirkt gelöst, hinter der Bühne prangen verschiedene Revolutionssymbole, endlich gefallen mir auch die neuen Songs. Nachdem die eigentlich letzte Zugabe, „Explosion“, gespielt wird und bereits das traditionelle Outro lief, kehrt die Band noch einmal zurück. „München, du bist unfassbar. Sowas passiert uns nur hier.“ Es folgt „Kapitulation“ und ein Moment des puren Glücks. 


6. Bernd Begemann & Die Befreiung, Hamburg, Knust, 29.12.2013


Es gibt nur wenige Dinge, die so gut sind wie ein Bernd-Begemann-Konzert. Noch besser sind jedoch Auftritte mit seiner famosen Band Die Befreiung. Beim traditionellen Jahresabschlusskonzert im Hamburger Knust zieht der Godfather of Hamburger Schule alle Register und kredenzt gemeinsam mit Achim Erz (Schlagzeug), Ben Schadow (Bass) und Kai Dorenkamp (Keyboards) ein geniales Konzert. Zuvor durfte Schlagzeuger Achim Erz seinen bis dato größten Auftritt als Solokünstler im Vorprogramm bestreiten. 
„Ohne den König, keine Prinzen,“ sagte Thees Uhlmann einmal über Bernd Begemanns Einfluss und trifft den Kern. 
Im Publikum nette Menschen, gute Bekannte und Freunde, sowie Größen der Hamburger Musikszene. Beste Voraussetzungen. Darauf folgen 2,5 Stunden feinster Alltagsstudien, subtiler Analyse und Entertainment in opulenter Fifties-Klasse; neue Stücke, Live-Premieren, Hits, Hits, Hits... Die man kennen sollte, kennen muss, möchte man deutschen Pop lieben. Solange die Rasenmäher singen, wird Bernd versuchen dieses Land zu entschlüsseln. Nie wird dies deutlicher, als bei seinen legendären Live-Shows. Ohne Bernd kein Blumfeld, Tocotronic, Kettcar, Tomte, wie man es kennt, und erst recht keinen Olli Schulz.


5. Fleetwood Mac, Stuttgart, Hanns-Martin-Schleyer-Halle, 14.10.2013


Ein Abend für Prinzessinnen. Dreistündige Perfektion und persönliche Demut der Protagonisten rechtfertigen die große Reunion. Fleetwood Mac waren immer eine fantastische Band; schon in den Anfängen mit Peter Green. Später schuf Mick Fleetwood mit der großartigen Stevie Nicks und Lindsey Buckingham Meilensteine des Pops, erfanden den klaren Sound der 80er – und das Jahre zuvor, Rumours ist ein perfektes Album. Niemand singt schöner als Stevie Nicks, Zylinder wurden nie mit größerer Eleganz getragen. 
Das musikalische Niveau ist noch heute überragend. In Stuttgart glänzen alle mit Soli, auch ohne Christine McVie ist das Weltklasse. Wie viele Hits diese Band hat, merkt man erst, wenn man sie hört. Dass es sich die zudem Gruppe leisten kann auf den unsäglichen Welthit „Little Lies“ zu verzichten, ohne dass sich selbst diejenigen im Publikum daran stören, die höchst selten auf Konzerte gehen, spricht für sich. 

4. Steve Winwood, Stuttgart, Schlossplatz (Open Air), 05.07.2013

Ein ehemaliges Wunderkind besticht vor der wundervollen Kulisse des Stuttgarter Schlosses mit einem spielfreudigen Konzert voller Welthits aus vielen Jahrzehnte. Steve Winwood schrieb bereits als Teenager unsterbliche Hits für die Spencer Davis Group, leistete Großes mit Traffic, Blind Faith (mit Eric Clapton) und war als Solokünstler ein gefeierter Popstar der 80er. Während des Jazz Opens zeigt Winwood nach dem Support-Set der Rockdiva Bonnie Raitt eine herausragende Performance, die vor allem eines beweist; nämlich, dass er zu den ganz großen Songwritern des 20. Jahrhunderts zählt. Wer ist da schon Eric Clapton, ein guter Gitarrist. Und nichts mehr. 

3. Sophie Hunger, Stuttgart, Theaterhaus, 20.04.2013


Mit großer Begleitband, tollen Songs und riesigem Charisma verzaubert Sophie Hunger das Stuttgarter Theaterhaus. Ungewöhnliche Perlen, jazzige Arrangements, bizarre Ansagen; immer wieder überrascht die Schweizerin das Auditorium. Dazu gibt es Stücke in vier Sprachen, darunter Geniestreiche wie „Walzer für Niemand“ oder „1984“. Als sie nach fast zwei Stunden die Bühne verlässt, wirkt die verhetzte Chansonette gelöst. „Danke, ihr seid wunderschön.“ Wunderschön war das Konzert, das mich überwältigt zurücklässt. Mehr Emotionen lassen sich kaum freisetzen. Perfekt.

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2. Bruce Springsteen & The E-Street Band, München, Olympiastadion, 25.05.2013


Bruce Springsteen Ende Mai im Münchner Olympiastadion. Bei 4°C und strömenden Dauerregen. Am Ende ist alles durchnässt, meine Hände aufgequollen und ich glücklich. Für springsteen'sche Verhältnisse überraschend kurz ist das Konzert schon nach nicht einmal drei Stunden vorbei. Die Güte der Songs ist über jeden Zweifel erhaben. Wen kümmert es schon, ob er „Born in the USA“ komplett spielt, wenn darauf „Badlands“ oder „Born to run“ folgen, gespielt von dieser Wahnsinnsband. Springsteen steht im Regen, fühlt mit den Durchfrorenen, eröffnet wenig überraschend mit „Who'll stop the rain“ von CCR, über die er einst sagte, sie seien nie hip, aber immer die Größten gewesen. Hip ist er selbst heute wohl auch nichts mehr, wen kümmert das. Hipness ist nebensächlich, solange es Legenden gibt, deren Konzerte Lehrstunden sind. In jeglicher Hinsicht. 


1. Okta Logue, Darmstadt, Centralstation, 17.05.2013


Keine Band habe ich 2013 häufiger gesehen. Okta Logue ist die beste deutsche Band der Gegenwart. Beim Release-Konzert in ihrer Heimatstadt Darmstadt zeigt das junge Quartett eindrucksvoll, dass es viel mehr ist als eine dahergelaufene Retro-Revue. Vor 1000 Zuschauer spielen Benno Herz (Bass und Gesang), Robert Herz (Schlagzeug), Philipp Meloi (Gitarre) und Nicolai Hildebrandt (Keyboards) ein denkwürdiges Set. Unterstützung kommt von Bläsern und den tollen Musikern von Bees Village. Die Songs sind großartige Nummern zwischen Psychedelic- und Progressive-Rock und Popperlen des Beats. Dass über all dem große Eigenständigkeit thront, macht den Unterschied aus. Besser und stringenter kann der Sound einer Band nicht klingen. Auftritte mit Neil Young sind der verdiente Lohn. Vier Jahre nach der Gründung ist Okta Logue auf dem unaufhaltsamen Weg an die Spitze. Vier Jahre nach der Gründung ist es der Act, an dem sich deutsche Bands mit internationalen Ambitionen künftig zu messen haben und zurecht auf dem ersten Platz meiner Konzerte.



Fehlt da nicht noch etwas? - Außer Konkurrenz:


Richtig, Wohnzimmerkonzerte und mein Abend in Britpop-Himmel liefen außer Konkurrenz. Zu einschneidend war Noel Gallaghers Konzert in der Royal Albert Hall mit Paul Weller und seinen einstigen Erzfeinden Damon Albarn und Graham Coxon für den Teenage Cancer Trust an Albarns Geburtstag. All is tender now, fasste ein Bekannter das Ganze zusammen. Der Abend ist ein musikhistorisches Ereignis, das gesondert betrachtet werden muss, losgelöst vom Kontext solcher Listen.


Die Wohnzimmerkonzerte hingegen verdienen eine eigene Würdigung und sind mit so viel persönlichen Emotionen verbunden, dass es vermessen wäre, sie in Ranglisten zu unterteilen. Selbiges gilt für das wundervolle Konzert der Ben Schadow Band, das ich im Café Faust in Stuttgart mit Achim Erz in Vorprogramm selbst organisierte. Ich danke euch allen für wundervolle Abende! Amy Schmidt, Anika Auweiler, Tonbandgerät, LUAI, Ben Schadow und Pele Caster, Achim Erz und Johnny Heyerdahl, Tann, Oile Lachpansen, Desiree Klaeukens, Tigeryouth und The Grand Opening, es war toll mit euch! Merci beaucoup!



 

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