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Montag, 9. September 2019

D:uel, Bochum, 08.09.19

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Konzert: D:uel - "Claudia Brücken & Susanne Freytag performen die Musik von Propaganda"
Ort: Zeche Bochum
Datum: 08.09.2019
Dauer: 70 min
Zuschauer: vermutlich nahezu ausverkauft



Wann immer bei Facebook nach den "zehn einflußreichsten Platten deines Lebens" oder "deinen Lieblingsalben" gesucht wird - Sachen, über die Musiknerds schrecklich gerne nachdenken - kommen mir Breaking glass von Hazel O'Connor, Grab that gun von The Organ, der EP-Sampler von Belle & Sebastian, Split von Lush, On fire von Galaxie 500 oder The Smiths' Louder than bombs in den Sinn. Und immer A secret wish von Propaganda. Neben Ideal war die Düsseldorfer Band für mich immer mein einheimischer Liebling. A secret wish höre ich auch 30 Jahre später ganz regelmäßig - vollkommen ohne Abnutzungserscheinungen.




Wie Ideal und die Smiths konnte ich auch Propaganda (Bürde der späten Geburt) leider nie live sehen, weder in der ersten Phase noch bei einer der kurzen Reunions. Was die ehemaligen Mitglieder machten, hatte ich nicht weiter verfolgt, bis 2013 ein Konzert von Claudia Brücken, einer der beiden Sängerinnen der Band in der A secret whish Zeit in Frankfurt aufploppte, das kurz nach der Ankündigung aber wieder abgesagt wurde. 2017 ergab sich die nächste Gelegenheit, diesmal musste ich das Konzert von Claudia Brücken und Susanne Freytag in London streichen, mein Wunsch, die Sängerinnen zu sehen, sollte weiter unerfüllt bleiben. Bis gestern.




Als ich an der Zeche ankam, ging gerade ein Platzregen runter. Der überdachte Bereich vor dem Eingang war knallvoll, Mit-Konzertgänger (und einige der Jacken) hatten die Veröffentlichung der Platte auch schon als Teenager erlebt, was zu erwarten gewesen war. Ob dies der Grund dafür war, den ganzen Innenraum der Zeche zum Sitzplatz-Bereich zu erklären, weiß ich nicht, da ich aber bei wenigen Bands lieber sitze als stehe und Musik wie die von Propaganda sicher nicht dazu gehört, hatte ich einen Stehplatz, musste also auf den schmalen Balkon, der von der Band aus links am Rand des Saals halbwegs nah bis an die Bühne geht. Ich beschwere mich nie über Konzertpreise, im Gegenteil, ich empfinde viele Konzerte als zu billig.* Aber bei einer Veranstaltung, deren Tickets 40 € (Stehplatz) und 50 € (Sitzplatz) kosten, sollten die, die stehen möchten, nicht auf den Katzentisch gestellt werden und die Sitzenden auf Bierbänke gepackt werden. Auf meinem Ticket hatte noch etwas von einem VIP-Einlaß 60 min vor unserem Pöbel-Einlaß gestanden. Ob man als VIP (noch) besser saß oder vielleicht sogar ein Schlüsselband oder eine Selfie-Gelegenheit bekam, weiß ich leider nicht mehr.




Bereits um kurz nach sieben kamen drei Musiker auf die Bühne. Später stellte Susanne Freytag sie uns vor: Philip Larsen (Keyboard), Paul Jones (Schlagzeug) und James Watson (Keyboard & Gitarre) (v.l.n.r.). Nach einer kurzen Kunstpause erschienen dann Susanne Freytag und Claudia Brücken, die sich zunächst in die zweite Reihe an ein Vibraphon stellte.

Ich hatte bewußt nichts über frühere Konzerte gelesen, keine Setlisten angesehen und wollte mich überraschen lassen. Wobei der Umfang der Überraschung vermutlich überschaubar sein würde, denn das Werk von Propaganda ist nicht riesig und beim zweiten Album 1-2-3-4 war nur noch Susanne Freytag bei zwei Liedern als Gast beteiligt. Claudia Brücken hat 2011 in einem Interview mit The Quietus beschrieben, daß sie und Susanne Freytag in der Band als austauschbar gegolten hätten, was zu ihrem Ausstieg geführt hatte. 

Das Konzert begann wie A secret wish mit Dream within a dream, dem vertonten Zitat von Edgar Allan Poes Gedicht, in ewig langer und herrlich monotoner Version (keine Ironie!). Bis auf ein kurzes und sehr fieses Gitarren-Solo gegen Ende war der Auftakt perfekt! Die Gitarre störte mich auch kurz im nachfolgenden The murder of love, danach waren diese Bon-Jovi-Gitarren weg und das Instrument klang wieder toll. Da man es mir nur schwer recht machen kann, setzte dann ab The murder of love immer wieder rhythmisches Klatschen ein. Bei elektronischen Bands gilt doch ganz besonders, daß das nicht passt. Hätten die Komponisten das gewollt, hätten sie das Klatschen programmiert. Mit Trompetenklängen haben sie es ja schließlich auch getan. 

In strenger Originalreihenfolge der CD ging es mit Jewel weiter. Ab dem zweiten Lied standen Susanne Freytag und Claudia Brücken nebeneinander, wobei Susanne Freytag meist ein Drumpad spielte und - zum Beispiel bei Jewel - nur zum Refrain zu ihrer Kollegin kam und da sang. Claudia Brücken hatte Jewel mit "zurück zur Jugend" angekündigt. Hätte ich in meiner Jugend Gelegenheit gehabt, Jewel auf einem Propaganda-Konzert zu hören, hätte es vermutlich genauso geklungen, jedenfalls hätte ich mir das gewünscht. Der Auftritt war keine schlechte Kopie einer grandiosen Band, es war ein sehr stilvoller Umgang mit der Platte und es gab die echten Stimmen, die eben nicht ausstauschbar sind.




Nach Jewel kommt auf A secret wish dessen Zwillings-Lied Duel, die Popversion des viel härteren Jewel. Hier ging es nach Jewel mit Frozen faces weiter, Duel wurde für später aufgehoben. Auch mit dem anderen offensichtlichen Lied machte man das. P-machinery, eigentlich auf der CD-Version zwischen Frozen faces (das auf der ersten Vinylveröffentlichung noch gar nicht drauf war) und Sorry for laughing. Bei Sorry for laughing (das ursprünglich von der Glasgower Postcard-Band Josef K stammt) trommelten die beiden Sängerinnen gemeinsam auf dem Keypad. 

Nach gut 45 Minuten waren die Lieder von A secret wish gespielt, zuletzt P-machinery und Dr. Mabuse ("never look back"), die Band ging von der Bühne. Es war gerade mal kurz vor acht.




Es fand ein kleiner Bühnen-Umbau statt. Auf Claudia Brückens Platz wurden zwei Snare-Drums aufgestellt, hinter die sich Paul Jones und Philip Watson stellten und den Takt zum von Susanne Freytag gesungenen Disziplin trommelten, im Original (als Discipline) ein Lied der Industrial Band Throbbing Gristle. Frühe Propaganda hatten das Stück im englischen Fernsehen gespielt. "Propaganda aller Orten, was hier fehlt, ist Disziplin." Wow, das war eindrucksvoll!

Danach kam Claudia Brücken zurück und widmete das nächste Stück Nico, also folgte die damalige B-Seite, das Velvet Underground Cover Femme fatale, was in seiner Pop-Stimmung einen harten Kontrast zum Industrial-Lied Disziplin davor darstellte. 

Duel fehlte noch, schon damals mein großer Liebling (was keine originelle Wahl von mir war). Auch das war wundervoll! Eigentlich meint man ja immer, gute Musik sei nicht kaputtzukriegen. Das ist großer Quatsch! Künstler können ihre Stücke sehr einfach hinrichten. Seit ich meine Jugendhelden Sisters of Mercy vor Jahren live gesehen habe, höre ich ihre Musik nicht mehr. Hits, getötet vom Schöpfer. Bei den Songs von A secret wish bestand die Gefahr natürlich auch, aber das passierte nicht. Der Abend war musikalisch sehr gut.

Mit Strength to dream endeten die Zugaben, also mit einem der Lieder, die nur auf der Vinyl-Version der Platte waren. Da das Lied nur eine Zeile Text hat, nutzen die Sängerinnen die Zeit, um sich zu verbeugen und uns zuzusehen. Ich gehe davon aus, daß sie nur zufriedene Gesichter sahen. 

Und weil die Tagesschau nach dem Abgang immer noch nicht zu Ende war, kamen sie noch einmal zurück. "Weil wir nur die Sachen spielen, bei denen Susanne und ich mitgewirkt haben, spielen wir noch einmal P:machinery." Das war mir recht. Claudia Brücken kündigte dann noch eine Tour im kommenden Jahr "mit neuem Material" an, die Band machte ein Selfie und ging. 

Meine Liste der Lieblingslieder, die ich mal live sehen möchte ist wieder um ein paar kleiner geworden. Und ähnlich wie bei den Primitives in einer sehr stilvollen und gut gealterten Art. Auf Platz eins ist dieser Liste ist jetzt übrigens Waking up von Elastica, aber das ist eine andere Geschichte.

Setlist D:uel, Zeche Bochum:

01: Dream within a dream
02: The murder of love
03: Jewel
04: Frozen faces
05: Sorry for laughing
06: The chase
07: P-machinery
08: Dr. Mabuse

09: Disziplin (Throbbing Gristle Cover) (Z)
10: Femme fatale (Velvet Underground Cover) (Z)
11: Duel (Z)
12: Strength to dream (Z)

13: P-machinery (Z)




* weil die vielen kleinen und mittelgroßen Indie-Bands viel zu wenig mit ihrer Kunst verdienen. Konzerte sind dafür eben fundamental wichtig.
 


Dienstag, 10. April 2007

Maximo Park, Bochum, 09.04.07

16 Kommentare
Konzert: Maximo Park
Ort: Zeche, Bochum
Datum: 09.04.2007
Zuschauer: seit langem ausverkauft

Ich hätte nie gedacht, daß eine 160 km-Konzertrückfahrt für irgendetwas gut sein könnte. Sie kann, sie kann... Sie kann nämlich wieder etwas runterbringen. Direkt nach dem Konzert von Maximo Park hätte ich wohl geschrieben, daß ich heute den größten Rockstar unserer Zeit gesehen habe und nur schwerlich irgendwann wieder ein ähnlich gutes Konzert sehen werde!

Die Zeche in Bochum scheint wirklich auf einem Zechengelände zu liegen und ist von Süden gut erreichbar. Bochum liegt überhaupt (geografisch) viel näher an Köln, als man gemeinhin denkt und ist daher für solche Gelegenheiten wie heute, nämlich Maximo Park ein halbes Jahr vor ihrem Auftritt in Köln schon einmal zu sehen, wirklich nicht zu abwegig.

Innen erinnert die Zeche an Erlebnisgastronomie, also an so Läden wie
Pflaumenbaum oder ähnliche Abfüllkneipen. Man geht um zig Ecken, überall sind Sachen in den Weg gebaut, bis man im Saal selbst ist. Der ist dann perfekt für Konzerte, denn es gibt eine Empore mit breiter Treppe und dadurch Platz für viele Leute, obwohl die Grundfläche sehr überschaubar ist. Ein schöner Ort für Indie-Konzerte. Auch wenn die Empore nett aussah, lockte mich die (unabgesperrte) Bühne mehr.

Gegen halb neun ging es überraschend los. Zum einen hatte ich den Beginn um neun erwartet, zum anderen dachte ich, daß ClickClickDecker erst als zweite Vorgruppe
auftreten würden. Ich lag jeweils daneben.

Schon nach ein paar Takten klang die Band, die sich kleidungsmäßig an das Ruhrgebiet angepaßt hatte (der Sänger trug eine Jogginghose, der Bassist eine Kappe auf vier Uhr und ein Sweatshirt, um das ihn in der Hochphase der Elho- und O'Neil-Skimode jeder auf der Piste beneidet hätte und der Gitarrist eine Jeans, die in den Kniekehlen hing), nach Hamburg. Unverkennbar waren Ähnlichkeiten zu Tomte oder Kettcar zu
hören. Mir gefiel die Musik also sehr gut. ClickClickDecker Sänger Kevin sagte, der Auftritt vor Maximo Park sei ihr 19. Konzert in Folge. Gegen Ende des halbstündigen Konzerts wurde seine Stimme immer gröber und gebrüllter, das tat einem wirklich guten Auftakt aber keinerlei Abbruch. ClickClickDecker sind eine der guten deutschen Indiebands, die ich auf alle Fälle noch einmal sehen möchte. Ach, und die Band kommt natürlich aus Hamburg.

Setlist ClickClickDecker:

01: Sozialer Brennpunkt
02: Wenn man alles verliert
03: Der Rhythmus Deiner Eier
04: Immerhin beabsichtigt
05: Äthna
06: Der ganze halbe Liter
07: Zurecht ungerecht
08: 107 leider unvermittelbar
09: Schuhe gekotzt

Sehr spektakulär war, daß während des gesamten Konzerts ein Kellner mit Tablett Getränke verkaufte. So was habe ich noch nie erlebt. Ein herrlicher Service. Gloria und E-Werk: Bitte nachmachen!

Warum in aller Welt die zweite Vorgruppe engagiert wurde, weiß ich nicht. Zum Aufwärmen können The Ghost of irgendwas nicht gebucht worden sein, ich vermute, daß es etwas mit Ostern zu tun hatte. Die Band, deren Namen ich trotz penetranter Wiederholung des Sängers immer noch nicht weiß, erzeugte nämlich nur so etwas wie kurzen, höflichen Applaus (mit Ausnahme zweier kleiner Grüppchen, die frenetisch alles feierten, was heute passierte; die Grüppchen hätten aber auch einen Bauchredner mit Puppe bejubelt).

Nach diesem Dämpfer kam dann aber der Grund meines Ausflugs: Maximo Park aus Newcastle. Und es begann furios. Auftaktsong war das fantastische "Graffiti" vom Debüt-Album "A certain trigger". Das, was Ghost of werauchimmer an ruhiger Stimmung mühsam aufgebaut hatten, war mit einem Mal weg. Der mittlerweile prallvolle Raum vor der Bühne tanzte und grölte mit. Und Sänger Paul Smith, der
(wir sind ja doch irgendwie auch ein Modeblog) schwarze Hose, schwarzes Hemd, schwarze Krawatte mit Punkten und ein braunes Club-Jacket und dazu einen Bowler trug, rannte gleich von Beginn an hin und her über die Bühne, illustrierte die Lieder gestenreich und nutzte die Reichweite und Leistungsfähigkeit seines drahtlosen Mikros vollkommen aus.

Nach "Graffiti" folgte das Eröffnungsstück der vor zwei Wochen erschienenen CD "Our earthly pleasures", "Girls who play guitars", das ankam, als wäre es schon seit
Jahren bekannt. Überhaupt war wenig Unterschied zwischen der Reaktion auf neue oder alte Lieder zu bemerken. Natürlich ziehen die Hits der ersten Platte ("Graffiti", "The coast is always changing" oder "Apply some pressure") besonders, die neuen kamen aber eben auch an, als wären sie schon ewig bekannt. Das Publikum scheint also (wie ich) die Platte schon x-mal gehört zu haben.

Trotz aller Lautstärke, Hin- und Her-Rennerei und Energie war das Konzert musikalisch ein Genuß. Paul Smith trifft die Töne und beherrscht seinen Part perfekt. Vor zwei Jahren habe ich Maximo Park im Gebäude 9 verpaßt. Ich habe das zwar sehr bereut, weiß aber jetzt erst, was ich da versäumt habe.

Natürlich waren dann auch schnell die ersten Crowdsurfer unterwegs, die die beiden Ordner rechts und links am Bühnenrand gnadenlos überforderten. Irgendwann stand einer der Schränke vor statt hinter mir, um schnell auf die Bühne klettern zu können, wenn sich jemand näherte. Das nahm mir die Sicht und das linke Ohr, denn statt im Schatten des Boxenturms stand ich dann plötzlich viel zu nah an den sehr lauten Lautsprechern. Da Herr Ordner aber immer mehr zu tun bekam, hatte ich auch immer häufiger wieder meinen mühsam erstandenen Platz.

Das Set der Engländer war buntgemischt aus beiden Alben. Leider fehlte von der
aktuellen Platte "Karaoke plays", das wohl nicht zum Liveprogramm gehört, denn auf zwei Setlisten von April-Konzerten in England fehlt das Lied auch. Das Programm scheint aber von Show zu Show zu variieren. "I want you to stay" zum Beispiel fehlte bei den englischen Konzerten. Auch war das Bochum-Set mit 19 Liedern das längste (Jippie!), das ich bisher gefunden habe. Das reguläre Programm endete mit "Going missing", dem dann drei Zugaben mit "Limassol" zum Schluß folgten.

Nüchtern und mit Distanz betrachtet habe ich heute den größten Rockstar unserer Zeit gesehen. Und ich bin sehr unsicher, ob ich irgendwann noch mal ein Konzert gleicher Güte sehen werde.

Setlist Maximo Park:

01: Graffiti
02: Girl who play guitars
03: Now I'm all over the shop
04: Our velocity
05: A fortnight's time
06: Postcard of a painting
07: Parisian skies
08: Russian literature
09: By the monument
10: I want you to stay
11: Books from boxes
12: Your urge
13: Apply some pressure
14: Nosebleed
15: The coast is always changing
16: Going missing

17: Kiss you better (Z)
18: The unshockable (Z)
19: Limassol (Z)

Links:

- mehr Fotos: vom Konzert im Palladium, aus Bochum und aus Köln
- Maximo Park live in: Köln (Palladium)
- Glasgow (02.10.07)
- Paris
-
Köln (bei der Soundwave Tour )
- Bochum im April 06
- Blood Red Shoes in: Paris (09.06.2007)
- Paris (08.06.2007)
- Köln (11.03.07)
- Paris (06.03.07)


Maximo Park spielen 2007 noch einige Konzerte und Festivals in Deutschland. Besorgt Euch Karten, Ihr werdet Euch ewig ärgern, die Band zu verpassen.

Köln: 16.10.07
Hamburg: 17.10.07
Berlin: 19.10.07
Dresden: 21.10.07
Wiesbaden: 22.10.07
Stuttgart: 23.10.07
München: 24.10.07



 

Konzerttagebuch © 2010

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