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Samstag, 14. Mai 2011

Bodi Bill, Köln, 12.05.11

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Konzert: Bodi Bill (& Norman Palm)

Ort: Gebäude 9, Köln
Datum: 12.05.2011
Zuschauer: fast ausverkauft
Dauer: Bodi Bill 95 min, Norman Palm 35 min


Am Donnerstag stellte sich für Kölner Konzertgänger die Bill-Frage; Bill Callahan oder Bodi Bill. Schnittmengen unter den potentiellen Besuchern gibt es nicht viele, dafür ist die Musik der beiden Acts zu weit auseinander. Bill Callahan, der amerikanische Songwriter hat 2011 ein Album veröffentlicht, das überall als Meisterwerk gefeiert wird, mich aber bisher nicht erreicht hat. Sicher entdeckt man irgendwann das Meisterliche in und zwischen den karg arrangierten und vorgetragenen Stücken, mir war das bisher aber nicht vergönnt. Da ich außerdem Lust auf Krach und Remmidemmi hatte, stand für mich Bodi Bill im Gebäude 9 auf dem Programm.*

Ich hatte neulich schon mehrfach erwähnt, daß es mir zur Zeit extrem schwerfällt, richtig einzuschätzen, wie sehr eine Band zieht. In den letzten Jahren war das immer recht einfach. Zumindest welche Säle eine Gruppe ausfüllen kann, konnte man immer sagen. Dieses Jahr liege ich bei solchen Einschätzungen oft kläglich daneben. Daß Asobi Seksu zum Beispiel so klein sind, hatte ich nicht erwartet, daß Bodi Bill im Gegenzug den Frankfurter Mousonturm ausverkaufen und ein Zusatzkonzert nötig machen, auch nicht.

Bodi Bill haben ganz klar das Zeug dazu, Massenlieblinge (der hippen Szene) zu sein, das wusste ich schon. Ich hatte die Berliner einmal gesehen und war angetan. Schon da, als Vorgruppe der damaligen Nr. 1 Band Polarkreis 18, war klar, daß man von Bodi Bill noch hören würde. Es dauerte aber eine Weile, bis ich wieder Gelegenheit bekam, die Band zu sehen.

Das Gebäude 9 war randvoll, als Bodi Bill fertig aufgebaut hatten, und der Altersdurchschnitt war jung, sehr jung. Bodi Bill hatten wohl einen Song in der Viva-Rotation, das macht auch in den Endtagen des Musikfernsehens wohl noch etwas aus.

Bodi Bill hatten die Bühne einfach aber effektvoll dekoriert. Hinten standen zwei Tische, Pulte für Notebooks, die mit eigener Bastelarbeit dekoriert waren, der rechte mit zerknüllter Alufolie, der linke mit einem Bambus-Balkonsichtschutz, der irgendwann weggerissen wurde, und darunter mit weißem Stoff oder Watte. Die drei Bandmitglieder Fabian Fenk, Alex Stolze und Anton Feist legten in der ersten Konzertviertelstunde eine grandiose Show hin! Es blieb auch danach toll und hochgradig unterhaltsam, der Anfang war aber auffallend gut!

Was genau wann passierte, was gespielt wurde, weiß ich nicht mehr im Detail. Der Auftritt war aber auch keiner, der das Mitpinnen der Setlist benötigte, Bodi Bill hätten Kinderlieder vortragen können, die Stimmung wäre ebenso gut gewesen.

Ein paar der Sachen, die passierten: Alex trug irgendwann ein Federkleid und zupfte dazu auf seiner Geige. Sänger Fabian zog sich irgendwann den manngroßen Pappstein über, der vorher am Bühnenrand gestanden hatte. Er hatte aber auch eine Tiermaske auf oder einen riesigen Knochen in der Hand. Vieles erinnerte mich an die zehn Minuten Deichkind, die ich einmal gesehen haben, allerdings mit dem Unterschied, daß Bodi Bill auch musikalisch vollkommen überzeugten! Schade, daß auch sie in Haldern nur im Zelt spielen, und damit für 3/4 des Festivals nicht zu sehen sind!

Vor Bodi Bill hatte ein anderer namhafter Berliner gespielt, Norman Palm, über den wir u.a. hier schon vor einiger Zeit erstmals berichtet hatten. Norman Palm war mit zwei Begleitern, dem Finnen Janne Lounatvuori (Keyboard) und einem mir unbekannten Gitarristen erschienen. Ich hatte Norman Palm noch nie gesehen, hatte mich auch mit seiner Musik noch nicht beschäftigt (doof, denn City Slang Künstler sollte man schon kennen) und kannte nur Olivers ältere Schilderungen. Ich hatte weniger Elektronik erwartet, auch weniger Lautstärke. Zwischendurch dachte ich eigentlich, mich zu langweilen - aber ich hörte gebannt zu, ein komischer Effekt! Es kann also doch nicht so schlimm gewesen sein. Nein, im Ernst, mir gefiel Norman Palm gut, ich werde ihn mir noch einmal länger ansehen!

Aber die Band mit den Zusatzkonzerten ist Bodi Bill - und das ist kein Zufall!

Links:

- Bodi Bill, Köln, 29.11.08
- Norman Palm, Paris, 28.02.11
- Norman Palm, Paris, 30.09.09
- Norman Palm, Rennes, 21.03.09

* und so war Bill Callahan: Bericht bei Pretty Paracetamol




Donnerstag, 3. März 2011

Norman Palm, Paris, 28.02.11

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Konzert: Norman Palm
Ort: Le Baron, Paris
Datum: 28.02.11, 24 Uhr 15
Zuschauer: etwa 200?
Konzertdauer: gute dreiviertel Stunde


Schlechter Musikgeschmack kann fatale Folgen haben. Ich bin sicher, daß KTG nicht wegen seines höchstwahrscheinlich nicht ordnungsgemäß erworbenen Mediziner-Titels, sondern wegen seiner Vorliebe für AC/DC zurücktreten musste. Frau Merkel musste da einfach einschreiten. Sie hat ihm sicherlich gesagt: "KT, ist nicht so tragisch, daß deine Lizenz zum Operieren auf merkwürdige Weise zu stande kam, aber jemanden der AC/DC mag, kann ich auf Dauer nicht halten. Sorry."

Ohnehin seltsam, daß die Medien Politiker immer öfter zu Popstars hochsterilisieren. "Barack Obama ist dein neuester Kontakt bei Flickr", oder "Obama möchte mit dir auf Facebook befreundet sein", das kam mir damals schon spanisch vor. In welcher Band spielt denn dieser Barack Obama?, wollte ich damals schon immer gerne wissen.

Nein, Popstars gibt es in der Politik nicht, die gibt es nur auf dem Konzerttagebuch.de. Deshalb liest uns meine Mutti auch so gern. Und Norman Palm aus Berlin ist in der Tat ein lupenreiner Popstar. Ja, was denn? Wer widerspracht da? Hey, Norman ist bei Cityslang unter Vertrag und somit Labelkollege von Win Butler und Marcus Mumford, alles klar? Und bei Cityslang gibt es nur Asse. Schön, daß Norman trotzdem der nette Junge von nebenan geblieben ist. Obwohl nebenan bei ihm auch Mexico City heißen kann, wo er der Liebe wegen immer mal wieder hinreist. Ein Globetrotter, dieser sympathische Bursche, der in Paris die schönen Künste studiert hat, dort seine Diplomarbeit mit dem Vergnügen verknüpfte und im Zuge dessen sein wunderbares Booklet für sein erstes Album Songs von Hand gestaltete. Und sage niemand, er hätte die Zeichnungen und Skizzen nicht selbst angefertigt! Ach und wenn schon. Falls ein Geisterzeichner seine Finger im Spiel gehabt haben sollte (Wahrscheinlichkeit=0), würde ich Norman trotzdem mögen. Zumal es auf seinem zweiten Album Shore to Shore, welches er in Frankreich gerade promotet, überhaupt nicht mehr um den Erstling Songs und um auf Leinwand projezierte Bilder aus dem feinen Büchlein, sondern vielmehr um tollen, Laune machenden Gitarrenpop mit Elektroeinschlag geht, mit dem Norman am Montag nacht in Paris die Leute begeistert hat.



Ein attraktives Publikum hatte sich zu später Stunde eingefunden. Etliche bildhübsche Mädchen mit makellosen Beinen und Papis Kreditkarte hatten es sich auf den roten Sofas bequem gemacht und warteten Cocktails oder Bier schlürfend auf den Beginn der Show. Auch Norman und seine finnischen Bandmitglieder tranken erst einmal was und stießen gemütlich auf den schönen Abend an. Ich selbst saß auf dem Trockenen. Nicht weil ich dem Alkohol für immer und ewig abgeschworen hätte, sondern weil mir die Drinks hier zu teuer waren. 15 Euro für ein Bier (stimmt das? oder sind es nur 10?), sind mir einfach zu heftig und als Normalsterblicher hatte ich auch keine Gutscheine wie der Popstar Norman Palm und seine Bandkollegen. Dennoch fühlte ich mich pudelwohl, denn die äußerst attraktive Ehefrau des Keyboarders Janne saß neben mir und ihre wundervollen blauen Augen strahlten (Selbstermahung: Oliver, jetzt beruhig' dich wieder!).

Um O Uhr 15 ging es dann auch los. Das Powertrio erfeute von Beginn an mit feinen Gitarrenmelodien und modernen Synthiebeats über die Norman mit seiner tollen Stimme (irgendwo zwischen Erlend Oye, Destroyer und dem Kalifornier Bart Davenport anzusiedeln) drübersang. Gesanglich hat er klare Fortschritte gemacht, sein vokales Repertoire schien mir breiter gefächert und nuancenreicher als früher, sein Falsett noch geschliffener. Die drei Musiker verstanden es glänzend, Folk mit Elektropop zu verbinden und gleichzeitig fröhliche, aber auch nachdenkliche, melancholische Töne anzuschlagen. Die Musik von Norman höre ich immer mit einem lachenden und einem weinenden Auge, er ist in der Lage meinen Serotoninausstoß zu befördern, aber auch sentimentale Gefühle zu wecken. Vor allem aber: diese unverschämt packenden Melodien! Man höre Smile, einen Schmachtsong par excellence, der dennoch ohne zu viel Kitsch auskommt. Oder aber den lässigen Countrysong Landslide, der zum Mitwippen einlud. Oder auch Easy, einen ohrwurmigen Synthiesong mit 80 er Jahre-Perfüm und pluckernden Beats.

Kein Wunder, daß irgendwann zwei Mädels anfingen, die winzige Tanzfläche zu stürmen und ausgelassen abzutanzen. "Make the pretty girls dance", der Berliner hatte verstanden, worauf es heute abend ankam! Als das wunderbare Set vorbei war, gab es ohnehin kein Halten mehr. Vergnügungssüchtige Beauties bevölkerten den Dance Floor und jammten zu 80 er Jahre Trashnummer wie Chinese Eyes von Fancy oder anderen Klassikern des Italo Disco Genres total ab. Als eine Nummer von den Smiths lief, brach ich auf. Nicht, weil ich die alte Band von Morrissey nicht mag, sondern weil man gehen soll wenn es am schönsten ist. Außerdem hatte ich Angst, daß sie erneut eine Italo Disco Scheußlichkeit spielen würde. Beim Mitsingen, wäre dann aufgeflogen, daß ich von diesem Kram noch tonnenweise Platten bei mir zu Hause rumfliegen habe. Ein schlechter Musikgeschmack kann bekanntlich fatale Folgen haben!



Aus unserem Archiv:

Norman Palm, Paris, 30.09.09
Norman Palm, Rennes, 21.03.09




Donnerstag, 1. Oktober 2009

Norman Palm & Mai, Paris, 30.09.09

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Konzert: Norman Palm & Mai

Ort: Le Pop In, Paris
Datum: 30.09.2009
Zuschauer: richtig viele, mehr gingen nicht rein! Also 80? 100?
Konzertdauer: Mai 30 Minuten, Norman Palm schätzungsweise 45 Minuten



Heute bekam ich Besuch aus Deutschland! Der talentierte Berliner Singer/Songwriter Norman Palm beehrte nämlich das schnuckelige Pop In, unweit des umtriebigen Oberkampf Viertels. Und weil selten Landsleute in Paris spielen*, stand ich natürlich auf der Matte. Außerdem mag ich Norman und seine Musik, seitdem ich beim letztjährigen Festival Top Of The Folks in Rennes auf ihn aufmerksam geworden bin. Mit mächtig Vorfreude im Bauch kam ich deshalb gegen 20 Uhr 30 am Ort des Geschehens an und traf direkt auf Norman, seine französische Bookerin und Franck, den sympathischen Indieplattenhändler. Sie unterhielten sich vor der Tür stehend auf englisch, aber eigentlich wäre das nicht nötig gewesen, denn Norman hat ein Jahr in Paris Design studiert und versteht und spricht die Sprache Molière's ganz ausgezeichnet. Ich wechselte ein paar Worte auf deutsch mit ihm, was die umstehenden Franzosen ein wenig belustigte. Sie behaupteten nichts zu verstehen, aber da muss man vorsichtig sein. Franzosen hatten schließlich fast alle ein paar Jahre deutsch in der Schule. Aber Frechheiten wurden ohnhein nicht ausgetauscht, sondern nur lobende Worte über die Location und Ähnliches. Norman war auch so nett, mir auf einer nahe gelegenen Steinmauer ein Interview zu gewähren, bei dem es viele interesante Dinge zu erfahren gab. Was genau, werde ich später ausführlich erzählen, aber eine lustige Begebenheit kann ich doch schon vorwegnehmen. Der Berliner hatte nämlich am Nachmittag beim Radiosender France Inter gespielt und dort auch Jane Birkin, eine französische Nationalheilige (obwohl eigentlich Engländerin), getroffen. Norman schien zunächst sehr angetan von der Chanteuse, als ich ihm aber erzählte, daß ich Tochter Charlotte Gainsbourg (Kind von Jane & Serge) schon einmal in einem Park gesehen hatte, war er fast ein wenig neidisch: "Oh, die hätte ich auch lieber getroffen!"

Die Stimmung hätte also relaxter nicht sein können und da im Pop In die Konzerte immer frühestens um 21 Uhr 30 beginnen, war auch noch genug Zeit für weitere Unterhaltungen vor der Türe. Gegen 9 Uhr ließ sich Johanna Wedin blicken, die unter dem Pseudonym Mai bereits ein Album (Still Need A Kiss, 2007) veröffentlicht hat und gerade dabei ist, das zweite Werk einzutüten. Johanna sieht genau so aus, wie man (n) sich eine Schwedin vorstellt: Hübsch, blond, blauäugig. Eine Augenweide! Aber auch ihre Musik ist wirklich nicht schlecht, wie sie kurze Zeit später im Keller des Pop In bewies. Zahlreiche Schweden, Franzosen, Japaner, Amerikaner, Italiener und auch ein paar Deutsche, hatten sich hier eingefunden und im Nu war es gerammelt voll. Die Meute wartete gespannt auf den Beginn, aber zunächst gab es erst einmal Tonprobleme zu lösen und knarzige Geräusche zu ertragen.

Nach Behebung dieser Störfaktoren konnte man aber dann reinste Wohlklänge genießen. Johannas weiche und sinnliche Stimme erfüllte das Kellergewölbe und zuckersüße Glöckchen wurden zum Schwingen gebracht, während ein Gitarrist das Ganze noch dezent untermalte. Our Ghost, so der Titel, war bereits ein gutes Beispiel für den Stil der in Paris lebenden Schwedin. Süß-sauer! Hinter den kindlich und leicht naiv anmutenden Liedern lauert ständig eine wohlige Melancholie, die vermutlich in langen schwedischen Nächten gereift ist. Aber so traurig ist Johanna zum Glück auch nicht und wenn sie eines ihrer hübschen Lieder beendet hatte, lächelte sie immer zufrieden und dankbar.

Highlights? Sicherlich das sentimentale Old Souvenirs, bei dem Johanna fast wie Cherylin MacNeil von Dear Reader klang oder auch Wedding Ballad. Schlecht war ohnehin kein einziges Lied und so erntete die Blondine am Ende auch den verdienten Applaus.

Nun war Norman Palm an der Reihe. Der Projektor, der auf ein paar Kisten stand, verriet schon, daß es auch etwas für Fans von visuellen Untermalungen geben würde. Im Gegensatz zu den meisten anderen hier war mir natürlich klar, um was es sich handelte, da ich das wunderhübsche CD Book schon seit ein paar Monaten mein Eigen nennen kann und und ich auch die entsprechende Liveumsetzung mittels Projektor schon in Rennes gesehen hatte. In Bilderbuchform hat der ehemalige Designstudent das Werk konzipiert und dieses wurde uns nun von Isabelle, der französischen Bookerin, an die Wand projeziert. Eigentlich übernimmt ansonsten immer eine aparte Finnin diesen Part, aber Norman erklärte schmunzelnd, daß sie nun einmal Kosten sparen müssten und die Verplichtung von Isabelle güsntiger sei, als die etatmäßige Finnin einfliegen zu lassen. Ein charmanter Auftakt! Der Charmefaktor wurde in der weiteren Folge noch dadurch gesteigert, daß die Bookerin oft zu flott in die Tasten des Macbooks tippte und die Bilder und Songtexte deshalb zu früh eingeblendet wurden. Sie wußte sich aber zu helfen und blätterte bei Bedarf einfach noch einmal zurück...

Was genau an die Wand gewurfen wurde, will ich aber im Detail gar nicht verraten, denn unsere Leser sollen schließlich das schlicht und einfach "Songs" bezeichnete Machwerk, das gerade noch einmal neu aufgelegt wurde (die ersten tausend Exemplare sind restlos vergriffen!) kaufen! Man kann mit dem Erwerb auch gar nichts falsch machen und ersteht eine Freude fürs Auge und fürs Ohr! Und dies sage ich, obwohl ich natürlich keine Provision bekomme. Mir geht es einzig und allein um die Unterstützung von guten Indiekünstlern und das ist Norman Palm allemal. Er verfügt über eine schöne Stimme, ein feines Guitarpicking und ämusante Texte, die tiefgründiger sind, als es auf den ersten Blick erscheint. Da geht es um Jungen die nicht weinen dürfen (natürlich rede ich vom The Cure Cover Boys Dont Cry), eine nette, aber doch unglaublich mittelmäßige Provinzstadt in Deutschland namens Middletown oder frei umherschwirrende Musik (Floating Around). Und die Bilder (ein paar Dinge darf man dann doch verraten), z.b. sich rasch fortbewegende Spermien oder ein Schild mit der Aufschrift: "Pommes Spezial ", sorgten immer wieder für Schmunzler im Publikum. Ob Franzosen das mit den Pommes Spezial verstehen? Hmm, dazu müssten sie schon ein gute Vorstellung von den kulinarischen Irrungen und Wirrungen der Teutonen haben! Welcher Franzose würde schon auf seine Fritten gleichzeitig Ketchup und Mayonaise machen? Andererseits: Frenchies, die gerade in Berlin waren, erzählen mir hinterher immer begeistert von der leckeren Currywurst und dem feinperligen Becks- Bier...

So hatten dann letztlich alle ihren Spaß und es machte auch gar nichts, daß gegen Ende der Projektor ausfiel und man fünf Minuten lang nur ein Testbild sah, bevor es mit bewegten Bildern weitergehen konnte.

Der Auftritt von Norman und seinem hervorragenden finnischen Multiinstrumentalisten (Melodica, Keyboard und tollerweise Steel Drum! ) Janne Lounatvuori kam sogar so gut an, daß eine Zugabe gegeben werden musste. Mit Girls Just Wanna Have Fun bekamen die entzückten Musikfans zum krönenden Abschluß eine weitere originelle Coverversion aus den 80er Jahren geboten.

Wow! Ich sollte häufiger Besuch aus Deutschland bekommen!


* Tokio Hotel und Rammstein, die häufig in Paris aufkreuzen, kann man natürlich nicht mitzählen!

Konzerttermine von Norman Palm:

04.10.2009: Deutsches Theater, Berlin
08.10.2009: Filmgalerie Krems, Österreich
10.10.2009: Volkshaus, Klagenfurt, Österreich
12.10.2009: B72, Wien, Österreich
13.10.2009: PPC, Graz, Österreich
15.10.2009: Club Bonsoir, Berne, Schweiz
29.10.2009: Schaubühne, Berlin
06.11.2009: Exit07, Luxemburg


Aus unserem Archiv:

- Norman Palm in Rennes hier
- Mai beim Festival les femmes s'en mêlent hier


Videos: Norman Palm - Boys Don't Cry
Oh Elisa



Montag, 23. März 2009

Frida Hyvönen & Norman Palm, Festival Top Of The Folk, Rennes, 21.03.09

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Konzert: Festival Top Of The Folk, Rennes, Frankreich, mit La Terre Tremble!!!, Norman Palm, Frida Hyvönen, Clara Clara

Ort: Aire Libre, Rennes, Bretagne
Datum: 21.03.09 Zuschauer: ein paar hundert
Konzertdauer: pro Künstler ca. 50 Minuten





"Haben sie wirklich die Absicht, dahin zu fahren?"

Die junge Frau am Merchandising Stand der Agentur Les Boutiques Sonores schien sehr verwundert zu sein. Ich hatte gerade an einem Gewinnspiel teilgenommen, bei dem man eine Karte für das Festival Top Of The Folk in Rennes gewinnen konnte und erkundigte mich interessehalber wie weit denn Rennes von Paris entfernt sei. "Das sind über 300 Kilometer, knapp zweineinhalb Stunden mit dem TGV. Kennen sie überhaupt einen der auftretenden Künstler?", fragte sie skeptisch und war überrascht, daß mir sowohl Findlay Brown und Frida Hyvönen (Headliner des ersten bzw. zweiten Tages), als auch Arch Woodman und f.hiro etwas sagten.

"Warum denn nicht, das Line Up ist doch sehr gut!", war also meine Antwort auf die eingangs gestellte Frage.

In den folgenden Tagen vergaß ich die Geschichte mit dem Festival aber wieder, da ich ohnehin nicht davon ausging, daß ich eine Karte gewinnen würde. Schließlich habe ich schon Glück in der Liebe (haha!), warum sollte ich dann auch noch Glück im Spiel haben? Vielleicht weil ich einer der ganz wenigen war, der überhaupt den Zettel mit den richtigen Antworten abgegeben hatte? Wie auch immer, mein Name war auf der Gästeliste vermerkt und zwar für den zweiten Festivaltag mit Frida Hyvönen. Cool!

Eine Kosten /Nutzenrechung unterließ ich aber lieber, denn ich bin ja kein Mathematiker, sondern Rock'n Roller und denke mit dem Bauch und nicht mit dem Kopf! Oder so. Die Rechnung hatte nämlich ergeben, daß ich insgesamt ca. 100 Euro für den Zug berappen musste und auch ein Hotel brauchte, daß noch einmal 60 Euro kostete. Mein Gewinn- der Listenplatz- war gerade einmal 9 Euro wert...

Das Festival kam mich also nicht gerade günstig zu stehen, aber ich musste mal raus aus Paris, etwas anderes sehen. Und an Top Of The Folk gefiel mir schon jetzt alles: Das Line Up der vorhergehenden zwei Editionen (u.a. mit This The Kit (auf dem Foto rechts zu sehen), The Rodeo, Serafina Steer und Gravenhurst), die liebevoll gemachten Poster und Flyer und der Ansatz, neue hochinteressante Talente fernab der Mainstreamsoße zu fördern und ihnen eine Bühne zu gewähren. Das mußte ich einfach unterstützten!

Nach gut zweistündiger Zugfahrt kam ich in dem modernen Hotelklotz an und fragte den Kerl an der Rezeption frohgelaunt, ob er denn das Festival Top Of The Folk kenne. "Pas du tout" - nie gehört, so seine recht schroffe Antwort und sein herablassender Tonfall ließ auch nicht darauf schließen, daß er je in seinem Leben mal dahin wolle. "Soll er sich doch die Ohren mit Johnny Hallyday zudröhen, daß es ihm sonstwo wieder rauskommt!", dachte ich mir insgeheim, blieb aber höflich und erkundigte mich lediglich, wo denn die Austragungsstätte liege. Er guckte desinteressiert auf den Stadtplan und meinte nur: "Ist weit, völlig außerhalb, da brauchen sie ein Auto!" - "Ein Auto? Wo soll ich das denn jetzt hernehmen? Brauche ich etwa einen Mietwagen?", geisterte es mir durch den Kopf. Der Rezeptionsknecht gab aber Entwarnung: "Ich kann ihnen ein Taxi bestellen, kostet aber circa. 20 Euro. " - Auch das noch! Aber hatte ich die Wahl? Nein, also ließ ich mir das Taxi für 19 Uhr 30 bestellen...

"Ich glaube, sie werden die Konzerte hungrig erleben müssen", meinte der Taxifahrer schmunzelnd, als ich ihn fragte, ob man auf dem Festival oder in der Nähe etwas essen könne. Ich fand das gar nicht so komisch, hatte eine Bärenhunger, da ich im Zug wegen des Servicepersonalstreiks nichts zwischen die Kiemen bekommen hatte. "Aber irgend etwas muß es doch da zu mampfen geben, oder nicht?," fragte ich eingeschüchtert und relativ verzweifelt. "Wenn sie Glück haben, hat der kleine Tante- Emma Laden daneben noch auf", machte der Kutscher mir ein wenig Hoffnung. War aber nicht so, vor dem Aire Libre angkommen, war außer einer Bar alles zu! Und in der Bar hingen nur ein paar lokale Suffköppe rum, denen flüssige Nahrung vollkommen reichte. Meine Nachfrage nach etwas Essbarem wurde von dem Patron negativ beschieden. "Warten sie!", meinte er plötzlich, "da hinten gibt es einen Pizzawagen, gleich auf dem Kirchplatz, der dürfte noch geöffnet haben. Versuchen sie dort ihr Glück!" Und in der Tat, der freundliche Pizzabäcker arbeitete noch und machte mir gerne eine Pizza Margerita, die ich wie ein ausgehungerter Wolf auf einer Parkbank in mich reinschlang. Passanten , die auch zum Festival wollten, gingen vorbei und wünschten mir "einen guten Appetit", ich konnte aber nicht antworten, weil ich den Mund mit Käse voll hatte...

Satt war ich also, als ich eintrat und nun bestens für eine tollen Konzertabend gerüstet! Es war inzwischen 20 Uhr 30, aber die Leute hingen alle noch an der Bar rum und es dauerte eine Weile, bis man gebeten wurde, sich doch bitte Richtung Konzertsaal zu bewegen. Die Leute tröpfelten ganz langsam ein und vom Band lief düstere Musik, so ähnlich wie Nick Cave, aber der war es nicht. Noch einmal 10 Minuten später kamen drei großgewachsene junge Männer auf die Bühne geschlichen, winkten kurz ins Publikum und legten los. Schon nach den ersten kurzangerissenen Gitarrenriffs war klar, was hier gespielt wurde: Mathrock! Und zwar depressivster und gruseligster Machart! Eine gespenstische, mystische Musik voller überraschender Brüche und Wendungen, Lichtjahre von der einfallslosen Mainstreamkacke von Foals entfernt. Ich war fasziniert, in den Bann gezogen von den schwer einzuordnenden Klängen, die fast hypnotische Wirkung auf mich ausübten. Gesungen wurde selten, aber das war auch nicht wesentlich. Entscheidender war die spannende, dichte Atmosphöre, die geschaffen wurde. Ein Teil des Stoffes war tanzbar, aber jedes Lied wechselte mehrfach die Richtung, so daß man nie vorher wusste, wie man sich zu bewegen hatte. Wirklich Vergleichbares hatte ich selten zuvor gehört. Man könnte natürlich Battles als die Mathrock Band schlechthin nennen, aber das hier war sehr eigenständig und anders. Es gab Spurenelemente von Slint, Mogwai, oder auch den Dodos, ohne jedoch wirklich viel damit zu tun zu haben. Auf der Suche nach ähnlichen Bands wird man deshalb wohl am ehesten in Frankreich selbst fündig und zwar in der Gestalt der fantastischen Papier Tigre, die genau wie La Terre Tremble!!! bei dem vorzüglichen Nanter Label Effervescence untergbracht sind. Ein Label gespickt mit avantgardistischen Bands, die Genregrenzen sprengen und mit La Terre Tremble!!! haben sie da wirklich einen dicken Fisch an Land gezogen! La Terre Tremble!!! selbst sehen nämlich durchaus auch eine folkige Seite in ihrer Musik und als Beleg dafür ergriff der besessen aufspielende Drummer gegen Ende sogar eine Akustikgitarre und sang dazu.

Leider gab es das neue , zweite Album noch nicht zu kaufen, da es erst Mitte April erscheinen wird. Davon stammten auch die meisten Lieder des Sets, u.a. auch This Stupid Piece Of Wood, das man auf der MySpace Seite anhören kann.

Ein vorzüglicher Auftakt für den zweiten und letzten Festivaltag hier in Rennes!

Setlist La Terre Tremble!!!:

01: Zwischenstadt
02: 4 Accords
03: Landscape Analphabet
04: The Stupid Piece Of Wood
05: Posdisco
06: Carven

Dann war eine Pause angesagt und ich erfreute mich an den im Vergleich zu Paris äußerst günstigen Preisen. Die Cola kostete hier nur 1,50 Euro, da bezahlt man in der Stadt der Liebe oft das Dreifache und mehr! Vielleicht sollte ich nach Rennes ziehen...

Laut Norman Palm ist Rennes ja sowieso eine der drei schönsten Städte in ganz Frankreich, neben Paris und...Roubaix! Dies waren nämlich die drei Tourziele des jungen Berliners in Frankreich. Zusammen mit seiner finnischen Begleitband trat der sympathische Mann mit der Akustikgitarre nun im oberen Konzertsaal auf, der einem Kino gleichte.
Man saß auf bequemen roten Sesseln und harrte der Dinge, die nun folgen sollten. Die Bühne war noch verwaist, aber auf einer Leinwand sah man ein weißes Quadrat, in dessen Mitte ein kindlich gezeichnetes Gesicht eines Jungen mit Brille zu erkennen war. Aus seinem Munde stiegen Noten auf. Gebettet war das Ganze auf einem CD Cover von Neil Youngs Meisterwerk Harvest. Norman Palm scheint also traditionelle Folkmusik zu mögen, soviel war klar. Ansonsten wußte ich aber bisher nicht viel von meinem Landsmann. Bei einer flüchtigen Ansicht seines MySpace Profils hatte ich gesehen, daß es dort ein Cover von The Cure gab: Boys Don't Cry. Das gefiel mir schon einmal, zumal The Cure eine fantastische Band ist, die mir letztes Jahr bewiesen hat, daß sie trotz des mainstreamigen Erfolges nach wie vor nicht nach fiesem Stadionrock klingt. The Cure Cover scheinen ohnhehin in zu sein, denn vor ein paar Monaten hatte mich schon die Folksängerin Mariee Sioux mit einer außergewöhnlichen Neuinterpretation von Lovesong begeistert. Zudem gibt es ein Tribute Album, zu dem größtenteils Folksänger Coverversionen begetragen haben...

Die Vorzeichen für ein schönes Konzert standen also gut. Dann kam Norman Palm schließlich auch zusammen mit einer schwarzhaarigen jungen Dame und einem großgewachsenem Herrn auf die Bühne. Norman stellte sich und die anderen auf englisch vor und sagte, daß seine Band zu 66 (Komma wieviel?) % finnisch und zu 33, 333 % (Periode oder so, was?) deutsch sei. Er selbst vertrat die Bundesrepublik, das hübsche Mädchen genau wie der Hüne Finnland. Sie war für die wundervollen Videoanimationen zuständig und konzentrierte sich auf ein Apple Notebook, der lange Skandinavier spielte solch tolle Instrumente wie Xylophon, Glockenspiel und Melodica. Mein Landsmann hingegen sang und gratzte auf der Akustikgitarre. Ein sympathisches Trio, das das Debütalbum, schlicht Songs betitelt, der Reihe nach durchexerzierte. Am Merchandising Stand hatte ich schon die traumhaft schöne gebundene Ausgabe des Werkes gesehen, allerdings keine Zeit gehabt, das Büchlein durchzublättern. Diese Arbeit wurde mir jetzt abgenommen, denn zu jedem Song gab es die passende Illustration, beigesteuert von der charmanten Nordländerin mit dem bezaubernden Lächeln. Los ging es mit Floating Around, zu dem praktischerweise die Texte bildlich mitgeliefert wurden. "I could never ride a horse and I could never ride a chorus, but I can sing".... Ein phasenweise pessimistischer Text ("nothing gets along") über einen jungen Mann, der sich weder für cool noch besonders talentiert hält und nach dem sich die Frauen auch nicht umdrehen, bei dem die starke Annnahme besteht, daß er autobiografisch ist. Und selbst wenn der Inhalt mal gestimmt haben sollte, so kann ich mir doch vorstellen, daß Norman inzwischen jede Menge Avancen von den Damen bekommt (Frauen stehen nun einmal auf Musiker!) und auch Talent kann ich ihm bedenkenlos unterstellen. Er verfügt nämlich über eine richtig schöne und ungewöhnliche Stimme, ein gefühlvolles Gitarrenspiel und eben diese tollen selbstironischen Texte, die voller Hoffnung und Poesie sind. Wenn man unbedingt musikalische Referenzen braucht, um den Singer/Singwriter verorten zu können, so würde ich auf internationaler Ebene Bright Eyes, die Decemberists, Chris Garneau, Windmill, Jose Gonzalez , Teitur und Sophia und aus deutscher Sicht Künstler wie Gisbert zu Knypshausen, Peter Licht oder Björn Kleinhenz nennen. Aber lassen wir doch lieber diese Vergleiche, jeder Artist hat sein eigenes Universum und Norman erzählt nun einmal seine persönlichen berührenden Geschichten eines Kleinstadtjungen, der in die weite Welt aufgebrochen ist. Geschichten, die oft mit dem schönsten Thema, der Liebe, zu tun haben, wie man auch in dem begleitenden Kommentar zu dem treibenden Army Nation ( gibt es da irgendeinen Bezug zu den White Stripes?) lesen kann, in dem man erfährt das er sein Leben nicht noch einmal leben möchte ("I dont want to live this life again") möchte. Noch berührender ist aber Oh Elisa (Achtung ich halte mich nicht mehr an die chrologische Abfolge!), das mich auf Flügeln trägt und mir das Gefühl gibt, daß ich an keinem besseren Ort der Erde als hier auf diesem tollen Festival in Rennes sein könnte! Boys Dont Cry bestätigt dieses Gefühl, denn Norman macht auf kuriose Art und Weise Geräusche mit seinem Mund, die sich nach einer Trompete anhören und das Intro des Songs darstellen. Er eignet sich den Klassiker von The Cure an und fügt in nahtlos in sein Repertoire aus seelentröstenden Songs ein. Große Kunst ist das und ich applaudiere laut und anhaltend und bin auch sehr froh darüber, daß ein Landsmann den Franzosen mal zeigt, daß wir nicht nur Fußball spielen können, sondern auch musikalische Talente haben. Den Middletown Blues hätte schließlich auch ich schreiben können, denn ich weiß, wie es ist, wenn man in einem Kaff aufgewachsen ist, in dem die Hauptattraktion das örtliche Freibad ist. In Normans Dorf gab es aber auch noch die größte Monstertrackshow Europas, so etwas hatten wir bei uns nicht! Glücklicherweise haben wir aber beide den Abflug aus unseren Nestern geschafft und nur noch die nostalgischen Erinnerungen an die ländliche Gegenden im Gedächtnis, die manchmal gar nicht so verkehrt waren.

Gegen Ende wird das Set immer schöner und berührender, dem Middletown Blues folgt die herzerwärmende Ballade Could I've Been Wrong, auf der Norman seine stimmlichen Fähigkeiten voll ausspielt und das Xylophon das sanfte Gitarrenspiel auf das Wundervollste unterstützt. "I wanna thank you for all these years, I wanna thank you for all the fears, could I've been wrong", heißt es da, hach, schön!

Die traumhaften Lovesongs reihen sich nun wie auf einer Perlenkette auf, Everything You Need ist mit seinem Melodicasolo so melancholisch,
daß man ein Taschentuch gut gebrauchen könnte, wenn da nicht die witzige Videoprojektion wäre, auf der man Krokodile beim Liebesakt sieht. Auch Rent A Cat wartet mit einer prima Illustration auf, aber die erkläre ich jetzt nicht mehr ausführlich, weil ihr ja schließlich alle das hübsche Büchlein kaufen sollt! Auch Norman weist am Ende noch einmal darauf hin, daß am Merchandising Stand nette Damen das wunderbare Werk verkaufen. Man solle sich beeilen, es gäbe nur noch 12 Exemplare, weil mehr nicht in das Flugzeug gepasst hätten. Ein guter Kaufmann ist der Kerl also auch, aber ich hätte ohnehin so schnell wie möglich zugeschlagen, um die famosen Lieder auch noch bei mir zu Hause genießen zu können und dabei das Bilderbuch durchzublättern! Ein Stück des heutigen Abends fehlt aber darin, ich meine nicht das abschließende Long Way Home, bei dem der Berliner sogar wie Andrew Bird pfiff, sondern einen anderen Klassiker aus den 80 er Jahren: Girls Just Wanna Have Fun von Cyndi Lauper, präsentiert in schickem neuen Gewande! Mehr Folk weniger Disco.

Gut gemacht Norman, hast Deutschland wahrlich sehr würdig vertreten und die Finnen in Deinem Team sind eine echte Bereicherung! Wann kommst Du wieder nach Paris? Schließlich habe ich Dein dortiges Konzert im Motel leider verpasst! Weißt Du eigentlich, daß wir mit Künstlern, die wir sehr mögen , charmante Sessions in unserem Wohnzimmer veranstalten? Also wie sieht's aus??

In der Pause gab es dann die Gelegenheit zu einem kurzen Plausch mit Norman, der mir erzählte, daß ihn die französischen Darkrocker Nelson am Vortage nach Paris ins Motel geladen hätten. Wie klein die Welt doch ist, Nelson kenne ich natürlich auch, schließlich habe ich über die Jungs schon mehrfach hier berichtet und sie auch oft bei Konzerten als Zuschauer getroffen! Ich wußte, daß sie auch mal ein paar Monate in Berlin residierten und da haben sie wohl Norman Palm kennengelernt. Musik verbindet Nationen, das ist der Beweis!

Auch das Land Schweden lernt die übrige Welt größtenteils aufgrund der zahlreichen tollen Musiker kennen. Nachdem das schwedische Tennis zur Zeit etwas schwächelt, hören wir in Kontinentaleuropa inzwischen kaum noch etwas von Borg, Wilander und Edberg , sondern viel öfter Namen wie Loney Dear (auf dem Foto), Anna Ternheim, El Perro Del Mar, Jens Lekman, Pelle Carlberg, Peter Björn And John, The Sounds, Nina Kinert, Mando Diao, Jose Gonzales, Moneybrother, Were From Barcelona und so weiter und so fort...

Und natürlich fällt auch der Name Frida Hyvönen immer häufiger und die Artikel in der Musikpresse mehren sich, gerade nachdem im letzten Jahr, als das neue, zweite Album Silence Is Wild erschienen ist. Von Silence, also Ruhe, kann foglich keine Rede mehr sein, auch wenn nach wie vor intensiver über Anna Ternheim berichtet wird. Zur Headlinerin des heutigen zweiten Tages des Festivals Top Of The Folk hat es aber auf jeden Fall gereicht, auch wenn ihr Scheck mit Sicherheit weniger Nullen am Ende aufwies, als derjeniege von Björk bei Rock en Seine 2007. Aber es sollte den Artisten nicht in erster Linie um das große und schnelle Geld gehen, denn ansonsten laufen sie Gefahr, künstlerisch zu verflachen und abzustumpfen. Aus meiner Sicht ist es für Frida eine ganz tolle Sache, zusammen mit solch innovativen Newcomern wie Arch Woodman, f. hiro, La Terre Tremble!!! und Norman Palm aufzutreten und nicht bei irgendwelchen Mainstreamveranstaltungen neben Typen aus Castingshows. Aber Fräulein Hyvönen passt da schon auf, schließlich hat sie mit Secretly Canadian ja auch ein vorzügliches Indielabel, bei dem nicht nur ihr Landsmann Jens Lekman, sondern auch Jason Molina, Damien Jurado, Scout Niblett oder Bodies Of Water unter Vertrag sind. Vor aber natürlich Antony und seine Johnsons. Genau wie Antony, der inzwischen zum Weltstar aufgestiegen ist, spielt Frida Piano und teilt mit ihm auch die Vorliebe für die Oppulenz und die bitter-süße Ironie.

Frida hat aufgrund ihres Charismas, ihres Talents und ihrer attraktiven Erscheinung mit Sicherheit ebenfalls das Potential weltbekannt zu werden. Ihre Lieder sind auch massenkompatibel, ich sage das jetzt gar nicht abschätzig, denn es ist gar nicht so einfach, einen eingängigen Popsong zu schreiben, der zudem noch nicht dümmlich ist. Und gerade das schafft Frida Hyvönen: Sie schreibt Popsongs (Folk macht sie m.E. nicht), rund, ohrwurmig und süß wie Honig, aber dennoch nicht flach. Wie kriegt sie dieses Kunststück hin? Nun, vor allem dadurch, daß sie klasse Texte voller Witz, Ironie und Poesie schreibt. Der oberflächliche Hörer, der nicht genau hinhört und nur die schönen Melodien verfolgt, bekommt diese Facette von Frida gar nicht mit, merkt gar nicht wie die Schwedin mit einem bezaubernden Lächeln Vulgaritäten verbreitet und Seitenhiebe verteilt. Die unglaublich groß gewachsene Frau hat es faustdick hinter den hübschen Ohren und das ist auch gut so, sollen doch Unwissende sie für ein Mode- Püppchen ohne Tiefgang halten!

Aber das Publikum in Rennes schien mir sehr fachkundig und intelligent zu sein und begrüßte Frida und ihre beiden Mitmusikerinnen, die an Bass und Schlagzeug für den nötigen Dampf sorgten, mit viel warmherzigen Applaus.
Die Leute hier mochten sie, das merkte man. Das wiederum ist fast schon wieder erstaunlich, denn optisch verkörpert Hyvönen Vieles von dem, was man in Frankreich nicht so mag. Sie ist stets extravagant gekleidet, es blinkt und glitzert, wo man nur hinschaut und die 80 er Jahre- Fönfrisur habe ich auch bei modebewußten Französinnen eher selten gesehen. Aber ich glaube, gerade französische Frauen bewundern ihren Mut zur Oppulenz. Keine graue Maus, die bescheiden und dezent auftritt, sondern ein richtiges männermordendes Weibsbild, mit riesigen Schulterpolstern, hochhackigen Schuhen, roten Lippen und schwarzen Leggings. Wenn man sie so sieht, könnte man sie glatt für die Idealbesetzung in einem Streifen von Denver Clan in den 80ern halten. Vor meinem geistigen Auge sehe ich sie mit einem bauchigen Kristallglas mit Whiskey, den sie schon mittags runterkippt. Sagte ich gerade Whiskey? Ja, richtig, Whiskey! Eigentlich mag Frida das Gesöff nicht, aber heute brauchte sie den (und bekam ihn auch prompt ans Piano gebracht), da sie ein Problem mit ihren famosen Stimme hatte, mit der sie fast als Opernsängerin auftreten könnte. Es war circa. in der Mitte ihres bis dahin reibungslos verlaufenen Konzertes, als sich plötzlich ihre Stimmbänder verknoteten. Sie brach das Lied ab, trank einen Schluck Wasser, aber der lästige Kloß im Hals wollte nicht so schnell wieder verschwinden. Also brachte man ihr später einen Whiskey und siehe da: Das hochprozentige Zeug wirkte, ihre glockenklare Stimme wurde wieder geschmeidiger und sie sang wunderbar wie eh und je. Die zweite Hälfte des Sets bekam sie also einwandfrei hin, wobei auch ihre beiden Freundinnen kräftig mithalfen. Die Schlagzeugerin hatte trotz ihrer zierlichen Statur einen ganz schön kräftigen Bums und eine enorme Beschleunigung drauf und die Bassistin spielte nicht nur dieses Instrument einwandfrei, sondern auch einfühlsam und wunderschön Cello, z.b. bei My Cousin. Eine richtige Band war das also, die phasenweise ein Rockkonzert ablieferte, zu dem ich mich auch gerne etwas bewegt hätte, aber das ging in dem Kinosaal in Rennes leider nicht. Schade, gerade zu dem mitreißenden London mit seinen tollen Chorgesängen hätte ich gerne die Hüften geschwungen, genauso wie zu Djuna!, dem Hit vom ersten Album. Das Ende war dann aber eher verhalten und melancholisch. Und zynisch, wie der famose Text zu Dirty Dancing beweist, mit dem man sich wirklich mal einmal auseinandersetzen sollte, es lohnt sich! (Ha, ich nehme Euch nicht die Arbeit ab!) Oh Shanghai, ein Stück, das auch gut zu einem Musical passen könnte, beschloß dann das knapp einstündige Konzert, das mich nicht ganz so gepackt hatte, wie das vor ein paar Monaten in der Pariser Maroquinerie, aber dennoch gut und unterhaltsam war. Frida Hyvönen hat mit Sicherheit weder die Veranstalter noch die Zuschauer enttäuscht und ein junger Musiker (ugh! , er trat am nächsten Tag in einem Pub auf), mit dem ich mich im Bus zurück nach Rennes angeregt unterhielt, äußerte sich auch positiv: "Erstaunlich, daß ich das poppige Zeug mochte! Meine Lieblingsbands sind eigentlich eher Pavement und Sonic Youth"...

Setlist Frida Hyvönen, Festival Top Of The Folk, Rennes 2009:

01: Enemy Within
02: Birds
03: Pony
04: The Modern
05: December
06: Science
07: You Never Got Me Right
08: Highway 2 U
09: Djuna!
10: Come Another Night
11: London!
12: My Cousin
13: Dirty Dancing
14: Oh Shanghai
- Links:

- mehr Fotos von Frida Hyvönen hier
- mehr Fotos von Norman Palm hier
- charmante Videoclips von Norman Palm: Floating Around, Girls Just Wanna Have Fun

Konzerttermine von Norman Palm:

27.03.2009: Popo Bar, Berlin
24.07.2009: nbi, Berlin



 

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