Konzert: Stealing Sheep Ort: on3 Festival, München Datum: 01.12.2012 Bericht von Eike Klien. Erstveröffentlichung auf dem Klienicum. Fotos by Oliver Peel
War ich doch im Dezember 2010 nicht zu vorschnell, um Stealing Sheep
eine Zukunft voraus zu sagen. Nun ist bei der gegenwärtigen Begeisterung nicht von das Klienicum die Rede, wenn es darum geht, die Sprungbretter für die Karriere des Liverpooler Trios zu klären, eher
hält man sich da an Jarvis Cocker. Macht mir nichts aus, denn es ändert
nichts an meiner unverbrüchlichen Sympathie für Becky, Emily und Lucy.
Der Dreier eröffnete im Studio 1 die Konzertnacht, und zunächst hatte
ich befürchtet, dass die liebenswerten Mädels der hungrigen Meute zum Frass vorgeworfen würden. Doch die Stimmung brach, alles Unaufgeräumte
fand schnell seinen Platz und die Konzentration auf das wunderbare Konzert schnellte empor. Denn die Mädels hatten ihr Publikum flott im Griff. Nicht zuletzt dank freudiger Gesichter und einer ausnahmslos
perfekten Umsetzung ihrer Songs, wie man sie engagiert und akzentuiert
vorgetragen auch vom Tonträger herunter kennt. Fokussiert haben sich Stealing Sheep bei ihrem Vortrag auf das aktuelle Album "Into The Diamond Sun", das herausragendes Material zu bieten hat. Das choral
beginnende "Shut Eye" etwa, bei dem die von Emily geführte E-Gitarre
vortrefflich zu dengeln weiß und der Harmoniegesang von der Abgestimmtheit lebt. Das Feuer, welches den Refrain auszeichnet,
übertrug sich in das in Bewegung geratene Publikum. Nicht weniger
spannend das psychedelisch verbrämte "Rearrange". Die Mädels stimmten sich perfekt ab, die Übergänge konkurrierten um die Bestleistung, in der abschließenden Elegie ging der Song schließlich
auf. "White Lies" trommelte sich voran, es war eine Wonne, Lucy beim Knüppel schwingen am mittig platzierten Drumset zu beobachten, wie sie
es stehend engagiert bearbeitete. Ihr dabei zur Schau gestelltes Dauergrinsen war inspirierend, anregend, versöhnlich.
"Genevieve" war
natürlich ein Höhepunkt. Der Song geht unmittelbar in die Beine, auch
live gelang er ausgezeichnet. Die beschwingte Note umwarb sofort die Aufmerksamkeit und startete einen Angriff auf die Beinmuskulatur. Die
dürftige instrumentale Ausstattung begrenzte das Trio nicht sehr. Oft
ähnelte sich der Verlauf der vorgetragenen Lieder. Schwungvolle Parts
wechselten sich mit einem kurzen Innehalten ab, da man sich einem
rhythmischen Aufgalopp oder einer vokalen Einzelleistung gegenübersah,
die alsbald wieder in kollektives Zusammenspiel überging. Becky, die die Schellen und die Keyboards bediente, wand und bewegte
sich schlangengleich im Takt. Mit ihrem Stirnband kontrollierte sie die Mähne, mit ihrem Instrument die vielfachen Harmonien. Die große Kunst
der Drei lässt sich hier festmachen.
Die Songs sind songwriterische Kleinode, die mit Ausfallschritten und Vertracktheiten dienen können,
die sich jedoch nie Fehltritte erlauben. Das stimmige Ganze ergänzt sich
in den liebenswerten Menschen, die sie vortragen. Trotz ihres angeblich
letzten Auftritts einer längeren Konzertreise (Paris am 04.12. steht
noch an), witzigerweise verabschiedeten sie sich damit von Europa, boten
sie ein in allen Belangen zufriedenstellendes Konzert.
Noch ein Wort zu
den Damen selbst. Die höchst unterschiedlichen Charaktere bilden ein
faszinierendes Gesamtbild. Die extrovertierte Becky, immer in Bewegung,
schwungvoll tänzelnd, jungmädchenhaft leuchtend (den eher ungewöhnlichen Augenblick der Einkehr haben wir auf Foto gebannt), mitsamt ihrer
leicht keckernden Stimme, die in sich ruhende Lucy, die mit ihrem
offenen Gesicht allein Geschichten zu erzählen wusste und mit einem
betörend klaren Gesang zu dienen wusste und schließlich die in sich
gekehrt wirkende Emily, die einer Elfe gleich über die Saiten ihres Instruments strich und doch einen so wichtigen Part beisteuerte. Ein
tolles Ensemble mit einer ausgesprochen hoch qualitativen Darbietung.
Konzert: Micachu And The Shapes, Lower Dens Ort: On-3 Festival, München Datum: 01.12.2012
Bericht von Eike Klien. Erstveröffentlichung auf dem Klienicum Archivfotos by Oliver Peel Stealing Sheep hatten uns enthusiastisch enlassen, siehe Teil 2. Das on3 Festival 2012 fand einen gloriosen Einstieg. Was sollte da schon im Verlaufe passieren können? Unbill! Indem wir nämlich zu spät die richtige Entscheidung trafen, landeten wir in Schlangen, in denen sich nichts bewegte, also eher in Haufen Menschen, deren Ungeduld bald Bände füllen sollte. Einige wollten ihr Geld, andere holten sich die Jacken von der Garderobe zurück. Wir suchten Alternativen, denn das The Dope Konzert wurde zu einer geschlossenen Veranstaltung, die nachfolgende Fenster- Veranstaltung eh. Also entschieden wir uns für das Studio 2 und behielten uns vor, hier länger auszuharren. Mit exclusive ging das aber gar nicht, in Teil 1 hatten wir dies bereits begründet.
Die Einkehr bei Micachu And The Shapes allerdings war die rechte Entscheidung. Die Band um Mica Levi begeisterte von der ersten Sekunde an. Das sorgsame Klangbild bastelte sich aus gerade mal einem Synthie (+ zusätzlichem kleinen Klangwerk), an dem Raisa Khan operierte, einem Schlagzeug mit Marc Pell dahinter und der E-Gitarre, die das androgyne Wesen umgeschnallt hatte. Heraus kam eine blendende Mischung aus Punkvergnügen, Popverliebtheit und der sorgsamen Variante des Experimentellen, die nie überbordend auftrat oder gegenläufig funktionierte. Während Raisa in ihr Gerät hackte, zerstob die Note unter dem Wirbel von Marc, die Physiognomie knautschend verlautbarte der Sänger dies und das. Was auf Platte vielleicht etwas geglättet klingt, wird live zu einer Besonderheit aus Tiefen und Höhen, Möglichem und Abwegigem. Es fühlt sich organisch an, fleischig gerade zu, Musik, die sich materialisiert, zum Greifen spürbar. Die Band hatte ihr Vergnügen und das Publikum ebenso, es wurde sich gegenseitig angelächelt, und was wollte man denn noch mehr, wenn öffentlich eine der Künste so kunstvoll durch den Fleischwolf gedreht wurde?
Ein großes Wandern vermieden wir und blieben hernach dem Studio 2 treu. Denn in Kürze sollten hier Lower Dens auftreten. Ein kleiner Traum meinerseits, den ich hegte, seit ich Jana Hunter kenne und seit vor ca. zwei Jahren das erste Album ihrer Formation erschien. Lower Dens' Musik ist lange vor Lied und Melodie und klassischer Songstruktur Soundgebilde. Eines der entschleunigten Art, robust und durchzogen mit feinsten Linien, energisch und doch auch voller Reize. Mit einem pointierten Schlagwerk, das weniger nach vorn peitscht, als dass es Ruhepol ist, das austariert und vor äußeren Einflüssen schützt. Mit zwei Stromgitarren, die vor sich hin bäumelnd, gedanken verloren stilmeistern, genauso wie sie gemeinsam am Holz schnitzen können, um es von der Borke zu befreien. Einem Bass, der selten so gut gespielt wurde, der rhythmisch agil und zugleich Melodie verschworen agiert. Und schließlich mit Stimmen, die sich wie selbstverständlich in diesem verschlossenen Llangkosmos bewegen, Teil des Ganzen und nur seltenst dominant sind. Ein Korpus also, in dem sich vier Personen bewegen, die nur wenig Blickkontakte haben, die voll und ganz auf sich und ihr Tun konzentriert sind und doch unablässig damit beschäftigt sind, die Bande zwischen sich zu festigen.
Janas zwischen den Geschlechtern changierende Stimme korrespondierte so hervorragend mit dem etwas gelasseneren, wenngleich nicht weniger berauschenden Gesang des Bassers Geoff Graham. Die Verschwisterung am Instrument gelang dem weiblichen Vorstand mit Will Adams, dem etwas ungelenken Gitarristen, dessen flüchtiger Blick kaum zur Ruhe kam. Ich wollte das als Konzentration wahrgenommen haben. Das Stichwort überhaupt für diesen Vortrag. Vermutlich hatte in dieser Runde noch Nate Nelson den relaxtesten Part. Hinter seinem Schlagwerk organisierte er den Beat und brachte, mit zwei Laptops bestückt, die eine oder andere Soundmalerei zustande. Die anderen drei Musiker verschworen sich zunehmend miteinander. Dieser dem Shoegaze nahe, ungezähmte musikalische Bruder vollführte einen ganz eigenen Zauber. Die Ursprünglichkeit der rauen Spielart wurde durch das fadenscheinig Nebulöse des Sounds gehemmt und zurückgeworfen als ein zu durchdringendes Geflecht. Wer sich nicht darauf einließ, konnte abgestossen werden. Alle anderen versanken in ein herrlich mäandernder, waberndes Gebräu.
Setlist: i get nervous / candy / batman / two cocks waving wildly at each other across a vast open space, a dark icy tundra / propagation / lion in winter pt 1 / lion in winter pt 2 / brains / holy water / alphabet song / nova anthem
Mein Zuhause. Mein Blog. ist als kleines privates Konzert- Tagebuch entstanden. Und weil es zur Zeit musikalisch so spannend ist, wächst unsere Sammlung schnell. Wir schreiben die Berichte spontan, unüberarbeitet und so zeitnah wie möglich. Die Reviews stehen meist noch in der gleichen Nacht online, spätestens jedoch am nächsten Tag. Musik ist für uns vor allem Spaß und keine Wissenschaft.
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