Sonntag, 20. März 2016

Benjamin Clementine - Philharmonie Köln - 10.12.2015


Konzert: Benjamin Clementine
Ort: Köln - Philharmonie
Datum: 10.12.2015
Dauer: 85min
Zuschauer: ca.1.800


Benjamin Clementine in der Philharmonie. Allein diese Ankündigung weckte sofort meine Aufmerksamkeit, wird doch in Deutschland viel zu selten die Spielstätte der Klassik auch für andere Veranstaltungen genutzt. Anders als in den Niederlanden scheint hier immer noch die Furcht vor randalierenden und schreienden Pop/Rockfans vorzuherrschen. An den fälligen Mieten kann es trotz des vielfachen an notwendigem Personal für Garderobe und Türsicherung nicht liegen. Die Ticketpreise lagen kaum über dem normalem Kölner Niveau für ähnliche Veranstaltungen in zugigen Fabrikhallen.

Auch für erfahrene Konzertbesucher ist ja manchmal der plötzliche Anstieg des Erfolges bzw. der Ticketnachfrage kaum erklärbar. Oft liegt es an Radio-oder TV Sendungen die nicht im eigenen Fokus liegen (oft wurde ja schon behauptet, das Konzerttagebuch würde den Soundtrack für den TV-Dschungel moderieren), manchmal sind es YouTube Videos (sein früher Auftritt bei Jools) oder auch nur die gute, alte Mundpropaganda. Bei Benjamin Clementine dürfte da alles zusammenkommen.

Obwohl erst ein Album veröffentlicht ist, war seine Präsenz in diversen Medien anhaltend groß. Seine Erscheinung und seine Aschenputtel Geschichte boten genug Stoff. Und so war ich gespannt wie sich das Konzerterlebnis nach dem grandiosen, aber auch verstörenden Auftritt beim Haldern Pop diesmal verändern würde. 

Viel erwartete ich nicht, intimer und überraschender konnte es nicht werden, viele neue Songs gab es ja auch nicht. Trotzdem erstaunte mich zunächst die fast volle Halle und das über sämtliche Altersgrenzen hinweg anwesende Publikum. Ohne Vorgruppe ging es pünktlich los, wie es sich für ein Haus der Hochkultur gehört. Clementine betrat die Bühne, diesmal zusammen mit einem ähnlich gekleideten Schlagzeuger. Wie sich herausstellte, nicht nur in modischen Fragen ein Bruder im Geiste. Sein Spiel am "Schlagzeug", hier wörtlich als eine eher lose Sammlung an Schlaginstrumenten, war ähnlich unorthodox wie Clementines Gesang und Flügelspiel. 

Der wie immer zwischen Schüchternheit und Arroganz schwankende Sänger schien die Ablenkung auf das Schlagzeug zu genießen, der Zuhörer konnte den krassen Kontrast der beiden einzigen Instrumente oft nicht ganz nachvollziehen. So ergab sich ein bemerkenswerter musikalischer Abend ohne Kompromisse. Clementine nutzt alle, wirklich alle Nuancen seiner bemerkenswerten Stimme: raunt, schreit, murmelt oder rappt.

Besser gelaunt als früher bedankt er sich des Öfteren und dehnt die Pausen zwischen den Songs mit langem Grinsen. Drummer Alexis Bossard wird erst zum Ende des Sets eine Pause gegönnt. Clementine läuft jetzt zu noch besserer Form auf, alleine am Klavier ist er halt schwer zu schlagen. Bossard verpasst keine Sekunde und bleibt gespannt am Bühnenrand stehen.

Die Stimmung löst sich weiter, bei seinen Hits ist sich Clementine mittlerweile seiner Stärke bewusst und bringt das Konzert mit einer unglaublichen Hingabe zu Ende, ohne sich dabei besonders anstrengen zu müssen. Oft denke ich völlig aus dem Kontext dabei an Robbie Williams, der sich auf der Bühne ähnlich sicher, auch oft nur auf sein Talent verlassend präsentiert.

"Condolence", "London" (mein Lieblingssong) und "I won`t complain" folgen alle, in der Zugabe wird sogar ein Publikumssingsang angestimmt, der mir aber zu fahrig daherkommt.

Mittlerweile ist der "Mercury Price" für das beste Album 2015 an Benjamin Clementine vergeben worden. Auf Platte muss er den Fokus, den er bei den Auftritten so genial beherrscht, noch etwas schärfen. Ein begeistertes Publikum wird das Talent und die Substanz des Kölner Auftritts aber rasch weiter in die Welt tragen.

Dem Wunsch des Künstlers auf Fotos zu verzichten wurde natürlich entsprochen.


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