Montag, 5. Dezember 2016

Jherek Bischoff, Köln, 03.12.16


Konzert: Jherek Bischoff mit Streichquartett
   in der Reihe King George plays Britney
Ort: Britney (am Schauspiel) in Köln
Datum: 3. Dezember 2016
Dauer: 80 min
Zuschauer: knapp 50

(c) Rainer Driemeyer

Manchmal hilft ganz doll wünschen eben doch (*)...
 

Jherek Bischoff trat an den Rand meines privaten Musikhorizonts als Partner in Crime von Amanda Palmers Album Theatre is evil.  Schon den Berichten aus dem Studio war zu entnehmen, dass dieser junge Mann mit dem auffälligen Namen mehr als der Session Bassist für das Projekt ist. Als ich ihn 2012 in Zürich zum ersten Mal auf der  Bühne sah, prägte sich auch sofort sein Äußeres ein. Er war der - zwischen den Rockern auf der Bühne eher still wirkende - sehr große, schlanke Mann im Anzug und mit Fliege, der aber in dieser Ruhe eine fast hypnotische Kraft ausstrahlte.
 

Dass dahinter ein zutiefst sympatischer Mensch steckt, mit einem Lächeln, dass Eisberge schmelzen lassen kann, zeigte sich dann 2013 im Rahmen des als #Eschvegas in die Annalen eingegangene Party-Konzerts, das Amanda zwar privat im Rahmen ihrer Finanzierungskampagne für das Theatre-is-evil- Album zugesagt hatte, aber aufgrund der Anfang 2013 abgesagten Konzerte in Deutschland dann später in ein Tour-Routing einsortierte, bei dem die ganze Band dabei war. Es war auch dort, dass ich mich in seinen so auffälligen E-Bass verliebte und in die Art, wie er ihn spielt. Seine Körperhaltung ist ja sowieso im Schulterbereich leicht gebeugt und nimmt damit das Instrument vor dem Bauch wie zärtlich, um dann doch richtig Krach damit zu machen, wenn er mag. Nach dem Konzert in Köln vermute ich ja, dass die Haltungsschwäche nicht nur seinem freundlichen Wesen entspricht, sich für andere kleiner zu machen (ihner Augenhöhe etwas näher), sondern vielleicht auch den 13 Jahren, die er auf einem kleinen Segelboot zu Hause war. Das Ausschauen nach ihm war für mich seit der Nacht in Eschwege eher freundlich neugierig um die Person kreisend.
 

Meine Liebe zum Komponisten Jherek Bischoff erwachte erst kürzlich, im Frühsommer 2016 - dafür aber wirklich heftig - mit dem David-Bowie-Tribute-Album Strung out in heaven. Auch eine Zusammenarbeit mit Amanda Palmer, die aber diesmal überdeutlich seine Handschrift trug - vor allem sichtbar in den Streicher-Arrangements. Daraufhin musste ich natürlich auch sein aktuelles Album Cistern vorbestellen und habe mich schon beim ersten Hören ganz darin verloren. Es wird auf alle Fälle in den Top 10 des Jahres 2016 landen. Derweilen passierten in seinem Leben 2016 solche Dinge wie die Bowie Nacht bei den Proms im Juli in London (ich wäre auf alle Fälle hingeflogen, wenn ich ein Ticket für den Abend bekommen hätte) und die Aufführung von Cistern auf dem Times Square.
 


Schließend hörte ich, dass er spät im Jahr 2016 einige Zeit in Europa sein würde, um in Basel eine Musik für Das fliegende Klassenzimmer aufzuführen. Das wird natürlich ein Teil meines Weihnachtsprogramms werden, aber es erwachte auch der Wunsch, es könnte ein Konzert in Deutschland in dem Zeitraum "abfallen", denn für Paris und Amsterdam stand das schon bald fest. Ich drückte ganz fest die Daumen. Zum Glück für mich gab es noch mehr Menschen mit dem Wunsch und es wurde in Köln wahr und nicht z.B. in Berlin... Insofern war dies ein gesetzter Termin in meinem Konzertkalender. Dann kam es wie es manchmal geht: Es fielen daneben noch einige Puzzleteile an den rechten Fleck. Ein dienstlicher Termin in Bonn, eine Verabredung in Köln und schließlich sogar eine Begleitung zum Konzert. Ein wahrhaft adventliches Paket schnürte mir da mein Leben zurecht!
 


Daneben hatte ich mir wenig konkrete Vorstellungen davon gemacht, was es im Konzert zu hören geben würde. Ob die Hoffnung auf Streicher sich z.B. erfüllen würde war aus der Ankündigung nicht zu entnehmen und ob es überhaupt Konzert von Jherek Bischoff heißen kann, wenn er eigentlich ein Streichquartett seine Musik aufführen lässt? Darüber habe ich gar nicht näher nachgedacht. Trotzdem lag schon in meiner Abfahrt in Karlsruhe eine große Vorfreude auf den Abend (im Überschwang vergaß ich z.B. meinen Fotoapparat einzupacken, den ich extra rechtzeitig neu besorgt hatte...). Spätestens aber mit dem Ankommen im Britney, einem wirklich besonderen Ort war ich mir ganz sicher, es würde ein Abend werden für den sich das Kommen mehr als gelohnt hätte. Im Foyer hatte ich mit meiner Begleitung noch ein Gespräch darüber, welche Musikstücke uns zu Tränen rühren. Nicht wissend, dass ich das Stück, das mir sofort einfiel und für das ich natürlich auch zum Taschentuch greifen musste, in diesem Konzert hören würde: Life on Mars?


Und dann begann das Konzert und tatsächlich hatte sich ein Streichquartett gefunden, dem Jherek mit seinem E-Bass, ein wenig Computerbeimischung und bei einem Stück auch mit einer Trommel als fünfte Stimme und Dirigent beitrat. Es ging laut los mit Wumms im Bass und Jherek unternahm mit dem Publikum eine Reise durch seine Oeuvre mit leichtem Schwerpunkt auf dem aktuellen Album. Immer wieder kam er auf die prägende Erfahrung des Musizierens in dem riesigen Raum der Unterwasser-Zisterne zurück, aus der sich der Klang des Albums ableitet. Z.B. erzählte er uns im Lauf des Konzerts, dass er beim hören seiner eigenen Cistern-Musik an eine tiefe Erfahrung aus seiner Kindheit erinnert wurde, die er ganz vergessen hatte. Eines nachts war rund um das Segelboot das Meer vollkommen ruhig und der Sternenhimmel spiegelte sich darin, sodass nach einer Zeit kein oben und unten mehr unterscheidbar war. Ein zuerst erschreckendes aber schließlich genossenes Gefühl des Treibens im All war die Folge. Nun kann ich wohl den Track Cas(s)iopeia nie mehr ohne das Bild dieses inneres Sterneflimmern hören. Das nach seiner Einschätzung aggressivste Stück Musik aus seiner Feder, das Stück Wolf  war live auch doppelt eindrucksvoll als zuvor auf der CD für mich.
 


Mindestens zwei der aufgeführten Stücke hatte er für das Kronos  Quartett geschrieben oder arrangiert. Beide kannte ich nicht und Kule-Kule von Konono no1 war für meine Begleitung eine ganz spezielle Überraschung. Als er schließlich darauf zu sprechen kam, was für ein furchtbares Jahr 2016 emotional gewesen sei mit Trumps Triumpf und so vielen verstorbenen Vorbildern, kam seine Bitte um das bringen von Liebe in unsere Welt sichtlich aus vollstem Herzen (ich habe die vielen please, please,.... nicht mitgezählt). Aus dem Publikum wurden Namen von schmerzlich vermissten Künstlern zugerufen und zu Sharon Jones hatte er noch ein ganz persönliches Erlebnis aus dem vergangenen Jahr zu teilen, als er in der Carnegie Hall auf dem gleichen Konzert wie sie aufgetreten ist. Beim nachkonzertlichen Fritten kaufen im Restaurant mit den zwei goldenen Flügeln brachte Sharon das ganze Restaurant zum singen - so eine Person war sie. Und dann folgte für mich DER Moment: Life on Mars? Das hätte ich mir nicht zu wünschen gewagt und fiel mir nun so als mein privates Weihnachtsgeschenk in den Schoß. Wow, wie wunderschön! Im Anschluß sprach mich mein Nachbar an, er hätte dieses Stück gern noch ein paarmal wiederholt bekommen.

Und doch ließ sich dieser so ganz besondere Moment noch übertrumpfen durch die Aufführung von Cistern mit Glöckchen im Publikum verteilt. Irgendwie auch eine gute Allegorie für ein nettes herbeirufen. In jedem Fall ein ganz und gar erhebendes Gefühl des miteinanders und des sich hingebens an den wunderschönen Moment. Danach war kein Raum mehr für eine Zugabe. Statt dessen gab es einen herzlichen Schlußgruß von Jherek und für mich einen glücksbenebelten Rückweg zum Bahnhof - vorbei am Dom, den Jherek als den seiner Meinung nach schönsten der Welt bezeichnet hatte. Der Dom hatte sich darüber vor Erröten wohl in eine Wolke zurückgezogen.
 



(*) Vor allem wenn andere was tun :) - hier die Leute in Köln hinter dem King George und dem Week-End Fest aka Jan Lankisch und Teresa Nink (aus tiefstem Herzen Dank dafür!)

Setlist:
folgt

Aus unserem Archiv:
Amanda Palmer, Eschwege, 08.11.13
Amanda Palmer, Zürich, 30.10.12



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