Dienstag, 10. Mai 2016

Lush, London, 06.05.16


Konzert: Lush
Ort: Roundhouse, London
Datum: 06.05.2016
Dauer: Lush knapp 85 min, Pixx 30 min
Zuschauer: 3.300 (ausverkauft)



Lush sind seit mehr als 25 Jahren fester Bestandteil meines Lebens. Klingt ekelhaft pathetisch, ist aber so. Hätte mir eine gute Musik-Fee vor ein paar Jahren angeboten, die Smiths, Joy Division oder Lush live sehen zu dürfen, hätte ich nicht nachdenken müssen. 

Obwohl bis vergangenes Jahr nichts darauf hindeutete, ging es letztlich auch feelos. Vor vier Wochen spielten Lush ihr erstes Konzert seit zwanzig Jahren. Der kleine Warm-up Gig im Oslo in London war erstaunlicherweise nicht sofort ausverkauft, ich bekam ein Ticket und konnte die Band, die sich nach dem Tod ihres Schlagzeugers aufgelöst hatte, endlich sehen. Das Konzert war phänomenal gut - auch objektiv.

Danach gingen Lush, bei denen jetzt Justin Welch von Elastica am Schlagzeug sitzt, auf US-Tour. Die beiden Coachella-Wochenenden waren geplant, dazwischen Konzerte an der Westküste und in Vancouver. Wegen der für Europäer nicht nachvollziehbaren US-Arbeitsvisum-Politik, fiel Konzert um Konzert aus. Miki, Emma, Phil und Justin waren in L.A., durften aber nicht spielen. Wenn man die Geschichte der Auflösung kennt (nach Chris' Tod endete Lush, offiziell aufgelöst wurde die Band aber erst fast zwei Jahre später), kann man sich vorstellen, wie groß der Schritt war, die festen Jobs zumindest zu unterbrechen, um nach zwanzig Jahren wieder Lush zu sein. Sängerin Miki hat seitdem keine Musik mehr gemacht. Dann endlich Konzerte gegen alle Unsicherheit und Nervosität - und dann darf man nicht, weil die Arbeitsvisa noch nicht bearbeitet sind. Schrecklich!

Auf dem Weg zum Warm-up Konzert im Oslo schrieb Bassist Phil King bei Facebook "nervous". Er, der seit Jahren mit den sicherlich nicht ganz einfachen Reid-Brüdern Live-Bassist von The Jesus And The Mary Chain war und da sicher alles gesehen hat. Ich war das auch (ist etwas anmaßend), es hätte ja ganz schrecklich sein können. Beim eigentlichen Reunion-Konzert am Freitag im Roundhouse in Camden war ich nicht mehr nervös. Dafür war der Auftritt im April zu gut.


Das Roundhouse war früher ein Eisenbahn-Drehteller, den man aus alten Büchern oder Modellbausätzen kennt. Heute ist der runde Saal einer der schönsten Konzertsäle, die ich kenne. Ins Roundhouse passen rund 3.300 Zuschauer. Das Freitagskonzert war schon lange ausverkauft (es hätte ja ursprünglich das erste echte sein sollen). Oben auf der Galerie schienen einige der Sitzplätze nicht besetzt zu sein. Voll wurde es unten erst nach der Vorgruppe. Als Pixx aus Chipstead, südlich von London anfingen, waren keine 150 Zuschauer vor der Bühne.

Pixx ist das Projekt der 19-jährigen Hannah Rodgers, die offenbar nicht Nichte eines der Bandmitglieder von Lush ist, sondern bei 4AD unter Vertrag steht. Hannah trug einen Haarschmuck aus bunten Pyramiden und spielte gemeinsam mit einer Keyboarderin und einem Gitarristen Lieder, die im Prinzip gut waren, leider aber nicht viel mehr. Ein paar der Stücke hatten tolle Melodien, wurden aber durch eine hibbelig-hohe Stimme kaputtgekatebusht. Hannahs normale Singstimme, die viel tiefer war und der das Gestelzte der hohen Kunststimme fehlte, war deutlich schöner. Ganz lustig anzusehen war das Bemühen der Keyboarderin, ihr Mikro immer wieder nach unten zu korrigieren, damit es zu niedrig war und sie sich bücken mußte. Das Set von Pixx dauerte 30 Minuten. Die 4AD Supports waren früher spannender (die Pale Saints), es war aber recht unterhaltsam.


Um zwanzig nach neun kamen dann meine und aller anderen Helden auf die Bühne. Im Publikum waren zwar erstaunlich viele jüngere Menschen aber auch die waren nicht zufällig da. Es war in jeder Hinsicht ein Heimspiel. Obwohl auch irre viele Deutsche im Saal waren (nach Briten und Japanern vermutlich die größte Gruppe - wahnsinnig viele Japaner!), würden Lush in Deutschland vermutlich höchstens vor 250 Leuten spielen. Großartig, daß der Rolling Stone Weekender die Band gebucht hat, aber da wird wahrscheinlich sehr viel Platz vor der Bühne sein.

Lush spielten das gleiche Set wie beim Warm-up Konzert, also vor allem Lieder von Split (1994), von Spooky (1992) und den frühen EPs Scar und Mad Love, also alles aus der Zeit vor der nicht freiwilligen Brit Pop Phase der Band. Im Oslo war es deutlich lauter (laut ist gut), der Klang im Roundhouse war aber auch ganz hervorragend. Gerade eine Band wie Lush mit ihren vielen Soundschichten (bei Facebook las ich, für jedes Jahr Pause sei eine Gitarrenschicht dazugekommen) ist aus meiner Laiensicht vermutlich eine echte Herausforderung für die Soundleute. Die Stimmen der beiden Frauen klangen vermutlich genauso, wie die Band das möchte, nicht zu deutlich aber auch nicht versteckt hinter den noisigen Gitarren. Ein schöner Indikator für den Klang war der Anfang von Light from a dead star, und der war bombastisch.

Durch der hohen Anteil von Songs wie Etheriel, Thoughtforms, Lit up, Scarlet, Monochrome (alle irre toll!) war der Grundton des Konzerts ruhig. Ruhig, nicht leise. Die wilden, schnellen Stücke wie Hypocrite waren in der Live-Wahrnehmung eher in der Minderheit. Das war vielleicht nicht zu erwarten, kann aber bei niemandem, der die Band mag, für Enttäuschung gesorgt haben.

Miki, die von den drei alt-Lushs als einzige nicht bei Facebook geschrieben hatte, daß sie nervös sei (weil sie nicht bei Facebook ist), sprach als einzige mit dem Publikum und wirkte souverän, als habe sie in den vergangenen zwanzig Jahren nichts anderes gemacht. Mir fiel im Gegensatz zum Konzert im April auf, daß die vielen Blickkontakte zwischen ihr und Bassist Phil, die ich im Oslo noch bemerkt hatte, komplett überflüssig geworden waren. In den wenigen Wochen ist die Sicherheit offenbar zurückgekommen. Lush hatten zwar vor den beiden Roundhouse-Konzerten noch einmal geprobt, wie wir nach den Konzerten wussten nicht, um neue Stücke einzuproben, nötig schien das aber nicht zu sein. Der einzige größere Patzer des Abends war ein falscher Einsatz des Schlagzeugers. Vor Hypocrite startete Justin eine Sequenz, die zu Undertow gehört. Bei einem meiner nächsten Lush-Konzerte werde ich einmal mehr auf den Ex-Elastica-Mann achten, ich habe selten einen so guten Schlagzeuger gesehen.

Highlights? Schwer zu sagen! Desire lines war ganz phänomenal, dieser Übergang zum schnelleren Teil ist Weltkulturerbe! Der Anfang mit De-luxe, Breeze, Kiss chase. For love, Etheriel, Sweetness and light...

Von ihrem letzten Album, dem Stiefkind spielten Lush nur Ladykillers (Miki: "the brit pop anthem"). Auch das natürlich ein Knüller. 

Der Abend war wundervoll! Lush sind wundervoll! Und ihre neue EP, von der sie wieder nur Out of control spielten, verstärkt die Hoffnung, daß es sogar ein neues Album geben könnte und uns die Band noch eine Weile erhalten bleibt, bevor die Mitglieder wieder ihren normalen Jobs nachgehen. Phil postete schon Montag wieder ein Foto aus dem Büro: "back to work!"
 
Setlist Lush, Roundhouse, London:

01: De-luxe
02: Breeze
03: Kiss chase
04: Hypocrite
05: Lovelife
06: Thoughtforms
07: Light from a dead star
08: Undertow
09: Lit up
10: Etheriel
11: Scarlet
12: For love
13: Out of control
14: Ladykillers
15: Downer
16: Sweetness and light

17: Stray (Z)
18: Desire lines (Z)
19: Leaves me cold (Z)

20: Monochrome (Z)

Links:

- Lush, London, 07.05.16
- Lush, London, 11.04.16

 


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