Freitag, 28. Juni 2019

Paul Heaton & Jacqui Abbott, Köln, 27.06.19

2 Kommentare

Konzert: Paul Heaton & Jacqui Abbott
Ort: Live Music Hall, Köln
Datum: 27.06.2019
Dauer: exakt 105 min, Matthew Austin 30 min
Zuschauer: voll



Als Paul Heaton irgendwann die Band vorstellte, bekam jedes Mitglied einen deutschen Fußball-Verein als Spitznamen, Jacqui war Bayern München, einer Ber Mönchengladbach, einer Leipzig, der tolle Bassist "der Geißbock" und er selbst der TuS Dietkirchen. TuS Dietkirchen ist ein Verbandsligist aus Limburg, mit dem der Sänger eine spannende Geschichte teilt. In seiner Kindheit hatte Paul an einem Jugendfußball-Turnier in Limburg teilgenommen, Jahre später - aber noch weit vor den Housemartins - war er mit Gitarre unterwegs durch Europa und wollte noch einmal Limburg sehen, lernte da einen Einheimischen kennen, man befreundete sich. Jahre später war der eine Popstar und der andere in leitender Position beim TuS Dietkirchen, also - das liegt ja auf der Hand - spielte Paul Heaton 2011 beim 100. Jubiläum des Fußballvereins als Stargast. Das Konzert war spektakulär, es war das vermutlich erste, das ein relevanter Popmusiker in einem Bierzelt spielte. Neben vielen Housemartins-Stücken spielte Paul auch einige Beautiful-South-Lieder, obwohl einer seiner männlichen Kollegen die weibliche Stimme singen musste.


Die Housemartins (zu jung) und The Beautiful South (Konzert-Sabbatical-Jahrzehnt) habe ich nie live gesehen, die beiden Konzerte in den vergangenen Jahren mit Paul (mein erstes war beim Latitude-Festival 2010) waren aber so gut, daß die Nachricht, daß Pauls Tour gemeinsam mit Beautiful-South-Kollegin Jacqui Abbott auch nach Deutschland kommen würde, bei mir sofortige Kaufreflexe erzeugte. Der erste Vorfreude-Dämpfer war die Halle - die Live Music Hall gehört nicht zu meinen liebsten 50 Kölner Konzertstätten - der zweite die Hitzewelle. Heiße Konzerte in nichtklimatisierten Sälen sind die Hölle, in der Live Music Hall ganz besonders. Fast hätte ich mich gegen diese Tortur entschieden, schlauerweise (sprich: Herz und nicht Hirn entschied) ließ ich das bleiben.


Die erste halbe Stunde gehört einen Singer-Songwriter mit E-Gitarre. Matthew Austin kommt aus Manchester, lebt in München und machte Musik, die mich nicht erreichte. Vermutlich lag das an der Hitze. Zu der sie aber ganz gut passte, sie hatte nämlich einen starken Americana- und Wüsten-Einschlag. Aber ich war ja wegen der Popmusik da.

Zu Lebzeiten der Housemartins und von The Beautiful South konnte man guten Gewissens sagen, man höre das, was im Radio läuft. Da waren sie nämlich allgegenwärtig. Heute kann man das allenfalls in "das, was im Deutschlandfunk läuft" abwandeln, ohne sich als Musikfeind zu outen. Schon in den letzten Tagen schwirrten mir ununterbrochen Songs aus Pauls Hand durch den Kopf (ununterbrochen stimmt nicht ganz, dazwischen kamen oft die B-52's). Das Konzert fing allerdings nicht mit einem der Überhits an, als Jacqui und Paul (mit einer Jacke) auf die Bühne kamen, stimmten sie zunächst Old Red Eyes is back an. Begleitet wurden die beiden von einem Gitarristen, einem Bassisten, einem Keyboarder und einem Schlagzeuger, ab Rotterdam (or anywhere) kamen eine Trompeterin, ein Posaunist und ein Saxophonist dazu.

Während die Hitze uns und Jacqui sichtbar zu schaffen machte (sie wirkte insgesamt angeschlagen und setzte sich gegen Ende des Konzerts immer wieder hin), kommentierte Paul, es sei "shorts weather - kurze-Hosen-Wetter", er hasse das, vor allem kurze Hosen. Nicht nur musikalisch ein Vorbild. Der Sänger ließ seine Jacke konsequenterweise an und störte sich nicht an den Sauna-Temperaturen (die LMH hat keine Klimaanlage und muß verständlicherweise die Türen während der Shows schließen). Anders als in England hatten sie Securities genug damit zu tun, Handy-Videos zu verhindern (auch ich hörte ein "Filmen verboten!" als ich mit meinem Fotoapparat Fotos machte), um Wasser zu verteilen, das ist leider in deutschen Konzertsälen so gar nicht bekannt, daß Wasser im Sommer nicht nur ein schöner Service sondern u.U. eben auch weniger Arbeit ist, wenn man keine umklappenden Menschen raustragen muss. Jacqui bot von der Bühne aus Wasserflaschen an, sie sah das wohl ähnlich. Vor den Zugaben verteilte dann ein Ordner fünf (!) Flaschen an die rechte Saal-Hälfte.



Das Konzert war die Liveumsetzung von Pauls neuer Platte (2018) The last king of pop. Nur die letzte Zugabe stammte nicht vom Album The last king of pop, das Lied The last king of pop.

Auch wenn die Setlist keine Überraschungen enthielt - sie spielen jeden Abend das gleiche Programm - war der Abend (musikalisch) perfekt. Bei Wikipedia steht unter "Pop-Perle": "erfunden von Paul Heaton." In den meisten Fällen hätte es die Blechbläser nicht gebraucht. Eigentlich reichen Jacquis und Pauls Stimmen. Hatte ich am Vorabend schon das Glück, noch einmal Kate Pierson und Fred Schneider live zu hören, war es gestern wieder so ein Stimmen-Paar, das man aus jeder Menge heraushört. Hymnen wie Happy hour, Good as gold (stupid as mud) sind brillante Pophits, Pauls bezw. die beiden Stimmen machen sie aber einzigartig.

Trotz der Hitze vergingen die eindreiviertel Stunden rasend schnell. Paul redete auch nicht schrecklich viel, am wichtigsten war ihm die Frage nach dem Zwischenstand des Viertelfinales zwischen England und Norwegen (3:0 am Ende).

Ich hoffe sehr, daß Paul schneller als in acht Jahren wieder nach Deutschland kommt, es gibt noch so viele seiner Songs, die ich dringend einmal live hören will. Er kommt das nächste Mal im Winter, versprach er. The last king of pop eben!

Setlist Paul Heaton & Jacqui Abbott, Köln, 27.06.19

01: Old Red Eyes is back (The Beautiful South)
02: Me and the farmer (The Housemartins)
03: Moulding of a fool
04: I gotta praise
05: Build (The Housemartins)
06: I don't see them
07: D.I.Y.
08: Prettiest eyes (The Beautiful South)
09: Rotterdam (or anywhere) (The Beautiful South)
10: 7" singles
11: The austerity of love
12: Flag day (The Housemartins)
13: Real hope
14: Manchester (The Beautiful South)
15: She got the garden
16: Don't marry her (The Beautiful South)
17: Good as gold (stupid as mud) (The Beautiful South)
18: A little time (The Beautiful South
19: Perfect 10 (The Beautiful South)

20: Poems (Z)
21: Happy hour (The Housemartins) (Z)
22: You keep it all in (The Beautiful South) (Z)

23: Song for whoever (The Beautiful South) (Z)
24: The last king of pop (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Paul Heaton, Limburg, 12.06.11


Donnerstag, 27. Juni 2019

Best Kept Secret Festival, Tilburg, Tag 1, 31.05.2019

0 Kommentare

Konzert: Best Kept Secret Festival
Ort: Tilburg
Datum: 31.05.-02.06.2019
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: wg. Tageskarten unterschiedlich



Freitag: Wie viele andere Festivals in diesem Jahr hatte auch das Best Kept Secret keinen Freibrief für ein "Ausverkauft" Schild am Eingang. Die Zeiten des ewigen Wachstums, sowohl was die Festivals selber, als auch deren Anzahl angeht, scheint lange vorbei. 

Wem es nicht gelingt, innovative Headliner, besondere Orte oder eine Nische zu besetzen, wird es in Zukunft schwer haben. So bleiben die Einschnitte für das BKS dieses Jahr noch minimal, die Infrastruktur und der damit verbundene, reibungslose Ablauf am sonnigen See haben halt immer noch ein Alleinstellungsmerkmal. 

Die Headliner des Jahres 2019 wurden mutig ausgewählt. Bon Iver, der seit 10 Jahren kein Festival in den Niederlanden gespielt hatte, Kraftwerk als Ikone immer willkommen, und Christine and the Queens als Act der Gegenwart und Zukunft. 



Zu Beginn tritt aber am Freitag die immer noch unglaublich jung wirkende Julien Baker auf die Zeltbühne "Two". Diesmal stimmig begleitet von einer Geigerin. Wie immer mit vielen getragenen Songs im Gepäck und einer fantastischen Gesangsleistung (Julien variiert ihre Stimmlautstärke, indem sie immer wieder am Mikro vor-und zurückweicht). Ein sehr schöner, da intensiver Start in den Tag.


John Grant wirkt danach zwar wesentlich spielfreudiger mit seiner großen Band, aber seit seinem tollen Album "Queen of Denmark" habe ich ihn leider etwas aus den Augen verloren, und ehrlich gesagt, gefallen mir die neuen, discoartigen Klänge live auch nicht besonders. 

Primal Scream machen auf der Hauptbühne am frühen Abend alles richtig. Schön laut ist es, und alle Hits fliegen über den Strand. Alleine der Start mit einem druckvollen "Movin on up" und später eine Endlosversion von "Rocks" und "Kill all hippies", so sollte eine Festivalshow aussehen. 



Dann einer meiner besonderen Lieblingsbands: Spiritualized. Was Spaceman und seine diversen Mitstreiter (incl. der obligatorischen Chordamen) auf die Bühne zaubern ist wie immer genial und schwankt zwischen überbordenden Melodien und völliger Zerstörung. 

Leider macht Spaceman heute mal wieder was er will und beginnt mit vier Hits, um danach sechs Songs des neuen Albums zu präsentieren. Dadurch verliert der Set seine Dynamik völlig und geht am, zum Teil jungen, unkundigen Publikum vorbei. So schön es für mich war, auf der Hauptbühne bei Sonnenlicht war dieser Auftritt deplatziert. 



Trotzdem, "Come Together", "Shine a light" und "Soul on fire" überhaupt noch einmal live zu hören, immer wieder ein Erlebnis. Auch wenn Spaceman seinen Stuhl nicht ein einziges Mal verlässt oder sich an das Publikum wendet. Das hatte schon Dylan-Format.



Genau das Gegenteil versuchte dann Bon Iver als Headliner. Es schien, als würde er jede musikalische Anstrengung mit dem Publikum teilen wollen. Alles wirkte so schwer und mühsam arrangiert. Der Eindruck: Hier wird Musik erarbeitet und nicht wie bei Spiritualized als Fingerübung, mit fast schlampiger Leichtigkeit zelebriert. Von Bon Ivers Auftritt bleibt emotional kaum etwas hängen, da er selbst keinerlei Spaß auf der Bühne zu haben scheint, obwohl er andauernd ins Publikum lächelt. 


Erst die Zugabe, wer hätte es anders erwartet: "Skinny Love" ist wirklich ein Ereignis. Wie dabei 25.000 Kehlen mitflüstern und er die Spannung über den Platz zieht, erst jetzt zeigt er endlich seine musikalische Klasse. Die Show bläst dabei alles noch viel größer auf, als es zu sein scheint. 

Sah aus wie Headliner, war aber keiner. Danach noch ein paar Minuten bei DJ Koze vorbeigeschaut. Alle tanzen und haben Spaß, so kann es halt auch funktionieren.


Dienstag, 25. Juni 2019

The Screenshots, Köln, 23.03.2019

0 Kommentare

Konzert: The Screenshots
Ort: MTC
Datum: 23.03.2019
Dauer: 60min
Zuschauer: ca.150
Meine Damen und Herren, lassen Sie sich nicht täuschen. Die erste "Twitter"-Band des Landes. Susi Bumms am Bass, ein Webauftritt ohne Fotos. Alles egal. 

Bei ihrer ersten Kurztour durch drei deutsche Städte macht eine fast ganz normale Band im MTC zu Köln einen tollen Auftritt. Selbst ich hätte irgendetwas Verrücktes erwartet, Papiertüten über dem Kopf oder so. Gab es nicht, auch gut. Aber beginnen wir die Geschichte von vorne. 

Das Einzige, was an der Vita der Band zu stimmen scheint, sie kommen aus Krefeld, und haben bisher verschiedene (Kurz)-Alben auf Vinyl und Online veröffentlicht sowie einen schönen Auftritt bei Böhmermann absolviert (natürlich auch ohne ihre Gesichter zu zeigen). 

The Screenshots - Neo Magazin Royale

Klingt alles so, als benötigten The Screenshots viel Aufmerksamkeit, die von ihrer Musik erstmal ablenkt. Das Gegenteil ist der Fall. Die Songs sind so aufregend und frisch, wie lange nichts mehr aus Deutschland. Sowohl politisch als auch witzig, Ironie und dicke Hose, Texte ohne Reimlexikon und trotzdem tolle Melodien, nicht verkopft sondern so, wie Jugend klingen soll.

Hier sind wir richtig. 

Wer Songs wie "Google Maps", "Europa" oder "Vorbei" gehört hat, ist sofort um einige Lieblingssongs reicher. Das sehen wohl auch viele im MTC so. Selten sah man in letzter Zeit eine noch fast unbekannte Band, die ein so text sicheres Publikum vorweisen konnte. 

The Screenshots - Vorbei

Mutig und wild präsentieren sie ihr bisheriges Werk, nachdem das perfekte 80er Jahre Einlauftape verklungen ist. Und daher ist auch die ganze am Anfang beschriebene Masche Makulatur. Auf der Bühne stehen sie da wie eine echte Band, ohne Twitter, Masken oder doofe Namen. 

Die Zeit online - The Screenshots - Band des Frühjahrs

The Screenshots spielen im Sommer einige ausgewählte Festivals und kommen im späten Herbst auf eine weitere, größere Tour. 



Nicht nur die Band des Frühjahrs, die Band des ganzen Jahres. Ich kann nur bestätigen: "Ein starkes Team". 


Montag, 24. Juni 2019

Nick Cave, Düsseldorf, 16.05.2019

0 Kommentare

Konzert: Nick Cave
Ort: Tonhalle
Datum: 16.05.2019
Dauer: ca. 150min
Zuschauer: 1.800 ausverkauft



Nick Cave in der Tonhalle. Es gibt Abende die weniger versprechen. 

Im Rahmen seiner Converations-Tour tritt der Australier diesmal in kleineren Hallen ohne Band auf, um seinem Publikum noch näher zu sein. Ein mehr als puristisches Konzept, lediglich ein Flügel und ein Mikrofon stehen bereit. Dafür dürfen einige ausgewählte Fans an Bistrotischen sogar auf der Bühne sitzen.

Das Konzept lautet wie folgt: Cave spielt Solostücke am Piano und beantwortet Fragen aus dem Publikum ohne Vorauswahl oder thematische Beschränkungen. Leider ging dieses Konzept für mich nicht auf. 



Nach fast jedem Song wurde das Saallicht eingeschaltet und Helfer (mit Neonwesten und blinkenden Schwertern) verteilten die Mikros an die Fragenden. 


Hätte dies in zwei Blöcken (Fragen/Musik) stattgefunden, wäre der musikalische Teil mit Sicherheit beeindruckender gewesen. So führten die dauernden Unterbrechungen zu abrupten Stimmungs- und Themenwechsel.

Dazu gesellte sich ein gewisser Fremdschämfaktor. Leute, die einfach nur nach einem Autogramm fragten oder selbst gemalte Bilder überreichten wechselten sich mit Selbstdarstellern und Fragen in sehr schlechtem Englisch ab.


Erst als Cave das Ganze später als ein, auch für ihn schmerzhaftes aber wichtiges Kunstevent deklarierte, bekam der Abend einen gewissen Sinn. Versteht mich nicht falsch, nichts war verwerflich oder objektiv schlecht an diesem Abend. 



Die Webseite von Nick Cave Red Hand Files (auf der das Bühnenkonzept beruht) macht in seinem Format da mehr Sinn. Zumal Cave an diesem Abend auch auf viele Fragen und Songwünsche nur ausweichend antwortete. 

Musikalisch gab es bis auf die vielen Pausen rein gar nichts zu beklagen. "The Ship Song" gleich zu Beginn, ein T.Rex Cover (Cosmic Dancer). Überragende Versionen von "Into my Arms" und "Jubilee Street" und sogar "Avalanche" von Leonard Cohen. 

Was bleibt, nachdem mit "Watching Alice" der letzte Ton verklungen war ? Die Liebe von Nick Cave zu seinen Fans und deren Treue sind etwas ganz Besonderes. Beide Seiten fühlen sich verstanden und möchten über ihre Emotionen reden und sich austauschen. Mit welchem Weltstar ist das sonst schon möglich.       


Sonntag, 23. Juni 2019

Maifeld Derby, Mannheim, 14.06.-16.06.2019

0 Kommentare

Konzert: Maifeld Derby 2019
Ort: Maimarkt, Reitstadion
Datum: 14.06.-16.06.2019
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: Sa.ausverkauft


Es war das Thema des Wochenendes. Die Ankündigung im nächsten Jahr eine Pause einzulegen, war Gesprächsthema Nummer 1 im sonnigen Mannheim. 

Schon daran ist zu erkennen, wie wichtig diese Zäsur sein kann. In Gesprächen wurde deutlich, wie selbstverständlich viele Besucher eine solche Veranstaltung bewerten. Die Flut an Events und Großveranstaltungen lässt kaum doch einen Augenblick Zeit, hinter die Kulissen zu blicken, und ein Liebhaber-Event wie das Derby von anderen Globalplayern zu unterscheiden.

Fakt ist: durch den mutigen Schritt, mit Ehrlichkeit an die Probleme zu erinnern, ist eine längst fällige Diskussion (auch für viele andere kleine Festivals und Kulturveranstaltungen) in Gang gekommen, die nur gut sein kann. 

Jetzt aber zum "üblichen" Teil. Wie war es ?

An den Stärken des Maifeld Derby wurde auch dieses Jahr zum Glück kaum etwas verändert. Tolles, abwechslungsreiches Booking, kurze Wege, interessanter Foodcourt und schönes Wetter sind ja schon mal eine Bank. Der Freitag startet dann nach kurzer Eingewöhnungsphase ("Wo gibts die leckeren Specialbiere ?") etwas launig mit einer Lesung von Linus Volkmann. 

Ob das Maifeld Derby der richtige Ort ist, über Festivalklischees herzuziehen (Dosenravioli, Flunkyball) bleibt offen, ließ aber genug musikalische Luft nach oben. Die folgte dann gleich im Doppelpack: Gurr und Parcels, zwei gänzlich unterschiedliche Ansätze, Musik live zu präsentieren. 


Die Damen von Gurr versuchen es mit Riot-Girrrl Faktor und kurzen, knappen, punkigen Songs auf der Fakelbühne. Ebenso erfolgreich sind aber auch die Parcels, (nach ihrem Minigig 2017) die zwischenzeitlich mit ihrem extrem poppigen Sound das Zelt schon am frühen Abend mit tanzwütigen füllen können. 

Niklas Paschburg dageben ist der perfekte Gig am Parcour. Sphärische Klänge beim Sonnenuntergang, die spannende Mischung aus (fast) klassischer Musik und zeitgenössischer Elektronik, ist ja gerade ein großer Publikumsmagnet. Leider vernimmt man im Laufe des Auftritts aber immer öfter und lauter schlimme F.wörter. 


Diese kommen natürlich nicht von Herrn Paschberg, sondern aus der Kehle des politisch interessierten eng. Duos Sleaford Mods, die uns die aktuelle Geschichte ihres Landes in nicht ganz politisch korrektem Jargon schildern. Wer glaubt, der Witz der Sleaford Mods sei lange schon erzählt, sieht sich getäuscht. Die Rauhe Energie und Dringlichkeit der Ereignisse machen diesen Auftritt unverzichtbar. Musik, die dieses England jetzt braucht, erzählt ohne Pathos und schleimige Melodiebögen. 


Am Samstag sollte dieses Konzept mit Kate Tempest zum Höhepunkt des Festivals werden. Karies bieten danach ein schönen Rockentwurf in Kontrast zu den etwas langweilig wirkenden, weil zu perfekt arrangierten HotChip, was in Teilen auch auf HVOB zutraf. Hier wurde zu sehr ein, auf Festivalpublikum konzipiertes, basslastiges Feuerwerk geplant, das aber emotional leider nicht komplett überzeugen kann. 


Der Samstag startet dann so richtig mit Mavi Phoenix. Immer noch frisch und innovativ, was die junge Österreicherin da bietet, auch bei strahlender Hitze bewegt sie die Körper vor der Bühne mühelos. Doch die wahre Großmeisterin der weiblichen Worte sollte bald folgen. 


Kate Tempest betritt von einer Keyboarderin begleitet das Palastzelt und sofort ist die knisternde Spannung spürbar. Die Intensität ihrer Auftritte ist oft schwer auszuhalten und gerade auf einem Festival für viele eine echte Herausforderung. Doch ähnlich wie Sigur Ros, schafft sie es durch ihre herausragende Präsenz. selbst unkundige sofort zu fesseln und in ihren Bann zu ziehen. 

Nach einigen alten Songs präsentiert sie das, erst am Tag zuvor veröffentlichte, neue Album "The Books of Traps and Lessons" in voller Länge. Ein nicht enden wollender Tornado aus Worten steigert sich mit immer härter werdenden elektronischen Sounds bis zum Höhepunkt bei "Holy Elixir". Aber erst dann folgt das Meisterstück. 

Der letzte Song des Albums ist ihr bisher bestes, ein Mix aus Poem und hypnotischer Pianoballade. Ein Text, der auch endlich einmal einen Funken Hoffnung zulässt.


"People`s Faces": It’s hard, we got our heads down and our hackles up, Our backs against the wall, I can feel you aching, None of this was written in stone, There is nothing we’re forbidden to know, And I can feel things changing Even when I’m weak and I’m breaking, I’ll stand weeping at the train station, ‘Cause I can see your faces, There is so much peace to be found in people’s faces...

Danach fallen sich die beiden auf der Bühne in die Arme. Ein Kraftakt, der da jeden Abend aufgeführt werden muss und viele Tropfen fallen am späten Nachmittag bei den Zuhörern auf den Zeltboden, Schweiss war es diesmal nicht. Ein Ereignis. 

Danach wirkte zunächst einiges blass für mich. Die Schotten von The Twilight Sad zum Beispiel, vielleicht auch weil sie eher in einen dunklen Keller als auf eine sonnen überflutete Open Air Bühne gehören. 

Auch Baltharzar und der Crowdpleaser von wegen Lisbeth sind nicht mein Fall, daher erstmal einen leckeren Crepes mit hausgemachter Schokososse, serviert von echten Franzosen, klasse. 


Mike Skinner (The Streets) schafft dann, was den beiden anderen Headlinern nicht gelingen wollte oder sollte. Einen Konsens. Spaß trifft auf anspruchsvolle Lyrik. Selbstironie und würdevolles Altern stehen gleichberechtigt nebeneinander und schon geht die Party richtig los. Bereits beim ersten Song taucht Skinner ein ins Publikum, es sollte nicht das letzte Mal bleiben. Insgesamt wirkt der Sound bei der Reuniontour etwas glatter und poppiger. Skinner redet (oder labert) in einer Tour, egal ob der Song startet oder die Band ihre Instrumente stimmt. 

Nüchtern wirkt er hier, vielleicht sehe ich ihn so zum ersten Mal. Alle Hits werden abgefeuert, ebenso wie die ins Publikum fliegenden Sektkorken. Am Ende bewirbt er sich schon mal für die Steckenpferddressur  2021 und reitet mit einem geliehenen Pferd quer durchs Zelt in den Sonnenuntergang. Lucky Luke lässt grüssen. 

Als großer Coup spielten gegen 16:00 Uhr bereits AMK einen Surprise Slot auf dem Parcour Amour Gelände. Ein toller Fang, der viele Besucher glücklich zurückließ. 


Der Sonntag zieht einen das Derby jedes Jahr schon früh auf den Reitplatz. Die erste Fakelbühnenband ist meistens ein nicht zu verpassendes Geschenk des Bookers. Diesmal spielten die Amsterdamer der Mauskovic Dance Band zur Mittagszeit auf. Musikalisch nicht wirklich neu, aber durchaus tanzbar und ein guter Start in den Tag. 


Stonefield und Snail Mail können dagegen nicht überzeugen. Die einen spielen unentspannten Rock ohne Erinnerungswert. Bei Snail Mail sind die Songs dagegen super, aber die ständig genervte und dadurch arrogant wirkende Frontfrau Lindsey Jordan hat sich seit dem letzten Jahr leider kaum verändert. 

Ein Highlight dagegen die Postcards aus Beirut im kleinsten Zelt. Sympatischer Indie mit großen Song, da kommt bestimmt noch mehr. Danach ging es Schlag auf Schlag weiter. 

Zunächst mit Kevin Morby, der eine 8-köpfige Bigband an den Start brachte, (incl. Tenor-Sax) um sein Album "Oh my god" würdevoll in Szene zu setzen. Ein fulminanter Set, der mich oft an Wilco erinnerte. Großartig und zurecht gefeiert. 


Teenage Fanclub konnte später erstaunlicherweise nur wenige begeistern. Dies bescherte aber den, mir bis dahin völlig unbekannten, Schweizern von Black Sea Dahu eine riesige Menschenmenge auf dem Parcour, die am Ende mit stehenden Ovationen Zugaben forderten. Dabei war der, mit vielen sehr tragenden Balladen versehene Set, nicht einfach zu verdauen. Die Band trat sichtlich gerührt ab und verkaufte CD`s am Fließband vor der winzigen Bühne. 


Danach leerte sich der Parcour zunächst, was Charlotte Brandi als langjährigen Profi nicht davon abhalten konnte, ein fabulöses Set aus ihrem traumhaften Album "The Magician" aufzuführen. Neben Kate Tempest für mich das beste Konzert des Wochenendes. 


Tocotronic waren ebenfalls in bester Spiellaune, und da die neue Setlist fast nur aus Hits besteht, waren auf dem, nun staubigen Platz vor der Fakelbühne, nur grinsende Gesichter zu sehen. Die Band ist für mich seit letztem Jahr in absoluter Bestform, die Versionen von "Nach Bahrenfeld im Bus" und "Hey Freaks" bilden die perfekte Schnittmenge aus Tocos Werk zwischen Punk und intelligenter deutscher Popmusik.


Mit Faber betrat dann ein weiterer, sehr umstrittener Headliner das Palastzelt. Dazu gab es nur zwei Meinungen, echte Freude und echte Ablehnung. 

Amyl and the Sniffers brachten den Abend dann mit einem ordentlichen Punkbrett nach Hause. Der letzte Tanz war getanzt, das letzte Bier getrunken. 

Zurück blieb ein etwas mulmiges Gefühl. Wird man sich in diesem Rahmen in zwei Jahren wiedersehen ? Wenn man sich die Stimmung am Parcour ansieht, funktionieren dort viele Dinge, die auf den anderen Bühnen verpuffen. 

Vielleicht wäre ein reines Newcomer-Festival mit zwei gleichen Bühnen nebeneinander am Parcour und einem kleinen Zelt ein gelungener Neuanfang. 


Nur so eine Idee, als zum dritten Mal die Sonne hinter dem Palastzelt untergeht. Schön war es. Noch schöner wäre es 2021 wiederkommen zu dürfen. 

Fotos: Michael Graef 


 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates