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Mittwoch, 21. November 2018

My brightest Diamond, Lille, 20.11.18

1 Kommentare

Konzert: My Brightest Diamond (Duo), Support Ian Chang
Ort: L'Aeronef in Lille
Datum: 20. November 2018
Dauer: 30 min + 80 min
Zuschauer: etwa 100
 

Ich habe Shara Nova aka My brightest Diamond dieses jahr schon dreimal auftreten gesehen. Wieso also extra eine Fahrt nach Lille? Das ist eine gute Frage und ich kann sie vermutlich nicht überzeugend beantworten. Ein Grund ist: die Musikerin hat viele Gesichter bzw. präsentiert ihre Songs in sehr unterschiedlichen Besetzungen und gibt ihr damit sehr unterschiedliche Facetten.  In Antwerpen im Januar und in Hamburg im Sommer hatte die klassische Musikerin schillern dürfen mit ihrer phantastischen Stimme und ihrer Bühnenpräsenz zwischen orchestraler Üppigkeit (Elbphilharmonie) und mittelalterlicher Herbheit (DeSingl - sogar in zwei sehr unterschiedlichen Settings).
 


Ich vermisste die Rockmusikerin, die mich in Eindhoven und Paris so vom Hocker gerissen hatte. Ein zweiter Grund ist, dass es gerade ein ganz neues Album gibt, für das sie mir mit den diesjährigen Auftritten schon den Mund wässrig gemacht hatte. Das würde ich live zu gern neu kennenlernen dürfen. Deshalb hatte ich die kleine Tour zum neuen Album mit wenigen Stationen in Europa schon länger im Blick. Lange war ich mental um den Pariser Termin herumgeschlichen, der eigentlich günstig am Wochenende liegt und wieder eine besondere Show versprach. Bis mir Lille ins Auge sprang, wo ich sowieso lieben Freunden einen Besuch versprochen hatte.
 


Denen passte zum Glück der Termin und ich hatte einen schönen Nachmittag, die herb schöne Stadt so nah an Belgien und am Meer mit den gut durchgemischten europäischen Einflüssen ein wenig kennen zu lernen. Alles war fußläufig gut zu erreichen und ich hatte Begleitung ins Konzert. Was ich mir zuvor nicht überlegt hatte: Ich hatte auch einen Pfadfinder. Die Venue liegt nämlich echt verborgen in einem Hochhäuser-Neubau Komplex (Centre commercial Euralille in der Avenue Willy Brandt) im 2. Obergeschoss und ich hätte mich allein sicher nicht hingefunden, weil ich die Möglichkeit nicht in Betracht gezogen hätte, irgendwo oben zu suchen.
 


Ein Vorteil in Frankreich ist, dass es tatsächlich fast auf die Minute pünktlich losging. Wenngleich zu dem Zeitpunkt der Publikumsraum eher spärlich besetzt war. Ich zählte etwa 60 Leute für Ian Chang, der 30 min lang Multimedia-Schlagzeug spielte. Er gab zuvor eine Warnung für Epileptiker - bekräftigt durch die Information, gestern hätte jemand einen Anfall bekommen. Das hielten wir für einen Scherz, es erschien mir später aber gar nicht mehr so abwegig. Unter Mitwirkung kleiner Scheinwerferroboter und vom Laptop eingespielten Samples brachte er sich ziemlich ins Schwitzen. Das Publikum war ein wenig zwiegespalten. Er wurde angefeuert, aber ich habe mit vielen anderen eher darauf gewartet, wann er endlich fertig ist. Es war mir zu monoton und zu wenige Einfälle für eine halbe Stunde zuhören.
 


Es ging nach kurzer Umbauzeit in sehr überraschender Weise los. Statt Band kam nur ein Schlagzeuger auf die Bühne, aber man hörte kurz darauf Shara schon singen. Schließlich merkten wir auch ganz vorn: sie tanzte sich von hinten durch das Publikum zur Bühne vor. Sehr wild und fast nicht fotographierbar. Ein vom Publikum enthusiastisch gefeierter Auftakt, der zum Charakter des Konzertes gut passte. Als freundliche Geste an ihr französisches Publikum in Lille und für die nächsten Stationen waren einige Songs auf Französisch vorbereitet.
 


Shara sang und tanzte, sie wechselte ans Keyboard oder setzte sehr akzentuiert die E-Gitarre ein. Später erzählte sie uns, dass sie noch am Morgen ohne Stimme aufgewacht war, und schon befürchtet hatte, das Konzert absagen zu müssen. Aber der Apotheker wusste Rat und ihre Stimme war an diesem Abend definitiv in Hochform für das Konzert mit einer spürbar überbordenden Energie und Freude, das Konzert spielen zu können.
 

Für mich war des Konzert emotional trotzdem nicht so packend. Entgegen meinen ursprünglichen Plänen, kaufte ich mir das neue Album nicht am Merchstand, da hier beim Entstehen wohl ein zu prägender Einfluss von Tim Fite am Werk gewesen war. Zu flippig und zappelig das Ganze bis auf ein paar wenige Ausnahmen. 
Hatte sich die Fahrt trotzdem gelohnt? Definitiv!
Denn es gab auch meine Herzensmomente. Beim Song A million pearls hatte sie mich komplett eingefangen, außerdem war Inside a boy wunderbar und allein für die abendliche Version von I have never loved somebody like you war es wert, dabei gewesen zu sein. Als Zugabe und Sahnhäubchen noch mein so geliebtes Be brave - das war einfach herrlich.
 


Ebenso verrückt war, dass das Publikum sie partout nicht gehen lassen wollte nach den Zugaben und während die Bühne schon abgeräumt wurde, noch immer weiter klatschte und klatschte. Shara konnte das nicht herzlos mit ansehen und mischte sich unter das Publikum um noch eine längere Zeit mit allen zur eingespielten Musik wild zu tanzen. So endete das Konzert ungeplant etwa im gleichen Geiste, wie es begonnen hatte.
 


Setlist:
01: It's me on the dance floor

02: This is my hand (f)
03: Rising star
04: Supernova
05: Champagne (f)
06: You wanna see my teeth (f)
07: I want candy
08: A million pearls
09: Sway

10: Another
10: Dorian
11: Gunshot Glitter
12: Inside a boy
13: I have never loved somebody

14: Be brave (Z)
15: White noise (Z)

 

Tourdaten:
15.11. Kopenhagen
16.11. Kampnagel Hamburg
17.11. Franz Club Berlin
18.11. Artheater Köln

20.11. L'Aeronef Lille
21.11. L'Astrolabe Orléans
22.11. La Vapeur  Dijon
23.11. Point Éphémère Paris 

24.11. Le Périscope  Lyon
26.11. Tivoli Vredenburg Utrecht
27.11. Oslo Hackney London

   

Aus unserem Archiv:
Shara Nova, Hamburg, 23.08.18
Shara Nova, Antwerpen, 05.01.18
My Brightest Diamond, Paris, 13.02.15
My Brightest Diamond, Haldern, 08.08.14
My Brightest Diamond, Eindhoven, 07.02.14
My Brightest Diamond, Straßburg, 30.03.12
My Brightest Diamond, Paris, 28.03.12
My Brightest Diamond, Berlin, 24.11.11
My Brightest Diamond, Haldern, 13.08.11
My Brightest Diamond, Paris, 07.10.08
My Brightest Diamond, Haldern, 08.08.08
My Brightest Diamond, Evreux, 27.06.08
My Brightest Diamond, Paris, 22.04.08
My Brightest Diamond, Paris, 02.10.07
My Brightest Diamond, Paris, 26.02.07



Sonntag, 20. Januar 2008

Morrissey, Lille, 19.01.08

2 Kommentare

Konzert: Morrissey

Ort: Aeronef in Lille
Datum: 19.01.2008
Zuschauer: etwa 800 (ausverkauft)


Einer der schönsten Momente des Abends war, als wieder einer von zahlreichen Fans die Bühne besteigen konnte, Morrissey ihn noch fragte "where are you going?", bevor der Besucher ihn umarmte und der Sänger dies kommentierte: "Everybody deserves a hug." Pause. "Once a year." Köstlich!

Morrissey schien gut gelaunt zu sein an diesem Abend in Lille, der vorletzten Station seiner kurzen Frankreich Tour. Vorher war er in Clermont-Ferrand und Straßburg aufgetreten, es folgt ein Konzert in Paris, bevor sechs Gigs in Folge in London stattfinden, alle natürlich ausverkauft. Das war Lille auch, der Saal im Aeronef war allerdings nicht furchtbar groß, nicht größer als das Stollwerck in Köln. Vollkommen anders als ich das erwartet hatte, liegt der Club mitten in der Stadt, gleich über einem Schopping-Center. Der Saal ist sehr schön, luftig, mit einer Galerie und vielen offenen Ein- bzw. Ausgängen. Der erste Eingang, den ich sah, mündete direkt vor der
Bühne, es war also einfach, nach vorne zu kommen, obwohl der Saal da schon ganz gut gefüllt war. Mich hat es nicht gestört.

Kurz nach acht (Oliver hatte mich vorgewarnt) begann bereits die Vorgruppe, Girl in a Coma aus San Antonio in Texas, die Morrissey ausgesucht hatte (so die Legende). Die Band gefiel mir besser als Kristeen Young bei Mozzas Konzerten in Deutschland vor gut einem Jahr. Das ist aber vermutlich auch schon alles, was von den drei Musikerinnen in meinem Gedächtnis bleiben wird, berühmt
war es nämlich nicht. Die Sängerin hatte eine aufregende Stimme, der Rest war nicht originell, klang nach irgendetwas zwischen Siouxsie und den Yeah Yeah Yeahs. Ziemlich langweilig. Vielleicht bezieht sich der Name also nicht bloß auf das Lied sondern auch auf Zuschauerreaktionen...?

45 Minuten später bedankten sich die drei, sicherten sich mit "enjoy Morrissey" Applaus und überließen dem schon bekannten Pausenfilm die Bühne, der auf den Vorhang projeziert wurde. Diese zusammengeschnippelten Film- und Musikausschnitte hatte Steven Smith schon bei seiner Deutschland-Tour dabei. Es waren allerdings einige neue Schnippsel enthalten, ein paar schwarz-weiße Filmausschnitte. Ich kannte schon den Auftritt von den New York Dolls im Musikladen mit Manfred Sexauer, der die Zuschauer vorwarnte, daß das keine Frauen seien und daß man besser die Lautstärke des Fernsehers runterdrehen sollte. Auch wieder herrlich die Kostümprobe von "Jenseits von Eden" mit einem herrlich albernen James Dean. Der
Pausenfilm endete mit einem kiffenden New York Dolls Sänger, der Vorhang fiel und Morrisseys Band erschien. Die Musiker waren wieder (recht) einheitlich gekleidet: Sie trugen schwarze Hosen, weiße Kurzarmhemden und unterschiedlich farbene Krawatten.

Morrisseys Krawatte war wohl mit James Dean Bildern bedruckt, wenn ich es richtig gesehen habe (ich habe, merke ich gerade). Er trug ansonsten wieder eines seiner zu optimistischen Hemden, anfangs ein hellblaues. Der Anfang ließ vermuten, daß das Konzert wieder hauptsächlich aus den bekanntesten
Smiths- und Solo-Liedern der letzten beiden Platten bestehen würde. Lied vier war dann bereits die neue Single "That's how people grow up", die gut ist, aber nach dem ersten Hören nicht an die großen Hits seiner letzten Alben rankommt.

Dann wurde es ganz anders. Viele Lieder aus seiner frühen Solo-Phase folgten, "The Loop", "Sister I'm a poet" oder "Billy Budd". Wäre es mein erstes Morrissey-Konzert gewesen, wäre ich vielleicht enttäuscht gewesen. Nach drei anderen Gigs konnte ich
aber richtig genießen, daß z.B. mit "Stretch out and wait" auch ein Dritte-Reihe Smiths-Lied gespielt wurde - großartig!

Das Publikum war aber auch entweder Mozza-erfahren oder vollkommen euphorisch, denn enttäuscht wirkte niemand, die Stimmung war prächtig. Absolut zu recht natürlich! Die Begeisterung zeigte sich zum Beispiel in rhythmischen "Morrissey - Morrissey - Morrissey" - Schlachtrufen, die der Sänger lächelnd mit "You're from Belgium! I know!" kommentierte. Das bringt mich jetzt noch zum Lachen!

Der Teil des Publikums, der nicht mit rhythmischem Singen beschäftigt war, schien entweder Morrisseys Hand zu schütteln (das machte er immer wieder, bis zum Ende
des Konzerts) oder die Bühne zu stürmen, um den Großmeister der britischen Musik zu umarmen. Everyone deserves a hug eben.

Zu "S
omething is squeezing my skull", einem der neuen Songs, sagte der Sänger "It's on our new - as we say in England - album. In France they say 'CD', in America they say record." Jemand aus dem Publikum rief, wie das Album denn heiße. "I'm way too hip to tell the title." Wohl wahr!

Gottseidank war "Life's a pigsty" Teil des Sets. Das sehr lange Lied ist einer meiner Lieblinge der letzten Platte und wohl gesetzt bei seinen Konzerten. Allerdings war mir
das Ende neu, zumindest erinnere ich mich nicht daran, daß es bisher in "Auld Lang Syne" ("Should old acquaintance be forgot") überging.

Und auch neu war für mich, daß Julia sprach! Die Frau, Muse oder Begleitering des Engländers, wurde von ihm gefragt, wie es ihr ergangen sei. Sie antwortete, sie sei beeindruckt von all der Kunst, die sie auf dem Weg von Straßburg gesehen hätten. Frankreich sei solch ein künstlerisches Land (und vermutlich waren sie noch nicht einmal in einem Supermarkt und in seiner gigantischen Joghurtabteilung...). Morrissey sagte: "I feel... The F word... 'fat'."

Nach knapp anderthalb Stunden sagte der Frontmann das Ende an: "For your patience you'll be rewarded: or final song." Es folgten aber mit "
Stretch out and wait" und "Irish blood, English heart" noch zwei Stücke, dann aber nur eine Zugabe, der live für mich neue Klassiker "The last of the famous international playboys". Ein grandioser Abend, daran gibt es keinen Zweifel. Morrissey kann es immer noch. Hoffentlich bringen ihn Schlagzeilen und Spekulationen um angebliche Gesinnungen nicht um die Lust daran, Konzerte zu geben. Das wäre eine Schande!

Die neuen Lieder sind gut, brillante Stücke wie "Irish blood" habe ich aber nicht gehört. Aber ich bin gespannt.

Setlist Morrissey Aeronef Lille:

01: How soon is now? (The Smiths)
02: First of the gang to die
03: I just want to see this boy happy
04: That's how people grow up
05: Stop me if you think you've heard this one before (The Smiths)
06: All you need is me
07: The National Front disco
08: Something is squeezing my skull (neu)
09: Billy Budd
10: The loop
11: Death of a disco dancer (The Smiths)
12: Life's a pigsty
13: I'm throwing my arms around Paris
14: Why don't you find out for yourself?
15: Mama lay softly on the riverbed (neu)
16: Sister I'm a poet
17: One day goodbye will be farewell
18: Stretch out and wait (The Smiths)
19: Irish blood, English heart

20: The last of the famous international playboys (Z)

Links folgen!



 

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