Posts mit dem Label Blonde Redhead werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Blonde Redhead werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 18. April 2008

Blonde Redhead, Paris, 17.04.08

0 Kommentare

Konzert: Blonde Redhead
Ort: Le Bataclan, Paris
Datum: 17.04.2008
Zuschauer: wahrscheinlich ausverkauft
Konzertdauer: gut 90 Minuten

Jane Birkin und Serge Gainsbourg eingraviert in Beton am Eingang zur U-Bahn Station Rochuart-Barbès. War das jetzt Zufall, daß mir die beiden französischen Nationalheiligtümer ins Auge springen, oder sollte mich das daran erinnern, daß die Gruppe des heutigen Konzertabend, Blonde Redhead, stark von der Musik des einstigen Traumpaares beeinflusst ist?

Ich kam gerade vom Showcase der bezaubernden Sängerin Barbara Carlotti, den sie in dem Virgin Megastore von Barbès gegeben hatte und war auf dem Weg Richtung Bataclan, wo der Gig von Blonde Redhead stattfinden sollte. Ist schon verrückt, dachte ich auf der Fahrt, da gibt es eine Gruppe, die aus zwei italienischen Zwillingsbrüdern (Amedeo und Luce Pace) und einer Japanerin (Kazu Makino) besteht und ausgerechnet die machen Musik, auf die die Franzosen fliegen. Und dann wohnt das Trio auch noch in New York. Sachen gibt's...

Vor den Pforten des Bataclan angekommen, hatte sich schon eine riesige Schlange gebildet, die auf Einlass wartete. Es war erst kurz nach 8, ich hatte also genügend Zeit, noch ein Crêpes zu essen. Mein Magen knurrte, ich hatte bisher nur gefrühstückt. Der nette Crêpes-Verkäufer fand es so lustig, daß ich mit meiner Kamera da rumstand und kam plötzlich auf die Idee, daß ich ein Foto von ihm schießen sollte. Das machte ich gerne, nahm meinen Snack entgegen und reihte mich mampfend in die Schlange ein. Der bullige Gorilla am Eingang wühlte durch meine Tasche und wies extra darauf hin, daß man nicht fotografieren solle. Meine Kamera sah er nicht, sein Problem! Im Inneren des Saales angekommen spielte gerade noch das australische Trio Devastations. Ich hatte das von dem Vorgängeralbum als ziemlich ruhig und hübsch gemacht in Erinnerung, hier klang das allerdings sehr noisy und unausgegoren und ich konnte kaum glauben, daß dies die gleiche Band sein soll, die ich von der CD her kannte. Der Fotograf Robert Gil, den ich auf den Namen der drei lärmenden Burschen ansprach, bestätigte mir aber: "Ce sont Devastations." Seltsam...

Danach stand ich einige Zeit blöd rum, wie das halt eben immer so in der Umbaupause ist. T-Shirts brauch' ich keine und etwas trinken wollte ich auch nicht.
Also war Langweile angesagt, die aber pünktlich um 21 Uhr endlich beendet wurde. Als Erste kam Kazu Makino, die dürre Japanerin mit ihrem Dirndl-Kleidchen auf die Bühne geschlichen, dann folgten die Pace-Zwillinge. Ein langes Intro mündete irgendwann in den Hit "Falling Man" vom Vorgängeralbum "Misery Is A Butterfly". Ein starker Auftakt, gesungen von Amedeo mit seiner "die-Welt-ist-ungerecht-Stimme". Ihn und seinen Bruder konnte man halbwegs erkennen, die Frau auf der Bühne war aber fast durchgängig in dichten Nebel gehüllt. Blonde Redhead sind dafür bekannt, keine Spots zu benutzen, sie verschwinden regelmäßig unter einer Glocke aus blauem, grünen und roten Licht. Toll für die Zuschauer, beschissen für die Fotografen, die kaum ein scharfes Bild schießen konnten.

Das mystische Licht ist Teil der melancholisch-düsteren Inszenierung und soll den Charakter der Musik unterstreichen. Und der ist nun einmal eher depressiv,
sehnsüchtig, träumerisch, sinnlich und manchmal auch ein wenig kitschig. Ja, das kann man ruhig sagen, Blode Redhead bewegen sich durchaus nahe an der Kitschgrenze, da sowohl der Gesang von Kazu, als auch Amedeo sehr gesäuselt und nasal daherkommt. Aber wahrscheinlich ist es gerade das, was die Faszination des Trios ausmacht. Auch Gainsbourg und Birkin haben damals ihre Sinnlichkeit und Frivolität auf die Spitze getrieben, man denke nur an das liderliche Stück "Je t'aime" (moi non plus). Auch Kazu stöhnt und seufzt manchmal, als würde sie gerade Höhepunkte der Lust erklimmen. Nimmt man noch ihren sexy-lasziven Tanzstil hinzu, ist man schon das ein oder andere Mal sprachlos. Sie sieht so unschuldig aus, so zart, so zerbrechlich und dann diese Vamp-Nummer, wie passt das zusammen? Alles Show, oder empfindet sie wirklich so viel Lust und Leidenschaft (und das kommt von leiden), wenn sie ihre Lieder ins Mikro haucht? Man müßte sie schon persönlich kennen, um das zu wissen und so bleibt das Rätsel bezüglich ihres Wesens intakt.

Mit Lied 2 und 3 der Setlist bleibt man thematisch beim aktuellen Album "23", aber das Konzert will nicht so richtig in Fahrt kommen,
der Großteil des Publikums steht nur rum und klotzt mit unbewegter Miene auf die Bühne, wo sich Kazu und Amedeo eine heiße Flirt-Nummer liefern. Der Funke ist noch nicht übergesprungen, aber das ist oft so bei dieser Art von Musik. Nicht wirklich tanzbar das Ganze, aber das wußte man vorher. Ein altes Lied von Melody Of Certain Damaged Lemons. "In Particular", wird überraschend gut aufgenommen, das kurze, prägnante Gitarrenriff und der wippende Takt, kommt an. "SW" und auch "The Dress" bleiben trotz der Stöhneinlage bei letztgenanntem Titel recht fad, die Lieder sind irgendwie zu rund, zu steril, um richtig zu begeistern. Gerade falle ich in eine gewisse Lethargie, als mich das noisige und sehr rockige "Melody Of Certain Three" mit Wucht aufrüttelt. Endlich wird einmal die Noisekeule herausgeholt und man versteht, warum Blonde Redhead damals mit Sonic Youth verglichen wurden. Davon sind sie inzwischen musikalisch recht weit entfernt, die Band wird mit jedem Album poppiger und radiotauglicher.

In der Folge weiß "Equus" zu gefallen, während die alten Stücke "Ten" und "I'm There Will You Choke On Me" eher vor sich hinblätschern. Das Trio verabschiedet sich zum ersten Mal und meine Gefühle sind gemischt. Schlecht war es bis dahin nicht, aber richtige Begeisterung sieht anders aus.

Zum Glück haben sie die New Yorker das Beste für den Schluß aufgehoben. Der Zugabenteil ist nämlich stark und überzeugend, vor allem der Hit "23", der bisher die größte Zugnummer darstellt.

Nach dem melancholischen und getragenen "Melody"
(Melody Nelson? Gainsbourg?) scheint Schluß zu sein, die meisten Besucher bewegen sich Richtung Ausgang, auch ich glaube nicht mehr an eine Fortsetzung.

Aber dann kommen sie doch noch einmal zurück und spielen nach dem eher mauen "Silently" die weltschönste Version von "Misery Is A Butterfly".
Endlich komme auch ich ins Schwärmen, das Lied ist herzergreifend und geht nahe. Allein für diesen Song hat sich der Kauf der Eintrittskarte gelohnt! Versöhnt verlasse ich mit der Meute der schwitzenden Zuschauer das Batclan und habe ein kleine Träne im Auge, weil sich die Musiker gerührt mit Kushänden verabschiedet hatten. Hach...



Setlist Blonde Redhead, Le Bataclan, Paris:

01: Falling Man
02: Dr. Strangeluv
03: Spring And By Summer Fall
04: In Particular
05: SW
06: The Dress
07:
Melody Of Certain Three
08: Equus
09:
Ten
10:
I Am There While You Choke On Me

1. Zugabenblock:

11: Publisher (Z)
12: 23 (Z)
13: Melody (Z)

2. Zugabenblock:

14: Silently (Z)
15: Misery Is A Butterfly (Z)

Links:

- Video von Melody Of Certain Three
- Original-Clip zu Equus



Fotos von Blonde Redhead hier



Sonntag, 25. November 2007

Interpol, Brüssel, 23.11.07

10 Kommentare

Konzert: Interpol (& Blonde Redhead)

Ort: Forest National, Brüssel
Datum: 23.11.2007
Zuschauer: ausverkauft und sehr voll (gut 7.000.)


"Für welche Band bist Du gekommen?", fragt mich ein netter flämischer Kerl, der neben mir im riesigen Forest National auf einem roten Stühlchen sitzt. Gerade spielt noch das New Yorker Trio Blonde Redhead, das mein Nachbar gar nicht kennt. "Für Interpol", antworte ich, ohne lange überlegen zu müssen, obwohl ich für Blonde Redhead durchaus auch etwas übrig habe. "Ich wäre nur lieber da unten", fahre ich fort und zeige mit dem Finger auf mein Wunschplätzchen gleich vor dem Keyboard von Kazu Makino. Ein Stehplatz wohlgemerkt und bezeichneter Ort ist von hier oben sauweit weg, man könnte ein Fernglas gut gebrauchen. Dass die Zwillingsbrüder Pace sich zum verwechseln ähnlich sehen, dürfte meinem neuen belgischen Freund deshalb auch gar nicht aufgefallen sein. Schlimmer als die Distanz zur Bühne wiegt aber die Tatsache, daß wir sitzen. Und das bei einem Rockkonzert! Wie im Kino! Dabei wollte ich doch erst am Samstag ins Kino gehen! Habe ich dann auch gemacht, um mir den Streifen von Löwen und Lämmern von und mit Robert Reford anzusehen. Im englischen Original heißt er Lions For Lambs. Aus amerikanischer Sicht politisch hochbrisant, weil der sog. Krieg gegen den Terror (Afghanistan, Irak) sehr kritisch beleuchtet wird, von einem europäischen Standpunkt aus aber nur eine normale Auseinandersetzung mit der Frage, ob der Einmarsch in den Irak überhaupt Sinn gemacht hat und Aussicht auf Erfolg hat. Diese Diskussion hat man in Deutschland und Frankreich ja bereits seit fünf Jahren geführt und sich gegen den Krieg entschieden. Wenn man den Film so sieht, kann man aber den Eindruck gewinnen, Intellektuelle in den USA (stellvertretend hierfür Robert Redford selbst) würden sich erst jetzt ernsthafte Gedanken darüber machen, ob man richtig gehandelt hat. Vielleicht will Redford mit diesem Hollywood-Streifen, der in drei Geschichten aufgeteilt ist, die zur gleichen Zeit an unterschiedlichen Orten spielen, den ungebildeten und erzkonservativen Amerikaner aus der tiefsten Provinz erreichen und zum Nachdenken bringen? Wie auch immer, Hauptproblem für den Regisseur und Schauspieler R.R. wird bei der Realisierung des Filmes - der vor allem wegen des hervorragenden Wortgefechts zwischen der kritischen Journalistin (Meryl Streep) und dem smarten, ambitionierten aber aalglatten Senator (Tom Cruise) sehenswert ist - der Spagat zwischen Gesellschaftskritik und Massentauglichkeit gewesen sein.

Es stellt sich die Frage, ob man einen sensiblen, nachdenklichen Film machen und gleichzeitig ein großes Publikum ansprechen kann. Allgemeiner formuliert: kann man in der Kunst überhaupt gleichzeitig die Bedürfnisse eines intellektuellen und gut informierten Publikums, aber auch einer rein vergnügungsüchtigen Masse befriedigen? Diese Thematik beschäftigte mich auch während und nach des Interpol-Konzertes. Ist eine Band, die 7.000 Leute in eine ziemlich unschmucke Mehrzweckhalle lockt, überhaupt noch Indie? Interpol also der reine Mainstream? Gemach, gemach...

Setlist Blonde Redhead Brüssel:

01: Heroin
02: SW
03: The dress
04: Falling man
05: Misery is a butterfly
06: Spring and by summer fall
07: Dr. Strangeluv
08: 23


"Sind Interpol nicht vor kurzem auch in Deutschland aufgetreten?", will der nette Flame wissen, nachdem Blonde Redhead mit artigem Applaus verabschiedet worden sind. "Doch, doch, sind sie", murmele ich, "erst kürzlich in Köln". "Aber ich habe sie vorgestern in Paris gesehen, wo ich auch lebe." Mein Belgier ist etwas verdutzt, ich verwirre ihn wohl etwas. "Sind die denn in Deutschland groß", setzt er nach. "Da bin etwas überfragt, mein Freund Christoph berichtete kürzlich von einem lediglich halbvollen Palladium, aber ein Kommentator auf unserem Blog sagte, daß sich maximal noch 50 Karten auf dem freien Markt befunden hätten." Wie kann ich meinem Sitznachbarn bloß klarmachen, daß ich nur "vom Hörensagen" weiß, wie es um Interpol in Deutschland steht, da ich nun einmal in Frankreich lebe? Egal! "In Belgien sind sie eigentlich nicht sehr bekannt", erfahre ich noch und bevor ich mich lange wundern kann, wie es dann möglich ist, daß sich auf den Stehplätzen vor der Bühne ein Kopf an den anderen reiht, so daß dieser Bereich wegen Überfüllung abgesperrt wurde (deshalb sitze ich ja jetzt auch hier oben!) , geht es endlich los.

Mit "Pioneer To The Falls" hatte ich gerechnet, schließlich wurde damit noch jedes Interpol-Konzert, was wir von meinzuhausemeinblog verfolgt haben, eröffnet. Erste Regungen im Publikum sind bei der Textstelle "I felt you so much today", zu vernehmen. Auch das sich nahtlose anschließende "Obstacle 1" wurde oft schon derartig früh abgefeuert. Die Leute klatschen zwar hierzu kräftig in die Hände, die Köpfe, die ich von hier oben wunderbar überblicken kann, bewegen sich aber nicht großartig. Sind Belgier etwa schüchtern? An Paul Banks und seinen Mannen liegt es jedenfalls nicht. Der Sänger ist heute nämlich ganz glänzend aufgelegt. Seine unglaubliche Stimme ist fester und durchdringender denn je, so gut habe ich ihn noch nie erlebt. Über die laute Musik, die seine Band erzeugt, singt er jedenfalls locker drüberhinweg. Wahnsinn wie er es schafft mit seinem "Nörgelorgan" die riesige Halle zu beschallen! Und über das satte und extrem harte Schlagzeugspiel von Sam Fogarino muß man erst einmal drüberhinwegspielen. "Thank you very much" bedankt sich Paul gewohnt cool und kurzangebunden. Aber soll er etwa lange Anekdoten oder gar Witzchen erzählen? Nein, würde nicht zum Stil vom Interpol passen, der ist nun einmal eher kühl und reserviert. Interpol sind nicht die Kaiser Chiefs. Aber sind sie deshalb die schlechtere Liveband? Und was heißt das überhaupt, eine gute Liveband? Mißt man das anhand von Händen, die in die Luft fliegen, der Anzahl von tanzenden Menschen, oder daran, wie viele Leute, die Texte mitsingen? Meine Interpol-Karte von Paris, die ich mangels Photos hochgeladen habe, wird von einem gewissen Superchunk diesbezüglichmit folgenden Worten kommentiert: "i was also at that show and i hate to say that Interpol is not a great live band. I also hate, when people start clapping to every goddamn beat, Interpol's music is not meant for that shit!"...

Mein belgischer Sitznachbar ist da anderer Ansicht, nachdem das fünfte Lied "The Scale" verklungen ist, meint er nur: super! und klatscht in die Hände. Ich widerspreche nicht und weise daraufhin, daß sie diesen Titel in Paris nicht gespielt haben. "Super Liveband" wiederholt er später erneut und wieder nicke ich mit dem Kopf. Manche Leute im Publikum haben allerdings Probleme, ihre Begeisterung zu zeigen. Selbst ein unglaublich schnelles, postpunkiges Lied wie "Say Hello To The Angels" verpufft irgendwie. Kaum jemand tanzt. "Das Publikum ist saulahm!", höre ich mich resigniert zu Cécile sagen. Zum Glück tauen die Belgier einige Zeit später zu einem sagenhaft dargebotenen "Slow Hands" endlich auf. Im Saale geht sprichwörtlich die Post ab. Vorher hatte mich persönlich vor allem das sphärische und wunderschöne "Hands Away " in seinen Bann gezogen. Auch mein belgischer Nachbar ist von der unglaublich festen Stimme von Herrn Banks begeistert und hebt " No I In Threesome" besonders hervor: "Beste von das Album! "Live singt der noch besser als auf CD", jubliert er. Allerdings bleibt dem Armen nach "Rest My Chemistry" fast die Spucke weg. "Ist das Konzert etwa zu Ende?", jammert er. Aber nein, bloß Carlos und Sam (und wahrscheinlich auch der Keyboarder, aber für den interesssiert sich eh keiner hier) sind mal kurz verschwunden, wahrscheinlich ein Zigarettchen rauchen. Der auch heute wieder sehr agile und leichtfüßige Gitarrist Daniel Kessler und Paul Banks machen unterdessen alleine weiter. Zu dem schlichtweg famosen "The Lighthouse" singen und spielen sie unter einer Glocke aus lilafarbenenm Licht, das die knisternde Atmosphäre unterstreicht. Minutenlang wird Spannung aufgebaut, die sich gegen Ende schließlich ekstatisch auflöst. Sam und Carlos D sind inzwischen zurückgenkommen und vor allem der Schlagzeuger scheint mehr Punch als vorher zu haben. Mit voller Wucht prügelt er von oben auf seine Drums ein. Üblicherweise spielt er meistens alles aus dem Unterarm heraus. Sein Oberkörper bleibt in diesen Situationen auch dann noch stabil, wenn er in einem Affenzahn wie ein schneller Boxer Schläge verteilt. Das ist ganz einfach irre!

Damit die Leute wieder aufgerüttelt werden, kommt nach der Ballade "Lighthouse" mit "Evil" genau der schnelle Titel, der jetzt gebraucht wird. "Rosemary" quillt es aus unzähligen Kehlen heraus. Die Stimmung ist fast so gut wie bei "Slow Hands". Aber nur fast, das Pegel schlägt geringfügig leichter aus. Das "Heinrich Maneuver" und natürlich mein Liebling "Not Even Jail" beschließen in der Folge den offiziellen Teil.

Würden sie heute "Leif Erikson" als Zugabe spielen?, war die Frage die ich mir in der Verschnaufpause stellte. Zunächst nicht, da kam nämlich erst einmal recht überraschend "NYC". Ganz nett, aber nicht mein Favorit. "Stella" ist das schon viel eher, war auch heute wieder klasse. Jetzt also "Leif Ericson"? Wieder nicht, die Aufstellung der Band mit dem Rücken zum Publikum und das anschließende lange intro kannte ich schon aus Paris. Es leitete erwartungsgemäß "PDA" ein, ein Titel, der mich am Ehesten an die ständig zitierten Joy Division erinnert. Danach bauen sich die Musiker wie Theaterschauspieler auf und lassen sich zu Recht feiern. Vor allem Drummer Sam scheint es besonderen Spaß gemacht zu haben, er brabbelt irgendetwas mit "Magnifique" in die johlende Menge. Die New Yorker hauen ab und ich rechne nicht mehr mit einer weiteren Zugabe. Die Burschen kommen aber wieder und spielen...nicht "Leif Ericson!", sondern das lediglich passable "Untitled". Das Spekatakel ist zu Ende und auch die Frage, ob man mit niveauvoller Kunst, ein Massenpublikum bedienen kann, ist geklärt. Natürlich kann man das, Interpol können das! Und eine hervorragende Live-Band sind sie auch. Wie ich das messe? - Am Gänsehautfaktor! Und der war durchgängig hoch.

Worte können nicht beschreiben, wie sehr ich diese Band liebe...

Setlist Interpol Brüssel:

01: Pioneer To The Fall
02: Obstacle 1
03: Narc
04: C'mere
05:
The Scale
06: Say Hello To The Angels
07: Hands Away
08: Mammoth
09: No I In Threesome
10: Slow Hands
11: Rest My Chemistry
12: The Lighthouse
13: Evil
14: The Heinrich Maneuver
15: Not Even Jail

16: NYC (Z)
17: Stella Was A Diver And She Was Always Down (Z)
18: PDA (Z)

19:
Untitled (Z)





Mittwoch, 21. November 2007

Interpol, Paris, 21.11.07

3 Kommentare

Konzert: Interpol

Ort: Le Zénith, Paris
Datum: 21.11.2007
Zuschauer: ausverkauft, denke ich
Spielzeit: 90 Minuten (Zugaben eingeschlossen)


Um zu meiner Lieblingsband zu gelangen, mußte ich so einige Strapazen auf mich nehmen. Der Streik der öffentlichen Verkehrsbetriebe geht nämlich munter weiter und hat nichts von seiner Schärfe verloren. Ich mußte deshalb sehr früh von zu Hause los, denn der Parc de la Villette, wo der große Zénith liegt, ist von mir ewig weit entfernt. Er liegt wirklich am vielzitierten "Arsch der Welt -(Stadt)".

Eingepfercht wie ein Stück Vieh stand ich dann auch dicht an dicht in der Metro zwischen schwitzenden und stinkenden Menschen, die unfreiwillig an meiner Brust hingen. Auch mir rann ob dieser menschlichen Wärme der Schweiß von der Stirne. Noch nie waren sich Pariser unterschiedlichster Herkunft so nahe wie im Moment. Jetzt verstehe ich auch endlich, wo der Ausdruck "das schweißt zusammen herkommt"...

Im Zénith angekommen, war es erstaunlicherweise auch nicht viel leerer. Trotz der frühen Uhrzeit (kurz nach acht) und der Streiks hatten sich schon so einige Leutchen eingefunden. Das Konzert schien ausverkauft zu sein, anders kann ich mir nicht erklären, daß zahlreiche Schwarzhändler auf dem weiträumigen Gelände versuchten, Karten zu verscherbeln.

Das Licht ging aus und ein Computer verzerrtes Sample erröffnete das Konzert der Vorgruppe Blonde Redhead. Das Sample stammte von dem Stück "Heroine".
"Tell me why, tell me why" schmachtete die hübsche Kazu Makino in ihr Mikro. Die langbeinige Dame japanischer Herkunft saß auf einem Stühlchen hinter ihrem Keyboard und griff beherzt in die Tasten, während die italienisch-stämmigen Pace Brüder Amedeo und Simone Gitarre und Schlagzeug beisteuerten. Zum dritten Lied des Abends "Misery Is A Butterfly" erhob sich die extrem schlanke Sängerin zum ersten Mal und tanzte lasziv und elegant. Ihr Kleid glich fast einem modern interpretierten Dirndl, bloß daß das Dekolleté nicht so üppig war, wie man das von Fußballerfrauen des FC Bayern kennt, wenn sie im Oktoberfest ihre Show abziehen. Bei "The Dress" schien man zu Beginn einen lauten Herzschlag aus den Boxen zu hören, bevor Kazu sinnlich stöhnte und wimmerte. Das glich irgendwie dem französischen Klassiker "Je t'aime, mois non plus", damals interpretiert von Jane Birkin und Serge Gainsbourg. Kein Wunder, das in New York ansässige Trio hat seine Liebe zu Serge und Jane oft bekundet. Nach der älteren Schmachtnummer "Melody" kam in der Folge nur noch neues Material, vom aktuellen Album 23. Am besten hiervon gefiel mir das treibende "Spring And By Summer Fall", das überwiegend von Amedeo gesungen wird. Kazu schnappte sich hierzu die Gitarre und rockte ihren Bandkollegen an, was durchaus erotisch knisternd war.

Setlist Blonde Redhead , Paris, Le Zénith:

01: Heroine
02: SW
03: Misery Is A Butterfly
04: The Dress
05: Melody
06: Spring And Summer By Fall
07: Dr. Strangeluv
08: 23

Nachdem das New Yorker Trio mit artigem Applaus verabschiedet worden war, mußte man sich erst einmal ein Weilchen gedulden, bis es endlich mit Interpol weiterging.
Es war schon nach 21 Uhr 30 (ungewöhnlich spät für den Zénith), als die Gladiatoren endlich einmarschierten und einige spitze Schreie junger Mädchen in meiner Nachbarschaft mein Trommelfell strapazierten. Ein sehr langes, sphärisches Intro ließ zunächst offen, womit beginnen werden würde. Dann aber vertraute Klänge, sie stammten von dem melancholischen Stück "Pioneer To The Falls". Die Stimme von Paul Banks ist glasklar und jagt mir erste Schauer über den Rücken, vor allem wenn er singt "straight into my heart". Die andere Textzeile "here comes the flood" wird visuell durch ein Video untermalt, in der eine gewaltige Welle wütet. Nach dem getragenen Auftakt geht es aber mit ungleich höherem Temp weiter. "Obstacle 1" läßt erstmals Tanzwütige in Wallung geraten. Vorne wo ich stehe, geht einigermaßen die Post ab, auf den oberen Sitzrängen regt sich jedoch nicht viel. Ich frage mich, ob die Leute von ihrem Standpunkt aus das gleiche Konzert wie ich sehen. Bei mir ist es jedenfalls gut, keine Frage. Gleich vor mir greift Daniel Kessler in die Saiten seiner Gitarre. Elegant wie immer, ist er auch heute wieder Aktivposten der Band. Er bewegt sich mit Abstand am meisten und wenn er seinen Standort wechselt, bewegt er sich wie ein Tänzer. Im Tennis würde man sagen, er hat eine gute Beinarbeit. Aus seiner schönen Gitarre scheint süßester Honig zu fließen, so melodisch sind seine Riffs. Nach "Obstacle 1" gibt es leichte Tonprobleme, die aber behoben werden können. "C'mere" donnert glasklar durch die Boxen, die Massen tanzen, das Konzert hat Fahrt aufgenommen. Bei "Pace Is The Trick" hat sich der ultracoole Bassist Carlos "D" Dengler sein erstes Zigarettchen angezündet. Es sollen etliche weitere folgen. Die Fluppe bändigt er ganz lässig mit seinen Lippen. Seine Hände braucht er zum Spielen. Er verzieht während des gesamten Auftritts keine Miene, hat aber seine Bandmitglieder mit der Raucherei angesteckt. Später gönnt sich nämlich auch Paul Banks ein Kippchen und der huttragende Drummer Sam Fogarino läßt sich auch nicht lumpen. Es qualmt unter seinem Hut. Bloß Daniel und der zusätzliche Keyboarder brauchen kein Nikotin. Daniel benötigt eh die Puste für seine kurzen Sprints über die Bühne. Zu dem postpunkigen "Say Hello To The Angels" springt er mehrfach die Stufe zu seinem Drummer hinauf und rockt ihn an. Gegen Ende nimmt Herr Kessler sogar Kontakt zum Publikum auf, indem er auf eine vor der Bühne gelagerte Box steigt und von dort aus weiterspielt. Die anderen sind hingegen gewohnt cool, aber das ist nun einmal ihr Stil. Anstatt den Hampelmann zu machen, verläßt sich Paul Banks sowieso viel lieber auf seine ins Mark und Bein gehende Stimme. Verbüffend ist, mit welcher Präzision gespielt wird, manchmal habe ich fast das Gefühl, daß Interpol fast zu gut, zu perfekt sind. Aber kann man ihnen das ernsthaft vorwerfen? Bei "The Lighthouse" werden sie zum ersten Mal deutlich langsamer. Die Ballade gefällt mir sehr und verfehlt auch live nicht seinen Effekt. Die tolle Lightshow unterstreicht hierbei sehr schön das dramatische Element. Aber Interpol können natürlich auch tanzbarer und flotter. Bester Beweis hierfür ist "Evil", das begeistert aufgenommen wird. Die Stimmung hat seinen Höhepunkt erreicht, das Stimmungspegel schlägt auch in der Folge nicht mehr höher aus. Am ehesten vielleicht noch bei dem abschließenden "Not Even Jail", meinem persönlichen Lieblingstitel der Band. Enthalten auf dem glänzenden Vorgängeralbum "Antics" wurde es interessanterweise nie als Single ausgekoppelt.

Natürlich gibt es Zugaben, drei an der Zahl. Das eher lahme "Untiteld vom Debütalbum "Turn On The Bright Light" hätte ich persönlich nicht gebraucht. Viel eher schon den Knüller "Leif Erikson", der aber nicht mehr kommt. Die einzige kleine Enttäuschung eines ansonsten hervorragenden Konzerts...

Setlist Interpol, Paris, Le Zénith (die Ziffern in Klammern geben an, auf welchem Album die Lieder enthalten sind):

01: Pioneer To The Fall (3. Album)
02: Obstacle 1 (1.)
03: C'mere (2.)
04: Narc (2.)
05: Pace Is The Trick (3.)
06: Hands Away (1.)
07: Say Hello To The Angels (1.)
08: Mammoth (3.)
09: No I In Threesome (3.)
10: Slow Hands (2.)
11: Rest My Chemistry (3.)
12: The Lighthouse (3.)
13: Evil (2.)
14: The Heinrich Maneuver (3.)
15: Not Even Jail (2.)

16: Untitled (1.)
17: Stella Was A Diver And She Was Always Down (1.)
18: PDA (1.)

Vergleicht die Setlist mal mit Köln, ganz anders! So etwas finde ich immer toll!

Meine Kamera ist kaputt, deshalb konnte ich heute keine Bilder schießen. Vom Highfield Festival habe ich aber ziemlich ordentliche Pics.

Ansonsten hoffe ich auf Photos meines Bekannten Robert Gil, der auch da war. Er ist Profi, seine Bilder auf der Seite www.photosconcerts.com sind immer spitze!



Dienstag, 20. November 2007

Interpol, Köln, 19.11.07

8 Kommentare

Konzert: Interpol & Blonde Redhead

Ort: Palladium Köln
Datum: 19.11.2007
Zuschauer: höchstens halb voll


Nachdem die letzten Takte von "Stella was a diver and she was always down" um kurz nach elf verklungen waren, habe ich es bereut, im August kurzfristig nach Thüringen zum Highfield Festival gefahren zu sein. Da waren Interpol aus New York Headliner des ersten Abends und lieferten ein perfektes Konzert ab. Aber an diesem Auftritt sollte sich eben auch der heutige im Palladium messen lassen. Und auch wenn ich mich redlich um Unbefangenheit bemüht hatte und nicht schon mit dem Gedanken "im Palladium kann das ja nichts werden" angekommen war, war das Konzert so, daß es mich nicht berührt hat - obwohl ich diese Band liebe und obwohl ich ihre Musik liebe und - eben obwohl ich im Sommer erlebt habe, wie herausragend Interpol live sein können.

Mich
überraschte am Anfang gleich, wie leer das riesige Palladium war. Auf den Tickets stand Beginn 20 Uhr pünktlich, was bei den letzten Malen eine gute Idee war, weil die Vorgruppen dann auch begannen (Herman Düne & die Blood Red Shoes). Um halb acht war allerdings noch so gut wie niemand im Saal. Blonde Redhead als Support sind zwar sicher nicht massen-bekannt, sie sind aber doch namhaft und ein großer Name als Vorgruppe, daß eigentlich für mich nicht zu erwarten war, daß die sich so wenige nur ansehen wollten. Bei den Blood Red Shoes vor Maximo Park war schließlich schon die Hölle los gewesen. Nun denn...

Blonde Redhead stammen wie die Band, für die sie eröffnen, aus New York. Die
Indieband besteht aus einem italienischen Zwillingspaar an Bass und Schlagzeug (Amedeo und Simone Pace) und der japanischstammigen Sängerin, Gitarristin und Keyboarderin Kazu Makino. Kazu hatte ein schlumpfblaues kurzes Kleid und eine Netzstrumpfhose an und hatte (der Eindruck enstand dann mit dem Einsetzen ihres zarten Gesangs) durchaus etwas (nein, nichts von Schlumpfine!) Elfenhaftes. Kazus Gesang ist ganz eindeutig das charakteristische Merkmal der Musik der New Yorker. Ein sehr schönes Beispiel dafür war gleich "Dr. Strangeluv" vom aktuellen Album "23", mit dem sie einiges nach acht begannen. "23" ist bereits das siebte Blonde Redhead Album. Ich kenne bisher nur die letzten beiden. Die sphärisch-rockigen Lieder sind absolut faszinierend und eigen und begeistern mich immer wieder. Für das Palladium und als Stimmungsmacher war das allerdings nichts. Um mich rum quatschten die Leute laut, klatschten dann aber am Ende der Lieder, die sie nicht (und ich ihretwegen kaum) gehört haben. Blonde Redhead sind definitiv eine Band, die man sich live ansehen sollte, dann allerdings in einem Club von Gebäude 9 Größe und als Hauptgruppe. So, vor wenigen Leuten, verpufften Hits wie "23" oder "Spring and by summer fall" leider vollkommen.

Setlist Blonde Redhead Palladium Köln folgt!

Als sich der Interpol Auftritt näherte, wurde es vorne voller. Voller, nicht voll. Der Balkon des Palladiums war ohnehin geschlossen, oben liefen nur eine Handvoll Leute in dem kleinen abgesperrten VIP-Bereich rum, u.a. Blonde Redhead. Ansonsten war es eben so kläglich gefüllt, daß man nach dem Ende ohne eine Sekunde zu warten, an die Bar kam. Normalerweise braucht man von vorne schon Ewigkeiten bis in Barnähe, heute war alles sehr übersichtlich. Schön, um Getränke zu kaufen, unschön für Konzerte.

Auf der Bühne standen schon während Blonde Redhead die LED-Türme, die später zum Einsatz kommen sollten. Als es dann dunkel wurde und die Band rauskam, erschien auf der Bühnenrückwand die Scene vom Cover der aktuellen CD, in der ein
Kudu von zwei Löwen gerissen wird. Dazu erklang das Lied, das wohl zur Zeit alle Interpol-Konzerte eröffnet, "Pioneer to the fall." Selbstverständlich waren die fünf New Yorker wieder sehr stylish gekleidet, insbesondere Gitarrist Daniel Kessler und Bassist Carlos Dengler sahen aus, als kämen sie gerade aus einer Fifth Avenue Boutique. Sänger Paul Banks trug ein weißes weites Hemd und einen schwarzen Schal unter dem Hemd. Auf der Bühne wird die Band zwar routiniert, allerdings nicht vollkommen abgehoben und kühl, wie das viele immer behaupten. Carlos und Daniel bewegen sich viel auf der Bühne, stehen nicht bloß auf ihren Plätzen und genießen die Aufmerksamkeit.

Ich hatte im Gegensatz zum Highfield-Festival Gelegenheit, dies alles zu beobachten, denn da war ich wegen des phänomenalen Sounds so im Banne der Musik, daß um mich rum sonstwas hätte passieren können, ich hätte es vermutlich nur sehr am Rande mitbekommen. Dieser Zauber (oh Gott, ich werde kitschig) fehlte mir im Palladium. Es ist der Fluch der vielen Konzerte, daß ein
gutes Konzert nicht mehr gut genug ist, wenn eben auch hervorragende dabei sind. Gut war es auch in meinen Augen, gar keine Frage, um es aber mit Jette Joob zu formulieren, touchiert hat es mich nicht.

Aber weg von dem, was nicht war und zu dem, was war. Bei den Setlisten, die so im Internet rumgeistern, fällt auf, daß die Band extrem variabel ist. Interpol scheinen einen Live-Vorrat von 20, 25 Liedern zu haben, aus denen sie auswählen. Die Zugaben
scheinen zwar auch immer ein Grundgerüst zu haben ("NYC", "Leif Erikson", "PDA", "Stella" und "Obstacle 1"), sich aber eben abzuwechseln. Die großen Hits der drei Alben (z.B. "Evil", "Narc", "Slow hands" oder "Heinrich maneuver") werden immer gespielt, dazu kommen aber eben auch neben den Singles "kleinere Lieder" (doofer Begriff, Albumtitel, die keine Single sind, meinte ich), wie das unglaubliche "Not even jail", das für mich eines der schönsten Stücke der Band ist. Ein Song, den viele liebe, den ich aber eher unspektakulär finde, ist "The lighthouse", den nur Paul und Daniel - und im Hintergrund Keyboarder Blasco (mit Hut!) in unglaublich kaltem Licht spielten.

"Not even jail" scheint auch der Band wichtig zu sein, das Lied kam nämlich als letztes vor den Zugaben, nachdem mit "Evil" und "
Heinrich maneuver" noch einmal richtig abgeräumt wurde. Nach ein paar Minuten Abtrocknen kamen die vier zu den Zugaben zurück. Dabei bildete "Stella" wie schon beim Highfield den Abschluß, wieder also ein besonderes Lied-Highlight am Ende.

Diese Band ist grandios, gar keine Frage! Vermutlich hat sie das Palladium auch bestmöglich gemeistert (ich kann das schwer einschätzen), in einem anderen Saal (und in einer anderen Ecke des Publikums) hätte es vielleicht auch für mich überragend sein können. Vor allem aber hat Interpol es nicht verdient, vor halbleerem Haus zu spielen. Die Karten waren für die Größe der Band angemessen teuer, es findet zur Zeit in der Kategorie nicht viel anderes an Konzerten statt (die Kaiser Chiefs waren ja auch nicht ausverkauft). Eventuell haben sich wirklich viele vorher vom Palladium abschrecken lassen. Jedenfalls war es dann so leer, daß es das E-Werk sicher auch getan hätte.

Setlist Interpol Palladium Köln:


01: Pioneer to the fall
02: Say hello to the angels
03: Narc
04: C'mere
05: The scale
06: Mammoth
07: No I in threesome
08: Slow hands
09: Rest my chemistry
10: The lighthouse
11: Take you on a cruise
12: Evil
13: Heinrich maneuver
14: Not even jail

15: Leif Erikson (Z)
16: Obstacle 1 (Z)
17: Stella was a diver and she was always down (Z)

Links:

- Interpol live...
- beim Highfield Festival (August 2007)
- in der KulturKirche in Köln (Mai 2007)
- in Paris im Mai 07
- Fotos vom Palladium Auftritt



Donnerstag, 7. Juni 2007

Blonde Redhead, Paris, 06.06.07

0 Kommentare
Konzert: Blonde Redhead
Datum: 06.06.2007
Ort: L'Élysée Montmartre, Paris
Zuschauer: ausverkauft (ce soir complet)

"Ce soir complet", also ausverkauft, verkündeten weiße Zettel am Eingang des Élysée Montmartre. Die Band Blonde Redhead aus New York, scheint in Frankreich ungemein populär zu sein und das nicht erst seit dem kürzlichen Erscheinen des neuen Longplayers "23", sondern spätestens seit der Vorgänger "Misery Is A Butterfly" 2004 auf den Markt kam. Woran liegt es eigentlich, daß eine Band, die andernorts noch relativ unbekannt ist, in Frankreich bereits mittelgroße Konzerthallen in Rekordzeiten ausverkauft? Nun, man könnte argumentieren, daß das Trio, bestehend aus der Japanerin Kazu Makino (Gesang, Gitarre, Piano), den beiden italienisch-stämmigen Brüdern Amedeo (Gesang, Gitarre) und Simone Pace (Schlagzeug, Percussion), sehr stylisch ist und daher den modebewußten Parisern gefällt. Entscheidender scheint mir jedoch der Umstand zu sein, daß die Musik der Band deutliche Ähnlichkeiten zum französischen Nationalhelden Serge Gainsbourg (längst verstorben) und seiner Frau Jane Birkin (ist noch sehr aktiv) aufweist. Der Sound von Blonde Redhead klingt für französische Ohren einfach vertraut. Da gibt es zum einen die unglaublich sinnliche und dahingehauchte Stimme von Kazu, die man glatt mit derjenigen von Frau Birkin oder ihrer Tochter Charlotte Gainsbourg verwechseln könnte und zum anderen diese süßliche Melancholie, die man auch von Kompositionen von Serge kannte, zumindest in bestimmten Phasen seines Schaffens.

Auf dem Gainsbourg-Trip ist die Gruppe aber anscheinend erst seit "Misery Is A Butterfly", ihrem damals bereits sechstem Album, dem ersten beim renommierten Label 4AD. Vorher machten sie eher noisige Musik im Stile von Sonic Youth, Yo La Tengo oder My Bloody Valentine. Von der frühen Phase war aber heute eher wenig zu spüren, es dominerte melancholischer Dream-Pop. Die hübsche Pariserin Constance Verluca hatte die Ehre, das Vorprogramm zu bestreiten, allerdings fand dies sehr frühzeitig und in meiner Abwesenheit statt.

Ich stieg gleich mit Blonde Redhead in den Abend ein. Positioniert hatte ich mich vorne links, um ein paar brauchbare Photos zu schießen, was aber gar nicht so einfach war, weil der Bereich vor der Bühne abgesperrt war und Profi-Photographen mit ihren dicken Köppen die Sicht versperrten. Kein Wunder allerdings, daß hier und heute heftig geknipst wurde, denn Kazu Makino ist dermaßen hübsch und photogen, daß sie auch als Model durchgehen könnte. Jedoch als "Mager-Model", aber gerade das ist ja im Moment und wahrscheinlich noch die nächsten Jahre sehr angesagt... Beine hat die Frau, ich sage Euch... bis zum Himmel und dazu noch das luftige Kleid und die trendigen Stiefel, die sie trug, hach... Dabei hatte sie wohl im Jahre 2000 einen schweren Unfall, ihr wurde von einem Pferd der Kiefer eingebrochen und sie konnte acht Wochen kein einziges Wort reden!

Davon merkte man heute abend aber wirklich gar nichts mehr, sie hauchte wunderschöne Töne ins Mikro, rockte grazil mit ihrer Gitarre und spielte immer mal wieder Piano. Amedeo Pace hingegen, der auch die Texte schreibt, begeisterte mit seiner fragilen Stimme, die Ähnlickkeiten zu derjenigen von Mercury Rev, aber auch zum Sänger von Windmill aufweist. Sein Zwillingsbruder an den Drums war eher unauffällig. Ich glaube das Set wurde von "Dr. Strangeluv" gestartet, aber ganz sicher bin ich mir leider nicht, weil ich das neue Album vorher noch nicht oft genug gehört hatte. Auf jeden Fall startete Kazu mit dem Gesangespart, soviel ist sicher. Man muß wissen, daß Amedeo und Kazu fast nie im Duett singen, sondern sich immer abwechseln, mal haucht sie ins Mikro, mal schmachtet er hinein...

Bei Song zwei war der Herr mit den grauen Locken an der Reihe. Das treibende "Spring And By Summer Fall" wurde nämlich angestimmt. Man kann es sich auf der MySpace Seite der Amerikaner anhören, was ich hiermit empfehle. Dort findet man auch nachfolgend gespielten Song, den Titeltrack des neuen Albums, "23", ein wunderbar melodisches Lied, welches ein wenig an die Band Lush erinnert. Meinem Mitblogger dürfte es gefallen, es gibt eine "Lallala"-Passage... Die Gitarren haben hier durchaus was von My Bloody Valentine, das ist nicht zu leugnen. Davon abgesehen, hat das Trio aber einen eigenständigen Sound entwickelt, die von mir zitierten Bands sind deshalb auch nur als Orientierungshilfe zu verstehen, falls einem Blonde Redhead noch nicht so viel sagen.

A propos "einem etwas sagen": bei "Falling Man", welches nach "23" kam, war das bei mir der Fall. Es entstammte "Misery Is A Butterfly" und wurde von Amedeo gesungen: "I am just a man, still learning how to fall" winselte die Grauschläfe da in seiner unverkennbar weinerlichen Art. Eine Packung Kleenex hatte ich nicht dabei, um ihn zu trösten, aber ich stand auch zu weit entfernt, um zu ihm durchzudringen... Das berührte mich irgendwie, aber ich war wohl nicht der Einzige, denn man sah im Publikum viele andächtig blickende Gesichter, oder Leute mit geschlossenen Augen. Allerdings war nicht ständiges Schmachten angesagt, sondern manchmal wurde auch ordentlich Krach gemacht, vor allem, wenn sich Kazu die Gitarre elegant um die Schultern legte und mit Amedeo im Duo rockte. Eine perfekt arrangierte Licht-Show unterstrich die Bewegungen der Musiker hierbei sehr schön. Von Zeit zu Zeit, legte die hübsche Brünette aber wieder ihre Gitarre zur Seite und setzte sich hinter ihr elektrisches Piano. Hierdurch bekam das Set eine synthetische Note und brachte das Ganze in musikalische Nähe zu Au Revoir Simone.

Das letzte Lied des offiziellen Konzerts war dann sehr getragen, fast psychedelisch. Sie sang und machte träumerisch anmutende Bewegungen dabei, unterstützt durch ein bläulich schimmerndes Licht, bis das Stück irgendwann ausklang. Als das Trio anschließend zum ersten Mal die Bühne verließ, brandete langanhaltender Applaus auf, der die Publikumslieblinge schnell zurückkommen ließ. Kazu schnappte sich das Mikro und sagte auf englisch (französisch beherrscht sie nur häppchenweise): "Ich glaube das war emotional heute zu viel für mich, ich hatte mich dermaßen darauf gefreut, in Paris zu spielen und wollte es deshalb besonders gut machen"... Ich verstand das nicht so richtig, wollte sie etwas damit sagen, daß sie keine Zugabe mehr geben könnten, weil sie mit den Nerven am Ende war?

Zum Glück war das mitnichten so, denn es ging noch munter weiter. Die erste Zugabe hatte wieder einen elektronischen Touch, während die zweite das bisher rockigste Stück war und das Elysee Montmartre erbeben ließ. Danach schien Schluß zu sein, die Gruppe verließ nämlich erneut die Bühne. Das Publikum harrte der Dinge,die da kommen würden, aber ich persönlich rechnete mit keiner weiteren Zugabe mehr, denn dies ist in dieser Location eher selten.

Heute war es aber anders, denn Blonde Redhead kamen noch einmal zurück und verzückten mit "Misery Is A Butterfly" und "Melody". Damit hatten sie endgültig auch bei mir gewonnen, das Pariser Publikum hatten sie ja eh von Anfang an auf ihrer Seite.

Wer sich von den Livequalitäten ein Bild machen möchte, kann das demnächst in Deutschland und den Benelux-Ländern tun:

Konzerttermine Blonde Redhead:

23.06.07 Heidelberg (Karlstorbahnhof)
24.06.07 München (Feierwerk)
25.06.07 Berlin (Postbahnhof)
28.06.07 Köln (Gebäude 9)
29.06.07 Groningen (Vera)
30.06.07 Werchter-Festival, Belgien
02.07.07 Amsterdam (Melkweg)

Kurzer Auszug aus der Setlist Blonde Redhead Paris*:

- Dr. Strangeluv
- Spring And By Summer Fall
- 23
- SW
- Falling Man
- Equus
- Misery Is A Butterfly
- The Dress
- Melody

* werde diese in Kürze hoffentlich noch etwas ergänzen können.

von Oliver


 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates