Freitag, 10. Oktober 2008

Bodies Of Water, Merz, Paris, 09.10.08


Konzert: Bodies Of Water (Merz)
Ort: La Maroquinerie, Paris
Datum: 09.10.2008
Zuschauer: leider nicht sehr viele, schade!
Konzertdauer: Merz: eine gute halbe Stunde, Bodies Of Water ca. 70 Minuten



Finanzkrise, Börsencrash, Auftragsrückgänge, drohende Pleiten und daraus resultierende Arbeitslosigkeit. Wenn man die Nachrichten verfolgt, kann einem ganz mulmig werden.

Am besten zieht man sich da in eine Traumwelt zurück, in der es solche Schreckensmeldungen nicht gibt. Eine solche Oase des Friedens und der Freude ist und bleibt in Paris die Maroquinerie, zumindest wenn das Programm so gut ist wie am heutigen Abend. Gleich drei Bands für überschaubare 13 Euro waren gebucht, um die Pariser mal auf andere Gedanken zu bringen. Die euphorisierenden Schotten Frightened Rabbit sollten hierbei den Headliner geben, Bodies Of Water und Merz das Vorprogramm bestreiten.

Aber gleich am Eingang auch hier die erste schlechte Nachricht: Frightened Rabbit treten aus verwaltungsrechtlichen Gründen nicht auf. Hähh? Wie ist das jetzt zu verstehen? Egal, man muss ja nicht alles kapieren, klar scheint aber, daß jetzt die beiden anderen Acts mehr Spielzeit haben. Oder etwa nicht? Denkste! Das für Punkt 20 Uhr angesetzte Konzert wird kurzerhand auf 20 Uhr 30 verschoben. Bis dahin bleibt die Tür, die zu dem Kellerverlies führt, wo der eigentliche Konzertsaal liegt, verschlossen.

Die Zeit nutze ich für einen Plausch an der schönen Bar (Otti, wie war das nochmal mit dem Grappa?) mit drei anderen Konzertjunkies. Die Atmosphäre ist angenehm und entspannt, es macht immer Spaß sich mit Konzertfotograf Robert Gil zu unterhalten und auch auch Gilles, der selbst einen sehr gut gemachten Konzertblog schreibt (hier findet man den, den Namen traue ich mich nicht auszusprechen, ihr versteht schon, christliche Erziehung und so...), ist ein netter Kerl. Vierte im Bunde ist Mikaela, eine Fotografin aus Rom, die heute im Auftrage einer Agentur unterwegs ist.

Um Punkt 20 Uhr 30 machen wir vier uns bewaffnet mit unseren Kameras auf den Weg nach unten, nur um festzustellen, daß wir hier fast die Einzigen sind. Es sitzen vielleicht 20-30 andere Männlein und Weiblein auf den Treppenstufen rum, mehr nicht. Die Veranstalter setzen als Reaktion darauf wohl auf das Prinzip Hoffnung, fast 20 Minuten lang wartet man letztlich vergeblich, daß sich der Raum noch merklich füllt.

Der Engländer Conrad Lambert aka Merz wird also auf die Bühne geschickt und muss vor spärlichen Rängen beginnen. Das muß bitter sein! Ich male mir aus, wie das wohl ist, wenn man mit seiner Gitarre ankommt, ins fast leere Rund blickt und drei Leute klatschen, wenn man seinen Namen nennt. Die Welt ist so unfair, die Musikbranche macht da leider keine Ausnahme! Denn Conrad hätte wirklich viele Zuschauer verdient, seine Stimme und sein Songwriting sind außergewöhnlich, das muss sogar Heulboje Chris "Coldplay" Martin neidlos anerkennen. Hätte Chris doch nur 500 seiner Fans, die ihm vor ein paar Wochen in Bercy das Stadion einrannten, mit von ihm finanzierten Freikarten zu Merz geschickt, dann würde ich mir glatt La Dolce Vita, ähh, nein, ich meine dieses Viva La vida mal im nächsten Virgin-Store anhören (ich muss es mir ja nicht gleich kaufen, hehehe).

Aber Merz ist Leid gewöhnt, zumindest was kommerzielle Erfolge angeht. Kritiker hingegen standen ihm schon immer wohlwollend zur Seite, das war schon beim Erscheinen seines ersten Albums, Merz (1999), so und setzte sich auch mit Loveheart (2005) und Moi Et Mon Camion (2008) fort.

Und interessanterweise konnte sich auch Conrad an sein erstes Konzert in Paris erinnern, das war vor fast 10 Jahren, ebenfalls in der Maroquinerie. In diesem Jahr spielte er im April auch schon einmal in der Flèche d'or, aber dort sind die Konzerte gratis und die Gage für die Künstler spärlich. Insofern auch 2008 nicht der verdiente Durchbruch für den großgewachsenen Engländer, der neuerdings die Haare blondgefärbt und zu einer Elvis-Tolle frisiert trägt.

Da stand er also da, die Gitarre fest unter seine muskulösen Arme geklemmt und ließ seine einzigartige Stimme erklingen, die er manchmal mittels eines I-Macs durch Halleffekte verstärkte. Aber er war nicht ganz alleine gekommen, zu seiner Linken saß auch noch ein Bassist, der irgendwie aussah wie einer dieser Typen von Coldplay (natürlich meine ich jetzt nicht Chris Martin), leider aber anscheinend Schlaftabletten eingeworfen hatte. Der Bursche schien saumäßig gelangweilt und trug nicht gerade zu mehr Stimmung bei.

Aber im Mittelpunkt stand sowieso Mister Lambert, auch wenn ihm diese Rolle nicht unbedingt behagte. Er ist eher ein Leisetreter, kein Mann der großen Gesten und Posen und mit Sicherheit viel zu anständig und ehrlich für das oft gemeine Musikbusiness. Diejenigen, die aber Ohren hatten, zu hören, erlebten kleine, feine Glücksmomente. Auf mich übte jedenfalls die Stimme des athletischen Burschens auf der Bühne eine beruhigende, fast magisch zu nennende Wirkung aus. Sie hatte so etwas unglaublich Tröstendes an sich, das ließ mich fast erschaudern. Wie ein kleiner Junge, der von seinem Vater versöhnliche Gute Nacht Geschichten vorgelesen bekommt, lauschte ich andächtig seinen in Musik gepackten Erzählungen.

Während der ersten drei bis vier Lieder benutzte Conrad elektronische Effekte nur um gewisse sphärische Geräsuche zu erzeugen, bei einem Song aber begab er sich aber zum Keyboard. Auch die Mundharmonika kam zum Einsatz, was aufzeigt, das das Spektrum des Künstlers ziemlich breit gefächert ist. Er kann poppige Hits mit Ohrwurmqualität schreiben (Presume Too Much), nach denen sich ein Chris Martin die Finger schlecken würde, aber auch eher reduziert instrumentierte Sachen anbieten, wie zum Beispiel das wundervolle Silver Moon Ladders. Und er hat auch Songs von Loveheart weiterhin im Programm. Butterfly wäre da zu nennen, ein Lied, das ich noch in bester Erinnerung hatte, obwohl ich es seit einiger Zeit nicht mehr auf meinem I-pod laufen ließ. Herrlich! Auch Postcards From A Dark Star war sofort wieder präsent, als der Engländer es an dem elektronischen Piano spielte. "It's no masquerade, no masquerade, come back my only wish to come back", Mann war das schön!

So hätte ich ihm noch stundenlang zuhören können, aber nach lediglich gut 30 Minuten war dann leider auch schon wieder Schluss.

Merz muss ich wiedersehen. So oft wie möglich.

Nachdem Merz gegangen war, füllte sich die Maroquinerie ein wenig. Anscheinend kamen nun auch Besucher hinzu, die bisher oben im Restaurant gesessen hatten. Schade für Merz, aber gut für Bodies Of Water aus Los Angeles. Denn die fünfköpfige Band braucht einfach ein paar Leute im Publikum, die aktiv mitmachen-und tanzen.

Beim Aufbau der Instrumente waren die Bandmitglieder selbst beteiligt und sofort fiel mir eine großgewachsene, schlanke junge Frau auf, die einen feschen Kurzhaarschnitt hatte. An den Füßen trug sie silberne Repettos, die auch Serge Gainsbourg damals in weiß oft überstreifte. Sie hatte einen schwarzen, enganliegenden Ganzkörperanzug an und ich schloß mit mir Wetten ab, daß das die Sängerin sein muss. Allerdings war es auch nicht sonderlich schwer, diese Wette zu gewinnen, da ich vom Album Ears Will Pop & Eyes Will Blink her wusste, daß eine Frau bei den Bodies Of Water singt und die andere heute vertretene Dame, hielt ich für zu schüchtern, um die Rolle der Leaderin zu übernehmen. So war es dann auch. Das Mädchen mit dem Kurzhaarschnitt, Meredith Metcalf ihre Name, war in der Tat die Sängerin (und Keyboarderin) und die kleingewachsene Blondine entpuppte sich als Gitarristin und in seltenen Ausnahmefällen auch als Geigerin. Desweiteren gehörte ein schnauzbärtiger Bassist (Rotzbremsen sind leider anscheinend wieder in Mode!) und ein großgewachsener Gitarrist, David Metcalf, der Ehemann von Meredith, zur Besetzung, die durch einen Drummer, der nicht zur Gründungsformation der Gruppe zählte, vervollständigt wurde. Alle fünf sangen auch bei jedem Lied aus voller Kehle mit, wenngleich das Ehepaar Metcalf tonangebend war.

Das amerikanische Quintett legte gleich mit Karacho los und machte dem Publikum unmissverständlich klar, daß sie hier jede Menge Spaß haben wollen. In Paris zu spielen, ein Traum für die noch junge Band! Meredith freute sich hierbei sichtlich am meisten. Wie ein kleines Kind, das zu Weihnachten ein unglaublich schönes Geschenk bekommen hat, erzählte sie im Detail, wie es sich für sie anfühlte, als sie zum ersten Mal erfahren habe, daß sie mit ihrer Band in der französischen Metropole spielen werde. Ihre Lebensfreude und ihr strahlendes Lächeln waren hierbei absolut ansteckend. Nicht nur ich erlag augenblicklich ihrem Charme, sondern auch etliche andere Besucher in der Maroquinerie, die zu einem guten Teil Bodies Of Water vorher noch gar nicht kannten.

Die Spielfreude der Kalifornier übertrug sich deshalb ziemlich schnell auf die Stimmung im Publikum. Und die war blendend, auch wenn es trotzdem heute in der Maroquinerie nie richtig voll wurde.

Lieder voller Leidenschaft, Sturm und Drang wurden geboten und in fast jedem Song gab es ohoho und ahahah -Passagen, die fast wie Schlachtrufe wirkten. Als würden Indianer in Kriegsbemalung den Laden stürmen, so kam das Ganze rüber. Charismatisch für den Sound waren häufig vorkommende Tempowechsel, die manchen hier auf dem falschen Fuß erwischten. Musikalisch stellte der Stil eine gelungene Mischung aus Folk, Indierock und Pop dar, die einen an Bands wie Arcade Fire, Okkervil River,The Decemberists, die Hidden Cameras, die Islands oder Neutral Milk Hotel denken ließ, ohne dass allzu stark von irgendeiner der zitierten Bands abgekupfert wurde.

Aber es gab nicht nur euphorisierende Töne, manchmal wurde der Geschichte auch ein Hauch Melancholie eingeflösst, die sich aber immer recht rasch auflöste. Hinsichtlich der gespielten Stücke, gefiel mir besonders das hippiesk angestrichene Water Here (das hatte was von was sollen wir trinken sieben Tage lang, Video hier), I Heard It Sound mit seinen herrlichen Chorgesängen und der gefühlvollen Geige und Under The Pines, das tollste Dingel-Dengel Gitarren bot. Aber es gab eigentlich überhaupt keinen Ausfall zu beklagen, alles war schmissig und Laune machend.

Die beste Stimmung kam aber trotzdem ganz am Ende auf. These Are The Eyes kann man wohl getrost als den bisher größten Hit der Newcomer bezeichnen. Das hielt es kaum jemanden mehr auf den Sitzen (die es in der Maroquinerie natürlich nur in Form der Treppenstufen gibt) und jeder tanzte ausgelassen mit, bis auch die letzten Gedanken an schlechte Nachrichten des Tages vergessen waren.

Ich glaube ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, daß Bodies Of Water noch eine goldene Zukunft bevorsteht!


Setlist Bodies Of Water:

01: Even In A Cave
02: I Guess I'll Forget The Sound, I Guess, I Guess
03: Water Here
04: It Moves
05: I Heard It Sound
06: Keep Me On
07: Under The Pines
08: Gold Tan, Peach And Grey
09: These Are The Eyes

Ausgewählte Konzerttermine Bodies Of Water (fast immer im Vorprogramm von Calexico):

10.10.2008: E-Werk, Köln (Christoph, Christina, Frank, unbedingt hingehen, mindestens geanuso gut wie die New Pornographers!)
15.10.2008: Paradiso, Amsterdam
16.10.2008: Rotown, Rotterdam (ohne Calexico)
17.10.2008: Ekko, Utrecht (ohne Calexico)
19.10.2008: Mousonturm, Frankfurt
21.10.2008: Botanique, Brüssel
23.10.2008: Fabrique, Hamburg

Links:

- Hier schwärmt Bloggerpapst Eike von Merz.
- Videoclips von Merz Presume Too Much und Postcard From A Dark Star
- Wundervolle Sessions von Le Cargo:
- Cover Me
- Call Me
- Butterfly
- Schon im September 2007 schrieb Eike (hier) über Bodies Of Water. Beide Alben der Band wurden von ihm mit 4/5 Sternen belohnt!
- Bodies Of Water I Hear It Sound und I Guess I'll Forget The Sound, gefilmt von der Blogothèque.
- Videoclip I Heard It Sound
- These Are The Eyes live
- mehr Bilder von den Bodies of Water
- mehr Bilder von Merz




3 Kommentare :

E. hat gesagt…

booaahH! zwei wirklich großartige acts auf einen haufen. du hattest lange nicht so eine erquickliche zusammenstellung aufgeboten. merz hat ein irre schönes werl vorgelegt. bei den bodies musste ich mich erst einhören. aber es hat mittlerweile einen genauso hohen stellenwert wie der vorgänger.
zwei innovative musikalische genossenschaften, die ich nicht mehr missen möchte.
dass merz offensichtlich schlecht besucht war, ist mir ein graus! gerade er hat zuhörer verdient.
da die herrschaften nicht nach münchen kommen, fordere auch ich die kölner und hamburger und und und auf, sich dieses ereignis nicht entgehen zu lassen!

oliver r. hat gesagt…

Merz und Bodies Of Water war wirklich eine tolle Kombination! Und wie erwähnt fehlten ja die ebenfalls sehr guten Frightened Rabbit.

Aber bei einem Satz muss ich Dir entschieden widersprechen: "Du hattest lange nicht so eine erquickliche Zusammenstellung aufgeboten".

- My Brightest Diamond zusammen mit Chris Garneau
- Razorlight hautnah (auch wenn Du die für gekünstelte Kacke hältst, ich kenne Dich meine Lieber! :))
- Essie Jain (und eigentlich sogar auch Finn) + Under Byen
- Bon Iver + Anais Mitchell
- Wire, Billy Bragg, And Also The Trees,

also ich glaube da kann man nicht meckern :)

Frank hat gesagt…

Jawohl!! ;-)
Ach ne geht ja gar nicht, war ja gestern....und ich hatte doch nichts vor ausser außer dr house, dexter und californication konserven der vergangenen TV-Woche anzuschauen

 

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