Donnerstag, 16. Oktober 2008

Ladytron, Köln, 15.10.08


Konzert: Ladytron
Ort: Gebäude 9, Köln
Datum: 15.10.2008
Zuschauer: ca. 300
Dauer: 70 min.


Wann genau ich mit Ladytron in Kontakt kam, weiß ich nicht mehr, auch nicht wie. Denn eigentlich ist meine Elektropop Phase schon sehr lange vorbei. Wieso auch immer, Ladytron hat es mir von Anfang an so sehr angetan, daß ich den Kölner Auftritt der englischen Band unter keinen Umständen verpassen wollte. Ihre letzte Platte Velocifero, die ich vor einigen Monaten bekam, begeisterte mich genauso wie das Debüt 604. Beide sind vermutlich meine meistgehörten Elektrosachen der letzten Jahre.

Gesehen hatte ich die in Liverpool gegründete Band bisher nicht. Letztes Jahr wäre dazu Gelegenheit gewesen, als Ladytron Nine Inch Nails auf deren Tour begleiteten. Da ich mit NIN aber nichts am Hut habe, entgingen mir die Engländer. Allerdings schienen Leute auch den umgekehrten Weg bestritten zu haben, im Gebäude 9 liefen nämlich einige NIN-T-
Shirts rum. Anfangs konnte man noch jeden auf seine Kleidung untersuchen, denn viel war wirklich nicht los, als man gegen halb neun aus der verrauchten Kneipe in den Saal gehen konnte.

Vorher allerdings bot sich ein aufregendes Schauspiel... Durch das Bullauge der Schwingtür zum Konzertraum blitzten weiße Lichtstrahlen mit einer Intensität, als wäre das Gebäude 9 eine Außenstelle des CERN und dessen Suche nach Hicks- und anderen Teilchen im vollen Gange - und offenbar erfolgreich. Es sah nach guten Fotobedingungen aus...

Und dann passierte lange nichts. Es erschien keine Vorgruppe, das schien auch auf den ersten Blick bereits ausgeschlossen, weil die vielen Keyboard- und Synthesizer-
Batterien ganz offensichtlich für Ladytron und nicht irgendeinen lokalen Support herangeschleppt worden waren (in einem eindrucksvoll hohen Haufen an Instrumente-Kisten, die am rechten Rand standen). Auf den zweiten Blick hätte man aber doch auf eine Vorgruppe schließen können, denn auf der Bühne standen ein Schlagzeug, eine Gitarre und ein Bass. Das passte nicht zu unseren Vorstellungen...

Irgendwann gegen zehn (Einlaß laut Karte 20 Uhr, laut Website 19.30 Uhr, Beginn jeweils eine Stunde später - angeblich) erschien der Tourmanager hinter dem ganz in der linken Ecke stehenden Schlagzeug und wollte dem Soundmann zeigen, daß es losgehen könne. Er hatte allerdings keine Taschenlampe dabei - Anfängerfehler... Der Soundmann sah nichts, im Saal erklang das nächste elektrische Lied von Band. Ganz die Ruhe selbst versuchte Herr Tourmanager sich bemerkbar zu machen, britisch zurückhaltend und nicht auffällig genug. Gar nicht dumm nahm er dann sein Handy, vermutlich um den Tonmann anzurufen. Er suchte und suchte, fand aber nichts, konnte ihn also wohl auch nicht anrufen. Und er verschwand wieder.

Fünf Minuten später erschien er wieder, denn zwischenzeitlich war ihm eine blendende neue Idee gekommen. Er setzte sich ans Schlagzeug und bediente die Bassdrum. Clever - aber wirkungslos. Lied um Lied schallte von oben statt von vorne.
Irgendwann nach einigem Trommeln wurde er erlöst, und wir auch, denn endlich wurde es still, dunkel und voller auf der Bühne.

Zuerst erschienen vier Männer, alle dunkel gekleidet, und nahmen ihre Plätze im hinteren Teil der Bühne ein. Neben dem Schlagzeuger und einem Bassisten, stellten sich die beiden anderen festen Bandmitglieder an ihre Keyboardplätze, wobei Daniel Hunt (mit hübschen Schnauzbart) zunächst eine Gitarre umschnallte. Da diese Gitarre sehr
futuristisch, irgendwie abgeschnitten und damit elektropoptauglich aussah, akzeptierten wir dies.

Die beiden Frauen, Mira Aroyo und Helen Marnie, kamen etwas später aus dem (eigentlich falschen) linken Backstage- bzw. Bühnenzugang. Helen und Mira waren zwar nicht einheitlich, aber wie erwartet mit an Uniformen erinnernden Dingen bekleidet. Helen trug eine dunkle Hose, flache Schuhe und ein fledermausartiges
Oberteil zu ihrem schwarzen Pagenschnitt, während Mira einen dunklen Rock, eine glitzernd schwarze Bluse mit gerafften Ärmeln und aufgeklebten Glitter Epauletten trug. Am stylishsten war aber ohne jeden Zweifel ihre Frisur. Im Gegensatz zu Helens Haaren waren Miras lockig und hatten einen phänomenalen Schnitt über der Stirn. Damit hätte sie locker in jedem Casting für 60er Jahre Science-Fiction Filme bestanden, als böse außerirdische oder wahlweise sowjetische Raumschiff Kommandantin.

Leider zeigten sich schon beim ersten Stück (Black cat) die Grenzen des Konzertraums. Das Schlagzeug war zu laut im Vergleich zu den Stimmen der Sängerinnen. Wir wir hinterher feststellten, ist das aber im Gebäude 9 manchmal die Wahl zwischen Pest und Cholera. Für den Preis, vorne mit guter Sicht und vor allem noch gerade so aushaltbarer Luft zu stehen, ist der Klang eben schlechter als im hinteren, engeren und stickigeren Teil des Saals.
Natürlich ist das Gebäude 9 eine der wenigen wirklich tollen Kölner Konzertstätten. Im Falle von Ladytron hätte ich mir aber einen anderen Ort gewünscht - oder ein Klangwunder.

Dabei war das Schlagzeug überraschend aufregend. Denn anders als von mir laienhaft gedacht, passte das Getrommel perfekt zum restlichen Soundgebilde (klanglich, nicht die Lautstärke und Aussteuerung betreffend). Bass und diese komische Gitarre störten auch nur gedanklich, taten der Musik aber gar nicht weh.

Auch sonst ließen die Engländer alles aus, was das Konzert versaut hätte. Die Sängerinnen guckten so streng, wie es die Musik erfordert. Keine Peinlichkeiten wie "Hello Cologne, how are you?", nur sachliche Sci-Fi Ansagen ("The next song is
called...", "This is our last day in Germany"). Alles war stimmig, ohne albern zu wirken.

Musikalisch gibt es für mich eh nichts Negatives anzumerken. Ich liebe das aktuelle Album Velocifero und habe es oft gehört. Es fehlte also das Unvertraute, das man oft bei Konzerten hat, wenn man die aktuellste Platte noch nicht oder nur wenig kennt. Von Velocifero (ist das eigentlich so was wie das Gegenteil von Münster?...) stammte der Großteil der Stücke. Aber obwohl Ladytron neun der neuen Titel spielten, fehlten zielsicher meine beiden besonderen Lieblinge Tomorrrow und Versus. Wie gemein! Auch spielte die Band von 604, dem grandiosen
Debüt, zwar das mindestens genauso grandiose Discotraxx - aber nichts anderes. Auch gemein, aber vollkommen verkraftbar, denn der Rest war ganz ausgezeichnet!

Neben Discotraxx begeisterten mich besonders Ghosts, International dateline, Predict the day und Season of illusions. Aber auch ein Lied wie Fighting in built up areas von Witching hour, das ich bisher gar nicht als herausragend wahrgenommen habe, war fabelhaft! Dabei zeigte Mira zum ersten Mal ungewohnte Aktivitäten: sie tanzte
wie in Trance zu dem vermutlich bulgarischen Text. Vielleicht fand das der ein oder andere albern, mir gefiel es ausgezeichnet.

Der düstere Synthie-Klang, mit den einfachen aber trotzdem spannenden Melodien und dazu die brillanten Stimmen der beiden Sängerinnen üben unglaublich viel Reiz
auf mich aus. So etwas muß sich Kate Jackson als Ergebnis gewünscht haben, als sie die Longs Blondes gründete.

Nach einer Stunde und Seventeen zum Abschluß endete der Hauptteil. Da nicht viele Instrumente gestimmt werden mussten, ging es auch schnell mit den Zugaben weiter. Kletva von Velocifero war die erste. Auch dieses Stück hat einen bulgarischen Text und ungeheuer viel Charme. Es folgte Burning up vom gleichen Album. Dabei gab es
eine lustige Szene. Die Gitarre war hierbei sehr laut. Das muß auch Helen und Mira erschreckt haben, beide drehten sich nämlich gelichzeitig zu Daniel um und guckten ihn groß an!

Den Abschluß bildete das fantastische Destroy everything you touch! Was für ein Knüller! Ladytron haben nichts von dem zerstört, was ich erwartet hatte. Natürlich war die schlechte Aussteuerung vorne nicht toll, dem Gesamteindruck konnte das aber nicht viel anhaben. Vielleicht wurde dadurch ein potentielles Konzert des Jahres nur noch zu einem sehr guten. Meine Begeisterung für Ladytron hat gestern aber keine Macke bekommen!

Auch nicht dadurch, daß mit Abgang der Band von der Bühne plötzlich Versus von Band kam. Schon ein wenig gemein!

Aber da wäre jetzt noch die Sache mit dem Licht...

All diese apokalyptischen Strahler waren nämlich währdend des Konzerts einfach ausgeschaltet. Keine schnellen Teilchen zu sehen. Die Bühne war düster wie in jedem guten Science-Fiction Film. Warum auch immer vorher eine Großstadtportion Strom verblasen wurde, klärte sich nicht mehr auf. Das wird ein Rätsel eines ohnehin schon spannenden Abends bleiben...

Setlist Ladytron, Gebäude 9, Köln:

01: Black cat
02: Runaway
03: Ghosts
04: High rise
05: I'm not scared
06: True mathematics
07: Predict the day
08: Season of illusions
09: Discotraxx
10: International dateline
11: Deep blue
12: Fighting in built up areas
13: Seventeen

14: Kletva (Z)
15: Burning up (Z)
16: Destroy everything you touch (Z)

Links:

- mehr Fotos von Ladytron im Gebäude 9



8 Kommentare :

oliver r. hat gesagt…

Was war sehr gut? Daß die Kettenraucher neben Dir standen? ;-)

Christoph hat gesagt…

So konnten sie keinen anderen belästigen!

Nein, das Konzert natürlich!

peppi hat gesagt…

Und kein Termin in Berlin...:-(

Anonym hat gesagt…

in berlin warn sie doch im fruehjahr ... ich glaube diese elektro combo ist sehr rockig in dem was sie da so treibt ... das zieht uns an *lach*

und die nin waren live garnicht so schlimm wie befuerchtet ... wirklich gute live band und ich hatte nachher nichteinmal ohrenfiepen und ich kann nicht sagen, dass es zu leise war ...

Anonym hat gesagt…

hm, seltsam... denn ich schien gestern auf einem ganz anderen konzert gewesen zu sein. es war über alle maßen sehr enttäuschend: ewiges warten, keine vorband, knapp 75 minuten spielzeit und ein schlimmer sound (den gesang konnte man lediglich erahnen und ich hab weiter hinten mittig gestanden - mal davon ab, dass das schiefe gehauche von frau aroyo kaum zu ertragen war ). und das bei einem eintrittspreis von 21 euro!

ich bin eigentlich seit jahren großer fan von ladytron, aber live kann man sich das wirklich absolut sparen.

Anonym hat gesagt…

Ich sagen dass ich echt leicht deprimiert bin...diese Warterei war der totale Abfuck, Mira hatte nen Blick drauf als würde sie gezwungen werden und dann dieser miese Sound...

Ich liebe Ladytron, aber das gestern war echt enttäuschend.

Christoph hat gesagt…

So etwas muß sich Kate Jackson als Ergebnis gewünscht haben, als sie die Long Blondes gründete.

Und darum haben sie sich jetzt aufgelöst...

Christoph hat gesagt…

Nein, das hat natürlich einen traurigeren Grund: Gitarrist Dorian hat einen Schlaganfall erlitten.

http://blogs.myspace.com/index.cfm?fuseaction=blog.view&friendID=30242378&blogID=442352689

 

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