Dienstag, 4. Februar 2014

Levin Goes Lightly, Stuttgart, 24.01.2014

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Konzert: Levin Goes Lightly
Vorband: Melvin Raclette
Ort: Kulturzentrum Merlin, Stuttgart
Datum: 24.01.2014
Dauer: Levin Goes Lightly 54 Minuten / Melvin Raclette 13 Minuten
Zuschauer: um die 70


Alle Fotos: © Markus Milcke

Gedämpftes Licht schimmert durch dichten Kunstnebel, Palmen sind auf der Bühne aufgestellt. Dazwischen tänzelt eine bizarre Erscheinung in Leopardenleggins, verzierter Jeansjacke und langer, blonder Elvis-Tolle umher, die mit viel Hall auf der Stimme zu elektronischen Beats vom Band singt, hin und wieder mit der Telecaster in der Hand: Levin Goes Lightly ist eine faszinierende Stuttgarter Kunstfigur aus der blühenden Szene um die inzwischen aufgelösten Waggons am Nordbahnhof, die mit düster schillernden Popsongs und kunstvollen Liveauftritten ein treues und wachsendes Publikum aufbauen konnte. 
Treibender Teppich Records, ein leidenschaftliches, regionales Label, das ein paar verständige Musikverrückte gründeten, veröffentlichte vergangenes Jahr das Debütalbum des Musikers, der eigentlich Levin Stadler heißt, und ernetete wenig später mit dem eindrucksvoll-ambitionierten Sampler „Von Heimat kann man hier nicht sprechen“ überregionale Aufmerksamkeit. Betrachtet man die illustre Ansammlung talentierter Stuttgarter Projekte, muss man eingestehen, dass Levin Goes Lightly zu den außergewöhnlichsten und interessantesten gehört. Sein exaltiertes Bühnengebaren ist der folgerichtige Ausdruck seiner expressiven Musik. 


Wohl überlegt, geht seinem Auftritt beim Pop Freaks Festival im Merlin eine 13-minütige Nummernrevue des Die Nerven-Schlagzeugers Kevin Kuhn als Melvin Raclette, einem seiner zahllosen Projekte, voraus. Im The Police-Shirt spielt Kuhn ein kurzweiliges Set mit pointiert-scharfsinnigen Songs. „Ich fühle mich zu Dir hingezogen“, musikalisch eine Folkpunk-Ballade in Tradition eines Billy Bragg, ist ein ironisches Liebeslied mit geglückten Seitenhieben auf das Stuttgarter Nachtleben und seine Klischees. 
Melvin Raclettes Beitrag zum genannten Sampler, „Come Up With Something“, ein kurzer Punksong mit Surf-Einschlag, ist wie schon beim Instore-Gig im Platten-Café Ratzer Records anlässlich der Release von „Von Heimat kann man hier nicht sprechen“ kurz vor Weihnachten, unbestrittener Höhepunkt, bevor der nerdig angehauchte Humor, den schon der Opener andeutete, in „Geschlechtsverkehr in Hollywood“ zu seiner definitiven Geltung kommt. 


 Zwischendurch spielt er „Dizzy Height“, das bekannteste Stück des Hauptacts, an oder zitiert Led Zeppelins „Stairway to Heaven“ als Outro. Barfüßig steht Melvin Raclette oft mit starrer Miene in der Bühnenmitte, bewegt sich nur stoßweise und beschließt nach fünf Songs mit „We Belong Together“, einem „ziemlich unbekannten Song" Ritchie Valens', der am tragischen, von Don McLean in „American Pie“ besungenen, „Day the music died“ gemeinsam mit Buddy Holly bei einem Hubschrauberabsturz tödlich verunglückte. „Der Song ist fast 60 Jahre alt, vergesst die GEMA.“

Setlist Melvin Raclette, Stuttgart: 

01: Ich fühle mich zu Dir hingezogen 
02: Come Up With Something 
03: Geschlechtsverkehr in Hollywood 
04: „Ich wette, du denkst, dieser Song ist für dich“ (?) (Mit Stairway to Heaven-Outro) 
05: We Belong Together (Ritchie Valens-Cover)



Im ganzen Saal breitet sich der Nebel aus. Mit positiv an Nick Cave erinnernder Lethargie intoniert der riesige Kunststudent Levin Stadler seine sperrigen, sphärischen Songs, die in ihrer eindringlichen Präsentation überraschende Facetten dazugewinnen. Die einzelnen Stücke sind verworrener, meisterlich gesponnener, psychedelich angehauchter Lo-Fi, der visuell durch die Pflanzenwelt auf der Bühne und auf Leinwand projizierte Videos im Zwielicht ausgeschmückt wird. Um mich herum erscheint alles nur schemenhaft, dann erregt ein monotones, immer lauter werdendes Piepen während des zweiten Songs „Wideness“ meine Aufmerksamkeit. Der erste Gedanke, es würde sich um einen Teil der elektronischen Klangfläche handeln, wird rasch von der Gewissheit verdrängt, dass der Nebel den Rauchmelder an der Decke nahe der Theke ausgelöst hat, aus den Augenwinkel sehe ich einen Mitarbeiter des Merlins das Gerät abschrauben, während der äußerlich ein wenig an Jens Friebe erinnernde Levin Stadler unbeirrt seine Show fortsetzt, dabei vermutlich alles Äußere ausblendet. 


Bei Ansagen wirkt der große Hall auf der Stimme geradezu beängstigend, doch ist er für die konsequente Ästhetik der Show des Gesamtkunstwerks elementar. Jan Georg Plavec schrieb in der Stuttgarter Zeitung letzten Sommer in höchsten Tönen von Levin Goes Lightly. „Ian Curis und Elvis haben einen Sohn“ konnte man lesen – und tatsächlich: Levin Stadler gelingt es den oft wenig sinnlich daherkommenden, kühlen Post-Punk der 80er mit der körperlichen Präsenz, dem Hüftschwung eines Elvis Presley mit der großen Showtradition der 50er zu vereinen. Eine derartige Melange ließ sich in deutscher Musik höchst selten erleben. Einige wenige Köpfe der positiven Seite dessen, was Alfred Hilsberg einst Neue Deutsche Welle taufte, waren dazu in der Lage. Danach kam wenig. Levin Goes Lightly knüpft mit englischen Texten und aufreizender Inszenierung an dieser vakanten Stelle an.


Mit einer Spur The Cure-Atmosphäre garniert, gipfeln „Feeling“ und „Metropolis“ in großartigen Momenten. Der von Plavec betonte Hüftschwung hat auch heute großen Anteil an der Eindringlichkeit der Performance. Immer wieder lässt sich Levin auf die Knie sinken, während seine kurzen, phrasenartigen Texte durch den Raum hallen. Das ist alles intensiv und beeindruckend und als schließlich das Set bezeichnenderweise mit „Elvis“ beschlossen wird, zeigt der Künstler sein ganzes Können. 

Zwischen den Pflanzen auf dem Boden umher kriechend, einen regelrechten Balztanz aufführend und am Ende mit angezogenen Beinen auf dem Rücken inmitten des Publikums liegend, zeigt sich in der dezent schimmernden Nebelwand im Merlin eine psychedelische Artrockshow, die so betörend wie einnehmend artifiziell ist. Weniger als eine Stunde schweißtreibender Verrenkungen und ein Dutzend guter Songs reichen für einen vielversprechenden Einblick in die Welt des ambitionierten Künstlers. Ein Ende ist glücklicherweise nicht in Sich: In absehbarer Zeit soll das zweite Album bei Treibender Teppich Records erscheinen – ebenso wie das Album von All diese Gewalt, einem Nebenprojekt von Die Nerven-Gitarrist Max Rieger. Stuttgart bleibt spannend und die aufstrebende Szene vernetzt. Ein in der Hauptstadt aufgenommenes Live-Video von Levin Goes Lightly wird auf Youtube als „Berlin hates Stuttgart except me“ angepriesen. In diesem Sinne. Schwaben verfügt über aufstrebende Musiker und Bands, über die man in Anlehnung an Jan Wigger als eine Art Qualitätsmerkmal sagen möchte: NICHT aus Berlin. 



Setlist Levin Goes Lightly, Stuttgart: 

01: 1989 
02: Wideness 
03: Copkiller 
04: Dizzy Height 
05: Feeling 
06: Metropolis 
07: Speedways 
08: Nostalgia 
09: Wild Life 
10: Elvis 

11: You are lonely (?) (Z) 
12: ? (Z) 


Links: 
- aus unserem Archiv: 
- 20.12.2013, Melvin Raclette, Stuttgart

Oile Lachpansen, Stuttgart, 02.11.2013

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Konzert: Oile Lachpasen
Ort: ein Wohnzimmer in Halbhöhenlage, Stuttgart
Datum: 02.11.2013
Dauer: vielleicht 90 Minuten
Zuschauer: um die 40

Bericht und Fotos von Fabian (gefuehlsbetont):


Wohnzimmerkonzerte sind für Musiker wohl das Schönste und gleichzeitig Schwierigste überhaupt. Einerseits macht die Intimität solche Konzerte besonders einzigartig, da im Wohnbereich der Zuhörer gespielt wird und die Band näher am Hörer ist. Da berührt einen die Musik beinahe wörtlich. Andererseits ist es eine neue Erfahrung, anders als in einem öffentlichen Club, auf die Leute einzugehen und ihr Zuhause samt Freunden, Nachbarn und Familienmitgliedern mit einem Konzert zu bereichern. Da kommt es tatsächlich darauf an, wie gut der Musiker auf ein eingeschworenes Kollektiv wirkt, es überzeugt und sich in das traute Heim einfügt. Wer das schafft, hat gewonnen, es wäre die Krönung. Einer, der dies ohne Zweifel beherrscht, ist der Dresdner Akustikpunk-Singer-Songwriter Oile Lachpansen. Anfang November 2013 trug ihn ein gefülltes Stuttgarter Wohnzimmer mit einem Ausflug nach Lachpansia beinahe auf Händen. Und das wundert im Prinzip überhaupt nicht. Dieser Samstagabend in Stuttgart ist der Abschluss einer zweiwöchigen Tour, die den 34-jährigen von Ü50-Konzerten bis zu Homecomingshows führte. Mit Bart, Koffer und Gitarre fuhr er allein mit dem Zug durch’s Land, seine Tour hat er selbst gebucht. Musiker, Mercher, Produzent, Fahrer und Manager in einem – und dabei keinen Schweiß auf der Stirn, sondern ein gelöstet Lächeln im Gesicht, als er seine Koffer ins Zimmer hieft und die heutige ‘Bühne’ neben dem Kamin begutachtet. 

Er ist ein Profi im ‘Business’ des DIY-Punks, in dem es kein Business gibt, aber Strukturen und ein Netzwerk, das er aus langjähriger Szene-Beteiligung mit Selfmadelabel Katze Platten oder als Songwriter und Gitarrist unzähliger Bands wie den Deutschpunkkombos Sichelzecken und MOFA gut kennt. Mit letzteren war der eigentliche Kölner schon in den MTV-Videocharts, als er mit seinen drei Freunden und Mitmusikern in Tennisanzügen ihren Hit Tiger performten. Bis vor kurzem wurde es dann lange still um MOFA und Oile, der neben den Bands immer eigene Songs schrieb und Konzerte spielte. Nun ist er wieder in voller Fahrt mit zwei (!) neuen Alben im Gepäck. Der heutige Gig kommt ihm in vielen Dingen gelegen: Ein Wohnzimmerkonzert als Tourabschluss klingt gemütlich, so anstregend eine Tour auch ist. Doch Oile beklagt sich nicht, lernt seine Gäste kennen, stößt auf einen guten Abend an. 
Er sieht die guten Dinge zuerst, auch heute wird er sein Bestes geben. In einem familiären Umfeld zu spielen ist sein Vorteil, da genau diese Werte auch für ihn wichtig sind. Knapp 40 junge und ältere Leute sind gekommen, sitzen auf dem Boden, stehen in der Küche, trinken Bier dabei. “Noch 5 Minuten!”, hört man’s durch den Raum schallen, die liebevollen Ausrichter und Gastgeber haben wie immer alles im Griff. Oile nimmt einen letzten Zug an der Zigarette, schnappt sich einen Stuhl und spielt den passendsten Song um ein Konzert zu beginnen: Lachpansia. “Guten Abend, da bin ich mal wieder, wie geht’s, seid ihr auch so gespannt? Was heut abend aus uns noch so wird, wie wir klarkommen und wie wir uns verstehen, ob am Ende noch irgendwer stehen kann.” Es ist nicht nur sein Konzertintro, sondern auch das Introlied seiner vorletzten und gleichnamigen Selfmadeplatte Lachpansia, die im Februar als Download über Bandcamp erschien. Sofort hat der Abend ein Rahmen, die Gespräche verstummen, es ist ein gelungener Kniff, so einen Eröffnungssong. Das ist vielleicht nicht nur ein Konzert, das ist vielleicht schon eine Show. Mit dem Intro begrüßt er die Gäste in seiner Welt Lachpansia, die nicht als verschlossener Kokon zu verstehen ist, vielmehr beschreibt sie den Zustand während eines Oile Lachpansen-Konzerts. Höflicher Applaus folgt zugleich, Oile schrammelt umgehend Feld. Das ist es, was mit Akustikpunk gemeint ist, denn diese Powerchords könnte er auch locker bei MOFA zocken, deren Songs heute auch eine Bühne bekommen. 
Er ist der erste ‘Punk’ im Stuttgarter Wohnzimmer. Wer jetzt klischeehaft an Anarcho, Iro und Krach denkt liegt falsch, Oile schrammelt und wird manchmal mit der Stimme lauter. Die Toten Hosen haben Wohnzimmer professionell zerlegt. Oile bringt die Menschen zusammen, es sind offene Musikfreunde, die mit Eifer und Leidenschaft sich heute versammeln, Leute wie Oile, die hier schon Indie, Deutschpop oder Jazzkünstler sahen. 
Doch bevor er die spielt, löst Oile eine Frage, die einigen Zuschauern auf der Zunge brannte. “Ich heiße Sebastian.”, erklärt er, Oile Lachpansen sei aus diffusen Gründen entstanden und blieb dann einfach, den Punk im Oi! behalten und einen Eulenkopf trägt er auf den Tourplakaten. Mittlerweile spielt er immer mehr mit dem Begriff und die Skeptiker, die sich erstmal weniger unter einem ‘Oile’ vorstellen konnten, steckt er zugleich mit den nächsten Nummern in seine Tasche. 
Nach ‘Familienzukunftssong’ With Kid, Wir haben eins gemeinsam (für Leute, die etwas haben, was andere nicht haben, z.B. Wohnzimmerkonzerte) und Minirock, der bockstarken Hymne darüber, dass man Liebe nicht mit Lippenstift, Selfies in der Vogelperspektive und Netzstrümpfe kaufen kann, tragen sie nun das Lachen wie Oile selbst im Gesicht. Eine gewisse Unsicherheit kann bei Künstlern, die Wohnzimmerkonzerte spielen durchaus bestehen. In dieser Intimität wird man angreifbarer, doch Oile braucht nicht mal eine Rüstung. Das liegt nicht nur an seiner Art, die Menschen gut zu verstehen, sondern auch, ihnen im Konzertmoment die Hand zu reichen. Denn wer kennt diese Situationen wie in Kommunikationsproblem nicht? Oile steht, abgedroschen gesagt, mitten im Leben und hat als Musikfan mit Label und hunderten Konzerten genug erlebt, um sein erfahrungsreiches Leben in bildhafte Worte zu packen, die zu authentischen Songs werden, zu denen man anerkennend nickt und bestätigend grinst. Deren Witz und Nonchalance hält das ganze Set über an. Oft sind sie lustig, aber wenn, dann nie von der Ernsthaftigkeit entfernt, was der ‘Protestsong’ Opa und die Lieder kurz vor der Pause zeigen. Es ist wohl Oile’s sozialkritischstes Lied, das in direkter Sprache die Missstände der Welt aufzeigt. Auch hier kein Widerspruch, man ist sich einig, Zeit um darüber zu reden haben alle in der obligatorischen Wohnzimmerkonzert-Pause. 


Die gute Stimmung bleibt bestehen, alle sind mit neuen Bier in der Hand beim ‘Fliegersong’ Auf 3, einer sehr alten Nummer, die später von MOFA in laut gespielt wurde, wieder voll dabei. Gerade Auf 3 beschreibt eine dieser typischen Stimmungen in den Songs von Oile Lachpansen. Diesmal ist es Leichtigkeit, das neben nachdenklichen, traurigen und lustigen Darbietungen das Liedgut grob beschreibt. Denn so sehr sein Künstlername manchmal durchschimmern lassen könnte, dass es hier nur um Witzeleien geht, hat Oile Lachpansen einige tiefgehende, ruhige Nummern dabei, die im Wohnzimmer nochmals mehr wirken. So zum Beispiel Red Lodge und vor allem Irgendwo, das er für seine Eltern schrieb. Inspiriert wurde er durch die Fernsehsendung Die strengsten Eltern der Welt. Lachen füllt den Raum, Sendungen wie diese kennt und erträgt man im Privatfernsehrprogramm zu oft. Im nächsten Moment tritt der starre Blick und glasige Augen ein, als Oile in rührender Weise seine Eltern ehrt. Zum Tränenabwischen gibt es den Mofa-Klassiker Aufgebaut und nachdem Oile für einen Gefühlscrashkurs in zwei Stunden sorgte, krönt er das Konzert mit einem Mitsing-Lied. Dafür eignen sich gerade Wohnzimmerkonzerte super, denn dort wirken solche Aktionen niemals aufdringlich. So gleicht die Bitte bei Es geht mir gut miteinzusteigen und zum Song nicht nur Spaß und Melodik zu addieren keiner Aufforderung, denn die Herzen sind schon längst erobert. Oile wird von den begeisterten Gästen aufgefangen. Konzerte, bei denen alles stimmt, sind nicht nur eine Sache von perfektem Musizieren. Es ist die allumfassende Atmosphäre, wenn Publikum und Musiker eins sind. Selbst den etwas unangenehmen Part, als der Hut zur Bezahlung rumgeht, löst Lachpansen äußerst galant. Kurz bevor der Gastgeber seinen vorbereiteten Hut durch die Runde gibt, grätscht Lachpansen sanft ein und zieht seinen, eine blaue Minnesota Timberwolves-Cap, und leitet zu seinem Klassiker Zahltag über. Es könnte kaum passender sein, auch für diese Situation hat er einen Song. Im Volksmund heißt es, bei Geld hört die Freundschaft auf. Gerade im Schwabenland, das den Ruf des gemeinen Sparers hat, schafft es Oile Lachpansen diesen Schritt binnen Sekunden im Konzertverlauf glanzvoll zu meistern. “Auch Oile will mal seine Kinder ernähren”, singt er, während die Kasse klingelt. Ein früher Kinderwunsch, der Song ist von 2006, heute knüpft With Kid konkret an das Thema an. Kein Wunder, dass das gesamte Wohnzimmer nun lautstark eine Zugabe fordert, die Oile mit Magnet, einem äußert speziellen Song, auch gibt. Es ist der wohl älteste an diesem Tag, er stammt von den Sichelzecken, man hört einen Rundumschlag seiner Karriere. 
“Ich weiß gar nicht, was ich noch spielen kann” lacht er und spielt mit Durchgeknallt zu Zweit einen allerletzten, den er von seinen eigenen Tracklisten aussucht. Es tritt dieselbe lebhafte Stimmung ein, die schon den ganzen Abend anhält, nur Lachpansia ist bis zum nächsten Konzert erstmal ein Reich der Stille, nur auf den CDs ist es erhalten, die er mitsamt Layout alle selbst gebastelt hat und nun am Merchtisch verkauft. Gelernt haben heute 40 mehr als zufriedene Konzertbesucher, dass Lachpansia bei weitem kein künstlich aufgeladener Emotionsbegriff ist, sondern Leidenschaft. Vom Manager zum Fahrer, dann Musiker und nun Mercher – nun ist der Allrounder Oile geschafft, nippt am Bier, der Schweiß perlt auf der Stirn. Doch der zeigt diesmal ausschließlich, wie gut die Show war. Er ist einer von den Guten, würde er bei MOFA wohl abgewandelt singen.


Setlist Oile Lachpansen, Stuttgart:

01: Lachpansia
02: Feld
03: Kommunikationsproblem
04: With Kid
05: Wir haben eins gemeinsam
06: Minirock
07: Opa und die Lieder 
08: Das sind so Sachen
- Pause -
09: Auf 3
10: Mangel an Softskills
11: Red Lodge
12: Aufgebaut (MOFA-Song)
13: Zahltag
14: Irgendwo

15: Magnet (Sichelzecken-Song) (Z)
16: Es geht mir gut (Z)

17: Durchgeknallt zu Zweit (Z)

Erik Penny, Köln, 31.01.14

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Konzert: Erik Penny
Ort: Stereo Wonderland, Köln
Datum: 31.01.2014
Dauer: 75 min
Zuschauer:gefüllt bis zum Anschlag, geschätzt ca. 70



von Petra aus der Nähe von Köln

Erik Penny, ein Name, zu dem ich bis vor kurzem weder ein Gesicht noch einen bestimmten Musiktitel hätte zuordnen können. Etwas überrascht sind wir schon, als wir um kurz vor halb neun einen ersten Blick in das Stereo Wonderland werfen. Die überschaubare Bar ist schon so gut gefüllt, dass wir uns ernsthaft fragen, ob wir da wohl überhaupt noch hinein passen. Der gebürtige US Musiker, seit einigen Jahren mit Wohnsitz in Berlin – und übrigens ganz hervorragenden Deutschkenntnissen – hat ganz offensichtlich eine treue Fangemeinde in Köln. Eine bunt gemischte Truppe netter Menschen, die gerne noch ein wenig enger zusammenrückt, um auch uns noch etwas Platz zu machen. Und wir sind bei Weitem nicht die letzten, die freundlich aufgenommen werden. 


Als Erik kurz darauf die kleine Bühne betritt, wird schnell klar, was sein Publikum so an ihm schätzt. Diesen Abend bestreitet er alleine mit der Akustikgitarre und seiner wunderbar warmen Stimme. Man merkt ihm sofort an, mit wie viel Freude und Leidenschaft er seine Lieder vorträgt. Schon als ich mir vor dem Konzert einige davon via Soundcloud anhörte, fiel mir auf, dass er seine Herkunft nicht verleugnen kann, denn die spiegelt sich im Stil sehr vieler seiner Songs wieder. Besonders sein letztes Album Heart Bleed Out, über Pledge Music realisiert, ist wesentlich geprägt vom „Americana“. Dabei sind viele seiner Melodien eingängig, die Lyrics, manchmal persönlich und über die Liebe, das Leben allgemein. Inspiriert von der Wüstenlandschaft, in der Penny aufwuchs sowie der Zeit, die er in L.A. verbrachte, werden Erinnerungen geteilt, die auch das amerikanische Lebensgefühl wieder geben. Vom ersten Ton an macht es großen Spaß diesem sympathischen Singer/Songwriter zuzuhören – bei seinen souverän dargebotenen Stücken wie auch den zahlreichen kleinen Plaudereien, die er zwischen den einzelnen Liedern mit uns, seinen Zuhörern, sehr offen und ungekünstelt, führt. Das Gitarrenspiel ist für mich Genuss pur und Erik beherrscht es wirklich perfekt. 

Die nicht vorhandene Setlist kann ich leider nicht mehr rekonstruieren. Dazu waren mir die Lieder einfach nicht geläufig genug. Beim Anhören der beiden Alben, in deren Besitz ich jetzt bin – neben dem aktuellen Album Heart Bleed Out freue ich mich ganz besonders Erik Penny & Band, Live At The Sofa Sessions entdeckt zu haben, das, in Eriks Wohnzimmer aufgenommen, wirklich ein ganz besonderes Schätzchen ist - erkenne ich natürlich einige der Lieder wieder, die gespielt wurden. So wie Flowers and Fire, ein sehr schönes Stück, das sofort im Gehörgang hängen bleibt. Oder auch Heart Bleed Out, Titelsong des gleichnamigen Albums. Und natürlich Another Way Of Talking und ich glaube auch ziemlich sicher Old Enemies. Nicht zu vergessen Under The Gun, das wunderbare Honey Please und Bend, das ich ganz besonders mag. Ein gelungenes Cover von Bad Moon Rising war eine von drei Zugaben – „Im Land der Zugaben“ (O-Ton Erik Penny). 

Nach diesem Abend im gut aufgeheizten Stereo Wonderland, den wir sehr genossen haben, hat Erik Penny zwei weitere Fans gewonnen. Und ich weiß nun am Ende meines Berichts eine ganze Menge mehr über einen interessanten Musiker, der vorher für mich ein doch eher unbeschriebenes Blatt war. Eine tolle Neuentdeckung für mich!



Montag, 3. Februar 2014

Oum Shatt, Stuttgart, 22.01.2014

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Konzert: Oum Shatt
Ort: Kulturzentrum Merlin, Stuttgart
Datum: 22.01.2014
Dauer: 61 Minuten
Zuschauer: um die 60


Nichts weniger als Propaganda für innovativen deutschen Pop schreibt sich das Pop Freaks Festival des Kulturzentrums Merlin auf die Fahnen. Welch grandioses Line-Up Kurator Arne Hübner aufstellte, betonte ich wiederholt, doch offenbart kaum eine auftretende Band der diesjährigen Auflage das Gelingen des eigenen Anspruchs deutlicher als Oum Shatt aus Berlin. Die Band um etablierte Namen der Berliner Musikszene, die mit Künstlern und Bands von Jens Friebe bis zu Die Türen zusammenarbeiteten, besticht mit einem wahrlich innovativen Genre-Mix zwischen Post-Rock, New Wave und tatsächlich unterschwelligen arabischen Rhythmen. „Power to the Women of the Morning Shift“ als vielversprechende erste Single-Auskopplung sorgt für wachsende Aufmerksamkeit. 


Frisches Live-Mitglied der im künstlerischen Wahl-Exil Berlin aufblühenden Österreicher Ja, Panik, Jonas Poppe, überrascht als exaltierter Frontmann an der Gitarre, der mit seinen außerordentlich profilierten Mitmusikern ein Konzert spielt, das berechtigte Hoffnungen auf eine erfolgreiche Zukunft des ungewöhnlich guten Quartetts macht. Im Hintergrund rotiert mit hypnotischer Monotonie eine schwarz-weiße Spirale. Passend zur psychedelischen Ästhetik bauen Poppe, Hannes Lehmann (Gitarre), Jörg Wolschina (Bass und Keyboards) und Berlins extravagantester Drummer Chris Imler wahre Kaskaden trockenen Sounds auf. Das, was Oum Shatt auf die Bühne bringen, ist originell, ist großer Indie-Rock, der aufzeigt, welche Optionen der einst zu recht gen Himmel gelobte, später stagnierende britisch-schottische Post-Punk mit ein wenig Mut gehabt hätte. Selbstredend versuchten Franz Ferdinand beispielsweise mit dem stetigen Feinschliff ihres durchaus patenten Konzepts neue Wege zu gehen, doch ließ sich auch in der Weiterentwicklung eine frappierende Redundanz feststellen. Interessant wenn auch nicht innovativ oder gar weltbewegend erschien mir die erste Veröffentlichung der Berliner, eine vier Lieder umfassende EP, die mit eingängigen Melodien und pulsierenden Rhythmen zwar Interesse weckte, aber sicherlich keine allzu großen Vorschusslorbeeren zuließ. Letztlich aber genügen wenige Minuten und ich finde mich im Sog eines erstaunlichen Konzerts, das mich so nachhaltig beeindruckte, dass ich erst jetzt mit zweiwöchigem Abstand mein Erlebnis in Worte fasse. 


Gerne mit Joy Division verglichen, löst sich diese Assoziation schon während „Delta“, dem ersten Stück des Konzerts in Wohlgefallen auf. Vergleiche mit Ian Curtis' Gesang sind Allgemeinplätze zur Beschreibung eines Indie-Sängers im Bariton und durchaus lästig. Sicher bedienen sich Oum Shatt hier und da ähnlichen Mustern, verfallen aber zu keiner Zeit in anbiederndes Epigonentum, vielmehr vertraut man verstärkt auf ein Fundament aus psychedelischer Tradition und neo-progressiver Ausdruckskraft. „Silent Girl (With Silly Scarf)“, ein Stück mit einem Titel wie aus der sprudelnden Fantasie Omar Rodriguez Lopez', beginnt mit angenehm dilettantischen Akkorden, darüber singt Poppe mit unaufgeregter, fester Stimme. Immer wieder umfasst er das Mikrophon, starrt mit aufgerissenen Augen über die Zuschauer hinweg. In den ersten Reihen werden Ausdruckstänze aufgeführt, die Betonung der arabischen Einflüsse in Presseankündigung und Selbstinformation lockt neben bekannten Gesichtern der Stuttgarter Konzertszene auch zahlreiche World Music-Fans ins Merlin, die die Band wie eine Sensation feiern. 


Zwischen dem Charakter einer spontanen Jam-Session und bis ins Detail durchkalkulierter Performance changierend sind es oft Stücke mit Arbeitstiteln wie „Neu 3“ oder „Neu 5“, die besonders faszinieren. Es sind Momente, in denen man der Band zutraut jedes eingeübte Konzept zugunsten einer leidenschaftlich treibenden Improvisation aufzubrechen, nur um es dann wieder mit müheloser Leichtigkeit in gelenkte Bahnen zu pressen. Schon auf der „Power to the Women of the Morning Shift“-EP herausstechend, sind „Madame O. (Black Friday)“ und vor allem „Hot Hot Cold Cold“ Höhepunkte des kurzweilig wie kurzen Konzerts. Insbesondere letztgenannter Song vermag mit seinem klimaktischen Chor und dem leidenschaftlichem Einsatz Chris Imlers, des „Don Corleone“ der Berliner Musikszene, die Klangästhetik Oum Shatts zusammenzufassen. 


Nach gerade einmal zehn Stücken und dem fulminanten Abschluss mit der ersten Single ist das reguläre Set vorbei. Zwei Zugaben, ehrliche Worte des Danks und es ist Schluss. Die Zuschauer toben, schließlich kehren die vier Berliner für eine dritte Zugabe zurück. Es gibt noch einmal „Hot Hot Cold Cold“, markiges Understatement und ein euphorisches Publikum. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Arne Hübner ein Line-Up voller Schätze der deutschen Popmusik gelang, die wahrlich eine Sache mit Leidenschaft für ihr Genre betreiben: Propaganda. Oum Shatt sind großartig und, wie man am Tag des Konzerts auf Facebook lesen darf, im Februar mit Ja, Panik auf Tour. Die Vorfreude auf ein Wiedersehen reift – wie auch der Eindruck des Konzerts – im Nachhinein immens. 



Setlist Oum Shatt, Stuttgart:

01: Delta
02: Silent Girl (With Silly Scarf)
03: Kharkow
04: Neu 2 (ARBEITSTITEL)
05: Hot Hot Cold Cold
06: Bangladesh
07: Madame O. (Black Friday)
08: Fairground
09: Tripped Up
10: Power to the Women of the Morning Shift

11: Neu 3 (ARBEITSTITEL) (Z)
12: Shabby Little Things (Z)

13: Hot Hot Cold Cold (Z)


 


Les concerts de la semaine à Paris du 3 au 9 février

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Les concerts de la semaine à Paris du 3 au 9 février


Belle semaine de concerts à Paris avec Mogwai, Jacco Gardner, Reza, Lost Lander, Thurston Moore et une Oliver Peel Session le 6 avec la sublime Laura Gibson (photo). Il reste quelques petites places. Contactez moi si vous voulez participer!

03.02.2014: And So I Watch You From Afar, Batofar
03.2.2014: Mogwai et Forest Sowrds, Olympia
03.02.2014: Oktobre, Le Buzz 
03.02.2014: Vanille, Les Trois Baudets
04.02.2014: The Garden, Espace B 
04.02.2014: Vitrine et Minou, Pop In
04.02.2014: Reza, et Natalia Doco, Les Trois Baudets
04.02.2014: Fredrika Stahl, Le Trianon 
04.02.2014: Aymé-We Want Out, Le Baron 24h
05.02.2014: City And Colour et Hannah Georgas, Trabendo
05.02.2014: Avion & Flèche & Dessoto, Le Buzz
05.02.2014: Oktobre et Margot Cotten et Milou Leiz, L'OPA 
05.02.2014: Lost Lander & Franz Is Dead @ International
05.02.2014: Broken Bells, Maison de La Radio, Session Live Med Do
05.02.2014: Lite et The Physics House Band, Espace B
06.02.2014: Carly Bryant et Verone, 12h20 musical, Brasserie Porte Océane, Facebook event ici
06.02.2014: Cheveu, La Maroquinerie
06.02.2014: Ryan O' Donnell et Baptiste Hamon, Péniche Anako
06.02.2014: Oh Petroleum, Showcase at La Fabrique Balades Sonores 
06.02.2014: Judah Warsky et O et Buvette et Flavien Berger, Point Ephémère
06.02.2014: Oliver Peel Session avec Laura Gibson
06.02.2014: Pethrol, Le Café Charbon
06.02.2014: Girls Names, Espace B, complet
07.02.2014: Ness et Clockwise et A Light Goes Out, Le Buzz
07.02.2014: Robi et Bertrand Burgalat, Espace Gérard Philippe, Fontenay-sous-Bois
07.02.2014: Jacco Gardner et Orval Carlos Sibelius, La Maroquinerie
09.02.2014: Thurston Moore + James Sedwards et Glenn Branca, La Machine du Moulin Rouge 

 
 

Konzerttagebuch © 2010

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