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Samstag, 18. Dezember 2010

Sam Amidon & Pokett, Paris, 16.12.10

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Konzert: Sam Amidon & Pokett

Ort: L'Espace B, Paris
Datum: 16.12.10
Zuschauer: 40 bis 50
Konzertdauer: Pokett etwa 45 Minuten, Sam Amidon ungefähr 1 Stunde


Sam Amidon (oder samamdion?) ist schon ein komischer Vogel. Der junge Kerl mit den blonden Engelslöckchen schreibt hochmelancholische Folksongs, denkt aber gar nicht daran, durchgängig den ernsten Singer/Songwriter mit der sorgenvollen Miene zu geben. Sattdessen kräht er während seiner Shows wie ein Hahn, macht Liegestützen (heute allerdings nicht), reißt sein Banjo im Stile eine Heavy Metal Musikers in die Höhe, oder erzählt mitten beim Vortrage eines Liedes eine Anekdote. Er ist der Komiker unter den Folksängern und betont nicht umsonst, daß er von Buster Keaton beeinflusst ist. Gerne macht er auch Witzchen über R. Kelly (den er covert: Relief), oder andere Gestalten der Popkultur.



Heute in Paris allerdings hätte ich mir manchmal schon gewünscht, daß er die Albernheiten ein wenig zurückstellt. Witzischkeit kennt keine Grenze, das kennen wir ja von Heinz Schenk und auch unser aller Lieblingssänger Robert Blanco meinte: ein bißchen Spaß muss sein. Alles berechtigt. Das Problem ist bloß, daß Sam Amidon oft seine schönsten und betörendsten Lieder ruiniert, indem er absichtlich falsch spielt oder mit krächziger Stimme singt. Da versinkt man gerade so schön in der knisternden Atmosphäre einer Mörderballade (so nannte Sam selbst in einer Szene seine Lieder) und dann versaut er das Ganze durch den Weckruf eines (gallischen?) Hahns. Hilfe! Was erlauben Amidon?

Daß es dennoch ein insgesamt schönes Konzert wurde, war der Qualität des Songmaterials und der Intimität der Location zu verdanken. An Stücken wie Wedding Dress, Climbing Highmountains, You Better Mind (heute ohne Beth Orton) oder Wild Bill Jones (mein persönlicher Favorit) kam man einfach nicht vorbei. Wer allerdings eine detailgetreue Wiedergabe der CDs erwartete, wurde sicherlich enttäuscht. Sam Amidon singt einfach nicht so gleichmäßig und sauber wie auf der Konserve, leistet sich beim Gitarrenspiel (absichtliche?) Fehlerchen und wirkt manchmal so, als würde er gleich einschlafen. Das war bei den Konzerten, die ich im Februar 2009 von ihm gesehen hatte so und heute auch nicht anders. Ich glaube er will manchmal das Publikum testen, will heraufinden, ob man ihm zuhört. Kurioserweise sind seine zwei Haupttechniken dabei völlig gegensätzlich: entweder er spielt noch wesentlich langsamer und teilnahmsloser als auf den ohnehin schon sehr ruhigen Platten, oder aber er kräht wie oben zitiert wie ein Hahn bzw. baut einen bluserockigen Jamm auf dem Banjo ein. Nach schleppendem Beginn hatte er am Ende dann aber tatsächlich das Publikum auf seine Seite gezogen, denn den Singalong zum R. Kelly Cover Relief sangen alle lauthals mit.

Ein Clown, der Sam! Sympathisch und talentiert.

Vor Sam Amidon waren die Franzosen Pokett angetreten. Eigentlich das Projekt eines Mannes, des bärtigen Singer /Songwriters Stéphane Garry, ist aus Pokett live inzwischen eine vierköpfige Band geworden. Neben dem Chef agierte heute David Lopez (ex-Pollyanna) an der Gitarre und ein mir namentlich nicht bekannter Drummer. Am Bass gab es die augenfälligste Neuerung. Dort erblickte ich zum ersten Mal eine junge Frau, die ich bisher als Bassistin der Band Kiss Kiss Bang Bang kannte. Die junge Lady brachte Pfiff in die Männerrunde und machte in jeglicher Hinsicht eine gute Figur.



Pokett mochte ich ursprünglich als feinfühligen und reduzierten Folksänger in der Tradition meines Lieblings Elliott Smith, aber auch in der heutigen rockigen Variante gingen mir die filigranen Stücke gut ins Ohr. Manchmal klang das Ganzze fast noisig, oder zumindest nach saftigem Collegerock. Und den famosen Klassiker Bread And Marmelade haben die Burschen fast komplett neu geschrieben. Die einstige Ballade fetzte so richtig und bewies, daß auch leise Künstler die lauten Töne beherrschen können. Am dollsten knallte es ganz am Ende. Da wurde das Stück Three More Cords gleich mit zwei Schlagzeugern gleichzeitig gespilelr, was für einen schwungvollen Abgang sorgte.



Stephane Garry alias Pokett ist toll, ob akustisch, oder elektrisch. Er hat schon so viel gute Stücke geschrieben und inzwischen drei feine Alben herausgebracht, da müsste doch so langsam auch mal ein größeres Medieninteresse drin sein. Nun ja, zumindest ins Café de la Danse (Kapazität 500 Leute) hat er es dieses Jahr schon geschafft und vielleicht ist ja nächstes Jahr die Maroquinerie oder das Nouveau Casino machbar. Zu wünschen wäre es ihm. Deutschlandtermine? Hmm. Abwarten!



Aus unserem Archiv:

Pokett, Paris, 14.10.2010
Pokett, Paris, 06.10.10
Pokett, Paris, 23.05.09
Pokett, Paris, 18.03.09
Pokett, Saint Ouen, 30.01.09
Samamidon, Saint Ouen, 10.02.09
Samamidon, Paris, 03.02.09
Samamidon, Paris, 02.02.09


Anmerkung: Bei den Fotos handelt es sich um Archivbilder. Aktuelle Pics folgen in Kürze.



Mittwoch, 4. Februar 2009

Sam Amidon, Paris, 03.02.09

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Konzert: Sam Amidon

Ort: Le Baron, Paris
Datum: 03.02.2009
Zuschauer: hmm, vielleicht 150?
Konzertdauer: ca. 45 Minuten



Ein geerdet wirkender junger Amerikaner, der mit seinem schwarz-rot karierten Hemd aussieht, als würde er im Winter in den dichten Wäldern von Wisconsin Holz hacken gehen, damit es die Familie in der Hütte schön warm haben, in einem noblen, recht versnobten Pariser Privatclub, wo ein Fläschen Bier 10 Euro kostet - größer können die Gegensätze wohl kaum sein, oder ?!

Auch Sam Amidon, der amerikanische Singer/Songwriter, um den es hier geht, findet die Location wohl reichlich seltsam. Aber irgendwie auch spannend und ungewöhnlich, die Tatsache, daß der Künstler mit seiner kleinen Digitalkamera vor seinem Konzert den - mit seinen roten Lämpchen und Sitzecken - ziemlich puffig wirkenden Club aus allen möglichen Perspektiven abknipst, spricht zumindest dafür. Die so enstandenen Erinnerungsfotos kann er dann bei seiner Rückkehr in den USA Mum und Dad zeigen und die werden dann womöglich ausrufen: "Mein Junge, wo bist Du denn da in Paris hingeraten? Bist Du sicher, daß Du da nicht in einem Bordell gelandet bist? Lügst Du auch nicht, wenn Du sagst, daß Du da ein Konzert gegeben hast?"

Falls es Erklärungsschwierigkeiten geben sollte: Ich bin in der Lage Sam ein Alibi vor seinen Eltern zu verschaffen, denn ich habe sein Konzert im Baron als einziger abgeknipst! Bevor es losging, konnte aber auch ich es mir nicht verkneifen, die Location, die ich eigentlich von früheren Konzerten schon recht gut kenne, ebenfalls abzulichten. Irgendwie ist der Schuppen mit seinem 70 er Jahre Nobelclub-Charme ja doch ganz cool. Zumindest sagt man sich das, wenn man es überhaupt geschafft hat, reinzukommen und den Türsteher überzeugen konnte, daß man hier dazugehört. Bei Konzerten im Baron kursiert regelmäßig eine wichtige Liste, damit keine dahergelaufenen Touristen hier aufkreuzen. Auf diese Liste kann man sich setzen lassen, wenn man den Künstlern vorher eine entsprechende e-mail geschickt hat. Das Mädel, das sich darum kümmert, habe ich gestern ihm Pop In kennengelernt. Allerdings habe ich meine mail erst um 21 Uhr abgeschickt, eigentlich viel zu spät, um noch registriert zu werden. Ist aber eh schnuppe, da ich bereits um 23 Uhr antanze, zu einer Zeit also, da vor der Tür noch überhaupt nichts los ist! Zu früher Stunde (alles relativ natürlich) sind sie hier kulanter.

Als ich vor Kälte bibbernd vor der silbernen Türe stehe, sehe ich lediglich zwei junge Frauen, die ebenfalls Einlass begehren. Eine von den beiden erkenne ich wieder. Ich hatte sie schon gestern im Pop In bei Sam Amidon gesehen. Sie ist Amerikanerin, das hatte ich sofort getippt. Dabei ist sie eigentlich wie ein typische Pariserin angezogen, mit ihrer stilvollen, nicht zu aufgemotzten Kleidung und dem süßen Zipfelmützchen.So sehen Amerikanerinnen aus, die in Paris leben. Die passen sich an, donnern sich nicht mehr auf wie in Miami, schminken sich nur noch dezent und behängen sich nicht mit Glitzerschmuck. Ich vermute zumindest stark, daß sie in Paris lebt. Nach dem Konzert bestätigt sich meine Vermutung: Ja, sie lebt hier und spricht natürlich toll französisch! Meine Menschenkenntnis lässt mich eben selten im Stich...

Was ist Sam Amidon eigentlich für ein Mensch? Die Frage hatte ich mir schon gestern gestellt, als er zur Belustigung des Publikums während eines Songs Liegestützen gemacht hatte. Warum tut er so etwas? War er schon in der Schule der Klassenclown? - Dann dürfte er es bei denMädchen schwer gehabt haben. Die schmunzeln nämlich über solche Kerle, wollen aber nicht mit ihnen ins Bett. Ich weiß wovon ich rede...

Also gut, Sam hatte in meiner Fantasiewelt nicht den allergrößten Schlag bei jungen Frauen, aber um sich darüber hinwegzutrösten hat er ja seine Gitarre und sein Banjo. Diese beiden Instrumente stehen auch schon einsam auf der winzigen Tanzfläche rum, als ich tiefer in den Raum vorstoße und mir ein gutes Plätzchen sichere. Sam selbst sitzt auf einer Bank, guckt vergeistigt in ein Apple Notebook, das auf dem kleinen Tischen vor ihm steht und checkt vermutlich seine Fanmails bei MySpace. Das wird ihm aber schnell langweilig und deshalb schießt er eben, wie vorhin erzählt, ein paar Fotos von der Location. Irgendwann hat er lange genug auf seinen Auftritt gewartet. Das Mädchen, das mit dieser unglaublich grotesken Eisbärkappe den DJ gespielt hat, zieht sich nun, da sich der Ami auf sein Stühlchen gesetzt hat, zurück.

Der Blondschopf mit den blauen Augen fängt einfach an zu spielen, obwohl noch laut im Raume gequatscht wird. Das Geplapper wird sich auf im Laufe des Konzertes nicht legen, im Gegenteil es scheint von Minute zu Minuten immer schlimmer zu werden! Eine Beleidigung für den auftretenden Musiker, der aber ganz cool bleibt und in aller Ruhe seine sanften und melancholischen Lieder vorträgt. Ich könnte ihn mir auch als Angler vorstellen, bei der Gemütsruhe, die er an den Tag legt! Aber er kann auch anders! Manchmal wird er ganz laut beim Singen und dann wird seine ansonsten samtweiche Stimme rauh und krächzig, ein wenig wie bei Ray LaMontagne. Ich glaube er macht das heute auch ein wenig extra, um die Leute vom Schwätzen abzuhalten. Er singt wirklich viel lauter als gestern. Natürlich macht er auch wieder die Liegestützen und er kräht auch wieder wie ein Hahn (und verhunzt damit eigentlich den wunderschönen Song Wild Bill Jones), aber er hat auch noch neue Gags auf Lager. In einer Szene versucht er eine möglichst dämlich aussehende Grimasse zu ziehen, was ihm auch zweifelsohne fabelhaft gelingt. Schon ein verrückter Vogel, dieser Sam Amidon, bzw. samamadion wie auf seinen CDs steht. Von denen gibt es bisher zwei an der Zahl und auch heute spielt er Songs von beiden Alben. Am schönsten ist natürlich wieder das wundervolle Saro, bei dem er stimmlich manchmal sogar an Chris "Coldpay" Martin erinnert, ohne daß ich ihn mir je in einem Stadion vorstellen könnte. Auch Sugar Baby und O' Death ("a song about death, death is a terrible thing" wie er anmerkt) sind wieder dabei, nicht aber das gestern noch gespielte Wedding Dress und auch nicht das Tears For Fears Cover Head Over Heels. Dafür erfreue ich mich aber besonders an dem auf der Gitarre vorgetragenen Little Satchel. Ich erinnere mich nicht genau, ob er dieses Stück auch gestern im Pop In zum Besten gegeben hat, heute aber fällt es mir sehr positiv auf. Ein Liesbeslied, soviel scheint klar zu sein. Aber was genau singt er da am Anfang? "Under my bed you can search...und jetzt verstehe ich den Rest nicht richtig, heißt es weiter: "a little sad joke?" Wenn Sam doch bl0ß seinen beiden hübschen Alben Texte beigelegt hätte, das würde die Sache deutlich vereinfachen! Schließlich sind die Texte bei einem Singer/Songwriter sehr wichtig. Nun ja, vielleicht findet man sie bald zumindest im Netz, ich habe diesbezüglich vergeblich gesucht...

Vergeblich gesucht habe ich auf den beiden Alben auch ein recht makabres Lied, das Sam am heutigen abend gespielt hat. Es geht um Folgendes: Zwei Schwestern können sich auf den Tod nicht leiden und so beschließt eine der beiden, die andere umzubringen. Sie wirft sie von einer Brücke in den Fluß. Die Leiche wird von einem Müller gefunden und auch ein Geigenmacher ist an ihren Überresten interessiert. Er fertigt aus den Knochen ihrer Finger eine Fiedel. Abgefahren, oder? Keine Ahnung, wie dieses Lied heißt, wer es weiß, melde sich bitte bei mir! Auch andere gebotene Stücke konnte ich nicht ausfindig machen, aber vielleicht hilft mir der Künstler selbst weiter? Auf jeden Fall hat er vor einem viel zu laut plapperndem Publikum 10 Lieder, abwechselnd auf Banjo und Gitarre, vorgetragen, die mich mit ihrer Schlichtheit, Reduziertheit und Schönheit beeindruckt haben. Kurzum: Ich kann von dem jungen Amerikaner gar nicht genug bekommen und habe deshalb beschlossen, ihn mir am 10. Februar erneut anzusehen. Dann spielt er zusammen mit Crystal Stilts im Mains D'Ouevres bei Paris. Die Pariser sind wirklich verwöhnt!

Auszug aus der Setlist Sam Amidon, Le Baron, Paris:

- Little Satchel
- O'Death
- Wild Bill Jones
- Fall On My Knees
- Saro

Konzerttermine Sam Amidon:

04.02.09: Cafe & Diskaire - Lille
05.02.09: CultuurHuis Maison, Maldegem
06.02.09: Kris Place, Gent
07.02.09: Emile Vache, Metz
10.02.09: Mains D'oeuvres, Saint Ouen bei Paris
11.02.09: Botanique (Witloof Bar), Brüssel



Dienstag, 3. Februar 2009

Sam Amidon, Paris, 02.02.09

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Konzert Sam Amidon

Ort: Le Pop In, Paris
Datum: 02.02.2009
Zuschauer: geschätzte 50-60
Konzertdauer: ca. 45 Minuten



Wenn ein hochtalentierter amerikanischer Singer/Songwriter in einem kleinen intimen Pub wie dem Pariser Pop In gratis auftritt, kann ein Konzertjunkie mit Vorliebe für gute Folkmusik natürlich trotz ausgeprägter Müdigkeit und Antriebslosigkeit nicht widerstehen.

Allerdings ist fraglich, ob ich von dem Konzert ohne den Hinweis meines lieben Bloggerkollegen Eike vom Klienicum erfahren hätte. Der flinke Bajuware hatte nämlich schon vor ein paar Wochen einen Konzerttip für Sam Amidon (oder samamidon) ausgesprochen und diesen auch publik gemacht. Da habe ich dann kurzerhand mein kleines rotes Büchlein mit dem Kalender gezückt und deutlich sichtbar das kleine, feine Event eingetragen. Auch für den 3. Februar gibt es übrigens einen Eintrag für Sam Amidon, dieses Mal für den Gig im Privatclub Le Baron, der ebenfalls gratis sein wird. Aber greifen wir an dieser Stelle noch nicht vor...

Der heutige 2. Februar war ein naßkalter und grauer Wintertag, einer jener Tage also, an dem man am liebsten nicht das Haus verlassen möchte und sich die Decke weit über den Kopf zieht. Oder einen heißen Tee trinkt. Oder mit seiner Katze schmust. Irgendetwas in dieser Richtung, um dem Winterblues zu trotzen. Da traf es sich gar nicht gut, daß Handwerker die Decke in der Küche malerten, die die Nachbarin über uns mit ihrem Wasserrohrbruch versaut hatte. Renovierungsarbeiten in der Küche waren nämlich gleichbedeutend mit: Man kann sich nichts zu essen warm machen und auch den dringend nötigen Kaffee (ich benutze eine sogenannte italienische Kaffekanne, die man auf den Herd stellt) kann man sich abschminken!

Übellaunig wartete ich bis in den späten Nachmittag, bis die Maler abzogen. Dann waren auch noch nervige Erledigungen zu tätigen und meine Stimmung war auf dem Nullpunkt. Ich wollte fast den Konzertabend, auf den ich mich schon lange gefreut hatte, ausfallen lassen...

Gut, daß ich es nicht getan habe! Denn Sam Amidon entpuppte sich nicht nur als guter Sänger und Songwriter, sondern auch als ein überaus lustiger, unterhaltsamer und hochsympathischer Bursche! Auf der kleinen Bühne in der Kellergruft des Pop In verbüffte er das Publikum, darunter auch viele Amerikaner, mit plötzlichen Slapstickeinlagen und Jokes. Schon mal gesehen, daß jemand Liegestützen während eines Songs macht? Bei Sam gibt es so etwas! Auch cool: der Künstler singt ein Lied, in dem irgendwann eine Textstelle auftaucht, in der es um seine Mutter geht, unterbricht abrupt seinen bis dahin recht traurigen und getragenen Gesangesvortrag und fängt an, von einem seltsamen Traum zu erzählen, den er im Zusammenhang mit seiner Mum hatte. Er berichtete, daß er schweißgebadet aufgewacht sei und sich daran erinnern konnte, daß er in diesem Traum erst elf Jahre alt gewesen sei. Er ging die Treppe hinunter und von dort in den Garten und sah plötzlich seine Mutter durch die Fensterscheibe. Sie sei winzig klein gewesen, nur so groß wie er und als er näher kam, sei sie plötzlich wie eine Wilde rumgehüpft und stieß sehr seltsame Laute aus. Um dies plakativ darzustellen, machte Sam nach, wie das geklungen hatte und schnitt dabei Grimassen, die man so ähnlich von unserem Komiker Otto kennt (obwohl er selbst natürlich nicht den Ostfriesen, sondern Buster Keaton als Einfluss nennt). Mit seinem Wintermützchen und dem karierten Shirt sah der Amerikaner ohnehin recht witzig aus und es war verblüffend, wie er von tottraurig auf urkomisch umschalten konnte. Ein Typ, der wie der große, unvergessene Melancholiker Nick Drake klingt und Zoten im Stile von Otto raushaut, wahrlich eine ungewöhnliche Mischung! Und dann gackert der Kerl auch noch wie ein Huhn und behauptet (was so auch stimmt), daß er die meisten Ideen und Songs von seinen ebenfalls musizierenden Eltern geklaut habe! Vielleicht diente das Ganze dazu, ein wenig die Tragik und Depressivität aus seinen wunderschönen Liedern, die er mal an der Gitarre, mal am Banjo vortrug, herauszunehmen. Lieder, die von seinen beiden Alben But This Chicken Proved Falsehearted (2007) und All Is Well (2008) stammten. Vom Erstling kam zum Beispiel 1842, aber auch, und das war für mich, der mit dem Oeuvre des Künstlers noch nicht 100% vertraut ist, eine Überraschung, Head Over Heels von...ja von wem? Na klar, Tears For Fears! Als Enddreißger kannte ich den Song der recht mainstreamigen aber durchaus nicht schlechten Engländer natürlich noch sehr gut, aber Sam veräppelte sein jüngeres Publikum ein wenig, als er den Song nämlich als "Traditional Folk Song" ankündigte. Als ich hinterher einwarf, daß dies doch Tears for Fears gewesen seien und kein Traditional, meinte er nur flapsig: "Yeah! But it's Folk Music isn't it? And did they know what they were singing about? Anyway, they were a good band!"

Hmm, ich persönlich bevorzuge dann doch eher den Nachwuchs und zwar in der Gestalt jenes Mannes, der solch wundervolle Lieder wie das betörende und herzerweichende Saro sang, das geisterhafte O'Death nachschob, das Wedding Dress im Stile eines Nick Drake intonierte und am Ende mit dem trost-und hoffnungsspenden All Is Well abschloß. Eine Zugabe gönnte er dem heftig applaudierenden Publikum noch, dann war die Zeit gekommen, ein wenig Handel zu betreiben. Auf der Bühne selbst verkaufte der Blondschopf seine beiden Alben für schlappe 10 Euro pro Stück. Da kann man wirklich nicht meckern!

Auszug aus der Setlist samamidon, Le Pop In, Paris:

- 1842
- Head Over Heels (Tears For Fears Cover)
- Saro
- Wedding Dress
- Sugar Baby
- Fall On My Knees
- O'Death


Morgen also gleich noch einmal!


Links:

- Zur Vertiefung unbedingt den Artikel von Eike lesen!
- Videoclip samamidon Saro, wunderschön angucken!
- Videoclip Wedding Dress, charmant!
- Videoclip Tribulation mit Cowboyhut
- Mehr Fotos von den Slapstickeinlagen von samamidon und dem amüsierten Publikum





Freitag, 3. August 2012

Bon Iver, Wien, 01.08.12

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Konzert: Bon Iver & Sam Amidon
Ort: Arena, Wien
Datum: 01.08.2012 
Dauer: 90 Minuten Bon Iver, 40 Minuten Sam Amidon

"What might have been lost"
, tönte es am Ende eines tollen Konzertes in Sprechchören durch die Arena. Verloren gegangen sind auch einige mögliche Konzertberichte, die ich mir in letzter Zeit vorgenommen hatte, deren Geburt dann aber alle möglichen Umstände einen Strich durch die Rechnung machten. (Abtreibung sag ich jetzt nicht dazu, wir wollen ja nicht unsere starke Leserfraktion aus dem Vatikan vergraulen.) Jedenfalls sind Bon Iver ein perfekter Grund, dem lieben Tagebuch wieder einen Wiener Bericht
anzuvertrauen!

 
Irgendwie zählt der erste Eindruck ja doch auch: Auf dem Hüpfer von der U-Bahn zur Arena wurden gleich zwei wesentliche Charakteristika des Abends sichtbar: Höchst heterogene Menschengruppen säumten den Weg mit "Suche Karte"-Schildern. Was das zeigen soll: Erstens war das Konzert schon wochenlang gnadenlos ausverkauft, zweitens war die Besucherschaft ausgesprochen bunt und unterhaltsam: vom 60-jährigen, barfüßigen Routinier bis zur blutjungen Indie-Queen mit hohen Absätzen, von gelassenen "An der Bar-Lehnern" bis zum Hardcore-Fan in der ersten Reihe, von Amerika bis Kärnten und so weiter war alles dabei. Mein Favorite war dabei der der Mann, der über der Schulter eine Tasche mit der Aufschrift "I ♥ Riesling" trug und in der Hand ein großes Bier - ein Hoch auf die Selbstironie! Kurzum, es gab viel zu schauen, vor allem wenn man überpünktlich angerückt war.

Gegen dreiviertel acht begann dann allerdings Sam Amidon, der alleine auf die Bühne schritt und sich mit "We are Sam Amidon" seinen ersten Beifall abholte. Etwa 40 Minuten spielte sich der Amerikaner dann durch seine zwischen brav und unkonventionell divergierenden Songs, in denen er den Begriff "Folk" bis zum Anschlag ausreizte.
Bisweilen lieferte der wilde Sam auch richtige Showeinlagen, in denen er Vogelkrächzen und komische Verrenkungen zum Besten gab. Unterstützung erhielt er dabei von Schlagzeug und Blasinstrument, dem Publikum gefiels sichtlich und Mr. Amidon hatte sowieso Spaß. Ob seine "normalen" Konzerte auch so spaßig sind?

Justin Vernon weiß das vielleicht, rückte damit aber nicht heraus. Dafür bedankte er sich gleich bei Betreten der Bühne um Punkt neun Uhr bei seinem Support und fand unter den gut 3000 Anwesenden massig Zustimmende.
Ansonsten verlor der Waldschrat wenig Worte und konzentrierte sich auf seine musikalischen Qualitäten. Ihm zur Seite standen acht weitere Musiker, von denen besonders der der Perkussionist ganz rechts modisch zu gefallen wusste. (Ich mag Haarbänder, das ist wohl in etwa so, wie Oliver und seine Vorliebe für lange Frauenbeine.)










Die ersten vier Songs stammten allesamt von Bon Iver, dem zweiten Album der Band. (Wieso nennt man eigentlich nicht gleich sein erstes Album nach sich selbst und lässt sich dann originelle Titel einfallen statt umgekehrt? Vielleicht hat man sich da einfach an Heroen wie Portishead orientiert...)
Dabei wurde auch gleich die Marschrichtung vorgegeben, durchaus fette Arangements dominierten. Wie auf dem aktuellen Album eben, eine andere Sorte Bon Iver. Wobei gleich mal festgehalten werden soll, dass beide Sorten, die reduzierte und die opulente, überzeugen können. So wie Kuchen manchmal mit Schlagobers, mal ohne besser schmeckt.

Der erste Song von For Emma, Forever Ago war dann Creature Fear, ein Lied, das ich noch vom Haldern 2009 kannte. Oder auch nicht, denn Vernon verpasste seinem guten Stück mehr als nur ein Facelifting und frisierte es gleich ordentlich um. Quasi Waschen, Schneiden, Färben und Fönen all inclusive - fast wie im Haarsalon.
An einen solchen erinnerten übrigens die Gespräche der ganzen Leute rundherum, die ich aber keinem verdenken kann: das Konzert von Bon Iver in der Arena verbreitete lauschiges Flair wie in der besten aller Pergolas.
Dem guten Winter war das sowieso eher wurscht, der war versunken in Perfektion und schwelgerische Sounds.
Besonders freuen konnte ich mich über Blood Bank von der gleichnamigen EP, das sehr ungestüm daherkam und doch herzzerreißend herrlich. Über Woods braucht man sowieso keine Worte verlieren und das neue Calgary hat schon als Single seine absolute Qualität unter Beweis gestellt.
Große Worte gab es auch von Justin Vernon nicht mehr, der Kollege machte aber auch mit dem wenigen Verbalen, das er von sich gab, klar, dass es ihm "fucking" gut gefalle.


So ging es wohl auch dem Publikum, dass zumeist sehr konzentriert lauschte und sich unaufgeregt begeistert verhielt. So enorm die Musik von Bon Iver mittlerweile sein mag, so verweigerte sie doch den Sturz vom schmalen Grat zwischen sympathischen Pathos und Stadionrock. Allein das Bühnenbild - von oben herabhängendes Gewebe, das aussah wie zusammengenähte Kartoffelsäcke - wies schon auf den bodenständigen Charakter des besten aller Justins (gleich nach Timberlake und Bieber natürlich) hin. Wer sich wochenlang in Waldhütten zurückzieht, der wird es wohl kaum auf einen Auftritt im Praterstadion abgesehen haben.
In dieser Hinsicht ist auch zu verstehen, was während der Zugabe The Wolves (Act I & II) folgte, nämlich astreine Massenchöre. Aber andere als bei den Bands mit ihren Eintrittspreisen jenseits der 60€, nämlich wunderbar entspannte, kollektiv glückliche Gesänge, die nicht alles übertönendes Gegröle, sondern ein kleiner Beitrag zum Abschluss eines tollen Konzerts sein wollten.
"What might have been lost"...

Mit For Emma ging dann ein Abend zu Ende, der sich ständig steigern konnte und einen sehr zufrieden in die Nacht entließ. "Es wohnen, ach, zwei Seelen in meiner Brust", hört man noch im Deutschunterricht - Bon Iver kann sie zusammenführen: Die leise folkige und die auffallend poppige - sie verschafften Wien im Team ein wunderbares Debüt des Burschen aus Wisconsin. Hoffentlich nicht forever ago.

Setlist Bon Iver, Arena Wien:

01: Perth
02: Minnesota, WI
03: Michicant
04: Towers
05: Creature Fear
06: Hinnom, TX
07: Wash.
08: Holocene
09: Blood Bank
10: Woods
11: Bracket, WI
12: Skinny Love
13: Calgary
14: Beth/Rest

15: The Wolves (Act I & II) (Z)
16: For Emma (Z)

Danke für die schönen Fotos an Elisabeth!

Dienstag, 13. August 2013

Haldern Pop Festival, zweiter Tag, Rees/Haldern, 09.08.13

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Konzert: Haldern Pop Festival, zweiter Festivaltag mit James, Sophie Hunger, Villagers und vielen anderen
Ort: alter Reitplatz Haldern, Hauptbuehne und Spiegeltent
Datum: 09.08.2013
Zuschauer: ein paar Tausend



Freitag der 9. August. Ein erneut sonniger Tag, den wir allerdings erst um 12 Uhr mittags beginnen, weil wir uns erst einmal ganz gemuetlich ausgepennt hatten. Wir brauchen schliesslich noch jede Menge Kraft, denn wir wollen den Geigenvirtuosen Owen Pallett sehen, der erst um halb zwei Uhr morgens im Spiegeltent angesetzt ist. Als Erstes fruehstuecken wir ausgiebig. Uns zieht es auf den grossen, idyllischen Marktplaz von Xanten, wo sich Eiscafés, Restaurants und Baeckereien die Klinke in die Hand geben. Wir waehlen den Italiener, weil ich mir von ihm den staerksten und besten Espresso erhoffe. Meine Erwartungen an das geliebte stimmungs-und energiefoerdernde Getraenk werden nicht enttaeuscht, das Zeug koennte Tote erwecken, aber zum Fruehstuecken gibt es hier nichts. Egal, ich nehme einfach ein Tiramisu. Dazu drei (!) doppelte Espressi (Plural von Espresso, ja ja so schlau bin ich) und der Tag kann beginnen. 


Renate Granate (was fuer ein Name!) und Ben Caplan in der Pop Bar haben wir verpasst, aber zu Pascal Finkenauer sind wir puenktlich auf dem Gelaende. Der Mann mit der schoenen Glatze spielt zusammen mit seiner Band melodischen Rock in der Sprache Goethes und gefaellt mir ziemlich gut. Mit deutscher Musik kann ich in der Regel wenig anfangen, sie fehlt mir in Paris wie Schwarzbrot, rheinische Mettwurst und die Deutsche Bahn, sprich ueberhaupt nicht, aber das hier ist absolut ok. 


Viel besser im Uebrigen als die hochgelobten Oesterreicher Ja, Panik, die mich emotional ueberhaupt nicht erreichen. Ihre Musik wirkt mir irgendwie zu gestelzt und unnoetig disharmonisch und letztlich klingen sie doch nur wie eine Indie Version der Aerzte. Zumindest fuer meine Ohren, die Musik mit deutschen Texten lange nicht mehr gehoert haben. Wahrscheinlich bin ich eher franzoesische Popmusik mit schlecht ausgeprochenen englischen Texten gewohnt. Wenn schon Klaenge aus Oesterreich, dann lieber Clara Luzia. Die singt zwar auf englisch, ist aber einfach verdammt gut und fuer mich das wahre Aushaengeschild alpenlaendischer Musik. Achso, der hollaendische Moderator war vor kurzem in Urlaub in Oesterreich, wie er stolz erzaehlt. Fand er geil, wie ueberhaupt alles hier an diesen drei Tagen Haldern. Er scheint ein neues Wort fuer sich entdeckt zu haben und wiederholt es wie ein pubertierender Teenager hunderte Male: " die naechste Band ist auch wieder geil!" Geil, geil, geil". Wahrscheinlich hat er das auch zu den Punklegenden Die Goldenen Zitronen gesagt, die hier auf der Hauptbuehne um 17 Uhr spielen. Die haette ich mir gerne angesehen, denn ich erinnere mich noch gerne an Hits wie Am Tag an dem Thomas Anders starb oder I want to make Love to Steffi Graf. Ich bin auch sicher, dass sie den Preis fur die beste deutschsprache Band in Haldern gewonnen haben, aber ich bin zu diesem Zeitpunkt im Spiegelzelt, wo Sam Amidon auftritt. 


Der sympathische Lockenkopf aus Amerika traegt seine traurig- schoenen Folkballaden auf Geige und Akustikgitarre vor, bringt die Menschen, zum Lachen, Weinen und Mitsingen und spielt sich knapp vierzig Minuten lang durch ein wundervolles Set, das ihn als einen der spannendsten Singer/Songwriter seiner Zeit ausweist. Bei ihm ist alles tragisch-komisch, er wirkt mit seinen vertraeumten blauen Augen gleichzeitig sehr lustig und sehr traurig. Ein wenig wie der oft zitierte traurige Clown, der hinterher in seinem Zirkuszelt weint, nachdem er vorher die Leute koestlich amuesiert hat. Dem Publikum gefaellt das Set enorm gut, man sieht es an den feierlich blickenen Augen und den leicht geoeffneten Muendern. Auch geschwatzt wird nicht, was fuer ein solch ruhiges Konzert ein klarer Vorteil ist. Hier macht sich dann auch die Staerke des Spiegelzeltes bezahlt. Einen Mann wie Sam Amidon kann man nur schwerlich auf einer grossen Buehne spielen lassen, er braucht fast absolute Ruhe, Intimitaet und die volle Aufmerksamkeit. Die bekommt er im Zelt und am Ende auch den verdienten riesigen Applaus. 

Vorher hatte er fast ganz am Ende die gefuehlvolle Ballade Saro gespielt, die mir eine gewaltige Gaensehaut bereitet. Hinterher laufe ich im Backstage Bereich zu den Wohnwagen wo die Kuenstler untergebracht sind und klopfe vorsichtig an die Tuer von Amidon, um ihn nach der Setlist zu fragen. Er oeffnet sofort, guckt mich kurz und intensiv an und sagt spontan: "hey Oliver, how are you doing?" Ich bin voellig verdattert darueber, dass er meinen Namen noch kennt. Ich hatte ihn vor vier Jahren ein paar Mal in Paris gesehen und mit ihm geplaudert, aber dass ihm nach so langer Zeit und so vielen absolvierten Konzerten noch mein Name einfaellt, finde ich enorm beeindruckend. 


Um 17 Uhr 40 ist erneut das Spiegelzelt Spielstaette. Balthazar aus Belgien stehen an und die waren schon so einige Male in meiner Wahlheimat Paris zu Gast. In der Seinemetropole sind sie sogar schon fast eine richtig grosse Nummer, die Venues werden von mal zu mal groesser und bei Festivals sind sie immer mit dabei. Schoen also, sie auch hier am Niederrhein wiederzusehen. Zumal mir das Konzert richtig Laune bereitet. Das letzte Mal in Paris hatten sie mich nicht wirklich begeistert, irgendwie kam ich nicht richtig rein, aber hier in Haldern funktionert ihre Mischung aus Indie Rock und tanzbaren Rhythmen bestens. Auch hier liegt vieles sicherlich am Spiegelzelt, denn der frische Sound von Balthazar kommt in diesem Ambiente am besten zur Geltung. Hingucker ist fuer mich die Geigerin und Keyboarderin, die immer so niedlich guckt und ganz nebenbei auch super und sehr inspiriert spielt. Die Maedchen fixieren hingegen vermutlich die beiden gutaussehenden Saenger (jaja, Balthazar haben gleich zwei davon!), wahre Posterboys mit flachen Baeuchen und huebschen Gesichtern. 

Nach 18 Uhr bin ich wieder vor der Hauptbuehne im Wald unterwegs und treffe dort meinen Freund Christoph. Wir beiden sind keine grossen Fans von Soulmusik im Stile von Otis Redding, Marvyn Gaye und co. und schenken deshalb dem eigentlich gut gemachten Konzert von Lee Fields & The Expressions keine besondere Beachtung. Das ist aber weniger Ignoranz, sondern vielmehr der Geselligkeit geschuldet, denn Christoph und ich treffen uns nur noch selten, das Haldern Festival bietet die seltene Gelegenheit, ein wenig zu plaudern, zu fachsimpeln und Eindruecke auszutauschen. Ein Festival dient ja auch sozialen Aspekten, da ist es schoen auch mal ein wenig zu entspannen, sich zu unterhalten, ein Bier zusammen zu trinken, oder einen Happen zu essen. Wir sitzen jedenfalls im hinteren Bereich vor der Cantina absolut gemuetlich beieinander und vergessen dabei fast die Zeit. Die schreitet naemlich wieder unbarmherzig voran und so kann ich von den um 19 Uhr angesetzten Allah-Las im Spiegelzelt nur noch drei Lieder sehen. Retro Musik mit psychdelischem Einschlag ist angesagt, dem Publikum gefaellt dieser zur Zeit enorm beliebte Stil ausgezeichnet, die Band scheint sich auch zu amuesieren und kredenzt einen Sound, der uns in die sechziger und siebziger Jahre zurueckversetzt. Ich meine mich daran zu erinnern, dass das recht kurze Set von Long Journey abgeschlossen wird. Den habe ich auch!

Tom Odell im Anschluss auf der Hauptbuehne interessiert mich dann deutlich weniger. Jedes Festival und somit auch das Haldern Pop muss auch ab und zu Acts mit hinzubuchen, die ein groesseres Publikum ansprechen und das ist bei Tom Odell, der angeblich im kommerziellen Radio gespielt wird (was weiss ich ueber das deutsche Radioprogramm?), wohl der Fall. Er kommt beim Publikum gut an. Fuer mich hingegen ist sein Auftritt erneut die Gelegenheit, soziale Kontake zu pflegen, zu plaudern und die Abendsonne zu geniessen. Ausserdem will ich fuer den Rest des Tages noch genuegend Engergie haben, schliesslich habe ich optimistischerweise vor, mir noch 7 Bands anzusehen. 


Zu diesen 7 gehoert auch Connan Mockasin aus Irland, der in Frankreich schon beachtliche Aufmerksamkeit erzielt hat, vor allem auch dadurch, dass er mit Charlotte Gainsbourg zusammen performt und einen (oder sogar zwei Songs) zu ihrem letzten Album beigesteuert hat. Puenktlich und voller Vorfreude finde ich mich deshalb zusammen mit Christoph im Spiegelzelt ein und lausche den Klaengen des blonden Saengers und seiner Band. Der Bursche erinnert mich optisch an eine Mischung aus Klaus Kinski, Oliver Kahn und Thomas Gottschalk (in Minaturformat), vermag mich mit seiner psychedelischen Musik aber nicht zu fesseln. Alles klingt sperrig, die Melodien sind hinter sphaerischen Gitarrenwaenden versteckt und eingaengige Passagen sind Mangelware. Haette es sich um ein regulaeres Konzert gehalten, haette ich sicherlich die Geduld aufgebracht, bis zum Ende zuzuhoeren, hier beim Haldern fehlt mir aber dazu die innere Ruhe, weshalb ich das Zelt verlasse. Ich bin sicher, dass sich einem die komplexe Musik von Mockasin nach intensiver Beschaeftigung erschliesen kann, ganz kurzfristig erscheint mir das schwierig. 

Zurueck geht es also auf die Hauptbuehne, wo ein anderer Ire das Publikum das Publikum in seinen Bann zieht. Conor O'Brien aka Villagers und seine Band. Der nicht sonderlich gross gewachsene Mann mit dem schuechternen Blick zelebriert seine folkrockigen Perlen mit grosser Inbrunst, performt oft mit geschlossenem Augen und weit aufgerissenem Mund und kommt bei den meisten Leuten ganz grossartig an. Ich hingegen verspuere bei einigen Stuecken auch eine gewisse Monotonie. Neben famosen Seelentroestern wie Becoming A Jackal und Earthly Pleasure notiere ich ein paar Langweiler, die den ansonsten guten Gesamteindruck etwas trueben. Dennoch ist es beeindruckend, in welche Richtung sich der Sound des einstigen Singer-Singwriters hinentwickelt hat. Als ich ihn zum ersten Mal sah, spielte er fragile Herzschmerzlieder mit weinerlicher Stimme ganz allein auf der Akustischen, heutzutage machen er und seine Band mitunter richtig (melodischen) Krach. Es war also keineswegs deplatziert, Villagers auf die Hauptbuehne zu stellen, die oft glaenzend arrangierten Lieder erlauben es, eine groessere Flaeche zu beschallen. Mit Ship Of Promises ist dann Schluss und viele sprechen hinterher von einem der besten Konzerte beim diesjaehrigen Haldern. 

Fuer mich geht die Reise nun ins voellig uberfuellte Spiegelzelt, wo die wahnsinnnig jungen und wahnsinig gehypten (der britische NME schwaermt mal wieder in hoechsten Toenen, ich hingegen wittere einen Marketinggag) Iren The Strypes aufspielen. Nach vorne ist kaum ein Durchkommen, zudem ist es warm und stickig und so entschliesse ich mich, mir den Auftritt gemeinsam mit vielen anderen Leuten auf der Leinwand draussen anzusehen. "Die spielen ja eigentlich die Lieblingsplatten unserer Vaeter nach", auessert sich mein Fotografenkollege Klaus schelmisch grinsend und in der Tat klingt hier alles retro, bluesig-rockig wie bei den Stones oder Jerry Lee Lewis und so richtig schoen schrammelig. Allerdings kann ich stilistisch mit diesem Kram nix anfangen, ganz im Gegensatz zu meiner Frau, die begeistert ausruft: " ist doch flott und frisch, also ich mags... 

Wir naehern uns meinem persoenlichen Highlight des Tages, dem Auftritt der Schweizerin Sophie Hunger auf der Hauptbuehne. Fuer 22 Uhr 25 eingeplant, beginnt dieser Gig fruehestens um viertel vor elf und sorgt fuer Verschiebungen im Zeitplan. Wer die Schuld dafuer traegt ist nicht klar, die Band, die Roadies, oder wer auch immer, aber dass ist eigentlich unerheblich, denn jede noch so sorgsam durchorganisierte Veranstaltung kann durcheinander gewirbelt werden. Ich vermute einfach, dass der Aufbau der zahlreichen Instrumente fuer die Band von Sophie Hunger viel Zeit in Anspruch nimmt. Die ganzen Posaunen, Synthesizer, Pianos, das Cello etc. muessen ja richtig aufgebaut und funktionstuechtig gemacht werden, da ist die Logistik schwierig. Dann geht es aber doch los und Sophie Hunger scheint in bester Laune und Form zu sein, mehrfach beteuert sie euphorisch ihre grosse Freude darueber, beim diesjaehrigen Haldern spielen zu duerfen. Dass sei fuer sie ein Jahreshighlight, auf das sie lange hingefiebert hat. Enstprechend grandios spielen die Schweizerin und ihre Band dann auf. 


Die Musiker, darunter die "Leihgabe", der Schwede Mattis Cederberg an der Trombone und der Posaune, sind einfach glaenzend, brillieren oft gleich an mehreren Instrumenten und werfen ein Koennen und einen Einsatz in die Wagschale, das einem Hoeren und Sehen vergeht. Nun ja, zumindest im uebertragenen Sinne, denn es waere ja schade, wenn man optisch und akustisch alles verpassen wuerde. Zu sehen gibt es naemlich eine Sophie Hunger in schlicht elegantem Abendkleid und roten Pumps, zu hoeren Songs, die zum Grossteil vom aktuellen Album The Danger Of Light aber auch den Vorgaengern stammen. Alles gelingt. Ob indierockig und schmissig aufgespielt wird wie bei den Krachern Citylights und Speech (ein Cover ihrer frueheren Band Fischer), eine Mitsingnummer wie Like Like Like ("lalalalala, I'd like to see you") angestimmt wird, oder ein franzoesischer Chanson gecovert wird (Le Vent L'Emportera von Noir Desir), immer werden die richtigen Noten getroffen. Sophie selbst ist wahnsinnig lauffreudig, oft wirbelt sie von links nach rechts und von rechts nach links. In den ruhigen Phasen nimmt sie hinter ihrem Piano Platz. Ansonsten dominiert eher die rockige Sophie Hunger, die mit enormer Eleganz aber auch wilder Entschlossenheit in die Saiten ihrer Gitarre greift und mit einer durch Mark und Bein gehenden Intensitaet und ihrer jazzig-bluesigen Stimme begeistert. Wie immer ist die Vorstellung iher Band besonders ausfuehrlich und es wird im Detail aufgefuehrt, welche Instrumente von den einzelnen Musikern gespielt werden und aus welcher Stadt sie kommen. Die ziemlich verdeckt und hinten sitzend agierende Cellistin Sara Oswald beispielsweise ist Schweizerin, der schoene Pianist vorne links hingegen Franzose ("aus Paris: Alberto Malo"), der Trompeter wie erwaehnt Schwede. Eine internationale Truppe also, die der schweizer Chefin untersteht. Und Chefin ist Sophie Hunger in diesem vielkoepfigen Gefuege auf jeden Fall, denn im Laufe der Jahre hat sie ihre Begleittruppe fast komplett ausgetauscht, die Herren Flury oder Prader sind schon lange nicht mehr dabei. Meine Frau ist uebrigens von den deutschen Liedern besonders angetan, den Text von 1983 singt sie fast auswenig mit, bei das Neue kommt sie allerdings ins Stottern, weil sie das letzte Album nicht gehoert hat. Sie wundert sich besonders ueber den Satz "Deutschland ist die neue Tuerkei." Was sie damit sagen will, moechte sie von mir wissen, aber ich verweise nur auf die Interpretationsfreiheit und sage lapidar, jeder koenne sich da selbst eine Reim drauf machen, insbesonders auch auf die seltsame Phrase "Nichtraucher sind die neuen Raucher". Konsequent zu Ende gedacht, koennte man ja dann glatt behaupten> Fans von Sophie Hunger sind ihrer neuen Gegner, aber das stimmt in meinem natuerlich Fall nicht. Einmal Fan, immer Fan, angesichts der Guete ihrer Livedarbietungen nicht vewunderlich. Sahen wohl auch die meisten Zuschauer so. Nachdem Hunger und ihrer Band die Buehne verlassen hatten, waren die Beifallsbekundungen so laut und langanhaltend, dass Sophie noch einmal zurueckkam, kurz sagte: "ich darf das eigentlich nicht, aber ich mach das jetzt einfach mal", sich die Akustische schnappte und das rohe Hotel Belfort performte. In der letzten Szene riss sie so scharf an ihren Saiten, dass ich glaubte, sie haette sie gefetzt. War aber wohl nicht der Fall und Sophie verliess freudestrahlend und nun endgueltig die Buehne. 

Durch die Verspaetungen war es jetzt nicht mehr moeglich, These New Puritans in voller Laenge zu sehen. Das Konzert der britischen Band im Spiegelzelt war sogar schon in seiner Schlusphase, als ich den kreisfoermigen Raum betrete. Zahlreiche Blaeser und Streicher hatten sich um die eigentlich nur vierkoepfige Gruppe versammelt und zelebrieren eine dreampoppigen Schwebsound, dem etwas Hypnotisches innerwohnt. Ich habe kaum die Zeit ein paar Fotos zu schiessen, dann ist die Sache schon vorbei. A propos Fotos schiessen, dies wurde mir hinter von den New Puritans halbwegs verweigert. Ich hatte sie hoeflich um ein Gruppenfoto gebeten, aber man ignorierte mich fast voellig und nur der Saenger meinte recht miesgelaunt: "Knips uns einfach ab, aber wir haben keine Lust zu posieren." Nun, das hatte ich von anderen Formierungen schon sympathischer erlebt, aber ich gestehe der Band zumindest zu, irgendwann muede und genervt zu sein, wenn man standig nach Fotos gefragt wird. Zu dem Beruf gehoert es aber freilich mit dazu. 


Inzwischen war es Mitternacht in Haldern geworden und einer der groessten Leckerbissen stand an. Die kultige Band James aus Manchester naemlich. Die hatte der hollaendische Moderator zu Recht als Lieblinge von Haldern bezeichnet und auch seine Aussage, dass man wahnsinnig froh sei, James hier empfangen zu duerfen, goutieren viele. Die gar nicht mal so alt aussehenden Musiker bewiesen jedenfalls schnell, dass sie keine traege Altherrenband ist, die nur der Kohle wegen auftritt und gelangweilt die Hits abspult. Stattdessen zeigen sie, dass sie noch heiss und motiviert sind und ihr Sound prima gealtert ist. Etliche aktuelle Bands sind von James beienflusst worden und gerade juengere britische Fomrierungen koennen der Band von Saenger Tim Booth nicht das Wasser reichen. Er ist nicht nur ein hervorragender Saenger mit einer tollen Stimme (erinnert mich an John Bramwell von Iam Kloot, nur nicht so rauchig-verkratzt), sondern auch ein Performer vor dem Herrn. Wahnsinnig lustig und stimulierend, wie der Kerl tanzt. Seine Gelenke muessen aus Gummi sein, ansonsten waere es nicht moeglich, seine Arme und Beine so zu verwringen. Und seine Kondition ist top, schon bei Lied zwei laeuft er quer durchs Publikum und selbst gegen Ende zeigt er keinerlei Ermuedigungserscheinungen. Im Gegenteil, da wird er erst so richtig warm, tanzt mit Fans (die teilweise seinen Tanzstil imitieren)- darunter ein Doppelgaenger von Bjoern Borg- um die Wette und will gar nicht mehr aufhoeren. Vorher sind zwei neue Lieder gespielt worden, das zweite davon handelt von einem Mann, der in einem Hotelzimmer sitzt und im Nebenzimmer Paare beim Vollziehen des Geschlechtaktes hoert. Er fragt sich dann, ob er sich dazugesellen oder das lieber bleiben lassen soll. Der Song ist mir zu hymnisch und zu rund, den Fans gefaellt er hingegen mehrheitlich. An Eingaengigkeit mangelt er jedenfalls nicht, aber ich bevorzuge das Altwerk und hierbei nicht nur die Hits Born Of Frustration und das unvermeidliche Sit Down. Mein Freund Christoph ist Kenner und alter Liebhaber von James, er hat ganz ausführlich erzählt, wie der hervorragende Gig gelaufen ist. 


Am Ende ist es fst 2 Uhr morgens und wir sind so platt, dass wir Owen Pallett leider streichen muessen. Auch Metz spielen heute nacht ohne uns, aber verpasste Bands bei Festivals naehren den Heisshunger und lassen Raum fuer interessante Spekalatioen> und was ist, wenn ich die besten Gruppen nicht gesehen habe? Vielleicht war das Festival noch stärker als ich es erlebt habe...

Was fuer ein Tag in Haldern!


Fotos James: Christoph, Rest: Oliver





Mittwoch, 11. Februar 2009

Samamidon, The Chap, Crystal Stilts, Electric Electric, Saint Ouen, 10.02.09

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Konzert: The Chap, Crystal Stilts, Samamidon, Electric Electric

Ort: Mains D'Ouevres, Saint Ouen bei Paris
Datum. 10.02.2009
Zuschauer: so einige
Konzertdauer: je nach Künstler unterschiedlich, insgesamt dauerte die Veranstaltung von 20 Uhr 30 bis fast 24 Uhr.



Schon seltsam! Da gehe ich seit nunmehr sechs Jahren in Paris auf alle möglichen Konzerte, habe aber erst vor ein paar Tagen anläßlich des sehr guten Mo' Fo Festivals den wunderbaren Konzertsaal Mains D'Ouevres in Saint Ouen bei Paris für mich entdeckt. Wahrscheinlich hat mich immer der Gedanke abgeschreckt, aus Paris rausfahren zu müssen, einen anderen Grund für mein bisheriges Fernbleiben sehe ich jetzt nicht, denn das Programm war eigentlich schon immer sehr interessant.

Aber egal, besser spät als nie, jetzt kenne ich das Mains d'Oeuvres ja und es wird bestimmt noch einige Gelegenheiten geben, der Seine-Metropole den Rücken zu kehren und nach Saint Ouen zu pilgern! Im Moment ist es wirklich besonders spannend hier, das Mo' Fo Festival liegt gerade erst ein paar Tage zurück und schon geht es mit vielen guten Acts weiter.

Gleich vier an der Zahl wurden heute für faire 15 Euro einem interessierten Publikum geboten. Allesamt hervorragend, wenngleich bisher nur einem Insiderpublikum bekannt. Für mich persönlich war das Line Up* jedenfalls Grund genug, die in Paris am gleichen Abend auftretenden Bloc Party und Travis links liegen zu lassen.

Allein schon für den jungen amerikanischen Singer /Songwriter Sam Amidon würde ich eine weitere Anfahrtstrecke in Kauf nehmen. Der witzige Bursche ist gerade auf einer kleinen Frankreich-Tour unterwegs und inzwischen wieder im Großraum Paris gelandet, nachdem es ihn in die französische Provinz und sogar bis ins belgische Gent verschlagen hatte. Ich sage wieder, weil Sam erst vor genau einer Woche für zwei Konzerte in der Stadt der Liebe war.

Dreimal ein Talent wie Sam Amidon, davon zweimal gratis, als Pariser Folkfan kann man sich wahrlich nicht beklagen!

Schade bloß, daß man den Mann mit der Mütze und dem obligatorischen rot- schwarz karierten Holzfällerhemd ausgerechnet im Restaurant/Cafe im Eingangsbereich platziert hatte! Alles andere ein idelaler Ort für ein ruhiges, akustisches Konzert, denn permanent polterten Leute zur Tür hinein, unterhielten sich laut, tranken Bier und aßen Schlachterplatten.

Ich bewunderte erneut den Nachwuchsmusiker darum, wie souverän er mit dem teilweisen Desinteresse umging. Um die Leute bei Laune zu halten, sang er ohne Rücksicht auf Verluste bei einigen Songs bewußt schief und falsch! Ausgerechnet bei seinem Paradestück, der traumhaften Ballade Saro, fing er in einer unmöglichen Stimmlage an, erzeugte dadurch verwunderte Blicke und tat dann so, als sei ihm das aus Versehen passiert. Dann änderte er den Griff an seiner Gitarre und sang in der Folge auf das Wunderschönste. Ein Schelm und was für einer! Unglaublich sympatisch der Blondschopf, spitzbübisch und dabei hochintelligent. Auch seine Französischkenntnisse gehen weit über die Standardphrasen hinaus. Er spricht wirklich ein ziemlich beachtliches Französisch und versteht ohnehin alles, was die Frenchies erzählen! Vielleicht konnte er sich ja hinterher an eine Unterhaltung erinnern, die an einem der umliegenden Tische stattfand?!

Man kann es ihm nicht verdenken, daß er angesichts dieser äußeren Umstände ein wenig unkonzentriert wirkte und nicht sein bestmögliches Konzert gespielt hat. Auch sein Banjo hatte er nicht dabei und so fehlte es ein wenig an Variationen. Totzdem gefielen auch heute wieder das zitierte Saro, dann The Wedding Dress und auch das Tears For Fears Cover Head Over Heels. Persönliches Highlight war aber das traditionelle Folklied Wild Bill Jones mit dem wunderschönen dumdadada-Singalong und dem düsteren Text: "got my money in my pocket and my pistol in my hand" ...

Am Ende gab es dann sogar noch ein Lied auf der Fiedel, die er mir bei seinen zwei vorhergehenden Konzerten vorenthalten hatte. Auch hir ging es nicht ganz ohne Slapstick ab. Irgrdnwann in der Mitte des Liedes krächzte Sam nämlich plötzlich wie ein Verrückter und zog die schiefen Töne schier endlos in die Länge. Ein Wahnsinnstyp! Auf keinen Fall verpassen, wenn er mal in eurer Nähe ist!

Auch die demnächst stattfinden Deutschlandkonzerte der New Yorker Crystal Stilts sollte man sich nicht entgehen lassen. Die fünfköpfige Band mit dem lockenköpfigen, entrückt wirkenden Sänger und der brünetten, im Stehen spielenden Schlagzeugerin, schrammelte sich vierzig Minuten lang durch ihr waviges und garagenrockiges Set, das einen augenblicklich an Kultbands wie The Velvet Underground und Joy Division, aber auch zeitgenössische New Yorker Gruppen wie Interpol oder die Strokes denken ließ. Wenn man die Namen der Referenzbands liest, winkt natürlich so mancher von vornherein ab, ganz nach dem Motto: schon wieder? Ist das Post Punk Revival immer noch nicht tot? Nun, wenn man sich junge Bands aus England, wie z. B. Glasvegas oder die White Lies ansieht, die in diesem Genre mittels eklig schwülstigem Bombast weiterhin auf der Jagd nach schnell verdienter Kohle sind, dann kann man sich schon fragen, wer so etwas noch braucht. Die New Yorker Kapellen kriegen das Ganze aber geschmackvoller hin, indem sie wie z.B. The Walkmen, ein wenig Blues und Folk zu der garagigen Suppe hinzumischen und auch psychedelische Elemente einfließen lassen. Crystal Stilts bedienen sich ebenfalls dieser Zutaten und klingen dann manchmal ein wenig wie Gun Club, wahrlich keine schlechte Referenz!

Sehr postiv zu bewerten ist, daß sie ihre Songs nicht zu sehr mit Pathos aufladen, alles wirkt bei ihnen cool und locker aus der Hüfte geschossen und die Mischung zwischen Schrammeligkeit und poppigen, einprägsamen Melodien gelingt ihnen ausgezeichnet. Man merkt, daß es die Band eigentlich - wenngleich nicht in dieser kompletten Besetzung - schon seit 2003 gibt, denn von dem Debütalbum Alight Of The Night, das soeben erst erschienen ist, performten sie heute gerade einmal 3 Lieder, der Rest war schon neues Material. Noch nicht einmal die Singleauskopplung Departure war Bestandteil des heutigen Sets, aber das schadete nicht weiter, denn sie hatten mehrere gute Lieder im Gepäck. Eines davon, schlicht Crystal Stilts benannt, hätte auch wunderbar als Soundtrack für den Film Pulp Fiction getaugt, während Prismatic Room shoegazerhaft rüberkam und so ähnlich auch von The Jesus & Mary Chain hätte stammen können.

Am coolsten fand ich innerhalb der Band natürlich die Schlagzeugerin Frankie Rose, nicht nur weil sie im Stehen spielte, sondern einen gewaltigen Bums hatte und zudem noch hübsch an den Armen tätowiert war. Sänger Brad Hargett hingegen wirkte mit seinem verschlafenen, weggetretenen Blick fast ein wenig zu klischeehaft, so als wolle er unbedingt wie in Trance erscheinen. Störte aber nicht weiter, denn insgesamt boten die New Yorker ein überzeugendes Konzert, das die Hoffnung weckt, daß es doch noch Bands gibt, die dem Post Punk - und Garagenrockrevival neues Leben einhauchen.

Mit den Franzosen Electric Electric ging es nach einer circa 20 minütigen Pause weiter. Von dem Trio aus Straßburg hatte ich nie zuvor gehört, aber hier und heute taten sie alles, um dies zu ändern. Schon nach den ersten Takten war klar, worum es sich hier musikalisch drehen sollte: Mathrock war angesagt! Ziemlich unbeleckt auf diesem Gebiet, kamen mir zum Vergleich natürlich sofort Battles in den Sinn, aber ohne den seltsamen Schlumpfgesang. Aber was rede ich von Gesang, die erste Phase war komplett instrumental gehalten und wenn dann später einmal gesungen wurde, überdeckte der höllische Lärm, den die Gitarren und Synthesizer erzeugten, die Stimme des Sängers. Obwohl ich nicht der allergrößte Mathrock Fan dieses Planeten bin, gefiel mir das Set der Franzosen ziemlich gut, denn die Songstrukturen waren komplex und ideenreich und spontane Tempowechsel sorgten für Abwechslung. Trotz experimenteller Passagen blieb alles gut hörbar und hatte auch Wiedererkennungswert, ohne gleich so strukturiert und radiotauglich wie Foals zu werden. Electric Electric, ohne Frage eine interessante Band!

Nun aber war die Zeit für The Chap, den Headliner des Abends, gekommen. Eigentlich sollte es um 22 Uhr 40 losgehen, aber der Soundcheck zog sich schier ewig in die Länge. Mindestens zwanzig Minuten lang überprüften die drei Männer auf der Bühne - ein schlacksiger (deutscher) Gitarrist, ein leicht moppeliger (griechischer) Bassist mit kurzen Shorts und ein langbärtiger (schottischer) Drummer mit Katzen- T-Shirt - den Klang ihrer Instrumente (darunter auch Violine und Violincello) und der Mikros. Vielleicht fehlte hier die ordnende weibliche Hand? Die beiden Keyboarderinnen Claire Hope und Berit Immig (eine Deutsche) waren nämlich zu meiner Enttäuschung nicht mit dabei, es gab wohl Probleme bei der Anreise...

Diese Tatsache dürfte sich auch deutlich auf den Sound ausgewirkt haben, denn statt wie erwartet elektro-poppig klang das Ganze nun vielmehr punk-funkig.

Am Anfang hatte ich gewisse Probleme, mich mit der Musik und den Darstellern auf der Bühne vertraut zu machen. Ich wußte nicht so recht, wie mir das gefiel und was ich von den Typen zu halten hatte. Waren die nicht alle total panne? Alleine, der Drummer! Wie der aussah und was für Grimasen der schnitt! Mit seinem lang ausgewachsenen Ziegenbart erinnerte er mich stark an Carsten "Visions" Schuhmacher, ihr wisst schon, der Ex-Chefredakteur der Musikzeitschrift, der seinen Posten räumen musste, weil ihm die weite Anreise von Köln nach Dortmund zu seinem Arbeitsplatz auf Dauer unzumutbar war. Aber von dem fiesen Bart abgesehen, war der Bursche auf der Bühne richtig gut und mit einer verdammt ausdrucksstarken Mimik versehen. Allein ihm zuzusehen war eine wahre Freude! Keith Duncan, so sein Name, wahrlich eine coole Sau, die zudem noch sang und zwar von unten nach oben! Auch den griechischen Bassisten fand ich mit seinen Safariklammotten auf Dauer immer witziger und abgefahrener. Seine Mimik und seine statischen Bewegungen waren köstlich. Der Deutsche auf den Brettern stand den anderen in nichts nach. Auch er ein verrückter Vogel, der das Konzert mit den (auf englisch gesprochenen ) Worten ankündigte: "So, wir spielen jetzt den gleichen Kram wie immer!"

Da ich aber noch nie einem Konzert von The Chap beigewohnt hatte, wusste ich nicht, was sie normalerweise zm Besten geben und war überrascht, daß alles funkiger, poppiger und weniger elektronisch klang als angenommen. Auch der experimentelle Charakter hielt sich in Grenzen, was nicht bedeutete, daß hier dem herkömmlichen Strophe - Refrain - Strophe Schema gefolgt wurde, sondern lediglich, daß es markante und äußerst tanzbare Stücke mit Wiedererkennunsgwert gab. Verantwortlich dafür ist die neue Platte Mega Breakfast (2008), die dem hochgelobten Werk Ham (2005) folgte und mit fetzigen und hitträchtigen Songs wie Ethnic Instrument oder Fun And Interesting aufwarten kann. Auf jenem Machwerk gibt es auch das famose Proper Rock, das heute mächtig Staub aufwirbelte und die Mädels in den ersten Reihen ausrasten ließ. Die Stimmung wurde noch durch den abschließenden Einsatz von Geige und Violincello gesteigert und nun hielt es keinen mehr auf den nicht vorhandenen Sitzen, der Raum hatte sich eine veritable Tanzfläcke verwandelt!

The Chap hatten auf ganzer Linie abgeräumt und ihre Headlinerrolle eindrucksvoll bestätigt. Eine bärensatrke Liveband!


Links:

- Video Sam Amidon - Wild Bill Jones live. Wundervoll!

- Crystal Stilts - Departure Live @ Ribco
- Crystal Stilts - Prismatic Room, Videoclip
- The Chap - Fun & Interesting live , Proper Rock , stark!


* Verantwortlich für das tolle Programm waren die netten Mädels der Booking Agentur Summery Agency, die auch andere spannende Künstler wie Land Of Talk, die Papercuts, Pony Up, oder Ora Cogan (Eike vom Klienicum berichete erst kürzlich, hier: klick!) betreuen. Merci mille fois à Vanina, Céline, Marie-Anne, Zoé et Isabelle!!



 

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