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Sonntag, 7. Juli 2013

Tift Merritt, Paris, 03.07.13

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Konzert: Tift Merritt
Ort: Le Silencio
Datum: 03.07.2013
Zuschauer:etwa 40-50
Konzertdauer: 45 Minuten


Silencio hat ja der Wortbedeutung nach etwas mit Ruhe zu tun, aber an jenem 3. Juli in der Pariser Edeldisco von David Lynch war der Name leider nicht Programm. Versnobte Yuppies spielten sich im Nachbarraum zu Alleinunterhaltern auf, gaben mit ihrem Geld und ihren Statusymbolen an wie in der alten TV-Werbung ("Mein Haus, mein Auto, meine Frau (mein Boot?)") und nervten damit über alle Maßen. Schlimm.

Derweil passten etwa 40 Mitbürgerinnen und Mitbürger im eigentlichen Konzertsaal gut auf und verhielten sich vorbildlich. Ich saß natürlich bei den Guten und versuchte mich so gut wie möglich auf den Solovortag der amerikanischen Countrysängerin Tift Merritt zu konzentieren. Die zierliche Dame hat zwar eine bisweilen kraftvolle Stimme, aber gegen das laute Geplappere des Gesindels aus dem Nebenraum kam sie manchmal nur schwerlich an. Zudem musste sie in einer Phase ganz unplugged spielen, weil ihr Kabel defekt war.


Dennoch genoss ich das Konzert. In meinem Meditationskurs habe ich gelernt, alles Störende aus dem Umfeld auszublenden und mich nur auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und das waren der Gesang und die Texte der Tift Merritt. Fast vierzig Jahre hat die sexy Country Lady jetzt auf dem Buckel, etliche gute Alben hat sie veröffentlicht, aber der große Mainstream Erfolg blieb bisher aus. Da fragt man sich schon manchmal, ob man (bzw. Frau) aussehen muss wie Dolly Parton, um als Songwriterin wahrgenommen zu werden. Und besser als eine Taylor Swift ist Tift Merritt ja ohnenhin, das müssen wir nicht diskutieren.

Das Songmaterial von Tift war jedenfalls vorzüglich. Sie spielte herzerwärmende Akustikstücke wie Still Not Home ("regular life don't suit me at all, yeah I gonna get going, I'm still not home"), Travelling Alone, aber auch ein gelungenes Tom Waits Cover (Train Song) und einen Titel, den sie zusammen mit der klassischen Pianistin Simone Dinnerstein aufgenommen hatte. 



Für mich da schönste Stück des Abends, das auf den Namen Colors hörte. Ganz feines Gitarrenspiel unterlegte die wundervolle Stimme von Tift Merritt. "What will i know tomorrow, that I don't know today?", fragte die Chanteuse textlich und kniete sich wie auch bei allen anderen Songs mit dem ganzen Körper rein. Bei ihr ist der Vortrag nie ein stoisches an der Gitarre zupfen, sondern eine rhythmische Bewegung, bei der die Knie immer schön gebeugt werden.

In den Pausen zwischen den Stücken erfreute sie die Zuschauer auch mit ihren guten Französichkenntsnissen (sie hatte einmal eine Weile in Paris gelebt), den Kommentaren zu dem Blues-Musiker Robert Johnson und ihren spaßigen Anmerkungen zu ihren Landsleuten in North Carolina. Zwar lebe sie in New York, aber die Wurzeln könne sie nie verleugnen, ließ sie wissen.

Das recht kurze Konzert (etwa 45 Minuten) wurde mit einem Highlight als Zugabe beendet. Feeling Of Beauty klang so herrlich dezent und filigran, so zart und zurückgenommen, daß es eine helle Freude war. Zufälligerweise war es zu diesem Zeitpunkt auch im Nebenraum ungewöhnlich leise, so daß meiner Gänsehaut wirklich nichts mehr im Wege stand.


Großartig, diese Tift Merritt, von dem Silencio (in dem Fotografieren streng verboten ist) kann man das leider nicht so sagen.



Donnerstag, 7. April 2011

Tift Merritt, Paris, 06.04.11

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Konzert: Tift Merritt
Ort: Fargo Store, Paris
Datum: 06.04.11
Zuschauer: bestimmt 50
Konzertdauer: etwa 30 Minuten


Tifft Merrit zu Gast in der Stadt der Liebe.

Das passt, denn die zierliche Amerikanerin mit den wundervollen blauen Augen hat einen besonderen Bezug zu Paris, hat hier einige Monate gelebt, Songs geschrieben und beherrscht auch die Sprache Molières.

Michel Pamplune, Chef des exquisiten französischen Folklabels Fargo und Besitzer der gut sortierten Boutique im Pariser Oberkampf-Viertel, hatte die gute Merritt zu einem intimen, akustischen Showcase geladen und die temperamentvolle Countrysängerin ließ sich nicht lange bitten, spielte spontan ein halbes dutzend Songs ihres letzten, außerordentlich tollen Albums See You On The Moon und zusätzlich ein neues, noch unveröffentlichtes Stück.

Etwa 50 Insider hatten sich gegen 19 Uhr in dem Laden eingefunden, schwitzten ob der großen Hitze und lauschten andächtig den herzerwärmenden Kompositionen der Amerikanerin. Tift peformte im Stehen und bewegte sich enorm viel. Mit Schwung und Körpereinsatz unterstrich sie die Leidenschaft ihrer Lieder, denen man anmerkte, daß sie authentisch und ungekünstelt waren. Auf dem letzten, von Tucker Martine (Laura Veis, My Morning Jacket) produzierten Album klingt das Ganze wesentlich stärker instrumentiert und arrangiert und deshalb war es ein Genuß, die Stücke in abgespeckter Version präsentiert zu bekommen.

Wundervoll allein schon der Titeltrack: "I'll see you on the moon, where everyone is well and you never have to wait if you got a story to tell..." intonierte die Merritt inbrünstig und ich nahm ihr jede Zeile ab. Trotz der vermittelten Emotionen wirkte das gespielte Material keineswegs schwülstig oder kitschig, sondern einfach nur bewegend und wunderbar tröstlich. Die Fans, die auf dem Boden und an den Seiten kauerten, kamen wirklich auf ihre Kosten (die sie nicht hatten, der Showcase war gratis) und hinterher ging auch so manche Platte und CD von Tift über den Ladentisch.

Witzig: unter den Zuschauern war auch die großgewachsene Schwedin Frida Hyvönen, die inzwischen in Paris lebt. Vielleicht erfreut sie uns ja auch irgendwann mit einem intimen Konzert. Die Dame braucht allerdinsg ein richtiges Piano, logistisch wird das also schwieriger als bei Tift Merritt, die lediglich ihre Stimme, eine Akustikgitarre und eine Mundharmonika brauchte...



Sonntag, 13. Februar 2011

Iron & Wine, Wien, 10.02.11

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Konzert: Iron & Wine (mit Tift Merritt)
Ort: WUK, Wien
Datum: 10.02.11
Zuschauer: restlos ausverkauft, 500
Konzertdauer: Tift Merritt 3o Minuten, Iron & Wine 100 Minuten

Wäre Sam Beam's Musik irgendwo in den Ecken härterer Musik verortet, würde man jetzt sagen, der Südstaatler hätte heute mit Iron & Wine alles niedergefegt. Aber so? Über den Weltschmerz hinweggetröstet? Unruhige Herzen versöhnt? Lauter Hilfsausdrücke! Am Besten ließe sich wohl eine Songzeile zitieren, die des Publikums Gemütszustand annähernd beschreibt: "Eyes wide open, naked as we came."
Aber um nicht das Ende entgegen jeder Tradition vorwegzunehmen alles schön der Reihe nach: Ich musste mich ordentlich beeilen, um rechtzeitig von der Uni ins glücklicherweise nur zehn Straßenbahnminuten entfernte WUK zu gelangen, wollte ich doch auch die als Support engagierte Songwriterin Tift Merritt sehen, von der an dieser Stelle bereits geschwärmt wurde.
Ging sich dann alles aus, es war aber auch schon dermaßen viel los, dass gute Plätze rar gesät waren und maibaumlange Kerle das Spiel zusätzlich erschwerten. Auch kein Problem, ich hatte mich schon darauf eingestellt, mir den Hals verrenken zu müssen, um Blicke auf die Frau erhaschen zu können.

Und ja: Tift Merritt ist eine ganz fesche, das hat auch unser Pariser Experte für weibliche Beine - Oliver Peel - schon bestätigt. Kommen wir also lieber zu den künstlerischen Vorzügen: Völlig alleine steht Madame Merritt auf der Bühne und bündelt in kargem Licht die Aufmerksamkeit des gesamten Publikums. Ihre Stimme ist kräftig, klar und sehr bestimmt - und bot dennoch viel Raum für Projektion, Identifikation, Eigeninterpretation.

Drei Fremdwörter, die für diesen Auftritt von Bedeutung waren, Tifts Musik ist allerdings bodenständig im besten Sinne. Ihre Klasse beruht vor allem auf ihrem herausragenden Gesang und den Geschichten, die sie damit erzählt. Instrumentell setzt sie eher auf einfach gestrickte Songs und das ist durchaus auch etwas Gutes! Vor allem wenn mit Iron and Wine noch eine Band wartet, die bisweilen durchaus mit komplexen Strukturen herausfordert!

Und so wusste Tift Merritt an Gitarre und (bei zwei Songs) am Piano zu gefallen, spielte viel von ihrem aktuellen Werk See You On The Moon, sowie einige ältere Songs. All das begleitet von geäußertem Wohlgefallen der Menschen im Parkett. Und so ließ sich die sympathische Frau aus den Staaten ebenfalls nicht lumpen und meinte, sie hätte sich nie vorstellen können, einen solchen Anklang in Wien zu bekommen. Wenn sie also ihr Versprechen wahr macht und eines Tages an die Seine zieht, wäre man ihr in Wien jedenfalls nicht böse, wenn sie alle paar Monate mal in die Stadt kommt!

Nach einer halbstündigen Pause, die man dazu nutzte, vor die Maibäume zu gelangen, kamen dann Iron & Wine die Stiegen hinunter und bekamen gleich mal gewaltigen Applaus. Schön, dass sich die Leute zu solchen Vorschusslorbeeren hinreißen lassen, aber ob das wohl noch steigerbar ist?

Wird sich alles weisen, begonnen wurde das Set mit Rabbit Will Run, und bis auf etwaige Hasen lief alles wie am Schnürchen. Sam Beam zauberte mit seiner Stimme, der Sound war fast von Beginn an perfekt, die Damen und Herren an den Instrumenten in bester Laune - die Marschrichtung war von Anfang an klar.

Danach folgte - glaube ich - Red Dust, wobei ich mir nicht ganz sicher bin. Setlist.fm verkauft das in der übernommenen Setlist dennoch als Wahrheit, aber da ich entgegen der alten Weisheit auch selbstgefälschten Statistiken nicht traue, bleibts hier dabei: Kann auch ein anderes Stück vom Album mit Calexico gewesen sein!

Mit vielen neuen Stücken vom verstörend starken Album Kiss Each Other Clean und dem Besten aus dem bisherigen Werk ging es weiter, begeisternd die Ausgestaltung der Songs. Wie sich da Perkussionsinstrumente von einem Moment auf den anderen von treibenden Akteuren zu sanften Kuschlern wurden, wie das Saxophon sich zwischen laut und leise hin und her wog, Sam Beam's Stimme in Falsett und Flüsterton. Hm, schade, dass das englische "great" ethymologisch nicht ganz dem deutschen Gegenüber entspricht: Es war nämlich wirklich ganz große Kunst, nicht nur großartig, sondern Kunst! Und zwar keine verstaubte, sondern eine zum Angreifen. "Beautiful" kam es aus dem Publikum, zusätzlicher Ansporn für die Truppe auf der Bühne.

Was folgte war die derzeitige Single Walking Far From Home, die mit Jubel begrüßt wurde, der sehr schnell wieder abflaute. Nicht aus Enttäuschung oder so, nein, aus purem Selbstnutzen. Der singende Cineast trug den Song nämlich alleine und beinahe gehaucht vor. Da gab es keine fetten Backing-Chöre wie in der Studioversion, was es gab, das war Sam Beam. Und als der Song vermeintlich zu Ende war, schalteten sich die Musiker im Hintergrund ein und schraubten sich gemeinsam mit ihrem Vordermann in noisige Höhen, für ein paar Minuten meinte man, bei Mogwai und Konsorten zu sein.

Voll auf der Höhe der Zeit also Frontmann Beam, der, als eine kurze technische Pause vom Publikum für Songwünsche genutzt wurde, meinte, Vienna sei "still an idea city, full of surprises" (nette Ansage, danke!), sich dann umdrehte und ein paar Akkorde in Richtung seiner Hintermannschaft zupfte, um schließlich (wieder dem Publikum zugewandt) zu verkünden, die kurze bandinterne Konferenz sei beendet und dann halt doch einen ganz anderen Song als den gewünschten spielte. Wenn ich nicht mehr weiterweiß, gründ ich einen Arbeitskreis! Dass da oftmals andere Ergebnisse, als vom Volk gewünscht, herauskommen können, ist ja nichts Neues...

Da Setlist und Dramaturgie im Aufbau aber allererste Klasse waren, gabs nichts zum Meckern, der Reihe nach wurden jetzt die Lieblingssongs abgefeuert, bis es dann eben hoch überzeugend hieß: "Eyes wide open, naked as we came."
Staunend und berührt, emotional völlig nackt (im Sprachgebrauch ehemaliger österreichischer Finanzminister auch: supernackt) stand man da, Iron & Wine waren ohne viel Federlesens verschwunden.

Und ein paar Minuten und crescendoartigen Beifall später wieder da. Zumindest Sam Beam, der ganz und gar nicht zynisch dankte, er könne wohl machen was er wolle und trotzdem den größten Applaus ernten, und was jetzt folgte war der stärkste Moment des gesamten Konzerts: Flightless Bird, American Mouth.
Totenstill war es, als er sang, was in meinen Augen der großartigste Song der Band ist. Und als mit dem letzten Ton diese gerührte Stille von einem über Becher stolpernden Besucher aufgehoben wurde, schnell allfällige Tränen aus dem Gesicht gewischt wurden und sich stattdessen glückliches Lächeln auf den Gesichtern breit machte, wusste man: Hätte Sam Beam auch noch Glad Man Singing angestimmt, hätte das auf alle Beteiligten zugetroffen.

Ein sehr gutes, furchtbar schönes Konzert, das alle Erwartungen erfüllt, die musikalische Neuerfindung bestätigt und alte Stärken ausgebaut hat. Auch wenn ihr Konzert in strömendem Regen am Frequency 2008 wohl noch einen Tick mehr an der Tür zur Ewigkeit kratzte, was Iron & Wine da im WUK ablieferten, wird 2011 wohl noch für viele als Maßstab herhalten müssen.

Setlist Iron & Wine, Wien:

01: Rabbit Will Run
02: Red Dust (?)
03: Big Burned Hand
04: House By The Sea
05: Love And Some Verses
06: Weary Memory
07: Boy With A Coin
08: Walking Far From Home
09: Cinder And Smoke
10: Tree By The River
11: In My Lady's House
12: Me And Lazarus
13: He Lays In The Reins
14: Burn That Broken Bed
15: Free Until They Me Down
16: Fever Dream
17: Naked As We Came

18: Flightless Bird, American Mouth (Z)


Die ersten beiden Fotos (Sam Beam in Farbe und Tift Merritt in s/w) stammen von Oliver Peel und sind Archivfotos aus Paris, die restlichen Bilder sind von Patrick und ebenjenem Abend im WUK. Danke euch!

Donnerstag, 10. Februar 2011

Deertick & Dolorean & Tift Merritt, Paris, 08.01.11

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Konzert: Deertick & Dolorean & Tift Merritt, Fargo All Stars # 4

Ort: La Flèche d'or, Paris

Datum: 08.01.11

Zuschauer: gut besuchte Veranstaltung



Das exquisite Pariser Folklabel Fargo hatte zur vierten All Stars Night geladen und viele kamen. Es war zwar nicht brechend voll in der Pariser Flèche d'or, aber der Abend war doch ausreichend gut besucht, daß man von einem Erfog sprechen konnte.

Fargo steht seit Jahren für Qualität im Bereich Folk/Americana/ Alt. Country. Große Namen haben hier in der Vergangenheit Platten veröffentlicht. Andrew Bird, Ryan Adams, Ron Sexmith und so weiter und so fort. Die drei Letztgenannten sind zwar nun nicht mehr dabei, dafür aber etliche andere Hochkaräter wie z.B. Alela Diane (Foto, entstanden bei einem Showcase im Fargorecordstore) , Chris Garneau, Neal Casal, Jesse Sykes und vor allem die Stars des heutigen Abends, die jungen Raubeine von Deer Tick.

Deer Tick konnte man sicherlich als Headliner der All Stars Night # 4 bezeichnen, aber auch die anderen beiden Acts Tift Merritt und Dolorean waren erlesen.



Tift machte den Anfang. Die einzige Frau auf dem Programm und auch die Einzige, die nicht bei Fargo selbst unter Vertag steht. Sie war Ehrengast, wurde auf Grund ihrer musikalischen Nähe zu den Künstlern des Pariser Labels mit hinzugenommen. Und es stellte sich als eine gute Entscheidung heraus, Merritt mit ins Boot genommen zu haben. Die feurige Lady aus North Carolina trug mit kraftvoller Stimme und viel Temperament ihre Countrysongs abwechselnd an Klavier und Akustikgitarre vor. Ihre Ausstrahlung war außergewöhnlich. Obwohl nicht sehr groß gewachsen, hatte sie eine erstaunliche Bühnenpräsenz und viel Charisma (und schöne Beine, aber das nur nebenbei). Zudem sprach sie beachtlich gut französisch und konnte mit ein paar wohlplatzierten Sätzchen die Sympathien der Franzosen gewinnen ("I have to live here in Paris, one day..."). Musikfans, die ausschließlich auf kargen, brüchigen Folk fokussiert sind, könnten ihre Probleme mit Tift's kraftvoller Stimme und ihrer feurigen Art haben, diejenigen, die aber auch traditionelle Countrysängerinnen wie Emmylou Harris oder Patsy Cline mögen, dürften ihre Freude an Merritt haben. Für mich war die Musik von Tift eine Neuentdeckung, denn obwohl ich ihren Namen schon mehrfach aufgeschnappt hatte, kannte ich keine Songs von ihr. Dabei ist Tift Merrit alles andere als eine Debütantin. 4 zumTeil mit sehr beachtlichen Kritiken versehene Alben stehen zu Buche, darunter der letzte Output See You On The Moon aus dem Jahre 2010.

Ich ärgere mich im Nachhinein, keines der Machwerke am Merch erstanden zu haben, denn gerade mit dem letzten Song, den sie auf der Mundharmonika begleitete, hat sie mich ziemlich weichgekocht. Die Frau hat was, ich bleibe ihr auf den bestiefelten Fersen!

Mit Dolorean kam danach eine reine Männerband, die mitunter das Pech hat, ihren Namen falsch geschrieben zu sehen. Unaufmerksame Journalisten verwechseln sie oft mit den spanischen Chillwavern Delorean, aber musikalisch haben diese beiden Formationen herzlich wenig miteinander am Hut. Bei Dolorean haben wir es nämlich mit typisch amerikanischem Folkrock im Stile von Wilco zu tun. Die geerdet wirkenden Burschen stammen aus Portland, Oregan und waren auch mal eine Weile die Backingband des famosen Damien Jurado. Bei einem ihrer früheren Konzerte in Paris (ohne Jurado) hatten sie wohl das Pech, vor lediglich 5 Leutchen zu spielen, zumindest behauptete dies schmunzelnd der Sänger Al James. Heute nun mit etwa 300 Leuten eine wesentlich größere Kulisse und die knackigen Wildwest Rocknummern hatten auch definitiv genug Drive und Lautstärke, um eine größere Location zu beschallen. An dem Set gab es nichts auszusetzen, die Kompositionen waren gut und harmonisch, die Stimme von Al James sehr schön, die Orgel jubilierend, die Gitarren saftig, das Schlagzeug variabel. Das Einzige was man eventuell bemängeln konnte, war, daß ein klein wenig die eigene Identität fehlte. Einige Melodien erinnerten mich an Stücke von Ryan Adams , andere wieder an die bereits genannten Wilco. Der Mangel an Originalität wurde aber durch starke Songs kompensiert, die in der Mehrheit von dem aktuellen Output The Unfazed stammten.

Nun aber war die Zeit für die Headliner Deer Tick gekommen. Ich hatte sie im vergangenen September gleich zwei mal gesehen. Einmal elektrisch im Café de la Danse und einen Tag später akustisch im kleinen, aber feinen Fargo Recordstore (Foto rechts). Der Unplugged Gig war große Klasse, das "richtige" Konzert im Café de la Danse aber eine Enttäuschung. Sänger John McCauley war damals krank, litt unter einer Grippe und war stimmlich und körperlich geschwächt (fragt mich bitte nicht, wie er am nächsten Tag soviel besser drauf sein konnte!). Deshalb verkürzten die Amis aus Rhode Island auch ihr Set und ließen viele gute Songs aus.

Heute hatte er aber keine Grippe und das Konzert war dementsprechend wesentlich länger und dynamischer. Leider aber merkte man John McCauley recht deutlich an, daß er wieder mal zu viel Alkohol intus hatte. Und zwar schon bevor er die Bühne betrat. Ich hatte ihn bereits bei den Konzerten der anderen Bands im Publikum ausgemacht und da war mir schon sein glasiger Blick aufgefallen. Beim Auftritt selbst trank er dann Jack Daniels aus der Flasche, den er mit Cola runterspülte. Seine Stimme war also gut geölt, könnte man meinen, aber aufgepeitscht von dem hochprozentigen Stoff übertrieb er es manchmal. Folge war, daß er noch ein wenig krächziger klang als schon auf den Alben. Von einer schlechten gesanglichen Leistung möchte ich trotzdem nicht sprechen, nur etwas nuancenreicher hätte es sein dürfen. Sowieso klang hier und heute alles etwas anders als auf den Alben. Der Sound war bluesiger, noch stärker nach den 70 er Jahren klingend und von einer laut auftrumpfenden Hammond Orgel geprägt. Die Jungs schienen es darauf abgesehen zu haben, laut und dreckig zu klingen. Der bärtige Drummer prügelte demzufolge auch wie ein Wilder auf seine Felle ein, während Bassist Christopher Dayle Ryan und Gitarrist Ian O'Neil gewohnt schüchtern (und zudem wahnsinnig jung!) wirkten. John McCauley in der Mitte hatte optisch etwas von einem modernen Kurt Cobain. Dunkelblondes wuscheliges Haar, traurig blickende blaue Augen, Blue Jeans und schwarze Chucks, so stand er vor der Menge, die in der ersten Reihe ausschließlich (!) aus jungen Mädchen bestand. Ein Weiberheld der John, die Mädels werden das Wilde und Maßlose an ihm lieben.

Ein paar Sätze zu den gespielten Songs. Auffällig, daß nur ein einziger vom Zweitling Born On A Flag Day stammte. Stattdessen wurde der Schwerpunkt auf die Black Dirt Sessions gelegt und auch der Erstling War Elephant wurde mit drei Liedern hinreichend gewürdigt. Zu dumm allerdings, daß ausgerechnet mein Liebling, der Gassenhauer These Old Shoes, im Programm fehlte. Dafür gab es aber den Baltimore City Blues No. 1, den ich mir ein wenig emotionaler und hingebunsvoller gewünscht hätte. Er klang ein bißchen runtergenudelt und leidenschaftslos. 20 Miles hingegen wurde stark abgewandelt gespielt. Gewöhnunsgbedürftig, die Albumversion gefällt mir besser. Und dann die Orgel, sie war omnipräsent und für meinen Geschmack zu laut.

So schrammelten sich die Raubeine etwa 70 Minuten durch ihr Set, das keineswegs schlecht, aber auch nicht hunderprozentig überzeugend war. Irgendwie müssten es die Deer Ticks in der Zukunft hinbekommen , ihre Energie zu bündeln, an Feinheiten zu arbeiten und fokussierter zu werden. Ihre ungestüme Art müssen sie ja gar nicht unbedingt ablegen, sondern nur ein wenig professioneller werden. Und ein bißchen weniger trinken, stimmt's, John? Klingt spießig, ich weiß, aber als Mutter würde ich mir ein wenig Sorgen um meinen Sohn machen.

Die erste Zugabe sang übrigens der mächtig in die Breite gegangene Drummer Dennis Ryan. Auch so ein Heißsporn!

Wenn ich eine Note verteilen müsste: 7/10.

Setlist Deer Tick, Fargo All Stars # 4, Flèche d'or, Paris:

01: Bury Deep
02: Ashamed
03: 20 Miles
04: Baltimore Blues, No.1
05: Born
06: Hope is big
07: When She Comes Home
08: waitress
09: Me Me Me
10: Christ Jesus
11: Mange

12: Bring It OnHome To Me (Sam Cooke Cover)
13: La Bamba (war vorgesehen, wurde aber nicht gespielt)

Auf dem inzwischen in schlichtem schicken grau gehaltenen Klienicum gibt es einen kleinen Eintrag zu Dolorean aus dem Jahre 2007, klick!

Aus unserem Archiv:

Deer Tick, Paris, 15.09.10
Deer Tick, Paris, 14.09.10





 

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