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Samstag, 8. September 2012

Deer Tick, Paris, 04.09.12

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Konzert: Deer Tick
Ort: Le Divan Du Monde, Paris

Datum: 04.09.12

Zuschauer: schätzungsweise 150


Meine Fresse, sind das wilde Hunde! Ich rede von den Jungs von Deer Tick, einer Band aus Providence in Rhode Island, die auf ihrer Europa Tour im Divan Du Monde zu Paris Station machte. Ich wusste ja schon von früheren Konzerten, daß die durchgeknallt sind, traf aber jedesmal (Ausnahme: der legendäre Showcase bei Fargo, einem Plattenladen) auf eine etwas müde Truppe, die noch einen Kater in den Schuhen stecken hatte. Heute aber entfaltete der Alkohol seine positive Wirkung und lockerte vor allem die Zunge und die Beine des stark tätowierten Sängers John McCauley. Falls sie an jenem 4. September morgens einen Kater hatten (wovon ich ausgehe), haben sie sich den glatt weggesoffen! Mehrere Pullen Rotwein wurden heute während des Konzertes gelehrt und John trank praktischerweise immer aus der Flasche, so als wolle er sagen: "Gläser sind was für Pussys!" Das Preisschild des Roten stand gleich noch mit dran, 4,60 € war das Gesöff wert, für Deer Tick muss es also kein teurer Burgunder sein, Hauptsache das Zeug knallt rein.

Und Reinknallen war auch der richtige Begriff für den Auftritt von Deer Tick, denn das tat er und zwar gewaltig! Die jungen Burschen ballerten wirklich oft aus allen Rohren und schmetterten ihren ungestümen Blues Rock mit Grunge-Einschlag (Spitzname: Deervana), bis die Schwarte krachte. Manchmal ließen sie aber auch den weichgewordenen Cowboy raushängen und verzückten mit herzerweichenden Balladen wie dem sensationellen Baltimore Blues No.1 dem Hit Twenty Miles oder Smith Hill, die John mit seiner völlig verrauchten und versoffenen Reibeisenstimme mit viel Inbrunst vortrug (er verzog dabei immer den Mundwinkel oder riss die Augen weit auf, ein krasser Anblick!). Für mich eigentlich die besten Momente, denn die ruhigen Stücke von Deer Tick sind wirklich unglaublich schön und dabei quasi kitschfrei, ein Kunststück, das nicht jede Band beherrscht.

Aber natürlich sind auch die rockigen Sachen gut und sorgten für Stimmung und ein paar johlende Amis im Publikum. Allen voran die spät gebrachte Punknummer Let's All Go To The Bar, das mich wahnsinnig an die Ramones oder The Clash erinnerte.

Abwechslungsreich war es auf jeden Fall und wer die Stimme von McCauley auf Dauer etwas nervig fand, hatte in zwei Fällen die Chance, andere Bandmitglieder singen zu hören. Clownin' Around (ein Lied, bei dem es um den Mord an einem Clown geht) wurde vom dem schwergewichtigen Drummer Dennis Ryan mit schöner Stimme vorgetragen und bei einem anderen Lied durfte der sehr jung und brav aussehende Gitarrist Ian O'Neil ans Mikro.

Was sonst noch hervorzuheben war? Der prima Stimmungssong These Old Shoes (von wem stammte der eigentlich ursprünglich?), der sehr positiv gestimmte Midtempo Track Miss K von dem neuen (vierten) Album Divine Providence und das schwungvolle Eddie Cochran Cover Summertime Blues. Auch sehr cool: das Nirvana Cover School, das auf der Setlist nicht vermerkt war.


Seltsam allerdings der endgültige Abgang. What Kind Of Fool Am I klang nach Frank Sinatra (ohne Scheiß jetzt!) und wurde nur von John und dem Keyboarder Rob Crowell vorgetragen. John McCauley wanderte ohne Gitarre über die Bühne, die Rotweinpulle in der Hand, und sang manchmal scherzhaft wie Satchmo. Die Leute lachten sich kaputt und ohnehin hatten heute alle ihren Spaß, das war ein tolles Konzert!

Setlist Deer Tick, Divan Du Monde, Paris:

01: Ashamed

02: The Bump
03: Easy
04: Mirror World
05: Main Street
06: Baltimore Blues No. 1
07: Clownin' Around
08: Funny Word
09: 20 Miles
10: These Old Shoes
11: Now It's Your Turn
12: When It All Falls Down
13: Smith Hill
14: Old Lady
15: Sink Or Swim
16: Miss K.
17: Summertime Blues (Eddie Cochran Cover)

18: Walls
19: Let's All Go To The Bar
20: What Kind Of Fool Am I?

+ School von Nirvana

Aus unserem Archiv:

Deer Tick, Paris, 08.01.11
Deer Tick, Paris, 15.09.10
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Donnerstag, 10. Februar 2011

Deertick & Dolorean & Tift Merritt, Paris, 08.01.11

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Konzert: Deertick & Dolorean & Tift Merritt, Fargo All Stars # 4

Ort: La Flèche d'or, Paris

Datum: 08.01.11

Zuschauer: gut besuchte Veranstaltung



Das exquisite Pariser Folklabel Fargo hatte zur vierten All Stars Night geladen und viele kamen. Es war zwar nicht brechend voll in der Pariser Flèche d'or, aber der Abend war doch ausreichend gut besucht, daß man von einem Erfog sprechen konnte.

Fargo steht seit Jahren für Qualität im Bereich Folk/Americana/ Alt. Country. Große Namen haben hier in der Vergangenheit Platten veröffentlicht. Andrew Bird, Ryan Adams, Ron Sexmith und so weiter und so fort. Die drei Letztgenannten sind zwar nun nicht mehr dabei, dafür aber etliche andere Hochkaräter wie z.B. Alela Diane (Foto, entstanden bei einem Showcase im Fargorecordstore) , Chris Garneau, Neal Casal, Jesse Sykes und vor allem die Stars des heutigen Abends, die jungen Raubeine von Deer Tick.

Deer Tick konnte man sicherlich als Headliner der All Stars Night # 4 bezeichnen, aber auch die anderen beiden Acts Tift Merritt und Dolorean waren erlesen.



Tift machte den Anfang. Die einzige Frau auf dem Programm und auch die Einzige, die nicht bei Fargo selbst unter Vertag steht. Sie war Ehrengast, wurde auf Grund ihrer musikalischen Nähe zu den Künstlern des Pariser Labels mit hinzugenommen. Und es stellte sich als eine gute Entscheidung heraus, Merritt mit ins Boot genommen zu haben. Die feurige Lady aus North Carolina trug mit kraftvoller Stimme und viel Temperament ihre Countrysongs abwechselnd an Klavier und Akustikgitarre vor. Ihre Ausstrahlung war außergewöhnlich. Obwohl nicht sehr groß gewachsen, hatte sie eine erstaunliche Bühnenpräsenz und viel Charisma (und schöne Beine, aber das nur nebenbei). Zudem sprach sie beachtlich gut französisch und konnte mit ein paar wohlplatzierten Sätzchen die Sympathien der Franzosen gewinnen ("I have to live here in Paris, one day..."). Musikfans, die ausschließlich auf kargen, brüchigen Folk fokussiert sind, könnten ihre Probleme mit Tift's kraftvoller Stimme und ihrer feurigen Art haben, diejenigen, die aber auch traditionelle Countrysängerinnen wie Emmylou Harris oder Patsy Cline mögen, dürften ihre Freude an Merritt haben. Für mich war die Musik von Tift eine Neuentdeckung, denn obwohl ich ihren Namen schon mehrfach aufgeschnappt hatte, kannte ich keine Songs von ihr. Dabei ist Tift Merrit alles andere als eine Debütantin. 4 zumTeil mit sehr beachtlichen Kritiken versehene Alben stehen zu Buche, darunter der letzte Output See You On The Moon aus dem Jahre 2010.

Ich ärgere mich im Nachhinein, keines der Machwerke am Merch erstanden zu haben, denn gerade mit dem letzten Song, den sie auf der Mundharmonika begleitete, hat sie mich ziemlich weichgekocht. Die Frau hat was, ich bleibe ihr auf den bestiefelten Fersen!

Mit Dolorean kam danach eine reine Männerband, die mitunter das Pech hat, ihren Namen falsch geschrieben zu sehen. Unaufmerksame Journalisten verwechseln sie oft mit den spanischen Chillwavern Delorean, aber musikalisch haben diese beiden Formationen herzlich wenig miteinander am Hut. Bei Dolorean haben wir es nämlich mit typisch amerikanischem Folkrock im Stile von Wilco zu tun. Die geerdet wirkenden Burschen stammen aus Portland, Oregan und waren auch mal eine Weile die Backingband des famosen Damien Jurado. Bei einem ihrer früheren Konzerte in Paris (ohne Jurado) hatten sie wohl das Pech, vor lediglich 5 Leutchen zu spielen, zumindest behauptete dies schmunzelnd der Sänger Al James. Heute nun mit etwa 300 Leuten eine wesentlich größere Kulisse und die knackigen Wildwest Rocknummern hatten auch definitiv genug Drive und Lautstärke, um eine größere Location zu beschallen. An dem Set gab es nichts auszusetzen, die Kompositionen waren gut und harmonisch, die Stimme von Al James sehr schön, die Orgel jubilierend, die Gitarren saftig, das Schlagzeug variabel. Das Einzige was man eventuell bemängeln konnte, war, daß ein klein wenig die eigene Identität fehlte. Einige Melodien erinnerten mich an Stücke von Ryan Adams , andere wieder an die bereits genannten Wilco. Der Mangel an Originalität wurde aber durch starke Songs kompensiert, die in der Mehrheit von dem aktuellen Output The Unfazed stammten.

Nun aber war die Zeit für die Headliner Deer Tick gekommen. Ich hatte sie im vergangenen September gleich zwei mal gesehen. Einmal elektrisch im Café de la Danse und einen Tag später akustisch im kleinen, aber feinen Fargo Recordstore (Foto rechts). Der Unplugged Gig war große Klasse, das "richtige" Konzert im Café de la Danse aber eine Enttäuschung. Sänger John McCauley war damals krank, litt unter einer Grippe und war stimmlich und körperlich geschwächt (fragt mich bitte nicht, wie er am nächsten Tag soviel besser drauf sein konnte!). Deshalb verkürzten die Amis aus Rhode Island auch ihr Set und ließen viele gute Songs aus.

Heute hatte er aber keine Grippe und das Konzert war dementsprechend wesentlich länger und dynamischer. Leider aber merkte man John McCauley recht deutlich an, daß er wieder mal zu viel Alkohol intus hatte. Und zwar schon bevor er die Bühne betrat. Ich hatte ihn bereits bei den Konzerten der anderen Bands im Publikum ausgemacht und da war mir schon sein glasiger Blick aufgefallen. Beim Auftritt selbst trank er dann Jack Daniels aus der Flasche, den er mit Cola runterspülte. Seine Stimme war also gut geölt, könnte man meinen, aber aufgepeitscht von dem hochprozentigen Stoff übertrieb er es manchmal. Folge war, daß er noch ein wenig krächziger klang als schon auf den Alben. Von einer schlechten gesanglichen Leistung möchte ich trotzdem nicht sprechen, nur etwas nuancenreicher hätte es sein dürfen. Sowieso klang hier und heute alles etwas anders als auf den Alben. Der Sound war bluesiger, noch stärker nach den 70 er Jahren klingend und von einer laut auftrumpfenden Hammond Orgel geprägt. Die Jungs schienen es darauf abgesehen zu haben, laut und dreckig zu klingen. Der bärtige Drummer prügelte demzufolge auch wie ein Wilder auf seine Felle ein, während Bassist Christopher Dayle Ryan und Gitarrist Ian O'Neil gewohnt schüchtern (und zudem wahnsinnig jung!) wirkten. John McCauley in der Mitte hatte optisch etwas von einem modernen Kurt Cobain. Dunkelblondes wuscheliges Haar, traurig blickende blaue Augen, Blue Jeans und schwarze Chucks, so stand er vor der Menge, die in der ersten Reihe ausschließlich (!) aus jungen Mädchen bestand. Ein Weiberheld der John, die Mädels werden das Wilde und Maßlose an ihm lieben.

Ein paar Sätze zu den gespielten Songs. Auffällig, daß nur ein einziger vom Zweitling Born On A Flag Day stammte. Stattdessen wurde der Schwerpunkt auf die Black Dirt Sessions gelegt und auch der Erstling War Elephant wurde mit drei Liedern hinreichend gewürdigt. Zu dumm allerdings, daß ausgerechnet mein Liebling, der Gassenhauer These Old Shoes, im Programm fehlte. Dafür gab es aber den Baltimore City Blues No. 1, den ich mir ein wenig emotionaler und hingebunsvoller gewünscht hätte. Er klang ein bißchen runtergenudelt und leidenschaftslos. 20 Miles hingegen wurde stark abgewandelt gespielt. Gewöhnunsgbedürftig, die Albumversion gefällt mir besser. Und dann die Orgel, sie war omnipräsent und für meinen Geschmack zu laut.

So schrammelten sich die Raubeine etwa 70 Minuten durch ihr Set, das keineswegs schlecht, aber auch nicht hunderprozentig überzeugend war. Irgendwie müssten es die Deer Ticks in der Zukunft hinbekommen , ihre Energie zu bündeln, an Feinheiten zu arbeiten und fokussierter zu werden. Ihre ungestüme Art müssen sie ja gar nicht unbedingt ablegen, sondern nur ein wenig professioneller werden. Und ein bißchen weniger trinken, stimmt's, John? Klingt spießig, ich weiß, aber als Mutter würde ich mir ein wenig Sorgen um meinen Sohn machen.

Die erste Zugabe sang übrigens der mächtig in die Breite gegangene Drummer Dennis Ryan. Auch so ein Heißsporn!

Wenn ich eine Note verteilen müsste: 7/10.

Setlist Deer Tick, Fargo All Stars # 4, Flèche d'or, Paris:

01: Bury Deep
02: Ashamed
03: 20 Miles
04: Baltimore Blues, No.1
05: Born
06: Hope is big
07: When She Comes Home
08: waitress
09: Me Me Me
10: Christ Jesus
11: Mange

12: Bring It OnHome To Me (Sam Cooke Cover)
13: La Bamba (war vorgesehen, wurde aber nicht gespielt)

Auf dem inzwischen in schlichtem schicken grau gehaltenen Klienicum gibt es einen kleinen Eintrag zu Dolorean aus dem Jahre 2007, klick!

Aus unserem Archiv:

Deer Tick, Paris, 15.09.10
Deer Tick, Paris, 14.09.10





Mittwoch, 15. September 2010

Deer Tick, Paris, 15.09.10

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Konzert: Deer Tick

Ort: Fargo Recordstore, Paris
Datum: 15.09.2010, 18 Uhr 30
Zuschauer: etwa 25
Konzertdauer: circa 40-45 Minuten


"Thanks for listening and please don't forget to buy our records to support our alcoholism".

Sicherlich der Satz des Tages, gefallen am Ende des Showcases der Band Deer Tick. Nur einen Tag nach ihrem doch eher enttäuschenden Konzert im Café de la Danse zogen die jungen amerikanischen Folkrocker in einem Pariser Plattenladen akustisch vom Leder. Wie würde es heute werden? Dies fragten sich außer mir noch gut 20 andere Musikfans, die sich im tollen Shop von Inhaber Michel Pamplune eingefunden hatten. Unter ihnen der talentierte Rod Maurice von le hiboo.com, der die Session filmte und sicherlich bald feine bewegte Bilder liefern wird...

Der Anfang verhieß allerdings nichts Gutes. Sänger John, der sich kürzlich eine üble Grippe eingefangen hatte, wankte vor dem Gig mit Bierflasche in der Hand noch einmal recht benebelt auf die Toilette ("was heißt Toilette auf französisch?", fragte er) und nahm danach ein wenig verwirrt auf einem Stühlchen Platz. Neben ihm saß der zweite Gitarrist der Band. Beide spielten sie auf den hübsch bemalten Vintage-Gitarren, die ansonsten im Shop die Wände zieren. Hinter ihnen saß der lebhafte Drummer der Band, der auch lauthals im Chor mitsingen sollte. Die anderen beiden Member spielten heute keine große Rolle, sie waren nur Betrachter.

Mit 20 Miles vom neuen Album The Black Dirt Sessions ging es los. Gestern hatten sie diesen Hit genau wie den Gassenhauer These Old Shoes ausgelassen, weil sich der Sänger stimmlich dazu nicht in der Lage fühlte. Heute aber flutschte alles schon viel besser. Der Auftakt war ermutigend, aber es sollte noch viel viel stärker werden. Mit jedem angestimmten Song spielten sich die Jungs mehr und mehr ein. Sie begannen richtig Freude an dem Akustikkonzert zu entwickeln und spätestens zur Mitte des Sets hin, hatten sie alle Blockaden abgelegt und schrien sich die Kehlen heiser. Die ohnehin schon krazige Stimme von John Joseph McCauley III wurde noch ein wenig rauer, klang aber teuflisch gut. Vielleicht ist er wirklich der neue Tom Waits (bzw. Van Morrison?) oder so. Die Musikpresse ist ohnehin schon wieder fleißig mit historischen Vergleichen zur Hand und gräbt Creedence/Clearwarter Revival als Referenz aus. Das mag zum Teil zutreffend sein, aber die jungen Kerle aus Providence/Rhode Island wirkten trotz ihres Retrosounds nicht so, als würden sie alten Helden die Füsse küssen. Als sie ein Cover von Towns Van Zandt anstimmten, zeigte Sänger John auf einen im Laden hängenden Holzschnitt des verstorbenen Barden und meinte: "Now we gonna play a cover song of this motherfucker there."...

Die Stimmung im Publikum und bei der Band steigerte sich nun minütlich. Irgendwann hatten alle ein breites Grinsen im Gesicht und als der Überhit These Old Shoes rausgehauen wurde, johlten alle vor Glück. Herrlich wie die Jungs hier miteinander kommunizierten und sich verbal die Bälle zuspielten.

Als Ausfluß der allgemeinen Heiterkeit ist sicherlich auch das Abfeuern des spanischen Klassikers La Bamba zu verstehen gewesen. Das kannte nun jeder hier, selbst die kleine Tochter des Ladenbetreibers sang im Hintergrund lauthals mit. Applaus brandete auf und die Band wollte sich schon verkrümeln, als ich vorlaut und forsch den Baltimore Blues Number 1 einforderte. Da sich die anderen Bandmitglieder schon in die Kabine verdrückt hatten, spielte der Sänger dieses Kleinod ganz allein. Ich fühlte mich schon ein wenig geehrt, als er in meine Richtung zeigend erklärte: "This song is only for this man" (ich war gemeint, cool!). Die feine Gitarrenmelodie, die sich durch dieses Stück schlängelt, ist einfach atemberaubend schön und ich war froh, daß ich ganz zum Entzücken des restlichen Publikums auf dieses Lied bestanden hatte.

Eine rundum gelungene Veranstaltung! Der Chef spricht bei Twitter von der "Best session ever". Yeahh, baby!!

Mehr Fotos von diesem tollen Showcase hier


Deer Tick & Phosporescent, Paris, 14.09.10

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Konzert: Deer Tick & Phosporescent

Ort: Le Café de la Danse, Paris
Datum: 14.09.10
Zuschauer: nicht ausverkauft
Konzertdauer: Deer Tick gute halbe Stunde, Phosporescent fast 90 Minuten


Deer Tick und Phosorescent im Doppelpack! Line-up* des Jahres, oder etwa nicht? Als Veranstalter eines Folkrock-Festivals hätte ich die beiden Acts zumindest auch bedenkenlos verpflichtet. Leider wurden die hohen Erwartungen aber nicht erfüllt. Deer Tick waren behäbig und wenig charismatisch, der Sänger angeblich grippeschwächt und die danach folgenden Phosporescent zumindest in der Anfangsphase einschläfernd. Matthew Houck und seine Mannen berappelten sich dann gegen Ende aber noch und überzeugten im eine halbe Stunde (!) lang dauernden Zugabenteil mit fetzigem Folkrock. Stimmgewaltig wie ein Justin "Bon Iver" Vernon oder ein Robin "Fleet Foxes" Pecknold ist Matthew aber beileibe nicht. Und glaubt den Vergleichen mit Will Oldham nicht. Phosporescent der neue Bonnie Prince Billy? Niemals!

Für diejenigen, die ausführliche Konzertberichte schätzen:

Ich hatte mir einen der Konzertabende des Jahres versprochen. Jesse Sykes, Deer Tick, Phosporescent, wow, was für ein Programm! Dann aber musste Jesse Sykes kurzfristig absagen. Zu verkraften, denn mein Hauptaugenmerk galt eh den andern beiden Acts. Gerade auf die Amerikaner Deer Tick freute ich mich wie Bolle, ihr erstes Album War Elephant mit den Überhits Baltimore Blues Number 1 und These Old Shoes lief bei mir seit Monaten rauf und runter. Auch der Neuling (The Black Dirt Sessions) mit dem roten Cover soll famos sein. Ich habe ihn schon seit Juli bei mir im CD-Regal, konnte ihn aber bisher aus Zeitgründen (soviele CDs, die darauf warten gehört zu werden, sie schreien mich förnlich an!) nur einmal kurz laufen lassen. Aber auch auf Phosporescent war ich tierisch heiß, denn die guten Albenkritiken für die letzten Outputs überschlagen sich geradezu.

Logisch, daß ich mit saumäßig Vorfreude im (dicken) Bauch ins Café de la danse fuhr. Besonders früh war ich nicht dran, da ich zu Hause meiner Frau noch beim Gitarrenunterricht zugesehen hatte. Meine Süße nimmt jetzt Stunden auf der Akustischen und ich war neugierig auf ihre Fortschritte. Ich kam also erst gegen 20 Uhr/15 am Ort des Geschehens an und hörte und sah zu meiner Verblüffung bereits Deer Tick in Aktion. Ich war fest davon ausgegangen, daß sie Headliner sind und Phosporescent eröffnen würde, denn der Bandname Deer Tick war auf den Flyern und den Tickets deutlich fetter gedruckt. Ohne Vorspiel ging es also gleich in die Vollen. Dachte ich zumindest. Davon konnte aber keine Rede sein. Statt eines dynamisch-feurigen Auftritts, sah ich eine eher schüchtern und zurückgenommen agierende Truppe junger Amerikaner, die den großen Auftritt nicht gewohnt zu sein schien. Mein Auge fiel auf den tätowierten Sänger der Band. Er war hager und wirkte kraftlos. Später erfuhr ich, daß er unter einer Grippe leide und deshalb so platt war. Verflucht! Ich war mir ganz sicher, auf total wilde und vor Spielfreude strotzende Typen zu treffen und dann so was! Keine Dynamik, keine nonverbale Kommunikation unter den Bandmitglieder, nichts. Lediglich der Drummer ragte heraus. Beim abschließenden , von ihm intonierten Song, trommelte er wie ein Derwisch und ließ endlich einmal so etwas ähnliches wie Stimmung in dem recht leeren Café de la danse aufkommen. Zuvor hatten die Newcomer mit Baltimore Blues Number 1 zumindest einen meiner Lieblinge gespielt, auf den aktuellen Hit Twenty Miles und den Schunkler These Old Shoes wartete man aber vergeblich. Schade, schade, denn das Repertoire an guten Stücken ist jetzt schon beeindruckend und Sänger John McCauley III hat so eine herrlich verrauchte, nonchalante Stimme.

Aber egal, ich werde sie mir heute akutisch im Showcase im Fargo Store in Paris ansehen, da wird es sicherlich besser werden.

Um 21 Uhr standen Phosphorescent bereit. Eigentlich das Projekt eines Mannes, Matthew Houck, bedarf es zur Liveumsetzung der Songs 4 Musiker. Houck hat in den letzten beiden Jahren einen kometenhaften Aufstieg hingelegt, zumindest was das Kritikerlob betrifft. Seine Outputs To Willie (2009), ein Tributalbum für Willie Nelson und Here's To Taking It Easy (2010) heimsten Sterne en masse ein. Dabei verfügt der bärtige Lulatsch mit den Cowboystiefeln und dem exzentrischen Armband (welche Steine sind das? Jade?) nicht unbedingt über die Sensationsstimme eines Robin Pecknold oder eines Ben Bridwell. Sein brüchiges Kelchen trifft aber dennoch den Nerv vieler Folkfans.

Die Erwartungshaltung war ob der Lobhuldigungen also groß, aber der Anfang der Show gestaltete sich leider recht zäh, stockend und zahnlos. Es gab Tonprobleme, Matthew war noch nicht warm gesungen und seine Begleitband wirkte abgesehen von dem wild headbangenden Keyboarder behäbig und steif. Ich langweilte mich. Lediglich der Anblick einer vollbusigen Schönheit mit engem Top in meiner Nachbarschaft hielt mich wach. Ich bewegte mich trotzdem zu den Sitzplätzchen und hielt ein Nickerchen. Die Show rauschte an mir vorbei. Inzwischen war fast eine Stunde gespielt, als die betörende Ballade Wolves erklang. "They tumble and fight and they're beautiful, on the hilltops at night, they are beautiful". Beautiful dieser Song, in der Tat!

Aber gerade als ich endlich warm geworden war, zogen die fünf Musiker von dannen. Wenn das jetzt alles gewsen sein sollte, wäre ich recht enttäuscht gewesen. Aber die Kerle kamen zurück und wie! Der Zugabenteil sollte insgesamt eine halbe Stunde dauern, fast halb so lang wie das reguläre Konzert! Und was für ein berauschendes Finish das war! Zunächst trug Matthew alleine einen wunderschönen Coversong vor (welchen genau? wenn ich das bloß wüßte!) der von Cocaine Lights gefolgt wurde, bevor zu Stück drei der Nachspielzeit die Gruppe zurück kam. Nun wurde phasenwesie richtig gerockt. Die Jungs trugen unter anderem das tolle Los Angeles vor und beendeten ihr Set wild auf den Gitarren schrammelnd. Der forsche zweite Teil hatte den eher mauen Teil vergessen lassen und somit konnte ich doch noch ein positives Fazit ziehen. Phosphorescent muss man im Auge behalten, obwohl die himmelhochjauchzenden Kritikerergüsse viellicht etwas überzogen sind.


 

Konzerttagebuch © 2010

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