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Montag, 22. November 2010

Nina Nastasia, München, 18.11.10

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Konzert: Nina Nastasia
Ort: Vereinsheim, München
Datum: 18.11.2010
Zuschauer: etwa 50

Berichterstatter: Eike vom Klienicum.


Kneipenstimmung. Unaufgeräumtes Geraune, Geklapper, Anschwellendes und wieder Abklingendes. Bewegung. Positive Vibrationen. Nina und ich stehen gegen den Tresen gelehnt. Nachdem ich einige Autogrammjäger vorbeiziehen ließ, die sich die Plattencover des aktuellen Albums "Outlaster" signieren ließen, konfrontiere ich die Chanteuse mit meiner Bitte um die Setliste des gerade verklungenen Sets. Nina grinst und wirbelt unbeholfen um sich, als suche sie etwas Greifbareres als ihre Erinnerungen. Mein Hinweis auf ihr iphone, von dem sie beständig während des Konzerts ablas, beantwortet sie mit einem Kopfschütteln und meint, es diene ihr lediglich als Stütze und böte eine Übersicht, aus der sie sich je nach Laune bediene. Ich biete ihr an, mir die Liste per email zu senden, doch sie möchte sie gleich auf Papier bringen, damit sie nicht zu viel vergesse. Sie schnappt sich einen Flyer und notiert in einer runden, wenig strengen und doch festen Handschrift erste Songnamen. Sie stockt bei "Holyman" und fragt mich, wie der Titel vollständig heißen würde und erklärt, dass sie ihre eigene Bezeichnung für die einzelnen Lieder habe, auf Scheibe stünden oftmals andere. Ich antworte, dass ich wüsste, um welchen Track es sich handle und sie schreibt weiter. Nach sieben Einträgen ist Schluss und sie grinst mich an: "is it enough?" Ich antworte: "nein." Doch ihr Lachen weist mir den Weg. Ich bedanke mich für ihr Bemühen, das fantastische Konzert und verabschiede mich in die kühle Münchner Nacht. Das zuvor Erlebte wird sich für eine geraume Zeit ins Gedächtnis gebrannt haben. Nachdem der Tag schwer und mühevoll geriet und die Entscheidung, sich doch noch auf die Socken in die bayerische Hauptstadt zu machen, wohlüberlegt gefällt wurde, schob das musikalische Erlebnis alle Sorgen zügig beiseite, öffnete die Wahrnehmungstore weit und ließ all das Gute ein, was Kunst, wenn sie authentisch , emotional und empathisch dargebracht wird, zu vermitteln im Stande ist. Nicht wenigen Anteil daran hatte Ninas Partner Matthew Szemela, der das Konzert mit seiner Violine begleitete und ein ums andere mal dank einiger gewagter Streichabenteuer begeisterte.

Ansonsten war er aber und zuvorderst Sidepart der mittlerweile in New York lebenden Nina Nastasia. Die stapfte mit ihrem Kompagnon erst nach acht ins Vereinsheim. Die verspätung störte jedoch niemanden im ungewöhnlichen Ambiente aus WM 74 Devotionalien, abgetretenen Fußballschuhen und Pokalen. Im Gegenteil empfing man die beiden völlig aufgeräumt, Küsschen links und rechts für die bekannten Gesichter, ein freundliches Zunicken für alle anderen. Der aufbau geriet zügig, die Mikrofone waren platziert, der Soundcheck längst getätigt. Nastasia an die Gitarre, szemela an sein Streichinstrument, auf die Barhocker und ohne große Übergangsgesten in die Vollen. "dear rose, i misplaced / everything you gave me / you gave me everything / everything / and i do apologize / and hope you'll think of me / as someone who'd do anything / anything for you". die Zeilen aus dem 2000er Album "Dogs", aus dem das wundervolle "Dear Rose" vorgetragen wurde, bezeugen die allgemeine Stimmung, die nicht nur textlich zur Charakterisierung der Musik Nastasias dienen. Die dunklere Seite und dennoch der Verweis von Weinerlichkeit, das Stete aber, dennoch nie die Verzagtheit, das Kämpferische vor der Aufgabe. Nastasias Musik ist kraftvoll und stark und dennoch immer an der Kippe zum Verlust, der Niederlage, dem Nachgeben. Ihr Vortrag ist intensiv, keine Andeutung von nächstgelegener Vermittlung, immer jedoch mit der unausgesprochenen Beteuerung Anteil zu nehmen. Wie ein Schenken und Schützen zugleich. Wie das Rausrücken einer Setlist, vielleicht. Die Hälfte gebe ich preis, den Rest musst du dir erarbeiten. Das Vereinsheim ist mit rund 50 Besuchern gut gefüllt, alle sind aufmerksam, zum Teil wie gebannt. Zwischen den Liedern explodiert die Stille zu berauschendem Applaus und Johlen. Nastasia und ihr Partner fühlen sich bestens aufgehoben und geniessen die Zeit. Es fallen Scherze, Geschichten und launige Sprüche. Doch die Enthobenheit entschwindet just in dem Moment, da Nina Nastasia anhebt, da die Gitarre erklingt und mal besinnlich gestrichen, mal emotional behauen wird, da Szemela über die Saiten hetzt oder zupft oder beides in Einklang bringt. Gemeinsam erschaffen sie eine Konzentriert- und Gebundenheit, die kein Hüsteln, kein Bierglas abstellen durchbrechen kann. Es weben sich unsichtbare Fäden durch den Raum, die jeden angreifen. Die Anwesenden werden eins, zu einer stillen, angerührten Masse. Nina hat eine Stimme, die jedes Gefühl zu transportieren weiß. Sie verfügt dabei nicht nur über Ausdruckskraft und stimmliche Gewandtheit, sondern auch über Glaubwürdigkeit und eine Offenheit, die zuweilen schmerzt.

Sie betont aggressiv, überhöht, windet sich auf dem gebrechlichen Gestühl, stürzt hinab und fängt sich wieder auf. Jede zeile hat ein Ende, jedem Wort wird Respekt gezollt und die Stimme weicht nicht vor der letzten Silbe. Die Melodien sind handzahm und gefügig, sie bewegen das Herz und bleiben. Vor allem auch die neuen Lieder von "Outlaster" feiern Bestand und eine erstaunliche Lebendigkeit fern jeglicher orchestraler Bearbeitung. Hier, in der Aufwartung im kleinsten Kollektiv beweisen sie ihre Erstaunlichkeit. Das schmiegsame und zugleich herz zerreissende "cry, cry, baby", das mythische "you're a holy man", das verständige "you can take your time", das sparsame "this familiar way", das flinke "a kind of courage". mit "i write down lists" findet sich zudem ein Song vom 07er "you follow me", die Bandbreite des Repertoires wird genutzt. Auf die kosten kam man hier sowieso.

Aus der Ferne, und es mussten in diesem barmen Dunkel nur ein paar Schritte sein, wirkte Nastasia alt und vom Leben angegangen. Aus der Nähe hatte sie ein lebendiges, jugendhaftes Gesicht. Flinke Augen, eine frische Gesichtsfarbe und ein dauerhaftes Lächeln um die Mundwinkel machten sie nicht nur sympathisch, sondern mehr noch vertraut.




Samstag, 15. Mai 2010

Nina Nastasia, Paris, 14.05.10

3 Kommentare

Konzert: Nina Nastasia

Ort: L'Espace B, Paris
Datum: 14.05.2010
Zuschauer. etwa 50
konzertdauer: 2 x 45 Minuten


Ich solle nichts über die zweite Hälfte des Konzertes schreiben, bat mich Nina Nastasia, nachdem ich ihr erzählt hatte, daß ich einen Blog betreibe und ihren Auftritt rezensieren werde. Aber warum eigentlich nicht? Weil sie sich etliche Male verspielt hatte und nicht den richtigen Guitar Key erwischt hatte? Weil sie ab und zu die Tonlage nicht traf? - Alles keine Gründe für mich, allzu hart mit der New Yorkerin ins Gericht zu gehen.* Klar, war es etwas seltsam, daß sie derart oft ihren Vortrag mittendrin unterbrach und laut aufjauchzte: "oh no, let's start again!" Angeblich hatte sie zu viel getrunken. "It's a strange show, I shouldn't drink when I play", seufzte sie, nachdem sie sich zum wiederholten Male einen Patzer geleistet hatte. Das Publikum störte sich nicht sonderlich daran. Etwa 50 kultivierte Männer und Frauen zwischen 30 und 40 hatten es sich auf dem Fußboden des Espace B bequem gemacht und lauschten konzentriert und vorbildlich leise den Geschichten, die die eigenwillige Singer /Songwriterin zu erzählen hatte. Wie immer gab es zwischen den Songs auch die ein oder andere witzige bzw. zynische Ankedote. Schmunzler erntete Nina, als sie erzählte, daß sie als Großstädterin immer von einem Leben auf dem Lande geträumt hätte und ihrem Traum sehr nahe war, als sie ein paar Wochen auf einem Biobauernhof in den USA verbrachte. Allerdings merkte sie sehr schnell, daß sie nicht zum Landei taugt und folgerte konsequenterweise: "It was horrible actually. All these fucking vegetables"...

Eine andere Anekdote handelte vom Verzehr von Tierhoden, genauer Stierhoden. Ob man in Frankreich "testicicles" essen würde, fragte sie in die Runde. Als sich niemand meldete, warf ich in ein: " Yes, In the south." Dummerweise war mein Akzent aber wohl nicht so sattelfest und Nina rief lachend: "What was that? With a sauce?" Stierhoden mit Soße, nein, das war es natürlich nicht, was ich sagen wollte! Vielmehr wollte ich ausdrücken, daß man im Süden Frankreichs durchaus ab und zu "testicules" esse. In Nizza hatte ich dieses Gericht schon einmal auf einer Karte gefunden (Mist, ich hatte mich vor versammelter Mannschaft zum Deppen gemacht, der kein englisch kann!).

Amüsant war auch, daß die Sängerin beichtete, daß sie eine schrecklich schlechte Autofahrerin sei und deshalb keinen Wagen mehr lenke. Sie würde wie eine Irre fahren. Dies hätte sie auch gestern dem Berliner Publikum im Admiralspalast berichtet, woraufhin ein Berliner Zuschauer reinrief: "In Paris fahren sie alle wie die Irren!" Nicht, daß sie, Nina, das ungeprüft glauben würde, aber dennoch wolle sie dem Pariser Publikum einmal mitteilen, was man in der deutschen Haupstadt von den französischen Fahrkünsten hält (nämlich nichts!).

Schließlich und dies soll den anekdotischen Teil beenden, ging es zwischen den Songs auch oft um ein Gesellschaftsspiel, das sie kürzlich bei einer Hochzeit kennengelernt hatte: "bring it on the table" hieß es, wenn ich mich recht erinnere. So ganz habe ich nicht verstanden, wie das funktionierte und ich glaube die Franzosen auch nicht, denn immer wenn Nina anregte, daß das Publikum doch dieses Spiel mit ihr spielen solle, kam kein Feedback. Ich glaube, man soll dabei außergewöhnliche Geschichten aus seinem Leben offenbaren und Nina hatte wohl bei der Hochzeit erzählt, daß sie damals in den 80ern Drogenschmugglerin für die Sandinista in Nicaragua gewesen sei. Frei erfunden, versteht sich. Aber so kannte ich Nina Nastasia schon von ihrem letzten Konzert, das ich im Nouveau Casino erlebt hatte. Immer für einen Plausch und eine Story gut. Ungewöhnlich waren allerdings ihre Patzer. Damals hatte sie ein weitgehend perfektes Konzert hingelegt, heute war das etwas anders. Aber so will es ja eigentlich auch der Freund des kleinen, feinen Indie/Folkonzertes. Perfekt geölte Auftritte ohne den kleinsten Schnitzer mag man weniger, vielmehr bevorzugt man es, wenn der Künstler da vorne menschelt und auch mal schwächelt. Daß Nina eine fantastische Künstlerin ist, die schon etliche hervorragende Alben herausgebracht hat, wusste ohnhein jeder, der hier und heute im Espace B war. Niemand war zufällig gekommen und viele kannten sich mit dem Oeuvre der Nastasia sehr gut aus, was man auch daran erkennen konnte, daß etliche Besucher alte Klassiker forderten, als Nina "any requests? in die Runde fragte. Rosemary (Album The Blackened Air) wurde beispielsweise gewünscht, aber auch Regrets (Run To Ruin) oder die noch nicht ganz so alten Our Discussion (You Follow Me) und Birds Of Cuzco (On Leaving) Ich persönlich war besonders dankbar, daß der Treehouse Song gespielt wurde. "Every night I promise you we'd go down to see the friend we once knew, but every night I'd make an excuse, trällerte Nina schöner als eine Nachtigall und ich war entzückt. Auch ganz großartig (obwohl sie diesen Song ebenfalls unterbrach): Stormy Weather, mein Favorit vom tollen ersten Album Dogs, das ich im Vorfeld des Konzertes etliche Male gehört hatte, um mich sanft in den Schlaf zu wiegen. "I can't be on best behaviour, I'm not afraid of stormy weather" so der markante Refrain. Ansonsten im zweiten Teil auch ein oder zwei neue Lieder vom demnächst erscheinenden Album Outlaster, von dem sie vor allem im ersten Teil mehrere Kostproben bot. Sechs Lieder von 10 habe sie vom ersten Album gespielt, erzählte mir eine wahnsinnig nette Nina Nastasia hinterher, darunter auf jeden Fall Wakes und ansonsten (falls mich mein Gedächtnis nicht trübt) One Way Out, Moves Away und What's Out There. Viel zu den neuen Stücken sagen kann ich allerdings nicht, da muss ich erst das Erscheinen des Albums abwarten. Eike vom Klienicum hat es aber jetzt schon auf Herz und Nieren geprüft und jeden einzelnen Song seziert. Deshalb empfehle ich auch dringend die Lektüre seines diesbezüglichen Posts.

Und Nina Nastasia muß sich trotz des holprigen zweiten Teils (in der Mitte gab es eine zwanzigminütige Pause, warum auch immer) keine Sorgen machen, daß ich ihr heutiges Konzerte verreiße. Ihre Stimme ist viel zu schön, ihr Songwriting viel zu klug und ihr Wesen viel zu faszinierend, um sie wegen mangelnder Perfektion in die Pfanne zu hauen. Eine goßartige Künsterlin, schön daß wir sie einem solch intimen Rahmen genießen durften!

Auszüge aus der Setlist Nina Nastasia, Espace B, Paris (nicht in dieser Reihenfolge):

Wakes
One Way Out
Moves Away
What's Out There

Rosemary
Regrets
Bird Of Cuzco
Our Day Trip
Stormy Weather
Treehouse Song
Late Night
Our Discussion

Aus unserem Archiv:

Nina Nastasia, Paris, 09.03.08

* genauso sieht es wohl der glänzende Pariser Fotograf L'esprit d'escalier, der auch da war. Sein feiner Kommentar hierzu auf englisch:

"If you ever thought that music was about flawless performing, perfect tempo and that kind of things, you're so fucking wrong and you need to see someone like Nina perform. It doesn't matter if the chords aren't right, if you don't remember the end of the lyrics when you have a great voice and as long as you bring the audience with you wherever it is you're going (and how drunk you are) "



Montag, 10. März 2008

Nina Nastasia, Paris, 09.03.08

1 Kommentare

Konzert: Nina Nastasia
Ort: Le Nouveau Casino, Paris
Datum: 09.03.2008
Zuschauer: leider viel zu wenige
Konzertdauer: (nur Nina) : ca.70-75 Minuten

"Folk stirbt niemals!"

Ein wunderbarer Spruch, der die Runde machen könnte und sich vielleicht bald auf Band T-Shirts und Stickern wiederfinden wird. Er stammt von meinem lieben Blogger-Freund Eike (zumindest habe ich ihn auf seinem Klienicum gelesen) und der gutinformierte Bajuware spricht mir damit aus dem Herzen.

"Es gibt zuviele Singer/Songwriter" liest man immer mal wieder.

Ist natürlich kompletter Unsinn, es gibt lediglich zu wenige Menschen, die zuhören können. Die Event- und My Space (Un)-Kultur hat unsere Hörgewohnheiten versaut. So sieht die Realität aus. Die heutige Gesellschaft giert nach Highlights, Hits, Lautstärke, (Drogen)-Skandalen, Sex und reißerischen Posen. Ich nehme mich da selbt überhaupt nicht aus, keineswegs.

Dennoch: Folk stirbt niemals!

Solange es noch Musikfans gibt, die nicht nur den schnellen Kick, den eingängigen Refrain, die mitsingbare Hymne suchen, gibt es noch Hoffnung für das scheinbar antiquierte Genre. Klar, manchmal muß man etwas Geduld aufbringen, einen Zugang zu der Stimme und den oft autobiographisch geprägten Geschichten der Folk-Künstler finden. Für diese Ausdauer aber, wird man nicht selten mit unglaublichen Glücksgefühlen belohnt, die zudem auch noch wesentlich langanhaltender sind, als die Fast-Food-Adrenalinstöße, die einem der neueste Hype auf My Space, oder You-Tube bereitet. Allerdings: Fans von Singer/Songwritern sind eine kleine, feine, fast elitäre Minderheit.

So fanden auch heute wieder nur wenige Zuhörer den Weg in das nicht sehr große Nouveau Casino im Pariser Oberkampf-Viertel. Schade, schade, aber diejenigen, die da waren, kamen zumindest für die auftretenden Künstler und nicht zum Schwatzen.

Das lobte auch der an zweiter Stelle auftretende Ire Declan De Barra. "The Parisian crowd is a very respectful audience, that's why I love to come playing here". Ein (zumindest heute) richtiger Satz eines sympathischen Künstlers, der mich allerdings mit seiner extrem kraftvollen Stimme nicht wirklich erreichte. Das war zu operntenorhaft, zu frontal, ließ mir keinen Platz zum Atmen.

Zuvor hatte mich allerdings die zierliche Dorothée, ihres Zeichens auch Sängerin von Hopper, mit ihrem neuen Projekt The Rodeo erneut verzaubert. Ich sah sie nun zum bereits fünften Male und bin immer wieder begeistert von ihrer Stimme. Stimme kommt von Stimmung (aber Kunst nicht von Können, bitteschön!), kann man oft lesen. Und so platt diese Aussage auch sein mag, hier trifft sie zu. Manchmal ist Dorothée zornig, übellaunig, genervt, dann wieder sanftmütig, einfühlsam und heiter. Und diese Stimmungen spiegeln sich auch in den Liedern wieder, die sie mit viel Inbrunst und Inbrunst vorträgt. Zunächst alleine mit ihrer an ihr groß wirkenden Gitarre, wurde sie später von ihrem Drummer Jean begleitet, der auch bei Hopper, Tahiti Boy und Fugu trommelt. Und nicht nur das, er spielte auch Ukulele und schwang ein Teil, das aussah wie eine Mischung zwischen einem Handtuch und einem Boomerang. Keine Ahnung wie dieses kuriose Instrument heißt.

Und auch ein paar Titel des heutigen Sets kannte ich nicht, sie waren neu im Programm, ich glaube ein Stück hieß "Modern Girl". Ansonsten gab es natürlich sämtliche Lieder, die auch auf der ersten EP von The Rodeo enthalten sind. Das Repertoire reichte von dem trotzigen "I'm Rude", über das beschwingte "People Know" bis zum melancholischen Schlußlied "Winterlands". Ich liebe dieses Lied ganz besonders und vor allem die Songzeilen "No more pain" und "Hear the sound of all the birds around" lassen mich immer wieder erschaudern.

Um Birds (=Vögel), ging es auch bei dem Konzert von Nina Nastasia, welches folgte. Die New Yorkerin erzählte nämlich zwischen zwei Lieder unvermittelt von einem kuriosen Soundcheck (oder war es ein Videodreh, wenn ich doch bloß auch besser zuhören könnte!), bei dem Vögel eine Rolle spielten. Die Viecher sollten effektvoll herumfliegen und so die Stimmung eines Liedes unterstützen. Die dummen Dinger hatten aber anscheinend keinen Bock darauf: "They Were just sitting around, doing nothing!"

Dies war nur eine der lustigen und zynischen Anekdoten, die die interessante Künstlerin erzählt hatte. Zuvor war sie gleich an mir vorbei auf die Bühne marschiert um einen recht langwierigen Soundcheck zu absolvieren. Da wurde noch etwas rumgestimmt, an den Mikros hantiert, etc., bevor die Amerikanerin erst noch einmal die Bühne verließ. Ich blickte auf das verwaiste Stühlchen, auf das sich die Sängerin bald setzen würde und die einsame Gitarre, die daneben lehnte. Ansonsten: nichts! Kein Schlagzeug, kein Piano, dies würde ein rein akustisches Konzert werden, soviel war sicher. Also kein Jim White und auch keine Klavierklänge. Würde es deshalb lanweilig?

Keineswegs! Schon mit "Dumb I Am" gelang ihr nämlich ein vorzüglicher Auftakt. Ihre recht groben Finger zupften schnell an der Gitarre und sie wippte zum Gesang leicht mit ihren schwarzbestrumpften Beinen, die in roten Schuhen steckten. Ihr Gitarrenspiel hatte es mir angetan. Jeder Musiker behandelt ja seine Klampfe anders und bei Nina war ihre quirlige Zupftechnik bemerkenswert. Sie bewegte ihre Finger ähnlich dem Gang einer Spinne, die sich rasch fortbewegt. Ich sah Hände einer Frau, die einer Bildhauerin, oder sonstigen plastischen Künstlerin hätten gehören können. Kurz, stämmig, aber sehr agil. Keine Pianistenhände.

Wesentlich filigraner war da natürlich ihre wunderbar-einfühlsame Stimme. Sanft, beruhigend, perfekt geeignet um zu trösten und Geschichten zu erzählen. Voller Melancholie und Wehmut, gleichzeitig aber auch hoffungsspendend und zuweilen aufmüpfig und forsch (so z.B. bei dem an zweiter Stelle gebrachten "Late Night"). Und "dump and weak" (also dumpf und schwach) wie sie bei dem Opener sang, ist die Frau natürlich keineswegs. Eher eine starke, eigenwillige, intelligente und bisweilen zynische Persönlichkeit. Eine Kostprobe ihres scharzen Humors gab sie ab, nachdem "The Way I Could Bury You" verklungen war: "My father died some years ago. He loved Paris. So he wanted me to spread his ashes on the seine. But I always forget to bring him!" Großes Gelächter, obwohl das Thema ja alles andere als komisch war. Sie hatte also immer die Urne mit der Asche ihrer Vaters vergessen, wenn sie mal nach Paris kam! "It's always in a storage facility in New Yersey"...

"Sorry Jim (ihr Vater), the next song is for you" und es erklang ein Lied, welches sie auf der Setlist als "Empty Spaces" bezeichnte hat. Ich denke es handelte sich um "The Matter Of Our Discussion" welches auf "You Follow Me" zu finden ist und auch schon zusammen mit Boom Bip eingespielt wurde. Ein wunderschönes, wenngleich trauriges Lied ("I don't believe in the Power of Love"), genau wie "Counting Up Your Bones", bei dem mich der traumhafte Refrain "Inside of me, your bones fall in, your bones fall out" förmlich niederstreckte. Die Atmosphäre war knisternd, jeder lauschte andächtig den zauberhaften Klängen der Künstlerin. Das Set glich fast einem "Best Of", so ausgeglichen hochkarätig war es. Im Grunde genommen wurde rege gewechselt zwischen dem vorletzten und eingängigeren Album "On Leaving" und dem spröden 2007 er Werk "You Follow Me", welches mit Jim White eingespielt wurde. Verblüffend war, wie wie es Nastasia hinbekam, die Titel so zu interpretieren, daß sie sich ineinanderfügten. Die beiden genannten Alben sind nämlich sehr unterschiedlich instrumentiert (ein dominantes und innovatives Schlagzeugspiel bei "You Follow Me") und geben völlig andere Stimmungen wieder. Aber trotzdem passte alles heute und auch das Fehlen des Schlagzeugs machte sich nicht bemerkbar.

Und es wurden auch Songs von anderen Alben gespielt, allen voran das famose "Stormy Wheather", das man auf "Dogs" finden kann. "I can be on best behaviour, I'm not afraid of stormy wheather", sah ich eine amerikanische Zuschauerin andächtig mitsingen. Ach, herrlich!

Auch mit "Rosemary" von "Blackened Air" wurden wir später beglückt, als es nämlich in die Verlängerung ging. "Rosemary", I've almost forgotten your name" sang Nina da mit lieblicher Stimme und ich war mir sicher, daß ich sie und diesen sehr gelungenen Konzert-Abend nicht so schnell vergessen würde!

"Folk stirbt niemals!"

Setlist Nina Nastasia, Le Nouveau Casino, Paris:

01: Dumb I Am
02: Late Night
03: The Way I Would Bury You
04: Empty Space - Our Discussion
05: Counting Up Your Bones
06: Brad Haunts A Party
07: I Write Down Lists
08: There Is No Train
09: I've Been Out Walking
10: One Old Woman
11: Why Don't You Stay Home
12: Stormy Weather
13: Odd Said The Doe
14: I Come After You
15: Been So Long
16: That's All There Is
17: Bird Of Cuzco

18: Rosemary
19: All your Life

Hier gibt es noch ein paar mehr Fotos von Nina Nastasia




 

Konzerttagebuch © 2010

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