Dienstag, 23. November 2010

Interpol, Dortmund, 22.11.10

14 Kommentare

Konzert: Interpol
Ort: Westfalenhalle 2, Dortmund
Datum: 22.11.2010
Zuschauer: nicht ausverkauft (vielleicht zu 2/3 gefüllt)
Dauer: Interpol 85 min, Surfer Blood 30 min


Interpol sind eine der Bands, über deren Qualität hier auf unserer Seite keinerlei Zweifel besteht. Bezeichnend ist, wie oft wir alleine andere Gruppen an den New Yorkern messen, meist mit ernüchternden Ergebnissen.* Interpol sind nicht nur musikalisch Maß aller Dinge, sie sind auch in jeder anderen Hinsicht stilprägend. Bei anderen Bands wirken Coolness und Arroganz aufgesetzt, den New Yorker fehlt grundsätzlich jeder Hauch Einstudiertheit und Unsouveränität auf der Bühne. Viele Male hätte ich den White Lies dieser Welt gerne mitgegeben: "seht euch das demütig an und lernt!"

Die Pause seit der letzten Platte und der dazugehörenden Tour war auch genau richtig bemessen. In Paris hatten Interpol bereits im September ihre neue Platte vorgestellt, zuletzt in Deutschland war die Band aber vor genau drei Jahren, eine perfekte Spanne, um extrem vorfreudig zu sein.

Der kleine Saal der Westfalenhalle war mir unbekannt. Auch konnte ich vorher nichts über die Kapazität finden, hatte also keine Vorstellungen, wie viele Leute dieses eine
von zwei Deutschlandkonzerten anlocken würde. Vor der Halle dann die erste Enttäuschung: es war nicht ausverkauft. Interpol nicht ausverkauft?

Leider war das dem großen Saal auch deutlich anzumerken. Halle 2 ist hoch, luftig und ein langer Schlauch. Nicht unangenehm für Konzerte, gar keine Frage. Aber wenn sie nicht voll ist, sieht das von der Bühne aus sicher schrecklich traurig aus.
Leider waren auch draußen an den Bierständen kaum noch Leute als Surfer Blood anfingen, man konnte sich also auf einen Abend mit viel Platz einstellen.

Surfer Blood aus Florida hatte ich im Mai in Brüssel gemeinsam mit den wundervollen Warpaint und den fabelhaften Wolf Parade gesehen. Dagegen konnten die Surferfreunde nicht ansatzweise anstinken, vor allem hatte mich die extrem schlechte Livestimme ihres Sängers genervt. Daß ich sie heute nicht mochte, hatte andere Gründe. Die Stimme ist mir nicht als so schlecht aufgefallen. Wie alles wirkte aber auch die aufgesetzt und einstudiert, sodaß mir schnell die Lust verging, aufmerksamer zuzusehen. Das Getänzele des Sängers, sein Tanzstil eine Mischung aus Morrissey und Eddie Argos, das Gitarrengewippe, puh, das war nichts. Und auch die Musik klang eher so, als spielten die Maccabees eine Platte mit B-Seiten.**

Und dann Interpol...

Seit meinem letzten Konzert der Band (2008 in Montreux) ist das neue Album Interpol erschienen, Bassist Carlos D(engler) ausgeschieden und Sänger Paul Banks mit Sololiedern auf Tour gewesen. Mit der neuen Platte tat ich mich anfangs sehr schwer. Gemeinsam mit dem ausgewiesenen Interpol-Experten Oliver (quasi unser
Mann bei Interpol) hatte ich Barricade im Sommer erstmals im Radio gehört. Wir hatte uns entsetzt angeguckt und gehofft, daß das nur eine Band wäre, die wie Interpol klingt. Das gebellte Barricade fanden wir beide scheußlich. Nach und nach änderte sich die Meinung, mit vielfachem Hören wurden Platte und Single besser und besser.

Um halb zehn kündigte jahreszeittypischer Nebel den Beginn an. Rechts und links der Bühne waren immens große Flutlichtmasten aufgebaut, die gutes Licht versprachen. Der Dauernebel der nächsten anderthalb Stunden machte das aber kaputt, die Band war grundsätzlich nur hinter weißem Schleier zu sehen, nur der neue Bassist David Pajo (den ich schon einmal mit den Yeah Yeah Yeahs gesehen hatte) auf unserer Seite war sichtbarer. Eitelkeit kann eigentlich nicht der Grund für dieses Vernebeln sein, Paul Banks war nämlich ähnlich gestylt wie bei seinem Solokonzert in der Kölner KulturKirche, eher leger, um es vorsichtig auszudrücken, vermutlich gefällt er Helena Christensen so am besten.

Das Konzert begann mit Success vom neuen Album. Der unverkennbare und unverwechselbare Interpol-Sound klang da an, hörte sich aber noch eklig gedämpft an. Mit der Zeit bekamen das die Tontechniker besser in den Griff, brillant wurde der
Sound aber den ganzen Abend nicht. Bei Band wie den Editors oder den Stokes ist toller Klang natürlich auch wichtig, bei Interpol allerdings für mich entscheidender Teil des Spiels.

Obwohl bis dahin schon einige Knüller wie Narc, Take me on a cruise oder Say hello to the angels kamen, sprang der Funke erst bei Rest my chemistry über. Es wirkte alles ein wenig ausgebremst. Aber ab hier wurde das Konzert, wie ich es erwartet hatte, der Saal tanzte, die Band beherrschte die Szene und knallte uns eiskalte Gitarrenmelodien um die Ohren. Und dann Slow hands und C'mere im gleichen Stile, es sollte also doch noch ein großartiger Abend werden!

Mit Hands away vom zweiten Album Turn on the bright lights war diese brillante Phase dann aber wieder vorbei. Das Lied ist fabelhaft, nicht, daß ich hier falsch verstanden werde, der Schwung war aber aus dem Konzert wieder raus, und er kam auch nicht zurück. Woran das nun lag, weiß ich nicht, an der Halle, dem Publikum, der Band, keine Ahnung. Aber das ist ja auch egal, solange ich nicht derjenige bin, der das Programm zu verantworten habe. So zählt nur das Ergebnis, und das war durchwachsen. Am Repertoire liegt es jedenfalls nicht, daß das
Konzert in dieser zweiten Hälfte nicht erwartet grandios war, schließlich sind Barricade, Not even jail, Pda, Lights oder das vor dieser Tour nie gespielte The new (von Turn on the bright lights) allesamt Killer.

Es war natürlich immer noch ein okayes Konzert, es war aber weit davon entfernt, was ich erwartet hatte. Mit solchen Erwartungshaltungen ist das ja so ein Ding, damit versaut man sich schnell viele Konzerte. An eine Lieblingsband, deren Auftritt beim Highfield Festival vor ein paar Jahren für mich die Blaupause für ein perfektes Konzert ist, darf
man aber sicher mit solchen großen Erwartungen herangehen und von einem durchschnittlichen Konzert sehr enttäuscht sein.

Ob die fehlenden Lieblinge Stella, Leif, Roland und Heinrich es geschafft hätten,
mich so mit offenem Mund zurückzulassen, wie ich es erwartet und erhofft hatte, weiß ich nicht, ich bezweifele es ein wenig, denn das gespielte Material (erstaunlicherweise mit Schwerpunkt auf den beiden ersten Alben) war schon brillant.

Setlist Interpol, Westfalenhalle, Dortmund:

01: Success
02: Say hello to the angels
03: Narc
04: Take you on a cruise
05: Summer well
06: Rest my chemistry
07: Slow hands
08: C'mere
09: Hands away
10: Barricade
11: The new
12: Lights
13: Pda
14: Memory serves
15: Not even jail

16: Untitled (Z)
17: Length of love (Z)
18: Evil (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Interpol, Paris, 17.09.10
- Interpol, Montreux, 16.07.08
- Interpol, Brüssel, 23.11.07
- Interpol, Paris, 21.11.07
- Interpol, Köln, 19.11.07
- Interpol, Hohenfelden, 17.08.07
- Interpol, Köln, 11.05.07
- Interpol, Paris, 10.05.07
- andere Federn: Interpol in Dortmund bei Pretty-Paracetamol


* google findet für Interpol +Konzerttagebuch 4.460 Einträge... ok, vermutlich sind die 460 von uns
** daher auch keine Setlist, mit Maccabees B-Seiten kenne ich mich leider zu wenig aus



Strange Boys, Wien, 22.11.10

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Konzert: The Strange Boys & Beat Beat

Ort: rhiz, Wien

Datum: 22.11.2010

Zuschauer: puh, 100 auf jeden Fall...
Konzertdauer: Beat Beat 30 Minuten, die Strange Boys 80 Minuten


Das war heute vielleicht ein toller Abend. Und das, obwohl ich eigentlich gar nicht geplant hatte, hinzugehen. Ein glücklicher Umstand verfrachtete mich dann doch ins rhiz, wo die Strange Boys aus Texas anzutreffen waren.
Grundsätzlich nicht ganz meine musikalische Heimat, war ich von diesem psychedelisch-rockigen Garage/Lo-Fi/Blues-Quintett höchst angetan.

Weniger spektakulär fand ich da die Vorstellung Beat Beat, die zu dritt (O-Ton Schlagzeuger: "Wir sind kein Trio, deshalb sind wir auch zu dritt") schrammelten, das es eine Freude war (am meisten für die Band selbst), dabei aber nichts wirklich Neues ablieferten. Frei nach Karl Kraus: "Es ist alles schon gespielt worden, aber noch nicht von jedem."

Ein "Who The Fuck Is Mick Jagger"-Shirt und Sonnenbrille trug das gitarrespielende Drittel des Nicht-Trios und ich weiß zwar auch nicht, wer Mick Jagger ist, dafür weiß ich mit Sicherheit, dass sich Beat Beat mit ihrer Eigen-Schubladisierung auf Myspace einen Scherz erlaubt haben: Die Klagenfurter/Wiener mögen ja alles sein, aber bestimmt nicht Emotronic/Salsa/Zouk.

Auch während des Konzerts wurden ein paar Kalauer serviert (vorrangig aus dem Eck, in das der Drummer mit seinem Equipment gepfercht war), im Wesentlichen aber erfüllten Beat Beat ihre Aufgabe ganz gut und die lautete, das Publikum auf die Strange Boys einzustimmen. Ob das jetzt mit humoristischen Einlagen oder schwungvoller Garage-Musik gelang, darf jeder für sich selbst entscheiden.

Da ich die Strange Boys nur unwesentlich besser kenne als ihre Vorband, kann ich heute leider nicht mit Setlist und ähnlichem Fachwissen dienen, meine
Eindrücke dieses texanischen "Katzenmusik-Wunders" (c/FAZ) will ich dennoch ganz kurz schildern.

Zu fünft standen die Strange Boys dann auf der kleinen Bühne (eigentlich stand der Bassist aus Platzgründen sogar im Zuschauerraum) und zeigten dem trotz aller gegenteiligen Erwartungen zahlreich erschienen Publikum, wo in Texas der Hase lang läuft.

Schräge Töne sind bei den Strange Boys nicht ungewöhnlich, sondern sogar programmatisch. In der Tradition großer Psychedelic aus vergangenen Jahrzehnten spielten sie sich die Seele aus dem Leib, es gab großartig tanzbare Passagen sowie ruhigere akkustische Nummern, Saxophon-Solos und Gitarrenlärm, es gab stellenweise Wohlklang und dann wiederum Herausforderungen an das mitteleuropäische Harmonie-Verständnis - gut, die komischen Jungen heißen ja auch nicht umsonst so.

Dem Publikum schien es auch sehr zu gefallen (besonders gut kamen "Be Brave" und "Night Might" an), was Ryan Sambol auch bemerkte und sich bei der "most amzing audience so far" bedankte. Saxophonistin Jenna wollte das ein wenig revidieren, aber Ryan ließ da keine Zweifel zu und verlautbarte auch, gerne wiederkommen zu wollen.

An mir und allen, die im rhiz waren, solls nicht scheitern. Man sieht ja wirklich selten Bands, die einen den eigenen musikalischen Horizont ein wenig erweitern lassen, besonders aus den amerikanischen Südstaaten habe ich bis jetzt in dieser Hinsicht noch wenig vernommen. Das hat sich ein wenig geändert.
Und vielleicht geht ja auch Kollege Oliver, der über die Strange Boys schon mal auf französisch geschrieben hat, nächste Woche zu den Texanern in die Flèche d'Or und gibt dann eine etwas fundiertere Expertise ab als ich es konnte. Die Strange Boys hätten es sich verdient!

Aus unserem Archiv:

The Strange Boys, Paris, 16.07.10


Vielen Dank für das Foto an Mehan Jayasuriya!




Montag, 22. November 2010

Sarah Jeanne, Paris, 21.11.10

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Konzert: Sarah Jeanne (Ziegler)

Ort: 25 ° Est, Paris

Datum: 21.11.2010

Zuschauer: 80 bis hundert
Konzertdauer: netto etwa gut eine Stunde (es gab eine Pause in der Mitte)




Die Pariserin Sarah Jeanne vermittelt Zärtlichkeit, Warmherzigkeit, Sensibilität bei allem was sie auf und außerhalb der Bühne tut. Allein schon wie sanftmütig lächelnd und behutsam sie ihrer Gitarre hält, wenn sie die Saiten stimmt, ein Genuß! Kein Wunder, daß ihre hübschen Folk- Songs Wärme, Trost und Geborgenheit aussenden...

Ja, dieses Mädel gefällt mir richtig gut, es ist eine Wohltat ihr zuzuhören. Bislang spielt sie noch selten in den bekannteren Locations der Seine-Metropole, kämpft sich vorwiegend durch Cafés, Kneipen und Bars, die in den meisten Fällen nichts oder wenig zahlen. "Konzerte wie dieses heute sind gut, um Spielpraxis zu bekommen", ideal sind die Bedingungen aber nicht, bekannte Sarah Jeanne nach ihrem Auftritt im Restaurant 25 ° Est offenherzig. Aber ich denke, sie wird ihre Chance schon bald bekommen, denn an ihrer festen, liebevollen Stimme kommt man nicht so leicht vorbei. Sie singt quasi ausschließlich in englisch, sieht man mal davon ab, daß sie ein Stück des Franzosen Mano Solo coverte. Meine Lieblingsstücke in ihrem schönen, zweigeteilten Set waren Little Boy, If (feines Fingerpicking), Irish Songs (in Irland geschrieben) und natürlich ihr Country- Hit Tranquil Man (King Of The Road), den sie auch schon einmal bei einer Oliver Peel Session vorgetragen hatte. Erwähnung finden sollte auch ihr guter Bassist, der das Konzert durch sein bluesig-funkiges Spiel bereicherte.



Insgesamt ein wirklich schönes Konzert! Von Sarah Jeanne wird sicherlich noch zu hören und zu lesen sein...

Pour nos lecteurs français:

On sent la douceur, la chaleur humaine et la sensibilité chez la jeune chanteuse parisienne Sarah Jeanne Ziegler dans tout ce qu'elle fait sur et en dehors de scène. Rien que la manière dont elle tient sa guitare, avec délicatesse en est une preuve. Pas étonnant alors que ses chansons folk intimistes transmettent beaucoup de chaleur, de bien-être et de reconfort.

Oui, c'est vrai que je suis sous le charme de cette fille naturelle et attachante! Pour l'instant elle joue plutôt dans des bars, des cafés et les restos de la capitale qui payent mal our rien du tout. "Des concerts comme ce soir sont bien pour se roder, mais ce n'est pas l'idéal, surtout pour la qualité de l'écoute.",m'expliqua-t-elle après. Je la comprends, mais je pense que d'ici peu, elle aura plein d'occasions de montrer son talent dans de "véritables" salles de concerts. Pas facile de ne pas succomber au charme de sa voix, sensuelle et ferme à la fois. Sarah Jeanne compose et chante uniquement en anglais, mis à part une exception ce soir ou elle reprit Allez Viens de Mano Solo. Mes morceaux préferés dans un beau set etáient Littly Boy, If (on remarque ici son jeu subtil de guitare), Irish Songs (écrit apres des vacances en Irlande) et bien sûr son tube country Tranquil Man, qu'elle avait déjà interprété lors d'une Oliver Peel Session, où exceptionnellement elle n'avait pas son bassiste Nelson, qui ce soir encore enrichissait le concert de son jeu bluesy/funky!

Setlist Sarah Jeanne, 25° Est, Paris:

Teil I

01: Our Home

02: Little Boy
03: Who Knows
04: So It Goes
05: If
06: Allez Viens (Mano Solo)
07: You'Ve Been Down

Teil II, u.a. :

Irish Songs
Tranquil Man
Every Single Day
Waves



Nina Nastasia, München, 18.11.10

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Konzert: Nina Nastasia
Ort: Vereinsheim, München
Datum: 18.11.2010
Zuschauer: etwa 50

Berichterstatter: Eike vom Klienicum.


Kneipenstimmung. Unaufgeräumtes Geraune, Geklapper, Anschwellendes und wieder Abklingendes. Bewegung. Positive Vibrationen. Nina und ich stehen gegen den Tresen gelehnt. Nachdem ich einige Autogrammjäger vorbeiziehen ließ, die sich die Plattencover des aktuellen Albums "Outlaster" signieren ließen, konfrontiere ich die Chanteuse mit meiner Bitte um die Setliste des gerade verklungenen Sets. Nina grinst und wirbelt unbeholfen um sich, als suche sie etwas Greifbareres als ihre Erinnerungen. Mein Hinweis auf ihr iphone, von dem sie beständig während des Konzerts ablas, beantwortet sie mit einem Kopfschütteln und meint, es diene ihr lediglich als Stütze und böte eine Übersicht, aus der sie sich je nach Laune bediene. Ich biete ihr an, mir die Liste per email zu senden, doch sie möchte sie gleich auf Papier bringen, damit sie nicht zu viel vergesse. Sie schnappt sich einen Flyer und notiert in einer runden, wenig strengen und doch festen Handschrift erste Songnamen. Sie stockt bei "Holyman" und fragt mich, wie der Titel vollständig heißen würde und erklärt, dass sie ihre eigene Bezeichnung für die einzelnen Lieder habe, auf Scheibe stünden oftmals andere. Ich antworte, dass ich wüsste, um welchen Track es sich handle und sie schreibt weiter. Nach sieben Einträgen ist Schluss und sie grinst mich an: "is it enough?" Ich antworte: "nein." Doch ihr Lachen weist mir den Weg. Ich bedanke mich für ihr Bemühen, das fantastische Konzert und verabschiede mich in die kühle Münchner Nacht. Das zuvor Erlebte wird sich für eine geraume Zeit ins Gedächtnis gebrannt haben. Nachdem der Tag schwer und mühevoll geriet und die Entscheidung, sich doch noch auf die Socken in die bayerische Hauptstadt zu machen, wohlüberlegt gefällt wurde, schob das musikalische Erlebnis alle Sorgen zügig beiseite, öffnete die Wahrnehmungstore weit und ließ all das Gute ein, was Kunst, wenn sie authentisch , emotional und empathisch dargebracht wird, zu vermitteln im Stande ist. Nicht wenigen Anteil daran hatte Ninas Partner Matthew Szemela, der das Konzert mit seiner Violine begleitete und ein ums andere mal dank einiger gewagter Streichabenteuer begeisterte.

Ansonsten war er aber und zuvorderst Sidepart der mittlerweile in New York lebenden Nina Nastasia. Die stapfte mit ihrem Kompagnon erst nach acht ins Vereinsheim. Die verspätung störte jedoch niemanden im ungewöhnlichen Ambiente aus WM 74 Devotionalien, abgetretenen Fußballschuhen und Pokalen. Im Gegenteil empfing man die beiden völlig aufgeräumt, Küsschen links und rechts für die bekannten Gesichter, ein freundliches Zunicken für alle anderen. Der aufbau geriet zügig, die Mikrofone waren platziert, der Soundcheck längst getätigt. Nastasia an die Gitarre, szemela an sein Streichinstrument, auf die Barhocker und ohne große Übergangsgesten in die Vollen. "dear rose, i misplaced / everything you gave me / you gave me everything / everything / and i do apologize / and hope you'll think of me / as someone who'd do anything / anything for you". die Zeilen aus dem 2000er Album "Dogs", aus dem das wundervolle "Dear Rose" vorgetragen wurde, bezeugen die allgemeine Stimmung, die nicht nur textlich zur Charakterisierung der Musik Nastasias dienen. Die dunklere Seite und dennoch der Verweis von Weinerlichkeit, das Stete aber, dennoch nie die Verzagtheit, das Kämpferische vor der Aufgabe. Nastasias Musik ist kraftvoll und stark und dennoch immer an der Kippe zum Verlust, der Niederlage, dem Nachgeben. Ihr Vortrag ist intensiv, keine Andeutung von nächstgelegener Vermittlung, immer jedoch mit der unausgesprochenen Beteuerung Anteil zu nehmen. Wie ein Schenken und Schützen zugleich. Wie das Rausrücken einer Setlist, vielleicht. Die Hälfte gebe ich preis, den Rest musst du dir erarbeiten. Das Vereinsheim ist mit rund 50 Besuchern gut gefüllt, alle sind aufmerksam, zum Teil wie gebannt. Zwischen den Liedern explodiert die Stille zu berauschendem Applaus und Johlen. Nastasia und ihr Partner fühlen sich bestens aufgehoben und geniessen die Zeit. Es fallen Scherze, Geschichten und launige Sprüche. Doch die Enthobenheit entschwindet just in dem Moment, da Nina Nastasia anhebt, da die Gitarre erklingt und mal besinnlich gestrichen, mal emotional behauen wird, da Szemela über die Saiten hetzt oder zupft oder beides in Einklang bringt. Gemeinsam erschaffen sie eine Konzentriert- und Gebundenheit, die kein Hüsteln, kein Bierglas abstellen durchbrechen kann. Es weben sich unsichtbare Fäden durch den Raum, die jeden angreifen. Die Anwesenden werden eins, zu einer stillen, angerührten Masse. Nina hat eine Stimme, die jedes Gefühl zu transportieren weiß. Sie verfügt dabei nicht nur über Ausdruckskraft und stimmliche Gewandtheit, sondern auch über Glaubwürdigkeit und eine Offenheit, die zuweilen schmerzt.

Sie betont aggressiv, überhöht, windet sich auf dem gebrechlichen Gestühl, stürzt hinab und fängt sich wieder auf. Jede zeile hat ein Ende, jedem Wort wird Respekt gezollt und die Stimme weicht nicht vor der letzten Silbe. Die Melodien sind handzahm und gefügig, sie bewegen das Herz und bleiben. Vor allem auch die neuen Lieder von "Outlaster" feiern Bestand und eine erstaunliche Lebendigkeit fern jeglicher orchestraler Bearbeitung. Hier, in der Aufwartung im kleinsten Kollektiv beweisen sie ihre Erstaunlichkeit. Das schmiegsame und zugleich herz zerreissende "cry, cry, baby", das mythische "you're a holy man", das verständige "you can take your time", das sparsame "this familiar way", das flinke "a kind of courage". mit "i write down lists" findet sich zudem ein Song vom 07er "you follow me", die Bandbreite des Repertoires wird genutzt. Auf die kosten kam man hier sowieso.

Aus der Ferne, und es mussten in diesem barmen Dunkel nur ein paar Schritte sein, wirkte Nastasia alt und vom Leben angegangen. Aus der Nähe hatte sie ein lebendiges, jugendhaftes Gesicht. Flinke Augen, eine frische Gesichtsfarbe und ein dauerhaftes Lächeln um die Mundwinkel machten sie nicht nur sympathisch, sondern mehr noch vertraut.




Konzertankündigung Tennis

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Konzertankündigung: Tennis
Orte & Daten: siehe unten



Tennis ist mein absoluter Lieblingssport. Ich war selbst ein passabler Spieler und verfolge seit 198o diesen Sport, als Björn Borg in einem denkwürdigen Wimbledon- Finale John McEnroe bezwang (Gänsehaut pur, wenn ich daran zurückdenke). Beim Pariser Turnier in RolandGarros bin ich jedes Jahr unter den Zuschauern und drücke Roger Federer, dem Mozart des weißen Sports, feste beide Daumen.

Nun aber rückt eine amerikanische Band ins Zentrum meines Interesses, die den besten Ballsport der Welt zu ihrem Namen gemacht hat: Tennis. Dahinter versteckt sich das amerikanische Ehepaar Patrick Riley und Alaina Moore, die hochcharmanten 60ies Pop spielen. Schade, daß das Pseudonym schon wieder nur gewählt wurde, um sich über den angeblichen Reichensport zu mokieren. Schon die Franzosen Housse de Racket (Schlägerhülle) machten auf Tennisfanatiker, mit dem einzigen Ziel die Sportart lächerlich zu machen. Aber ich verzeihe Patrick und Alaina, denn ihre Songs sind unverschämt cathchy, melodiös und ohrwurmig. Selten war ich auf Anhieb so begeistert! Nächsten Januar erscheint ihr Album Cape Dory bei Fat Possum und dann sind sie auch in Europa auf Tour.

Es lebe Tennis! Die Sportart und die Band!

Europäische Konzerttermine Tennis (ohne Gewähr):

07.01.11: The Lexington, London
08.01.11: Paradiso, Amsterdam
10.01.11: Emporium Galorium, Rouen
11.01.11: Les Bouffes Du Nord,Paris
13.01.11: ISC Club, Bern, Schweiz
14.01.11: Ampere, München
15.01.11: Bang Bang, Berlin
16.01.11: Beatlemania, Hamburg
18.01.11: White Heat, London
19.01.11: Cockpit Room 3, Leeds

Foto: Andy Murray, Roland Garros 2009 by Oliver Peel.




 

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