Mittwoch, 4. Februar 2009

The Wave Pictures, Laetitia Sheriff, The Fishermen Three, u.v.a., Saint Ouen, 31.01.09

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Konzert: Mo'Fo' Festival. Mit: Malcolm Middleton, The Wave Pictures, Laetitia Sheriff, Damon & Naomi, Jason Edwards, Arrigton de Dionyso, The Fishermen Three, Bob Robot

Ort: Mais d'Oeuvres, Saint Ouen bei Paris
Datum: 31.01.2009
Zuschauer: so einige, verteilt auf zwei Konzerträume



Eigentlich hatte ich nicht vorgesehen, auch beim zweiten Tag des feinen Mo' Fo Festivals in Saint Ouen, vor den Toren von Paris, mit dabei zu sein. Zu kräftezehrend sind nämlich solche Events für Konzertblogger, weil man dann Informationen über ein halbes Dutzend Bands zusammentragen und auswerten muß. Und darüber hinaus halte ich mir eigentlich gerne den Samstag für andere Dinge frei.

Das heutige Programm war dann aber doch zu verlockend und letztlich sollte ich mein Erscheinen keineswegs bereuen, im Gegenteil!

Ich kam sehr pünktlich an, schon zur ersten Band, den Franzosen Bob Robot, die einen melodiösen Powerpop boten. Es waren noch nicht sehr viele Zuschauer da und so hielt sich auch die Stimmung noch in Grenzen. Ich sah mir ein wenig den Vortrag an, war aber noch nicht richtig aufnahmefähig und wollte zudem ein wenig Kraft und Aufmerksamkeit für meine Lieblinge des Abends, Malcolm Middleton und The Wave Pictures, aufheben.

Ein wenig planlos schlenderte ich durch die weiträumigen Flure des Musikzentrums und beschloß, erst einmal etwas zu mampfen. Erstaunlicherweise war für Verpflegung gesorgt, eigentlich eine Seltenheit bei französischen Festivals, da die Fast Food - Kultur im Mutterland der guten Küche nach wie vor verpönt ist. Man ißt am Tisch oder gar nicht, so in etwa lautet die Devise der meisten Franzosen auch noch heute. Fresserei zwischen den Hauptmahlzeiten gilt als verpönt und unkultiviert. Oft schon haben sich Franzosen in meiner Umgebung über die deutsche Unsitte, auf der Straße Brat- oder Currywürste in sich reinzustopfen, belustigt. Wenn die Froschfresser dann aber mal im Kastanienalle-Viertel in Berlin sind, gehen sie auch gerne mal zu Konopke. Die sollen sich also mal gar nicht so aufspielen!

Mit gestärktem Magen ging ich zum nächsten Konzert über. Wobei ich mich im Falle von Arrington de Dionyso mit dem Ausdruck Konzert schwer tue. Was der schnauzbärtige Ami da auf der Bühne zeigte, hatte irgendwie mit einer stark improvisierten Performance- Kunst zu tun. Es war teilweise nicht alles andere als gruselig zu nennen, was der Bursche da so alles abzog! In einer besonders seltsamen Szene kniete er sich mitsamt einem Tambourin in der Hand auf den Boden und greinte sein Instrument an. Die Laute, die er dabei ausstieß, hatten etwas Schamanisches. Betrieb er da etwa eine Teufelsasusreibung, oder irgend etwas in der Art? Als hätte er Zahnschmerzen, greinte, stöhnte und ächzte er und ich bekam es fast mit der Angst zu tun! In einem anderen seltsamen Moment stieß er hingegen Laute hervor, die man so ähnlich von einem Muezzin in islamischen Ländern kennt. "Allah Ekber", ihr kennt das ja, wenn ihr schon einmal in Marokko, oder der Türkei wart...

Kraß, das Ganze!

Wer so etwas spannend findet, bekommt in Deutschland schon sehr bald die Gelegenheit, Arrington de Dinoysos Spektakel live zu sehen. Er spielt am 23.02. bei Madame Claude in Berlin, am 24.02. ist er in der Friese in Bremen, 25.02. irgendwo im hessischen Wetzlar und am 26.02. in der Ottinger Villa in Darmstadt. Viel Spaß und gute Nerven wünsche ich allen Zusehern!

Schließlich ging es aber wieder mit "richtiger" Musik weiter. Jason Edwards und seine mehrköpfige Begleitband waren an der Reihe. Und was der Amerikaner mit Wohnsitz Paris bot, war wirklich gut und hochklassig! Er selbst spielte Gitarre, aber seine Gruppe sorgte für eine abwechslungsreiche und originelle Instrumentierung. Es gab phasenweise zwei Saxophone gleichzeitig, dann ab und zu eine Querflöte, einen Kontrabaß und eine Backgroundsängerin, die mit ihrer lieblichen Stimme einen interessanten Kontrast zu der rauchigen und tiefen Stimme von Jason bildete. Auch die gespielten Songs waren gut, an ihnen klebte jede Menge heißer, trockener Wüstensand und man fühlte sich ziemlich bald nicht mehr in der Näge von Paris, sondern war irgendwo im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten. Musikalische Ähnlichkeiten sah ich zu Künstlern und Gruppen wie Tom Waits, Bob Dylan Devotchka, Moriarty, Beirut und John Shannon. Obwohl ich vorher kein einziges Lied kannte, war ich von dem bluesigen und phasenweise psychedelischen Sound keine Sekunde gelangweilt. Eine wahre Entdeckung also. Ich habe mir fest vorgenommen, mich einmal näher mit dem Werk des Künstlers auseinanderzusetzen.

Das Gleiche gilt auch bezüglich der auf der anderen Bühne startenden Amerikaner The Fishermen Three. Das Trio, bestehend aus Simon Beins, Raphi Gottesman und Jack Lewis, bezeichnet seinen Stil schlicht als Country. Ganz so rustikal klingen sie aber freilich nicht, was vielleicht damit zu tun hat, daß sie auch Morrissey als Einfluss nennen. Eine richtige feine Band mit guten Songs sind diese Fishermen Three, erstaunlich, daß sie so dermaßen unbekannt sind! Aber das scheint sich schon dieses Jahr zu ändern, denn die drei Kerle touren in England mit den Cribs und das dürfte ihnen doch deutlich Auftrieb verleihen. Auch in Paris kamen sie ziemlich gut an, was auch daran lag, daß sie immer für einen Joke zu haben waren und bereitwillig Anekdötchen von ihrem Touralltag erzählten. Auffällig vor allem der Bassist: Der sah irgendwie wie Dave Grohl aus, trug aber keine engen Jeans, sondern eine Bermuda-Short und dazu ein Hawaii- Hemd.

Beschäftigt euch ruhig mal mit ihnen, es könnte sich als lohnend herausstellen!

Mit sehr sanften und harmonischen Klängen ging es weiter im Programm. Sie stammten von dem gemischten amerikanischen Duo Damon & Naomi, die früher auch einmal bei der Band Galaxy 500 aktiv waren. Er spielte damals Schlagzeug, sie Baß. Dies hat sich mit ihrem eigenen Projekt geändert, denn Damon ist nun Akustikgitarrist und Naomi Keyboarderin. Und noch etwas hat sich verändert. Waren sie früher von (Post)- Punk Bands wie Velvet Undeground, Joy Division und The Clash beeinflußt, sind sie im Laufe der Jahre immer folkiger geworden. Nicht weiter verwunderlich also, daß sie mit einer Coverversion von Tim Buckley in ihr Set starteten.

Alles klang fein und ausgewogen und die beiden strahlten eine unglaubliche Ruhe aus, die auch in ihrer Musik zum Ausdruck kam. Das Pärchen aus New York scheint keinen besondern Moden zu folgen und vielleicht werden sie auch deshalb von den Medien nicht wirklich wahrgenommen, auch ich persönlich hörte heute zum ersten Mal von ihnen. Dabei sind sie schon seit 1992 aktiv und haben mehr als ein halbes Dutzend Alben hervorgebracht, darunter auch ein Werk, welches sie zusammen mit der japanischen Band Ghost gemacht haben. Auch davon stammte ein Titel des heutigen Abends. Den Song New York City haben sie geschrieben, weil sie - wenn ich das richtig verstanden habe - in Boston leben und oft Sehnsucht nach ihrer alten Stadt haben. Es geht da auch um die Gefühle, die sie überkommen, wenn sie die Autofahrt von Boston nach New York antreten. Gute Musiker diese beiden Ostkünstler, aber - und hier kommt eine kleine Kritik - trotz der Wohlklänge, die sie verbreiten, eine Spur eintönig. Manchmal fehlte mir einfach ein wenig Feuer, ein Ausbrechen aus der Ruhe und Sanftheit. Deshalb wurde es mir irgendwann auch ein wenig zäh.

Dennoch: Damon & Naomi hätten durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient!

Gleiches gilt auch für die jetzt antretenden The Wave Pictures. Die sind nämlich trotz ihres knabenhaften Aussehens schon eine routinierte und langgediente Band, was auch durch die Tatsache belegt wird, daß sie bereits 2002 beim Mo' Fo Festivals in Saint Ouen bei Paris angetreten waren. "Hey, uns gibt es schon länger als die Beatles!", rief dann auch treffenderweise der semmelblonde Sänger und Gitarrist David Tattersall aus. Und der Kerl hat recht, die Wave Pictures gibt es seit 1998 (damals nannten sie sich allerdings noch Blind Summit) und somit seit 11 Jahren, die legendären Beatles bestanden nur ganze 10 Jahre! David Tattersall amüsierte sich ohnehin köstlich darüber, daß seine Band in dem Programmheft als "Hoffnung und Geheimtip" für das Musikjahr 2009 bezeichnet wurde. "Ja haben wir denn die ganzen Jahre vorher etwa nichts gemacht?", wunderte er sich grinsend.

Nun, das natürlich nicht, aber vielleicht haben sie einfach mit dem aktuellen Werk Instant Coffe Baby ihr bisher bestes Album vorgelegt. Wie auch immer, Fakt ist, daß das Trio (neben David spielt der pausbäckige Franic Baß und Jonny Schlagzeug)) starke Lieder zu bieten hat! Strange Fruit For David z.B., das schon sehr früh kam, ist ein Hammer, den auch die musikalisch vergleichbaren The Coral nicht besser hinbekommen hätten! Auch der Text dazu ist ziemlich cool, Sätze wie "a scuplture is a sculpture/ marmelade is marmelade and a sculpture of marmelade is a scuplture but not marmelade", muß man sich erst einmal ausdenken!

Ihr unverschämter Retro-Charme und ihre Nonchalance kamen auf jeden Fall beim Pariser Publikum, darunter ihr Freund und Wegbegleiter David-Ivar aka Yaya Düne, der auch Schirmherr dieses Festivals ist, blendend an. Man nahm es ihnen auch nicht übel, daß Drummer Jonny Helm schon nach dem ersten Lied nichts besseres einfiel, als darauf hinzuweisen, daß man im Obergeschoß CDs verkaufe. Sänger David rettete die Situation, in dem er seinen Schlagzeuger anpflaumte: Hey why are you talking about money now? You have to charme the audience first and then you can talk about the business!"

Jonny rehabilierte sich ohnehin dadurch, daß er in der Mitte des Programms wie ein schüchterner Schuljunge, Now You Are Pregnant vortrug, nachdem er erläuternd vorausgeschickt hatte, daß es inhaltlich darum ginge, daß man sich in ein Mädchen verknallt habe und dann feststellen muß, daß sie von einem anderen schwanger ist. Tja, scheiße gelaufen!

Aber für die Wave Pictures selbst läuft es ja blendend, schließlich haben sie Hitsongs wie Kiss Me oder I Love You Like A Madman im Gepäck und somit endgültig das Potential, den Durchbruch zu schaffen. Zu wünschen wäre es ihnen, denn neben ihrer natürlich- sympathischen Art, begeisterten sie mit einem Sound im Stile eines Jonathan Richman und verblüfften das Publikum auch immer wieder mit ihren überraschenden Tempowechseln.

Ein klasse Auftritt war das! Daumen hoch für die Wave Pictures!

Es war schon weit nach Mitternacht, als die rassige Bassistin und Sängerin Laetitia Sheriff zusammen mit ihren beiden männlichen Kollegen an Gitarre und Schlagzeug auf der kleineren der beiden Bühnen an den Start ging. Einige Zuschauer hatten schon die Heimreise angetreten und so befand ich mich schließlich in Gesellschaft von richtigen Fans und Nachteulen. Das Konzert von Laetitia war ohnehin ein besonderer Bonus, denn es war ursprünglich nicht für diesen Samstag, sondern bereits für den Donnerstag vorgesehen. Da aber an jenem Donnerstag der ganze Festivaltag wegen der unsäglichen Streiks der Verkehrsbetriebe abgesagt wurde, kam man neben dem ursprünglichen Line-Up noch in den Genuß von Laetitia Sheriff, deren Konzert nachgeholt wurde. Wenigstens ein positiver Nebeneffekt der blöden Streikerei also!

Leatitia selbst war ohnehin alles andere als zum Streiken zu Mute, sie steckte ihre ganze Energie vielmehr in etwas Sinnvolles und Positives: In ihre höllisch rockende, düstere Musik nämlich! Nicht umsonst wurde sie schon des öfteren mit PJ Harvey verglichen und selbst wenn der Schatten der großartigen Engländerin noch viel zu lang sein dürfte, kann man die Französin, die in Paris und Lille aufgewachsen ist, getrost als eine der ganz großen Hoffnungen des französischen Indierocks bezeichnen! Würde sie ihr Akzent nicht ab und zu verraten, man könnte ihre Kompositionen für amerikanisch oder englisch halten. Hier wird nicht auf Teufel komm raus versucht, einen Hit für die Mainstreamcharts zu landen, sondern man geht bewußt den steinigen Weg, mit den Songs Leute aus der Indieszene für sich zu begeistern und über Mundpropaganda und gute Liveautritte bekannter zu werden. Nicht umsonst ist Laetitia bei dem feinen Pariser Label Fargo gesignt, das ansonsten eigentlich Größtenteils amerikanische Folkmusiker wie z. B. Alela Diane beherbergt. Zwei Alben stehen auf dem Guthabenkonto, darunter das aktuelle Games Over (2008), das von Kritikern besonders gelobt wurde. Hiervon stammten dann logischerweise auch die meisten Titel des circa. einstündigen, explosiven Sets. Highlights darunter hervorzuheben fällt mir nicht leicht, sicherlich gehörte aber Hullabaloo mit seinem markanten Baßlauf zu den auffälligsten Tracks. Auch Let's Party wirbelte Staub auf und brachte das wild abrockende Publikum zum Kochen. Mir war sowieso heiß, weil ich die glutäugige Sängerin enorm hübsch und attraktiv fand. Ich war anscheinend nicht der Einzige dem es so erging, denn mehrfach gab es von den Männern im Raume anerkennende Pfiffe, die die Umgarnte witzig und schlagfertig konterte, indem sie neckische Blicke in die Runde warf, ansonsten aber nicht weiter auf die Anmache reagierte, sondern anmerkte, daß dafür heute keine Zeit sei.

Ich werde Laetitia nicht nur wegen ihres attraktiven Äußeren im Auge behalten!

Setlist Laetitia Sheriff, Mo' Fo Festival Saint Ouen:

01: The Story Won't Persist
02: Solitary Play
03: Roses
04: Aquarius
05: Let's Party
06: Black Dog
07: Memento, Put Her In The Picture
08; Hullabaloo
09: Codification
10: Lockless

11: The Evil Eye

Anmerkung: Das Konzert des ebenfalls spielenden Malcolm Middleton werde ich ausgliedern und gesondert beleuchten, Malcey hat das verdient!

Links:

- Charmante Session von Le Cargo.org:

Laetitia Sheriff - Let's Party
Laetitia Sheriff -
Hullabaloo




Sam Amidon, Paris, 03.02.09

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Konzert: Sam Amidon

Ort: Le Baron, Paris
Datum: 03.02.2009
Zuschauer: hmm, vielleicht 150?
Konzertdauer: ca. 45 Minuten



Ein geerdet wirkender junger Amerikaner, der mit seinem schwarz-rot karierten Hemd aussieht, als würde er im Winter in den dichten Wäldern von Wisconsin Holz hacken gehen, damit es die Familie in der Hütte schön warm haben, in einem noblen, recht versnobten Pariser Privatclub, wo ein Fläschen Bier 10 Euro kostet - größer können die Gegensätze wohl kaum sein, oder ?!

Auch Sam Amidon, der amerikanische Singer/Songwriter, um den es hier geht, findet die Location wohl reichlich seltsam. Aber irgendwie auch spannend und ungewöhnlich, die Tatsache, daß der Künstler mit seiner kleinen Digitalkamera vor seinem Konzert den - mit seinen roten Lämpchen und Sitzecken - ziemlich puffig wirkenden Club aus allen möglichen Perspektiven abknipst, spricht zumindest dafür. Die so enstandenen Erinnerungsfotos kann er dann bei seiner Rückkehr in den USA Mum und Dad zeigen und die werden dann womöglich ausrufen: "Mein Junge, wo bist Du denn da in Paris hingeraten? Bist Du sicher, daß Du da nicht in einem Bordell gelandet bist? Lügst Du auch nicht, wenn Du sagst, daß Du da ein Konzert gegeben hast?"

Falls es Erklärungsschwierigkeiten geben sollte: Ich bin in der Lage Sam ein Alibi vor seinen Eltern zu verschaffen, denn ich habe sein Konzert im Baron als einziger abgeknipst! Bevor es losging, konnte aber auch ich es mir nicht verkneifen, die Location, die ich eigentlich von früheren Konzerten schon recht gut kenne, ebenfalls abzulichten. Irgendwie ist der Schuppen mit seinem 70 er Jahre Nobelclub-Charme ja doch ganz cool. Zumindest sagt man sich das, wenn man es überhaupt geschafft hat, reinzukommen und den Türsteher überzeugen konnte, daß man hier dazugehört. Bei Konzerten im Baron kursiert regelmäßig eine wichtige Liste, damit keine dahergelaufenen Touristen hier aufkreuzen. Auf diese Liste kann man sich setzen lassen, wenn man den Künstlern vorher eine entsprechende e-mail geschickt hat. Das Mädel, das sich darum kümmert, habe ich gestern ihm Pop In kennengelernt. Allerdings habe ich meine mail erst um 21 Uhr abgeschickt, eigentlich viel zu spät, um noch registriert zu werden. Ist aber eh schnuppe, da ich bereits um 23 Uhr antanze, zu einer Zeit also, da vor der Tür noch überhaupt nichts los ist! Zu früher Stunde (alles relativ natürlich) sind sie hier kulanter.

Als ich vor Kälte bibbernd vor der silbernen Türe stehe, sehe ich lediglich zwei junge Frauen, die ebenfalls Einlass begehren. Eine von den beiden erkenne ich wieder. Ich hatte sie schon gestern im Pop In bei Sam Amidon gesehen. Sie ist Amerikanerin, das hatte ich sofort getippt. Dabei ist sie eigentlich wie ein typische Pariserin angezogen, mit ihrer stilvollen, nicht zu aufgemotzten Kleidung und dem süßen Zipfelmützchen.So sehen Amerikanerinnen aus, die in Paris leben. Die passen sich an, donnern sich nicht mehr auf wie in Miami, schminken sich nur noch dezent und behängen sich nicht mit Glitzerschmuck. Ich vermute zumindest stark, daß sie in Paris lebt. Nach dem Konzert bestätigt sich meine Vermutung: Ja, sie lebt hier und spricht natürlich toll französisch! Meine Menschenkenntnis lässt mich eben selten im Stich...

Was ist Sam Amidon eigentlich für ein Mensch? Die Frage hatte ich mir schon gestern gestellt, als er zur Belustigung des Publikums während eines Songs Liegestützen gemacht hatte. Warum tut er so etwas? War er schon in der Schule der Klassenclown? - Dann dürfte er es bei denMädchen schwer gehabt haben. Die schmunzeln nämlich über solche Kerle, wollen aber nicht mit ihnen ins Bett. Ich weiß wovon ich rede...

Also gut, Sam hatte in meiner Fantasiewelt nicht den allergrößten Schlag bei jungen Frauen, aber um sich darüber hinwegzutrösten hat er ja seine Gitarre und sein Banjo. Diese beiden Instrumente stehen auch schon einsam auf der winzigen Tanzfläche rum, als ich tiefer in den Raum vorstoße und mir ein gutes Plätzchen sichere. Sam selbst sitzt auf einer Bank, guckt vergeistigt in ein Apple Notebook, das auf dem kleinen Tischen vor ihm steht und checkt vermutlich seine Fanmails bei MySpace. Das wird ihm aber schnell langweilig und deshalb schießt er eben, wie vorhin erzählt, ein paar Fotos von der Location. Irgendwann hat er lange genug auf seinen Auftritt gewartet. Das Mädchen, das mit dieser unglaublich grotesken Eisbärkappe den DJ gespielt hat, zieht sich nun, da sich der Ami auf sein Stühlchen gesetzt hat, zurück.

Der Blondschopf mit den blauen Augen fängt einfach an zu spielen, obwohl noch laut im Raume gequatscht wird. Das Geplapper wird sich auf im Laufe des Konzertes nicht legen, im Gegenteil es scheint von Minute zu Minuten immer schlimmer zu werden! Eine Beleidigung für den auftretenden Musiker, der aber ganz cool bleibt und in aller Ruhe seine sanften und melancholischen Lieder vorträgt. Ich könnte ihn mir auch als Angler vorstellen, bei der Gemütsruhe, die er an den Tag legt! Aber er kann auch anders! Manchmal wird er ganz laut beim Singen und dann wird seine ansonsten samtweiche Stimme rauh und krächzig, ein wenig wie bei Ray LaMontagne. Ich glaube er macht das heute auch ein wenig extra, um die Leute vom Schwätzen abzuhalten. Er singt wirklich viel lauter als gestern. Natürlich macht er auch wieder die Liegestützen und er kräht auch wieder wie ein Hahn (und verhunzt damit eigentlich den wunderschönen Song Wild Bill Jones), aber er hat auch noch neue Gags auf Lager. In einer Szene versucht er eine möglichst dämlich aussehende Grimasse zu ziehen, was ihm auch zweifelsohne fabelhaft gelingt. Schon ein verrückter Vogel, dieser Sam Amidon, bzw. samamadion wie auf seinen CDs steht. Von denen gibt es bisher zwei an der Zahl und auch heute spielt er Songs von beiden Alben. Am schönsten ist natürlich wieder das wundervolle Saro, bei dem er stimmlich manchmal sogar an Chris "Coldpay" Martin erinnert, ohne daß ich ihn mir je in einem Stadion vorstellen könnte. Auch Sugar Baby und O' Death ("a song about death, death is a terrible thing" wie er anmerkt) sind wieder dabei, nicht aber das gestern noch gespielte Wedding Dress und auch nicht das Tears For Fears Cover Head Over Heels. Dafür erfreue ich mich aber besonders an dem auf der Gitarre vorgetragenen Little Satchel. Ich erinnere mich nicht genau, ob er dieses Stück auch gestern im Pop In zum Besten gegeben hat, heute aber fällt es mir sehr positiv auf. Ein Liesbeslied, soviel scheint klar zu sein. Aber was genau singt er da am Anfang? "Under my bed you can search...und jetzt verstehe ich den Rest nicht richtig, heißt es weiter: "a little sad joke?" Wenn Sam doch bl0ß seinen beiden hübschen Alben Texte beigelegt hätte, das würde die Sache deutlich vereinfachen! Schließlich sind die Texte bei einem Singer/Songwriter sehr wichtig. Nun ja, vielleicht findet man sie bald zumindest im Netz, ich habe diesbezüglich vergeblich gesucht...

Vergeblich gesucht habe ich auf den beiden Alben auch ein recht makabres Lied, das Sam am heutigen abend gespielt hat. Es geht um Folgendes: Zwei Schwestern können sich auf den Tod nicht leiden und so beschließt eine der beiden, die andere umzubringen. Sie wirft sie von einer Brücke in den Fluß. Die Leiche wird von einem Müller gefunden und auch ein Geigenmacher ist an ihren Überresten interessiert. Er fertigt aus den Knochen ihrer Finger eine Fiedel. Abgefahren, oder? Keine Ahnung, wie dieses Lied heißt, wer es weiß, melde sich bitte bei mir! Auch andere gebotene Stücke konnte ich nicht ausfindig machen, aber vielleicht hilft mir der Künstler selbst weiter? Auf jeden Fall hat er vor einem viel zu laut plapperndem Publikum 10 Lieder, abwechselnd auf Banjo und Gitarre, vorgetragen, die mich mit ihrer Schlichtheit, Reduziertheit und Schönheit beeindruckt haben. Kurzum: Ich kann von dem jungen Amerikaner gar nicht genug bekommen und habe deshalb beschlossen, ihn mir am 10. Februar erneut anzusehen. Dann spielt er zusammen mit Crystal Stilts im Mains D'Ouevres bei Paris. Die Pariser sind wirklich verwöhnt!

Auszug aus der Setlist Sam Amidon, Le Baron, Paris:

- Little Satchel
- O'Death
- Wild Bill Jones
- Fall On My Knees
- Saro

Konzerttermine Sam Amidon:

04.02.09: Cafe & Diskaire - Lille
05.02.09: CultuurHuis Maison, Maldegem
06.02.09: Kris Place, Gent
07.02.09: Emile Vache, Metz
10.02.09: Mains D'oeuvres, Saint Ouen bei Paris
11.02.09: Botanique (Witloof Bar), Brüssel



Dienstag, 3. Februar 2009

Interview: Glasvegas

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Zweifelsohne einer der größten Newcomer der vergangenen Monate ist Glasvegas aus Schottland. Die Band wurd für ihr Debüt hochgelobt und nicht zuletzt dank des prominenten Unterstützers Alan McGee sehr schnell sehr bekannt.

Bei uns ist die Band nicht unumstritten, da ihre Liveauftritte, die wir bislang sehen konnten, alles andere als überzeugend waren. Aber das ist kein Grund, uns nicht
mehr über diese Shootingstars, deren erstem Album der NME 9 von 10 Punkten gegeben hat, zu informieren. Oliver aus Unna führte ein Interview mit Gitarrist Rab und Schlagzeugerin Caroline, das ihr hier findet.







Sam Amidon, Paris, 02.02.09

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Konzert Sam Amidon

Ort: Le Pop In, Paris
Datum: 02.02.2009
Zuschauer: geschätzte 50-60
Konzertdauer: ca. 45 Minuten



Wenn ein hochtalentierter amerikanischer Singer/Songwriter in einem kleinen intimen Pub wie dem Pariser Pop In gratis auftritt, kann ein Konzertjunkie mit Vorliebe für gute Folkmusik natürlich trotz ausgeprägter Müdigkeit und Antriebslosigkeit nicht widerstehen.

Allerdings ist fraglich, ob ich von dem Konzert ohne den Hinweis meines lieben Bloggerkollegen Eike vom Klienicum erfahren hätte. Der flinke Bajuware hatte nämlich schon vor ein paar Wochen einen Konzerttip für Sam Amidon (oder samamidon) ausgesprochen und diesen auch publik gemacht. Da habe ich dann kurzerhand mein kleines rotes Büchlein mit dem Kalender gezückt und deutlich sichtbar das kleine, feine Event eingetragen. Auch für den 3. Februar gibt es übrigens einen Eintrag für Sam Amidon, dieses Mal für den Gig im Privatclub Le Baron, der ebenfalls gratis sein wird. Aber greifen wir an dieser Stelle noch nicht vor...

Der heutige 2. Februar war ein naßkalter und grauer Wintertag, einer jener Tage also, an dem man am liebsten nicht das Haus verlassen möchte und sich die Decke weit über den Kopf zieht. Oder einen heißen Tee trinkt. Oder mit seiner Katze schmust. Irgendetwas in dieser Richtung, um dem Winterblues zu trotzen. Da traf es sich gar nicht gut, daß Handwerker die Decke in der Küche malerten, die die Nachbarin über uns mit ihrem Wasserrohrbruch versaut hatte. Renovierungsarbeiten in der Küche waren nämlich gleichbedeutend mit: Man kann sich nichts zu essen warm machen und auch den dringend nötigen Kaffee (ich benutze eine sogenannte italienische Kaffekanne, die man auf den Herd stellt) kann man sich abschminken!

Übellaunig wartete ich bis in den späten Nachmittag, bis die Maler abzogen. Dann waren auch noch nervige Erledigungen zu tätigen und meine Stimmung war auf dem Nullpunkt. Ich wollte fast den Konzertabend, auf den ich mich schon lange gefreut hatte, ausfallen lassen...

Gut, daß ich es nicht getan habe! Denn Sam Amidon entpuppte sich nicht nur als guter Sänger und Songwriter, sondern auch als ein überaus lustiger, unterhaltsamer und hochsympathischer Bursche! Auf der kleinen Bühne in der Kellergruft des Pop In verbüffte er das Publikum, darunter auch viele Amerikaner, mit plötzlichen Slapstickeinlagen und Jokes. Schon mal gesehen, daß jemand Liegestützen während eines Songs macht? Bei Sam gibt es so etwas! Auch cool: der Künstler singt ein Lied, in dem irgendwann eine Textstelle auftaucht, in der es um seine Mutter geht, unterbricht abrupt seinen bis dahin recht traurigen und getragenen Gesangesvortrag und fängt an, von einem seltsamen Traum zu erzählen, den er im Zusammenhang mit seiner Mum hatte. Er berichtete, daß er schweißgebadet aufgewacht sei und sich daran erinnern konnte, daß er in diesem Traum erst elf Jahre alt gewesen sei. Er ging die Treppe hinunter und von dort in den Garten und sah plötzlich seine Mutter durch die Fensterscheibe. Sie sei winzig klein gewesen, nur so groß wie er und als er näher kam, sei sie plötzlich wie eine Wilde rumgehüpft und stieß sehr seltsame Laute aus. Um dies plakativ darzustellen, machte Sam nach, wie das geklungen hatte und schnitt dabei Grimassen, die man so ähnlich von unserem Komiker Otto kennt (obwohl er selbst natürlich nicht den Ostfriesen, sondern Buster Keaton als Einfluss nennt). Mit seinem Wintermützchen und dem karierten Shirt sah der Amerikaner ohnehin recht witzig aus und es war verblüffend, wie er von tottraurig auf urkomisch umschalten konnte. Ein Typ, der wie der große, unvergessene Melancholiker Nick Drake klingt und Zoten im Stile von Otto raushaut, wahrlich eine ungewöhnliche Mischung! Und dann gackert der Kerl auch noch wie ein Huhn und behauptet (was so auch stimmt), daß er die meisten Ideen und Songs von seinen ebenfalls musizierenden Eltern geklaut habe! Vielleicht diente das Ganze dazu, ein wenig die Tragik und Depressivität aus seinen wunderschönen Liedern, die er mal an der Gitarre, mal am Banjo vortrug, herauszunehmen. Lieder, die von seinen beiden Alben But This Chicken Proved Falsehearted (2007) und All Is Well (2008) stammten. Vom Erstling kam zum Beispiel 1842, aber auch, und das war für mich, der mit dem Oeuvre des Künstlers noch nicht 100% vertraut ist, eine Überraschung, Head Over Heels von...ja von wem? Na klar, Tears For Fears! Als Enddreißger kannte ich den Song der recht mainstreamigen aber durchaus nicht schlechten Engländer natürlich noch sehr gut, aber Sam veräppelte sein jüngeres Publikum ein wenig, als er den Song nämlich als "Traditional Folk Song" ankündigte. Als ich hinterher einwarf, daß dies doch Tears for Fears gewesen seien und kein Traditional, meinte er nur flapsig: "Yeah! But it's Folk Music isn't it? And did they know what they were singing about? Anyway, they were a good band!"

Hmm, ich persönlich bevorzuge dann doch eher den Nachwuchs und zwar in der Gestalt jenes Mannes, der solch wundervolle Lieder wie das betörende und herzerweichende Saro sang, das geisterhafte O'Death nachschob, das Wedding Dress im Stile eines Nick Drake intonierte und am Ende mit dem trost-und hoffnungsspenden All Is Well abschloß. Eine Zugabe gönnte er dem heftig applaudierenden Publikum noch, dann war die Zeit gekommen, ein wenig Handel zu betreiben. Auf der Bühne selbst verkaufte der Blondschopf seine beiden Alben für schlappe 10 Euro pro Stück. Da kann man wirklich nicht meckern!

Auszug aus der Setlist samamidon, Le Pop In, Paris:

- 1842
- Head Over Heels (Tears For Fears Cover)
- Saro
- Wedding Dress
- Sugar Baby
- Fall On My Knees
- O'Death


Morgen also gleich noch einmal!


Links:

- Zur Vertiefung unbedingt den Artikel von Eike lesen!
- Videoclip samamidon Saro, wunderschön angucken!
- Videoclip Wedding Dress, charmant!
- Videoclip Tribulation mit Cowboyhut
- Mehr Fotos von den Slapstickeinlagen von samamidon und dem amüsierten Publikum





 

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