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Montag, 11. April 2011

Deerhunter, Lower Dens, Nelson, Gallops, Paris, 09.04.11

6 Kommentare

Konzert: Deerhunter, Lower Dens, Nelson, Gallops, Festival Super Mon Amour

Ort: La Gaité Lyrique, Paris
Datum: 09.04.11
Zuschauer: geschätzte 800
Konzertdauer: Deerhunter allein fast 90 Minuten


Starkes Line-Up in der Gaité Lyrique, einer neuen, sehr modernen Location in Paris. Wie das Ganze gelaufen ist, erzähle ich im Lauf des Sonntags. Vielleicht könnt ihr mir aber schon sagen wie es war, denn das Konzert von Deerhunter wurde bei Arte Live Web per stream übertragen und auch auf der Roten Raupe konnte man sich die Sache ansehen...

Sonntag, 10. April, spätabends:

So, hat sich also leider niemand gefunden, der mir die Arbeit abnimmt. Dann muss ich wieder alles alleine machen. Allerdings kann ich auch verstehen, daß es nur wenige Leute gibt, die sich 90 Minuten lang hinter dem Computer ein Shoegaze- Konzert anglotzen. Eine doch eher nerdige Angelegenheit, gerade bei diesem herrlichen Wetter.

Also wie ist der Abend des 9. April nun gelaufen?

09.04.2011: Erneut ein sonnendurchfluteter, warmer Tag. "Der April, der macht was er will", dieses Sprichwort scheint in diesem Jahr Schnee von gestern zu sein. Pariser und Touristen müssen dieses Jahr nicht bis Mai warten, um ihre blassen Beine der Sonne auszusetzen. Unzählige Leute nutzten das glänzende Wetter, saßen im Straßencafé, tranken, rauchten und flirteten ("Deutsche können nicht flirten", einen Bericht mit dieser Überschrift habe ich neulich in der Zeitschrift les Inrockubtibles gelesen. Da müsste man doch glatt mal überprüfen, ob die Franzosen da wirklich so viel mehr Talent drin haben, diese alten Angeber!).

Mir ging das bunte Treiben auf den Straßen allerdings am Arsch vorbei. Und die Sonne war mir auch egal. Ich wollte nämlich zur Gaité Lyrique, einer neuen, ultramodernen Location im 3. Pariser Arrondissement, die vor etwa einem Monat eingeweiht wurde. Dort traf sich heute ganz Indie-Paris, denn das Festival Super Mon Amour stand an und mit Deerhunter, Lower Dens, Nelson und Gallops wurde ein verheißungsvolles Programm aufgetischt.

Als ich vor dem prachtvollen Gebäude ankam, standen draußen noch ein paar Leute rum, plauderten und rauchten. Ihnen war wohl schnuppe, daß die Konzerte schon angefangen hatten und mit den Walisern Gallops bereits die erste Band aufs Volk gehetzt worden war. Ich hingegen hätte Gallops gerne gesehen, aber mit der Pünktlichkeit stehe ich bekanntlich auf Kriegsfuß. Ist ja auch irgendwie uncool, zur auf dem Ticket angegebenen Zeit anzutanzen. So dachten wohl viele, denn der im zweiten Stock gelegene Konzertsaal, ein schicker Kubus, war gegen 19 Uhr 30 noch weitestgehend menschenleer. Ich sah die üblichen Fratzen. Ähnlich nerdige Trottel wie ich, die ebenfalls wie die Gestörten auf jedes Konzert hetzen, das in der Kapitale stattfindet. Der blödeste Spruch ist dann immer: "Ach, du auch schon wieder hier? Du bist ja überall!"

Vielleicht sollten wir mal eine Gruppentheorie machen und uns gemeinsam wegen schwerer Konzertsucht behandeln lassen. Ich könnte mir dann schon sehr gut vorstellen, wie das Ganze abläuft. Wir sitzen in einer Runde und der Psychiater befragt uns alle der Reihe nach: "Na, Oliver, dann erzähl doch mal. Wie hat das bei dir mit den Sucht- Symptomen angefangen? Wann hattest du zum ersten Mal dieses unwiderstehliche Gefühl, unbedingt auf ein Konzert zu müssen? Obwohl du eigentlich saumüde warst. Obwohl dich ein guter alter Kumpel zu seinem Geburtstag eingeladen hat. Obwohl du mit deiner Frau im Restaurant Hochzeitstag feiern solltest?"

Aber so weit wird es nicht kommen. Nicht weil wir nicht alle behandlungsbedürftig krank und zutiefst konzertsüchtig sind- das sind wir ohne jeden Zweifel-, sondern weil uns das Geld für einen Seelenklempner viel zu schade ist. Wir stecken die Knete lieber in CDs. Schallplatten, Konzertkarten, T-Shirts, etc.

Zum Beispiel in eine neue CD von Nelson. Wenn es die denn schon gäbe. Nach dem pechschwarzen Post-Punk Debüt der vierköpfigen Pariser Truppe aus dem Jahre 2006, scheint es, als würde der Nachfolger deutlich poppiger und weniger depressiv werden. So zumindest hatte es nach den heutigen Livehörproben den Eindruck. Obwohl mir Musik eigentlich nie melancholisch genug sein kann, konnte ich mit der optimistischeren Neuausrichtung von Nelson gut leben. Die Songs hatten Pfiff und Dampf, waren catchy und euphorisierend. Toll, daß die Band endlich mal wieder live auf einer Stage stand! Vor allem Hauptsänger Gregory Kowalski und Zweitsänger JB Devay hatte ich in den letzten Jahren immer mal wieder auf Konzerten getroffen, aber dort waren sie nur im Publikum, sprich vor und nicht auf der Bühne. Drummer Thomas Pirot ist mir allerdings auch beim Ausüben seiner musikalischen Tätigkeit vor die Linse gekommen, denn er trommelt auch bei Mina Tindle und Please Don't Blame Mexico, zwei guten Acts, die ich in den letzten zwei Jahren oft gesehen habe. Den vierten Mann, Gitarrist David Nichols, hatte ich seit Jahren nicht mehr getroffen.

Die vier Burschen von Nelson machen allein schon optisch was her. Alle sind sie gertenschlank, haben den von Weibern heißgebliebten Knackpo in der Hose und zudem schöne, makellose Gesichter. Die Pariserinnen flogen beim Release des ersten Albums total auf Nelson und irgendwie hat sich nichts geändert. Immer noch stehen Mädchen Schlange, wenn die "Boygroup" auftritt. Aber auch musikalisch wird immer etwas geboten. Heute begeisterten sie mich mit unverschämt melodiösen Gitarren, zackigen Synthiebeats, einem innovativen Schlagzeugspiel und einem unschuldig, verträumten Gesang wie man ihn von New Order, sprich Barney Sumner, her kennt. Gregoy Kowalski war meistens dafür verantwortlich, aber auch Drummer Thomas Pirot und Keyboarder JB Devay sangen mit und bedienten sich häufig der modern gewordenen Looptechnik.

Das Set war gut geölt und fluschte so richtig schön. Die neuen, noch unveröffentlichten Songs gefielen mir auf Anhieb (Anspieltipp Northern Trail bei 12:30 im Stream) und auch der alte Klassiker The Over Song hatte nichts von seiner Dynamik und Schärfe verloren. JB Devay baute sich hierbei am vorderen Bühnenrand auf, schammelte wie wild auf seiner Gitarre und heizte den Leuten kräftig ein.

Unter dem Strich ein überzeugendes Comeback, das aber leider nach etwa 35 Minuten bereits beendet war.

Als dritte Band des Abends kamen dann Lower Dens zum Zuge. Eine Gruppe aus Baltimore, USA, die von der knabenhaft wirkenden Sängerin Jana Hunter angeführt wird. Wobei das mit dem Anführen so eine Sache ist, denn als Leaderin erwies sich Hunter nicht. Schüchtern und mit dünner Stimme verkündete sie zu Beginn kurz und knapp, froh zu sein, an diesem Festival teilnehmen zu dürfen. Danach gab es so gut wie gar keine Ansagen mehr, Jana verzog sich in die rechte Bühnenhälfte (vom Zuschauer aus gesehen) und verschwand fast hinter dem Vorhang. Das ganze Konzert über hatte sie den gleichen Gesichtsausdruck drauf. Ein neutraler, nichtssagender Blick, der ins Leere ging und nie Kontakt zum Publikum suchte. Ein Paradebeispiel für das Shoegazing mag man einwerfen, aber gegen etwas mehr Bühnenpräsenz und Charisma hätte ich persönlich nichts einzuwenden gehabt. Auch der oberlippenbärtige Bassist in der Mitte der Bühne (da gehört der Sänger/die Sängerin hin, verdammte Scheiße nochmal!) blieb blass wie ein Fisch und die anderen beiden Bandmitglieder habe ich inzwischen schon wieder vergessen.

Den vier drögen Musikern zuzuschauen war brutal langweilig, da kam wirklich gar nichts rüber. Dabei mochte ich eigentlich ihren Musikstil sehr, mit Dream Dop, Shoegaze, New Wave kann ich grundsätzlich eine Menge anfangen. Allerdings konnte ich mich hinterher nicht an eine einzige Melodie, eine Strophe oder einen Refrain erinnern. Vielleicht sollten ich wirklich mal ihr Album hören, das liegt seit mindestens 2 Monaten unbeachtet in einem großen Stapel noch ungehörter CDs. Dali von der Blogotheque sagte jedenfalls, daß das Werk richtig gut sei (Eike vom Klienicum auch), das Konzert fand aber auch sie weitestgehend fad.

Lower Dens unter dem Strich also eher eine Enttäuschung.

Dann wartete ganz Indie-Paris (wenn es ein Fußball-Deutschland gibt, warum dann nicht auch ein Indie-Paris?) auf Deerhunter. Ich hatte in der Pause ein wenig Zeit, die Örtlichkeiten zu erkunden und begab mich in den prachtvollen Apostel-Saal, trank etwas und hielt Schwätzchen. Mit Mädchen versteht sich. Wollten wir doch mal sehen, ob Deutsche nicht flirten können! Pfff! Etwa 25 Minuten später richtete ich meine Aufmerksamkeit aber wieder auf die Musik und begab mich zurück in den kubusförmigen Konzertssal. Dieser war inzwischen proppenvoll und da viele Menschen Wärme erzeugen, herschte eine schwüle, saunaähnliche Atmosphäre. Sauerstoff war Mangelware. Vorgeschwächt von den vielen Konzerten der letzten Wochen, konnte ich nicht anders, als mich hinzusetzen und gegen eine Wand abzustützen. Platt wie eine Flunder saß ich da also an der Seite und fiel innerhalb von zwei Minuten in einen komatösen, narkoleptischen Tiefschlaf. Das Konzert hatte inzwischen angefangen, es war saulaut, aber ich schlummerte vor mich hin. Noch nicht einmal Slayer hätten mich jetzt aufwecken können. Wie lange ich in diesem Zustand verharrte, weiß ich nicht genau, aber irgendwann kam ich wieder halbwegs zu Bewußtsein, raffte mich auf und glotzte auf die Bühne. Dort erspähte ich am linken Bühnerand den spindeldürren Sänger und Gitarristen Bradford Cox, der eine selten häßliche Karohose trug. In der Mitte agierte ein braunhaariger, oberlippenbärtiger Bassist, der so schlaff war wie ein nasser Sack. Null Spannung im Körper, teilnahmsloses Gesicht, gelangweilte Gestik. Außen rechts spielte ein zweiter Gitarrist, ebenfalls mit schläfrigem Blick. Die offensichtliche Lustlosigkeit der Bandmitglieder (oder waren die einfach nur cool? ach ja, ich vergaß, das ist nun einmal so beim Shoegaze!) sorgte logischerweise keineswegs dafür, mich wachzurütteln. Dabei war das Songmaterial natürlich alles andere als schlecht, im Gegenteil. Deerhunter kredenzten einen lässigen, noisigen Sound, der an famose Bands wie My Bloody Valentine, Yo La Tengo, Galaxie 500 und Pavement erinnerte. Stimmlich ließ mich Bradford Cox zudem an Julian Casablancas von den Strokes denken, allerdings hatte er nicht dessen Ausstrahlung. Und angesichts meiner brutalen Müdigkeit und der brutalen Hitze hätte ich mir mehr griffige Hits, mehr direkte Ohrwürmer gewünscht. Mich dürstete es nach Mainstream. Nach Bands wie Interpol, Bloc Party, oder Kaiser Chiefs. Gruppen mit weniger Kreativität als Deerhunter, aber mit mehr Catchyness und Bühnenpräsenz. Stattdessen verliefen sich viel Stücke von Deerhunter in endlose Instrumentalschleifen, dreampoppige Episoden und noisige Nebelgeschwader. Nichts, um mich aus meinem lethargischen Zustand aufzurütteln.

Nach 90 Minuten verließ ich ermattet, durchgeschwitzt und mit schwirrendem Schädel den Konzertsaal. Hinter erzählten die meisten Besucher von einem grandiosen Konzert. Ich selbst hätte den lauen Vorsommerabend aber lieber mit einem nächtlichen Picknick im Park verbracht.

Dennoch möchte ich mir Deerhunter wieder ansehen, denn mein körperlich-geistiger Zustand erlaubte mir einfach kein substanzielles Urteil. Vielleicht sehe ich die Amerikaner ja schon im Juli wieder, beim Pitchfork Festival In Chicago?!

Setlisten:

Lower Dens, klick!
Deerhunter, klick!
Nelson, klick!









Montag, 27. August 2007

Nelson, Rock en Seine, 26.08.07

1 Kommentare

Konzert: Nelson

Ort: Saint Cloud bei Paris, Festival Rock en Seine
Datum: 26.08.2007
Zuschauer: gab es


Nachdem die Pariser Tennisfanatiker der Band Housse de Racket das Publikum vor der Scène de l'Industrie schon einmal ordentlich in Schwung gebracht hatte, durften Nelson, die ebenfalls aus der franzöischen Hauptstadt stammen, um 16.20 Uhr ran. Sie spielten somit "gegen" Mark Ronson, der in etwa zeitgleich sein Konzert auf der Hauptbühne begann. Anstatt mir originelle Cover-Versionen von den Kaiser Chiefs ("Oh My God"), oder Maximo Park ("Apply Some Pressure") anzuhören, zog ich aber die stets schwarzgekleideten Franzosen vor.

Nelson hatte ich zuvor bereits zweimal live erlebt und dabei jeweils einen guten Abend verbracht. Bei meinem letzten Auftritt mit den Dark-Rockern in der Maroquinerie hatten sie zur Feier des Tages sogar eine niedliche Geigerin mitgebracht, die aber heute fehlte. Somit trat die Stammformation auf, die aus JB Devay (Keyboard, Gitarre, Gesang), Gregory Kowalski (Gitarre, Gesang), David Nichols (Bass, Keyboard) und Thomas Pirot (Schlagzeug) gebildet wird.

Stylisch wie immer traten die vier jungen Franzosen pünktlich auf die Bühne und eröffneten traditionell mit "People And Thieves". Da ich weit vorne stand, schleuderten die pulsierenden riesigen Bassboxen fast meine Stöpsel aus den Ohren, so daß ich mich etwas weiter nach hinten bewegen musste, um mein Gehör nicht zu verlieren. Auch da war es noch reichlich laut, aber zumindest erträglich. Gut so, denn nun konnte ich auf angenehmere Weise das mystisch wirkende "Silence In Your Mind" genießen. "Easy people, dirty wishes, we are all prostitutes" hieß es da ganz desillusioniert zu Beginn, bevor nach circa 2 Minuten zum ersten Mal die wavigen Gitarren losschmetterten und der Drummer das Tempo höllisch verschärfte. Gregory, der wie immer in der Mitte der Bühne postiert war, sprang hierzu wie von der Tarantel gestochen auf und ab und prachte all die Rage, die dieses Stück beinhaltet, deutlich zum Ausdruck. Düster sind sie, die Stücke von Nelson, depressiv, oft (gewollt) kalt, fast abweisend. Klar, daß da Vergleiche mit Joy Divison oder anderen Bands aus der Glanzzeit des Factory Labels aufkommen. Unter den Zeitgenossen finden sich am Ehesten mit Clinic, Interpol und den Liars ähnliche Bands. Das Quartett fühlt sich aber in gleicher Weise von der Brooklyner Szene, von TV On The Radio, Animal Collective, oder Grizzly Bear beeinflusst, was man jedoch weniger heraushört. Wo auch immer Nelson ihre Inspirationen herbeziehen, aus dem Hören von Musik oder dem Lesen von Romanen von Bret Easton Ellis (so steht es auf ihrer MySpace Seite), eins scheint klar: diese Band hat viel Eigenständiges! Und sie experimentieren stets weiter, wie Remix-Versionen ihrer Single "I (SYC) Stop" beweisen. Waviger Rock wird gekonnt mit elektronischen Elementen vermischt und so kommt ein Sound heraus, der sich von Mal zu Mal mehr ins Ohr (und die Seele) eingräbt.

Besagtes "I (SYC)" war auch heute wieder ein Highlight, keine Frage, aber auch das recht getragene "Seasons", zu dem es auch einen tollen Video-Clip gibt (so Gregory), wußte vorher mit seinem leicht morbiden Charme zu gefallen. Toll anzusehen war hierbei auch, daß der Bassist einen Geigenstab hervorzauberte, um damit sein Instrument zu bearbeiten. Zwar hatte ich diese Einlage inzwischen schon öfter gesehen, so z.B. zuletzt bei Thurston "Sonic Youth" Moore in Cérgy-Pontoise, aber sie verblüfft mich doch immer wieder aufs Neue.

Leider hatten die vier jungen Männer nur knapp vierzig Minuten Zeit, um sich dem Publikum zu empfehlen, aber ich glaube nach dem Auftritt, der mit dem langgezogenen "Paid It All" endete, dürften Nelson einige neue Fans hinzugewonnen haben. Mich persönlich brauchten sie allerdings nicht mehr zu überzeugen, bin ich doch schon seit geraumer Zeit von dem Album "Revolving Doors" und ihren Live-Auftritten angetan...

Setlist Nelson, Rock en Seine:

01: People & Thieves
02: Silence I Your Mind
03: The (Over) Song
04: Acrobatics
05: Seasons
06: Slow Falling
07: I (SYC) Stop
08: Paid It All

Links:

- Nelson im Februar 2007 in Paris
- Nelson im Mai 2007 in Paris




Donnerstag, 3. Mai 2007

Soko, Kim Novak & Nelson, Paris, 02.05.07

2 Kommentare
Konzert: Soko, Kim Novak & Nelson
Ort: Paris, Maroquinerie
Datum: 02.05.2007
Zuschauer: nicht ganz ausverkauft


Grosse Medienereignisse werfen ihre Schatten auch auf den Haushalt der Familie Peel, so dass es Cécile heute vorzog, das Fernsehduell der Finalisten der französichen Präsidentschaftswahlen zwischen Segolène Royal und Nicolas Sarkozy zu sehen, anstatt auf das Konzert von Nelson und Kim Novak zu gehen. Ich hingegen zog schöne Musik schönen (und meist leeren) Wahlversprechungen allemal vor. Die wohl derzeit besten (Neo)-New Wave Bands Frankreichs gaben sich schliesslich die Ehre.


Bevor Kim Novak und Nelson auftraten, musste ich allerdings zunächst noch das Problem klären, was ich denn mit der überschüssigen Karte anfinge. Auf mein via MySpace verschicktes Bulletin, indem ich nach einem Abnehmer suchte, meldete sich keine Menschenseele, obwohl ich das Ticket unter Wert anbot (!). Haben die Leute etwa immer noch nicht kapiert, dass in Frankreich gerade die spannendste Phase der französischen Rockgeschichte läuft? Selbst der englische NME schreibt schon über "Le rock français" in einer seiner letzten Ausgaben. Nelson wurden dort zwar nicht erwähnt, aber immerhin ihre Freundinnen von Plasticine und zwar mit Bild!

Nun gut, die Karte wurde ich letztendlich los, vor allem Dank der Hilfe der ungemein netten, jungen Dame an der Kasse der Maroquinerie. Sie vermittelte mir kurzerhand den nächsten Karteninteressenten, der aber gar nicht so schnell um die Ecke kam, da anscheinend 80 % der Gäste auf irgendwelchen Einladungslisten standen! Da frage ich mich, wie solche Bands an einem derartigen Konzert etwas verdienen können... Etwas verdient hatte sich heute aber die dritte Band des Abends , "Soko" mit Namen, nämlich meine Symphatien und 6 Euro für die EP "Not sokute", die ich ihnen spontan abgekauft habe.

Ja, die Veranstalter haben kurzfristig noch eine dritte Band mit aufgenommen, obwohl "Soko", bestehend aus der süssen Stéphanie Sokolinski und Toma Semence, musikalisch nicht recht ins Programm passten. Anstatt NEW-WAVE spielen sie lieber eine quirlige Mischung aus Country, Pop und Folk, die es mir auf Anhieb angetan hat. Ein Besuch ihrer MySpace-Seite ist deshalb dringend zu empfehlen. Meint auch unser kompetenter Blogger-Freund Eike, der auf seinem informativen Blog klienicum die Band in seiner Rubrik "neue Töne" sehr frühzeitig vorgestellt hat.

Stéphanie sagte mir, dass sie alle Titel der EP gespielt hättten, deshalb biete ich im Folgenden einen Auszug aus der Setlist Soko an:

- The Dandy Cowboys
- Shitty day
- I'll kill her
- Take my heart
- It's raining outside

Nach einem kurzen Umbau war dann die Zeit für meine Lieblingsband aus der Normandie gekommen: Kim Novak bin ich auf den Fersen, seitdem sie mich als Vorgruppe von iliketrains im glaz'art begeistert haben. Seitdem wartete ich sehnsüchtig auf das Erscheinen ihres ersten Albums, von dem damals noch gar nicht feststand, ob es jemals erscheinen würde. Die trotz des Namens rein maskuline Band, besteht aus Jéremie dem Sänger mit der unglaublichen Stimme und drei weiteren Burschen an Bass, Schlagzeug und Gitarre. Von Anfang an zog mich das Set der französischen Antwort auf Interpol in seinen Bann. Herzerweichend der gebrechlich-melancholische Gesang von Jéremie, hochmelodisch das wavige Gitarrenspiel von "Hairday", treibend der Bass von Ugo und unfassbar dynamisch die Drumms von Cyrill. Wow, wow, wow! Was für eine unglaubliche tolle Band. Keine Klone im übrigen von Interpol, sodern lediglich mit der gleichen Musik im Plattenschrank gross geworden, als da wären The Cure, Joy Division, The Smiths, um nur einige zu nennen. Trotzdem aber eigenständig und innovativ, so gab es zum Beispiel phasenweise lange instrumentelle Passagen, die aber immer packend dargeboten wurden. Der Gesang von Jéremie scheint mir ohnehin einzigartig. Eine Stimme, die man nicht so schnell vergisst, die einen trotz der schleichenden Melancholie in Höchststimmung versetzt! Seit Katie Sketch und The Organ und eben Interpol habe ich nicht mehr so "schön" gelitten.

Benommen vor Glück kaufte ich dann gleich fünf (!) Exemplare (für alle möglichen Freunde in Deutschland) ihres Albums "Luck & Accident" und besserte somit ihre Kasse erheblich auf. Sie haben es sich redlich verdient und bei 10 Euro pro Album (sie haben mir eine Ermässigung gegeben) kann man wohl nicht meckern, oder?

Setlist Kim Novak:

01: In the mirror
02: Better run
03: Deep show
04: Turn a rabbit
05: On my back
06: Some Photographs
07: White fever
08: Female Friends
09: If
10: Lost a play
11: Crash
12: Swallow
13: Reaction

14: Around your neck (Z)

Danach warteten Freunde, Freundinnen, Journalisten und ich gespannt auf den Auftritt von Nelson aus Paris. Nelson hatte ich ebenfalls-eine witzige Parallele zu Kim Novak- in dem "Partykeller" des glaz'art zum ersten Mal live erlebt. Seitdem hat das Quartett schon wieder zahlreiche Auftritte hingelegt, unter anderem auch auf dem renommierten Festival "Le printemps de Bourges", bei dem dieses Jahr Hochkaräter wie Bloc Party und Maximo Park spielten. Der Aufstieg der Dark-Rocker ist also unaufhaltsam und wer sie mal live erlebt hat, weiss auch warum.

Von Beginn an legen - und legten sich auch heute wieder - die stylishen Burschen voll ins Zeug und brachten die ohnehin schon heisse Maroqunierie noch weiter zum kochen. Ein trendiges Waver-Outfit ist Pflicht bei diesen "Beaux" aus der neuen Rock-Metropole Paris, sie wissen genau, dass auch die "Verpackung" zählt in dieser Branche und so sind sie zumindest optisch ihren Londoner Kollegen schon einmal weit überlegen. Dass aber auch der "Inhalt" stimmt und französische Rockmusik besser ist, als englischer Wein (Zitat John Lennon: "französische Rockmusik ist so gut wie englischer Wein"), bewiesen sie heute eindrucksvoll. Gleich mit " People & Thieves" von ihrem hochgelobten Debütalbum "Revolving Doors" gingen sie in die Vollen und sorgten für ein entspanntes Gesicht bei ihrem Labelchef Benjamin Diamond. Der Macher von Diamond Traxx kann sich glücklich schätzen, neben den Hushpuppies einen solch dicken Fisch an der Angel zu haben. Nelson rocken nämlich demnächst noch Spanien und England und mit ein bisschen Glück und einem guten Marketing wird das auch in Deutschland was.

Vor allem der (over) Song sollte sollte international gut ankommen. Dieser an dritter Stelle gebrachte Hit hat nämlich alles, was ein Indiechart-Breaker braucht: einen einprägsamen Refrain, fetzige und melodische Gitarren und ein explodierendes Schlagzeug. Toll!! Aber auch der Rest des Sets wusste zu gefallen, vor allem "The darkest part of your true confessions" und der Knüller "I (syc) stop". Der Unterschied zu Kim Novak liegt musikalisch vor allem darin, dass Nelson viele elektronische Elemente mit einbauen, so dass neben den Einflüssen Joy Division, PIL und My Bloody Valentine vor allem New Order herauszuhören ist. Da sie sich aber weiterentwickeln möchten, orientieren sie sich nun zunehmend auch an der spannenden New Yorker Szene (Liars, Animal Collective, TV on the Radio).

Mit ein Höhepunkt des Abends war der Einsatz einer zusätzlichen Streicherin bei einigen Lieder, was dem Konzert sehr gut tat, so dass die - gewollte - Kühle des Sounds aufgelockert wurde. Die zierliche Violinistin (ich glaube sie hiess Estelle), war dann auch noch bei der vielumjubelten Zugabe "Seasons" dabei, was sie sichtlich genoss.

Fazit: Nelson haben ordentlich gerockt und auch durch ihr spontanes Auftauchen zwischen den Zuschauern für Hochstimmung gesorgt. Durch die anschliessende politische Debatte im Restaurant der Maroquinerie wollte ich mir diese tolle Stimmung nicht mehr vermiesen lassen.

Setlist Nelson:

01: People & Thieves
02: Silence
03: The (over) Song
04: Acrobatics
05: Inside
06: The darkest parts of your true confessions
07: Dämmerung
08: Freakshow
09: Slow falling
10: I (syc) stop
11: Rise & Fall
12: Paid it all

13: Seasons (Z)

von Oliver



Samstag, 10. Februar 2007

Nelson, Paris, 08.02.07

0 Kommentare
Konzertbericht Nelson
Datum: 08.02.2007
Ort: Glaz'art, Paris
Zuschauer: gut gefüllter Party-Keller

Seit langem hatte ich mich auf das Konzert der französischen Newcomer Nelson gefreut, es aber dummerweise versäumt für dieses Event auch Karten zu ordern. So war ich auf den Verkauf an der Abendkasse angewiesen. Aber ich hatte Glück, das Konzert war nicht ausverkauft. In der Schlange erblickte ich dann zu meinem
Amusement viele kuriose Gestalten, darunter etliche Punks, mit stilechtem Irokesen-Schnitt, Waver und Red-Skins (die linken Skins heißen doch so, oder?).

Im Saal angekommen ließ ich mich dann neben diesen coolen Typen auf den roten Plüschsofas nieder. Echt gemütlich hier! Ich ließ meinen Blick schweifen und machte
vier nicht mehr ganz junge Typen mit Doc-Martens Stiefeln aus, von denen der eine ein Button der Kultpunks Dead Kennedys an seiner verblichenen Jeans-Jacke heften hatte.

Wie sich herausstellen sollte handelte es sich hierbei um die französische Vorgruppe namens Frustration, die nach eigener Aussage neben den Dead Kennedys von Joy Divison, den Buzzcocks und The Fall beeinflusst wurden. So hörte sich dieser Old School Punk dann auch an, die Stimme des Sängers schwankte zwischen der Monotonie von Ian "Joy Divison" Curtis und der nörgelnden Agressivität von Mark. E. "The Fall" Smith. Unterhaltsam war's auf alle Fälle.

Danach stellten sich die vier Pariser Jungspunde von Nelson via vorher
aufgezeichnetem Video über die überall aufgestellten kleinen Leinwände vor: "Hallo, ich heiße sowieso, spiele Gitarre, Bass und singe," dann der Nächste: "Hallo ich mache auch alles in dieser Band, etc..."

Als Einflüsse nannten sie die aktuelle New Yorker Szene, z.B. The Liars, Animal Collective, Grizzly Bear etc., aber eigentlich klingen sie überhaupt nicht so. Viel eher nach Joy Divison, Interpol oder Bloc Party. Sie machten ihre Sache dann auch ordentlich
und vor allem der "(over) Song" und "I (Syc) Stop" wußten zu gefallen. Am Ende des Sets brachten die vier komplett in schwarz gekleideten Pariser dann auch einige recht experimentelle Lieder, wie z.B. "Paid it all" und das elektronische "Acrobatics". Ich kann ihr Debütalbum "Revolving Doors" auf jeden Fall empfehlen und werde sie weiter im Auge behalten. Eine hoffnungsvolle Band, die möglicherweise auch in Deutschland Erfolg haben wird.

von Oliver


 

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