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Donnerstag, 12. Juli 2012

Festival Le Rock Dans Tous Ses Etats, Evreux, 29.06.12

1 Kommentare

Festival Le Rock Dans Tous Ses Etats 1. Tag

Ort: Evreux, Normandie

Datum: 29.06.12

Zuschauer: tausende


Ach, herrlich, Freunde! Endlich wieder Festivals! Was gibt es Schöneres? Musik in frischer Luft, lolitahafte Mädchen mit knackigen Körpern, wohin meine lüsternen Altherrenaugen nur schauen (nennt mich Humpert Humpert!) und eine gute Band nach der anderen. Perfekt. Wenn dann noch das Wetter mitspielt, steht einem guten Tage nichts mehr im Wege.

So war dann auch jener 29. Juni 2012 close to perfect. Ich hatte eine Gratis-Eintrittskarte zugeschanzt bekommen, wurde von Freunden umsonst in die Normandie mitgenommen, bekam problemlos meine mittelgroße Kamera (eine Bridge) mit rein und genoss durchgängig tolle Bands und die hervorragende Stimmung. Zudem ist Le Rock Dans Tous Ses Etats nie überlaufen und die Wege von der einen zur anderen Bühne angenehm kurz.


Los ging es für mich mit dem Franzosen Daniel Darc. Ein Kultstar, der schon zu Zeiten der New Wave Bewegung mit seiner Gruppe Taxi Girl für Furore gesorgt hatte und unter seinem Namen regelmäßig sehr schöne, ungemein melancholische Alben mit französischen Texten aufnimmt. Der Kerl hat aber leider sehr exzessiv gelebt. Seine 53 Jahre sieht man ihm mehr als an, der bucklige Gang und die seltsame Körperhaltung lassen ihn noch viel älter erscheinen. Er konnte die Finger nicht von Drogen und vom Alkohol lassen und an den Folgen leidet er eben heute. Im Grunde genommen hat er Vieles mit Pete Doherty gemein. Genau wie der Brite hat Darc eine poetische Ader, liebt Literatur und hat eine feine Beobachtungsgabe. Er ist der ewig Unverstandene, der James Dean der französischen Popmusik.


Trotz allem oder gerade deswegen sind seine Lieder sehr bewegend. In Evreux rührte er mich mit seinem nuscheligen Gesang, seiner düsteren Poesie und den tollen Melodien fast zu Tränen. Es war heiß in der Normandie, nur wenig Leute waren zu diesem frühen Zeitpunkt schon erschienen und ein abgehalfteter Rockmusiker mit riesigen schwarzen Tattoos auf beiden Armen setzte mir emotional schwer zu. Schon kurios. Aber auch irgendwie schön. Seine Band war ohnehin spitze, gab dem Sound die Dynamik, die der Frontmann schon lange nicht mehr besitzt. Beschlossen wurde das recht kurze Konzert mit einem Medley englischer Klassiker von The Fall, The Clash und The Ramones (Blitzkrige Bop). Er mag eben diese alten Helden des Punk, der Daniel, obwohl ich ihn definitiv lieber auf französisch höre.



Dann war Seitenwechsel angesagt. Das Festivalvolk marschierte nun rüber zu der gegenüber liegenden Bühne, wo der Ameriker M. Ward und seine Band musizierten. Countryeske Klänge erfüllten die Anlage, es lag ein Hauch von Tennessee in der würzigen Luft der Normandie. Matt Ward hatte in den vergangenen Jahren ja vorwiegend Schlagzeilen mit seinem Duo-Projekt She & Him gemacht, aber bei dieser Festivalsaison geht er auch endlich mal wieder unter seinem Namen an den Start. Ich hatte mich lange nicht mehr mit ihm beschäftigt, war aber im Nu wieder angetan von seiner rauchigen Stimme mit dem bluesrockigen Timbre. Der Mann hat Klasse, keine Frage. Und der etwas antiquierte Stil seiner Band war eine Wohltat, eine schöne Abwechslung zum moderneren Allerlei, was man sonst bei Festivals so hört. Seine Songs kannte ich allerdings in der Mehrzahl nicht, zu lange war es her, daß Sachen von ihm auf meinem I-pod liefen. Erkannt habe ich aber sofort Chinese Translation (von Post War 2006) Primitive Girl (neu) und Rollercoaster (Post War), zudem das Cover Bean Vine Blues ' 2 von John Fahey.

Einige Festivalbesucher hielten das Ganze für zu amerikanisch, aber ich hatte meinen Spaß mit M. Ward und seiner Band. Ein tolles Konzert daß mit dem Chuck Berry Klassiker Roll Over Beethoven sein Ende fand.

Danach wurd's a weng krass. Bomba Estero aus Kolumbien zogen nun auf der anderen Bühne vom Leder und ihre Mischung aus funkigem Latino-Pop à la CSS und Hip Hop im Stile von M.I.A klang ziemlich beschmiert. Dennoch ging das Publikum ab wie so ein Zäpfchen und die jungen Mädchen hüpften rum als hätten se Hummeln im Hintern. A propos Hintern: der von der Sängerin sah in der engen Jeans Short ziemlich geil aus, aber das war auch schon das Einzige, was ich diesem Konzert abgewinnen konnte.


Im Anschluß kamen die Punkrocker von The Bronx auf der Scène B zu ihrem Recht. Ihre Musik war ein einziges unmelodiöses Gehaue und Gesteche, das man wohl nur besoffen ertragen konnte. Der klatzköpfige Fettsack von Sänger peitschte das Publikum permanent an und seine Liebslingsvokabel war hierbei "fuck". Alles bei ihm war "fuck". Logischerweise lautete sein Dank an die Zuschauer am Ende dann auch: "thanks for fucking."


Ab 21 Uhr 30 dann endlich wieder vernünftige Musik. The Rapture standen bereit und trotz des geschmacklosen Bandnamens wurde es nun stark. Punk/Funk war angesagt und diese Mischung funktionierte so gut, daß die Leute unentwegt tanzten. Die Ryhthmen waren aber auch enorm zackig und der eunuchenhafte Gesang von.... kam fantastisch rüber. Die Kuhglocken und die scharf angerissenen Gitarren taten ihr Übriges für das Gelingen eines mit Hits gespickten Sets. Get Myself Into It, House Of Jelous Lovers oder Echoes, hier wurde so manches Ass aus dem Ärmel geschüttelt. Die Stimmung war wirklich fantastisch, The Rapture genau die Band, die man brauchte. Wow!


Inzwischen war ich regelrecht euphorisch geworden und es war mir auch egal, ob es an dem Bier, den Schmerzmitteln oder der Musik lag. Hauptsache high. Die Hochstimmung konnte ich zu Crystal Castles rüberretten, die nun ihre wilde Show abzogen. Es zirpte, wummerte und schepperte wie verrückt und junge Körper zuckten im Rhythmus der synthetischen Noise-Musik. Die jungen Leute hatten absolut recht, denn Crystal Castles waren der absolute Hammer. Egal ob Baptism, Courtship Dating oder Crime Wave, jeder Stich fand sein Zeil, jeder Song war ein Volltreffer. Wohlige Erinnerungen an Atari Spiele wurden bei dem perlenden Sound wach und auch an Bands wie New Order oder die Pet Shop Boys, zwei meiner Lieblinge der 1980 er Jahre, musste ich denken.


Frontfrau Alice Glass hatte unterdessen keine Zeit sich Träumerein hinzugeben, sie war wie immer Hansdampf in allen Gassen. Wie eine hysterische Furie peitschte sie die Leute an, stieg auch einmal ins Publikum runter und hüpfte auf der Bühne wie Rumpelstilzchen.

Crystal Castles verstehen es einfach immer wieder, mich zu begeistern. Ihr Auftritt bei dem Festival in der Normandie bildete da keine Ausnahme, es war fantastisch. Einzig die Ordner waren etwas weniger angetan. Sie mussten nämlich immer wieder Crowsdufer rausfischen und über die Barriere ziehen.


Ach, es war einfach herrlich Freunde! Mailand oder Madrid, ähem... Mädchen oder Musik, Hauptsache Weiber.



Sonntag, 27. Juni 2010

Chokebore & The Black Keys & Caribou, u.a., Festival Le Rock Dans Tous Ses Etats, Evreux, 27.06.10

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Konzert: Chokebore & The Black Keys & Caribou, u.a., Festival Le Rock Dans Tous Ses Etats,
Ort: Hipodrome d'Evreux, Normandie, Frankreich

Datum: 27.06.10

Zuschauer: tausende
, aber leider weniger als in den letzten Jahren



Weiber, Weiber, Weiber! Obwohl glücklich verheiratet und seit 15 Jahren absolut treu, kann ich nicht davon lassen, hübschen Mädchen hinterherzugucken. Bei Festivals ist der Augenschmaus besonders groß und ich bin nicht der einzige Mann, der vom Kopfumdrehen einen steifen Nacken bekommt. Ein kleiner Tiger Woods schlummert irgendwo in jedem von uns. Und umgekehrt ist es ja genauso, bloß, daß die Mädels diskreter und weniger plump die Männer auf den Festivalwiesen inspizieren. An diesem heißen Juni Samstag war ich für einen Tag eine Frau. Sozusagen. Meine Augen waren nämlich zumindest eine gute Stunde lang auf den Womanizer Troy von Balthazar, seines Zeichens Frontmann der hawaiianischen Grunge/Sadcore Band Chokebore gerichtet. Wie gebannt beobachtete ich die Mimik und die auffällige Körpersprache des höchst charismatischen Sängers und Gitarristen. Was für ein Heißsporn! Dabei ist er zwischen den Songs so unglaublich höflich und wohlerzogen. Nie kommt ihm ein vulgärer Spruch über die Lippen, immer ist er anständig, sympathisch und kommunikativ. Wehe aber einer der unzähligen saumäßig traurigen und oft saumäßig harten Lieder von Chokebore wird angestimmt! Dann erkennt man ihn nicht wieder! Sein Blick wird diabolisch, der Körper bebt vor lauter Spannung und die Gitarre wird zur Waffe. Er scheint meistens einen Kampf gegen sich selbst zu führen, wimmert, brüllt, winselt wie ein geschlagener Hund. Ein Wechselbad der Gefühle, auch für die Fans. Nur Elliott Smith (der Allergrößte unter den Melancholikern) und Conor Oberst singen ähnlich weinerlich und voller Selbstmitleid, so daß man am liebsten gleich mitheulen möchte. Ein Troy Bruno von Balthazar verweilt aber nie lange im Jammertal, sondern begehrt mit aller Macht gegen die Depression auf. So als wolle er ausdrücken: "Ich lasse mich nicht von Dir unterkriegen, du verfluchte Schwermut! Nicht ich! Ich bin ein Held, ein Siegertyp, auch wenn ich manchmal hadere wie dereinst Boris Becker, der wie ein kleines Kind fluchte und schrie: "Miiissssssttt! Ich spiele mir eine Scheiße zusammen! Und so etwas in einem Wimbledonfinale!"

Sowieso seltsam und gleichzeitig ungemein faszinierend, wieso ausgerechnet ein blendend aussehender Sunnyboy wie Troy so traurig und verzweifelt sein kann. Man nimmt ihm seine Seelenpein dennoch ungeprüft ab, soviel Wut und Frustration kann man einfach nicht spielen. Oder aber Troy hat das Talent eines Hollywood Schauspielers. Alles ist möglich bei diesem ungekrönten Superstar der Indiemusikszene. Warum ist er eigentlich so unbekannt? Warum spielen Chokebore nicht im Stade de France wie die verfluchten Typen von Muse? Sind die Hawaiianer etwa nicht die famoseste Rockband der Welt? So dufte, daß Kurt Cobain himself Fan von ihnen gewesen sein soll? Hardcore Fans von Chokebore (und davon gibt es ein paar, selbst wenn es nicht allzuviele sind) wissen die Antwort. Klar ist das die beste Band der Welt! Man frage nur Florent, der sich seit Jahren um das Chokebore-Forum kümmert (auch in der Zeit, in der die Gruppe auf Eis lag) und natürlich heute auch wieder mit dabei war. Eine eingeschworene Anhängergemeinde haben die "alten Herren" also, aber Mainstream werden sie sicherlich nie werden. Zu wenig Kompromisse an die Massentauglichkeit machen die vier Mitvierziger und das ist auch gut so. Dennoch haben sie etliche Lieder, die als catchy zu bezeichnen sind (Days Of Nothing, You Are The Sunshine Of My Life, It Could Ruin Your Day etc.) ohne daß man aber wie bei fiesen Stadionrockern wie Muse oder Green Day mitgröhlen oder gar mitklatschen könnte. Pogo tanzen hingegen schon eher. Am Ende ging hier wirklich ziemlich der Punk ab und Troy gab noch einmal alles, strauchelte theatralisch über den Boden, schrie wie am Spieß und schleuderte wild mit seiner Gitarre durch die Gegend, bevor er nett lächelnd und "winke winke" machend mit seinen Jungs von der Bühne schlich. Eine Zugabe gab es noch, dann war Sense. Was für ein granatenhaftes Konzert! Oder wie der Franzose sagen würde: "Quel concert! Put... de sa mère!"

Setlist Chokebore, Festival Le Rock Dans Tous Ses Etats, Evreux (merci à Florent!!):

01: Narrow
02: Little Dream
03: Thin As Clouds
04: Alaska
05: Days Of Nothing
06: Popular Modern Themes
07: Lawsuit
08: Bad Things
09: Police
10: One Easy Pieces
11: You Are The Sunshine Of My Life
12: Coat

13: It Could Ruin Your Day

Es gab natürlich noch ein paar andere Bands beim Festival in Evreux. Viele kannte ich allerdings gar nicht. TV Glory, Shining, FM Belfast, wem sagen solche Namen schon etwas? Da hat man beim Line-Up im Gegensatz zu den letzten Jahren wo Headliner wie Franz Ferdinand, Gossip oder die Kaiser Chiefs aufgeboten wurden, doch deutliche Abstriche gemacht. Ein paar bekannte Formationen gab es aber doch:

Caribou: Elektro-Pop mit Grips, vorgetragen von einem nerdigen Vierer, der bühnentechnisch ganz kompakt aufgestellt war. Vorne links Ober-Caribou Dan Snaith, der ähnlich wie ein Konstantin Gropper ein Solokünstler mit Live Bandbegleitung ist und alle Fäden zusammenhält, rechts von ihm ein energischer Trommler und im Windschatten dahinter ein Bassist und ein Gitarrist. Die vier lieferten sich einen Wettkampf, wer am ehesten dem Klischeebild des einsamen, aber genialen Mathegenies entspricht, derart uncool wirkten sie. Einem Teil des Publikums gefielen sie trotzdem und wenn man sich auf die synthetische Musik einließ, konnte man in der Tat abtauchen und sich treiben lassen. Ich hingegen schwitzte bei über 30 Grad wie ein Blöder und wäre am liebsten Baden gegangen oder so. (witzigerweise heißt das aktuelle Album von Caribou Swim, das passt!) Da kein Schwimmbad oder See in der Nähe war, verweilte ich aber bei den Kritikerlieblingen und konnte dem ein oder anderen Song etwas abgewinnen. Zum wirklichen Fan werde ich aber wohl nie, weil die Kerle ihre verfluchten Gitarren nicht einsetzten, wie sich das für richtige Männer gehört. Ich hörte nur Computerklänge und zuweilen zwei Schlagzeuge auf einmal. Ein paar Titel kannte ich, so z. B. Melody Day vom Album Andorra oder auch Odessa vom neuen Longplayer. Innovativ und ideenreich sind Caribou ja, aber es gibt charismaterische Bands. Live also am besten mit geschlossenen Augen genießen...

The Jim Jones Revue: Was war das denn für ein Käse? Wild posende alte Herren, die klangen als hätten sie Jerry Lee Lewis oder Elvis mit der Muttermilch aufgesogen?! Vermutlich sollte das bluesiger Gargenrock oder Rockabilly sein und die jungen Leute im Publikum fanden das so stark, daß sie das Crowdsurfen anfingen, mir wurde es nach 5 Liedern aber zu bunt und ich ging eine Runde pinkeln. Pfui Teufel! Äh, ich meine natürlich den Zustand der Stehklos in Evreux. Obwohl...

The Black Keys:

Dan Auerbach sieht mit gestutztem Bart und kürzeren Haaren gar nicht so übel aus! Da fragt man sich, warum der Sänger und Gitarrist der Black Keys früher immer wie ein Waldschrat rumgelaufen ist. Wollte er sein wahres Gesicht verstecken? Wie auch immer, die Black Keys haben jedenfalls gerockt wie damals, als ich sie 2006 in der Pariser Cigale gesehen habe und von dem rohen, staubtrocken Bluesrock sehr angetan war. Seitdem sind sie Album für Album die Karriereleiter kontinuierlich heraufgeklettert, Dan Auerbach hat ein vielgelobtes Solowerk veröffentlicht und mit Brothers gibt es einen aktuellen Output. Um die neuen Stücken live umzusetzen, kamen heute zwei zusätzliche Musiker mit hinzu. Wozu genau die da waren, wußte ich allerdings nicht so recht, denn die Black Keys machen schon als Duo einen Höllenlärm und brauchen eigentlich keine Verstärkung, um ein Festivalgelände in Wallung zu versetzen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, daß ich die neuen Tracks vom aktuellen Opus Brothers vorher nicht kannte und so war es auch nicht weiter verwunderlich, daß mich ein altes Lied am Ende am meisten packte. Your Touch ist so herrlich auf den Punkt gespielt und so kompromisslos hart, daß ich noch eimal richtig in Fahrt kam.

The Black Keys sind cool, schaut sie euch an, wenn sie in eurer Nähe aufkreuzen!

Suicidal Tendencies: Genau das Gegenteil empfehle ich für Leute mit Geschmack, wenn Suicidal Tendencies in eurer Stadt spielen. Ein einziges Gehaue und Gesteche, feiste Typen die mit Football Shirts rumhüpfen wie verfluchte Rapper und mit diesem Käse natürlich beim Publikum super ankommen. Schauderhaft! Aber so ist das eben bei Festivals, da gewinnen immer die Krachmacher und Bulldozer die Sympathien und mir wurde hinterher zugetragen, daß am Ende jede Menge Leute auf die Bühne geholt wurden. Da war ich zusammen mit meinen beiden Kumpels längst schon im Auto Richtung Paris unterwegs. Wir waren uns einig: Chokebore allein waren die Anreise wert!


Aus unserem Archiv:

Chokebore, Paris, 19.02.2010
Chokebore, Brüssel, 20.02.2010 (bei Christophs Bericht blieb es leider bei einer Einleitung. Das Konzert hat ihm die Sprache verschlagen, gell?
Chokebore, München, 16.02.2010 von Eike vom Klienicum



Donnerstag, 3. Juli 2008

Foals, Gossip, The Dø, Le Rock Dans Tous Ses Eats, Evreux, 28.06.2008

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Konzert: Foals, The Dø, Gossip, u.a.
Ort: Evreux, Festival Le Rock Dans Tous Ses Etats,
Datum: 28.06.2008
Zuschauer: tausende



Nach dem fabelhaften Auftritt von Camille war ich so erschöpft und durstig, dass ich eigentlich erst einmal eine längere Pause einlegen wollte.

Ich streunerte ein wenig auf der schönen Wiese umher und sah meine Frau, wie sie, in einen Krimi vertieft, auf dem Boden lag. Ihre Konzertbegeisterung hält sich eher in Grenzen, aber wenn die Editors, die Kaiser Chiefs, oder die Babyshambles spielen, kann auch sie aus dem Häuschen sein.

Statt zitierter englischer Bands standen aber jetzt lediglich die eher unscheinbaren Belgier von Girls In Hawaii auf dem Programm. Ich hatte inzwischen getrunken und 10 Minuten auf der Wiese abgehangen, da packte mich doch die Neugierde und ich wollte mir die "Mädchen von der schönen Insel" mal näher ansehen. Ich traf auf meinen Freund Yves, der gebannt auf die Bühne schaute und sich von der Musik angetan zeigte: "Klingt irgendwie wie Radiohead, nur nicht so nervtötend!" Er hatte nicht ganz Unrecht, der blonde Sänger hatte wirklich eine Stimme, die ein wenig an Thom Yorke erinnerte. Ansonsten war das Ganze eher poppig (aber nicht süsslich!) gehalten und Assoziationen zu den Beatles oder auch Belle & Sebastian konnten einem in den Sinn kommen. Aber wer glaubt, dass die Burschen, die vor ein paar Monaten ihr neues Album "Plan Your Escape" herausgebracht haben, nur auf soft machen, sah sich getäuscht. Manchmal fegten sie ganz wild rockend über die Bühne! Schaut sie Euch an, wenn sie in eurer Nähe sind, es lohnt sich!

Das Gleiche gilt auf für das finnisch-französische Duo The Dø, bestehend aus der bildhübschen Finnin Olivia B. Merilahti und dem Franzosen Dan Levy.

Die beiden Senkrechtstarter spielen so gut wie jedes Festival in Frankreich und kommen bis Ende des Jahres aus dem Tourstress auch nicht mehr heraus. Angesichts dieses enormen Pensums war ihr Auftritt dann auch wieder sehr ordentlich, ohne allerdings durchgängig hochklassig zu sein. Dafür ist ihr Songmaterial einfach zu unausgewogen. Der Superhit "On My Shoulders" ragt jedes Mal deutlich heraus und nur "At Last" und "The Bridge Is Broken" können da einigermassen mithalten.

Toll ist allerdings die Ballade "When Was I Last Home", die Olivia am Piano vortrug. Die Frage, die das Lied aufwirft, dürften sich die beiden Musiker in letzter Zeit auch häufig gestellt haben. Und Ruhe haben sie noch nicht einmal, wenn sie selbst gar nicht spielen!

Olivia wollte sich gemütlich das Konzert der Engländer Foals ansehen, hatte extra ihre Kapuze ins Gesicht gezogen, wurde aber sofort von Fans erkannt und dann kam sie aus dem Autogrammeschreiben nicht mehr heraus. Die negativen Seiten der Popularität...

Kommen wir zu Foals, die ebenfalls ausgiebig touren (sie kamen gerade eben aus Glastonbury) und einen Termin nach dem anderen absolvieren.

Die feschen Burschen zeigten von Anfang an, dass sie auch auf einer grossen Bühne locker bestehen können und nicht nur in kleinen Clubs abräumen. Sehr früh spielten sie "Cassius" und die Menge vor der Bühne tanzte ausgelassen zu den mathrockigen Klängen. Hits dieses Kalibers feuerten sie noch weitere ab, Hänger oder Rohrkrepierer gab es somit keine. Das Problem war allerdings, dass ich schon gegen Mitte des Konzerts immer stärker spürte, dass sich fast jedes Lied gleich anhört. Man könnte im Grunde genommen zu jedem Titel "Cassius, Cassius" singen...

Gegen Ende irritierte mich dann auch die Stimme von Yannis Philippakis, die so verdammt nach Kele "Bloc Party" Okereke klingt! Allerdings muss man Yannis zugute halten, dass sein Kehlchen viel beständiger ist. Wer Kele Okereke schon mehrfach erlebt hat, weiss, dass er an schlechten Tagen keinen Ton trifft!

Alles in allem also waren Foals für mich nur gehobener Durchschnitt, nicht mehr aber auch nicht weniger. Die Franzosen waren allerdings angetan, was auch daran lag, dass Yannis Sätze wie "Vive La France" vom Stapel liess und sagte, dass die Menschen in Frankreich wesentlich hübscher als in England seien...

Um 23 Uhr 30 war dann die Zeit für Beth Ditto und Gossip gekommen. Gewohnt wild fegte die Wuchtbrumme über die Bühne und bewies, dass man nicht schlank sein muss, um dynamisch und schnell zu sein. Die hochexplosive Punkröhre liess schon nach ein paar Lieder kein Zweifel daran aufkommen, dass man sie und ihre Band nicht zu Unrecht als Headliner verpflichtet hatte. Gossip ziehen einfach immer und überall, gegen ihren Dampfwalzenstil ist kein Kraut gewachsen! Allerdings muss man auch hier anmerken, dass manche Titel deutlich herausragen und ander wiederum ein wenig abflachen. Der Opener "Listen Up!" und auch "Jealous Girls" rockten wie Hölle, aber die hohe Intensität konnte nicht immer ganz gehalten werden.

Wenn man ganz ehrlich ist, wartet man bei Gossip von Anfang an auf den Oberhammer "Standing In The Way Of Control", weiss aber, dass dieser Riesenhit immer erst zum Schluss gespielt wird. Beth, die heute in einem violetten Kleid mit Gürtel erschienen war, ist sich dessen auch bewusst und so sagte sie dann auch "Standing In The Way Of Control" lediglich mit den trockenen Worten: "Are you ready?" an.

Jeder wusste, was jetzt passieren wird: eine riesige Party würde steigen! Und so war es dann auch, Beth kletterte ins Publikum hinab, schrie sich die Seele aus dem Leib und kam später noch einmal mit einem Handtuch auf dem Kopf zurück, um ein weiteres Lied vorzutragen. Ein Triumph!

Aber die Party war noch nicht ganz zu Ende. Es gab nämlich noch einen Überraschungsgast in der Form des schwedischen Spass-Kollektivs I'm From Barcelona. Die 20 (30??)-köpfige Band um den rothaarigen Gitarristen und Sänger liess mächtig die Korken knallen.

Mit Songs wie "Treehouse" und "Collection Of Stamps" rissen sie die Zuschauer noch einmal unglaublich mit und beschossen das Publikum mit Luftballons und einer Konfettikanone. Es regnete über Evreux, aber man wurde nicht nass. Stattdessen hatte irgendwann jeder die kleinen Teile in den Haaren und ein breites Grinsen auf dem Gesicht.

Was gespielt wurde, war eigentlich zu diesem Zeitpunkt unerheblich, niemand wollte sich die Feierlaune verderben lassen.

Und so endete dann das wunderbare Festival in Evreux mit glücklichen Gesichtern und hochzufriedenen Gästen, die von der riesigen Band auf der Bühne ohne Unterlass abgeknipst wurden!







Camille, Le Rock Dans Tous Ses Etats, Evreux, 28.06.08

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Konzert: Camille
Ort: Evreux, Festival Le Rock Dans Tous Ses Etats
Datum: 28.06.2008
Zuschauer: tausende
Konzertdauer: ca. 50 Minuten
Konzertbühne: Scène A

Der Prophet gilt ja bekanntlich nichts im eigenen Land. Das ist in Deutschland so und auch in Frankreich gibt es das gleiche Phänomen.

Gerade wenn ich Franzosen, die ähnlich konzertsüchtig wie ich sind, erzähle, dass ich mir einen französischen Künstler ansehen möchte, kommen Reaktionen irgendwo zwischen Stirnrunzeln und Schulterzucken. "Gibt es heute denn nichts Besseres?", scheinen sie mit ihrer Körpersprache andeuten zu wollen und meinen damit in der Regel Bands aus England oder den USA...

Aber ich bin nun einmal kein Franzose und gehe deshalb nicht automatisch davon aus, dass Künstler aus Paris oder Bordeaux zwangläufig kacke sein müssen. Im Gegenteil, gerade in den letzten Jahren habe ich viele hochklassige französische Gruppen für mich entdeckt.

Heute war ich neugierig auf Camille. Die junge Dame hatte ich nie zuvor auf einer Bühne gesehen, ihre Konzerte in Paris waren in aller Regel innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Der Publikumserfolg, ein Widerspruch zu dem, was ich eingangs gesagt habe? - Nicht wirklich, denn Camille zieht spätestens seit ihrem Album "Le Fil" ein Massenpublikum an und hat grosse kommerzielle Erfolge. Das Pariser Indie-Publikum steht ihr da skeptischer gegenüber. Ich persönlich kann mich jetzt nicht daran erinnern, dass einer meiner vielen Pariser Konzertbekannten mal auf einem ihrer Konzerte war. Oder haben sie mir das etwa verheimlicht?
Ist es peinlich Camille zu mögen?

Ich musste mir selbst ein Bild verschaffen und beim vorzüglichen Festival in Evreux bot sich jetzt die Gelegenheit dazu. Es war kurz vor 20 Uhr, die Yeasayer waren gerade auf der Scène B mit ihrem Set durch und hatten mich nicht wirklich vom Hocker gerissen.

Ich grübelte: "Würde mich Camille begeistern oder nerven? Ich hielt beide Varianten fur möglich...

Als erstes fiel ihr knalliges, orangefarbenes Gewand auf. Das extravagante Teil leuchtete dermassen, dass man es auf hunderte von Metern erkennen konnte. Nicht umsonst tragen Häftlinge in den USA orange! Camille war also nicht zu übersehen!

Aber sie war nicht alleine gekommen. Um das Spektakel komplett zu machen, bedurfte es etlicher Helfer, die aber selten über die Statistenrolle hinauskamen. Zu Camille's Team gehörten zwei Background-Sängerinnen, zwei Typen, die für die Percussions und die Chöre verantwortlich waren und mit ihren T-Shirts aussahen, als seien sie für eine Raumschiff Enterprise Folge gecastet worden, ein kurzhaariger Pianist (der auf den Namen MaJiKer hört) und zwei Kerle, die als menschliche Beatbox agierten.

Im Vordergrund strahlte aber nur eine: Camille!

Die kesse Pariserin hopste, tanzte, wirbelte, sprang Seil(!), schlug sich auf die Brust und machte allerlei komische Grimassen. Zu ihrer Eigenart gehört auch, dass sie mit dem Mund teilweise Pfurzgeräusche erzeugt. Mut zur Hässlichkeit hat die eigentlich hübsche und gutgebaute Frau also auf alle Fälle! Hierzu passt auch, dass sie zunächst mit viel zu grossen lilafarbenen Socken über die Bühne turnte.

Und mit ihrer Stimme macht sie ohnehin was sie will! Sie stöhnt, rappt, haucht, keift, greint, was das Zeug hält und erzeugt - perfekt unterstützt durch ihre menschliche Beatbox - Töne, die ich in dieser Form noch nicht gehört habe. Aber das Beste ist, dass ihre Stimme, wenn sie denn einmal "normal" singt, einfach wunderschön ist! Manchmal klingt sie fast wie Patricia Kaas, aber im Grunde genommen gibt es gar keinen Vergleich. Camille's Stimme ist einzigartig und höchst prägnant!

Auch ihr Humor ist unschlagbar, sie hat auf jeden Zuruf aus dem Publikum eine kesse Antwort parat, lässt durch ihren hübschen Mund übelste Schimpfwörter gleiten und guckt dabei so unschuldig wie ein kleines Mädchen. Mir war sofort klar, dass sie sehr intelligent sein muss und auch aus guten Verhältnissen kommt. Und ihre Wikipedia-Seite, die ich heute zum ersten Mal konsultiert habe, lieferte mir auch prompt den Beweis. Camille ist Tochter einer Lehrerin und eines Musikers und hat auf dem angesehensten Gymnasium in Paris Abi gemacht und eine sehr schwere Aufnahmeprüfung bestanden, die ihr den Zugang zum Studium der Poltikwissenschaften verschaffte!

Wenn eine solche Überfliegerin dann Wörter wie "Saloppe" (zu deutsch: Schlampe) in den Mund nimmt und das Publikum auffordert, sie im Chor als eine solche zu bezeichnen ist das natürlich noch wesentlich effektiver, als wenn eine dumme, vulgäre Tussi das gleiche machen würde...

Natürlich stösst das auch Leute ab, aber die Pariserin nimmt das in Kauf und lässt sich dadurch in keiner Weise irritieren. Das Weib hat Mut! Und Talent, soviel Talent!

Stimmlich unfassbar variabel, showtechnisch sensationell und ihre Lieder sind höchst kreativ und innovativ!

Bevor ich aber auf die Songs eingehe, möchte ich noch kurz die zwei spektakulärsten Szenen schildern. Das gab es zunächst den Gag mit ihrem Hund (welche Rasse? Ein Dackel? Den Namen weiss ich, er heisst Brad Pitt!). Passenderweise nach dem Lied "Cats And Dogs" (zudem ein Teil des Publikums miaute, der ander wuff wuff machte!) hob die Französin ihren Köter ans Mikro und das Tier jaulte im Wechselspiel mit der durchgeknallten Künstlerin ins Mikro. Köstliche Unterhaltung für die meisten Zuschauer, ein Graus für Tierschützer! Aber letztgenannte machen sich in Frankreich nicht so wichtig wie in Deutschland und der WauWau wird es verkraften. Brad Pitt dürfte ja sein spleeniges Frauchen inzwischen kennen!

Die andere aufsehenerregende Szene ereignete sich im Zugabenteil. Camille hatte ihr orangefarbenes Gewand gegen ein elegant wirkendes schwarzes Abenkleid gewechselt und schien von nun an ganz züchtig zu sein. Aber weit gefehlt! Nach der Vorstellung jedes einzelnen Musikers drehte sie sich um und gab den Blick frei auf ihren extrem weit ausgeschnittenen Rücken. Wenn man genau guckte, konnte man ihre Poritze erkennen! Ich musste mich beherrschen, keinen Ständer zu kriegen! Dieses Luder!

Hatte sie das nötig? Sie hatte doch vorher bereits mit vorzüglichen Lieder überzeugt, so z.B. mit dem melancholischen Neuling "Home is Where it Hurts" oder dem cabarethaften "Cats And Dogs", von den Zugaben "Ta Douleur" und dem absolut herzzereissenden Oldie "Pâle Septembre" ganz zu schweigen!

Bei jenem "Pâle Septembre" sang sie am Piano mit traumhaft schöner Stimme Texte wie "Je t'aime toujours" und jagte mir damit einen Pfeil ins Herz.

Auch ich liebe diese Ausnahmekünstlerin, selbst wenn das abschliessende "Money Note" eher doof war. Das spielte aber keine Rolle mehr, Camille hatte den besten Auftritt des ganzen Festivals hingelegt! Und die Indie-Szene in Frankreich sollte die Dame nun auch endlich in ihr Herz schliessen!


Links:

- mehr Fotos von Camille hier
- Videoclip Camille Gospel With No Lord
- Videoclip Money Note
- Pale Septembre live, sehr schön!








 

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