Konzert: Diego Zavatarelli (als Support von Dry The River) Ort: L'Espace B, Paris Datum: 25.02.2012 Zuschauer: volle Hütte, etwa 250 Konzertdauer: etwa 30 Minuten
"Nimm Diego, der spielt viel besser Gitarre als ich!"
Die amerikanische Folksängerin Erica Buettner sagte diesen Satz im Urton der Überzeugung, als sie mit meiner Frau über Gitarrenunterricht verhandelte. Das war vor mindestens einem Jahr (oder ist es schon wieder länger her?) und seitdem ist Diego Zavatarelli der Gitarrenlehrer meiner Süßen. Und Erica hatte den Mund nicht zu voll genommen, der in Paris lebende Argentinier ist wirklich ein famoser Gitarrist, 9 Jahre Erfahrung als Schüler und Lehrer am Konservatorium in Buenos Aires sprechen für ihn. Sein Fingerpicking und seine grazile Technik gehen weit über das hinaus, was man üblicherweise zu sehen und zu hören bekommt. Er steht damit ganz in der Tradition virtuoser Techniker wie Nick Drake oder Bert Jansch, erinnert mit seiner lateinamerikanischen Note aber auch an Mia Doi Todd.
Sein Talent an der Akustischen ist nicht unbemerkt geblieben, José Gonzales, Schwede argentinischer Herkunft, arbeitete schon mit ihm zusammen und bescheinigte ihm eine Menge Potential. Leider hat es in Paris aber noch nicht zu allzuvielen Liveauftritten gerriecht. Dabei ist es gerade das, was der Fußballfan (sein Idol: Mario Kempes) möchte: auf der Bühne stehen. Umso erfreulicher, daß der Konzertveranstalter Alias ihn kurzfristig ins Vorgprogramm der aufstebenden Engländer Dry The River hievte. Endlich mal wieder vor Leuten spielen, das war es was Diego so sehnlich herbeiwünschte.
Und er machte seine Sache ausgezeichnet. Vor etwa 100 Leuten spielte er seine erste EP Shadows nahezu komplett durch und weil es hierzu zwei schöne Videos gibt, möchte ich zwei Perlen davon herausgreifen. Zum einen The Beginning Of The End, ein sehr melodisches und auf anziehende Weise melancholisches Stück. Sein dicht gewebtes, fluides Gitarrenspiel bettete aufs Beste seinen luftigen Gesang, der auf CD auch noch von Chören aufgemöbelt wird. Und zum anderen In Between, ein düsterer, fast gothisch anmutender Titel voller Schwermut und Nick Drakescher Poesie. "We are all looking for freedom, we are all searching for love", sang Diego hochkonzentriert und ließ sich auch nicht davon aus dem Tritt bringen, daß ein höchstens 16 jähriges Mädchen im Publikum regemäßig spitze Schreie losließ, aus welchem Grund auch immer. Dermaßen unreife Leute gehören eigentlich nicht auf ein solches Konzert und ich frage mich, ob sie sich nur annähernd in die Situation des Künstlers hereinversetzten konnte, oder ob es ihr egal war, wie es Diego erging.
Der Argentinier aber verzog keine Miene, sondern brachte sein Set souverän zu Ende. Zum Abschluß spielte er noch zwei Titel in seiner Muttersprache spanisch und wenn zumindest ein paar Leute auf ihn aufmerksam geworden sind, hatte die Sache sich für ihn eigentlich schon gelohnt.
Leute, die wie Erica Buettner oder Jose Gonzales etwas vom Fach verstehen, wissen ja schon lange, daß Diego ein Guter ist!
Setlist Diego Zavatarelli, Espce B, Paris:
01: Asturias (classical piece by Albeniz) /Oceans Of Time 02: Donde Mueren Los Amores Olvidados 03: The Beinning Of The End 04: In Between 05: Shadows 06: Invisible Prison 07: Espiral 08: Disoluble
Konzert: Diego Zavatarelli Ort: La Loge, Paris Datum: 14.04.11 Zuschauer: 15 oder so Konzertdauer: etwa 50 Minuten
Diego Zavatarelli. Den Preis für den schönsten Namen hat der Argentinier auf jeden Fall schon einmal gewonnen. Za-va-ta-relli, das hat Klang, zergeht fast auf der Zunge. Aus seinem südamerikanischen Heimatland kennen wir ja eher Fußballer. Mario Kempes, Diego Maradonna, Lionel Messi, um nur die Bekanntesten zu nennen. Zavatarelli kickt nicht, zumindest nicht professionell, sondern ist Singer/Songwriter, lebt seit knapp 2 Jahren in Paris. Der Liebe wegen.
Ich hatte ihn schon zweimal live auf einer Bühne erlebt, aber jedesmal gab es Störfaktoren, die den Hörgenuß beeinträchtigten.. Als er im März 2010 im Café de Paris spielte, war ich brutal müde und als er vor ein paar Wochen im International auftrat, plapperten die Leute viel zu laut und seine Gitarre war zu leise. Dabei ist seine erste EP Shadows hervorragend und gespickt mit tiefmelancholischen, fast gothisch anmutenden Folksongs. Der argentinische Nick Drake, so könnte man ihn nennen, wohlwissend das Drake eine Klasse für sich war und insofern solche Vergleiche eine Bürde für jeden Nachfolger darstellen. Nichtsdestotrotz, Zavatarelli kann so einiges in die Waagschale werfen. Vor allem sein Gitarrenspiel, sein filigranes Fingerpicking, ist Extraklasse. Kein Wunder, Diego ist seit Jahren Gitarrenlehrer, hat eine klassische Ausbildung durchlaufen.
Schade insofern, daß am 14. April nur maximal 15 Leute den Weg in die Pariser Loge gefunden haben. Ohne extensive Promo, ohne Anzeigen in Zeitschriften und U-Bahnen, ist es in der französischen Metropole enorm schwierig, Locations zu füllen. Diejenigen die da waren, erlebten allerdings ein astreines Konzert. Dieses Mal gab es nicht den geringsten Störfaktor. Der Sound war brillant, niemannd plapperte, alle hörten gespannt zu. Diego spielte seine wundervolle EP komplett durch. Besonders Like Autumn Clouds begeisterte mich über alle Maßen. "Every lovely word you said to me still sounds in my mind", sang Zavatarelli und eine Gänsehaut übermannte mich. Seine Musik könnte ich mir gut in einer Kirche vorstellen, sie ist kontemplativ, spirituell, choral.
Aber er sang nicht nur auf englisch, sondern in zwei Fällen auch in seiner spanischen Muttersprache, was der Sache eine besonder Note hinzufügte.
Spektakulär dann das Ende. Zu den letzten zwei Liedern, jeweils Coversongs, bat Zavatarelli seine französische Frau Marlene auf die Bühne und die Dame sang vor allem den 60 er Jahre France Gall Klassiker Poupée de Cire Poupée de Son so lieblich, daß sich die Leute im Publikum begeistert ansahen. Den alten Kraftwerk Hit Radioactivity hatten Diego und Marlene ganz aktuell mit ins Programm aufgenommen, um der Sorge über die Atom-Katastrophe in Fukushima Ausdruck zu verleihen. Sowohl Fukushima als auch Tschernobyl fanden schließlich im Text Erwähnung. Verblüffend wie der alte Elektro-Song im folkigen Gewande klang, ganz anders als das Original, aber erstaunlich organisch und warm.
Insgesamt ein erstklassiges Konzert. Argentinien hat nicht nur Fußballer zu bieten, hört euch auch Zavatarelli an!
Setlist Diego Zavatarelli, La Loge, Paris:
01: Asturias 02: Oceans Of Time 03: Like Autumn Clouds 04: In Between 05: Persistent Universe 06: A Lost Paradise 07: Espiral 08: Shadows 09: Invisible Prison 10: Donde Mueren Los Amores Olvidados 11: The Beginning Of The End 12: Poupée de Cire Poupée De Son(France Gall) 13: Radioactivity(Kraftwerk)
Konzert: In Gowan Ring & Lisa o Piu & Diego Zavatarelli Ort: Café de Paris Datum: 28.03.2010 Zuschauer: geschätzte 100 Konzertdauer: insgesamt fast 3 Stunden
Selbst nach 8 Jahren rastlosen Unterwegsseins in Pariser Hallen, Clubs, Bars und Cafés gibt es für mich nach wie vor neue Locations in der französischen Metropole zu entdecken. Und selbst nach mehreren hundert besuchten Konzerten stoße ich immer noch auf Musiker, die mir vorher unbekannt waren. So wie an jenem 28. März 2010. In Gowan Ring spielte im Café de Paris. Doppeltes Neuland. Die Location war schnell gefunden, liegt sie doch inmitten des trubeligen Oberkampf Viertels unweit des Nouveau Casino und der Maroquinerie. Erstaunlicherweise handelt es sich aber nicht um ein kleines, enges Café wie ich das erwartet hatte, sondern um einen festlichen, stimmungsvollen Saal, in dem man sogar stilvoll eine Hochzeit feiern könnte. Genauer gesagt gibt es hier beides. Im vorderen Teil ein Café bzw. eine Bar und im hinteren jenen schlauchförmigen Festsaal. Vermutlich ist der die meiste Zeit geschlossen und wird nur für besondere Veranstaltungen wie heute geöffnet. Ein nettes Pariser Mädel namens Carole hatte geladen (ich hatte sie ein paar Tage zuvor kennengelernt) und sich die Unterstützung der Unternehmung "Le 7 ième Ciel" hinzugeholt. Le 7 ième Ciel funktioniert so ähnlich wie die Oliver Peel Sessions. In einer Privatwohnung werden Konzerte veranstaltet und ausgewählte Gäste eingeladen. Ich selbst kam nie in den Genuß eines solchen Konzertes, obwohl mit Whalebone Polly Künstler genannt werden können, die sowohl im 7 ième Ciel als auch bei uns gespielt haben. Die könnten mich also ruhig auch mal einladen, ich würde natürlich das Gleiche tun! Nun gut...
Ich sitze also an einer langen Tafel im Café de Paris und warte genau wie alle anderen auf den ersten Künstler des Abends. Diego Zavatarelli heißt der Bursche, der gegen 21 Uhr 30 auf der hübschen Bühne erscheint. Ein Argentinier, der in Paris lebt. Seinem Akzent zufolge hatte ich ihn glatt für einen Franzosen gehalten, vielleicht hat er sich schon den seltsamen französischen Akzent beim Aussprechen englischer Wörter angeeignet. Sein Vortrag auf der Akustikgitarre gestaltet sich anfangs ziemlich zäh, aber im weiteren Verlaufe komme ich etwas besser rein. Einen nachhaltigen Eindruck hat er dennoch nicht bei mir hinterlassen. Vielleicht müßte ich ihn noch einmal sehen, um auf den Geschmack zu kommen.
Nach einer kurzen Pause wird die Bühne von einer vielköpfigen Truppe eingenommen. Es handelt sich um die Band der Schwedin Lisa o Piu, die den amerikanischen Troubadour In Gowan Ring heute unterstützt. Von dem lockenköpfigen Burschen, der aussieht wie Ex-Kommune 1 Chef Rainer Langhans, hatte ich zuvor nie ein Sterbenswörtchen gehört. Ein paar Experten im Saael kreiden mir das übel an. Was, Du kennst In Gowan Ring nicht? Und Birch Book auch nicht? Ich versteh' nur Bahnhof! Was ist denn jetzt Birch Book? Achso, das ist das andere Projekt des Barden. Langhans, ähem B'eirth wie er sich nennt, legt also los. Ich bewege mich nach nach vorne und sehe seine grüngebeizte Gitarre. Sehr kunstvoll und hochwertig gearbeitet, aber wenn ich ehrlich sein soll: ein etwas gewöhnungsbedürftiges Teil! Sieht aus wie die Schuhe des französischen Nobelherstellers Berluti. Die haben genau den gleichen Grünton im Sortiment und ich frage mich immer, wer so etwas tragen kann (und wann?). Hinterher erfahre ich, daß der Künstler die noblen Klampfen selbst herstellt. Feinste Handarbeit! Der Kerl spielt in Socken, das passt ins Bild. Irgendwie erinnert er mich mit seiner runden Brille an Reinhard Mey. Keine gute Assoziation, ich versuche sie zu verdängen. Die gespielte Musik ist sehr harmonisch und erlesen. Stimmlich gibt es Parallelen zum großen Nick Drake, aber bei In Gowan Ring klingt alles keltischer, mittelalterlicher und weniger spartanisch als bei Nick. Boat Of The Moon ist von profunder Schönheit, streichelt die Seele, tröstet. Ein Kleinod. Viele Songs des heutigen Sets stammen aber von Birch Book, dem Nebenprojekt von B'eirth, das weniger keltisch und psychdelisch und mehr dem tradionellen Folk verhaftet ist. Für mich schwer zu unterscheiden, da ich schändlicherweise beide Projekte vorher nicht kannte. Ein Lied mit Violinenbegleitung gefällt mir besonders, hinterher recherchiere ich und stelle fest, daß es sich um das recht neue Crack Of The Sun handeln muss.
In den allermeisten Fällen wird B'eirth heute von den Musikern von Lisa o Piu unterstützt, aber ein paar Lieder trägt er auch alleine vor. Bei Dandelion Wine mischt wieder die Band mit. Ein schwarzes, mysteriöses Stück, bei dem Lisa das Glockenspiel zum Schwingen bringt. Sicherlich ein Highlight. Warum B'eirth allerdings bei der Zugabe ein Stück von Georges Moustaki covert, erschließt sich mir nicht ganz. Vielleicht wollte er den Franzosen zu Liebe einen Chanson auf französisch vortragen?!
Insgesamt spannend, ich muß mich unbedingt in das Werk von In Gowan Ring und Birch Book einarbeiten.
Dann darf die Schwedin Lisa o Piu ihre eigenen Lieder vortragen. Sie und ihre Band hatten wir ja bereits bei In Gowan Ring im Einsatz erlebt. Eine gut eingespielte, harmonisch agierende Truppe, in der Lisa nicht nur Akustikgitarre, sondern auch Querflöte spielt. Wenn ich das richtig verstanden habe, zupft sie aber normalerweise auch noch auf einer Harfe. Auch das Foto auf ihrem Album Behind The Bend (2010) zeigt sie mit dem imposanten Instrument. Aufgrund der Sperrigkeit bleibt die Harfe aber in Schweden und es muß auch ohne gehen. Ihre Stimme ist sehr schön und lieblich und hat ihr in der Musikpresse (Mojo) schon Vergleiche mit Sandy Denny und Vashti Bunjan eingebracht, aber so ganz stimmt das nicht, denn Sandy hatte einen deutlich hörbaren (tollen) englischen Akzent, während man bei Lisa ganz leicht die schwedische Mundart raushört. Zudem klingt ihr Kehlchen kindlicher und weniger reif als bei Sandy und Vashti. Teilweise wird deshalb auch Joanna Newsom ins Spiel gebracht. Aber lassen wir die Vergleiche! Ohnehin tragen ihre barocken Kompositionen ihre ganz eigene Duftnote. Schade, daß ich keine Lieder zitieren kann, da mir die Künstlerin vorher nicht vertraut war. Ein Stück sticht besonders hervor. Es ist äußerst komplex, Stimmungs-und Tempo schwankend und stattliche 15 Minuten lang. Der Track stammt vom dem 2010 er Werk, welches ich mir hinterher zulege. Aber ich denke auch der Vorgänger When This Was The Future lohnt, was überhaupt für den ganzen Abend gilt: Eine sehr lohnenswerte, schöne Veranstaltung!
Setlist In Gowan Ring, Café de Paris, Paris
01: Introduction 02: White Angel (Birch) 03: Boat Of The Moon (In) 04: Crack Of The Sun (In) 05: Patchwork Woman (Birch) 06: Feet Of Clay (Birch) 07: Moon Over Ocean 08: Warm Wind And Rain 09: Corners Of My Life 10: The Stag 11: Life's Lace (Birch)
12: Dandelion Wine (In) 13: Le Temps De Vivre (Georges Moustaki)
Setlist Lisa o Piu (grand merci à Carole!), Café de Paris, Paris:
01: Forest Echo 02: Cinnamon Sea 03: The Party 04: Two 05: Child Of Trees 06: And So On
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