Mittwoch, 24. Februar 2016

Novella, Luxemburg, 23.02.16


Konzert: Novella
Ort: De Gudde Wëllen, Luxemburg
Datum: 23.02.2016
Dauer: Novella gut 45 min, Cyclorama knapp 45 min
Zuschauer: 55 ungefähr


 

Eines der Bücher, die mir fürs Leben am meisten beigebracht haben,* stammt vom amerikanischen Sozialpsychologen Robert B. Cialdini. "Überzeugen im Handumdrehen" erklärt unter anderem, wie und warum wir auf Marketing-Tricks reinfallen. Cialdini erklärt zum Beispiel, warum man nach einer Niederlage seiner Mannschaft "die haben verloren", nach einem Sieg aber "wir haben gewonnen" benutzt, warum man als Kleidungsverkäufer immer erst den Anzug, dann Hemd, Krawatte und Strümpfe verkaufen sollte und wie man sich bei einem Überfall vor vielen nicht reagierenden Zeugen am besten verhält.

Daß ich an einem Dienstagabend noch einmal die Chance genutzt habe, kontrollfrei über eine Schengen-Grenze zu fahren, um eine unbekannte britische Band zu sehen, obwohl ich müde war und jeden Abend Konzerte gesehen hatte, liegt auch an den verdammten sozialpsychologischen Prinzipien. In diesem Fall an der Knappheit. Knappheit bestimmt mein Leben in verschiedenen Formen. "Erstauflage in silbernem Vinyl mit blauen Sternchen" oder "limitiert auf 10.000" (die 90er...!) oder "letzte Exemplare" macht eine Sache viel interessanter, die Kaufentscheidung noch eine Spur leichter. Ganz gemein ist die Knappheit aber, wenn das Gut nicht nur selten ist, sondern wenn man es mal in der Hand hatte und dann wieder weggenommen bekommt. Kinder, die Kekse sehen, wollen die vielleicht haben. Wenn der Keks aber erstmal weg ist, wollen sie ihn auf einmal wirklich sofort besitzen. Das Spielzeug, das vollkommen uninteressant ist, bis der doofe Nachbarjunge damit spielen will, ist auch so eine Knappheitssache.

Novella - und damit endet diese Einleitung - hatten auf ihrer Website ein Konzert in Köln angekündigt. Nachdem ich euphorische Berichte vom Auftritt der Londoner in Saarbrücken gelesen hatte, wollte ich mir die Band in Köln halt mal angucken. Dann fand das Konzert nicht statt - und die verfluchte Knappheit kam ins Spiel. Da kann man sich dann auch nicht mehr gegen wehren. Nach dem Nicht-Kölnkonzert wollte ich Novella plötzlich so dringend sehen wie ein Wüstenmarathon-Läufer einen Getränkestand. Dann kannste nichts machen. Das ist ein Naturgesetz, oder so. Immerhin hatte ich Glück und musste nur nach Luxemburg, um ein Konzert der Engländer zu gucken.


Wir waren um kurz nach acht in der kleinen Kneipe De Gudde Wëllen mitten in der Luxemburger Innenstadt. Die anderen Clubs im Land, die ich kenne, sind am Bahnhof oder in Esch. In einer der kleinen Gassen in der Nähe des Rathauses hätte ich im Leben keinen Musikclub erwartet. So sah der Laden auch nicht aus. Es war eine Mini-Kneipe mit drei, vier Tischen und einer Bar. Einzig die grandiose Musik (Shoegaze hoch und runter) deutete darauf hin, daß wir richtig waren. Den Raum mit der Bühne fanden wir aber trotzdem erst nach ein paar Fehlversuchen. Man muß hinter der Bar um ein paar Ecken und dann eine Treppe hochgehen und kommt in einem kleinen Raum an, der kaum größer als die Bar und Bühne ist.


Auf der Bühne hatte gerade das luxemburgische Duo Cyclorama angefangen, dessen Postrock mich vor ein paar Monaten an einem Rama-Themenabend vor Motorama bereits begeistert hatte. Ich kann Postrock noch viel weniger als andere Musik beschreiben (daher die langen Einleitungen), mir gefielen die Songs, die von einer Gitarre, einem Schlagzeug und einem MacBook erzeugt wurden, sehr gut. Normalerweise sind Supports ja besonders ärgerlich, wenn die An- und vor allem die Abreise so lang sind. An einem Dienstag. Aber Cyclorama habe ich wirklich gerne gesehen. Und da die Luxemburgische Musikszene trotz 200.000 mehr Einwohnern deutlich kleiner als die von Island ist, ist die Chance groß, daß ich Cyclorama wiedersehen werde. Und auch das wird wieder Spaß machen!



Die Dreiviertelstunde danach machte dann außergewöhnlich viel Spaß! Novella sind eigentlich ein Quintett. Diesmal fehlte aber Keyboarderin Isabel Spurgeon. Auf der Bühne standen die beiden Gitarristinnen Hollie Warren und Sophy Hollington, Bassistin Suki Sou** und Schlagzeuger Iain Laws.


Sängerin Hollies Stimme ist tief und erinnerte mich ein wenig an die von Kate Jackson von den Long Blondes. Während die trotz (anfangs) toller Songs eine lausige Liveband waren, sind Novella auf der Bühne erstaunlich gut! Land, das Debütalbum, erschien im vergangenen Mai. Zusammen sind Novella aber bereits seit 2010 (wohl als Trio - Hollie, Suki und Sophy). Das zeigte sich in einer traumhaften Eingespieltheit. Sukis Gesicht sah mein nie, es war von Haaren verdeckt. Sophy, die links stehende Gitarristin, guckte, wie es sich für eine shoegazeartige Band gehört, meist auf ihre Schuhe. Trotzdem passte das Zusammenspiel perfekt. 

selten zu sehen: Sukis Gesicht

Ganz großartig war das Instrumental-Stück Phrases! Der Anfang des Lieds war riesig! Ich war überzeugt, daß nach dem Intro irgendwann Gesang einsetzen würde, es blieb aber bei den Instrumenten. Das Stück wurde lauter und lauter und war trotz all der anderen guten Titel mein Liebling. In einem kurzen Konzert ein langes Instrumental-Stück zu spielen, kann man auch nur machen, wenn das was taugt. Und das taugte!



Aber auch das getragene Again, you try your luck war brillant, die rockigeren Stücke eh! Den Vergleich zu Lieblingen wie Lush oder den Pale Saints sehe ich zwar nicht unbedingt, Novella klingen aber zweifellos so, als hätten sie Anfang der 90er Jahre jeder Woche Konzerte der damaligen Helden gesehen! Dafür sind die Musikerinnen natürlich viel zu jung. Sophy nennt in einem Interview aber zum Beispiel die Vaselines als Einfluß. Auch den höre ich nicht auf Anhieb, daß die Gitarristin guten Geschmack hat, glaube ich bei der Musik ihrer eigenen Band aber sofort.



Solche sozialpsychologischen Kniffe wie Knappheit sind vermutlich (dünnes Eis) wie Vorurteile und andere Konsorten Überbleibsel aus der Vorzeit, um das Leben leichter zu machen. Mein Leben hat sie gestern um ein sehr gutes Liveerlebnis bereichert!

Setlist Novella, De Gudde Wëllen, Luxemburg:
 

01: Land gone
02: Two ships
03: Again, you try your luck
04: Sentences
05: Phrases
06: Follow
07: Skies open
08: Blue swallows
09: Something must change

Links:

- aus unserem Archiv:
- Cyclorama, Arlon, 23.10.15



* die anderen waren solche Standardwerke wie Der Fürst ("der", nicht "die"), Intrigen oder meine Detektivbücher, in denen man alles über Geheimtinte und tote Briefkästen gelernt hat
** lass das bitte den echten Namen sein!





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