Freitag, 8. Januar 2016

My year in lists: Konzerte und Platten des Jahres (Nelle)


Und noch mehr Konzerte des Jahres: von Nelle aus Köln!

Konzerttagebuch-Christoph begann hier seinen Jahresrückblick damit, dass ihm das Musikjahr nicht wirklich gefiel. Bei so vielen unfassbar guten Alben wie lange nicht mehr ist mir diese Aussage ein Rätsel – ich bin immer noch begeistert und kann die vielen tollen Alben gar nicht angemessen häufig hören. (Lustigerweise begann mein Bericht letztes Jahr mit „Während Konzerttagebuch-Christoph das abgelaufene Jahr in seinem jüngsten Blogeintrag noch als herausragend feierte, kann ich den Enthusiasmus nicht ganz teilen.“

Dass das Album des Jahres die Platte mit dem grenzwertigen Titel I love you, honeybear von Father John Misty (von dem ich bis dato noch nie gehört hatte) werden würde, war bereits im Frühjahr klar. Ein moderner Klassiker, ein Meisterwerk, bereits nach wenigen Durchläufen fester Bestandteil sämtlicher „20 beste Alben aller Zeiten“-Listen. Auf der 2 dann das selbstbetitelte Album von Georgia, die ich vor einem Jahr an selber Stelle bereits auf Grund einer EP gefeiert habe (zum Glück schreibt sie ihren Namen nun aber nicht mehr albern GEoRGiA). Nach den beiden folgt eine größere Lücke, dann kommen die ebenfalls herausragenden Alben von Jamie xx, Ibeyi und Courtney Barnett und dahinter dann viele andere tolle Platten wie z. B. Alabama Shakes, Kid Wave, Sóley, Desperate Journalist, HVOB, Dengue Fever, Alcoholic Faith Mission, Sophie Hunger, SOAK, Noel Gallagher, Locas in Love und Ghostpoet sowie EPs von Laura Groves und Låpsley

Da dies aber ein Konzertblog ist, folgen nun die 15 denkwürdigsten Auftritte (wobei alles zwischen 4 und 15 je nach Stimmungslage im Rückblick hinsichtlich der Platzierung variiert...). 

Platz 15: The Jacques – Paradiso, Amsterdam (30.10.) 


Sahen aus wie 15 und brachten einen Saal mit primär Männern um die 40, die sie vorher nicht kannten, binnen 2 Titeln zum durchdrehen. Definitiv der beste Auftritt bei der Herbstausgabe des „London Calling“ in der besten Konzertlocation, die ich kenne. Mal schauen, wie sie nächste Woche mit eigener Clubshow in Köln sind. 

Platz 14: Andy Shauf – Muziekodroom, Hasselt (06.05.) 

Nach Hasselt in Belgien fuhren wir für die Langzeithelden von den Posies (die an diesem Abend furchtbar schlecht waren, siehe Ende des Artikels). Wir standen lange im Stau, hatten keine Zeit mehr vorher etwas essen zu gehen und haben uns die Vorband ohne Erwartungen angeschaut. Andy Shauf wirkte extrem schlurfig, der Saal lag in so dichtem Nebel dass man auf der Bühne nahezu nichts erkennen konnte und die Musik war umwerfend. Leider kam das eigene Konzert in der Wohngemeinschaft in Köln einige Monate später, zu dem ich Konzerttagebuch-Christoph animiert habe, nicht im Ansatz an den tollen Abend in Belgien ran. 

Platz 13: Friska Viljor – Live Music Hall, Köln (12.11.) 


Sie brauchen zwar immer eine Weile um warm zu werden, aber ab Mitte des Konzerts ist es für gewöhnlich nur noch ein einziges großes Hitfeuerwerk aus ihren inzwischen sechs Alben. Wer hätte das gedacht, als sie 2007 als völlig unbekannte Band nachmittags beim Immergut auf der kleinen Bühne für offene Münder sorgten. Live haben sie inzwischen Bläser und zum Teil ihre Vorbands als Backgroundsängerinnen. Am Ende waren sie glaube ich zu zwölft auf der Bühne... 

Platz 12: Kleingeldprinzessin/Dota und die Stadtpiraten – Gloria, Köln (17.04.) 


Dota schaue ich mir seit vielen Jahren und vielen Alben immer wieder gerne an. Ihre früheren improvisierten und von Publikumswünschen geleiteten Auftritte in Studentencafés und kleinen Kellerclubs würde ich auch heute noch ihren vielfach größeren Auftritten vorziehen – dennoch war sie im Gloria im April so fantastisch wie seit einigen Jahren nicht mehr und ich freue mich bereits sehr darauf, dass die vielen neuen Lieder, die sie damals gespielt hat, kommende Woche endlich erscheinen

Platz 11: George the Poet – Scala, London (14.04.) 


Ende letzten Jahres kam mit Künstlern wie Kate Tempest, Hollie Poetry oder eben George the Poet so etwas wie eine neue Welle an britischen Poeten auf, die zumindest für meine geistigen Empfänger im zweiten Halbjahr 2015 etwas abgeebbt ist. Interessant dann auch die Publikumszusammensetzung aus Indiekids, Literaturstudenten, Feuilletonlesern und Rapfans. Das Publikum feierte ihn wie den Messias der Londoner Vororte und zumindest für den Abend war er das vermutlich auch. Toll auch der UK Garage-Part und die beste Bühnendeko des Jahres. 

Platz 10: Father John Misty – Haldern Pop (15.08.) 


Der Auftritt wäre schon deshalb denkwürdig gewesen, weil der gute Father die Leute, die sich beim Nieselregen unter den Vordächern der Essenstände versteckten immer wieder ironisch beleidigte. Aber dazu kamen auch noch Songs des besten Albums 2015. Dieser Sarkasmus, diese Gesten, göttlich! Auch im November im Kölner Luxor war es phantastisch. 

Platz 9: Kate Tempest – Gebäude 9, Köln (20.04.) 


Bestes Album 2014, viertbestes Konzert 2015. Wortgewaltiger war auch im abgelaufenen Jahr niemand. 

Platz 8: Ibeyi – Kantine, Köln (12.12.) 


Dass die musikalische Harmonie zwischen Geschwistern durchaus ganz besonders ist, zeigen z. B. die First Aid Kid-Schwestern mit ihren Auftritten. Bei Zwillingen muss das dann noch besonderer sein. Die Spannung zwischen den beiden, wie sie immer wieder Blicke austauschen... selbst wenn die Musik nicht so unfassbar toll wäre, wäre es spannend einem Konzert des Duos zuzuschauen. Nachdem der langweilige Supportact überstanden war, spielten die beiden alle Titel ihres selbstbetitelten Debütalbums sowie eine Coverversion und eine ganze Reihe neuer Stücke. 

Platz 7: Tiger Lou – Phono Pop Festival, Rüsselsheim (11.07.) 


2005 und 2006 habe ich Tiger Lou fünf mal live gesehen, das letzte mal war im Juni 2006 in der Pauluskirche in Dortmund. Ich mochte die Schweden immer, aber sie waren für mich nie die überragende Liveband. Nach einigen Jahren in der Versenkung hat Rasmus Kellermann die Gruppe nun wieder reaktiviert und sie spielten beim tollen und leider letzten Phono Pop Festival. Sie haben mich völlig umgehauen und als dann bei Oh Horatio (file under: Nelles all-time favourite songs) der Bläser einsetzte... hach! Zum Heulen schön. 

Platz 6: Sophie Hunger – Traumzeit Festival, Duisburg (20.06.) 


Sophie Hunger war live immer wieder eine große Freude, auch wenn ich lange Zeit keine CDs von ihr hatte. In Duisburg stellte sie beim Traumzeit Festival ihr neues Album Supermoon vor und hat locker alle anderen Bands in die Tasche gespielt. 

Platz 5: Bloc Party – Live Music Hall, Köln (28.11.) 


Hätten sie nur Titel ihrer beiden Jahrhundertalben Silent alarm und A weekend in the city gespielt und alles von danach weggelassen, wären sie sicher noch deutlich weiter oben gelandet. Ich fühle mich inzwischen schon länger zu alt um bei Konzerten ewig lang wüst rum zu hüpfen, aber für diesen Abend habe ich das mal vergessen. 

Platz 4: Sóley – Gebäude 9, Köln (28.05.) 


Meine Lieblingsisländerin Sóley wird immer besser, hat mit Ævintýr einen der Songs des Jahres veröffentlicht und im Gebäude 9 ein fantastisches Konzert gespielt. 

Platz 3: Alabama Shakes – Live Music Hall, Köln (06.07.) 


Normalerweise finde ich es eher anstrengend, wenn die Wahrnehmung einer Band vollständig auf ein einzelnes Bandmitglied (i.d.R. Sänger/in) gerichtet ist, aber im Falle von Brittany Howard kann ich es verstehen. Die Frau ist in der Tat eine Naturgewalt, die auch die langweiligste Mehrzweckhalle zum Erschüttern bringt (wobei mir auch der Bassist, der nur aus Bart besteht, gut gefällt). Und welch großes Glück Gimme all your love live zu erleben. 

Platz 2: The War on Drugs – Live Music Hall, Köln (29.06.) 


Schon zum vierten mal die doofe Live Music Hall, ich werde mir langsam selbst unheimlich. Auch der Sänger von War on Drugs ist nicht gerade ein Sympath, aber er hat die geilen Gitarrenriffs und die großen Songs auf seiner Seite. Ein einziger Riffgewittersoundwandtrip, die große Ekstase. 

Platz 1: Alcoholic Faith Mission – Gebäude 9, Köln (14.03.) 


Bereits im Jahresrückblick 2014 schrieb ich, dass Alcoholic Faith Mission mit ihrem 2015er Märzkonzert „sicher wieder in der Jahresliste“ landen werden. Hat geklappt. Obwohl das (inzwischen nicht mehr ganz so) neue Album gegenüber dem Vorgänger etwas zurückfällt, werden sie live immer besser und besser und besser. Wo soll das nur hinführen? Und wann kommen sie endlich wieder auf Tour??? 

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Den Ehrenpreis für das schlechteste Konzert vergebe ich ganz skrupellos an The Go! Team, dem letzten Auftritt beim ansonsten drei Tage lang durchgehend bezaubernden Indietracks Festival. Eine unfassbar lange Umbaupause, ein schrecklich blödes Konzert und zu allem Überfluss fing es dann noch stark an zu regnen. Hätten wir uns die gespart, wären wir herrlich trocken ins Zelt gekommen. Auch Mist waren The Vaccines im Luxor (13.10.). Eigentlich wollte ich die Vorband Kid Wave sehen, bei denen aber leider der Sound unterirdisch war (das Mikro der Sängerin war z. B. über die Hälfte des Konzerts gar nicht an!). Die Vaccines waren dann wirklich schlimm, besonders der Sänger. Circa 45 Minuten lang haben wir uns den Mist angesehen, dann sind wir frustriert gegangen. Bilderbuch beim Traumzeit Festival sind nur deshalb nicht dabei, weil ich es nicht mal einen Song lang ausgehalten habe – das zähle ich daher nicht als gesehenes Konzert. Eine große Enttäuschung waren leider auch die langjährigen Favourites von The Posies im belgischen Hasselt (06.05.). Die beiden Bandprotagonisten Ken Stringfellow und Jon Auer leben inzwischen schon länger in Europa und es ist offenbar zu umständlich und teuer immer Bassist und Schlagzeuger aus den Staaten einzufliegen. Daher hatten sie diese nun von Band und viel zu laut dabei. Das klang doof, nahm sämtliche Spontanität des Auftritts weg und die einzigen im Saal die Spaß zu haben schienen war die Band selbst. Schade & hoffentlich beim nächsten mal wieder „richtig“. Immerhin war die Vorband umwerfend (siehe oben, Platz 14) 

 Zeit für Statistiken: 

• 168 Auftritte bei 50 Veranstaltungen (zum Vergleich: 2013 170 / 2014 145) 
• Am häufigsten live gesehen: Locas in Love und Pele Caster (je 3 mal) 
• Länder (Auftrittsort): 122x Deutschland, 28x UK, 14x Niederlande, 3x Belgien, 1x Italien 
• Herkunft der Musiker: 58x Deutschland, 53x UK, 30x USA, 5x Australien/Kanada, 1 – 3x Belgien, Dänemark, Frankreich, Island, Mexiko, Norwegen, Österreich, Schweden, Schweiz, Spanien 
• Laut last.fm am häufigsten gehört: Gavlyn, Father John Misty, Kid Wave 
• Laut last.fm am häufigsten gehörter Song: Emmy the Great Dance w me

Sonstige Vorkommnisse: 

• Nach Jahren des Wartens endlich Dengue Fever live gesehen, die zum vermutlich ersten mal seit 7 oder 8 Jahren in der Nähe spielten (Yuca Club, 22.09.). Außerdem erstmals dEUS (Haldern Pop, 15.08.) und Kraftwerk (Lichtburg Essen, 21.11.). Wenn man von Bands, die ich erst seit kurzem kenne absieht, fehlen von meiner Wunschliste somit nur noch die Neuseeländerin Bic Runga (war glaube ich noch nie hier auf Tour) sowie Reunionkonzerte von Miles und Catatonia. 
• Das wunderschöne Doppel-Wohnzimmerkonzert mit Ben Schadow und Pele Caster bei uns in Köln hat gezeigt wie schwierig es heutzutage ist Zuschauer zu einem Konzert zu bewegen, selbst wenn es umsonst, am Wochenende sowie nachmittags ist und es selbstgemachten Kuchen gibt (04.10.) 
• Das tolle Wohnzimmerkonzert von Jonah Matranga in Montabaur (08.10.) ist mir bei der Liste irgendwie durchgerutscht. Wundervoll war es und als letzten Titel spielte er meinen Wunsch „Living small“. 
• Ich war auf einem Hip-Hop-Konzert (Gavlyn, Club Bahnhof Ehrenfeld, 08.02.) und am Eingang wurden kleine weiße Handtücher verteilt, die die Zuschauer sich wahlweise aus der Gesäßtasche hingen lassen oder mit denen sie beim Konzert rumgewedelt haben. Ich war verwirrt, habe aber wenigstens ein neues Geschirrtuch. 
• Ich habe meinen Frieden mit Straßenmusikern gemacht, zumindest mit denen ohne Panflöte. Im Mai war ich in Berlin für ein (verlorenes) DFB-Pokalfinale und wollte mich eigentlich am Vortag nacheinander mit 3 Personen treffen, die dann am Tag selbst genau so nacheinander abgesagt haben. Daher driftete ich mit Spätibier durch Kreuzberg und Friedrichshain und blieb auf der Warschauer Brücke hängen, wo eine junge Sängerin namens Alices Hills [https://www.youtube.com/watch?v=I-I_0hE6_7M] für hippe Backpacker, kaputte Alkis und verlorene Touristen spielte. Wundervoll und nur haarscharf an obiger Liste vorbei! (29.05.) 
• Das Haldernfestival war aus musikalischer Sicht das mit großem Abstand beste Festival auf dem ich seit Jahren war. Mit Father John Misty, The War on Drugs, Kate Tempest, Låpsley, SOAK, Courtney Barnett, Ibeyi, Alcoholic Faith Mission, Tora, Laura Marling, Savages sowie den alten Helden dEUS und einem der ganz raren Deutschlandauftritte der wunderbaren Public Service Broadcasting spielte nahezu alles auf, was ich im Jahr 2015 gehört habe. 
• Das Indietracks war hingegen das wundervollste Festival auf dem ich bisher war. Dampfloks! Eulen! Martha! The Tuts! Desperate Journalist! The Pains of Being Pure at Heart! Die Wave Pictures! The School! Evans the Death! Eureka California! Bacon Cob zum Frühstück! 
 • Leider Abschied vom Phono Pop nehmen müssen, das nach zehn Ausgaben (von denen ich acht mal da war) sowie legendären Auftritten von z. B. Robocop Kraus (2007), Portugal. The Man (2009), HVOB (2013) oder Local Natives (2013) letztmalig stattfand. Schade! 

Fotos: Nelle (das Foto von Alcoholic Faith Mission stammt vom Auftritt im Druckluft Oberhausen 2012, alle anderen vom genannten Konzert)


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