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Mittwoch, 20. Mai 2009

Bon Iver & The Acorn, Düsseldorf, 19.05.09

14 Kommentare

Konzert: Bon Iver (& The Acorn)
Ort: zakk, Düsseldorf
Datum: 19.05.2009
Zuschauer: knackvoll
Dauer: Bon Iver 70 min, The Acorn 50 min


"Pasta? I love Pasta! But I don't understand...!" Rolf Klausener, kanadischer Sänger der Band The Acorn mit scheinbar deutschem Migrationshintergrund (offensichtlich aber ausgewandert, bevor man dafür von Privatsendern bezahlt wurde) sprach zwar ein vollkommen akzentfreies und gutes Deutsch; flüssige Unterhaltungen mit dem zakk Publikum kamen aber trotzdem nicht zustande. Der Pasta-Dialog in dem vermutlich ausverkauften Club hatte nämlich ganz anders angefangen. "Kann man in Düsseldorf hinterher gut ausgehen? Oder wollen wir hier gemeinsam tanzen?" - "In Köln geht die Post ab!" - "Pasta?"... und auf die Antwort aus einer anderen Ecke, die ich nicht verstanden hatte: "You don't like beards in Düsseldorf?" Das verunsicherte Rolf sichtlich. Er und seine Band hatten einen hohen Bart-Anteil. Nur Gitarrist Howie Tsui und einer der beiden Schlagzeuger (der ruhige) hatten offenbar einen Rasierer auf ihre Europatour mitgenommen.

The Acorn, die ihren Stil als Folk rock bezeichnen, waren zu sechst nach Düsseldorf gekommen. Neben Sänger und Gitarrist Rolf waren dies Howie und Jeff Debutte (Gitarre und Bass), Mike Dubue (Keyboard, Bass und Gitarre) und die beiden Schlagzeuger Jeffrey Malecki und Pat Johnson (müsste er gewesen sein). Bei Pat Johnson bin ich mir deshalb nicht sicher, weil ich im Internet kein anständiges Foto zum Vergleich finden konnte. Das aber spricht wieder für meine Theorie, schließlich schien der Schlagzeuger zumindest am Anfang niemals ruhig zu sitzen und war damit unfotografierbar. Sein Spiel erinnerte mich an Aufziehpuppen oder wackelndes Blechspielzeug, ihm zuzusehen war eine wahre Freude! Er drosch aber nicht nur lustig sondern auch heftig auf sein abgespecktes Schlagzeug ein. Recht schnell mußte eine Trommel ausgetauscht werden!

Die meisten der gespielten Lieder stammen vom 2007er Album Glory Hope Mountain. Einzige Ausnahmen waren Dents von der Tin fist EP und ein Lied, das ich nicht erkannt habe, im Text war von "morning light" die Rede. Schade, schade, denn das Lied war eines der schönsten des Abends! Im durch und durch tollen Set waren außerdem Dents und vor allem
Crooked legs überragend! Auch die Afrobeat-Elemente haben mich nicht weiter gestört. Fabelhaft (aber auch nicht überraschend), wie gut die Band bei ihrem ersten Konzert in Deutschland angekommen ist! Selten habe ich erlebt, daß eine Vorgruppe so gefeiert wurde!

Auch wenn die Musik Mist gewesen wäre, hätte es sich gelohnt, im Saal zu bleiben, um das Gesicht des Gitarristen Jeff zu beobachten. Herrlich, wie leidend er mit jedem Akkord mitgegangen ist! Seiner Mimik sah man jeden Tropfen Gefühl an, den die Kanadier in ihre Musik stecken. Köstlich, das zu beobachten! Vielleicht litt er aber auch unter dem Gefühl, etwas zu verpassen. Als er bei einer der langen Ansagen fragte, über was Rolf rede, antwortete der: "Wir sprechen über dich!" - "Wirklich? Redet er über mich?" Wir haben das bejaht...

Setlist The Acorn, zakk, Düsseldorf:

01: Hold your breath
02: Crooked legs
03: Glory
04: Oh Napoleon
05: Even while you're sleeping
06: Dents
07: ?
08: Low gravity
09: Flood

Als die beiden Acorn-Schlagzeuge weggeräumt waren, blieben noch zwei übrig, denn auch Bon Iver spielt mit Doppel-Getrommel. Vier Drumkits auf einer Bühne hatte ich noch nie gesehen, beeindruckend!

Diese Doppel-Schlagzeuge sollten dann auch schon richtungsweisend sein. Denn live klingt Bon Iver viel druckvoller, manchmal lauter, vor allem aber beeindruckender als von Platte. Ich hatte keine richtigen Vorstellungen vorher, wie es werden könnte, hatte Justin Vernons gefeierten Auftritt Ende letzten Jahres in Köln verpasst. Meine Vorstellung war eher die eines ruhigen, sehr akustischen Abends. Ich lag daneben.

Nachdem offenbar größere Probleme an Justins rotem Keyboard behoben waren, die Roadies teilweise zu dritt daran gearbeitet hatten, ging es um zehn recht unspektakulär los. Justin Vernon setzte sich an sein im 90°-Winkel zum Bühnenrand stehendes Instrument und klimperte ein wenig drauflos. Erst nach ein paar Minuten stiegen die anderen Musiker ein, das Lied Babys von der Blood Bank EP, der letzten Veröffentlichung der Band aus Wisconsin, blieb aber zunächst noch ruhig.

Erst in den folgenden Stücken kamen verstärkt Gitarren und Schlagzeuge zum Einsatz, es wurde lauter. Neben Kopf Justin bestand die Band aus dem Gitarristen Mike Noyce, der zusätzlich ein Standtom bediente (und dabei so heftig auf die Trommel eindrosch, daß der Filz vom Schlägel wegflog!) und den beiden Schlagzeugern Matt und Sean (wenn ich es richtig verstanden habe), die beide noch weitere Instrumente spielten (Bass, Synthesizer, Gitarre).

Nach einem neuen Lied (Beach baby - eher ruhig) folgte mit Skinny love das erste richtig energisch gespielte Lied der Amerikaner! Vor allem in der zweiten Hälfte des Stücks ging es auch nicht anders als laut, denn Justin, der seine metallene Gitarre spielte, wurde da von drei Schlagzeugern begleitet! Man kann mich mit Schlagzeugsoli Marke 70er Jahre oder mit Trommelshows (wie auch mit steppenden Kelten) jagen und mir jeden Spaß an Musik nehmen. Aber wenn Schlagzeuger so eingesetzt werden wie beim Waldschrat aus Wisconsin, lasse ich mir das sehr gerne gefallen! Der Höhepunkt seines Sets!

Den Waldschrat sollte ich erklären: Folkmusiker haben ja gerne etwas Naturverbundenes. Justin Vernon ist allerdings anders schratig. Wenn er Holzfällerhemden trägt, liegt das daran, daß er auch sonst absolut nach Waldmensch aussieht und nicht nach einem Bostonian, der auf seiner Gitarre klimpert und einen Bart zum Karohemd trägt. Ich war nicht in Riechweite, bin aber ganz sicher, daß Justin nach Kettensägenöl roch. Der Sänger hatte eine Cargohose und ein passendes Militär-Muskelhemd an und sah nach Football-Publikum und nicht nach Folkkünstler aus. Aber die Hülle ist ja egal, wenn der Inhalt stimmt. Und der stimmte außerordentlich!

Ein weiteres Highlight kam in seinem Samplerbeitrag für die wundervolle Dark Was The Night Sammlung, seinem
Brackett, WI, über eine Nachbarstadt seines Heimatorts.

re: Stacks spielte Justin wieder alleine; die Band verschwand kurz hinter dem Vorhang. Aber stärker war der Abend, wenn die Mitmusiker dabei waren und Krach machten. Und so endete es dann auch. For Emma und The wolves gefielen mir zum Abschluß ganz hervorragend! The wolves hatte Justin um einen Mitmachpart erweitert: den Refrain im zweiten Teil ("what might have been lost") sollten wir immer lauter werdend mitsingen, bis wir auf ein Zeichen hin ("wir gucken uns dann hier vorne kurz an") laut schreien sollten. Meist funktioniert so etwas ja nicht, das zakk Publikum brüllte aber wie am Spieß, sensationell war das!

Eine Zugabe - Creature fear - bildete den Abschluß nach 70 Minuten. Dabei fiel mir besonders der Wechsel zwischen Justins Kopf- und seiner normalen Stimme auf; und die vielen Trommeln, die den schneller werdenden Rhythmus für einiges Gefrickel auf den Effektpedalen markierten.

Und so endete der Abend mit einigen Erkenntnissen:

  • Bon Iver wird wohl die Rolle eines der Headliner des diesjährigen Haldern-Festival übernehmen - zurecht!
  • Folk kann mächtig laut sein
  • wenn ein Künstler sagt: "we have a couple more songs", meint er nicht paar sondern Paar - es kommen immer genau zwei nach der Ansage (ein neues Konzertgesetz, universell gültig)
  • mich kann man auch schon mit anderen Sachen glücklich machen - mit der schönsten Szene des Abends... eine der leisen Pausen nutzte eine Frau, um quer durch den Saal ihre Freundin anzubrüllen, ob die ihr Handy habe. Wunderbar! Auch wenn Justin verunsichert war, was das nun solle
Setlist Bon Iver, zakk, Düsseldorf:

01: Babys
02: Blood bank
03: Lump sum
04: Beach baby
05: Skinny love
06: Brackett, WI
07: re: Stacks
08: Mercury (Kathleen Edwards Cover)
(08b:) eine kurze unbenannte Polka
09: For Emma
10: The wolves (Act I and II)

11: Creature fear (Z)

Fotos folgen!


Samstag, 6. September 2008

The Rascals, Paris, 05.09.08

5 Kommentare

Konzert: The Rascals (The Week That Was, The Acorn, The Wave Pictures)

Ort: La Flèche d'or, Paris
Datum: 05.09.2008
Konzertdauer: The Rascals ca. 45 Minuten, die anderen Bands kürzer



Einen Konzertabend mit vorzüglichen musikalischen Gästen hielt die Flèche d'or heute abend bereit. Im Rahmen des Festivals Wild Cards, gab es eine Veranstaltung des Labels Cooperative Music und das Programm konnte sich wirklich sehen (und hören) lassen!


Schon die erste Band, The Week That Was aus Sunderland, bot intelligenten und ausgefeilten Pop, was aber nicht weiter verwunderlich ist, wenn man weiß, daß hinter dem Namen die beiden Brewis Brüder (ex- Field Music) stecken, die vor Kreativität nur so strotzen.

Field Music habe ich geliebt, vor allem ihr zweites Album Tones Of Town (2007). In der Musikpresse hageltes dafür auch verdientermaßen Kritikerlob, aber kurze Zeit später kam die schockierende Meldung, dass sich Field Music aufgelöst haben. Vor allem die Begründung war seltsam, da sprachen die Brewis Brüder nämlich davon, daß es Zeit sei, einer richtigen Arbeit nachzugehen ("It's time to go and do some proper work). Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie diese beiden (vom Publikum weitgehend unentdeckten) kleingewachsenen Genies in einer Bank oder bei einer Versicherung Dienste verrichten würden und so kam es wie es kommen musste: David und Peter Brewis machten weiter und zwar als Musiker und nicht als Bürohengste.

David veröffentlichte unter dem Projektnamen School Of Language im Februar 2008 ein Album, mit der auch fast live in Paris Station gemacht hätte, wenn, ja wenn das Geld gereicht hätte! Angeblich konnte sich die Plattenfirma den Auftritt im Café de la Danse nämlich nicht leisten und so musste man sich in Paris noch weiter gedulden, um die Gebrüder Brewis wiederzusehen (zumindest als Field Music hatte ich mit ihnen während eines Inrock Indie Clubs in der Maroquinerie einmal das Vergnügen).

Heute am 05.09.2008 dann endlich das Wiedersehen mit den Boys aus Sunderland, die auch beste Kontakte zu den ebenfalls großartigen Futureheads pflegen.

The Week That Was ist das Projekt von Peter Brewis und das Debütalbum ist gereade erst erschienen. Ich habe es leider noch nicht und kam somit völlig unbedarft in die Flèche d'or, war aber sofort angetan von den intelligenten Arragements der Band, die zu viert gekommen war. Neben den Brüder Brewis an Schlagzeug und Bass agierte auch noch ein blonder Herr am Xylophon und es gab auch noch einen Pianisten, der am Ende mit Peter die Instrumente tauschte. Zusammen zauberten sie sehr hübsche Kompositionen aus dem Hut und ich bin sicher, dass die Lieder - wie so oft bei den Herren Brewis - ihre volle Blüte erst nach dem x-ten Mal Hören entfalten. Die Kerle aus Sunderland machen es sich nämlich nie so leicht, wie andere englische Bands. Da wird nicht auf den eingängigen Hit hingearbeitet, sondern an ausgetüftelten Strukturen und ständigen Spannungs-und Tempowechseln gefeilt.

Wer sich selbst einen Eindruck verschaffen möchte: Bei Youtube findet man Videoclips von den tollen Songs Scratch The Surface (hier), The Airport Line (hier in einer Liveversion von guter Qualität) und der Ballade Come Home (hier), die Peter Brewis in Paris am Piano vortrug.

Also, unbedingt The Week That Was Gehör schenken, es lohnt sich!

Anschließend bereiteten mir die Kanadier The Acorn ebenfalls eine gute halbe Stunde. Gerade die ersten Lieder waren sehr gelungen, bevor es dann ein klein wenig abflachte. Die Band, die dieses Jahr bereits bei South By Southwest in Texas gespielt hat, wartete ebenfalls mit intelligentem Pop auf, der sich weitab vom Mainstream bewegt und traumhafte Melodien bot. Die Kanadier kamen zu fünft, angeführt von dem bärtigen Sänger Rolf Klausener (seine Mutter stammt aus Honduras), der hervorragend franzöisch sprach (was aber wohl einfach daran liegt, daß die Gruppe, neben Ottawa, zumindest zum Teil in Montréal beheimatet ist) und eine sehr schöne Stimme hat und komplettiert durch die Keyboarderin Keiko Devaux.

Man sollte sich also auch mit The Acorn einmal beschäftigen, zum Beispiel indem man diesen hübschen Videoclip von Flood Pt. 1 anhört - und sieht.

Miles Kane von den Rascals ließ sich danach recht viel Zeit, brachte den völlig überfüllten Saal aber dann zusammen mit seinen beiden Kumpels, Joe Edwards am Bass und Greg Mighall an den Drums, richtig zum Kochen. Der Stilmix aus bluesigem amerikanischem Stonerrock im Stile der Queens Of The Stone Age gepaart mit dem schnörkellosen englischen Vorstadtsound der Arctic Monkeys schlug ein wie eine Bombe und begeisterte vom ersten Lied an.

Einer hübschen Blondine aus Marseille neben mir schien die Reaktion des Publikums aber zu lahm auszufallen: "Ist das In Paris immer so steif?", fragte sie mich, bekam dann aber die Antwort gleich beim nächsten Lied geliefert, denn da ging so richtig die Post ab! Man muss sich nur einmal Out Of Dreams anzuhören, um zu wissen, warum das so ist. Ein Song, der relativ schleppend beginnt, aber in der Folge immer schneller und explosiver wird und auch eine psychedelische Note bekommt. Super!

"Is this exellent?" wollte Miles Kane dann auch irgendwann wissen und als ihm die Reaktion zu dürftig ausfiel, wiederholte er seine Frage, diesmal mit mehr Inbrunst: "Is this excellent?"

Diesmal gab es mehr Applaus und es ging munter im Programm weiter. Zwischen den Liedern nippte Miles immer mal wieder an einem Glas Rotwein, eine Sache, die mir übrigens schon bei seinem Konzert mit Alex Turner bei den Last Shadow Puppets aufgefallen war.

Und noch eine Parallele gab es zu den Last Shadow Puppets: Auch bei den Rascals schleichen sich manchmal Passagen ein, die einen angenehm an einen James Bond Film erinnern! (Kein Wunder also, dass ein Lied "Bond Girl" heißt)

Natürlich ist die musikalische Nähe zu den Arctic Monkeys recht frappierend, aber die Rascals sind noch deutlicher sphärischer, weniger roh und haben auch eine stärker bluesig ausfallende Note.

Meinen Segen hat das junge Trio auf jeden Fall, die Typen rocken wie Hölle und sind tausendmal besser als gehypte Lutscher wie z.B. die Klaxons!

Daumen also hoch für Miles und seine Rascals!

Die ebenfalls interessant klingenden Engländer The Wave Pictures schenkte ich mir dann aber. Irgendwann hat auch ein Nerd wie ich mal genug Konzerte intus...


Setlist The Rascals, La Flèche d'or, Paris (Merci à Stéphane!)

01: Rascalize
02: Does Your Husband Know That You're On The Run
03: Out Of Dreams
04: Bond Girl
05: Fear Invicted To The Perfect Stranger
06: Freakbeat Phantom
07: People Watching
08: Stockings To Suit
09: Wicked Way
10: I'll Give You Sympathy
11: Is It Together?



 

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