Konzert: Keep Portland Weird mit Lovers, Tara Jane O'Neil & Vanessa RenwickOrt: Le Centre Pompidou, Paris Datum: 25.04.12 Zuschauer: etwa 300 Konzertdauer: am längsten spielte Tender Forever mit einer knappen Stunde
Keep Portland Weird ist ein fantastisches Festival, das die Musikszene einer der kreativsten Städte der Welt abfeiert. Daß das Renommé von Portland/Oregon weit über Amerika hinausgeht, beweist dieses Festival, das in Paris, Metz und Nantes 10 Tage lang (19-29 April) die Indieszene der amerikanischen (Nord)-Westküstenstadt hochleben lässt.
In Paris finden die meisten Konzerte in der modernen Gaité Lyrique statt, die heutige Show wurde aber im Keller des Museums Centre Pompidou ausgetragen. Dort gibt es ein schickes Theater mit bequemen roten Kinosesseln ("la grande salle"), das knapp 400 Zuschauern Platz bietet.
Auf dem Programm standen Lovers, Vanessa Renwick, Tara Jane O'Neil und die seit ein paar Jahren in Portland lebende Französin Melanie Valera alias Tender Forever.
Lovers machten den Anfang und klangen auch nicht übel, langweilten mich aber nach einer Weile mit ihrem netten, aber nicht weltbewegenden Elektropop. Die 3 Bandmitglieder (Carolyn Berk, Kerby Ferris und Emily Kingan) standen für meinen Geschmack auch viel zu weit außeinander. Vor einer Leinwand mit bunten abstrakten Bildern spulten die knabenhaften und im Falle der Schlagzeugerin extrem stark tättowierten Mädels (man muss sicherlich nicht erwähnen, daß sie und das überwiegende Publikum heute überwiegend gay waren, deshalb auch der Spruch bei Facebook: "keep Portland weird ...and gay!") ihr Programm ab und spielten mich trotz recht hoher Lautstärke in den Schlaf. Ja, richtig gelesen, ich habe während der Show ziemlich tief gepennt! Lag aber auch vor allem an meiner extremen Müddigkeit und den vielen vielen Konzerten der letzten Wochen. Als es vorbei war, war ich jedenfalls ziemlich stark narkotisiert und hätte eigentlich einen tiefschwarzen doppelten Espresso gebraucht, um wieder richtig wach zu werden (aber den gab's natürlich nicht...).
Das nachfolgende Programm half mir nicht gerade dabei, wieder munter zu werden. Die Gitarristin Tara Jane O'Neil, für die ich hauptsächlich gekommen war, spielte nämlich im Halbschatten der Bühne sphärische und langgezogene Töne auf ihrer Elektrischen, um einen Film der Videokünstlerin Vanessa Renwick zu untermalen, in dem es auschließlich um ein einziges Thema ging: Quallen bzw. Medusen wie die Franzosen sagen. Die Farben waren absolut wundervoll, das Innere der Quallen sehr schön zu betrachten, aber 15 Minuten (anstatt 30) hätten sicherlich auch gereicht.
Nun hatte ich gehofft, daß Tara Jane ihre folkigen Solosachen präsentieren würde, aber zu meiner großen Enttäuschung schlurfte sie apathisch von der Bühne und kam später nur noch einmal kurz zu einem Gitarrenpart während des Konzerts von Tender Forever wieder. Kein richtiges Konzert also von ihr heute, das würde morgen in der Gaité Lyrique zusammen mit der ebenfalls von mir verehrten Mirah stattfinden. Ich Trottel hatte irgendwie das falsche Konzert besucht, soviel war mir nun klar....
Das es insgesamt aber kein Flop wurde, dafür sorgte die Französin Tender Forever. Die kesse Wahl-Portlanderin begeisterte erneut mit ihren zynisch-witzigen Sprüchen, den abgefahrenen Videos (headbangende Mädchen, Priester, die Skateboard fahren, langmähnige Typen die um ein Lagerfeuer hüpfen) und ihrem quirligen Elektropop der besondern Art.
Aus ihrer Homosexualität macht sie keinen Hehl (wieso eigentlich auch?) und sie äußert sich auch regelmäßig zu ihren Erlebnissen diesbezüglich. Es sei scheiße, daß man sie in Frankreich oft als "Monsieur" anspräche, damit müsse man erst mal klarkommen. Und auch damit, daß jeder fünfte Franzose dieser schlimmen Blondine seine Stimme gegeben habe. Dabei hatte sie doch so auf den Kandidaten der Linksfront Mélenchon gehofft. "Ich dachte wirklich der würde gewinnen", meinte sie schmunzelnd.
Aber es wurden nicht nur Anekdoten erzählt, sondern auch gute Musik gemacht. Ich mag die Stimme von Melanie sehr. Aus ihr spricht eine tiefe Verletzlichkeit, aber auch eine immense innere Stärke. Sie klingt unverfälscht, sehr direkt und berührend und diese Authenzität macht neben ihren verrückten Tanzeinlagen das Besondere ihrer Shows aus. Zwar können die Videos auf Dauer manchmal ganz schön nerven, aber die herzliche Art von Melanie (eine unehliche Tochter von Regine Hildebrand? Die gleiche Kodderschnauze hat sie jedenfalls und auch sonst sind gewisse Ähnlichkeiten nicht zu leugnen) gleicht das dann immer wieder aus.
Auch ist sie sehr spontan, hat normalerweise nie eine Setlist (heut aber schon und die hat sie mir hinterher gegeben) und spielt grundsätzlich quer druch den Garten ihres inzwischen recht reichhaltigen Repertoires. Hinzu kommen ziemlich krasse Cover von krassen Künstlern, die aber bei Tender Frover immer irgendwie toll klingen. So kamen dann auch Survivor (von Destiny's Child) und Believe (von Cher) richtig gut rüber, reichten jedoch nicht an das auf der Gitarre vorgetragende Ryan Adams Cover Pick Me Up ran. Das war einfach betörend schön.
Begleitet wurde Melanie von Musikerinnen aus Portland (woher auch sonst?), darunter wie erwähnt Tara Jan O'Neil bei einem Stück und ansonsten auch einer Xylophonspielerin, die die Französin als Multitalent vorstellte.
Insgesamt wieder mal eine coole Show von Tender Forever, sie hat mir definitiv den ansonst nur gehoben mitelmäßigen Abend gerettet. Und das Festival geht ja noch bis zum 29. Janur weiter...
01: Got To Let Go 02: Take It Off 03: Well I Can Take It 04: No One Will Tell No One 05: Like The Snare 06: If I'm Weird 07: Come Pick Me Up (R. Adams) 08: How Many 09: You Have The Woods 10: Survivor (Destiny's Child) 11: Make Out 12: Tender Forever
Konzert: Mo' Fo' Festival 2012 mit Tender Forever, Farewell Poetry, Haight Ashbury u.v.a. Ort: Saint Ouen bei Paris Datum: 29.01.12 Zuschauer: erfreulich viele Konzertdauer: von 17 Uhr 30 bis 23 Uhr
Letzter Tag des MO' Fo' Festivals in Saint Ouen bei Paris. Gestern hatten in meiner Abwesenheit die französischen Post Punker Frustration für Furore gesorgt und auch über die Schotten Country Teasers wurde viel Gutes berichtet.
Heute nun standen aber auch einige Leckerbissen auf der Speisekarte. Ich war in erster Linie für Tender Forever und Farewell Poetry gekommen, bekam mit den Schotten (Schottinnen) Haight Ashbury gegen 18 Uhr aber sofort eine mir bis dato unbekannte Gaumenfreude vorgesetzt. Kirsty Heather Ashbury, Jennifer Ashbury und Scott James Ashbury, so hießen die drei Sympathen, von denen ich allerdings nicht weiß, ob es sich um Brüder und Schwestern handelt. Ähnlich sahen sie sich nicht unbedingt. Hauptsängerin Kirsty stach mit ihren tollen langen blonden Haaren und ihrem güldnen Glitzerkleid ins Auge, Jennifer hatte schwarze Locken, einen Hauch Gothik und ein Blumenkleid und Scott eine Waverfrisur mit Strähne im Gesicht.
Die drei spielten eine faszinierende Mischung aus psychedelischem Hippie-Folk, Sxities Pop und schottischem Indierock à la Vaselines, die mir auf Anhieb gut ins Ohr ging. Mazzy Star meets Vivian Girls, so oder so ähnlich. Nun gut, der Bandname, eine Anspielung an die Hippie-Hochburg gleichen Namens in San Francisco, sagt ja schon einiges aus, aber eben nicht alles. Mit Fairport Convention und Konsorten hatte das klangtechnisch rein gar nichts zu tun, lediglich der Look war von dieser friedensbewegten und freie Liebe propagierenden Zeit inspiriert. Stattdessen gab es noisige Moment à la My Blody Valentine, aber auch die esoterisch-verhuschte Seite im Stile von Lush oder eben Mazzy Star war ausgeprägt. Trotz dieser zahlreichen möglichen Referenzen klang alles neu und aufegend, denn man kredenzte nicht den x-ten Aufguss, sondern mischte die Stile so kunterbunt, daß man ständig auf dem falschen Fuß erwischt wurde. Herrlich auch der Kontrast zwischen der Lieblichkeit der Stimmen und der herben Schrammeligkeit der Gitarren.
Performt wurden Songs von Here In The Golden Rays (2011, am Merch für lediglich 5 Euro erhältlich!), aber auch von einem im Frühjahr 2012 erscheinenden Nachfolger. Ich denke die muss man beide haben. Sowohl live als auch auf Platte toll!
Der nächste Act, der mich auf dem Festival interessierte, wäre Matt Elliott gewesen, aber seine hochmelancholische Musik zog mich an diesem kalten Wintersonntag dermaßen in die Tiefe, daß ich schon alsbald den Saal verließ und mich im oberen Forum aufhielt, wo gut sortierte Indie-Händler CDs und Vinyl verkauften. Gute Musik zum falschen Zeitpunkt, so etws gibt's.
Die Musik der Französin Melanie Valera alias Tender Forever, die gegen 21 Uhr auflief, war da schon deutlich geeigneter. Zwar war das Ganze ebenfalls mit einer gehörigen Portion Melancholie versehen, aber dennoch erwies sich das Set als aufbauend, energiegeladen und abwechslunsgreich. Melanie hat einen ganz eigenen, sehr trockenen Humor, spielt immer mal wieder auf ihre eigen Homosexualität und die damit verbundenen gesellschaftlichen Probleme an, wird dabei aber nie pädagogisch oder anklagend. Das Mädel hat wirklich Mut und viele Ideen und hat sich in den letzten 10 Jahren musikalisch ein ganz spezielles Universum geschaffen. Sie selbst bezeichnet sich als Autodidaktin und wer sie live erlebt, merkt schnell, daß diese Einschätzung wie die Faust afs Auge passt. Mit Hilfe ihres Laptops kreiert sie elektropoppige Klangwelten mir Catchyness-Faktor, aber ohne wirkliche Radiotauglichkeit. Dazu sind ihre Komposition zu bizarr, driften in zu viele verschiedene Richtungen ab und lassen sich nicht auf ein Format trimmen. Man muss schon (im positiven Sinne!) ähnlich bekloppte Künstler wie Coco Rosie, Tickley Feather oder Hesta Prynn nennen, um die Exzentrik zu erklären, würde dabei aber übersehen, daß der Sound trotz des burschikosen Charakters von Melanie auch und vor allem dem lieblichen Pop von Au Revoir Simone nicht unähnlich ist.
Tender Forver war auch heute in Paris wieder unterhaltsam wie immer. Ihr wilder Tanzstil ist eine Eigenkreation, obwohl sie sich so einiges vom Hip Hop Milieu abgeschaut hat. Dabei hatte sie eigentlich Rücken-und Nackenschmerzen, ließ sich aber einmal warm geworden, nichts davon anmerken. Wundervoll ihre Stimme. Sie hat einen Zartschmelz, der durchaus wohlig an Cat Power erinnerte, freilich mit französischem Akzent und dies obwohl Melanie seit Jahren in Portland, Oregan lebt.
Melanie verstand es immer wieder, die Leute nicht nur mit ihrer Musik, sondern auch mit ihen zynisch-witzigen Ansagen und Erläuterungen zu erheitern. Die Franzosen müssten bei der Präsidentschaftswahl nur Marine Le Pen wählen, dann könnten sie was erleben, bekundete sie augenzwinkernd, sprach aber gleichzeitig die Hoffnung aus, daß der weniger schlimme Kandidat gewählt werden würde. Natürlich meinte sie damit nicht Amtsinhaber Sarko (dem sie sogar ein Lied widmete), sondern den Kerl mit dem Ländernahmen. Leute wie sie hätten es unter Nicholas schwer, der würde doch sicherlich nur Sexbomben goutieren, wozu sie sich definitiv nicht zählte.
Nun, ich weiß nicht, ob man dem Herrn Präsidenten Homophobie vorwerfen kann und sein gutes Verhälntis zu Angie zeigt ja, daß er sich auch mit Frauen versteht, die sich nicht gerade für den Playboy ausziehen könnten (obwohl, bei dem Dekolleté!). Aber sei's drum, hier in Saint Ouen hatte Melanie die Fans auf ihrer Seite und bewies bei zwei akustischen Gitarrenstücken auch, daß sie nicht unbedingt immer ihren effektvollen Disco Bollersound braucht, um stark rüberzukommen. Gerade diese beiden Balladen berührten mich außerordentlich und bewiesen die Wandlunsgfähigkeit der aus Bordeaux stammenden Dame.
Running Gag des abends war, daß Melanie anscheinend ständig aktuelle e-mails ihres Bruders erhalte, was für etliche Schmunzler sorgte. Noch amüsanter war aber ein projeziertes Video, bei dem 4 pubertierende amerikanische Mädels einen Wettbewerb im Haareschütteln veranstalteten und minutenlang wie wild ihre Mähne durch die Luft fliegen ließen. Da war Kondition gefragt und nach ein paar Minuten trennte sich die Spreu vom Weizen, ein paar der Mädels gaben erschöpft auf und schließlich konnte irgendwann eine rammdösige Siegerin gekürt werden. Ein Brüller!
Alles in allem ein tolles Konzert, musikalisch gut und auch sehr unterhaltsam.
Konzert: Tender Forever, The Big Crunch Theory, Terry Poison (Festival Ladyfest Paris) Ort: Le Café de la Danse, Paris Datum: 02.07.2011 Zuschauer: geschätzte 250
Ladyfest im Pariser Café de la Danse. Das hieß hinsichtlich des Publikums: ein paar lüsterne alte Männer wie ich, die gerne Frauen auf einer Konzertbühne sehen und jede Menge Mädchen, die Mädchen lieben.
Musikalisch bedeutete das: tolle Konzerte! Vor allem der Auftritt von Mélanie Valera alias Tender Forever war verblüffend und sehr bewegend. Die in den USA lebende Französin machte keinen Hehl daraus, daß sie gay ist und erzählte zwischen ihren experimentellen Elektropopsongs immer wieder witzig-zynische Anekdoten über die Reaktionen von Leuten hinsichtlich ihrer sexuellen Orientierung.
Das Mädel ist nicht auf den Mund gefallen, begeisterte mich durch ihre Direktheit (der erste herrlich mürrische Satz von ihr heute war: "Hallo ich heiße Melanie, bin gerade aus den USA gekommen und habe heute keine Sekunde gepennt"), Offenheit und Unverblümtheit. Sie ist geradeheraus ("wenn ihr heute eine schlanke, hetereosexuelle Frau erwartet, habt ihr Pech gehabt"; "je vous emmerde", wie sie auf französisch sagte) hat Mut und jede Menge Temperament. Kostproben davon gab sie heute reichlich. Mal wanderte sie ins Publikum, mal hüpfte sie wie ein Derwisch auf der Bühne rum und immer wirkte sie dabei authentisch und glaubwürdig. Wahnsinn, wieviel Seele sie in jedes ihrer Stücke legte! Manchmal war das schon harter Tobak, zumal sie sicherlich viele autobiografische Momente (Liebeskummer, gesellschaftliche Ausgrenzung, Kampf um Akzeptanz) in den Songs verarbeitet. Songs, die keinem bekannten Muster folgten, stattdessen stilistisch Eigenkrationen der eigenwilligeren Künstlerin waren. Viel DIY Spirit, Freude am Experimentieren und Grenzen überschreiten kamen hier zum Ausdruck und manchmal mischten sich Elemente des Hip Hop und des R'n B mit dem organischen Elektropop der Mélanie Valera. Teilweise gab es Parallelen zum wummernden 80 er Jahre Discobeat von Fever Ray, stimmlich zu Björk oder Stina Nordenstam und wenn es lieblicher wurde, waren auch Au Revoir Simone nicht allzu weit. Dennoch: das Ganze entsprach wirklich dem bizarr-schönen, persönlichen musikalischen Universum von Mélanie. Toll, daß es so viel Schrulligkeit und Unabhängigkeit heutzutage noch gibt.
Aber ihr Label K-Records bürgt ja bereits für Qualität. Karl Blau, Lake, Rose Melberg, Tara Jane O'Neil und etliche andere Künstler gehören zu der Plattenfirma in Olympia, Washington, die sich ihre Unabhängigkeit vom Mainstram nicht nur alibimäßig auf die Fahne geschrieben hat.
Und Olympia, Washinton ist übrigens auch der Ort, in dem im Jahre 2000 das erste Ladyfest stattfand. Ziel war und ist das Fördern des weiblichen Engagements auf allen möglichen kulturellen Feldern, sei es Musik, Theater, Kunst oder Literatur. Zunächst eine lokale Veranstaltung, hat sich der Gedanke des Festivals schnell weltweit ausgebreitet und so durften wir dann heute auch in Paris das erste Ladyfest feiern!
Morgen möchte ich davon noch ein wenig mehr erzählen und auch noch kurz auf die Auftritte von The Big Crunch Theory und Terry Poison eingehen.
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