Konzert: Tender Forever, The Big Crunch Theory, Terry Poison (Festival Ladyfest Paris) Ort: Le Café de la Danse, Paris Datum: 02.07.2011 Zuschauer: geschätzte 250
Ladyfest im Pariser Café de la Danse. Das hieß hinsichtlich des Publikums: ein paar lüsterne alte Männer wie ich, die gerne Frauen auf einer Konzertbühne sehen und jede Menge Mädchen, die Mädchen lieben.
Musikalisch bedeutete das: tolle Konzerte! Vor allem der Auftritt von Mélanie Valera alias Tender Forever war verblüffend und sehr bewegend. Die in den USA lebende Französin machte keinen Hehl daraus, daß sie gay ist und erzählte zwischen ihren experimentellen Elektropopsongs immer wieder witzig-zynische Anekdoten über die Reaktionen von Leuten hinsichtlich ihrer sexuellen Orientierung.
Das Mädel ist nicht auf den Mund gefallen, begeisterte mich durch ihre Direktheit (der erste herrlich mürrische Satz von ihr heute war: "Hallo ich heiße Melanie, bin gerade aus den USA gekommen und habe heute keine Sekunde gepennt"), Offenheit und Unverblümtheit. Sie ist geradeheraus ("wenn ihr heute eine schlanke, hetereosexuelle Frau erwartet, habt ihr Pech gehabt"; "je vous emmerde", wie sie auf französisch sagte) hat Mut und jede Menge Temperament. Kostproben davon gab sie heute reichlich. Mal wanderte sie ins Publikum, mal hüpfte sie wie ein Derwisch auf der Bühne rum und immer wirkte sie dabei authentisch und glaubwürdig. Wahnsinn, wieviel Seele sie in jedes ihrer Stücke legte! Manchmal war das schon harter Tobak, zumal sie sicherlich viele autobiografische Momente (Liebeskummer, gesellschaftliche Ausgrenzung, Kampf um Akzeptanz) in den Songs verarbeitet. Songs, die keinem bekannten Muster folgten, stattdessen stilistisch Eigenkrationen der eigenwilligeren Künstlerin waren. Viel DIY Spirit, Freude am Experimentieren und Grenzen überschreiten kamen hier zum Ausdruck und manchmal mischten sich Elemente des Hip Hop und des R'n B mit dem organischen Elektropop der Mélanie Valera. Teilweise gab es Parallelen zum wummernden 80 er Jahre Discobeat von Fever Ray, stimmlich zu Björk oder Stina Nordenstam und wenn es lieblicher wurde, waren auch Au Revoir Simone nicht allzu weit. Dennoch: das Ganze entsprach wirklich dem bizarr-schönen, persönlichen musikalischen Universum von Mélanie. Toll, daß es so viel Schrulligkeit und Unabhängigkeit heutzutage noch gibt.
Aber ihr Label K-Records bürgt ja bereits für Qualität. Karl Blau, Lake, Rose Melberg, Tara Jane O'Neil und etliche andere Künstler gehören zu der Plattenfirma in Olympia, Washington, die sich ihre Unabhängigkeit vom Mainstram nicht nur alibimäßig auf die Fahne geschrieben hat.
Und Olympia, Washinton ist übrigens auch der Ort, in dem im Jahre 2000 das erste Ladyfest stattfand. Ziel war und ist das Fördern des weiblichen Engagements auf allen möglichen kulturellen Feldern, sei es Musik, Theater, Kunst oder Literatur. Zunächst eine lokale Veranstaltung, hat sich der Gedanke des Festivals schnell weltweit ausgebreitet und so durften wir dann heute auch in Paris das erste Ladyfest feiern!
Morgen möchte ich davon noch ein wenig mehr erzählen und auch noch kurz auf die Auftritte von The Big Crunch Theory und Terry Poison eingehen.
Konzert: The Big Crunch Theory, Glasser, Anika, Festival les femmes s'en mêlent Ort: Le Divan Du monde, Paris Datum: 30.03.2011 Zuschauer: nicht ganz ausverkauft, vielleicht 300 Konzertdauer: pro Künstlerin etwa 40 Minuten
Gar nicht so einfach nach einem solch grandiosen Konzert wie dem gestrigen zur Tagesordnung überzugehen. Syd Matters hatten mich mit ihrer atemberaubenden Show im Olympia über alle Maßen berauscht und heute hatte ich eine Art Post- Syd Matters Depression zu erleiden.
Insofern eine kuriose Sache, daß ich im Divan Du Monde zu meiner Überraschung Olivier Marguerit, den Gitarristen, Pianisten und Querflötenspieler meiner Helden von gestern traf (Foto). Er hatte seinerseits den Sensationsauftritt mit seiner Band schon wieder abgehakt und sagte mir als Erstes, daß er die Show der Deutsch-Engländerin Anika sehr gemocht habe. Kein Wort zum Gig im Olympia. So etwas nenne ich Nüchternheit! Ich selbst hätte wohl an seiner Stelle durch keine Tür mehr gepasst, weil meine Brust vor Stolz so angeschwollen gewesen wäre.
Aber Olivier hatte recht, Anika war in der Tat erneut positiv aufgefallen. Genau in der gleichen Location hatte ich sie vor 5 Monaten gesehen und war auf Anhieb von ihrem düsteren Dubstep und ihrer apatischen Erscheinung sehr angetan gewesen. Seitdem ist etwas Zeit ins Land gegangen, Albert Koch vom Musikexpress hatte Anikas Album sehr gelobt (alle plappern sie mir nach) und die junge Blondine hat auch ein paar neue, nicht auf dem Album erhältliche Songs einstudiert, die in den nächsten Wochen auf einer EP veröffentlicht werden sollen. 2-3 davon spielte sie auch heute und die Songs waren wirklich klasse. Stilistisch bleibt sich Anika treu. Minimalistischer, bassgeprägter Sound mit gespenstisch anmutenden Synthiepassagen, verhallter, tiefer Gesang im Stile von Nico und eine eiskalte, depressive Atmosphäre, die mir kurioserweise Glücksgefühle bereitete. Auch die neuen Sachen sollen zum Teil originelle Cover sein, aber nicht ausschließlich. Die Kaltschnäuzigkeit, Klassiker wie den Bob Dylan Song Masters Of War oder Yang Yang von der ollen Yoko Ono so zu covern, das man sie nicht wiedererkennt, war ohnehin eine der großen Stärken des Debütalbums, das auf dem Label von Geoff Barrow (Portishead) erschienen war. Natürlich spielte sie auch die Albumtracks fast vollständig, schließlich kannte längst nicht jeder anwesende Gast dieses Material.
Highlights für mich die klaustrophob jaulende Yoko Ono Nummer Yang Yang ("join the revolution"), der großartige Orgelsong I Go To Sleep, vor allem aber das schnellste Stück in ihrem Repertoire, der an Joy Division gemahnende Feger Officer Officer. Ein schneller, bedrohlich- polternder Bass, ein gothischer Keyboardsound und ein weltentrückter Gesang, Zutaten, die einen faszinierenden Song ergaben, der der beste des heutigen Abends bleiben sollte.
Hinterher zeigte sich Anika dennoch ein wenig unzufrieden mit ihrer eigenen Leistung, war mit dem Sound nicht so recht glücklich gewesen und meinte, sie hätte eines ihrer neuen Lieder in den Sand gesetzt. Der rege Absatz ihres roten Vinylalbums (nur auf der Tour erhältlich) widerlegte aber ihre Skepsis. Viele Besucher trugen die Scheibe hinterher stolz aus dem Divan Du Monde und schließlich kann sich ja wohl auch ein Olivier Marguerit kaum täuschen, oder?
Zuvor hatte die Schwedin/Französin Lisa Li Lund, vor den Augen ihres berühmten Brüders Herman Dune und ihren Eltern, zusammen mit ihrem neuen Bandprojekt The Big Crunch Theory ein abwechslungsreiches Set geboten. Die Stücke klangen sehr unterschiedlich und waren je nachdem in die Schubladen Folk, Indierock, New Wave oder Elektropop einzuordnen. Der Tonfall und die Rhythmik beim Gesang trug aber ziemlich deutlich die Handschrift ihres Bruders David-Ivar. Ähnlicher Akzent, gleicher textlicher Sinn für Absurdes und Kurioses und immer mit einem Augenzwinkern versehen. Ihre Band war eine Art Supergroup, denn neben zwei Damen an Schlagzeug und Bass, agierten Guillaumes Léglise von My Broken Frame (und Go Go Charlton) und Etienne Chaumet, der nerdige Compterfreak von Zombie- Zombie, mit denen er sogar in England in Insiderkreisen sehr bekannt und angesehen ist.
Der Abend wurde schließlich von der Amerikanerin Cameron Mesirow alias Glasser abgeschlossen. Die rotblonde Sängerin war mit einem sehr extravaganten Kleid erschienen, zu dessen Beschreibung mir die passenden Worte fehlen. Da fragt man besser bei Modeblogs nach, die verstehen sich auf so was. Für mich sah das Ganze so ähnlich aus wie der Fummel von Cindy Lauper und auf dem Kopf trug Glasser ein schwarzes Mützchen, um das sie sicherlich deutsche Autofahrer beneiden werden. Jene Autofahrer nämlich (bevorzugte Marken: Mercedes, Audi), die gerne ihre Klopapierrollen auf dem Rücksitz ihrer Karre in ein Häkelteil wickeln und gleich neben den Regenschirm legen. Krass, Alter!
Über die Musik hüllen wir ohnehin besser den Mantel des Schweigens, denn welcher Mitbürger mit Geschmack steht schon auf kitschigen 1980 er Jahre Synthiepop mit Operndiva Gesang?Und wer mag eigentlich Björk, Camerons offensichtliches Vorbild? Keine Sau, genau!
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