Konzert: Roosevelt, Pumarosa, Shells Ort: Lowlands Festival Datum: 19.-21.08.2016 Dauer: ca. 40min Zuschauer: 200-400 Neben den großen Namen gab es, jeweils zu früher Stunde, natürlich auch diverse neue Bands beim Lowlands Festival zu entdecken. Drei davon sind mehr als einen kurzen Tipp wert. Daher hier die Vorstellung von: "Pumarosa", "Shells" und "Roosevelt". Beginnen wir mit "Pumarosa", dem vielleicht hoffnungsvollsten aller derzeitigen Newcomer aus London. Ihr Sound zeichnet sich durch eine fast schon zu große Zahl an Referenzen aus. Von 80`er Düster-Nostalgie, über Anleihen bei Underworld bis hin zu einem Saxophon Solo ist eigentlich alles dabei. Sängerin Isabel Munoz-Newsome ist aber der wirkliche Star. Sie beginnt zunächst verhalten, mit einem Schlägel für Beckentrommeln bearbeitet sie Hals und Korpus ihrer Gitarre. Dabei schaut sie entrückt in einem silbernen, langen Kleid mit noch nassen Haaren in die Menge. Im späteren Verlauf wird sie zur mal zur Tänzerin mit Ausdruck, rockt wie ein Derwisch oder gibt sich verspielt bei den Balladen. Zum Glück funktionieren die Songs auch bei geschlossenen Augen, wobei eine charismatische Frontfrau ja noch keiner Band geschadet hat. Klingt der Rest der Band nach lupenreinem Indiesound, ist es der Tastenmann am rechten Bühnenrand, der den Songs seine tänzerischen Beats hinzufügt. Dies steigert er langsam immer weiter, bis sich im Laufe des Konzertes dann ein wirklich treibender Beat ergibt, der im wohl besten Song: "Priestess" endet, der schon als Single/Video fast acht Minuten in Anspruch nimmt.
Eine CD steht noch aus, aber in dieser Form steht größeren Bühnen nichts im Wege. Ein mitreißendes Konzert. Demnächst wahrscheinlich als Vorgruppe ihrer Lieblingsband. "Shells", ebenfalls aus London, haben noch nicht so viele Vorschusslorbeeren ernten können, sind aber auch noch frischer im Geschäft. Die liebenswerte Sängerin tritt hier nur mit begleitendem Schlagzeug auf. Hörenswert auf jeden Fall die Single "Gold", reiner Pop, aber das ist hier niemals ein Schimpfwort. Die beiden sind jedenfalls bester Laune, obwohl sie nach eigener Aussage wie alle anderen mit dem privaten Auto angereist sind und auch die Nacht auf dem Campingplatz verbracht haben. Der Set endet 10 Minuten eher als auf dem Zeitplan angegeben und ein Album gibt es auch hier noch nicht. Der Songaufbau mit ruhigen, tollen Melodiebögen scheint geradezu gemacht für den Erfolg.
"Roosevelt" spielten am Tag iher Albumveröffentlichung auf dem Lowlands und sind somit schon einen Schritt weiter. Bis dieses Album fertig war, vergingen allerdings Jahre, und so ist der Sound der Band (live spielen Roosevelt zu dritt) bereits perfekt. Marius Lauber ist mit seinem Projekt ja zur Zeit in allen Medien vertreten, sogar im Ausland hat die CD viel Aufmerksamkeit erhalten und so kann er auch hier vor einem vollen (wenn auch kleinen) Zelt antreten. Die Tour wird ihn und seine Band noch bis zum Jahresende durch die ganze Welt führen, sogar Auftritte in den USA sind schon gebucht. Das liegt sicher einerseits an der im Ausland immer aufmerksam verfolgten deutschen Szene der elektronischen Musik, andererseits natürlich an den unglaublich melodischen Songs, die er hier mit der Band auch live noch druckvoller und tanzbarer vortragen kann. Daran gibt es, außer dem manchmal etwas zu gleichförmigen Songaufbau, wirklich gar nichts zu kritisieren. Wer auf tanzbaren Pop steht, kann hier nicht enttäuscht werden. Die Zeit der schrammeligen Indiebands mit Gitarren ist auf den großen Festivals dieser Welt jedenfalls endgültig vorbei. Moderner Pop mit großen Gesten, melodischen und elektronischen Versatzstücken sind der Trend, der in dieser Zeit der fehlenden Jugendkulturen den meisten Konsens findet. Foto Gelände: Michael Graef
Konzert: Philip Glass Ensemble, Koyaanisqatsi Live Ort: Lowlands Festival Datum: 21.08.2016 Dauer: 90min Zuschauer: ca.4.000
Besondere Festivals fordern das Publikum meistens mit speziellen Programmpunkten zu außergewöhnlichen Zeiten. Entweder sind es besonders angesagte DJ`s, die zu nachtschlafender Zeit aus einem Steher aber auch keinen Tänzer mehr machen können, oder Events am frühen Morgen, bei dem der normale Festivalbesucher noch in der Hose von gestern nach einer Duschmarke kramt. Prioritäten sind also wichtig, daher war der für 12:50 Uhr angesetzte Philip Glass, mit 79 Jahren wohl der älteste Teilnehmer des Festivals, auf jeden Fall wichtiger als das nächtliche Tanzprogramm am Abend zuvor. Philip Glass hat nicht nur unzählige Kompositionen für Filme geschrieben, auch diverse Opern und andere klassische Stücke finden sich in seinem großen Werk. Trotzdem ist der Soundtrack zu "Koyaanisqatsi" vielleicht sein berühmtestes "Stück". Kein anderer Film lässt seiner Musik soviel Raum. Geboten wurde eine komplette Aufführung des Films von 1983, live begleitet von einem Streichensemble. Das bespielte Zelt wurde komplett verdunkelt und viel mehr müde Gestalten als ich erwartet hätte wollten dem interessanten Experiment folgen.
Der Film selber besteht ausschließlich aus Zeitlupen- oder Zeitrafferaufnahmen der Natur und dem, was der Mensch daraus gemacht hat. Der von F. F. Coppola 1983 produzierte Film war, lange bevor die BBC jeden Winkel der Erde mit HD-Kameras zu filmen begann, eine Sensation. Besonders der Verzicht auf jeglichen Off-Kommentar und die Arrangements von P. Glass verliehen dem Ganzen etwas sehr meditatives. Und doch kommt es immer wieder zu harten Schnitten, wird doch der Mensch hier ganz offen durch die Bilder angeklagt, sich an der Erde vergangen zu haben.
Soweit so kitschig, ist es aber gar nicht. Das Geheimnis ist die Musik, die jedes der gezeigten Bilder in ein Gefühl verändert. Sie verstärkt die Zerstörung und schmeichelt den wandernden Wolken. Zeitloser kann ein Film nicht sein. Daher fesselt das Konzept auch heute noch so stark, dass selbst bei den hier vorhandenen Rahmenbedingungen (Müdigkeit, Stehen, klassische Musik) fast keiner der Zuschauer vorzeitig das Zelt verlässt.
Viele dürfte schon alleine der Film beeindruckt haben. Auch ich kann mich nur an eine alte VHS-Kopie aus meiner Videothek erinnern. Die riesige Leinwand und das Ensemble erzeugen hier 90 Minuten einen völligen Sog, der nie Langeweile aufkommen lässt. Nichts für jedermann, und für die Macher ein aufwendiger Start in den Tag.
Das Zelt öffnet sich, die Sonne kitzelt in der Nase und die Augen brennen. Alle verweilen noch einen Moment, schauen sich kurz um und eilen dann zum nächsten Auftritt.
Konzert: The Last Shadow Puppets Ort: Lowlands Festival Datum: 21.08.2016 Dauer: 60min Zuschauer: ca.20.000 Zu den schönsten Momenten bei regelmäßigen Konzertbesuchen gehört noch immer, einer Band zuzusehen, die genauso viel Spaß zu haben scheint wie das Publikum. Solche Abende sind in Zeiten von endlosen Tourneen und ganzjährig stattfindenden Festivals selten geworden, aber es gibt sie noch. Die Bühne ist bereitet und die Streicher (ebenfalls bester Laune) spielen sich noch warm, da erschüttert ein donnernder Applaus das Zelt. Die Arctic Monkeys sind in den Niederlanden besonders berühmt und hunderte freundliche Mädchen warteten nicht ohne Grund neben mir, mit ihren armverschränkend, etwas missgelaunten Freunden auf die zwei großartigen Frontmänner Alex Turner (Arctic Monkeys) und Miles Kane (The Rascals). Die beiden stürmen von rechts auf die Bühne, Miles beginnt noch im Laufen zu spielen, die Streicher steigen ein und die Band beginnt mit einer orchestralen und zugleich stürmischen Version von "Calm like you". Beide Herren spielen im weiteren einen perfekt auf Ironie und ihre Vorbilder ausgerichteten Set, der aber auch als eigenständiger Auftritt voll überzeugen kann. Gekleidet als eine Mischung aus den jungen "Brian Ferry" und "Robert de Niro", mit schwarzer Buntfaltenhose und blütenweißem Hemd und natürlich dauerhaft Zigarette rauchend, ist Alex Turner noch einen Ticken cooler als der sonst als Modepapst bekannte Kane. Dieser steht am Ende mit blankem Oberkörper unter seinem hellblauen Jacket da, Goldkette inklusive. Was folgt, ist die vielleicht kurzweiligste Stunde des Festivals. Auch wenn nicht alle Songs zünden, die Hits sind umso größer und die oben angesprochene Spiellaune will nicht enden. Fast in jedem Song wissen die Zwei königlich zu unterhalten. Einmal wickelt sich Turner gar sein Mikrofonkabel wie eine Fessel um die Beine, um sich dann auf die breiten Schienen der Fernsehkameras zu legen, während diese langsam auf ihn zufahren. Ein herrliches Bild. "Aviation" und "The Age of Unterstanding" folgen recht früh im Set, am Ende wird ein wenig gestreckt und die Streicher sind wegen des Gitarrenlärms kaum noch wahrnehmbar. Da aber alle Mätzchen der Show dienen, (ja, das darf und muss auch mal sein) ist das sehr launige Ende mit einer zerschossenen Version von "In my room" verzeihlich und auch der spontane Spott, (oder die Verehrung) dies wurde nicht ganz klar, gegenüber dem folgenden Headliner LCD Soundsystem ging im Feedback von Kane leider unter. Trotzdem war es toll diese Musiker außerhalb ihrer sonst starren Bandkonzepte, mit einer derartigen Lust an Ironie und ohne Perfektion aufspielen zu sehen. Ein Triumph, wie ihn wahrscheinlich nur englische Bands bieten können. Fotos: Michael Graef
"Whitney" eröffneten den zweiten Tag des Lowlands Festivals im putzigen "Charlie"-Zelt gegen Mittag, und trotzdem gab es ein außergewöhnlich gutes Konzert zu sehen. Die Band (mit dem Gitarristen der ehemaligen "Smith Westerns" und dem Schlagzeuger von "Unknown Mortal Orchestra") war bester Laune. Ob dies an der halbleeren Whiskyflasche auf der Bühne lag, war nicht zu klären. Fakt ist, Sänger Julian Ehrlich hatte Spaß, war in Plauderlaune und schreckte auch nicht vor einem Zungenkuss mit seinem Bassisten zurück. Das alles wäre ja noch kein gutes Konzert, aber auch die gebotenen Versionen des sehr schönen Debüt-Albums "Light upon the Lake" perlten und strahlten von der Bühne.
Wirkt das alles auf Platte etwas nerdig und glatt, so gab es hier an dem straighten Gitarrensound und dem härteren Schlagzeug gar nichts mehr auszusetzen. Der Sound erinnert vielleicht am ehesten an die späten "Beach Boys", hat aber gerade wegen der markanten, säuselnden und sehr hohen Stimme von Ehrlich etwas ganz eigenes. Als vorläufigen Höhepunkt gab es eine Bob Dylan Coverversion: "Tomorrow i`ll be staying here with you" von seinem Nashville Skyline Album, auch keine alltägliche Wahl. Zumal es sich dabei um ein romantisches Liebeslied handelt, und davon haben Whitney nur ganz wenige. Meistens handeln die Texte, entgegen der sommerlichen Stimmung, von Tod, Verlust oder missglückter Liebe. So wie das letzte Stück des Tages, die besondere Single "No woman", dessen tolles Arrangement mit Trompete und Breitwandsound mich noch lächelnd den ganzen Festivaltag als Ohrwurm begleitete. Ganz am Ende, die Band hatte völlig die Zeit vergessen und spielte 10 Minuten länger als geplant (Gründe: siehe oben) trat ein glücklicher Sänger und Schlagzeuger erneut ans Mikro und verkündete "dies war der schönste Gig auf der bisherigen Tour". Das hört man gerne. Die Band ist dieses Jahr noch am 25.10. in Köln und einen Tag später in München zu Gast. Fotos: Michael Graef
Konzert: LCD Soundsystem Ort: Lowlands Festival Datum: 21.08.2016 Dauer: 90min Zuschauer: 15.000 Beginnen wir mit den Berichten vom Lowlands Festival in den Niederlanden mit dem letzten Act: "LCD Soundsystem" sind in der Stadt, und sie scheinen nicht im Kleinbus anzureisen.
Die riesige Bühne des 12-Masten Zelts (Alpha) ist in der vollen Breite mit Equipment versehen.
Drei Schlagzeuge, diverse analoge und digitale Synthies aus denen riesige Kabelberge erwachsen, und die eines Soundsystems würdigen, riesigen Monitorboxen an den Seiten demonstrieren Headlinerambitionen. Das die Band zu ihrer damals aktiven Zeit in Europa fast nur in Clubs unterwegs war und niemals riesige Hallen gefüllt hat, scheint vergessen. Die Zeit, in der Musik nachhaltig relevant bleibt, ist ja entscheidend für die Geschichtsbücher des Rock/Pop, und da scheint es der Nachwuchs gut zu meinen mit dem LCD Soundsystem. Das Licht geht aus, die Bühnenshow beginnt sofort mit dem riesigen Mirrorball unter der Zeltdecke und die Party ist eröffnet. Natürlich ist das keine große Hitshow in herkömmlichen Sinne. Dazu ist die Musik von James Murphy viel zu clever und vertrackt, aber der Rhythmus ist das tragende Element dieses Soundkollektivs. Tiefsinnige Texte wirken da eher störend, oft dient die Stimme nur als ein weiteres Instrument im Breitwandsound. James Murphy scheint einigermaßen gute Laune zu haben, zumindest gibt es keine Beschwerden. Er ist sehr gut bei Stimme und die schon beiden ersten Songs (Us v Them und Daft Punk...) versprechen viel. Musikalisch angelehnt an die "Talking Heads", allerdings weniger auf Perfektion bedacht, macht die Band die Show zu einer echten, scheinbar spontanen Soundinstallation. Passend dazu trägt Sängerin/Keyboarderin Nancy Whang einen blauen Arbeitsoverall.
Wer aber genauer hinhört und die Band beobachtet wird den cleveren Schachzug durchschauen.
Platz für wirkliche Spontanität ist selten, zu perfekt klingt die Maschine LCD. Allein Murphy`s spontane Trommeleinlagen oder ein "Happy Birthday" für den Tonmann sind die Ausnahmen. Da aber die Allermeisten noch nie in den Genuss einer Live-Show mit dem Soundsystem kamen, ist dies zu vernachlässigen. "Yeah" wird zum tosenden, immer schnelleren Mantra, selbst die einzige Ballade "New York..." zieht zum Ende wieder mit langem Finale an, bevor dann mit "All my friends" der Abend mit einem wilden Sing-along zu Ende geht.
Ein weiteres Detail der Show war die am linken Bühnenrand rückwärts laufende Digitaluhr mit den geplanten 90 Minuten Spielzeit. Das Konzert endete bei 0:01.
Eine Band wie ein Uhrwerk, die es trotzdem schafft, mit ihrer Spielfreude und innovativem Konzept ein Festivalpublikum mitzureißen, das auf Grund seines Alters größtenteils wahrscheinlich noch nie von der Band gehört hatte.
Immer wieder musste ich an den schwedischen Film "Sound of Noise" denken, in dem ebenfalls ein Soundkollektiv von diversen Guerilla-Drummern versucht, in nicht alltäglichen Situationen den perfekten Rhythmus zu erschaffen. LCD Soundsystem gaben einem genau 90 Minuten lang dieses Gefühl, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Ein Erlebnis. LCD Soundsystem, Paris, 27.03.07
Mein Zuhause. Mein Blog. ist als kleines privates Konzert- Tagebuch entstanden. Und weil es zur Zeit musikalisch so spannend ist, wächst unsere Sammlung schnell. Wir schreiben die Berichte spontan, unüberarbeitet und so zeitnah wie möglich. Die Reviews stehen meist noch in der gleichen Nacht online, spätestens jedoch am nächsten Tag. Musik ist für uns vor allem Spaß und keine Wissenschaft.
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