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Dienstag, 23. Juni 2015

Bob Dylan & His Band, Mainz, 20.06.2015

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Konzert: Bob Dylan & His Band
Ort: Zollhafen Nordmole, Mainz
Datum: 20.06.2015
Dauer: ca. 100 Minuten
Zuschauer: etwa 6000


Bericht von unserem Gastautor Matthias aus der Nähe von Frankfurt
   
Rainy Day Woman #12 & 35 oder doch Watching the River flow? Während des langen Wartens auf den Konzertbeginn konnte man sich als alter Dylan-Fan schon Gedanken machen, mit welchem, der Location direkt am Rhein oder lieber dem vorherrschenden Wetter, angepassten Song der Meister sein Konzert beginnen sollte. Es war dann natürlich weder noch. Things Have Changed, ein Song aus dem Soundtrack des Films Wonder Boys, für den Dylan im Jahr 2000 sowohl den Oscar wie den Golden Globe gewann, ist ein verspäteter Abgesang auf das Image des Protest-Barden, das Dylan noch nie leiden konnte, und auf seiner Never-Ending-Tour seit einigen Jahren einer der Standard-Opener: People are crazy and times are strange … I used to care but things have changed

She Belongs to Me aus dem Jahr 1965 ist einer dieser Anti-Love-Songs, von denen Dylanologen meinen, das der Meister sie erfunden hat. Der Titel ist ironisch, die Besitzverhältnisse scheinen eher umgekehrt, was das lyrische Ich gleichermaßen anwidert wie glücklich macht. Das musikalische Arrangement, das Dylans wie immer fantastische Band an diesem Abend spielt, scheint eher vom Glück beseelt. Beyond Here Lies Nothing von Dylans 2009er Album Together Through Life gibt dann die Richtung für den Konzertabend vor: Der Schwerpunkt liegt auf den Studioalben nach 1992. Als Veteran zahlreicher Konzerte mit His Bobness über die Jahre weiß ich natürlich, dass er sich nicht dazu herablässt, ein Greatest-Hits-Programm abzuliefern, das sollen die Stones machen. Der ganze Zweck der seit fast dreißig Jahren andauernden Never Ending Tour scheint es zu sein, die Erwartungen seines Publikums zu irritieren (enttäuschen wäre zu viel gesagt). Wohlige Protest-Romantik aus den Sechzigern? Da spielt er doch lieber Songs von ungeliebten Achtziger-Alben. Nachdem er nun Alben mit Weihnachtsliedern und Sinatra-Covern veröffentlicht hat, hat es sich aber wohl bis zum letzten Fan herumgesprochen, dass das Unerwartete bei dem Barden aus Hibbing die Norm ist; die er aber wiederum unterläuft, wenn er, wie 2011 in Mainz, doch ein Greatest-Hits-Konzert spielt. Sie haben ja auch einiges an großartigen Songs zu bieten, seine Alben der letzten 25 Jahre. Sieben Alben mit eigenen Songs, dazu einige Alben mit Coverversionen, inzwischen schon fast eine Dylan-Tradition. Die größte Aufmerksamkeit erhält Dylan aber heute nicht mehr für diese Platten, sondern für die Erstveröffentlichungen von Archivmaterial in seiner Bootleg-Series. 

Workingman Blues#2 von Dylans 2006er Album Modern Times erzählt von Würde und Ausbeutung des modernen Menschen, angelehnt an Chaplins gleichnamigen Filmklassiker und den römischen Dichter Ovid. Das alles kommt musikalisch sehr entspannt und fast swingend daher. Dylans Band läuft hier erstmals zu großer Form auf. Weiter mit Duquesne Whistle, einer ebenfalls sehr swingenden Rockabilly-Nummer von Tempest (2013), einem großartigen Album trotz des 13-minütigen Titanicsongs.  
Payment in Blood und Early Roman Kings vervollständigen die Trilogie aus Tempest an diesem Abend. Dazwischen erklingt mit Waiting For You ein Kuriosum, wenn auch nicht eine Rarität, da er den Song in den letzten zwei Jahren häufig gespielt hat. 2005 erstmals live gespielt, ist der Song bis heute unveröffentlicht. Die Steel-Guitars und die ganze Band schwelgen im Country-Wohlklang und Dylan setzt hier erstmals an diesem Abend seine Crooner-Stimme ein. Obwohl ich überhaupt kein Country-Fan bin, eine Musik, die man eigentlich nur in satirischer Form, etwa von Zappa (Truck Driver Divorce, Steel guitars weep all over it…), ertragen kann, wirkt sie von Dylan gespielt sehr authentisch. Schließlich hat er schon in den 60er Jahren mit Johnny Cash Platten gemacht. 

Full Moon and Empty Arms ist dann das von mir schon sehnlichst erwartete Sinatra-Cover aus seinem letzten Album Shadows in the Night. Für ein Rockkonzert wird an diesem Abend schon sehr viel geswingt, mit deutlicher Blues- und Countrynote. So lässt sich Dylans musikalische Richtung heute annähernd beschreiben. Den Folk-Barden und Folk-Rocker Dylan hatte der Song and Dance Man wohl zu Hause in Malibu gelassen. Seiner Liebe zu den Songs und Sounds der vierziger und fünfziger Jahre hat Dylan schon in seiner Radio-Show freien Lauf gelassen; Sinatra-Songs zu covern war aber schon ein gewagtes Projekt (was kommt als nächstes, Tom Waits sings ABBA?), dem Dylan stimmlich durchaus gewachsen ist, wenn seine Interpretationen auch Geschmackssache bleiben. Hatte er in den Neunziger Jahren noch seine Krächz-Phase, ein Werk wie seine Unplugged-CD legt davon ein grausames Zeugnis ab, gefolgt vom Sprechgesang etwa auf Time Out of Mind, singt der Meister seit einigen Jahren tatsächlich wieder, leiser und tiefer, aber in diesem unnachahmlich (ok, das stimmt nicht ganz) nasalen Tonfall. Der Song ist übrigens eine Livepremiere. Es folgt noch eine zweite Weltpremiere, Sad Songs and Waltzes, ein Willie-Nelson-Song, der tatsächlich im Walzertempo daherkommt und Bob über die Bühne tänzeln lässt. 

Wirklich Stimmung im Publikum kommt erst auf, als die ersten Klassiker aus den 60er und 70er Jahren gespielt werden, To Ramona und vor allem Tangled up in Blue. Der Song aus Dylans 75er Scheidungs-Album-Klassiker Blood on the Tracks ist eine surreale Ballade, eine amerikanische Odyssee mit Anklängen an Petrarca und die Bibel, ein typischer Dylan-Song eben. Letzes Mal in Mainz gab es den Song noch solo zur Gitarre. Die ikonische Verbindung Dylan-Acoustic Guitar soll es aber an diesem Abend nicht geben. Der Meister greift kein einziges Mal zur Gitarre, spielt dafür Harmonika (sehr gut) und Klavier (passabel). Mit Dylan am Klavier gelingt eine fantastische Version von Ballad of a Thin Man, diesem grandiosen satirischen Porträt eines Hipsters ca. 1965. Der eine Konzerthöhepunkt, der andere ist A Hard Rain's A-Gonna Fall, Dylans beklemmende Aufarbeitung der kubanischen Raketenkrise, als der junge Bob schon mal lyrisch die nukleare Apokalypse beschwor in einer Wortgewalt und Eindringlichkeit, die im Genre des populären Songs und nicht nur dort kaum einer je erreicht hat. Ja, das ist ein Plädoyer für die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an ihn. 

All Along the Watchtower, ein Song, dessen definitive Version gewiss nicht von Dylan selbst stammt: Danach stehen der Meister und seine Mannen noch etwas verloren im Scheinwerferlicht, wohl einen Moment unsicher, ob sie noch einen Song spielen sollen/können/dürfen(?), bevor sich Dylan grußlos wie immer, tatsächlich hat er das ganze Konzert über wieder kein einziges Wort an das Publikum gerichtet, von der Bühne verabschiedet. Hoffentlich nur bis zum nächsten Mal.


Setlist Bob Dylan & His Band, Mainz 2015:

01: Things Have Changed
02: She Belongs to Me
03: Beyond Here Lies Nothin'
04: Working Man's Blues #2
05: Duquesne Whistle
06: Waiting for You
07: Pay in Blood
08: Full Moon and Empty Arms (Frank-Sinatra-Cover) [Weltpremiere]
09: Tangled Up in Blue
10: To Ramona
11: Early Roman Kings
12: Sad Songs and Waltzes (Willie-Nelson-Cover) [Weltpremiere]
13: 'Til I Fell in Love With You
14: Tweedle Dee & Tweedle Dum
15: A Hard Rain's A-Gonna Fall
16: Ballad of a Thin Man

17: All Along the Watchtower (Z)


Donnerstag, 7. August 2014

Neil Young & Crazy Horse, Mainz, 28.07.2014

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Konzert: Neil Young & Crazy Horse
Vorband: The Magic Numbers
Ort: Zollhafen-Nordmole, Mainz
Datum: 28.07.2014
Dauer: 120 Minuten Neil Young & Crazy Horse, 30 Min. The Magic Numbers
Zuschauer: über 10.000

Bericht von Matthias aus Oberhessen:


Ich konnte meine Ohrstöpsel nicht finden. Geht man zu einem Konzert von Neil Young und Crazy Horse, sind das denkbar schlechte Voraussetzungen, um am nächsten Tag ein Pfeifen auf den Ohren oder Schlimmeres zu vermeiden. Ich habe mich dann trotzdem hin getraut und wurde belohnt. Als ich das Gelände betrete, spielen The Magic Numbers gerade ihren ersten Song. Die Band besteht aus zwei Geschwisterpaaren aus Nord-London und ist stilistisch irgendwo zwischen New Wave a la Boomtown Rats und melodiösem Folkrock a la Travis angesiedelt. Neil Young sucht seine Support-Acts immer selbst aus, wie man weiß und auch hier hat er wieder einen guten Griff getan. Das Mainzer Publikum gibt der Band um Frontmann Romeo Stodart gerne eine Chance, die vier Engländer, deren Debutalbum immerhin zweifachen Platinstatus in Großbritannien erreichte, geben ihr Bestes und überzeugen auf der ganzen Linie. Nach drei Songs ist Schluss, fast möchte man sagen, leider, diese Musik könnte ich noch den ganzen Abend hören, aber man ist ja schließlich wegen diesem in Kalifornien lebenden, kanadischen Singer/Songwriter hier, den der Kritiker der FAZ, in einem Anfall von Originalität, einen „achtundsechzigjährigen Achtundsechziger“ nannte. 
Das Ende der Umbaupause kündigt sich dadurch an, dass die Holzstatue von Chief Crazy Horse, die sie auf allen ihren Konzerten begleitet, auf die Bühne gebracht wird. Kurz darauf stehen die vier älteren Herren, inklusive zweier jüngerer Backgroundsängerinnen, auf der Bühne. Der erste Song, passend zum Veranstaltungsort direkt am Rhein, ist natürlich „Down by the River“. Der Song aus Youngs zweitem Soloalbum von 1969, „Everybody knows this is nowhere“, seiner ersten Zusammenarbeit mit Crazy Horse, macht überdeutlich, was man von dieser Kombination zu erwarten hat; ausgedehnte Jams, minimalistische Gitarrensoli vom Meister selbst oder von Gitarrist Frank „Poncho“ Sampedro und diesen wiegenden Groove, den nur Drummer Ralph Molina, und hier Gastbassist Rick Rosas, so hinbekommen, das er auch nach zwanzig Minuten nicht langweilig wird. Tatsächlich dauert der Song dann 25 Minuten. Young, Poncho und Rick Rosas stecken die Köpfe zusammen, ein Solo folgt dem anderen, gelegentlich wendet sich Young zum Mikrofon, die musikalische Spannung entlädt sich in dem wunderschönen Refrain und dann heißt es wieder: Köpfe zusammenstecken. Bis dann nach 25 Minuten der Jam einfach abbricht, Crazy Horse waren nie sehr gut darin, einem Song zu einem richtigen Abschluß zu bringen, er hört gewöhnlich einfach auf. 
Danach folgt „Powderfinger“ vom legendären 79er Album „Rust never sleeps“, meiner erste Begegnung mit Crazy Horse und seitdem einer meiner Lieblingssongs. Die traurige Pioniersaga erzählt die Geschichte eines Überfalls auf eine Farm vom Fluß aus (wiederum sehr passend), erzählt in schleppenden Rhythmen und mit brachialen Gitarrensounds. Die kommen auch in Mainz angemessen heavy, aber nicht so laut, wie es mir Konzerterfahrungen mit Crazy Horse aus den neunziger Jahren nahegelegt hatten. Am Ende wird das hier doch kein Ohrstöpselkonzert. Der nächste Song, das unveröffentlichte „Standing in the light of Love“, bis zu dieser Tour nur einige Male vor dreizehn Jahren gespielt, ist eine Überraschung. Obwohl es wohl niemand kennt sogar ein echter Crowd-Pleaser, jedenfalls singen tausende Fans den Refrain auch nach dem Ende des Songs weiter, zur Freude Neil Youngs. 
„Days that used to be“ und „Love to burn“, vom Young & Crazy Horse Album „Ragged Glory“ sind angemessen nostalgisch, werden von den Fans bejubelt, die Band scheint hier aber den Faden zu verlieren, von der Brillanz im Zusammenspiel während der ersten beiden Songs ist wenig übrig geblieben. Die ausgezeichneten Backgroundsängerinnen, die einiges zum Gesamtsound beitragen und der den ganzen Abend in bestechender Form singende Frontmann, retten aber auch diesen Teil des Abends. Keineswegs untypisch für Konzerte Neil Youngs mit Crazy Horse, die Konzentration scheint oft in der Mitte nachzulassen. „Living with War“, Youngs Protestlied gegen den Irakkrieg, hier wohl gespielt als Kommentar zur angespannten Weltlage, wirkt aber angemessen wütend und kraftvoll. „Name of Love“, der einzige CSN&Y-Song an diesem Abend, aus ihrem unfassbar schlechten 89er Album „American Dream“, ist eine weitere überraschende Songwahl. Bei dieser Tour stehen eindeutig Hits und Raritäten auf dem Programm. Es folgen zwei Songs, von Neil Young solo interpretiert, die an diesem Abend gleichzeitig den Hit-Anteil vergrößern und eine Reminiszenz an Youngs Folk-Wurzeln darstellen. „Blowin in the wind“ ist sicher melodischer als das, was der Meister selbst in Mainz vor einigen Jahren intonierte und Neil Youngs größter Hit „Heart of Gold“ könnte so schön im Licht von tausend Smartphones erstrahlen, wäre es nicht noch hell. Mit „Barstool Blues“ meldet sich Crazy Horse kraftvoll zurück, alle sind wieder voll konzentriert bei der Sache. „Psychedelic Pill“, eine Rarität bei Crazy Horse Konzerten, ist deutlich kürzer als auf der gleichnamigen Platte, was dem Song aber gut bekommt. Dann stimmt Neil Young tatsächlich noch einen meiner Lieblingssogs an, „Cortez the Killer“, und was dann folgt, ist sicher die beste Version, die ich von dem Song kenne. Trotz der zehn Minuten Länge kein ausgedehnter Jam, stattdessen arbeiten Neil Young und Crazy Horse die ökologische Botschaft des Songs besonders heraus, wenn Young sehr betont singt „They build up with their bare hands, what we still can’t do today.“ Die Botschaft des Abends erklärt Neil Young dann beim nächsten Song, dem Klassiker „Rockin in the free world“. Es geht um nichts Geringeres als die Rettung der Erde. Die am Eingang verteilten „Earth“-T-Shirts sollen die Besucher tragen und so auf die vielfältigen und aktuellen Gefahren für Mutter Erde aufmerksam machen. Dieser Hippie-Aktivismus ist wohl etwas allgemein, nichtsdestotrotz richtig und notwendig. „We came here to play music for you. You get the T-Shirts for free. Fuck the system,“ lässt sich der Meister vernehmen. Tatsächlich habe ich ihn noch nie so aufgewühlt gesehen, meist wirkte er auf der Bühne eher schüchtern; auch in Mainz waren das seine ersten Worte an das Publikum, bis dahin hatte er nur einige Worte mit Crazy Horse gewechselt, der Statue, nicht der Band. In „Rockin in the free world“ gibt es dann eine Extrastrophe, die Fracking verdammt, wenn ich das richtig verstanden habe. Musikalisch im Original eher eine schnelle Grunge-Nummer, drosseln Crazy Horse das Tempo, obwohl sie ja als die Proto-Grunge-Band schlechthin gelten. Als einzige Zugabe gibt es nach fast zwei Stunden einen neuen Song „Who’s gonna stand up and save the Earth?“. Musikalisch erinnert die Nummer stark an Lenny Kravitz, der Agit Prop-Charme der Nummer vermag aber durchaus zu überzeugen. Fazit: Ein großartiges Konzert von vier Althippies, die noch viel zu sagen haben und das hoffentlich auch in Zukunft tun werden. 


Setlist The Magic Numbers, Mainz:

01: The Pulse 
02: I see you, you see me 
03: Love me like you 

Setlist Neil Young & Crazy Horse, Mainz:

01: Down by the River 
02: Powderfinger 
03: Standing in the light of Love 
04: Days that used to be 
05: Living with war 
06: Love to burn 
07: Name of Love 
08: Blowin in the wind (Bob Dylan-Cover)
09: Heart of Gold 
10: Barstool Blues 
11: Psychedelic Pill 
12: Cortez the Killer 
13: Rockin in the free world 

14: Who’s gonna stand up and save the earth (Z)


 

Konzerttagebuch © 2010

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