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Freitag, 14. April 2017

Bob Dylan, Düsseldorf, 13.04.2017

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Konzert: Bob Dylan
Ort: Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle
Datum: 13.04.2017
Dauer: 110min
Zuschauer: 5.500 (ausverkauft)


Am Tag vor dem Konzert hatte ich mir einen Blick in die "Eventim-Fankommentare" gegönnt, in denen Besucher der bisherigen Shows die üblichen Tiraden unters Volk streuten. "...das beste am Abend war die Currywurst", "..herausgeschmissenes Geld", "wir waren gekommen um den Folkmusiker der 70er zu hören"..und so weiter. 

Besonders der Vorwurf, ob man für so viel Geld so wenige Hits spielen darf, zeigt die Ignoranz und Selbstgefälligkeit dieser Leute, aber auch deren Blick auf die Kunst.

Wer natürlich nur Musicals gewohnt ist kann eigenständige, künstlerische Entscheidungen vielleicht schwer nachvollziehen, aber Musicals gewinnen ja auch keinen Literaturnobelpreis.

Abgesehen davon bitte ich vor einem Museumsbesuch ja auch nicht den Maler, mir die Bilder zu malen, die ich toll finde. Es ist wirklich erstaunlich, dass es noch Konzertgänger gibt, die auch nach fast 20 Jahren nicht mitbekommen haben wollen, das es nie wieder ein Best of.. Konzert von Bob Dylan geben wird. 

Gleich zu Beginn gibt es aber eine volle Ladung alter Hits. Allerdings nur auf dem Parkplatz vor dem Eingang, auf dem sich ein Lookalike an Coverversionen versucht. 

Punkt 20:00 Uhr verlöscht das Licht und gibt den Blick auf eine sehr schwach beleuchtete Bühne frei. Lediglich sieben riesige, alte Filmleuchten und einige Spots müssen reichen, Leinwände oder Licht von der Decke gibt es nicht.



Bob Dylan wird den ganzen Abend seinen schwarzen Flügel nur verlassen um in der Bühnenmitte als Chansonnier einige Cover zu interpretieren. 21 Songs werden zur Zeit jeden Abend aufgeführt, das Programm variiert nicht. 

Die Band spielt ohne Unterbrechung (wahrscheinlich damit es nicht zu peinlichen Zwischen-oder Buhrufen der Anwesenden kommt) und Dylan gibt das, was er in seinem Alter noch geben kann. 

Mundharmonika und Gitarre wird er an diesem Abend kein einziges Mal in die Hand nehmen. Einige Songs gelingen und klingen toll, das zur Eröffnung gespielte "Things have changed" und eine fast schon rockige Version von "Desolation Row", andere sind entbehrlich. Obwohl die Instrumentierung bei allen Songs gleich ist (akustische Einlagen gibt es ebenfalls nicht), ist die musikalische Bandbreite doch enorm. 

Aber man muss schon genau hinhören, um die Einschübe von Blues, Folk, Americana, Chanson und Rock wahrzunehmen. Allzu oft ist man darauf konzentriert die einzelnen Stücke erst einmal zu erkennen um sie dann in ihrer neuen Version würdigen zu können. 



Die strikten Vorgaben des Künstlers indes haben auch gute Seiten. Keiner traut sich das Handy als Fotoapparat zu missbrauchen, Mitklatschen und Aufstehen verbieten sich sowieso und lassen einen so den Konzertabend genießen wie schon lange nicht mehr. 

Nach einer kurzen Zugabenpause und dem am Ende etwas zerschossenen "Ballad of a thin man" ist dann mit einer kurzen Verbeugung der offizielle Teil beendet. 

Und wieder vergeht keine Sekunde im hellen Saallicht, ohne das ich sofort wieder von wildesten Kraftausdrücken umgeben bin. Dem Künstler wird nahegelegt "endlich zu sterben" oder direkt am Ausgang "das Eintrittsgeld persönlich wieder auszuzahlen". 

Weitere, noch schlimmere Ausdrücke kann ich hier wirklich nicht wiedergeben. Es bleibt zu vermuten, dass genau diese Leute sich umgehend auf den Weg zum nächsten Dylan-Konzert begeben, um wieder enttäuscht zu werden. 

Eine Hassliebe von ungeahntem Ausmaß. Zu gerne würde man in Dylans Kopf blicken und seine Gedanken lesen. Ein wahrer Künstler aber behält die Geheimnisse für sich, seine Aura und Unnahbarkeit (ob gespielt oder nicht) unterscheiden ihn ja gerade vom normalen Zuhörer. 

Das ist der Preis oder auch Fluch des kreativen Schaffens, den Dylan wie kein anderer lebender Künstler verinnerlicht hat. 


Dienstag, 23. Juni 2015

Bob Dylan & His Band, Mainz, 20.06.2015

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Konzert: Bob Dylan & His Band
Ort: Zollhafen Nordmole, Mainz
Datum: 20.06.2015
Dauer: ca. 100 Minuten
Zuschauer: etwa 6000


Bericht von unserem Gastautor Matthias aus der Nähe von Frankfurt
   
Rainy Day Woman #12 & 35 oder doch Watching the River flow? Während des langen Wartens auf den Konzertbeginn konnte man sich als alter Dylan-Fan schon Gedanken machen, mit welchem, der Location direkt am Rhein oder lieber dem vorherrschenden Wetter, angepassten Song der Meister sein Konzert beginnen sollte. Es war dann natürlich weder noch. Things Have Changed, ein Song aus dem Soundtrack des Films Wonder Boys, für den Dylan im Jahr 2000 sowohl den Oscar wie den Golden Globe gewann, ist ein verspäteter Abgesang auf das Image des Protest-Barden, das Dylan noch nie leiden konnte, und auf seiner Never-Ending-Tour seit einigen Jahren einer der Standard-Opener: People are crazy and times are strange … I used to care but things have changed. 

She Belongs to Me aus dem Jahr 1965 ist einer dieser Anti-Love-Songs, von denen Dylanologen meinen, das der Meister sie erfunden hat. Der Titel ist ironisch, die Besitzverhältnisse scheinen eher umgekehrt, was das lyrische Ich gleichermaßen anwidert wie glücklich macht. Das musikalische Arrangement, das Dylans wie immer fantastische Band an diesem Abend spielt, scheint eher vom Glück beseelt. Beyond Here Lies Nothing von Dylans 2009er Album Together Through Life gibt dann die Richtung für den Konzertabend vor: Der Schwerpunkt liegt auf den Studioalben nach 1992. Als Veteran zahlreicher Konzerte mit His Bobness über die Jahre weiß ich natürlich, dass er sich nicht dazu herablässt, ein Greatest-Hits-Programm abzuliefern, das sollen die Stones machen. Der ganze Zweck der seit fast dreißig Jahren andauernden Never Ending Tour scheint es zu sein, die Erwartungen seines Publikums zu irritieren (enttäuschen wäre zu viel gesagt). Wohlige Protest-Romantik aus den Sechzigern? Da spielt er doch lieber Songs von ungeliebten Achtziger-Alben. Nachdem er nun Alben mit Weihnachtsliedern und Sinatra-Covern veröffentlicht hat, hat es sich aber wohl bis zum letzten Fan herumgesprochen, dass das Unerwartete bei dem Barden aus Hibbing die Norm ist; die er aber wiederum unterläuft, wenn er, wie 2011 in Mainz, doch ein Greatest-Hits-Konzert spielt. Sie haben ja auch einiges an großartigen Songs zu bieten, seine Alben der letzten 25 Jahre. Sieben Alben mit eigenen Songs, dazu einige Alben mit Coverversionen, inzwischen schon fast eine Dylan-Tradition. Die größte Aufmerksamkeit erhält Dylan aber heute nicht mehr für diese Platten, sondern für die Erstveröffentlichungen von Archivmaterial in seiner Bootleg-Series. 

Workingman Blues#2 von Dylans 2006er Album Modern Times erzählt von Würde und Ausbeutung des modernen Menschen, angelehnt an Chaplins gleichnamigen Filmklassiker und den römischen Dichter Ovid. Das alles kommt musikalisch sehr entspannt und fast swingend daher. Dylans Band läuft hier erstmals zu großer Form auf. Weiter mit Duquesne Whistle, einer ebenfalls sehr swingenden Rockabilly-Nummer von Tempest (2013), einem großartigen Album trotz des 13-minütigen Titanicsongs.  
Payment in Blood und Early Roman Kings vervollständigen die Trilogie aus Tempest an diesem Abend. Dazwischen erklingt mit Waiting For You ein Kuriosum, wenn auch nicht eine Rarität, da er den Song in den letzten zwei Jahren häufig gespielt hat. 2005 erstmals live gespielt, ist der Song bis heute unveröffentlicht. Die Steel-Guitars und die ganze Band schwelgen im Country-Wohlklang und Dylan setzt hier erstmals an diesem Abend seine Crooner-Stimme ein. Obwohl ich überhaupt kein Country-Fan bin, eine Musik, die man eigentlich nur in satirischer Form, etwa von Zappa (Truck Driver Divorce, Steel guitars weep all over it…), ertragen kann, wirkt sie von Dylan gespielt sehr authentisch. Schließlich hat er schon in den 60er Jahren mit Johnny Cash Platten gemacht. 

Full Moon and Empty Arms ist dann das von mir schon sehnlichst erwartete Sinatra-Cover aus seinem letzten Album Shadows in the Night. Für ein Rockkonzert wird an diesem Abend schon sehr viel geswingt, mit deutlicher Blues- und Countrynote. So lässt sich Dylans musikalische Richtung heute annähernd beschreiben. Den Folk-Barden und Folk-Rocker Dylan hatte der Song and Dance Man wohl zu Hause in Malibu gelassen. Seiner Liebe zu den Songs und Sounds der vierziger und fünfziger Jahre hat Dylan schon in seiner Radio-Show freien Lauf gelassen; Sinatra-Songs zu covern war aber schon ein gewagtes Projekt (was kommt als nächstes, Tom Waits sings ABBA?), dem Dylan stimmlich durchaus gewachsen ist, wenn seine Interpretationen auch Geschmackssache bleiben. Hatte er in den Neunziger Jahren noch seine Krächz-Phase, ein Werk wie seine Unplugged-CD legt davon ein grausames Zeugnis ab, gefolgt vom Sprechgesang etwa auf Time Out of Mind, singt der Meister seit einigen Jahren tatsächlich wieder, leiser und tiefer, aber in diesem unnachahmlich (ok, das stimmt nicht ganz) nasalen Tonfall. Der Song ist übrigens eine Livepremiere. Es folgt noch eine zweite Weltpremiere, Sad Songs and Waltzes, ein Willie-Nelson-Song, der tatsächlich im Walzertempo daherkommt und Bob über die Bühne tänzeln lässt. 

Wirklich Stimmung im Publikum kommt erst auf, als die ersten Klassiker aus den 60er und 70er Jahren gespielt werden, To Ramona und vor allem Tangled up in Blue. Der Song aus Dylans 75er Scheidungs-Album-Klassiker Blood on the Tracks ist eine surreale Ballade, eine amerikanische Odyssee mit Anklängen an Petrarca und die Bibel, ein typischer Dylan-Song eben. Letzes Mal in Mainz gab es den Song noch solo zur Gitarre. Die ikonische Verbindung Dylan-Acoustic Guitar soll es aber an diesem Abend nicht geben. Der Meister greift kein einziges Mal zur Gitarre, spielt dafür Harmonika (sehr gut) und Klavier (passabel). Mit Dylan am Klavier gelingt eine fantastische Version von Ballad of a Thin Man, diesem grandiosen satirischen Porträt eines Hipsters ca. 1965. Der eine Konzerthöhepunkt, der andere ist A Hard Rain's A-Gonna Fall, Dylans beklemmende Aufarbeitung der kubanischen Raketenkrise, als der junge Bob schon mal lyrisch die nukleare Apokalypse beschwor in einer Wortgewalt und Eindringlichkeit, die im Genre des populären Songs und nicht nur dort kaum einer je erreicht hat. Ja, das ist ein Plädoyer für die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an ihn. 

All Along the Watchtower, ein Song, dessen definitive Version gewiss nicht von Dylan selbst stammt: Danach stehen der Meister und seine Mannen noch etwas verloren im Scheinwerferlicht, wohl einen Moment unsicher, ob sie noch einen Song spielen sollen/können/dürfen(?), bevor sich Dylan grußlos wie immer, tatsächlich hat er das ganze Konzert über wieder kein einziges Wort an das Publikum gerichtet, von der Bühne verabschiedet. Hoffentlich nur bis zum nächsten Mal.


Setlist Bob Dylan & His Band, Mainz 2015:

01: Things Have Changed
02: She Belongs to Me
03: Beyond Here Lies Nothin'
04: Working Man's Blues #2
05: Duquesne Whistle
06: Waiting for You
07: Pay in Blood
08: Full Moon and Empty Arms (Frank-Sinatra-Cover) [Weltpremiere]
09: Tangled Up in Blue
10: To Ramona
11: Early Roman Kings
12: Sad Songs and Waltzes (Willie-Nelson-Cover) [Weltpremiere]
13: 'Til I Fell in Love With You
14: Tweedle Dee & Tweedle Dum
15: A Hard Rain's A-Gonna Fall
16: Ballad of a Thin Man

17: All Along the Watchtower (Z)


 

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