Sonntag, 25. März 2018

ME & Deboe, London, 23.03.18


Konzert: Jelly Cleaver (25 min)
  Circe's Diner (40 min)
  ME & Deboe (60 min)
Ort: Gallery Cafe St. Margaret's house in London
Datum: 23. März 2018
Zuschauer: etwa 30


Wie man einen Hauch Abenteuer in sein Leben bringt (oder überhaupt bringen mag) ist ja eine sehr persönliche Sache. Ich mag es, mir in einer fremden Stadt die Orte zu suchen, wo Musik mit Herz präsentiert wird. Dafür binde ich mir im Vorfeld sehr viel Zeit ans Bein, weil ich eigentlich kein abenteuerlustiger Mensch bin und lieber vorher möglichst genau weiß, wie ich wohin komme und was ich erwarten kann - selbst wenn ich unterwegs keinen Internetzugang haben sollte. Ich hatte erwartet, in London an einem Freitag Abend dabei die Qual der Wahl zu haben. Das traf aber überhaupt nicht zu, denn sowohl musikalisch als auch vom Konzept her war schnell mein klarer Favorit ein Abend mit einem reinen Frauen-Lineup in einem auf dem Foto nett aussehenden Café.


Auf den Weg hatte ich mir noch einen Besuch in der Caravansérail-Buchhandlung gelegt. Das neue Abenteuer von Anne Vegnaduzzo. Ich hatte sie 2014 in Paris kennengelernt als Gastgeberin einer Oliver Peel Session. Sie hat in ihrer Pariser Wohnung ständig Künstlern aus aller Welt für mehrere Wochen einen Wohn-und Arbeitsort geboten als Break'Art Mix. Eine ihrer Sonntagsmatinees dort 2015 mit Jenny Ritter ist mir ebenfalls in bester Erinnerung. Nun lebt sie seit etwa neun Monaten in London und hat mit ihrer Cousine diesen Laden eröffnet, der auch ein Ort für Kunst und Künstler ist. 
 

Die beiden Punkte Café und Buchladen waren mit einem 25 min Spaziergang dazwischen gut zu verbinden. Nachdem ich an der Station Shoreditch Highstreet der S-Bahn entstiegen war, erschloss sich mir zunächst, dass das Londoner East-End aus Call the midwife noch nicht ganz der Vergangenheit angehört. Zwischen hammerhart gümmligen Fabrikanlagen und engen Wohngassen fand ich schließlich den Weg in die Buchhandlung (dort finden auch Konzerte statt!) in einer Ecke, die sich schon auf den Weg gemacht hat, das dunkle Image loszuwerden es aber auch noch nicht ganz abgelegt hat. Was für eine wunderbare Oase die zwei Frauen sich dort geschaffen haben! Ein wirklich einladender Boxenstop. 
 

Ich war nun natürlich ein wenig gefaßt darauf, dass auch das St. Margaret house diesen semigenialen Charme ausströmen würde. Auch der Weg durch die Bethnal Green Road bestätigte mich in diesem Gefühl. Allerdings änderte sich die Atmosphäre an der U-Bahn Station Bethnal Green wieder kollossal. Es wurde grün und weit. Es gab sehr repräsentative Häuser und auch den Komplex mit dem Galleriecafé kann man nur schnuckelig nennen. Also war ich in einem Teil von London angekommen, den ich als Wohnort nicht ausschlagen würde... 
 

Im Café selbst fand ich die Atmosphäre sehr entspannt und furchtbar nett. Statt wie am Vorabend noch ewig an der verschlossenen Tür warten zu müssen, ging es sofort hinein, es gab super leckeren Tee für mich und die letzte Phase des Soundchecks ging mit viel lachen vonstatten und machte mir schon große Lust auf das Konzert.


Das Café füllte sich gut und der Abend begann dann sehr pünktlich mit Jelly Cleaver.  Sie macht recht textlastige Musik und ihre Stücke (sie bezeichnet sie als Song-Suiten) sind dann gern 10 min lang. Zum Glück klang für mich wohltuend selbstironischer Humor durch die Zeilen ... this song is about wealth, equality and birds... so waren die 25 Minuten zwar recht meditativ aber auch angenehm kurzweilig. Für mehr hätte mir aber wohl die Geduld gefehlt.


Es ging ohne viel Federlesens weiter mit einem Ereignis, dass sich schon im Soundcheck als wahrscheinlich die Entdeckung des Abends erwies: Circe's diner aus Bristol waren wie eine Energieinfusion. Witzig, total selbstironisch, angstfrei full on sexy, temperamentvoll und laut. Das machte sie sehr nahbar und liebenswert für mich. Die beiden Frauen Rosina Buck und Bronte Shande haben ganz unterschiedliche Stimmen. Die eine rauchig verrucht, die andere ein echter Crooner und das ergänzt sich in der Zweistimmigkeit hervorragend. Es ging um Beziehungen, Sex, Lügen, Tiger und Vampire. Der einzige Mann im Boot war ihr Glockenspiel John. Am Ende durften wir auch alle ein wenig mitmachen.


Als Hauptact gab es schließlich das Duo ME & Deboe aus Liverpool. Das sind Mercy Elise (aus Halifax West Yorkshire) und Sarah Deboe und sie waren nicht weniger energetisch aber auf eine ganz andere Art. Es war ein bisschen wie akustischer Rock. Zwei Frauen-Rockröhren und zwei Gitarren, die ziemlich ordentlich einheizten. Die Gitarren wurden so sehr geschlagen, dass sie dauernd nachgestimmt werden mussten und zwischendurch sogar der Verstärker aufgab. Die Stimmung war phänomenal gut und es wurde im sogar im Publikum an mehreren Stellen getanzt bis zum Ende - The End.


Alles in allem ein rundum gelungener Abend für mich, der auch schön vorgezeigt hat, wie unterschiedlich Frauen Musik machen - alle auf einem wahnsinnig hohen Niveau. Der Laden hat jedenfalls getobt und mein Herz war gefangen.


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