Mittwoch, 23. Januar 2008

Cat Power, Paris, 21.01.08


Konzert: Cat Power
Ort: Le Bataclan, Paris
Datum: 21.01.2008
Zuschauer: ausverkauft


"Nimm Deine behandschuhten Grapschfinger von meiner Chan, Karl!"

Dieser gehässige Satz schwirrte mir im Kopfe rum, als ich zur Einstimmung auf das Konzert die neue CD von Cat Power ("Jukebox") hörte. Kurz zuvor hatte ich nämlich gelesen, daß Karl Lagerfeld Chan Marshall aka Cat Power zu seiner neuen Muse für Chanel auserkoren hatte und daß die Sängerin mit ihrer Band auch bei einer Haute Couture Show für das Modehaus live aufgetreten war. Bildlich stellte ich mir vor , wie der "Modezar" (im Gegensatz zu dem armen Moshammer auch wirklich einer, der diesen Namen verdient) die hübsche Sängerin mit seinen Halbhandschuhen betatscht und sie durch seine dunkle Chrome Heart - Sonnenbrille begafft. Ein widerlicher Gedanke! Verflixt! Hätte Karl nicht bei Kylie Minogue bleiben können? Mußte er sich ausgerechnet an die Indie-Ikone ranmachen? Und immer wieder dieses Bild des weißhaarigen Alten mit den Motorradhandschuhen vor meinem geistigen Auge. Schrecklich!

Ein paar Stunden später stehe ich im seit Wochen ausverkauften (aber seltsamerweise nicht proppevollen) Bataclan und starre auf die Bühne, auf der sich gegen 21 Uhr 15 etwas regt. Es ertönt ein Intro, das sich über 1 1/2 Minuten erstreckt, bevor Chan zum ersten Mal ihre rauchige Stimme erklingen läßt. "Bonsoir Paris!" Und: "Merci Paris!" "J'adore, Paris!" Solche Sätze gab es natürlich auch schon beim letzten Pariser Cat Power Konzert vor ca. 1 1/2 Jahren im Grand Rex, als Fräulein Marshall und ihre Memphis Rythm Band am Ende stürmisch gefeiert wurde und Tränen flossen. Aber was sehe ich denn da, als ich zum ersten Mal Chan in voller Pracht erkennen kann? - Das gibt's doch nicht! Sie trägt sie also auch! Diese Handschuhe! Die Dinger von Karl! Bloß: ihr stehen sie. Wie überhaupt alles was sie sonst trägt, das heißt das legere Hemd, die Skinny Jeans und vor allem der niedliche Pferdeschwanz. Mädchen mit Pferdeschwanz fand' ich immer schon toll, schon in der Grundschule. Was das Optische betrifft hatte sie also auf Anhieb bei mir gewonnen, die Süße. Die Frage war folglich nur noch, wie gut mir ihre neuen Titel live gefallen würden...

Der Einstieg mit "Don't Explain" (Billie Holiday - Cover) gelang ihr und ihrer Dirty Delta Blue Band schon eimal vortrefflich. Wunderbar allein schon das gefühlvolle Piano-Spiel von Gregg Foreman, einem Mann mit unfaßbarer 80er Jahre Vokuhilafrisur, der später von Chan scherzhaft als Leonhard Cohen vorgestellt wird (während jener die Sängerin dem verblüfften Publikum als Martin Luther King präsentiert!). Von seiner beknackten Frisur mal abgesehen, hat es der Bursche aber wirklich drauf, er trifft jeden Ton und spielt im Laufe des Abends eine wichtige Rolle, denn sein Instrument kommt immer wieder zum Einsatz und er macht sich auch am Tambourin verdient.

Kurze Zeit später mit "New York, New York" schon ein früher Höhepunkt des Abends. Der Sinatra Klassiker wird auf gekonnte Weise äußerst bluesig dargebieten und die Amerikanerin geht hierzu mit ihrer Stimme noch ein paar Oktaven tiefer runter. Wie eine Raubkatze tänzelt sie auf der Bühne von links nach rechts und wieder zurück, oft gebückt und auf Augenhöhe zu ihren verzückten Fans. Schlank ist sie, wendig, grazil und auf natürliche Weise wunderschön und charmant. Man könnte sie für eine Pariserin halten, vielleicht wird sie deswegen von den Franzosen so geliebt.

Nach einem sehr guten und vom Publikum früh erkannten "Ramblin' (Wo)man" wird das Tempo plötzlich phasenweise stark angezogen. "Silver Stallion" wird nämlich wesentlich schneller als auf dem Album "Jukebox" gespielt und das tut dem Stück live nur gut. Gesanglich unterstützt wird sie hierbei von einem ihrer Bandmitglieder. Die Tatsache, daß ich hinterher nicht mehr weiß, wer denn den männlichen Gesangespart beigesteuert hat, macht deutlich, wie stark meine Augen auf Chan kleben. Aber sie ist nun einmal die Hauptperson! Außerdem hat sie heute Geburtstag! Ja, 35 ist sie geworden, man mag es kaum glauben, so unverbraucht sieht sie aus. Dabei hat sie in der Vergangenheit nicht immer gesund gelebt, auch mal ein Gläschen zuviel getrunken. Diese Zeiten scheinen hinter ihr zu liegen. Heute genießt sie auf der Bühne lieber...Kaffee!

Alles andere als kalter Kaffee sind jedoch ihre aufgemotzten, bluesigen Versionen alter Klassiker. An denen hat sie sich schon seit einigen Jahren versucht. Im Jahre 2000 gab es nämlich schon ein mal ein Cat Power Album, das sich um das Thema drehte, "The Covers Record". Eine Kostprobe davon gibt es nach circa zwanzig Minuten Spielzeit: "Naked If I Want To" nach Moby Grape ist an der Reihe. Vorher mußten jedoch erst einmal Probleme mit der richtigen Beleuchtung geregelt werden, Chan wollte kein weißes Licht, sondern blaues, außerdem einen Spot, der auf sie gerichtet ist. Ihre Versuche, den Wunsch auf Französisch verständlich zu machen, scheitern aber zumindest teilweise, so daß einer ihrer Musiker ein Machtwort sprechen muß. "Turn the fucking frontlights on" raunzt der Rüpel die Techniker an und schon klappt alles wie gewünscht. Mit der richtigen Beleuchtung kann in der Folge nichts schiefgehen. Aber wie auch? Schließlich ist "Metal Heart" (eine neue Version ihres eigenen Liedes vom Album "Moon Pix") einfach traumhaft schön. Zum Niederknien, wirklich! Als die letzten Takte des Schmachtfetzens verklungen sind, wird sie von einem Mädchen im Publikum erneut an ihren Geburtstag erinnert. Chan reagiert darauf ganz cool. "I made it this far, I'm so happy, I'm o.k." Der Satz des Abends, keine Frage!

Die Vorstellung der Musiker erfolgt schließlich bei einer im Vergleich zum letzten Album völlig veränderten Version von "Could We". Ich erkannte den Song in dieser treibenden, polternden Form ehrlich gesagt kaum wieder. Kaum wiederzuerkennen waren auch die von Chan vorgestellten Bandmitglieder. Robert de Niro, Leonhard Cohen und Richard Burton suchte man vergeblich. War allerdings auch nur ein Spaß, denn die Jungs auf der Bühne heißen in Wirklichkeit Erik Paparazzi, Judah Bauer und Gregg Foreman (Und der vierte Typ im Bunde?- Ich weiß es nicht). Wie auch immer ihre Spitznamen sein mögen, gut eingespielt waren sie auf alle Fälle. Sie gefielen mir deutlich besser als die ziemlich käsige (aber dennoch mit Sicherheit sehr versierte) Memphis Rhythm Band, die noch bei The Greatest- Tour dabei war. Folgerichtig hörte sich auch "Willie" dann ganz anders an.

Ja und dann...war der Spaß auch schon fast zu Ende. Nach ziemlich genau einer Stunde verschwand Fräulein Marshall von der Bühne, die Band spielte weiter und intonierte schon einmal das Intro zu "Where Is My Love", bevor das Geburtstagskind mit einem weißen T-Shirt bekleidet zurückkam und auf herzzerreißende Weise "Where Is My Love" ins Mikro hauchte. Hach, da hätte man schon ein Tränchen verdrücken können!

Krönender Abschluß war dann noch eine Neuinterpretation von Otis Reddings "I've Been Loving You Too Long", bevor ein minutenlanger Applaus einsetzte. Cat Power wurde wie eine Prinzessin gefeiert und um auch etwas zurückzugeben, warf sie sichtlich gerührt weiße Blumen und am Ende auch die Setlist ins Publikum. Ein letzter soldatischer Gruß und der Vorhang fiel. Diese Katze hatte wirklich jede Menge Power zu bieten. Und Liebe, so viel Liebe...


Setlist Cat Power, Paris, Le Bataclan:

01: Don't Explain (Billie Holiday)
02: New York, New York (Frank Sinatra)
03: Ramblin' (Wo)man (Hank Williams)
04: Silver Stallion (The Highwaymen)
05: Lost Someone (James Brown)
06: Aretha, Sing One For Me (George Jackson)
07: Naked If I Want To (Moby Grape)
08: Metal Heart
09: She's Got You
10: Woman Left Lonely (Janis Joplin)
11: The Tracks Of My Tears
12: Could We
13: (I Can't Get No) Satisfaction (Rolling Stones)
14: Willie

15: Where Is My Love? (Z)
16: I've Been Loving You Too Long (Otis Redding) (Z)

Spieldauer: circa. 75 Minuten (leider etwas kurz!)

Mehr Pics von Cat Power (Chan Marshall) hier



5 Kommentare :

E. hat gesagt…

schöner, lebendiger bericht, oliver!
das bühnen outfit (inkl. handschuhe) entsprach dem, welches ich im dezember 06 geniessen durfte. also, bestimmt noch nicht lagerfeld beeinflusst!
der vierte mann im bunde müsste jim white von dirty three gewesen sein.

oliver r. hat gesagt…

Exakt, Jim White stimmt, habe seinen Namen eben in einer Zeitschrift gelesen.

Und die Story mit Lagerfeld sollte nur dem Einstieg in den Bericht dienen:)

Davon abgesehen: Ich mag Lagerfeld! Zumindest seine Kreationen für Andere. Nur die Handschuhe (und die Ringe) sollte er bei sich weglassen. Und der Mann liebt Musik, ich habe ihn schon bei Devendra Banhart gesichtet und er soll unzählige i-pods besitzen.

Also, Karl, falls Du das hier liest. Du bist ein fabelhafter Designer!

Christoph hat gesagt…

Erik Paparazzi, Judah Bauer und Gregg Foreman sind keine Spitznamen? Erik Paparazzi? Ist das nicht der Typ, mit dem Britney Spears zusammen ist?

Ansonsten bin ich neidisch, weil das nach einem aufregenden Konzert klingt!

oliver r. hat gesagt…

Erik Paparazzi, in der Tat ein unglaublicher Name! Und diese Frisur! Wie Rod Stewart in den 80ern...

oliver r. hat gesagt…

Oh, jetzt bin ich durcheinander gekommen. Erik Paparazzi war der Bassist, Gregg Foreman der Typ mit der Vokuhila Frisur!

 

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