Posts mit dem Label Woven Hand werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Woven Hand werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 27. Februar 2013

Motorama, 25.02.13

0 Kommentare

Konzert: Motorama (Wovenhand, Don Cavalli)
Ort: La Maroquinerie, Paris
Datum: 25.02.2013
Zuschauer: ausverkauft (etwa 500)
Konzertdauer: eine knappe Stunde




Ein bildhübsches blondes Model war zu Gast beim Konzert von Motorama in der Pariser Maroquinerie. Hohe Wangenknochen, strahlend blaue Augen, bestimmt 1,80 groß, sofort hatte ich die Vermutung es mit einem Mannequin aus Russland zu tun zu haben. Meine Vorahnung bestätigte sich hinterher. Die Schönheit war eine alte Freundin von den Bandmitgliedern von Motorama und stammt wie sie aus Rostov-On-Don im Kaukasus. Aus dieser kalten Ecke scheinen erstaunliche Leute zu kommen. Natürlich gibt es dort sicherlich nicht nur aufstrebende Popbands und potentielle Topmodels, sondern auch viel Armut und einfaches Leben, aber irgendwie muss es auch ein guter Nährboden für Talente sein. 1000 Kilometer von der Kapitale Moskau entfernt, lebt man sehr autark und abgeschottet von westlichen Vergnügungen, hat aber gerade durch das Internet einen Draht zur Welt. Provinzler sind die Menschen dort sicherlich nicht, schließlich hat die Stadt etwa 1 Million Einwohner. Dennoch: bekannte Konzertlocations und Modelagenturen gibt es dort nicht, wenn man es auf diesen Gebieten zu etwas bringen will, muss man raus in die weite Welt. Für Motorama hat dieser Weg nach draußen etliche Jahre gedauert. Die Band wurde schon Anfang 2000 gegründet und hat sich in den Kellern Russlands schon lange die Finger wund gespielt. Vielleicht würden sie immmer noch dort auftreten, wenn nicht Sean, der Labelchef des in Bordeaux ansässigen Labels Talitres, die Gruppe gesignt hätte. Plötzlich war es vorbei mit selbstgebrannten CDs wie dem Vorgänger Alps, den man noch wie vor gratis im Netz runterziehen kann, wenngleich die Gruppe nach wie vor Videos und T-Shirts in Eigenregie herstellt. Ihre Bodenständigkeit scheinen sie trotz des mittleren Hypes um sie trotzdem nicht verloren zu haben. Sie stellen sich selbst noch an den Merch Stand, verkaufen Platten und T-Shirts und erklären den Leuten geduldig, welchen See man auf dem Cover des Albums Calendar sehen kann und was der russische Schriftzug auf den Shirts bedeuet. Alles Handarbeit also, obwohl man ihnen teilweise unberechtigerweise vorwirft, ein Kunstprodukt zu sein und nur Joy Division zu klonen.

Ich selbst war vorher auch skpetisch ob dieser Ian Curtis Nachfolger aus Rostov on Don was taugen würde, wurde aber beim übewältigenden Konzert im Point Ephémère Ende letzten Jahres eines Besseren belehrt. Der Gig hatte mich so umgehauen, daß ich ihn zum Konzerte des Jahres 2012 wählte.

 

Enstprechend hoch war die heutige Erwaltunsghaltung und - ich kann es vorwegnehmen-, die turmhohen Erwartungen konnten nicht ganz erfüllt werden. Schuld daran waren einige schwierige Bedingungen. Die Band war erst sehr kurzfristig in Paris angekommen, hatte keine Zeit für einen ordentlichen Soundcheck und musste diesen ganz kurzfristig auf der Bühne selbst durchführen. Dort stand dannn dummerweise noch eine fette Marschall Box im Weg rum, die von dem danach startenden Wovenhand gebraucht wurde. Sänger Vladislav war daher gezwungen, sein Mikrofon seitlich aufzubauen und schräg dort reinzusingen. Angesichts seines enormen Bewegungsradius und gewaltigen Tatendrangs war das ein starkes Handicap, er wirkte oft ein wenig beängt und hatte Angst über die Box hinter ihm zu stolpern. Der großgewachsene Bursche braucht nun einmal viel Platz, er liebt es, ausladende Bewegungen zu machen, mit seiner Gitarre rumzufuchteln und von links nach rechts zu springen. 


Seine Ehefrau, die Basseri Irene ist da sparsamer. Sie steht meistens  mit unbewegter Miene auf der Stelle, überrascht aber immer wieder mit unerwarteten Ausbrüchen, bei der ihre Haare wild durch die Luft fliegen. So war es vor ein paar Monaten im Point Ephémere und so war es auch gestern in der Maroquinerie. Eine unberechenbare Liveband. Manchmal wirken sie recht statisch, dann aber wieder sind alle in Bewegung.

Typisch scheint mir zu sein, daß sie eine gewisse Zeit brauchen, um warm zu werden. Die ersten drei Lieder verliefen deshalb auch recht ruhig, aber gegen Ende wurde es immer aufgepeitschter und exzesssiver. Schade, daß die Leute im Publikum kaum ragierten. Trotz äußerst tanzbarer, rasant schneller und zackiger Rhythmen, standen die meisten nur rum.

Dabei waren gerade Stücke wie Alps oder One Moment so mitreißend, daß man eigentlich Pogo hätte tanzen können.


 
Eine knappe Stunde lang performten die Russen Lieder ihrer beiden Alben und erteilten ähnlich gelagerten britischen Bands eine Lehrstunde im Post Punk Revival. Hier gab es keinen Bombast wie bei den White Lies oder Glasvegas, auch keinen gothischen Trauermarsch wie bei Iliketrains, sondern Tempo, Tempo, Tempo und Melodien, Melodien, Melodien. Umwerfend war das, zumindest in den besten Momenten, wie bei den Supernummern To The South oder Image. Nie verloren Motorama ihre Leichtfüßigkeit und Eleganz, nie wurde es episch  und schwülstig, immer war alles herrlich tanzbar, taufrisch und aufregend.






Und eines wurde ganz deutlich: der Joy Division Vergleich hinkte trotz der verhallten Grabesstimme von Vlad gewaltig.

 
Im Grund genommen klingen Motorama live ohnehin weniger nach Joy Division als nach The National oder Tindersticks auf Speed, aber ohne deren Altherrenattitüde und ihr einschläferndes Phlegma. Also keine Musik für alte melancholische Waver, die heutzutage im Clubsessel Rotwein trinken und zu Vanderlyle Crybabdy Geeks mitsummen, sondern moderne, sehr flotte und abgehakte Klänge ähnlich wie bei den Good Shoes oder den Maccabees, die auch New Wave Nostalgikern wie mir, die mit The Cure und New Order groß geworden sind, wahnsinig gut gefallen.


Toll war natürlich auch der Look. Motorama sahen aus, als wollten sie gleich noch auf den Tennisplatz.Vlad trug ein Polo der Marke Tacchini (wie John McEnroe damals), Irene ein tailliertes Damentennishemd, strahlend weiße  Sneakers und eine hautenge schwarze Legging, die ihren straffen Po wunderbar betonte.

Kurzum, es war schwer für mich da zu widerstehen. Tennis in Kombination mit Post Punk Revival Musik, das ist so ziemlich alles, was ich liebe. Ich hatte also, trotz der Tonproblemchen und des Platzmangels eine wunderbare Stunde mit Motorama und bedauerte, daß es nicht noch ein bißchen länger ging.

Don Cavalli hate zuvor mit seinem Altherrenblues gelangweilt, während Wovenhand am Ende den grimmigen schwarzbehüteten Cowboy raushängen ließ. Der Bursche schaute die Leute in den ersten Reihen mit seinen stechend blauen Augen sauböse an, fast wie ein Ostberliner Grenzbeamter beim Überschreiten der innerdeutschen Grenze damals vor der Wende. 

Der Sound von Wovenhand war bleischwer und höllisch laut, aber meine Frau, die endlich mal wieder mit mir bei einem Konzert war, hatte schon nach drei Liedern keinen Bock mehr. Wir gingen darum oben ins Restaurant und ließen den Abend bei Wein und einem ordentlichen Essen gemütlich ausklingen.

Motrorama werde ihren Weg gehen, soviel steht fest und 2013 werden alle die ihre Shows sehen merken, daß wir es hier nicht mit Klonen, sondern einer originellen tollen Band zu tun haben.

Aus Rostov-On Don kommen wirklich interessante Leute. Hach verflixt, warum habe ich keine Email oder Handyadresse von diesem russischen Model notiert?!

Setlist Motorama folgt!

Deutsche Tourdaten Motorama:

04.03.2013: Druckluft, Oberhausen
05.03.2013: Komma, Esslingen
06.03.2013: Schlachthof, Wiesbaden
07.03.2013: Ostpol, Dresden
08.0.30213: About Blank, Berlin
09.0.30213: Molotow, Hamburg




Freitag, 30. November 2007

Woven Hand, Paris, 29.11.07

0 Kommentare

Konzert: Woven Hand (& The Good Life)

Ort: Le Divan Du Monde, Paris
Datum: 29.11.2007
Zuschauer: sehr voll, auch oben


Nie im Leben hätte ich gedacht, daß der noch einmal hierhin zurückkommt. David Eugene Edwards, ex-16 Horsepower Vorstand und heute Frontmann bei Woven Hand war dermaßen genervt von den Bedingungen, die im Juni des Jahres im eigentlich wunderschönen Divan Du Monde (19.1.2008: Iron & Wine!) herrschten, daß es mir unwahrscheinlich erschien, daß er noch einmal einen Fuß in den Laden setzen würde. Sein Mikro baumelte damals lose vor sich hin, der Ton war zu leise, kurzum: es klappte zumindest am Anfang des Konzerts so rein gar nichts (am Ende wurde es dann aber deutlich besser).

Er scheint aber nicht nachtragend zu sein und wählte für sein aktuelles Paris-Konzert erneut die am Fuße des Montmartre gelegene Location. Ist ja auch wirklich lauschig hier, alles wunderbar designt, aber dennoch nicht zu geleckt. Die Bühne und auch der Rest des Clubs ist sehr geschmackvoll, die Bar offen zugänglich, die Bedienungen nett. Wenn man möchte, kann man auch über die Wendeltreppe an der Seite nach oben gelangen, wo man es sich an Cafehausstüchlchen bequem machen kann, oder stehenderweise einen guten und freien Blick auf die Stage genießt. Viele Gäste machten heute davon Gebrauch, so daß es auf beiden "Etagen" knackig voll war.

Das Programm hatte es aber auch wirklich in sich,
denn für Woven Hand sollten die guten The Good Life vom famosen Saddle Creek Label (Bright Eyes, Two Gallants) eröffnen. Deren Sänger und Mastermind Tim Kasher hatte ich zuletzt 2006 mit einer anderen Band gesehen. In Salzburg beim Frequency-Festival trat er vor meinen Augen mit dem rockigeren Projekt Cursive auf. Ersten Kontakt mit der tollen Stimme von Tim hatte ich aber mittels des "Album Of The Year" 2004 aufgenommen. Das Werk gefiel mir spontan so gut, daß ich gleich nachlegen mußte und auch den Vorgänger Black Out erwarb. Am besten gefällt mir aber bis heute die EP "Lovers Need Lawyers" mit der gleichnamigen Hitsingle. Diesen Ohrwurm hat die Band, zu der auch noch die schüchtern wirkende Bassistin Stefanie Drootin und zwei Herren an Gitarre und Schlagzeug gehören, natürlich heute auch wieder gespielt. Ich glaube an dritter Stelle. Für mich zweifelsohne der Höhepunkt des Sets, weil die Band hier wirklich punktgenau und melodieselig ihren wunderbaren Indie Folk-Rock spielt. Bei andere Stücken fransen sie hingegen manchmal etwas aus, auch wenn regelmäßig große Leidenschaft bei Herrn Kasher im Spiel ist. Seine Gesangesorgan ist sehr markant und besitzt einen hohen Wiedererkennungswert. Deshalb glaube ich auch, daß der Mann irgendwann einmal den großen Wurf landen kann, so wie es Labelkollege Bright Eyes vorgemacht hat. Vielleicht jetzt schon mit dem nagelneuen Album "Help Wanted Nights"? Wenn man dem Aufkleber auf der CD-Hülle glauben darf, ist der neue Output ihr bisher bestes Album. "The Fourth and finest LP", ist dort zu lesen. Für mich nach einem kurzen Liveset mit einigen neuen Titeln schwer zu beurteilen. Indie-Musik ist nun einmal nicht so strukturiert, daß man ihr auf Anhieb verfällt. Es bleibt abzuwarten, wie sich das neue Album in den nächsten Monaten im Gehörgang entwickelt. Das Konzert hat mir auf jeden Fall zumindest die Band wieder ins Gedächtnis gerufen.

In der Umbaupause sah man gutgemachte Livemitschnitte von interessanten Bands wie z.B. Moriarty, Final Fantasy, Taxi Taxi! oder auch Efterklang

Projeziert wurden diese auf eine Kinoleinwand vor der Bühne. Man muß wissen, daß der Divan Du Monde auch auf visuelle Darstellung von Musik spezialisiert ist und Festivals veranstaltet, die sich um das Thema Film, Video, Filmmusik drehen.

Irgenwann wurde die Zeit aber doch recht lang, David Eugene Edwards ließ auf sich warten. Beim Auftritt von The Good Life konnte man übrigens in die gemischte! (typisch Frankreich) Toilette wandern sehen. Ob ihn ein neben ihm pinkelnder Fan wohl angesprochen hat? Oder eine junge Frau seinen Schniedelwutz begafft hat? Ich werde es wohl nie erfahren...

Schon da war allerdings sein neuer Look zu bewundern.
Er trug heute ein Stirnband, einen rotstichigen Schnauz und Kotelleten. Man hätte ihn für einen kanadischen Trapper halten können, der auf Schneehasenjagd geht und sich mit einem Huski-Schliiten fortbewegt. Sein Look war also schon einmal äußerst cool, aber seine Gestik und Mimik war noch abgefahrener. Wie ein Seebär bließ er manchmal seine Backen auf, seine Hand bedeckte oft sein Gesicht und wenn eine Textzeile mit dem Wörtchen "eye" vorkam, riss er mit Daumen und Zeigefinger sein Auge auf, als suche er seine Kontaktlinse. Mit den Füßen rödelte er wie ein Irrer auf seinem Stüchlchen und sein Blick war der Musik entsprechend beängstigend. Wenn man ihm nachts begegnen würde, würde man sich beeilen, die Straßenseite zu wechseln. Dabei ist er bestimmt einer der nettesten Menschen der Musikszene. Nach dem Konzert schüttelte er dann auch vielen Fans seine Flosse und lachte auch mal herzlich. Während des Gigs sah man ihn aber nie schmunzeln, das hätte auch nicht zu der gruselig-genialen Musik gepasst.

Mit zwei Stücken des alten Albums "Blush Music" und zwar "Snake Bite" und "My Russia" hatte er sein Konzert begonnen und war gleich in seinem Element.
David Eugene spielt bei jedem Stück Gitarre (und zwar Modelle von Gretsch und nicht Gibson wie ich damals fälschlicherweise geschrieben hatte), manchmal aber auch ein altes Schifferklavier und Mandoline. Seine drei Mitstreiter unterstützen ihn an Gitarre, Bass und Schlagzeug. War Woven Hand anfangs bloß ein Soloprojekt von Herrn Edwards mit wechselnden Studiomusikern, ist inzwischen eine feste Band herangewachsen. Im Mittelpunkt steht und stand auch heute aber natürlich der Ex-Horsepower Frontmann selbst. Besonders beeindruckend war sein Akkordeonspiel zu beobachten und all die Grimassen, die er dabei schnitt. Der Mann lebt seine Musik und scheint sich während der Auftritte völlig von der Außenwelt abzukapseln. Für Fans der ersten Stunde gab es sogar recht früh ein Schmankerl, denn mit "Harms Away" wurde eines von zwei 16-Horsepower Liedern gespielt. Mein persönliches Highlight war aber "Whistling Girl", das der Mann aus Colorado auf seiner hübschen Mandoline spielte. Bei dem Refrain "It falls to us from his holy hill" könnte ich regelmäßig niedernknien, so wunderschön ist er. Die Musik von Woven Hand umgibt gerade bei diesem Stück eine unglaubliche Mystik, aber auch sein Freiheitsdrang und seine Eigenständigkeit sind förmlich spürbar. Hervorheben möchte ich auch "White Bird", ein Lied von "Blush Music". Treibend und irgendwie tribalisch, hat es eine unglaubliche Anziehungskraft. An dem Titel scheint Wüstensand zu kleben, so staubtrocken ist es. Genau richtig für mich also, klebrig-süßlichen Pop überlasse ich gerne anderen. Insofern schade, daß nach ziemlich exakt einer Stunde mit "Your Russia" schon wieder Schluß zu sein schien. Aber es gab noch einen nicht zu verachtenden Nachschlag. Neben drei hervorragenden Zugaben von Mosaic (ausgezeichnet: "Winter Shaker") erfreute uns der Trapper nämlich mit dem Klassiker "American Wheeze" von 16- Horsepower. Und wieder kam das imposante Schifferklavier zum Einsatz, einfach genial!

David Eugene Edwards ist für mich einer der interessantesten Musiker überhaupt, falls ihr ihn noch nicht kennt, solltet ihr das dringend nachholen. Genau wie der junge Franzose neben mir im Saale: "ich kenne Woven Hand erst seit einem Monat, aber seitdem höre ich nichts anderes mehr".

Setlist Woven Hand, Paris, Divan Du Monde:

01: Snake Bite
02: My Russia
03: Tin Finger
04: Harms Way (16 Horsepower)
05: Aeolian Harp
06: The Speaking Hands
07: Whistling Girl
08: White Bird
09: Slota Prow
10: Your Russia

11: Winter Shaker
12: American Wheeze (16 Horsepower)
13: Deerskin Doll
14: Dirty Blue

Anmerkung: Videos angucken lohnt sich, vor allem Whistling Girl!

Hier noch zwei Videos in brauchbarer Qualität vom Auftritt im Pariser Divan Du Monde im Juni:

- Video 1
- Video 2

Hinweis: die großarigen Fotos stammen von Robert Gil, Seine Webseite lautet photosconcerts.com

- sehr gute Pics von Wovenhand im Divan Du Monde gibt es auch hier (Photo Rod/ Le-hibOO.com)



Donnerstag, 14. Juni 2007

Woven Hand, Paris, 13.06.07

2 Kommentare

Konzert: Woven Hand

Datum: 13.06.2007
Ort: Le Divan Du Monde, Paris
Zuschauer: proppenvoll


"You gonna fix this thing, then I'll come back!", mit diesen Worten verließ David Eugene Edwards aka Woven Hand, nach gerade einmal zwei gespielten Stücken wutentbrannt die Bühne. Was war passiert? Nun, aus dem Mikro des Amerikaners und auch aus dem Stimmenverzerrer, kam kaum etwas raus, der blonde Sänger war fast nicht zu verstehen und zu allem Überfluss baumelte das Teil mangels ausreichender Justierung ständig hin und her... Oh, Oh, das gab Ärger... Das zahlreich erschienene Publikum im schönen Divan Du Monde fing an zu pfeifen, man wollte schließlich ein dem Talent von Herrn Edwards angemessenes Rockkonzert sehen.

Der französische Bassist der Band (von dem ich nicht weiß, ob er inzwischen zur Stammbesetzung von Woven Hand gehört, oder nur "ausgeliehen" wurde), trat an das schadhafte Mikrophon und erklärte, daß sie versuchen würden, das Ding auszutauschen, daß er aber gleich schon darauf hinweisen müsse, daß es mit den erlaubten 92 Dezibel schwer werden würde, einen großen Effekt zu erzielen. 92 Dezibel sind wohl die legale Obergrenze, an die sich das Divan Du Monde heute hielt, was aus medizinischen Gründen mit Sicherheit vernünftig, aus rocktechnischer Sicht allerdings eine mittlere Katastrophe ist! Zur Verdeutlichung: ich stand gleich unter den Boxen, empfand das, was aus den Lautsprechern kam, aber trotzdem als ziemlich leise. Wenn ich mich in der Maroquinerie hingegen an gleicher Stelle aufhalte, kann ich den Lärm kaum aushalten.Ich glaube hier wurden schon einmal 124 Dezibel gemessen. So muß es aber auch sein, damit was abgeht! Scheiß auf die blöden Ohren, ich möchte gefälligst mit ruinierten Lauscherchen von dieser Welt abtreten, sonst hab ich umsonst gelebt! - Na, ja, vielleicht übertreib' ich jetzt etwas, natürlich brauch ich meine Ohren noch für die nächsten Konzerte, aber dies hier heute war wirklich zu leise!

Inzwischen war das Mikro ausgetauscht und David Eugene kam unter aufmunterndem Applaus wieder zurück auf die Bühne, um das Konzert fortzusetzen. Unter den beschrieben Umständen schlugen sich der Sänger und seine Band in der Folge ziemlich beachtlich und man konnte sich vorstellen, wie beeindruckend Woven Hand in der Maroquinerie wohl wären...

Trotz aller Widrigkeiten genoss ich das Konzert aber auch hier und heute, denn der Ex- Sixteen Horsepower Musiker hat ein unglaubliches Charisma und eine markante Stimme. Besonders beeindruckend, ja manchmal furchteinflößend war seine Gestik und Mimik. Der Mann scheint seine Musik 100 % zu leben, er legte desöfteren seine Hände auf sein Gesicht, als wolle er nichts mehr von dem Elend dieser Welt sehen. "Every man is evil, and every man is a liar, an unashamed with the wicked tongues singing the black soul choir" hieß es dann auch in der Zugabe "Black Soul Choir", dem einzigen Stück des Abends, das noch von David Eugene's erster Band Sixteen Horsepower stammte. Zuvor las uns der Sohn eines Wanderpredigers (ein Nazarener), eine schwarze, mystische Messe, bestehend aus Songs von den letzten drei Alben von Woven Hand, insbesondere "Mosaic". Verblüffend, wie hier traditioneller amerikanischer Folk mit zum Teil donnerndem (Stoner)-Rock und Gothic verwebt wurde. David Eugen Edwards schien mir musikalisch eine Mischung aus Bruce Springsteen, Josh Homme und Nick Cave zu sein, während er optisch eine Kreuzung aus Klaus Kinski und Olli Kahn war. Wäre ich Regisseur, ich würde ihn in der Rolle des Psychopathen besetzen, keine Frage! Dabei ist er privat mit Sicherheit ein umgänglicher Mensch, wenn auch gewiß sehr launisch...

"Wollt ihr Euer Geld zurück?", fragte er gegen Mitte des Konzerts in die Runde. Natürlich nicht, der Einsatz war doch da, der blonde Barde zeterte, wimmerte und rockte, was das Zeug hielt, wenngleich auch heute nicht so laut, wie das seine wunderschöne Gibson-Gitarre hergegeben hätte. Davon hatte er ein rotes und ein schwarzes Exemplar, aber auch eine Mandoline kam zum Einsatz, dann wurde es besonders schön. Höhepunkte des Sets waren für mich "Whistling Girl", aber auch "Your Russia" von dem Album Blush Music, welches das offizielle Set beendete. Als Zugabe gab es dann das bereits erwähnte "Black Soul Choir", aber auch das wunderbar instrumentierte "Dirty Blue". Auch hier der Text wieder mystisch und schwarz: "This fear is only the beginning all for the loving hand, yes I smile and I agree, it is a good night to shiver..."

David Eugene Edwards ist für mich einer der interessantesten Künstler der Musik-Szene, ich habe fest eingeplant, ihn mir andernorts erneut anzusehen. Kann ich im Übrigen jedem empfehlen!

Setlist Woven Hand Paris:

01: Roma
02: Winter Shaker
03: Speaking Hands
04: Elktooth
05: Truly Golden
06: Deerskin Doll
07: Whistling Girl
08: White Bird
09: Down In The Forest
10: Tin Finger
11: Your Russia

12: Dirty Blue (Z)
13: Black Soul Choir (Z)

von Oliver



 

Konzerttagebuch © 2010

Blogger Templates by Splashy Templates