Nein, meine Begeisterung fürs Week-End Fest hat nichts mit den frischen Eindrücken des fantastischen Konzerts von Teenage Fanclub zu tun, das den ersten Abend um kurz nach eins beendete. Das Week-End Fest ist so toll, weil es einzigartig in Deutschland ist. Schöne Säle (der Nostalgie-Charme der Stadthalle Mülheim ist wundervoll!) haben andere auch, nette Ideen wie Kurzauftritte in den Pausen wie letztes Jahr oder Papierorchester diesmal vielleicht auch. Die Einzigartigkeit liegt anderswo. Ich mag keine Festivals. Zumindest nicht das, was man allgemein darunter versteht. Diese schrecklichen Wochenenden mit 80% schlimmer Musik, widerlich-betrunkenen Idioten, anderen Idioten sind oft notweniges Übel, um eine Band zu sehen, die nur da spielt. Aber ein Vergnügen kann das niemandem bereiten, der wegen der Musik da ist.
Die guten Festivals werden von Leuten gemacht, die selbst schon bei vielen schlechten waren und ihres nicht wegen der Finanzierung von Haus, Auto oder Urlaub sondern wegen der Musik machen. Bei Week-End Fest liegt es noch anders, glaube ich. Das wird, meiner Theorie nach, nämlich offenbar von Leuten gemacht, die noch nie bei solchen schrecklichen Festivals waren und die Zwänge und Mechanismen, der Festivalmacherei nicht kennen und stattdessen so buchen, wie sie es sich wünschen. Das Ergebnis sind Linups, die vollkommen unvorhersehbar sind und die komplett auf die Bands der Saison verzichten. A Certain Ratio, Owen Pallett, Kate Tempest und Teenage Fanclub als Headliner gibt es ganz sicher nirgendwo sonst! Und auch wenn man mit vielen der Namen nichts anfangen kann, ist solch ein Wochenende herrlich horizonterweiternd und zigmal spannender als jedes neue Großereignis in Berlin.
Ich wäre also auch sicher ohne Teenage Fanclub gekommen - ohne die Band, die man so gut wie nie in Deutschland sieht und die Donnerstag Nacht alles an die Wand gespielt hat! Teenage Fanclub stammen aus Glasgow, veröffentlichen seit 1990 Alben und waren zuletzt 2010 auf richtiger Tour. Seitdem fanden lediglich eine Handvoll Konzerte statt. Anfang des Jahres erscheint ein neues Album. Zu einem solchen Zeitpunkt ohne aktuelle Tourtermine zu haben, nach Köln zu kommen, spricht für Band und Festival.
Der Zeitplan des Abends hinkte von Beginn an 30 min zurück. Teenage Fanclub begannen fast eine Dreiviertelstunde später als geplant. Mit dem ersten Stück waren meine Sorgen um die extrem kurze Nacht weg. Und wenn schon! Was sind Augenringe gegen Star sign? Oder About you oder Start again?
Viel zu beschreiben gibt es bei diesem Auftritt nicht. Außer dem ständigen Wechsel des Sängerjobs passiert ja nicht viel bei "Shows" der Schotten. Warum auch? Wer zu viel Petersilie übers Essen streut, lenkt ja auch von fehlender Kochkunst ab (ansonsten gibt es keinen Grund, dieses widerliche Zeug zu benutzen). Norman Blake muß auch während eines Konzerts nicht seinen Pullover wechseln, alles ist prima genau so, wie es ist. In der Mülheimer Wirklichkeit bedeutete das 70 min Hits - vor allem von den fünf Alben in der Mitte ab Bandwagonesque und der letzten (Shadows), Did I say vom Best of Album und ein Lied vom kommenden Album. Natürlich war das besonders spannend. Aber auch dazu gibt es nicht viel zu erzählen. Das Stück, das wohl I'm in love heißt ("it feels good, when you're next to me"), ist nämlich genauso wie die anderen Lieder des Abends - ein Hit eben.
Um halb eins kamen die fünf Schotten für vier Zugaben zurück, darunter das wunderbare Everything flows, das einzige Stück vom ersten Album. "Das geht noch bis eins", raunte mir mein Nachbar zu. Wegen vieler kurzer Nächte wäre das normalerweise eine Drohung gewesen. Hier war es bei uns beiden Ausdruck der Hoffnung, noch mehr zu hören. Kurz vor eins gingen Teenage Fanclub. Mit Hilfe des wieder hochsympathischen Conférenciers Dave Doughman kamen sie aber noch einmal wieder und spielten zum Schluß What you do to me. Oh, es war großartig! Warum wissen so wenige, wie fabelhaft Teenage Fanclub sind? Warum füllt ein Typ mit Bärchenmaske und lieben Reimen am gleichen Abend die zigmal größere Halle? Ich reiße mich nicht drum, daß mein guter Geschmack so exklusiv ist und von nur einigen Hundert in Köln geteilt wird. Aber solange es Festivals gibt, die sich nicht dem Massengeschmack ergeben, funktioniert ja alles! Wundervolles Konzert, wundervolles Festival!
Setlist Teenage Fanclub, Week-End Fest #4, Köln:
01: Star sign 02: About you 03: Start again 04: Sometimes I don't need to believe in anything 05: The past 06: It's all in my mind 07: Don't look back 08: Baby Lee 09: I need direction 10: Did I say 11: Verisimilitude 12: neu ("it feels good whne you're next to me") 13: Ain't that enough 14: Can't feel my soul 15: The concept 16: Sparky's dream 17: Near you (Z) 18: I don't want control of you (Z) 19: Your love is the place where I come from (Z) 20: Everything flows (Z) 21: What you do to me (Z)
Konzert: Teenage Fanclub Ort: le Point Ephémère Datum: 42.11.2010 Zuschauer: seit langem ausverkauft Konzertdauer: 100 Minuten
Teenage Fanclub hätte ich auch gern gesehen. Es hat mich aber niemand eingeladen, so daß ich ins Espace B getigert bin, wo wesentlich jüngere Leute knackfrisch aufspielten (Bericht folgt). Aber meine Freundin Uschi war da und hat mir freundlicherweise die Setlist mitgebracht. Ihr einziger Kommentar zum Konzert: "Es war sehr laut!" Aber ist das gleichbedeutend mit gut? Das müsste sie mir schon noch einmal genauer sagen. Konzertfotografenzar Robert Gil hat jedenfalls keine Herzchen verteilt. Aber er steht ja auch nicht so auf College-und Indierock. Kürzlich hat er mir mal verraten, daß er noch nie etwas mit Pavement anfangen konnte und Built To Spill begeistern ihn auch nicht. Sehe ich logischerweise ganz anders. Wie auch immer hier ist die
Setlist Teenage Fanclub, Point Ephémère, Paris (vieln Dank an Uschi!):
01: Start Again 02: Soetimes 03: The Past 04: It's All In My Mind 05: Don't Look Back 06: Baby Lee 07: Verisimilitude 08: Star Sign 09: I Don't Want Control Of You 10: About You 111: Mellow Doubt 12: Shock and Awe 13: When I Still Have Thee 14: I Need Direction 15: Your Love Is The Place 16: Sparky's Dream 17: The Concept
18: Sweet Days Waiting 19: Did I Say 20: Can't Feel My Soul 21: What You Do To Me 22: Everything Flows
Anmerkung: Das Foto stammt von Christoph und entstand vor ein paar Monaten in New York; das obige schöne Video hat Uschirocksparis gemacht. Danke!
Konzert: Belle & Sebastian (& Teenage Fanclub) Ort: Williamsburg Waterfront, Brooklyn, New York Datum: 30.09.2010 Zuschauer: gut 5.000 (ausverkauft) Dauer: Belle & Sebastian 115 min, Teenage Fanclub 40 min
Die Setdesigner der Batman Filme wären neidisch gewesen, wie düster Manhattan wirklich aussehen kann. Regenwahrscheinlichkeit 100% und schwere Gewitterstürme waren gemeldet worden, die Band war kurz davor, das Konzert abzublasen. Man verlegte den Start um eine halbe Stunde nach vorne, um den Auftritt zu retten.
Den ganzen Nachmittag war es eklig schwül in New York, es war wirklich eine Frage der Zeit, wann das angekündigte Unwetter starten sollte. Im Gegensatz zu vielen bei lastfm, die schrieben, daß sie nicht kommen würden, saß ich irgendwann in der U-Bahn zur anderen Flußseite. Hielten wir vor ein paar Tagen noch die Gegend um den Brooklyn Bridge Park für sehr hip, scheint Williamsburg das zu sein, was Neukölln neulich noch in Berlin war, der angesagteste Stadtteil. Die Konzertserie an der Williamsburg Waterfront ist recht gut erreichbar und liegt, der Name verrät es, direkt am East River. Auf den Blick auf Manhattan hatte ich mich gefreut, allerdings war davon im Dunst kaum etwas zu sehen. Mein Gott, war das apokalyptisch!
Ich mußte nicht lange warten, da passierte etwas auf der Bühne: die erste der Glasgower Bands erschien, Teenage Fanclub, auf die ich mich extrem gefreut hatte (auch die Vaselines waren in der Stadt, die supporten aber wohl in Mexiko). Allerdings hatte ich vorher immer wieder gehört, daß Teenage Fanclub live sehr langweilig seien. Die mitunter verhaltene Musik der Schotten lässt das schon vermuten, allerdings erlebte ich den Auftritt anders.
Die Lieder der Band aus Glasgow erscheinen auf Platte überwiegend ruhig, keine Frage. Aber auch wenn die in die Jahre gekommenen Musiker nicht nach Rockern aussahen, machten sie live enormen Krach. Flucht nach vorne vielleicht. Leise Lieder laut gespielt funktioniert bei mir wohl immer, in diesem Fall aber ganz besonders gut, denn auch Teenage Fanclub sind eine Band, die ausschließlich Hits im Repertoire hat. Die Stücke der neuen Platte Shadows bilden da keine Ausnahme, es waren also 40 Minuten, die unglaublich kurzweilig und aufregend waren, Begriffe, die ich vorher nicht unbedingt mit Teenage Fanclub verbunden hätte.
Setlist Teenage Fanclub, Williamsburg Waterfront, Brooklyn, New York:
01: Sometimes I don't need to believe in anything 02: Baby Lee 03: About you 04: I need direction 05: I don't want control of you 06: Don't look back 07: Your love is the place where I come from 08: When I still have thee 09: Sparky's dream 10: The concept Um acht kamen dann die, die Teenage Fanclub als weitere Glasgower Band angekündigt hatten. Die wären gut!
Das allerdings war massiv untertrieben, Belle & Sebastian waren heute der Szenerie entsprechend dramatisch gut!
Die Band trat in der gleichen Besetzung wie beim Latitude Festival auf, also verstärkt um vier Streicher und die zusätzliche Keyboarderin, Sängerin, Cellistin und Flötistin Sarah Wilson. Ich hatte mich auch insgeheim darauf eingestellt, daß das Programm das gleiche sein würde wie im Sommer. Weit gefehlt! Zum einen spielten die Schotten nicht bloß die beiden live schon bekannten Stücke vom neuen Album, sie spielten vier neue Sachen - und alle waren großartig!
Ganz besonders toll allerdings waren die alten Perlen im Set- Piazza, New York catcher hätte man noch erwarten können, schließlich kommt darin der New Yorker Baseball-Held Mike Piazza vor (Stuart Murdoch verriet, daß er Fan der Boston Red Sox ist - was auch sonst!). The loneliness of a middle distance runner hatte ich mir still und heimlich heute morgen gewünscht, There's too much love oder Another sunny day und We rule the school waren weitere grandiose Überraschungen!
Das das Konzert nicht nur für uns Zuschauer etwas Besonderes sein würde, hatte man vorher gemerkt (und gelesen). Die Schotten (und Bobby, der Nordire) schienen ganz besonders viel Spaß zu haben, heute aufzutreten. Es muß aber auch zu eindrucksvoll gewesen sein: oben der schwarze Himmel, der starke Wind, der den Bühnennebel zerfetzte, dann der Blick auf die Zuschauermassen, alle, restlos alle mit glücklichen Gesichtern und dahinter der schwarze Fluß und die Wolkenkratzer im Dunst.
Die gute Laune spiegelte sich in Stuart Murdochs Redseligkeit wider, er erzählte viel, aber immer so, als seien alle alte Freunde. "Gibt es hier eigentlich heute Baby Belles? Habt ihr Kinder bekommen seit wir zuletzt hier waren? Ist jemand mit seinen Eltern da?" Es gab viele... und die bekamen signierte Footbälle zugeworfen. Da bedarf es doch keiner weiteren Erklärung, warum man diese Band liebt, oder?
Und das alles wäre keine amerikanische Geschichte, wenn nicht auch das Wetter ein Happy End gehabt hätte. Es war dunkel wie in besonders düsteren Bärenhöhlen, es regnete aber nicht, keinen Moment. Belle & Sebastian haben das Gewitter weggespielt. Oder wie es jemand bei lastfm kommentierte: "Awesome Glaswegian Bands 1, Weather Forecasters 0."
Setlist Belle & Sebastian, Williamsburg Waterfront, Brooklyn, New York:
01: I didn't see it coming (neu) 02: I'm a cuckoo 03: Step into my office baby 04: Like Dylan in the movies 05: I'm not living in the real world (neu) 06: Piazza, New York catcher 07: I want the world to stop (neu) 08: Lord Anthony 09: Sukie in the graveyard 10: We rule the school 11: Another sunny day 12: The loneliness of a middle distance runner 13: Write about love (neu) 14: There's too much love 15: The boy with the arab strap 16: If you find yourself caught in love 17: Judy and the dream of horses 18: Sleep the clock around
19: Me and the major (Z) 20: Get me away from here, I'm dying (Z)
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