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Donnerstag, 20. Februar 2014

Balthazar, Stuttgart, 19.02.2014

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Konzert: Balthazar
Vorband: Champs
Ort: Club Schocken, Stuttgart
Datum: 19.02.2014
Dauer: Balthazar 82 Minuten / Champs 28 Minuten
Zuschauer: vllt. 200

Alle Fotos: © David Oechsle

Die Gruppe Balthazar darf auf größere Hallen schielen. Spätestens seit der Tour mit den Editors im vergangenen Herbst sind die Belgier aus Gent in aller Munde. Nach zwei Alben und ausgiebigen Touren zahlt sich die Erfahrung aus. Live ist das Quintett in der ersten Liga melodiösen und tanzbaren Indie-Pops angekommen. Die aktuelle Tour dürfte eine der letzten Möglichkeiten sein, die Band in Deutschland in wirklich intimen Rahmen zu sehen. Am wachsenden Erfolg der Band ist kaum zu zweifeln. Viele Konzerte der Tour sind ausverkauft, auch in Deutschland. In Brüssel spielt man im Anschluss an das Stuttgarter Konzert gleich an zwei Abenden vor vollem Haus. Umso überraschender ist das Bild, das sich beim Eintreffen am Schocken bietet. Zwanzig Minuten vor dem angekündigten Beginn ist der Club in der Stuttgarter Innenstadt kaum gefüllt. Sind die beiden dominierenden Zuschauerkategorien der für diese Band wichtigsten Zielgruppen auf anderen Konzerten? Die Connaisseure gesetzteren Alters vielleicht bei Momus im Theater Rampe und die ultrahippen Indie-Girls nicht etwa doch bei den unsäglichen 30 Seconds to Mars in der Schleyer-Halle? Als sich der Saal während der Vorband doch noch füllt und sogar die Empore geöffnet wird, bin ich beruhigt.


 Die Stimmung ist entspannt aber redselig, als drei junge Männer mit Bärten und Hemden die Bühne betreten. Drei Gitarren, mehrstimmiger, versetzter Gesang, herzzerreißende Harmonien und wunderbare Melodien tragen die Songs des Trios von der Isle of Wight. Ein Abend im Zeichen des reinen Wohlklangs liegt vor mir.
Zum Glück darf englischer Folk sich mittlerweile auch wieder auf seine eigenen Wurzeln berufen. Nach Jahren, die von amerikanischen Einflüssen, von Dylan, Simon & Garfunkel oder Crosby, Stills, Nash & Young und der West-Coast-Leichtigkeit geprägt wurden, wagen britische Formationen die Rückbesinnung auf ihre Stärke. Erland & The Carnival machten es mit feinster nordenglischer Lyrik vor, während die formvollendete Inkarnation des Folks der 60er in Form des vermeindlichen Wunderkinds Jake Bugg die britischen Charts beherrschte. Es ist der Schatten des lange zu unrecht verschmähten Donovan, den man mit Ausnahme seiner Kollaboration mit den No Angels(!) wirklich nicht viel vorwerfen kann, der über den Songs einer jungen Generation englischer Troubadeure schwebt. Während die Musikpresse lieber auf Simon & Garfunkel oder irritierenderweise die epigonenhaften Fleet Foxes als Blaupausen verweist, sind Donovan und Martin Carthy und bedingt auch Fairport Convention die passenderen weil naheliegenderen Referenzen. In diesem wohligen Fährwasser schwimmen Champs und spielen ein sehr überzeugendes Support-Set. Ob man wirklich drei Gitarren braucht, darüber lässt sich freilich streiten, doch lassen bestechende Stücke wie „Down Like Gold“ oder „Pretty Much (Since Last November)“ über derartige Kritik hinwegsehen. Live ist das unheimlich melodisch und berührend.

Was schon in der Reduktion glänzt, kann sicher auch in opulent produzierten Studioversionen überzeugen. Am dritten März erscheint das Debütalbum „Down Like Gold“, das der Musikexpress als „Folkpop für die Generation WLAN“ bezeichnet. Wo dieses Label als reine Worthülse seinen Sinn verfehlt, punkten die Champs um die Brüder Michael und David Champion mit vielversprechenden Stücken in bewährter Tradition. Während auf der Insel jeder vor Verzückung über den psychedelischen Modpop der Temples jauchzt, kommen von einer kleinen Insel mit großer Musikgeschichte vor der Südküste bei Portsmouth große Folksongs. Die Rückbesinnung auf englische Tugenden ist seit langem der große Trumpf der größten Popnation. Auch wenn One Direction die Brit Awards dominieren, ist nichts verloren. Das erste Stuttgart-Konzert der aufstrebenden Folk-Band, deren Debüt, wie bekannte Studioaufnahmen belegen, mit Bass und Schlagzeug auch die Tür zum tanzbaren Indie-Pop offen hält, endet mit „Savannah“, einem gefälligen Ohrwurm und geschicktem Spiel mit Zitaten. Als sich der Sänger lächelnd für die Aufmerksamkeit bedankt und eine lange Strähne aus dem Gesicht streicht, haben sich Champs längst große Sympathien erspielt. Merkt euch den Namen. Travelling through all the inbetweens.


Setlist Champs, Stuttgart:

01: Down Like Gold
02: Sweet Marie
03: Pretty Much (Last November)
04: Rebel
05: St. Peter's
06: My Spirit Is Broken
07: Savannah



Dass großartige Vorbands für den Hauptact zu einer ärgerlichen Angelegenheit verkommen können, ist bekannt. Balthazar kennen dieses Phänomen aus eigener Erfahrung. Auf der gemeinsamen Tour mit den Editors schwärmte so mancher in weit höheren Tönen vom belgischen Support als von der einstigen Speerspitze englischer Formationen, äußerte so den Frust über das enttäuschende vierte Album der Band aus Birmingham. Auch ich war vor dem Editors-Konzert in der Berliner Columbia-Halle im Oktober gespannt, wie gut Balthazar sein würden, die ich zuvor im Keller Klub verpasst habe und von denen scheinbar jeder schwärmte. Tatsächlich war der Auftritt grundsolide, die Songs erstklassig und mitreißend. Doch als die Editors anschließend ein für alle Mal manifestierten, dass sie nach zweieinhalb starken und einem schwachen Album zumindest live noch immer großartig sind, vergaß man die Spielfreude, den gekonnten Einsatz verschiedenster Elemente und die Hits Balthazars. 

Die Klasse der belgischen Band offenbart sich mir folgerichtig erst bei ihrem ersten Headliner-Konzert, das ich besuche. Zwei Alben hat man bisher veröffentlicht, die sich mit dem alles umgreifenden Satzgesang und dem wunderbaren Einsatz der Violine über aufgetürmten Keyboard-Passagen und schnellen Indie-Gitarren ausgezeichnen. Die letzte Platte, „Rats“, ist jetzt auch schon zwei Jahre alt, das nächste Album dürfte in den Startlöchern stehen. „I just wanted you to taste the ink“, singt Maarten Devoldere in „Lion's Mouth (Daniel)“ vom 2012er Album und deutet zwischen den Zeilen mehr oder weniger an, dass es heute auch Neues zu hören gibt. So werden neben der aktuellen Single „Leipzig“ mit „No More“ und „Will My Lover Be Found“ gleich zwei weitere Stücke des kommenden Albums gespielt. Die Öffnung hin zu stadiontauglichen Klängen war immer eine Frage der Zeit, die Chöre der großen Hits der Gruppe zielten schon immer auf ein großes Publikum ab, die neuen Stücke machen diesen Weg nun gänzlich offenbar. Was man als Schwäche auslegen könnte, ist die Stärke der Band. Mögen insbesondere die populärsten Songs regelrechte Versatzstücke bekannter Indie-Klassiker aufweisen, sind sie doch so geschickt gestrickt, dass es eine wahre Freude ist. 

Jinte Deprez hält die Akustik-Gitarre wie Dylan in den 60ern, während er „The Boatman“ und vor allem „Listen Up“ zur Darstellung seiner Frontmann-Qualitäten nutzt. Vom auffälligen Spiel der beiden Sänger und Gitarristen und der Keyboarderin und Violinistin Patricia Vanneste ein wenig versteckt, erfüllen Bassist Simon Casier und Schlagzeuger Christophe Claeys, die grundlegende Aufgabe der Rhythmusfraktion tadellos, halten das Gesamtbild zurückhaltend zusammen. 
Die bebrillten Mädchen in der ersten Reihe, die vor dem Konzert Radioheads „Idioteque“ noch Justice zuschrieben, sind aus dem Häuschen. Balthazar werden wie Helden gefeiert, als „Fifteen Floor“ mit seinem eingängigen Beat erklingt. Mit „Sinking Ship“ und „Do Not Claim Them Anymore“ erreicht die Euphorie vor den Zugaben weitere, ungeahnte Höhen. Die Band improvisiert hier und da, Patricia Vanneste zupft ihre Violine, während die perkussive Komponente des Bandsounds besonders ausgereizt wird.


„Sides“, den Closer des letzten Albums, und „Blood Like Wine“ gibt es als Zugaben. Der Schluss wird herausgezögert, der Applaus ist frenetisch. Jan Georg Plavec von der Stuttgarter Zeitung bekennt anschließend, er habe das bisher beste Konzert des Jahres gesehen. So weit gehe ich nicht, aber Balthazar überzeugen mit großen Indie-Pop-Hymnen an der Grenze zum Stadionrock, die am Ende doch einen bleibenden Eindruck hinterlassen können. Wie den Editors in Berlin gelingt es dem Hauptact doch noch einmal den großartigen Support auszustechen. Zurecht. Der steile Weg, den die fünf Musiker aus Gent mit Pathos und Melodie zielstrebig beschreiten, dürfte unaufhaltsam sein. Im Sommer spielt man auf den großen Festivals. Offen bleibt lediglich die Frage, wohin sie dieser Weg führt. Von der klassischen Nachmittagsband der Hurricanes dieses Kontinents, über ein Zerbrechen nach dem dritten Album bis hin zum Platz inmitten des kollektiven Mainstream-Gedächtnis' ist alles möglich. Die Band hat es weitgehend selbst in der Hand.




Setlist Balthazar, Stuttgart:

01: Lion's Mouth (Daniel)
02: Later
03: The Boatman
04: I'll Stay Here
05: The Man Who Owns the Place
06: No More (neu)
07: The Oldest of Sisters
08: Leipzig (neu)
09: Will My Lover Be Found (neu)
10: Joker's Son
11: Listen Up
12: Fifteen Floors
13: Morning
14: Sinking Ship
15: Do Not Claim Them Anymore

16: Sides (Z)
17: Blood Like Wine (Z)


Links:
- aus unserem Archiv:
- Balthazar, Wiesbaden, 01.11.2013
- Balthazar, Wien, 08.10.2013
- Balthazar, Frankfurt, 22.04.13
- Balthazar, Paris, 20.07.12
- Balthazar, Mannheim, 18.05.12
- Champs, Paris, 12.02.2013
 

Dienstag, 14. Mai 2013

Dear Reader, Stuttgart, 13.05.2013

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Konzert: Dear Reader
Vorband: Traded Pilots
Ort: Club Schocken, Stuttgart
Datum: 13.05.2013
Zuschauer: vllt. 150 - 200
Dauer: Dear Reader 76 Minuten / Traded Pilots 25 Minuten



Erhabene „Ohohoho“- oder „Ahaha“-Chöre ziehen sich durch den ganzen Abend. Cherilyn MacNeil, die junge Südafrikanerin, die sich hinter dem Künstlernamen Dear Reader verbirgt, gelang mit ihrem vierten Album „Rivonia“ der große Wurf. Sie hat ihr Meisterwerk, ihr ganz persönliches „Graceland“ geschaffen. Ein Album so ausdrucksstark wie lyrisch stringent, von solch musikalischer Grazie wie kaum ein anderes Werk in den letzten Monaten.

Die Wahl-Berlinerin hat mal wieder die Bandbesetzung nahezu komplett geändert. Es ist erst das sechste Konzert dieser Formation. Noch breiter als auf den vorhergegangen Alben ausgefallen, gelingt es den herausragenden Musikern den Sound „Rivonias“ auch live zu erzeugen. Charmante Storyteller-Qualitäten besitzt Cherilyn MacNeil schon immer, doch selten hat sie eine berührendere Geschichte als in „The Man Of The Book“ erzählt. Auf der gemeinsamen TV-Noir-Tour mit Herrenmagazin im November erstmals gehört, brannte sich die Geschichte ihres Ur-Ur-Großvaters, der einst mit Mahatma Gandhi durch Südafrika reiste, fest in mein Gedächtnis ein. Grautöne findet man auf Dear Reader – Alben selten, MacNeils Geschichten sind farbenfrohe Schilderungen. Auf dem aktuellen Album drehen sie sich alle um die Vergangenheit ihres Heimatlandes. Der räumliche wie auch kulturelle Abstand Berlins zu Johannesburg spielt hierbei sicherlich eine ganz signifikante Rolle, vielleicht auch eine Prise Heimweh. Die Bezugnahme auf ihre Vorfahren legt das Nahe, ebenso der Wunsch und die Traurigkeit darüber, ihren Ur-Ur-Großvater niemals kennengelernt zu haben. Inspirierend ist dessen Leben, das Leben des Alber Bakers sicherlich. Stark christlich geprägt, ließ er im rassistischen Apartheid-Südafrika Gandhi in seinem Bett schlafen und versuchte ihn immer wieder zum Christentum zu konvertieren. Ein lustiger Gedanke, der einen schmunzeln lässt. Die sechs-köpfige Band spielt darüber wundervollen Folk mit starken World Music – Einfluss. MacNeil singt am Klavier, während vor allem Sam Vance-Law am Akkordeon die Klangästhetik entscheidend beeinflusst. Bewusst, wie ich annehme, nähern Dear Reader den Sound an Paul Simons Magnus Opus „Graceland“ an, schließlich coverte man im November noch mit Herrenmagazin „Under The African Sky“. Vance-Law, der bei Cherilyn MacNeil bei der TV-Noir unterstützte, ist ein unschätzbarer Gewinn. An Violine, Synthesizer, Akkordeon und vor allem als begnadeter Vokalist leistet der junge Kanadier einen großen Beitrag zur hochklassigen Musik, auf dem Album – und ganz besonders live. Gemeinsam mit Emma Greenfield, die in dieser Dear Reader Besetzung Gitarre, Trompete, Keyboards spielt und ebenfalls fantastische Backround-Vocals beisteuert, eröffnete Vance-Law mit seinem eigenen Folkprojekt Traded Pilots den Abend.


25 Minuten spielten die beiden in Berliner lebenden Kanadier glasklaren Folk in englischer Tradition mit starken kammermusikalischen Anleihen. Der Rahmen stimmt, die Umsetzung gelingt ausnahmslos. Verträumten, zweistimmigen, versetzten Gesang zu dezenten Akustikgitarren- und Geigenmelodien habe ich so graziös niemals zuvor gehört. Faktisch hat man es eher mit klassischen Klängen, als mit herkömmlicher Popmusik zu tun. Mal an Erland and the Carnival oder Fairport Convention erinnernd, finde ich immerhin einige wenige Referenzen, die mehr schlecht als recht passen. „Swallow Your Tears“, das Vance-Law im herrlichen Bariton beginnt, bevor Greenfield einsetzt, ist eine echte Perle. Lieder wie „Bright Bonnie Roses“ oder „Songs For The Dead“ verdienen zumindest gehört zu werden. Ich höre mich selber schlucken, es scheint still zu sein im Schocken, der Abend beginnt höchst würdevoll.



Würdevoll ist ein Adjektiv, das Cherilyn MacNeils Bühnenpräsenz gut umschreiben kann. Im roten Kleid, mit auffallender Halskette und ohne Schuhe haucht die von Grund auf sympathische Sängerin ihre wunderbaren Lieder aus Südafrikas Historie und streut hier und da ältere Titel ein, die erwartungsgemäß ein wenig euphorischer aufgenommen werden. Ob an Klavier, Akkordeon oder Akustikgitarre, nie wirkt die begabte Musikerin deplatziert. „Good Hope“ über die europäische Entdeckung und Erschließung, die auch ihre Vorfahren nach Afrika führte, steht für den geschichtsträchtigen Folkpop ihres aktuellen Albums. Zu passenden Violinenklängen, mächtigen Seemanns-Chören von Vance-Law und dem ausgezeichneten Bassisten Michael Vinne, illustriert sie die Besiedlung ohne zu kritisieren oder gar zu beschönigen. Davor leistet Greenfield als zweite Stimme beim Ethno-Pop von „Took Them Away“ meisterliche Schwerstarbeit. Dass „Dearheart“, der große Hit vom 2008er Album „Replace Why With Funny“, dazwischen nicht heraussticht, bezeugt die große Klasse der neuen Songs, dennoch ist dieser der Song, der dem ätherischen Geigenspiel des kanadischen Multiinstrumentalisten, mit runder Brille und grauem Hemd, die deutlichsten Freiräume lässt.
Wer bezweifelt haben sollte, dass Dear Reader auch politische Texte schreiben könnte, wird spätestens mit „27.04.1994“ des Gegenteils überzeugt. Mit dem auf das Datum der ersten freien Wahlen in Südafrika nach dem Ende der Apartheid-Ära bezogenen Titel wird klar, dass es sich um ein Loblied auf Freiheit, Demokratie, Nelson Mandela und gegen Rassismus handelt. Ein wichtiger Part der Nationalgeschichte des Landes, der auf dem augenscheinlich konzeptionell angelegten Album nicht fehlen darf und live eine äußerst dynamische Wirkung entfaltet, was nicht zuletzt auf den maßgenauen Beat des Schlagzeugers Thomas Fietz zurückzuführen ist.

Anders als im vergangenen Jahr bei meinem ersten Dear Reader Konzert im mittlerweile geschlossenen Speakeasy macht einem auch die Technik keinen Strich durch die Rechnung und die Akustik ist tadellos. Cherilyn MacNeil fühlt sich sichtlich wohl: „Ich bin froh zurück in Stuggi-Town zu sein“, begrüßt sie fröhlich das Publikum und findet in ihren höflichen Ansagen immer schmeichelnde Worte für die schwäbische Metropole und nimmt die Schwaben generell vor der ihnen entgegenschlagenden feindlichen Stimmung in Berlin in Schutz. „Many people in Berlin really hate Stuttgart, but I love it!“ Sie meint es sichtlich ernst, begeisterter Applaus quittiert die Stellungname.

Ich freue mich, dass es „Rivonia“ komplett zu hören gibt, dennoch ist es jedes Mal wieder schön einen bekannten älteren Titel zwischen den ausnahmslos guten Neulingen zu entdecken. „Whale (BooHoo)“ zum Beispiel. Der verschrobene Song, der 2011 auf dem ebenfalls als Konzeptalbum angelegten Album „Idealistic Animals“ veröffentlicht wurde, begeistert mit seinem starken Refrain und gibt den drei Backroundstimmen die große Möglichkeit zu brillieren. „We'll cover New York / with icy, icy blue / And the Statue of Liberty / she'll be poking through / And the last time that you see her / it'll be from a canoe / Singing Mama Goodbye / You know we'll always miss you“, ohne wenn und aber handelt es sich um ein Highlight eines erstklassigen Konzerts, bevor mit „Back From The Dead“ und „Already Are“ nochmals zwei neue Songs folgen. 

 
So wie ich „Rivonia“ für das beste, stimmigste Album halte, sehe ich „Great White Bear“ in seiner fragilen Gestalt als großartiges Lied aus MacNeils Feder. Dass die todtraurige Ballade mit ihrem extraordinären Text wohl niemals aus der Setlist fallen wird, bleibt zu hoffen. Er verbleibt als einer der besten Lieder der späten 00er Jahre – und das meine ich ernst. Dann gibt es das packende Songfinale, Gänsehaut, Euphorie und jede Menge hochklassige Musik.

Victory“ den Schlusssong des aktuellen Albums, dann ist das reguläre Set schon vorbei. Drei Zugaben, darunter die Band-Klassiker „Bend“ und „Monkey (Go Home Now)“ zum Schluss.

Vier Mal habe ich Dear Reader in den vergangenen zwölf Monaten gesehen, nie war es besser als heute. Die Besetzung wechselte stets, besser als die jetzige kann sie kaum werden. Geht hin, genießt es und betet, dass wir noch lange Freude an diesem Sextett haben dürfen, bevor Cherilyn MacNeil Dear Reader ein weiteres Mal neu erschafft. Doch auch darauf darf man gespannt sein, womit uns die kreative Johannesburgerin wohl als nächstes überrascht.

 

Setlist, Traded Pilots, Stuttgart:

01: Winds
02: Penny
03: Swallow Your Tears
04: Bright Bonnie Roses
05: Songs For The Dead
06: Rock
07: Bye Bye Baby 


Setlist, Dear Reader, Stuttgart:

01: Man Of The Book
02: Took Them Away
03: Dearheart
04: Good Hope
05: 27.04.1994
06: Down Under, Mining
07: Whale (BooHoo)
08: Cruelty On Beauty On
09: From Now On
10: Man (Idealistic Animal)
11: Back From The Dead
12: Already Are
13: Great White Bear
14: Victory

15: Teller Of Truths (Z)
16: Bend (Z)
17: Monkey (Go Home Now) (Z)


Links:

- aus unserem Archiv:
- Dear Reader & Herrenmagazin, Freiburg, 13.11.2012
- Dear Reader & Get Well Soon, Düsseldorf, 04.10.2012 (Ursula)
- Dear Reader & Get Well Soon, Düsseldorf, 04.10.2012 (Gudrun)
- Dear Reader, Mannheim, 19.05.2012
- Dear Reader, Wiesbaden, 24.01.2012 
- Dear Reader & Laura Gibson, Paris, 18.01.2012 
- Dear Reader, Weinheim, 16.09.2011 
- Dear Reader, Frankfurt, 11.09.2011 
- Dear Reader & Ramona Falls, Wien, 08.10.2009
- Dear Reader & Ramona Falls, Marburg, 06.10.2009
- Dear Reader & Ramona Falls, Düsseldorf, 28.09.2009 
- Dear Reader, Haldern, 15.08.2009 
- Dear Reader, Berlin, 07.08.2009 
- Dear Reader & Get Well Soon, Paris, 06.05.2009 
- Dear Reader & Get Well Soon, Nijmengen, 25.04.2009 
- Dear Reader, Köln, 18.04.2009 
- Dear Reader, Paris, 19.02.2009 
- Dear Reader & Sophie, Köln, 12.02.2009

Donnerstag, 9. Mai 2013

Art Brut, Stuttgart, 07.05.2013

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Konzert: Art Brut 
Vorband: Keith Top Of The Pops   
Ort: Club Schocken, Stuttgart   
Datum: 07.05.2013   
Zuschauer: vllt. 250 (vermutlich fast ausverkauft)   
Dauer: Art Brut 83 Minuten 
Der Charme Art Bruts lag für mich immer in der Ausfüllung der vakanten Mitte zwischen dem snobistischen Britpop von Pulp und Monty Pythons anarchischem Humor. 
Es muss um Ostern 2009 herum gewesen sein, als mich Art Brut mit ihrem dritten Album „Art Brut vs. Satan“ überzeugten, nachdem ich durch eine Themenausgabe über britische Musik in einem der nach wenigen Ausgaben eingestellten Wiederbelebungsversuche der Zeitschrift Sounds auf das englisch-deutsche Quintett um den exzentrischen Wahl-Berliner Eddie Argos aufmerksam wurde. Pixies-Mastermind Frank Black zeigte sich damals als Produzent verantwortlich und „Alcoholics Unanimous“ und vor allem „Summer Job“ gehörten rückblickend fest zu meinem Oberstufen-Soundtrack.
An Möglichkeiten, die Band live zu erleben, mangelte es seither wahrlich nicht. Die ausgedehnte Tour zum genannten Werk ließ ich mir jedoch entgehen und im September 2011 verhinderte ein Ferienjob eine Begegnung im Frankfurter Nachtleben.
Mit großen Erwartungen betrete ich das Schocken und bin von der Zuschauerflut positiv überrascht: Auf der Bühne spielt bereits Keith Top Of The Pops, ein extravertierter Engländer aus dem Umfeld des Hauptacts, mit einer achtköpfigen(!) Band. Es ist ohrenbetäubend laut, der Auftritt kurios. Musikalisch klingt ein Song wie der andere, trotzdem macht alles gehörigen Spaß. Mit einer Trompeterin, Schlagzeug, Bassisten, fünf(!!) Gitarristen mutet das alles ein wenig wie ein Schulprojekt frei nach dem Motto „Wir gründen unsere eigene kleine E-Street-Band“ an. 
Die Songs ähneln Art Brut sehr und Eddie Argos wird später behaupten, er habe sie geschrieben. Es ist ein Abend der Ironie und trotz des stupiden Gitarrengeschrammels sind die Songs ausnahmslos eingängig. Vermutlich wird mir der Refrain von „Two of the Beatles are dead“, das manch einer sicherlich als pietätslos bezeichnen würde, noch einige Zeit penetrant im Kopf umher schwirren, ebenso wie die ganzen Songs, in denen Keith mal Selbstzeugnis über sich ablegt („This is a song about how amazing I am“) oder wie in „Fuck you, I'm Keith Top of the Pops“, das Eddie Argos vom Mischpult aus mitfilmt, sich mit Jesus vergleicht.
Englischen Humor findet man in Deutschland viel zu selten und so ist der kurze Auftritt der bizarren Gruppe aus sechs Männern und zwei Frauen eine Erfrischung - gerade auch wegen der beißenden Satire auf die großkotzigen Britpop-Heroen aus Manchester, die man trotzdem lieben muss. Nur damit man mich richtig versteht, ich spreche hier in erster Linie von Morrissey und nur sekundär von Oasis. So gibt es einen Song namens „Morrissey will never forgive me“. Zum Schluss folgt „I Hate Your Band“, das Art Brut gewidmet wird.    
Der Club füllt sich immer mehr. Erstmals erlebe ich, dass die Galerie geöffnet ist und ich begebe mich nach oben, da mir nach einem anstrengenden Tag nicht nach sportlicher Betätigung zumute ist. Daran, dass es schweißtreibend wird, dass wild gepogt, ja gemosht, werden wird, zweifle ich zu keiner Zeit, da kann das typische Stuttgarter Publikum so zurückhaltend sein, wie es will. Art Brut Konzerte gelten als wilde Partys, was sich in den folgenden eineinhalb Stunden pausenlos zeigt. Nach einem kurzgehaltenen Umbau stehen Argos' Kollegen mit den skurrilen Namen Ian Catskilkin, Jasper Future (beide Gitarre), Freddy Feedback (Bass) und Mikey Breyer (Schlagzeug) auf der Bühne und spielen „Paradise City“ von Guns N' Roses an. Der Frontmann folgt und „Formed A Band“ gibt es als krachenden Einstieg. Der Schlüsselsong des frenetisch rezipierten Debütalbums lässt das Stuttgarter Indievolk jegliche Reserviertheit ablegen und in kollektive Ekstase ausbrechen. Die Ordner sind sichtlich überrascht von der wild pogenden Menge und leicht überfordert, dabei haben die Leute doch nur Spaß. 
„Hello Stuttgart, how are you“, brüllt Eddie Argos ins Publikum, bevor er anmerkt, dass man mittlerweile zehn Jahre alt und eine Classic Rockband sei, also legitimiert wäre, solch dämlichen Ansagen machen. Selten habe ich auf Indierockkonzerten so viel gelacht wie heute. „My Little Brother“, ein echter Publikumsliebling, ebenfalls vom ersten Album „Bang Bang Rock & Roll“ folgt wie auf Platte im direkten Anschluss. Was steckte doch für eine rohe Energie in diesem Erstlingswerk. Gerade wurde eine Retrospektive veröffentlicht, das Best-Of und Raritäten-Album „Top Of The Pops“ und so erwartet auch die feiernde Menge ein nostalgischer Abend voller moderner Indie-Klassikers. 
Der Bewegungsdrang Argos ist noch immer enorm, der Oberlippenbart und der Ohrring wirken noch immer deplatziert jugendlich, lediglich der etwas größere Bauchumfang zeigt, dass die Zeit nicht spurlos am Sänger vorbei ging. „And yes this is my singing voice / It's not irony / And it's not rock and roll / I'm just talking / To the kids“, heißt es schon in „Formed A Band“ und tatsächlich spricht, ja rappt Argos eher, als dass er singt. Das gelingt ihm natürlich überaus gekonnt, man mag an Mike Skinners The Streets denken, doch ist die Haltung eine ganz andere. Kombiniert mit einem Bühnengehabe, dass ihn wie eine Art Westentaschen-Jarvis-Cocker wirken lässt, besticht der 33-Jährige durch versnobte Coolness. Allein der Performance zuzuschauen macht großen Spaß, doch von einer One-Man-Show ist keinesfalls zu sprechen. Zu kongenial ist das Zusammenspiel mit der frei aufspielenden Band. Jasper Futures Gitarrengepose im Hawaiihemd gehört genauso zum Gelingen des Konzerts, wie die Riffs und Soli seines Kollegen Catskilkin. Bassistin Freddy Feedback im Polka-Dot-Kleid singt Zeile für Zeile mit und Mike Breyer spielt im Stehen Schlagzeug. 
Nach dem ungezügelten Stück Punk „Arizona Bay“ folgt „Summer Job“, das noch heute auf jeder großen Festivalbühne genauso gut wie in einem stickigen Club funktionieren würde. Vom letzten Album „Brillant! Tragic!“ gibt es „Sexy Sometimes“, bei dem Argos in bester Bernd-Begemann-Manier vollsten Körpereinsatz zeigt und sein karierten Hemd weit aufknöpft. Scheppernder Indierock erfüllt den Club unweit des Rotebühlplatzes, zu keiner Zeit hält sich die Menge im Zaum.  
   
Zu „Modern Art“, das über zehn Minuten förmlich zelebriert wird, begibt sich Argos in die Menge, während er herrliche Geschichten erzählt. Die Monty Python Vergleiche sind absolut angemessen. Während der Sänger durchs Publikum läuft und sein wunderbar abwegiges Kunstverständnis offenbart, brodelt es förmlich im stickigen Club. Nach Schilderungen eines Besuchs im Amsterdamer Van Gogh – Museum und dem Aufruf Kunst anzufassen und Gemälde zu essen, setzt die Band, wieder krachend ein und der kollektive Schlachtruf „Modern art makes me want to rock out!“ wird aus hunderten Kehlen gegrölt. 


 
Ist das jetzt Kunst? Art Brut hassen bekanntlich die ewige Bezeichnung als Kunstband, wäre ja unkreativ und naheliegend bei ihrem Namen. Eine gänzlich unverständliche Position ist das in der jüngeren Kunstgeschichte jedoch auch nicht, man denke nur an die Fluxus-Bewegung, die im vergangenen Winter ganz in der Nähe retrospektiv in der Stuttgarter Staatsgalerie gewürdigt wurde. Anti-Kunst ist auch Kunst. Das Publikum pogt, springt, Argos ist mittendrin.
„Bad Weekend“ passt in diesem Kontext perfekt; „popular culure not longer a place to be“. Überhaupt „We make pop music, we make pop music for people who don't like people“
Dazwischen „St. Pauli“ mit der großartigen Zeile „We are Hamburg school“ (Argos ist bekennender Tocotronic-Fan) und dem Refrain mit dem einzigen deutschen Satz, der auf einer Art Brut Platte zu hören ist: „Sorry if my accent's flawed / I learnt my German from a 7 inch record / Punk rock ist nicht tot!“ Das Spiel mit Klischees klappt wunderbar; Fußball, Punk und Diskursrock, wem gelingt das schon?   
Für mich bleibt „Disco 2000“ einer der brillantesten Pulp-Songs und „Emily Kane“, das es direkt nach Alcoholics Unanimous“ gibt, halte ich in seiner untypischen Liebeslyrik für Art Bruts Äquivalent zu dieser cocker'schen Sternstunde. Heute endet die Geschichte von der nie überwundenen ersten Teenagerliebe mit „There's A Light That Never Goes Out“. Dieser Smiths Refrain nach dem Wunsch, Schulkinder mögen ihren Namen in Bussen singen, ist in seiner subtilen Konsequenz bemerkenswert.
Nach einem doppelten Cover endet das reguläre Set – und wenn man so will schließt sich ein Kreis. We Are Scientists' „The Great Escape“ klingt stringenter als im Original, dann das ikonische Gitarrensolo aus „Free Bird“ von Lynyrd Skynyrd. Man sei jetzt Classic Rock. Remember. Zum Schluss die Akkordfolge, mit der stets der Californication-Vorspann endet. Jene US-Serie, in deren ersten Staffel Hank Moody mit seiner Tochter Becca jenen Song immer wieder bei „Guitar-Hero“ spielt.  Nach frenetischen Zugabenrufen folgen vier weitere Lieder, die ebenso begeistert aufgenommen werden. Bei „Brand New Girlfriend“ erreicht die Stimmung ihrem Höhepunkt. Es riecht nach Bier, Gin und Schweiß. 
„Top Of The Pops“ (inklusive „Two of the Beatles are dead“ - Zitat), „Unprofessional Wrestling“ dann endet der Abend mit „Post Soothing Out“ und einem offensichtlichen Slash-Solo von Catskilkin, der seine Gitarre auf dem Rücken spielt. Der Rahmen ist klar gesteckt: „Paradise City“ als Intro, am Schluss eine Guns N' Roses – Referenz. 
Wenn Art Brut vor sechs Jahren genauso viel Spaß gemacht haben, muss es sich um den leidenschaftlichsten Indie-Act jener Zeit gehandelt haben. Lediglich eine Frage stellen sich zwei - tatsächlich anwesende - Classic-Rockfans in passenden, schweißdurchtränkten 80s-Hair-Metal-T-Shits beim Verlassen des Clubs: "Warum haben die nicht 'Axl Rose' gespielt, wenn die schon 'nen Song haben, der so heißt." 
 Setlist, Art Brut, Stuttgart: 

01: Formed A Band (incl. Paradise City, Guns N' Roses - Cover - Intro) 
02: My Little Brother 
03: Arizona Bay 
04: Summer Job 
05: Sexy Sometimes 
06: Direct Hit 
07: Lost Weekend 
 08: Modern Art 
09: Home Altars Of Mexico 
10: Bad Weekend 
11: St. Pauli 
12: We Make Pop Music 
13: Alcoholics Unanimous 
14: Emily Kane (incl. There Is A Light That Never Goes Out - The Smiths - Cover - Refrain) 
15: The Great Escape / Free Bird (We Are Scientist - Cover / Lynyrd Skynyrd - Cover) 

16: Brand New Girlfriend (incl. Kids of America - Kim Wilde - Cover) (Z) 
17: Top Of The Pops (Z) 
18. Unprofessional Wrestling (Z) 
19. Post Soothing Out (Z)

Links:
- aus unserem Archiv:
- Art Brut, Köln, 14.05.2009
- Art Brut, Köln, 04.10.2007
- Art Brut, Frankfurt, 30.09.2007
- Art Brut, Luxemburg, 24.06.2007 (Interview)
- Art Brut, Luxemburg, 24.06.2007
- Art Brut, Köln, 05.06.2007 
- Art Brut, Paris, 18.11.2006

Freitag, 26. April 2013

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen, Stuttgart, 24.04.2013

2 Kommentare
Konzert: Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen
Ort: Club Schocken, Stuttgart
Datum: 24.04.2013
Zuschauer: vllt. 150
Dauer: 71 Minuten



Wehmütig fühlte man sich an jenem Samstag Ende August in Hannover als man sich in der tanzenden, grölenden Menge im Zelt des BootBooHook-Festivals klar darüber wurde, dass es das nun war, dass Superpunk gerade ihr letztes Konzert in Deutschland spielen.
Auflösung einer Hamburger Institution nach 16 Jahren Bandgeschichte. „Das waren Mods“, singt Carsten Friedrichs über ein „I can't explain“-Riff in seiner unnachahmlichen Art und besiegelt das Ende der langlebigsten Vertreter des deutschen Northern Soul, der unumstrittenen deutschen Modgötter.

Ein wenig Trost spendete die Perspektive zu wissen, dass Friedrichs und Bassist Tim Jürgens mit Tapete-Records-Co-Gründer Gunther Buskies, André Rattay von Blumfeld und Philip Morton Andernach bereits eine neue Band ins Leben gerufen haben, Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen. Monate zuvor auf einem Fußball-Sampler des Rolling Stone gehört, fand ich bereits den ersten Song des Quintetts, „Die Gentlemen Spieler“ vielversprechend.

Acht Monate nach dem letzten Superpunk-Auftritt freute ich mich sehr auf den ersten Stuttgart-Besuch der noch jungen Bandgeschichte. „Die Gentlemen bitten zur Abendkasse“, hieß es auf Facebook, und tatsächlich folgen zahlreiche Schwaben der Ankündigung und verzichten zugunsten der fußballaffinen Hanseaten auf die Übertragung des Champions-League-Halbfinal-Hinspiel von Borussia Dortmund gegen Real Madrid.


Hätten sie gar nicht gemusst, zumindest nicht auf das gesamte Spiel. Los geht es im chicen Schocken nämlich erst kurz nach zehn. Wer jetzt denkt, Friedrichs und Co hätten sich eben nicht vom Spiel losreißen können, liegt falsch. Bei angenehmen, frühsommerlichen Außentemperaturen entspannt man lieber im Biergarten vor dem Club. Dieser füllt sich nach und nach und schon steht die Band, mit dem eher unglücklich gewählten Bandnamen auf der niedrigen Bühne. Der bizarre Pferderennenkommentatorenton erschallt wie auf Platte und die erste Single „Jeder auf Erden ist wunderschön (sogar Du)" eröffnet das Set. Dass Friedrichs eher spricht als singt, ist völlig nebensächlich. Selten hat eine Person in der unabhängigen deutschen Musikszene die Coolness deutlicher personifiziert.


Viele Besucher waren im Vorfeld skeptisch, ob die Nachfolgeformation live an die ungemeine Intensität und Energie Superpunks herankommen würde - auf dem Debütalbum gelang dies schließlich noch nicht ganz. Der erste Song genügt, die Sorgen waren unberechtigt. Die herrlichen Northern Soul – Chöre funktionieren ausgezeichnet. Philip Morton Andernach ist ein unschätzbarer Gewinn für den Sound. Sein Harmoniegesang ist auf höchstem Niveau, als E-Gitarrist ist er ein filigraner Meister. Die Saxophoneinlagen des Multinstrumentalisten im hellblauen Fred-Perry-Polo-Shirt sorgen für einen noch authentischeren Sixties-Klang, so dass ich tatsächlich zugeben muss, dass mir der vollere Sound der Liga live besser gefällt als der ruppigere Garagenrock Superpunks. Mods sind heute Abend wenige zu sehen, dafür fällt ein stilbewusstes Skinhead-Pärchen auf und Carsten Friedrichs' Inszenierung als Obermod ist sowieso formvollendet. Im orange-blau-beige gestreiften Penguin-Polo, Jeans und Clarks Camel Boots macht dem Sänger und Gitarristen in Stil- und Modefragen keiner etwas vor. „Ich lass' mich gehen in letzter Zeit“ hätte mit all seiner Ironie perfekt auf ein Superpunk-Album gepasst, doch ich spüre von Song zu Song, welche Klasse die Lieder der Liga der gewöhnlichen Gentlemen in hitziger Konzertatmosphäre besitzen. Es darf getanzt werden und es wird getanzt, getwistet; ich fühle mich an den Auftritt von Madness im vergangenen Juli auf dem Stuttgarter Schlossplatz erinnert. Alles macht Spaß. 



Als dritten Song gibt es „Der fünfte Four Top“, nachdem sich Friedrichs über den beängstigenden Zustand deutscher Radiosender ausließ: „Wir sind direkt von Hamburg nach Stuttgart gefahren, das sind über sieben Stunden. In Hessen haben wir Radio gehört, es ist eine Qual, und man durfte sich etwas wünschen. Da hat eine Mitarbeiterin des Arbeitsamts angerufen und sich 'Abenteuerland' von Pur gewünscht. Das ist einfach schlecht, aber irgendwann ist das Kult und die CDs eine Menge wert.“ Friedrichs gefällt sich in der Rolle des Zynikers, siezt das Publikum heute überraschend nicht und scheint generell sein etwas arrogantes Bühnenverhalten ein Stück weit zurückgefahren haben. Bei Superpunk machte das große Freude, bei der Liga der gewöhnlichen Gentlemen ist es gar nicht nötig. Als Song besitzt „Der fünfte Four Top“, der auch auf farbigen Vinyl letzte Woche anlässlich des Record Store Days als Single erschien, außerordentliche Qualität, die aufrichtige Hommage an den Soul der Sechziger ist wundervoll, die Melodie besitzt echtes Hitpotential; darf ich vorstellen: Der große deutsche Modrockklassiker der 10er Jahre! „Diese Band ist so genial / Sag mir, wie heißt dieser Song nochmal. / Und wär' die Welt perfekt / Dann wer sie ein Song / Dann von Holland/Dozier/Holland oder Barrett Strong“. Das Schocken gleicht nun einer eleganten Mod-Disco.


Wir Musikliebhaber blicken ja gerne auf die Cineasten herab, die mögen ja nur Filme“, der begnadete Ironiker Friedrichs kündigt munter scherzend „Weine nicht, es ist nur ein Film“ an, in dem es nicht etwa um ein großes Drama geht, sondern um den ersten Spiderman-Film.

It's grim up north, würde man in England sagen, in Hamburg ist es noch kalt. Ich musste tatsächlich nach Stuttgart fahren, damit dieser Song einmal passt“, sagt Friedrichs und der Powerpop seiner Band erschallt: „Frühling im Park“, ein toller Song mit unübertrefflichen Zeilen Alltagsbeobachtung wie „Am Brunnen küsst sich ein junges Paar / Die kennen sich vom letzten Jahr / Und die Junkies streiten sich / Ich schließ die Augen und denke an dich / Frühling im Park / Ein Fußball-Match fünf gegen vier / Mein Nachbar trinkt Von Raven Bier / Und unser Pärchen schreit sich an / Die Beziehung hält wohl nicht mehr lang“ oder „Geschäftsleute mit Aktentaschen / Vielleicht sammeln sie schon morgen Flaschen“. Superpunk waren immer politisch und die linke Grundhaltung findet sich auch in den Songs Der Liga der gewöhnlichen Gentlemen. Politik findet sich hier nicht diskursiv phrasenhaft wie bei Tocotronic sondern in ironischer Direktheit. 




Kennt einer unserer Leser eigentlich den Schauspieler Werner Enke, der Filme wie „Zur Sache, Schätzchen“ oder „Nicht fummeln, Liebling“ in den späten 60ern und frühen 70ern drehte? Nein? Es ist der Lieblingsschauspieler Friedrichs', sagt er zumindest. „Kennst du Werner Enke?“ heißt das dann als Song. „Ich hab' keine Ahnung, wer der Vogel ist, aber der Song ist großartig“, ruft einer in Stuttgart, also „Nein“.

Als großer Bernd Begemann Fan freue ich mich riesig, als Carsten Friedrichs ein Cover ankündigt. Bei der großen Begemann-Gala zu dessen 50. Geburtstag im Hamburger Knust spielte die Liga „Viel zu glücklich (um es lange zu bleiben)“, vom begemann'schen Meisterwerk „Solange die Rasenmäher singen“ und ich bin sicher, dass es diesen Song nun zu hören gibt. Die scheppernde Mod-Rock-Fassung imponiert mir sehr, das Publikum ist begeistert. „Ich bin sehr froh, mit diesem Mann befreundet zu sein, er ist einer der größten Musiker dieses Landes. Ich habe ihm vier Mal beim Umzug geholfen – und jedes Mal gerne“. Man glaubt es dem Sänger sofort.


Mit Hut als Markenzeichen im rotkarierten, kurzärmligen Hemd, das er auch beim BootBooHook trug, und Modschal macht Tim Jürgens am Bass eine gewohnt gute Figur, wie schon bei Superpunk-Konzerten sorgen seine Kommentare für enormen Beifall. Der lakonische Bassist hat die Lacher grundsätzlich auf seiner Seite und besonders die Interaktion mit dem mürrisch wirkenden Gunther Buskies am Schlagzeug ist köstlich. Dieser entledigt sich schon früh seines Karo-Sakkos und bekommt nach einem neckischen Zwiegespräch einen Kleiderbügel, damit die Jacke nicht zerknittert.

Ein Fremder in der eigenen Stadt“ folgt, bevor die Fußballsongs der Band kommen. Diese werden hintereinander gespielt, „weil wir Populisten sind“. 
 Sowohl „Nimm mich mit zum Spiel“ als auch „Die Gentlemen Spieler“ werfen ein romantisches Licht auf die Anfänge des Sports beziehungsweise die unteren Klassen. Eine Wohltat in Zeiten, in denen 37 Millionen für 20-jährige Fußballer bezahlt werden und Uli Hoeneß' Steuerhinterziehung die Medien beherrscht. 
Mach mich traurig“, dann ist das reguläre Set schon vorbei, kein Wunder, hat die Band schließlich erst ihr Debütalbum veröffentlicht. 


Was jetzt kommt ist klar, „A bisserl was geht immer“, heißt eines der besten Superpunk-Alben und natürlich gibt es noch zwei Perlen dieser Formation zu hören. Diese sind echte Evergreens, „Man kann einen ehrlichen Mann nicht auf seine Knie zwingen“ und „In der Bibliothek“
Kurioserweise fehlt Tim Jürgens auf der Bühne und Andernach spielt Bass. Ein gelungener Gag, spätestens als Jürgens für das Instrumental „Nach dem Spiel“ zurückkehrt. Es ist der Lieblingssong von Friedrichs' Mutter („Ich mag das letzte Lied am meisten, das, wo du nicht singst.“) Die Selbstironie schließt den Kreis, Andernach brilliert erneut am Saxophon, Friedrichs spielt wieder Bass und André Rattay überzeugt am Schlagzeug, während Buskies authentische 60s Keyboardparts spielt. Eine schöne Tanznummer zwischen Booker T & The MG's und Two-Tone-Ska. Herrlich. Wider erwarten ist noch nicht Schluss. Es gibt noch eimal „Jeder auf Erden ist wunderschön (sogar Du)“. Der Applaus fällt frenetisch aus, Friedrichs steckt sich vor dem Club erst einmal eine Zigarette an. „Ach, ihr macht diesen Nichtraucherquatsch auch mit“, kommentierte er während des Konzerts die Fluktuation derer, die vor die Tür gingen, um ihre Sucht zu frönen. Der Schweiß läuft, die Zuschauer im Schocken sind glücklich. Draußen läuft man feiernden Fußballfans über den Weg.

Die Liga überzeugt mindestens so sehr wie der BVB bei seinem spektakulären 4:1 Heimsieg gegen die Königlichen. Nach dem Spiel: Brillant, war's. A bisserl was geht immer. All die Wehmut, sie ist verflogen.



Setlist, Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen, Stuttgart:

01: Jeder auf Erden ist wunderschön (sogar Du)
02: Ich lass mich gehen in letzter Zeit
03: Der fünfte Four Top
04: Weine nicht, es ist nur ein Film
05: Frühling im Park
06: Meine Jeans
07: Kennst Du Werner Enke?
08: Viel zu glücklich (um es lange zu bleiben) (Bernd Begemann - Cover)
09: Ein fremder in der eigenen Stadt
10: Nimm mich mit zum Spiel
11: Die Gentlemen Spieler
12: Mach mich traurig

13: Man kann einen ehrlichen Mann nicht auf seine Knie zwingen (Superpunk - Song) (Z)
14: In der Bibliothek (Superpunk - Song) (Z)
15: Nach dem Spiel (Z)
16: Jeder auf Erden ist wunderschön (sogar Du) (Z)


Links:
- aus unserem Archiv:
- Superpunk, Rüsselsheim, 20.07.2007
- Blumfeld, Köln, 13.04.2007

 

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