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Mittwoch, 23. Februar 2011

Owen Pallett, Paris, 22.02.11

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Konzert: Owen Pallett (Karaokake & Buke and Gass & Gaspar Claus)

Ort: Le Café de la Danse, Paris
Datum: 22.02.2011
Zuschauer: ausverkauft
Konzertdauer: etwa 65 Minuten


Musikindustrie in der Krise? Zumindest die Konzertveranstalter können sich diese Woche in Paris mitnichten beklagen:

21.02.2011: Razorlight, La Flèche d'or: ausverkauft; Timber Timbre, La Maroquinerie: ausverkauft; Esben & The Witch: fast ausverkauft; Keren Ann, Canal +: ausverkauft
22.02.2011: Owen Pallet, Café de la Danse: ausverkauft; Razorlight, La Fléche d'or: ausverkauft; Skunk Anansie, Olympia: ausverkauft
23.02.2011: Joan As A Police Woman, La Flèche d'or: ausverkauft
24.02.2011: PJ Harvey, Olympia: ausverkauft
25.02.2011: PJ Harvey, Olympia: ausverkauft
26.02.2011: Band Of Horses, La Cigale: ausverkauft

Da fragt man sich, wie das Ganze in Boomzeiten aussehen soll. Müssen wir die Karten dann 1 Jahr im Voraus reservieren?

Dass Shows von Owen Pallett ausverkauft sind, wundert mich allerdings nicht im Geringsten. Der kanadische Geiger ist zweifelsohne ein großes Talent, vielleicht sogar ein Wunderkind.

Bevor die zahlreichen Zuschauer allerdings in den Genuß der Violin- und Loopkünste des Blondschopfs kamen, musste zunächst noch eine ziemlich schräge Vorgruppe erduldet werden. Buke and Gass ein gemischtes Duo aus Brooklyn spielte schrammeligsten Lofi-Punk, der ins Vorprogramm von Scout Niblett oder Hole gepasst hätte, aber hier nicht hingehörte. Warum man den beiden über eine Stunde Spielzeit eingräumt hat, blieb mir und vielen anderen ein Rätsel. Zumal Buke and Gass bereits die zweite Vorgruppe waren, denn ganz am Anfang hatten die tollen Elektropopper Karaokake (die französische Antwort auf Au Revoir Simone und Ladytron) aus Paris gespielt (ausführlichere Reviews siehe unser Archiv). Und damit nicht genug, während der Umbaupause vor dem Konzert von Owen durfte sogar der französische Cellist Gaspar Claus (Foto) noch fiedeln was das Zeug hält. Ich hatte den talentierten Burschen bereits einmal bei einer Home Show erlebt und weiß auch, daß er schon mehrfach von Vincent Moon (auf dem Foto hinten links mit dem weißen Hemd) gefilmt wurde.



Um 22 Uhr dann aber endlich Herr Pallett. Ganz alleine mit Schirmmütze, Violine, Keyboard und seinen Pedalen erschienen, brillierte der Sympath* mit der engelsgleichen Stimme und den verblüffenden Zupfkünststückchen von Anfang an. Er hielt das hohe Niveau durchgängig (abgesehen von zwei verpatzten Loops, menschlich) und lediglich im Mittelteil wurde es ein klein wenig zäh und anstrengend (was bestimmt auch meiner chronischen Müdigkeit geschuldet war), bevor er dann nach gut einer Stunde zu einem furiosen Finale einsetzte und die Intensität seines Geigenspiels noch einmal erhöhte. Himalaja hohe Gipfel wurden erklommen, Owen ging ins Hohlkreuz, lief mit seiner Violine auf und ab und gab noch mal alles. Die Zuschauer schnalzten mit der Zunge und stürmischer Applaus brandete auf. Eine Zugabe, dann war das hochfeine Konzert auch schon beendet. Fragt mich bitte nicht nach einzelnen Songs, ich kenne mich da bei Owen Pallett viel weniger gut aus als mein Kollege Christoph, der zu recht von dem Geiger in den höchsten Tönen schwärmt.



Stellt sich natürlich die Frage, warum Owen so spät gespielt hat (normal ist hier 21 Uhr für die Hauptgruppe). War er etwa verpätet in der Location angekommen, gab es Probleme mit den Transportmitteln, oder was war der Grund warum mit Buke und Gass eine nicht vorgesehene zweite Vorgruppe auf die unschuldigen Zuschauer gehetzt wurde, die genauso lange (!) spielen durfte, wie der Headliner?? Fragen über Fragen...

Die hohe Musikalität von Owen Pallett ist allerdings unfraglich. Ich sehe und höre ihn wieder gerne!



* Sympath auch deshalb, weil er im Gegensatz zu seinem spröden und introvertierten Widersacher Andrew Bird oft und spontan lächelt, auf angenehm bescheidene Weise mit dem Publikum kommuniziert (" Oh, ihr werdet euch sicherlich fragen, wie ihr auf die seltsame Idee kamt, für einen Typen wie mich 20 Euro auszugeben") und sich nicht zu ernst nimmt. In der witzigsten Szene des Abends griff er sich spontan eine Pulle Weißwein (einen Chardonnay, wie mir Weinkenner soufflierten) und trank ungeniert aus der Flasche. Haha!

Anmerkung: die beiden Fotos stammen von Christoph und entstanden in Eindhoven. Meine kommen in Kürze.

Setlist Owen Pallett, Café de la Danse, Paris:

01: A Man With No Ankles
02: Scandal At The Parkade
03: This Is The Dream Of Win & Régine
04: Arctic Circle
05: Midnight Directives
06: Keep The Dog Quite
07: Lewis Takes Action
08: E Is For Estranged
09: What Do You Think Will Happen Now?
10: Took You Two 2 Years To Win My Heart
11: This Lamb Sells Condos
12: Many Lives - 49 MP
13: Honour The Dead, or Else
14: Odessa (Caribou)
15: Lewis Takes Off His Shirt

16: The CN Tower Belongs To The Dead

Aus unserem Archiv:

- Owen Pallett, Eindhoven, 18.02.11
- Owen Pallett, Paris, 01.06.10
- Owen Pallett, Barcelona, 28.05.10
- Owen Pallett, Frankfurt, 15.03.10
- Owen Pallett, Haldern, 14.08.09
- Karaocake, Paris, 09.12.10
- Karaocake, Paris, 06.09.10





Freitag, 10. Dezember 2010

Karaocake & Munch Munch & Marnie Stern, Paris, 09.12.10

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Konzert: Karaocake & Munch Munch & Marnie Stern

Ort: La Flèche d'or Paris
Datum: 09.12.10
Zuschauer: ungefähr 250


Der Winter zeigt weiterhin sein wahres Gesicht. Obwohl es so langsam taut, ist der Verkehr in Paris noch beeinträchtigt und wenn man nicht aufpasst, kann man auf den vereisten Bürgersteigen ausrutschen und sich so richtig schön auf die Fresse legen. Ich gönne das ja ein wenig den gelackmeierten Anzugträgern, die mit ihrem Blackberry in der Hand immer so sauwichtig gucken, als gehöre ihnen die Welt. Und davon gibt es nicht wenige in Paris. Schadenfreude? Nö, ach wieso denn? Leid tun mir allerdings die Clochards, die nun schon frühabends in ihre Schlafsäcke kriechen und in den U-Bahnstationen pennen. Aber was bringt ihnen Mitleid? Davon werden sie nicht satt und eine feste Bleibe finden sie dadurch auch nicht. Moloch Großstadt. Paris, die angeblich romantischste Stadt der Welt, kann so grausam sein.

Wenn man nicht weiß, wie man wirklich helfen kann, bleibt nur Ablenkung. Wegsehen. Auf Konzerte gehen und alles hinter sich lassen. Seine eigenen Sorgen und die der Mitbürger.



Die Pariser Karaocake standen als Erste auf der Bühne. Sie hatten bereits begonnen, als ich gegen 21 Uhr 15 einschneite (im wahrsten Sinne des Wortes!). Auf Grund der schwierigen Wetterverhältnisse fuhren weniger U-Bahnen und ich brauchte deutlich länger als sonst zur Flèche d'or. Dennoch sah ich den Großteil des Sets und tat mich gütlich daran. Karaocake sind ein Trio, mit der Brille tragenden Camille an der Spitze, dem Soundtüftler Domotic an der Gitarre und dem Bass und Charlotte Sampling (ein Herr wohlgemerkt, der Name ist natürlich eine Anspielung auf die Schauspielerin) am Keyboard. Ihr manchmal an Au Revoir Simone erinnernder Dreampop hat dennoch genügend Klasse und Ohrwurmigkeit um selbstständig bestehen zu können. Auf dem Debütalbum Rows & Stitches (Clapping Music) finden sich zahlreiche zartschmelzende, unschuldig süße und sanft melancholische Seelentröster, die zum Besten gehören, was dieses Jahr im Bereich Elektro Pop in Frankreich veröffentlicht wurde. Natürlich spielten sie heute fast komplett die Stücke dieses feinen Machwerks, aber gegen Ende versuchten sie sich auch an einem neuen Stück, das mir auf Anhieb gut ins Ohr ging. Der Abschluß dann mit Medications, einem schwungvollen, euphorisierenden Fetzer, der weniger veträumt und melancholisch daherkam, als der Großteil des vorgehenden Programms. Karaocake hatten mich erneut beeindruckt. Ich bleibe am Ball!

Mit Munch Munch wurde etwa zwanzig Minuten später eine junge Band aufs Publikum gehetzt, die noch nie zuvor in Paris gespielt hatte. Richard, Tom, Jack und Sarah stammen aus Bristol, klangen aber nicht nach Trip Hop wie die aus der gleichen Ecke kommenden Portishead und Massive Attack, sondern vielmehr nach Animal Collective, Deerhoof, Jonquil, Los Campesinos!, Dirty Projectors und auch den (verfluchten) Klaxons. Ihr Set war von Anfang bis Ende schwungvoll, energiegeladen und mit überraschenden Wendungen nur so gespickt. Bei Munch Munch gibt es nicht nur den Bandnamen gleich doppelt, sondern es kamen auch gleich zwei Keyboards, zwei Glockenspiele und zwei (in der Mitte der Bühne befindliche) Drumkits zum Einsatz. Ich stand gleich in der Nähe der einzigen Dame, die rasant und fingerfertig orgelte, als sei sie von der Tarantel gestochen worden. Am anderen Ende der Bühne sang ein blonder Bursche oft im Falsett und drückte dabei auf alle möglichen Knöpfchen. Die Songs galloppierten oft in völlig verschiedene Richtungen, aber irgendwie schafften es die jungen Heißsporne, halbwegs einen roten Faden beizubehalten und die Lieder vor dem Abdriften in völlig experimentelle Gefilde zu retten. Beste Titel? Vielleicht das an Yeasayer erinnerde Wolfman's Wife? Oder Wedding, bei dem Jonquil, Stereolab, Modest Mouse und Deerhoof eine wilde Ehe eingingen? Wie auch immer, Munch Munch sind etwas für Leute die schrägen Indiepop lieben und dazu abtanzen wollen.

Cooles Konzert von ihnen heute in der Fléche d'or! Spreche hiermit eine Liveempfehlung aus.



Das Gleiche gilt für die als Letzte auf das Publikum gehetzte Marnie Stern. Die Blondine gerierte sich nämlich als wahre Rampsensau, die nie den Fuß vom Gaspedal nahm, mathrockig und innovativ auf ihrer Gitarre spielte und sich die Seele aus dem Leib schrie. Richtig geil auch ihr Drummer. Der tätowierte Kerl vermöbelte sein Fell so brutal, daß es in den Ohren weh tat. Wahnsinn, wie der draufknallte! Aber er konnte nicht nur prügeln, sondern beherschte auch den abrubten Tempo-und Rhythmuswechsel auf dem Eff-Eff. Es war eine Freude ihm zuzuhören- und zu sehen. Der Bassist trat hingegen spielerisch etwas in den Hintergund, lieferte sich in den Pausen zwischen den Liedern aber immer wieder sehr komische Dialoge mit Marnie, die ihm, wenn sie nicht weiter wußte, einfach das Wort abschnitt: "Oh, shut up!"

Eine kesse Göre, diese Marnie, die bei allem was sie tat und sagte authentisch, natürlich und humorvoll rüberkam. Stilistisch erinnerte das Ganze an Hole (Courtney Love), aber auch Sleater-Kinney, Don Caballero oder The Mars Volta. Eine kunterbunte Mischung also, die nur eine Richtung kannte: nach vorne! Balladen? Fehlanzeige! Melodien? Musste man aus der Kakophonie raushören, aber es gab sie. Bestes Lied? Vielleicht For Ash? Dieses Stück blieb zumindest auf Anhieb im Ohr kleben und bestach erneut durch das völlig verrückte Schlagzeuspiel. Noch schriller war aber Nothing Left, in dem man Spurenelemente von Siouxsie and The Banshees und den Yeah Yeah Yeahs finden konnte. Mit 300 Sachen fetzte die Nummer durch die Flèche d'or und ich fragte mich, wie der Drummer ein solches Tempo halten konnte, ohne permanent die Drumsticks zu verlieren bzw. einen Tennisarm zu bekommen!

Etwa 45-50 Minuten lang wurde geküppelt und gerockt, was das Zeug hielt und das Publikum zeigte sich absolut angetan. Völlig überrascht von dem guten Empfang, war der Trommler nach dem letzten Lied schon von der Bühne gehüpft, wurde aber noch einmal zurückgepfiffen, weil noch eine nicht geplante Zugabe gespielt wurde. Er sprang also wieder auf die Stage und ließ es noch ein letztes Mal krachen. Ein hammerhartes Set!



Fotos und Setlisten gleich!

Achtung: Munch Munch heute live im Tsunmai in Köln, 10. Dezember 2010! Weitere Termine:

11.12.2010: Cafe Rocas, Luxemburg,
12.12.2010: Café Video, Ghent, Belgien





 

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