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Sonntag, 23. Oktober 2016

Jean-Michel Jarre, ISS Dome, Düsseldorf, 22.10.2016

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Konzert: Jean Michel Jarre
Ort: ISS Dome
Datum: 22.10.2016
Dauer: 105min
Zuschauer: ca.4.500


Weit reichen die Erinnerungen an Jean- Michel Jarre bei mir zurück. Wenn ich  mich heute an das  gruselige Cover der damaligen Polydor-Best of.. "Musik aus Zeit und Raum" erinnere, werden wohl einige wieder das Bild der jungen Dame mit einer Muschel am Ohr und Kabelsträngen um den Hals vor Augen haben. 

Das war 1983, und schon damals war Jarre ein Weltstar und seine meistverkauften Werke schon lange geschrieben. 68 Jahre ist er jetzt und wirkt auf der, zur Electri_City Konferenz in Düsseldorf angesetzten Talkrunde am Nachmittag, wie Mitte 40. 

Sportlich gekleidet, höflich und überhaupt nicht gelangweilt beantwortet er alle gestellten Fragen mit langen, zum Teil intimen Antworten. 80 Zuhörer hatten somit die einmalige Gelegenheit, mehr von der Arbeitsweise und den privaten Ansichten eines echten Stars aus erster Hand zu erfahren.

Eines ist jedenfalls sicher, Jarre war seiner Zeit weit voraus. Einer Zeit in der sich seine Musikform zu einem Jahrzehnte andauernden Massenphänomen entwickeln sollte.

Er formte einen der zwei wichtigsten Stränge der elektronischen Musik. Seine Wurzeln entstammen klar dem französischen Erbe von Debussy und der Romantik und setzen sich, inspiriert durch ihn, in den Werken von Air, Phoenix oder Daft Punk fort. Es ist die "weichere", organischere Seite der Elektronik. Der sanfte, ruhigere und melodische Moment steht im Vordergrund und unterscheidet sich somit stark von der rhythmischen und beatlastigeren Variante, die sich in Deutschland und England zum Erfolg entwickelte. 

Frühe Bands wie Kraftwerk oder in den letzen Jahren Apparat oder Mouse on Mars, sowie der gesamte Technobereich stehen dafür als Beispiele.



Jarre hat viele Alben in den letzten Jahrzehnten veröffentlicht, natürlich mit unterschiedlichem kreativen Output, aber lächerlich gemacht hat er sich nie. So war es auch kein Wunder, dass die Liste der prominenten Gäste auf seinen letzen beiden Alben mit Kollaborationen (Electronica 1 und 2) lang war.    

Die Bandbreite zwischen Julia Holter und Jeff Mills ist jedenfalls beeindruckend. Die Frage war, wie Jarre dieses Konzept auf der Bühne präsentieren würde.

Der erste Eindruck ist ernüchternd. Eine nicht mal im Unterrang vollständig gefüllte Halle lassen Zweifel aufkommen, ob das in die Jahre gekommene Publikum den aktuellen Projekten noch folgen kann. 

Jarre jedenfalls ist auch beim Konzert bester Laune, immer wieder wird er sein riesiges Pult mit diversen Tasteninstrumenten und analogen Keyboards verlassen um sich am Bühnenrand persönlich zu bedanken.

Die Bühnenshow ist erwartungsgemäß groß und mächtig. Hinter sich ständig verschiebenden, bis zur Hallendecke reichenden LED-Wänden begleiten zwei "Schlagzeuger" das Konzert mit diversen Effekten.

Leider bilden die Herren auch die große Schwachstelle der Show. Ist auf den oben genannten CD`s trotz der Menge und Vielfalt der Gäste fast immer Jarre`s analoger und einzigartiger Stil prägend, wird live leider zu sehr dem Zeitgeist aktueller DJ Shows gehuldigt.

Stampfende Beats sind nicht das wegweisende Stilmittel seiner Musik und zerstören  viele der magischen Momente, auf denen die leisen und melodiösen Tracks oft beruhen.

Manchmal, wie in dem das Publikum zum ersten Mal aus den Sitzen holende "Brick England" mit den Pet Shop Boys, gelingt dies auch mit den neuen Nummern, aber eben nur manchmal. 

Und so wirken die Klassiker, von denen hier erstaunlich wenige präsentiert werden, fast frischer aber zumindest innovativer, als das aktuelle Werk.

Es ist Jean Michel Jarre hoch anzurechnen, dass er in diesen großen Hallen den Zeitgeist nicht verschlafen will und seinen Fans keine Best-of Show bietet. Leider geht der Versuch hier leider nicht auf. Die Zeit hat ihn eingeholt. Einen weiteren Vorsprung wird er nicht bekommen.

Vieles ist trotzdem toll, besonders wenn zu erkennen ist, wie viel hier wirklich noch live gespielt wird und der Künstler eben kein wahllos sampelnder DJ ist, der nebenbei noch seine E-mails abruft.

Am Ende dann noch die große Überraschung. Zum 30.Jubiläum wird es eine weitere "Oxygene" CD geben, und einer der neuen Songs wird als Zugabe bereits präsentiert. Es ist ein toller Song, der genau die Elemente aus seinen Klassikern mit der Moderne verbindet. Ein organischer Sound, klar und doch verspielt, melodisch und doch vertrackt.   

Hier liegt die Zukunft für Jean-Michel Jarre, der mit Sicherheit freiwillig nie aufhören wird, Musik zu produzieren. "Die Musik ist überall, Regen am Fenster, ein flüchtiger Ton...alles ist Inspiration" sagte er am Nachmittag. Das ist sein Leben und sein Werk für die elektronische Musik. Er hat den Erfolg nicht vorhersehen können, aber er ist immer seinem Instinkt gefolgt.  

Dienstag, 3. November 2015

Apparat, New Fall Festival + ELECTRI_CITY Konferenz Düsseldorf, 29+30.10.2015

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Konzert: Apparat, New Fall Festival, ELECTRI_CITY Konferenz
Ort: Düsseldorf, Robert Schumann Saal, NRW Forum
Datum: 30.10.2015
Dauer: 80 min
Zuschauer: 800


Apparat, das musikalische Projekt von Sascha Ring gastierte im Rahmen des New Fall Festivals in Kooperation mit der gleichzeitig stattfindenden ELECTRI_CITY Konferenz im Robert-Schumann-Saal in Düsseldorf.

Die Konferenz besuchte ich am Nachmittag spontan, ich hielt sie nach kurzer Sichtung der Webseite für ein launiges Fantreffen mit nerdigem Charakter. Doch weit gefehlt: Hier waren echte Wissenschaftler am Werk, die vor größtenteils anderen Wissenschaftlern über ihre Arbeit am Projekt der Band Kraftwerk referierten. 


Das war spannend, teilweise lustig und vor allem interessant, kam es doch im Anschluss an jeden Vortrag doch noch zur Konfrontation mit langjährigen Fans, die es zum Beispiel gar nicht wissenschaftlich fanden, wenn man die Fanszene von Kraftwerk in Ermangelung anderer verwertbarer Quellen anhand von You-tube und Facebook-Kommentaren definieren wollte. 

Ein toll gelaunter und gut gekleideter Peter Hook (Joy Division, New Order) plauderte im Anschluss freizügig aus seinem bewegten Leben und wie es sich anfühlt, wenn der eigene Sohn auf der Bühne neben einem steht und genauso Bass spielt wie man selber früher. 


Danach gab er noch bereitwillig Autogramme und zeigte so gar keine Starallüren, die man vielleicht hätte erwarten können. Später lockerte sich bei Freibier und kleinen Snacks die Runde nochmals und bei einem von Klaus Fiehe geleiteten Podiumsgespräch wurde die Bedeutung von "Düsseldorf für die elektronische Musik" im allgemeinen beleuchtet. Hans Nieswandt und Thomas Venker plauderten locker mit dem Autor des Buches Electr_city (Rüdiger Esch) und der Produzentenlegende Mark Reeder über alte und neue Zeiten in der Musik. Ob dabei Düsseldorf wirklich einen größeren Einfluss hatte, außer das die KlingKlang Studios eben dort standen und Kraftwerk eigentlich überhaupt keinen Bezug zu den sonstigen Musikern der Stadt pflegten, blieb letztlich unklar.

Fakt ist aber, dass mit Apparat mit Sicherheit einer der interessantesten Künstler der aktuellen elektronischen Musik vertreten ist, jedoch die anderen Live-Acts der Konferenz (mit Heaven 17 und Michael Rother) mehr der geschichtlichen Aufarbeitung verschrieben waren. Apparat füllen mit ihrem Equipment die nicht gerade kleine Bühne des Saals fast vollständig. Dahinter eine ebenso imposante Leinwand die den ganzen Set über live produzierte Filme zeigen sollte. Diese wurden von einem imposanten Gebilde mit Monitoren und Kameras verfremdet und direkt an den Beamer weitergeleitet. 


Leider war es ansonsten auf der Bühne so dunkel, dass man diesen und viele andere Prozesse kaum verfolgen konnte. Das war umso bedauerlicher, da extrem viele Instrumente zum Einsatz kamen. Von Blockflöte bis zu Geige und Kontrabass war alles vertreten. In der Mitte Sascha Ring am Keyboard, mit Gitarre und selten auch mit Gesang. Das ganze beginnt mit sphärischen Stücken, noch ohne Bass und Beat, der Tourname "Soundtracks" scheint wirklich Programm zu sein. 


Nervig erweisen sich die Strobolichter auf dem Boden der Bühne, sie zielen leider genau in Augenhöhe in die bestuhlten Reihen und unterbrechen so leider oft den Genuss der Musik, da man sich halbblind abwenden muss. Die Stille und Ehrfurcht des Publikums ist etwas übertrieben, erst nach ca.45 Minuten bricht der erste Applaus los und die Musiker sind sichtlich erleichtert. Zum Ende des rechten kurzen Sets hin schwillt der Sound immer mehr an, jetzt werden die Stücke fast tanzbar, und durch jetzt eingesetzte Schlaginstrumente auch rhythmischer. Nach einer kurzen Zugabe ist dann auch schon das Ende erreicht, die Band verbeugt sich artig und tritt ab.


Eine Show wie diese zeigt wie innovativ deutsche Musik sein kann und daher ist es auch kein Wunder das Apparat damit in der ganzen Welt ausverkaufte Theater bespielen können. Im eigenen Land gilt man da eher noch als Exot, Nils Frahm teilt ein ähnliches "Schicksal". Genau dies war auch in der Talkrunde immer wieder Thema, egal ob Nirvana in Seattle oder Kraftwerk in Düsseldorf. Im eigenen Land haben es die Propheten immer schwerer.


Es bleibt ein tolles Konzept, teilweise ohne Eintritt bekam man viel Prominenz und geballtes Wissen auf der Konferenz geboten. Abends dann noch ausgewählte Künstler die nicht jede Woche in NRW zu bewundern sind. Eingebettet in das ohnehin sehenswerte New Fall Festival entsteht so in Düsseldorf hoffentlich eine neue "Düsseldorfer Schule".


 

Konzerttagebuch © 2010

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