Montag, 3. Juli 2017

Kraftwerk, Düsseldorf, 01.07.17


Konzert: Kraftwerk
Ort: Ehrenhof, Düsseldorf
Datum: 01.07.2017
Dauer: Kraftwerk gut 120 min, Air knapp 60 min
Zuschauer: 15.000 (ausverkauft)



Ob es schon einmal ein passenderes Konzert gegeben hat? Am Samstag startete die erste Etappe der diesjährigen Tour de France - der grand départ - in Düsseldorf. Die NRW-Landeshauptstadt war erst die vierte deutsche Stadt, in der die Tour startete (nach Köln, Frankfurt am Main und Berlin). Aus Düsseldorf stammt nicht nur die im Ausland bekannteste deutsche Band, die beiden Kraftwerk-Gründer Ralf Hütter und Florian Schneider sind auch selbst Radfanatiker und haben ihr letztes Studioalbum der Tour gewidmet. Wer auch immer zuerst auf die Idee kam (wenn überhaupt - es war ja zu naheliegend, um überhaupt darüber nachzudenken), Tour oder Kraftwerk, der brauchte keine Mühe. die andere Seite zu überzeugen.

Also spielten am Samstagabend Kraftwerk unmittelbar an der Etappen-Strecke große Teile ihrer Platte Tour de France, nachdem zweieinhalb Stunden vorher Chris Froome als letzter Starter des Zeitfahres keine zehn Meter an der Bühne vorbeigefahren war. Tour de France, Tour de France, Sport und Konzert - besser geht das nicht!

Düsseldorf hatte eine Million Zuschauer erwartet. Die erste Etappe, die für einen Prolog zu lang war, am Rhein und in der Innenstadt entlang und kam zweimal an der Tonhalle vorbei. Außer einen Catering, das weit entfernt von Weltklasse war (vermutlich waren die Lizenzgebühren astronomisch), war alles perfekt organisiert. Unsere persönliche Tour-Organisation war im Vorfeld kaum weniger anspruchsvoll gewesen. Natürlich mussten wir mit der Bahn in die Innenstadt kommen und bis Ende des Konzerts dort bleiben, da aber Dauerregen angesagt worden war und man ins Konzert weder Schirme noch Taschen größer als eine (große) Briefmarke mitnehmen durfte, erforderte es einiges Überlegen (Einwegschirme), wie wir den Tag trocken überstehen würden. 

Als wir auf den Ehrenhof kamen, war der Platz vor der Bühne noch recht leer. Der Abend war seit Wochen ausverkauft und vermutlich zwischenzeitlich noch einmal vergrößert worden. 15.000 Zuschauer wurden es schließlich - und damit das mit Abstand größte meiner bisherigen Kraftwerk-Konzerte, bei den letzten in Düsseldorf (in der Grabbehalle) waren 6.400. An acht Abenden zusammen.

An diesem Meta-Meta-Tag war natürlich auch eine passende Vorgruppe nötig. Also eine französische, gerne die bekannteste in Deutschland. Leider ist das nicht Indochine sondern Air. Air hatte ich 2016 beim Primavera gesehen, mit einem unvergessenen Auftritt. Unvergessen, weil sich neben mir eine Frau an ihren Freund anlehnte - und einschlief. Während Air. Vor 22 Uhr.


Ich fand das damalige Konzert auch nicht spannend. Trotz all der tollen Songs. Aber Festival und normales Konzert sind ja zweierlei Paar Schuhe, meine Air-Vorfreude war also ziemlich groß. Und wieder spielte die Band aus (Schönheitsfehler! Nicht Paris!) Versailles ganz viele große Hits - und wieder war es stinklangweilig. Der Indietratsch sagt, JB Dunckel und Nicolas Godin verstünden sich nicht mehr. Auf der Bühne wirkte es so. Die beiden kamen mit einem weiteren Keyboarder und einem Schlagzeuger auf die Bühne, alle mit weißen Hosen, hellen Shirts oder Strickjacken und sehr vielen Haaren. Optisch hätten die Franzosen auch die Tour 1972 (Sieger Eddy Merckx) eröffnen können.


Erstaunlicherweise waren die Instrumentalstücke des einstündigen Auftritts die spannendsten Lieder, Alpha beta gaga (das Pfeiflied) allen voran. Die Björn-Borg-Lookalikes beendeten ihr Set mit dem sehr schönen und langen La femme d'argent (die offenbar auch nicht viel redet). Auch Indie-Postambient kann sehr spannend sein, beweist der Song. Aber eine gute Live-Band sind Air trotzdem nicht. 

Und natürlich hätte es Air (wie auch Scooter, Daft Punk, Ladytron und all die anderen) ohne Kraftwerk nie gegeben.

Setlist Air, Tour de France, Düsseldorf:

01: Venus
02: Don't be light
03: Cherry blossom girl
04: Remember
05: Highschool lover
06: People in the city
07: Alpha beta gaga
08: How does it make you feel?
09: Kelly watch the stars
10: Sexy boy
11: La femme d'argent 

Kraftwerk habe ich seit 2013 oft gesehen. Wie der Abend sein würde, lag auf der Hand: um Punkt fünf nach neun auf die Bühen, dann erst Tour de France von A bis Z, danach ein ein-, anderthalbstündiges Best-Of. 


Es begann also um kurz vor neun mit Nummern und dem restlichen Computerwelt-Block (der glücklicherweise kleine Anteil Eventpublikum an den 15.000 wird Computerliebe für ein Coldplay-Cover gehalten haben). Neues außer dem Aufbau des Sets gab es bis dahin nicht. Aber auch die Obernerds, die alle Alben-Konzerte 2013 in Düsseldorf gesehen hatten, bekamen durch die andere Reihenfolge ein neues Konzert geboten.

Ach halt! Natürlich war etwas anders. Laut waren andere Kraftwerk-Abende auch schon, so viel Bass gab es aber bisher nie. Beim ersten Air-Stück war der Sound noch schlimm, danach aber schnell sehr gut. Bei Kraftwerk wummerten die Bässe direkt in den Bauch und blieben bis zum Schluß da. Vieles davon ist sicher unserem Platz ganz vorne geschuldet (zu verdanken eher). Aber da stehe ich meistens. Wir hatten uns vorher noch am Tour-Straßenrand über die körperlichen Erlebnisse eines My Bloody Valentine Konzerts unterhalten, das hier ging in die gleiche Richtung. Toll!



Nach Computerwelt folgte der Mensch-Maschinen-Block. Zentrales Stück (wegen des Videos) war dabei Spacelab, weil das UFO, das dort rumfliegt (das das Evoluon, ein ehemaliges Museum in Eindhoven ist), neben der Tonhalle landete - vor dem Kraftwerk-TdF-Banner, wundervoll!


Nach dem düsseldorfsten Kraftwerk-Lied Das Model spielte die Band die siebenminütige Kurzversion Autobahn, wie meist bei Best-Of-Konzerten als einziges Stück vom 74er Album. Nach einer knappen Stunde war das Vorprogramm beendet und der TdF-Teil begann. Ich tue mich ein wenig schwer, noch zusammenzubekommen, welche Etappen gespielt wurden. Es begann mit dem letzten Lied der 2003er Platte, also der 1983 aufgenommenen Version, danach kam Etape 1, später Etape 3, 2 habe ich nicht erkannt oder vergessen, dann wohl ein wenig Chrono, bevor La forme (schön!) und Vitamin das halbstündige Kernstück des Konzertes abschlossen. 


Danach ging es mit dem Katalog weiter - Radioaktivität (mit Nachrichten, vielleicht auch Sendepause, - wer will das kontrollieren? - Geigerzähler, bei dem es rhythmisches Klatschen gab! Bei Geigerzähler! Hätten Kraftwerk das gewollt, hätten sie es programmiert! Und mit dem Titelsong in der Fukushima-Version), anschließend Trans Europa Express, auch passend zur Tour, die an den ersten drei Tagen durch vier Länder führte. Abzug beendete Ralf Hütter mit "wir sind in Düsseldorf City und treffen Iggy Pop und David Bowie" (oder so). 


Danach ging die Band von der Bühne - arg früh. Sie kam auch zunächst nicht wieder. Stattdessen schoben Helfer die vier Roboter auf die Bühne, um Roboter zu spielen. Meta-Tag - wenn schon, dann auch richtig! Auf der Bühne tanzende Roboter klingt zwar nach ESC oder Puppentheater im Phantasialand, ist bei Kraftwerk aber fantastisch!

Eines der zentralen Tour de France Lieder fehlte noch und musste gerade am Tag eines Einzeitfahrens gespielt werden (#meta): Aéro Dynamik. Auch das eines der vielen besten Lieder des Konzerts!

Die Platte, mit der ich Kraftwerk damals richtig kennengelernt habe, beendete den Abend: der Schluß ist meist der Dreier Boing boom tschak, Techno pop und Musique non-stop. Beim letzten Lied verabschieden sich die drei Musiker und Videokünstler Falk Grieffenhagen nacheinander. Ralf Hütter ging mit mit "Gute Nacht, auf Wiedersehen, bei der Tour de France Düsseldorf - Paris!"


Setlist Kraftwerk, Tour de France, Düsseldorf:

01: Nummern
02: Computerwelt
03: It's more fun to compute
04: Heimcomputer
05: Computerliebe
06: The man machine
07: Spacelab
08: Das Model
09: Autobahn
10: Tour de France*
11: Tour de France (Etape 1)*
12: Tour de France (Etape 3)*
13: Chrono*
14: La forme*
15: Vitamin*
16: Nachrichten
17: Geigerzähler
18: Radioaktivität (Fukushima Version)
19: Trans Europa Express
20: Metall auf Metall
21: Abzug

22: Die Roboter (ohne Band) (Z)
23: Aéro Dynamik (Z)
24: Boing boom tschak (Z)
25: Techno pop (Z)
25: Musique non-stop (Z)

Links:

- aus unserem Katalog:
- Kraftwerk, Essen, 20.11.15
-
Kraftwerk, Wien, 17.05.14
- Kraftwerk, Wien, 16.05.14
- Kraftwerk, Eindhoven, 18.10.13
- Kraftwerk, Düsseldorf, 20.01.13
- Kraftwerk, Düsseldorf, 19.01.13
- Kraftwerk, Düsseldorf, 18.01.13
- Kraftwerk, Düsseldorf, 17.01.13
- Kraftwerk, Düsseldorf, 16.01.13
- Kraftwerk, Düsseldorf, 13.01.13
- Kraftwerk, Düsseldorf, 12.01.13
- Kraftwerk, Düsseldorf, 11.01.13  
- Air, Dublin, 23.02.10 

* so habe ich es rausgehört. Etape 1 war sehr kurz.

Foto oben: Archiv.




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