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Dienstag, 15. März 2011

Beady Eye, Köln, 14.03.11

1 Kommentare

Konzert: Beady Eye
Ort: Ewerk, Köln
Datum: 14.03.2011
Zuschauer: ausverkauft


Zweiter Aufguss: Beady Eye in Köln
von Ursula von neulich als ich dachte

Einige leidenschaftliche Oasis-Fans erinnern mich daran, wie ich mir manche Fußballfans vorstelle: Statt des Fanschals trägt man ein Seidentuch, statt der Mannschaftsfahne einen Union Jack und statt Fangesängen grölt man „Wonderwall“ oder „Don’t look back in anger“ - selbstverständlich, nachdem man ausführlich vorgeglüht hat. Anders ist allein die England-Leidenschaft dieser Musik-Ultras (es gibt ja tatsächlich Oasis-Ultras): Sie tragen Fred Perry mit Parka oder irgendetwas Mod-mäßiges. Im Endeffekt sind sie aber meist nur dumme Deutsche, die lieber dumme Engländer wären.

So weit, so egal. Sollen sie doch ihren Spaß haben. Aber als wir uns anlässlich des Geburtstags meines Freundes (Oasis-Fan, Fußballfan, grölt trotzdem nur ganz selten) gestern Abend dem Kölner E-Werk näherten, wo ein Auftritt von Liam Gallaghers neuer Band Beady Eye stattfinden sollte, und wo bereits reichlich Fans nach dem Strickmuster des ersten Absatzes vorhanden waren, lag auch die Frage nahe: Sind diese Fans überhaupt am richtigen Ort? Wer weiß, vielleicht zieht der gute Liam ja gleich wieder ab, wenn er hört, wie hier die Songs seines verhassten Bruders gebrüllt werden?

Und wie ist das aus Fan-Sicht: Kann und darf man die aufgelöste Lieblingsband einfach so durch das Nachfolgeprojekt ersetzen? Obwohl das zunächst einzige Konzert der Band in Deutschland praktisch sofort ausverkauft war und Karten auf Ebay für bis zu 80 Euro die Besitzer wechselten, hatte es in den Tagen vor dem Auftritt einen rapiden Preisverfall gegeben, und wir hatten unsere Tickets eher zum „zwei für eins“-Tarif ergattert. Wollten die Deutschen nun Beady Eye unbedingt sehen oder nicht?

Los ging der Konzertabend aber mit jemand anderem, der mit einer anderen Band bekannt wurde: Die Vorband war Steve Cradock, Mitglied von Ocean Colour Scene und der Liveband von Paul Weller, außerdem Kumpel von Liam Gallagher (mit dem zusammen er „Carnation“ auf The Jam-Tribute Sampler aufgenommen hat). Er spielte Songs aus seinem demnächst erscheinenden zweiten Soloalbum sowie seiner ersten Platte „The Kundalini Target“ und zeigte, warum er als einer der besten Gitarristen Englands gilt, aber in einer solchen Liste über Sänger absolut fehl am Platze wäre. Gesanglich eher noch schwächer zeigte sich seine Frau an den Keyboards.

Dann war Herr Cradock auch schon wieder weg, und wir konnten durchaus angenehme „Wartemusik“ von den Beatles, The Who, The La’s und so weiter genießen. Sicher nicht zufällig kamen Beady Eye dann nach den letzten Tönen von „I am the Resurrection“ von den Stone Roses auf die Bühne, und das Konzert begann – wie früher auch bei Oasis üblich – mit einem Instrumentalstück.

Neben Liam Gallagher besteht Beady Eye aus den Oasis-Veteranen Gem Archer (Gitarre) und Andy Bell (Bass, Gitarre). Ergänzt wurden sie durch Chris Sharrock am Schlagzeug, live werden sie von Jeff Wootton und Matt Jones an Bass und Keyboards unterstützt.

Wie alle relativ neuen Bands haben Beady Eye bei ihrem Liveset nicht die Qual der Titelauswahl: Bis auf „Wigwam“ spielen sie einfach alle 13 Titel ihres Albums, dazu die beiden iTunes-Bonus Tracks („Man of Misery“und “Sons of the Stage“). Hinter der Band werden teils Bilder und Textauasschnitte aus dem schön gestalteten CD-Booklet, teils Lavalampenmuster an die Wand projiziert. Das Konzert dauert alles in allem etwa eine Stunde, und als Zugabe gibt es die Coverversion „Sons of the Stage“ von World of Twist - wer auch immer das sein mag.

Die Lieder klingen allesamt wie nicht wirklich schlechte, aber auch nicht sonderlich tolle Oasis- beziehungsweise auch gleich Beatles-Songs, und die Aufmerksamkeit des Publikums konzentriert sich auch wie früher – neue Band hin oder her – komplett auf Liam. Dieser verhält sich etwas freundlicher, aber grundsätzlich nicht wesentlich anders als zu Oasis-Zeiten: Die Helmfrisur sitzt, ebenso der Parka, den man aus Coolnessgründen natürlich nicht ablegen kann, auch wenn sich bereits außen die Schweißflecken absetzen - im Gegenteil setzt man in so einer Situation auch noch die Kapuze auf. Die Posen, nämlich das Singen in gebückter Haltung mit auf dem Rücken verschränkten Händen, das Ablaufen der Bühne und das regungslose am-Bühnenrand-stehen: Im Grunde könnten wir auch bei Oasis sein, nur wäre dann ein weiterer Gallagher auf der Bühne und die Songs besser.

Und das Publikum wäre enthusiastischer, denn irgendwie lässt die Begeisterung um uns herum im Laufe des Abends stark nach. Es gibt zwar Grölgesänge mit „Beady Fucking Eye“, aber der allgemeine Applaus wird von Lied zu Lied leiser, und das Zugabengebrüll ist schließlich so zaghaft, dass wir uns über die Rückkehr der Band regelrecht wundern. Letztlich bleibt als Nachgeschmack, dass eine Band mit nur einem Gallagher eben auch nur halb so gut ist. Maximal.

Setlist Beady Eye, Ewerk, Köln:

01: Four Letter Word
02: Beatles and Stones
03: Millionaire
04: For Anyone
05: The Roller
06: Wind Up Dream
07: Bring the Light
08: Standing on the Edge of the Noise
09: Kill for a Dream
10: Three Ring Circus
11: Man of Misery
12: The Beat Goes On
13: The Morning Son

14: Sons of the Stage (World of Twist Cover) (Z)

Links:

- Beady Eye bei Pretty Paracetamol
- Oasis (Auflösung), Paris, 28.08.09
- Oasis, Düsseldorf, 04.02.09
- Oasis, Paris, 10.11.08
- Fotos von Dirk von Platten vor Gericht


Freitag, 27. Februar 2009

Amy MacDonald, Bochum, 26.02.09

7 Kommentare

Konzert: Amy MacDonald
Ort: Jahrhunderthalle, Bochum
Datum: 26.02.2009
Zuschauer: 5.000 (?) ausverkauft
Dauer: 70 min


Irgendwie ist Amy MacDonald so etwas wie ein Patenkind unseres Blogs. Wir hatten die junge Schottin bei ihrem ersten Konzert in Deutschland gesehen, als Vorgruppe von Paul Weller in Frankfurt, und seitdem durch immer größer werdende Hallen begleitet. Mittlerweile hat Amys Debütalbum in Deutschland Dreifach-Platin erreicht. Das Schicksal, bei Thomas Gottschalk und Wetten Dass aufzutreten, ist ihr scheinbar bisher erspart geblieben, das - und der Sprung in der nächsten Hallengröße (Kölnarena) sind aber nur eine Frage der Zeit. Am vergangenen Samstag folgte dann bei einer schrecklichen Gala der Echo als erfolgreichster Nachwuchskünstler International, bei dem sich Amy gegen Duffy, Leona Lewis, Gabriella Cilmi und die Zisterzienser Mönche durchsetzte.

Eine ungewöhnlich Karriere für Vorgruppen, über die wir hier berichten...

Der Auftritt in Bochum war Teil einer Kurztour durch deutsche B-Städte (neben Bremen noch Dresden, Stuttgart und Bremen).

In der Jahrhunderthalle hatte ich bisher keine Konzerte gesehen, ich reiße mich auch nicht schrecklich um Veranstaltungen im Ruhrgebiet, weil die meist für mich durch unkalkulierbare Staus nur mit vielem Fluchen und Schlägen aufs Lenkrad zu erreichen sind. Bis Essen lief es blendend, dann allerdings, zehn Minuten bevor ich die Reportage über die spannenden Bauarbeiten auf der A 40 aus Sicht eines Abschnittverantwortlichen bei 1live hörte, stand ich mitten in seinem Projekt im Stau. Der Plan, um 19 Uhr an der Halle zu sein, war dahin. Nach guten 30 Minuten Stop and Go, abgesperrten Hallenparkplätzen und einem Spaziergang durch den vermutlich nicht schönsten Teil Bochums, hörte ich dann an der Jahrhunderthalle angekommen Livemusik aus dem Innern des Gebäudes.

Leider war das schon die "Vorgruppe", auf die ich mich gefreut hatte, nämlich Steve Cradock, der Gitarrist von Ocean Colour Scene, der sein Soloalbum vorstellte. Ich bekam leider nur noch (von außen) das letzte Lied mit, das (so) gut klang.

Die Jahrhunderthalle ist ein unbestritten eindrucksvoller Bau, für Konzerte allerdings ein wenig unhandlich. Man geht nämlich durch eine schmale Tür in den Innenraum und steht dann vor einer Wand von Leuten. Die Tür befindet sich auf der Seite des Zuschauer, etwa in der Mitte der Halle. Wenn es also schon voll ist, geht
man durch diesen Eingang, steht vor den Menschenmassen und geht dann immer weiter nach rechts, weg von der Bühne, um irgendwo (das müsste schon Gelsenkirchen sein), einen freien Platz zu bekommen. Ein Palladium in Schlimm.

Moke aus Amsterdam waren zweite Band des Abends. Ich kannte die Holländer bisher nur dem Namen nach, hatte aber wissentlich kein Lied von ihnen gehört. Moke sind fünf Musiker, zwei Gitarristen, ein Keyboarder, ein Bassist und ein Schlagzeuger. Ihre Musik wird dem Britpop zugerechnet. Dem kann ich nicht richtig zustimmen nach einmaligem Hören. Bis auf ein ziemlich langweiliges Lied am Ende (The long way) gefielen mir die Stücke ganz gut, sie klangen aber eher nach Bands wie Keane als nach Oasis
oder deren Kumpels. Last Chance und Here comes the summer gefielen mir aus ihrem Set am besten. Aber richtig reinhören konnte ich mich nicht, weil Moke plötzlich schon fertig waren, nach gerade mal einer knackigen halben Stunde.

Knackig ist ein gutes Stichwort für einiges: zum einen habe ich selten ein so, nun, interessantes Publikum erlebt. Als braver Indiekonzertgänger sieht man ja immer nur gleiche Zuschauerschaften. Zu einem Radio-, Echo- und Weltstar (to come) gehen aber ganz andere Gruppen. Neben ein paar typischen Indiemädchen war so ziemlich alles an Leuten vertreten, was ein typischer Bevölkerungsquerschnitt des Ruhrgebiets hergibt. Von engumklammerten Pärchen über Mütter mit kleinen Kindern, älteren Ehepaare, sehr viel älteren Männer bis zu Frauentauschteilnehmern habe ich alles gesehen.

Zum anderen war auch der Zeitplan sehr zackig. Der Umbau zwischen Moke und Amy MacDonald dauerte gute zwanzig Minuten. Das wünscht man sich öfter. Auf großen Schnickschnack hatte die Schottin aber auch verzichtet. Es gab keine lästige
Bühnendeko, sondern war auf die Dinge beschränkt, die zum Musizieren gebraucht wurden.

Amy hatte die gleichen Bandmitglieder wie im Oktober in Köln dabei. Wir haben hinterher bedauernd festgestellt, daß die Zeiten, die Sängerin von ihrer stärksten Seite, nämlich alleine mit Gitarre zu sehen, vorbei sind und nicht mehr wiederkommen werden. So etwas wie den überragenden akustischen Auftritt mit gleichem Material vor Paul Weller wird es wohl nicht mehr geben. Durch die Band klingt die Musik der Glaswegian sehr nach den Versionen der Lieder, die auf ihrer Debütplatte zu finden sind. Der Unterschied zwischen der sehr popigen Plattenproduktion und Amy live ist ihre deutlich tiefere Stimme, die für mich die "Live-Amy" viel reizvoller macht als die auf Platte. Aber der Rest gleicht sich an, eine Entwicklung, die natürlich wegen
des überragenden Erfolgs vollkommen nachvollziehbar ist. Ein Konzert wie die akustischen Aufnahmen, die es gibt, hätte vermutlich 95% der Besucher verstört. Mir gefiel es trotzdem, ich trauere den ersten Auftritten, die ich gesehen habe (auch der im Glasgower Barrowland Ballroom war noch eine Ecke roher) nicht nach, sondern bin froh, daß ich die erlebt habe.

Amy hatte ein schwarzes Kleid mit bunten Drei- und Vierecken und hohe Lackschuhe an. Und ihren Verlobungsring! Denn die Sängerin ist seit einiger Zeit mit dem englischen Fußballer Steve Lovell (28) vom schottischen Erstligisten Falkirk F.C. liiert. Das ist daher so spektakulär, weil Amy ja ein Lied über die in England noch viel ekligeren F-Prominenten geschrieben hat (Footballer's wife). Wenn man aber die Natürlichkeit der jungen Schottin auf der Bühne erlebt, erscheint dieser Widerspruch nur oberflächlich zu bestehen, sie wirkt nämlich so
bodenständig, wie es die WAGs, die Frauen und Freundinnen der englischen Glamour-Fußballer, vermutlich schon als Kind nicht waren. Ich schweife ein wenig ab.

Mit einem ihrer besten Lieder startete das siebzigminütige Konzert, mit dem fabelhaften Poison Prince (da fällt mir ein, daß schon wieder ein Babyshambles Konzert abgesagt worden ist). Die Setlist war
etwa die vom Palladium im Herbst, bis auf einige kleine Verschiebungen. Im Stau stehend hatte ich bei 1live schon gehört, daß es ein Killers- und ein Springsteen-Cover geben würde. Die Überraschung war damit weg, ich wußte also, daß Amy Mr. Brightside und Dancing in the dark spielen würde. Ihre Version des Killers-Hits kam früh und war wieder sehr schön. Dancing in the dark, einer der unbestrittenen Höhepunkte des Abends kam dann als Teil der Zugaben.

Neben den Coversongs spielte die Band wieder die beiden neuen Lieder The next big thing und Troubled soul. Das letzte hatte es mir schon in Köln angetan, The next big thing mochte ich heute schon mehr als im ollen Palladium. Ich frage mich immer bei Künstlern, die die Songs ihres Debüts über viele Jahre geschrieben haben (Amy erzählt immer, daß Youth of today in frühster Jugend entstanden sei; in Bochum
erzählte sie This is the life habe sie mit 16 oder 17 geschrieben), ob sie auch für Nachfolgeplatten noch gute Songs schreiben können. Wenn diese beiden neuen wirklich Produkt des letzten Jahres sind, dann kann Amy das!

Mein Liebling war diesmal wohl The road to home. Sie hat auch irgendetwas dazu erzählt, das aber weitestgehend unverständlich war, und diesmal nicht aufgrund des starken Glaswegian Akzents der Sängerin, sondern wegen des "ekstatischen" Publikums. Sobald Amy ansetzte, etwas zu erzählen, brüllte einige der Leute irre laut "Amy!" Zugegeben, das war originell. Aber leider hörte man dadurch nicht, was die Sängerin erzählen wollte. Anfangs kommentierte sie dies auch noch damit, daß sie eine Geschichte erzählen wolle (vor Barrowland Ballroom; irgendwas mit Bono, dem Nobelpreisträger).
The next big thing dagegen wurde regelrecht totgeklatscht. Dummerweise verleitete das Schlagzeug am Anfang des Stücks die Leute dazu, rhythmusähnlich zu klatschen - in einer Lautstärke, die Bochum vermutlich bislang nur bei der letzten Meisterschaft des VFL erlebt hat. Leider führte das dazu, daß das neue Lied anfangs kaum zu hören war. Aber ich will nicht spießig wirken (doch, will ich doch!).

Nach Run (Konzerttagebuch Wissen: dem Lieblings-Amy-Lied von Paul Weller und Steve Cradock) war Schluß. Schluß vor den Zugaben, denn die gab es natürlich.

Dazu erschien Amy erst alleine und spielte Dancing in the dark und zeigte dabei all ihre Stärken. Ihre Version war wieder fabelhaft und eine echte Liebeserklärung an dieses
großartige Stück! Die Hommage an ihre schottische Heimat, Caledonia, fehlte leider heute in den Zugaben! Dafür gab es wie erwähnt noch Troubled soul, eine wirklich sehr schöne Ballade und zum Abschluß Let's start a band.

Unsere Vorhersagen bei Amy waren bisher alle richtig (das war auch nicht furchtbar schwer), heute bin ich sicher, daß die Schottin nicht mehr lange in so kleinem Rahmen spielen wird. Nächste Station Kölnarena. 2010 spätestens. Und unser Patenkind hat das vollkommen verdient!

Setlist Amy MacDonald, Jahrhunderthalle Bochum:

01: Poison Prince
02: L.A.
03: Youth of today
04: Barrowland Ballroom
05: Footballer's wife
06: Mr. Brightside (The Killers Cover)
07: A wish for something more
08: Mr. Rock & Roll
09: The next big thing (neu)
10: This is the life
11: The road to home
12: Run

13: Dancing in the dark (Bruce Springsteen Cover) (Z)
14: Troubled soul (neu) (Z)
15: Let's start a band (Z)

Links:

- Amy MacDonald im Palladium im Herbst 2008
- und ihr legendärer Auftritt im Barrowland Ballroom in Glasgow 2007
- Amy MacDonalds erstes Konzert in Deutschland
- und im Gebäude 9 in Köln


Nächste Termine:

30.03.2009: L’Oympia, Paris
31.03.2009: L’Oympia, Paris
03.07.2009: Rock Werchter
04.07.2009: Nibe Festival, Skalskoven
13.07.2009: Live at Sunset, Zürich
22.08.2009: Uelzen Open Air



Montag, 17. September 2007

Paul Weller & Steve Cradock, Frankfurt, 16.09.07

3 Kommentare

Konzert: Paul Weller & Steve Cradock
Ort: Mousonturm, Frankfurt
Datum: 16.09.2007
Zuschauer: voll


Meine letzte Begegnung mit einer Art Mod hatte ich am Samstag, als mir ein Roller fast ins Auto gefahren wäre. Der Fahrer war aber vermutlich noch nicht geboren, als Modfather Paul Weller seine Band The Jam schon wieder aufgelöst hatte und hätte daher gar nicht mitbekommen, wie symbolhaft das für mich gewesen wäre, wenn er mir unbeleuchtet ins Auto gerast wäre.

Dafür, daß eine der Hauptpersonen des Mod-Revivals der späten 70er Jahre auftreten sollte, liefen rund um den Mousonturm in Frankfurt verblüffend wenig Leute im Parka rum. Aber bei einigen Koteletten und T-Shirts sah man schon, daß viele alte Fans der Britpop-Legende da waren.

Bevor Paul mit Unterstützer Steve Cradock seinen akustischen Abend begann, trat eine junge Frau auf, passend zum Abend auch nur mit einer Gitarre ausgestattet. Ich hatte vorher gelesen, daß sie Amy MacDonald* heiße, kannte aber keines ihrer Lieder. Amy kommt aus Glasgow und hatte den Saal nach den ersten Takten für sich
gewonnen. Es waren zwar ein paar Fans von ihr da (insgesamt waren es einige Briten, die nah an der Bühne standen), der Rest des Publikums kannte die Schottin aber sicher nicht. Ihre großartigen Lieder und nicht zuletzt ihre wundervolle, sehr tiefe Stimme fesselten aber alle so sehr, daß es tosenden Applaus nach jedem Stück gab.

Die 20 Jahre (!) alte Schottin kam über ihre Liebe zu Travis, den Libertines und Babyshambles dazu, selbst Musik zu machen. Ihr Debüt-Album (das ich mir heute bestelle**), erschien im Juli, es folgten im Sommer Auftritte unter anderem in Glastonbury, beim V Festival und bei T in the Park. Eines
ihrer Lieder ist dem Barrowland Ballroom in Glasgow gewidmet, einer Veranstaltungsort, in dem Amy einmal auftreten will. Ich habe keinen Zweifel, daß sie das sehr bald tun wird, der kurze Auftritt gestern war schlicht sensationell, Amys Lieder sind wunderbar und so voller Talent!

Eines ihrer Stücke ("Poison prince") widmete sie ihrem musikalischen Vorbild Pete Doherty ("I tell you this my poison prince, you'll soon be knocking on heavens door").

Setlist Amy MacDonald Frankfurt:


01: This is the life
02: Poison prince
03: Footballer's wife
04: Mr Rock and Roll
05: The youth of today
06: Mr Brightside
07: Run


Nachdem der überschaubare Bühnenaufbau von Amy abgeräumt war, stellten die beiden nach Zwillingen aussehenden Roadies das hin, was jeder bei einem akustischen Abend erwartet hatte: zwei Barhocker, zwei Notenständer und zwei Mikros. Steve Cradock bekam zusätzlich eine Packung Zigaretten hingelegt!

Cradock, Gitarrist von Ocean Colour Scene, der schon häufiger mit Paul Weller zusammengearbeitet hat, begleitet ihn auf der akustischen Tour. Ich vermute, es hat mit Wellers Wertschätzung Cradock gegenüber zu tun, daß beide Namen im Titel der Veranstaltung auftauchen.

Vor begeistertem Publikum nahmen die beiden auf ihren Hockern Platz
(rechts und links auf der Bühne, auch hier keine erkennbare Hierarchie), rückten die Pappbecher mit Rotwein zurecht und begannen. Den Auftakt bildete "All on a misty morning" von "As is now" von 2005. Für mich war das das erste Paul Weller Konzert, daher kann ich nicht vergleichen, nicht enttäuscht sein, weil die Lieder sonst live anders klingen. Ich war fasziniert von Pauls sehr eindringlicher, souliger Stimme. Dazu kam das perfekt zusammenpassende Gitarrenspiel der beiden. Steve Cradock saß direkt vor mir. Ihn beim Spielen zuzusehen, war wirklich fesselnd, besonders dann, wenn er hoch konzentriert auf einer zwölfsaitigen Gitarre spielte.

Der erste Teil des Konzerts bestand ausschließlich aus Liedern von Pauls Soloplatten (dabei war "Lite nites" vermutlich neu). Und es war wirklich wundervoll, was der grauhaarige Mann mit der lustigen Frisur da hinlegte. Die beiden Musiker ließen sich auch nur selten aus der Ruhe bringen. Einmal mußte Weller während eines Lieds lächeln, als eine Frau in meiner Nähe Seifenblasen auf die Bühne pustete - eine herrliche Idee! Schon Amy MacDonald hatte das mit einem
Lachen registriert. Ab und zu reagierte Paul auf Zurufe des englischen Teils des Publikums.

"Pan" und "Wings of speed" spielten Weller & Cradock dann auf Keyboard (Cradock) und Klavier (Weller), die im Hintergrund standen und vorher nicht weiter aufgefallen waren.

Ein besonderer Höhepunkt war kurz später "Ghosts", daß Paul Weller wohl lange
nicht mehr gespielt hatte und das wahnsinnig gut ankam. Ähnlich räumte gegen Ende des regulären Teils "English rose" ab, begleitet von nach vorne fliegenden Rosen. Für den Rest des Programms verließ ich meinen Platz ganz vorne, weil es da mittlerweile unerträglich heiß war. Später, als ich dann wieder die Chance hatte, echte Luft zu atmen, bemerkte ich, wei unglaublich schlecht die Luft drinnen war. Es war heiß, stickig, roch eklig, es war, als ginge man durch verschiedene stinkende, schwere Vorhänge auf dem Weg Richtung Bühne. Einen tollen Konzertsaal haben die Frankfurter da, dann an der Lüftung zu sparen, ist allerdings fies.

Im etwas kühleren hinteren Teil bekam ich dann noch "Shadow of the sun" als Abschlußlied mit. Nach kurzer Pause kamen die beiden Musiker aber natürlich
zurück, um insgesamt sechs Zugaben zu spielen, u.a. Wellers großartiges "You do something to me", "Down in the Seine" aus der Style Council Zeit, "Out of the sinking" und als Abschluß "Sweet pea, my sweet pea".

Ich bin sehr froh, mit Weller endlich eine der ganz großen Musikerlegenden einmal live gesehen zu haben. Auch wenn ein akustisches Konzert sicher Weller für Fortgeschrittene ist, war es ein tolles Erlebnis. Zu dem tollen Gesamteindruck trug aber auch Amy MacDonald kräftig bei, die ein ganz toller Support war!

Setlist Paul Weller Frankfurt:

01: All on a misty morning
02: Into tomorrow
03: Who brings joy
04: Lite nites (wohl neu)
05: Oranges and rosewater
06: Amongst butterflies
07: Black is the colour
08: Pan
09: Wings of speed
10: Foot of the mountain
11: Ghosts (The Jam)
12: Roll along summer
13: I wanna make it alright
14: Let it be me (Gilbert Bécaud bzw. Jill Corey Cover)

15: English rose (The Jam)
16: Shadow of the sun

17: You do something to me (Z)
18: Down in the Seine (Z) (Style Council)
19: Hung up (Z)
20: Wishing on a star (Z)
21: Out of the sinking (Z)
22: Sweet pea, my sweet pea (Z)

Links:

- mehr Fotos


* der Mousonturm hatte sie als Amy McDonald angekündigt
** falsch: "gekauft habe" muß es heißen


 

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