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Montag, 7. April 2014

John Lennon McCullagh, Schorndorf, 05.04.2014

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Konzert: John Lennon McCullagh
Ort: Club Manufaktur
Datum: 05.04.2014
Dauer: 57 Minuten
Zuschauer: 35-40

 

„Ich muss jetzt ins Bett“, sagt der unscheinbare Jugendliche im blau-grauen Hemd. John Lennon McCullagh, vielversprechende Hoffnung des englischen Folks, wirkt abseits der Bühne ein wenig unsicher, ist ganz der 16-jährige Junge aus einer Kleinstadt in der Nähe von Manchester, dem es schwerfällt mit dem Ansturm einer euphorischen Mädchen-Clique, durchweg ein, zwei Jahre älter als er selbst, umzugehen. Wird einem das Alter nun mit großer Wucht offenbar, konnte man in der Stunde zuvor nur staunen über die reife Stimme, das präzise Fingerpicking und die Güte der Songs und sich ungläubig die Augen reiben. 
 Jungspunde, die mit ihrer authentisch-leidenschaftlichen Rückbesinnung auf die Musik der ersten beiden Popjahrzehnte Aufsehen erregen, werden in den letzten zwei bis drei Jahren vermehrt an die Wahrnehmungsoberfläche der einschlägigen Medien und Konzertgänger gespült. Den Anfang machte der als Folk-Wunderkind gefeierte und hin und wieder liebevoll bis spöttisch als „pretentious little fucker“ betitelte Jake Bugg, bevor The Strypes aus Irland mit ihrer 50er Rock’n’Roll-Show folgten. 

Entdeckt vom Oasis-Guru, Creations-Co-Gründer und Libertines-Wegbereiter Alan McGee, hätte John Lennon McCullagh folglich vom Bugg-Epigonen bis zum wirklich interessanten Act alles sein können. Einerseits ist McGees Lebenswerk schließlich unbestritten, andererseits hat er in den letzten Jahren massiv an Relevanz eingebüßt, sodass es durchaus denkbar war, dass der erste, bei seinem neu gegründeten Label 359 Music unter Vertrag stehende Künstler, den Versuch darstellte, ein wenig Profit aus dem Hype um Jake Bugg zu schlagen, erst recht, wenn sein Schützling einen Namen mit derart ausgeprägter pophistorischer Referenz hat. 
Zudem meist mit Bob Dylan verglichen, braucht John Lennon McCullagh, nicht einmal zwei Songs, um das postulierte Epigonentum aufzubrechen. Natürlich assoziiert man bei Folksongs mit Akustikgitarre und Mundharmonika rasch Nummern aus dem Frühwerk Dylans, doch ist es gänzlich unmöglich das lyrische Schaffen sinnvoll miteinander zu vergleichen. McCullagh ist jung und ambitioniert, sicherlich bibelfest in Sachen Dylan, doch bietet schon die Eröffnung mit „She’s Calling Me“ einen weiteren, offensichtlicheren Einfluss an. Ebenso wie „Towerland Lullaby“, das im direkten Anschluss folgt, ist der Song im Britpop-Muster verankert, reinstes Noel-Gallagher-Songwriting, das sich am signifikantesten in den Passagen zeigt, die ganz ohne Mundharmonika auskommen. 

„Cheers, thank you, thank you“, der Teenager bedankt sich artig. An runden Tischen sitzen nicht einmal 40 Zuschauer in der zum Großteil hinter schwarzen Tüchern verhängten Manufaktur, vor der eigentlichen Bühne steht McCullagh auf einem kleineren Provisorium und wechselt zwischen seinen zahlreichen Mundharmonikas. Die Folk-Café-Atmosphäre scheint ihn zu inspirieren, auch wenn der schöne Schorndorfer Provinz-Club sicher nicht das New Yorker Gaslight Café der 60er ist. Dass so wenige Leute da sind, scheint ihn nicht zu kümmern. Das in der Brotfabrik in Frankfurt angesetzte Konzert wenige Tage zuvor wurde abgesagt, das in Berlin am Folgetag von der Kantine am Berghain in den kleineren Privatclub verlegt. Zumindest was die Besucherzahlen angeht, läuft die erste Deutschland-Tournee des Nordengländers schleppend. Ein negatives Wort darüber fällt nicht, vielmehr scheint er denjenigen, die ihn sehen wollen, äußerst dankbar zu sein. Mit dem breiten Northern Accent des jüngeren Gallaghers lobt er die „crowds“ in Kontinentaleuropa und besonders in Deutschland. Einen Moment fragt man sich, ob McCullagh seine Fähigkeiten als Zyniker übt, lässt sich dann jedoch vom lausbubenhaften Lächeln eines Besseren belehren. 


Vor wenigen Monaten von Billy Bragg gepriesen, steht „North South Divide“, die erste Single, dessen Haltung in nichts nach. Ein 16-Jähriger bezieht klar politisch Stellung, allein das ist schon etwas, das ihn vor seinen Kollegen in der entpolitisierten Hipster-Kultur auszeichnet. David Camerons Politik scharf kritisierend und den wirtschaftlichen Verfall des einst so wichtigen industriellen Norden Englands besingend, steht McCullagh wie ein Vorkämpfer des linken Protestsongs auf der Bühne, resigniert geißelt er wütend die Perspektivlosigkeit der Jugend und das Unvermögen der Politik, sich diesen Problemen anzunehmen. Dass er in seiner Heimat auf Demonstrationen, Konzerten zur Aufrechterhaltung des National Health Service (NHS) spielte, passt da gut ins Bild. Wie ernst ihm das Thema ist, zeigt er auch heute. Erfrischend aufrüttelnd ist das, McCullagh transferiert das beklemmende Gefühl aus Braggs „Northern Industrial Town“ in die Gegenwart. 

Auf der Bühne steht ein Teenager in Hemd und Lederjacke mit Beatles-Frisur und dem ein oder anderen Pickel. Scheinbar schon aus dem Stimmbruch heraus, zeigt er sich frei von pubertären Problemen und bereit auch große Themen anzupacken. Courtney Love schwärmte von seiner Stimme und der Fähigkeit Dylan-Songs besser singen zu können, als Dylan. Die ähnliche Ästhetik seiner Songs ist freilich immer ersichtlich, doch bleiben am 20. Todestag von Loves Mann „It Rains“ oder „Short Sharp Shock“ in der profanen Liedsprache eines Jugendlichen verhaftet. Das ist sowohl berührend als auch angenehm anachronistisch. Nach dem politischen Diskurs in „North South Divide“ leben diese Songs von ihrer rührenden Naivität. Ein wenig steht er da in der Tradition von Ritchie Valens, dem vielleicht ersten großen Popmusiker im Teenager-Alter. „We Belong Together“ singt McCullagh inbrünstig und ohne Distanz. „Kennt hier jemand Ritchie Valens, es nicht schlimm, wenn ihr es nicht tut.“ Es ist das Fehlen jeglicher Ironie, das die Performance des zum Folksänger gereiften Kinds so unwiderstehlich macht. Den Song des gemeinsam mit Buddy Holly bei einem Hubschrauberabsturz 1959 Gestorbenen, präsentiert McCullagh gewissermaßen als Zugang zur eigenen Musik. Die Grenze zwischen prätentiösen Worthülsen, Kitsch und übertriebenen Ernst verläuft in so jungen Jahren sehr fließend, doch es gelingt ihm das Ganze in einem bestechend homogenen Ganzen zu verpacken. Selbst wenn „55 Blues“ Jake Buggs „Lightning Bold“ verblüffend ähnelt, ist John Lennon McCullagh diesem überlegen.
Alan McGee hat mal wieder alles richtig gemacht und als sich sein Schützling nach 13 Liedern mit dem durch Bob Dylans Fassung bekannt gewordenen Blues-Klassiker „See That My Grave Is Kept Clean“ verabschiedet, ist man ergriffen von der Spielfreude und bescheidenen Dankbarkeit. Dass sich mit einem northern accent auch Demut zeigen lässt, kommt überraschend. Ebenso wie der große Applaus, der McCullagh verabschiedet. Zur Zugabe kehrt er strahlend zurück. Vor wenigen Wochen habe er Jack Kerouacs „On The Road“ gelesen, ob der Autor jedem ein Begriff sei, fragt er höflich. Wenn nicht, sei das wieder nicht schlimm, erklärt er und zeigt sich erneut als wissbegieriger Teenager. „Sal Paradise Blues“, ist offen inspiriert vom wichtigen Roman der Beat Generation. Am Ende ist es vor allem das ehrfürchtige Studium der Wurzeln der Popkultur, das die McCullaghs junge Songs und ihn selbst vor den anderen pretentious little fuckers auszeichnen.


Dass das mehr Zuschauer verdient hätte, steht gänzlich außer Frage. „Hope to see you again very soon“, verabschiedet er sich nach etwas über 50 Minuten. Die Saalmusik geht an, doch der Applaus ebbt nicht ab, McCullagh kehrt zurück, nuschelt ein paar Worte des Dankes. „Ich hätte nicht erwartet, dass wir uns so schnell wiedersehen“, dann überlegt er, welche Songs, er noch hat, spielt „Rivers of Blood“, verlässt die Bühne. Zeit für eine weitere Zugabe bleibt nicht; der deutsche Jugendschutz. 
Anschließend steht er vor der Tür, schreibt den begeisterten Mädchen Autogramme auf ihre Eintrittskarten. Ein wenig verwirrt vom Interesse um seine Person scheint er noch immer. Ob ich ein Gruppenfoto mit ihrem Handy machen könne, fragt mich eines der Mädchen und siezt mich. Ich komme dem Wunsch nach und fühle mich alt. Während McCullaghs Vaters lachend über Groupie-Klischees witzelt, weiß der talentierte Sohn nicht weiter. „I think I have to go to bed now“, wiederholt er sich. 
Der Unsicherheit, den mageren Zuschauerzahlen und auch mancher setzkastenartiger Songs zum trotz dürfte, daran lässt er heute Abend keinen Zweifel, der Zukunft des jungen Folkbarden nichts im Weg stehen. Denn eines steht fest: Auch wenn die Musik definitiv nicht innovativ ist, ist er doch ein Ausnahmetalent.



Setlist John Lennon McCullagh, Schorndorf:

01: She's Calling Me
02: Towerland Lullaby
03: North South Divide
04: It Never Rains
05: Long Long Way
06: Short Sharp Shock
07: We Belong Together (Ritchie Valens-Cover)
08: Patterns
09: Sunrisin' Queen
10: Dead Letters
11: 55 Blues
12: Colour of the Sun
13: See That My Grave Is Kept Clean (Blind Lemon Jefferson-Cover)

14: Sal Paradise Blues (Z)

15: Rivers of Blood (Z)



Montag, 9. Dezember 2013

Lloyd Cole, Schorndorf, 07.12.2013

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Konzert: Lloyd Cole
Ort: Schorndorf, Club Manufaktur
Datum; 07.12.2013
Dauer:108 Minuten
Zuschauer: vllt. 150



Kontrovers rezipierter Pop ist nicht selten der interessanteste. Viele tun sich schwer mit Lloyd Coles Musik. Missmutig, launisch sei sie, genau wie der Künstler, belanglos, er selbst, ein regelrechter Griesgram und großer Langweiler. Dass Cole auf der anderen Seite ein Kritikerliebling ist, zeigt alle paar Jahre ein Blick in die wichtigen Musikzeitschriften. Hymnisch werden seine Alben besprochen, ein englischer Bob Dylan mit besserer Stimme ist er für manche gar. Die künstlerische Klasse des 52-jährigen Engländers, der in den 80ern große Erfolge mit seiner Begleitband The Commotions, großartigen Alben und einer Handvoll Hitsingles feierte, ist jedenfalls nicht in Abrede zu stellen und offenbart sich 25 Jahre später deutlicher denn je. Der deutsche Rolling Stone kürte seine beiden letzten Veröffentlichungen „Broken Record“ (2010) und vor wenigen Monaten „Standards“ jeweils zum Album des Monats. Unbestritten gehört sein Spätwerk zum Besten seiner Karriere. Und das obwohl er heute fernab der großen Vermarktungsmaschinerie eines Major Labels bei Tapete Records zu Hause ist. Dass ein Mann, der seit fast 30 Jahren kontinuierlich herausragende Platten aufnimmt, nicht in den großen Hallen und Clubs stattfindet, ist traurig. Wer seine Solokonzerte in diesem Jahr besucht, erlebt einen ergrauten ehemaligen Rockstar, dem es aller Verbitterung zum Trotz gelingt mit Eleganz ein 30 Songs umfassendes Set aus dem Ärmel zu schütteln, von dem so manch erfolgreicherer Zeitgenosse nur träumen kann. 



Zu einem Akustikkonzert passend, ist die Manufaktur in Schorndorf bestuhlt. Nicht mehr als 150 Zuschauer nehmen an einem erstaunlich milden Samstagabend Platz. Die Empore wird gar nicht erst geöffnet. Auf einem Notenständer liegt die in ein Heft geschriebene Setlist. Ohne Begrüßungsfloskel eröffnet Cole das Konzert mit „Past Imperfect“ und Versen, die sinnbildlich für den Songwriter Lloyd Cole zu stehen scheinen: „Excuse me, could I use your pen / I have mislaid my own“
Seinen Gestus kann man wahlweise prätentiös oder grandios finden. Wie Morrissey polarisiert er mit einer komplexen, dem Alltag enthobenen Sprache, verwendet Worte, die man für gewöhnlich nicht in Popsongs findet. Den einstigen Philosophiestudenten bekommt man nicht mehr aus ihm heraus, das merkt man.
Ganz in schwarz gekleidet, mit hellen Lederschuhen als Kontrast erinnert er optisch an die Pariser Existenzialisten der 50er. 
 Cole besingt sanftmütig den Verlust der Erinnerung, der Identität und Vergangenheit und kaschiert die lyrische Schwermut mit dezenten Akkorden. „What was on my mind in Amsterdam in 1984? / And what did I want from the pouring rain? / Was it phonographic score? / And why was my head in the unmade bed / With a girl who’s name I lost?” Für Cole ist die  ungeteilte Aufmerksamkeit des Publikums essentiell. Als er während „To The Church“ das Kameraklicken eines anderen Fotografen auf der Bühne hören kann, bricht er den zweiten Song ab, um ihn darauf aufmerksam zu machen. „I can hear you!“ Cole blafft nicht, aber die darauffolgende andächtige Stille, zeigt den enormen Respekt, die Ehrerbietung, die ihm entgegenschlägt. Natürlich kann man das guten Gewissens egozentrisch finden, doch sanftmütig fährt Cole fort: „I’m looking for a religious girl…“. Dem Mann auf der Bühne ist seine eigene Distinktion bewusst. Natürlich ist das uncool, aber unabdingbar für die Präsentation seiner Musik. 
Es sei seltsam mit Anfang 50 Lieder zu spielen, die man vor mehr als einem Vierteljahrhundert geschrieben habe, erzählt der Protagonist und streicht sich eine lange, graue Strähne aus dem Gesicht, bevor er geradezu beiläufig „Rattlesnakes“, den vermutlich populärsten Commotions-Hit, schon früh im Set serviert. „Jodie wears a hat although it hasn't rained for six days / She says a girl needs a gun these days / Hey on account of all the rattlesnakes / She looks like Eve Marie Saint in on the waterfront / She reads Simone de Beauvoir in her American circumstance.” Name dropping ist im Cole’schen Werk fest verankert, prominenter platziert als in diesem Refrain, ist es jedoch kaum. „There’s nothing more embarrassing than an old man with long hair.” 



Seit elf Wochen ist er auf Tour und habe keine Zeit gefunden zum Frisör zu gehen berichtet Cole im entschuldigenden Tonfall. Während sein Gesicht noch immer jugendlich wirkt, zeugen weißgraue Haare von seinem fortgeschrittenen Alter. Ähnlichkeit zu Julian Assange hat er, denke ich bei mir. 
Früher wurden medial häufig Vergleiche mit Morrissey gezogen. Auch musikalisch. Mochten zwischen Lloyd Cole & The Commotions und The Smiths oder auch Morrisseys frühen Soloalben einst offensichtliche Parallelen bestanden haben, entwickelte sich die Karriere des in Buxton geborenen Cole ganz anders als die des Mozzers. Beide zog es zwar in die USA, doch adaptierte Cole auch grundamerikanische Musikelemente. Country und Folk sind mittlerweile die klaren Referenzen. Als die Zuschauer in Schorndorf am Ende von „Jennifer She Said“ der Aufforderung das Outro zu singen folgen, gibt sich Cole überrascht. „I thought you’re too indie rock for this.“ 
 Leonard Cohens „Chelsea Hotel #2“ wird mit erfrischender Nonchalance interpretiert. „You told me again you preferred handsome men / but for me you would make an exception.” Cohens Schilderung seiner Affäre mit Janis Joplin gerät so zur herzerweichenden Ode eines gealterten Mannes an die sinnliche Liebe. Überhaupt ist der schmerzliche Teil der Liebe dominant am heutigen Abend. Auf der Bühne steht kein jugendlicher Liebhaber und gerade die neuen Songs zeigen den Lauf der Zeit. „Period Piece“ ist ein passender Beleg. In bester Dylan-Tradition diagnostiziert der Wahl-Amerikaner: „Born 1961, just like you / (…) Concrete to the left of me / Flowers to my right / These were the best of times / It was my austere demeanour / Defined the age / Next to me, the green world greener / And the grey more grey / The old man came, said / Destroy this symbolism / Welcome to my funeral”



In der ersten Hälfte des zweigeteilten Sets ist Cole relativ wortkarg, lässt weitgehend die Lieder sprechen. Wenn er allerdings etwas sagt, so ist es pointiert und nicht selten zynisch. Als er bemerkt, dass ich mir Notizen mache, fragt er inmitten eines Songs, ob ich es mir immer aufschreiben würde, wenn er den falschen Text singe. 
„Butterfly“ und „Perfect Blue“ sind starke Momente, dann folgt „Late Night, Early Town“ als heimliches Highlight. Die düstere Liebesballade könnte mit ihrem klaustrophobisch-ernüchtertem Bild von Los Angeles der Titelsong von “Californication" sein. „Is it too late to be postmodern lovers“, fragt Cole, bevor er die Verkommenheit der Stadt, mangelndes Selbstvertrauen und Kokain beklagt. Nach „Diminished Ex“ folgt eine halbstündige Pause. Man könne die Zeit nutzen, um Bier zu trinken, meint Cole. Immerhin gebe es sein „favourite beer, Rothaus from not far from here“

Mit dem Commotions-Klassiker „Are You Ready To Be Heartbroken“, hat der Engländer die Zuschauer nach der Unterbrechung rasch wieder in der Hand. Die Akustikfassung tut dem Lied augenscheinlich gut. War es in der Studioversion ein aufgeblähter Mid-80s-Popsong, funktioniert es nun als brillante Folkballade. Camera Obscura beantworteten Coles Frage 2006 mit ihrer ironischen Single „Lloyd, I’m ready to be heartbroken“ und manifestierten geschickt die Nachwirkung des noch immer relevanten Musikers.  Wirkte er in der ersten Hälfte noch verkopft, macht Cole nun einen gelösten Eindruck; erzählt Anekdoten, lacht hin und wieder, auch wenn man zwischendurch in Momenten der Koketterie mit der Rockstarvergangenheit immer wieder tiefe Verbitterung spüren kann. 



Während des gesamten Konzerts gelingt Cole mühelos der Spagat zwischen Klassikern und zeitgenössischen Stücken. „Music in a foreign language“ ist der lässige Beweis seines Könnens und „It’s Late“ eine Perle des aktuellen Albums. 
 Als meine Freundin mit geschlossenen Augen andächtig der Musik lauscht, grinst Cole mich während des Liedes an, gibt mir zu verstehen, ich solle sie antippen. Das Öffnen ihrer Augen quittiert er mit einem Lächeln, nur um nach dem Song augenzwinkernd hinzuzufügen: „You can sleep, if you’re tired. It’s fine.“ Er selbst leide nach einer langen Tour unter dem Schlafdefizit, genieße aber die letzten drei Auftritte umso mehr. Außerdem bespiele er ja “the big three” zum Schluss: Schorndorf, Hamburg und Berlin. 
Nach dem ehrwürdigen Lou Reed-Tribute „Pale Blue Eyes“ – „I didn’t write this song!“ – endet das reguläre Set mit drei fantastischen Songs: Der einstige Hit „Perfect Skin“ geht in „Unhappy Song“ über, das ein wenig nach „America“ von Simon and Garfunkel klinge. Noch „Lost Weekend“, dann ist Schluss. 
Mit großen Schritten schreitet der ergraute Star der 80er von der Bühne. Lauter Applaus, dann kehrt er zurück, zum ersten Mal strahlt er an diesem Abend. Die Zuschauer dürften nun Liedwünsche äußern, sagt Cole, bevor er einen Schluck Rothaus-Bier nimmt, nachdem er zuvor stets Wasser den Vorzug gab. Mit „No More Love Songs“ und „Forest Fire“ endet schließlich ein hervorragendes Konzert einer lebenden Legende, deren Klasse der eines Morrisseys ebenbürtig ist. Nie waren seine Alben besser als heute, wir dürfen noch viel erwarten. Und live ist Lloyd Cole sowieso eine Bank. 


Setlist Lloyd Cole, Schorndorf:

01: Past Imperfect
02: To The Church
03: Rattlesnakes
04: Kids Today
05: Cut Me Down 
06: No Truck
07: Chelsea Hotel #2 (Leonard Cohen-Cover)
08: Why I Love Country Music
09: Butterfly
10: Late Night, Early Town
11: Period Piece
12: Perfect Blue
13: Diminished Ex
-PAUSE-
14: Are You Ready To Be Heartbroken?
15: Music In A Foreign Language
16: It's Late 
17: Don't Get Weird Of Me
18: Jennifer She Said
19: Blue Like Mars
20: No Blue Skies
21: Don't Look Back
22: Myrtle And Rose
23: 2cv
24: Hey Rusty
25: Pale Blue Eyes (The Velvet Underground-Cover)
26: Perfect Skin
27: Unhappy Song
28: Lost Weekend

29: No More Love Songs (Z)
30: Forest Fire (Z)

 






Donnerstag, 4. Juli 2013

Dinosaur Jr., Schorndorf, 03.07.2013

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Konzert: Dinosaur Jr.
Vorband: Wild Style Lion
Ort: Club Manufaktur, Schorndorf
Zuschauer: mehrere hundert; fast ausverkauft
Datum: 03.07.2013
Dauer: Dinosaur Jr. 81 Minuten / Wild Style Lion 31 Minuten


„Is it loud enough?“, wird bei Motörhead-Konzerten, so die bekannte Überlieferung, gefragt, bevor nochmals aufgedreht wird und die raumhohen Boxentürme Mehrzweckhallen weltweit im Lärm versinken lassen. 
Musikalisch weit von Lemmy Kilmisters harter Interpretation klassischen Rock n' Rolls entfernt, sind auch Dinosaur Jr., die amerikanischen Alternative-Heroen und Geburtshelfer des Grunge, berüchtigt für ohrenbetäubende Live-Shows. 
Ohrenschutz wird auf Konzertkarten grundsätzlich empfohlen, hier berechtigterweise: Schon beim Eintritt in die Manufaktur in Schorndorf, einem idyllischen Provinzstädtchen keine 30 Kilometer von Stuttgart entfernt, lassen die aufgetürmten Verstärker zu beiden Bühnenseiten keinen Zweifel daran aufkommen. Unscheinbar, ja fast unsichtbar, mutet der aufgebaute Gitarren-Amplifier der Vorband an, der vor J Mascis Boxenbollwerk regelrecht untergeht. 
Pünktlich um 21 Uhr stehen drei allem Anschein nach erfahrene Musiker mittleren Alters auf der Bühne, die unter dem Bandnamen Wild Style Lion ihre ersten Konzerte bei der kurzen Deutschlandtour der vor 29 Jahren in Massachusetts gegründeten Gruppe spielen. 


Das Trio bestehend aus einem Gitarristen, Sänger und Keyboarder weckt mit einem knapp halbstündigen Set Erinnerungen an The National und ausgetüftelte Klanggewebe, wie sie The Notwist und Naked Lunch erfolgreich kultivierten, aber auch an den gradlinigen Wüstenrock eines Josh Homme. Sonderlich viele Informationen zur Band, die allen englischen Ansagen zum Trotz aller Wahrscheinlichkeit aus Deutschland – vermutlich aus Hamburg oder Berlin – kommt, lassen sich noch nicht finden. Auch die Facebook Präsenz besteht erst seit wenigen Wochen, der Sänger mit Schnurbart in zugeknöpfter Levis-Jeans-Jacke muss die Texte ablesen, während neben ihm ein Meer aus Soundeffekten fließt. 
Ein Stück, das vermutlich einmal als „Year of the snake“ veröffentlich wird, lässt dann gar Assoziationen zu Velvet Underground in den späten 60ern zu. „Thank you very much. Have fun with Dinosaur Jr.“ Wild Style Lion hinterlassen mit einer vielversprechenden Kostprobe und einer Reihe klaustrophobischer Popsongs einen bleibenden Eindruck. 

Während des Umbaus hoffe ich auf einen baldigen Beginn des Hauptacts, um nicht in Zeitnot zu geraten, um nicht Gefahr zu laufen, die letzte S-Bahn nach Stuttgart zu verpassen. 
Das Trio von der US-Ostküste meint es gut mit mir: Bassist Lou Barlow lässt sich als erster auf der Bühne blicken, nimmt wortlos auf der rechten Seite seinen Platz ein, hängt sich sein Instrument um, während J Mascis, Gitarrist, Sänger und Hauptsongwriter, gemächlich langsam auf die andere Seite schlurft. 

Auf vier Din-A-4-Zettel ausgedruckt liegt die Setlist in riesiger Schriftgröße vor ihm. Mascis muss fast blind sein, die Brille mit Lupen dicken Gläsern legt er noch vor Konzertbeginn ab. Der Mann mit den langen, dünnen weißgrauen Haaren und dem Vollbart, der ein klein wenig wie die etwas fülliger Variante von Christopher Lee als Saruman in Herr der Ringe aussieht, obwohl er erst 47 ist, gilt bekanntlich als einer der profiliertesten Gitarristen seiner Generation, wird immer wieder in allen möglichen entsprechenden Rankings genannt und benötigt offensichtlich jede Menge Effekte, um sein Spiel so zu gestalten, wie er es gerne hätte. Nie zuvor habe ich derartig viele Pedale, Verzerrer und andere Effektgeräte für einen einzelnen Gitarristen gesehen. Sicher, J Mascis ist als perfektionistischer Kontrollfreak berüchtigt, was gerne als Grund für die Trennung Dinosaur Jr.s 1998 genannt wurde. Damals war er bereits das einzig verbliebene Gründungsmitglied der Band, Bassist Lou Barlow verließ die Gruppe bereits Ende der 80er, Schlagzeuger Murph folgte in der ersten Hälfte der 90er. 


 Besonders das Verhältnis zwischen Mascis und Bassist Barlow wurde immer wieder suggeriert, sei zutiefst zerrüttet gewesen, umso überraschender kam die Reunion in Originalbesetzung 2005. Umso überraschender ist es, dass Mascis, Barlow und Murph noch immer zusammen touren und tolle Alben aufnehmen. Dass Murph derzeit nicht am Schlagzeug sitzt und von einem jüngeren Kollegen vertreten wird, kann schwerlich als Indiz für eine neuerliche Entfremdung herhalten, schließlich kehrte er bereits bei vergangenen Touren früher als seine Kollegen in die Staaten zurück. Dröhnend eröffnet „Bulbs of Passion“, der letzte Track des legendären Debütalbums „Dinosaur“ das Set, die Oropax zeigen ihre Wirkung, während der Schlagzeug-Beat in der Magengegend wummernd einschlägt. 1985 veröffentlicht, veränderte die Band ihren Sound seit dem Erstlingswerk nur geringfügig. Mal wurden folkigere Elemente zurückgefahren, mal einstige Hardcore-Tugenden stärker heraufbeschworen oder Noiserock-Momente gepflegt. Der musikalische Nachlass, den Dinosaur Jr. irgendwann einmal hinterlassen werden, das was von dieser Band übrig bleibt, ist die unnachahmliche Art Collegerock und Hardcore-Elemente zu vereinen; Sanftmut und brutalen Krach gleichzeitig zu verkörpern. 


Zurecht wird die Band heutzutage als Vorreiter des Grunge gefeiert, die künstlerische Stringenz, mit der ein fast lieblicher, über den Dingen schwebender Gesang mit Lärm kombinierte, die angemessene Brachialität legte zuvor nur Neil Young mit Crazy Horse an den Tag. Nirvana übernahmen später eine ganze Menge von Dinosaur Jr.. Bevor Dave Grohl als Schlagzeuger engagiert wurde, fragte Kurt Cobain übrigens J Mascis, ob er bei Nirvana an den Drums einsteigen möchte. Er lehnte bekanntlich ab, doch anders als Chris Spedding, jener Gitarrist, der Mick Taylor bei den Stones folgen sollte, dürfte sich Mascis heute nicht über diese Entscheidung ärgern. 
Zu hochklassig sind die Alben und Singles, die Dinosaur Jr. Seitdem veröffentlichten, „The Wagon“, eine 1990 erschienene Single, wird heute Abend von der bärtigen Fanschar mit violetten Bandshirts gefeiert wie ein Welthit – und das obwohl von Mascis Gesang kaum etwas zu hören ist. Quasi als Instrumentalversionen mit unterschwelligen Gesangsfetzen rauscht das atemberaubende, laute Set an einem vorbei; „No Bones“, „Almost Fare“, „Raisans“, etwas später „Watch The Corners“, das herausragende Stück des aktuellen Albums „I Bet On Sky“, das letztes Jahr erschien. 


„Feel The Pain“, eine der erfolgreichsten Single-Auskopplungen der Bandhistorie wird erwartungsgemäß lautstark gefeiert. Hinter mir singt ein Fan Mitte 30, der damals sicherlich durch das Video von Spike Jonze Mitte der 90er auf MTV oder Viva zum ersten Mal auf die Gruppe aufmerksam wurde, so begeistert mit, dass ich mehr von seiner Einlage mitbekomme als von Mascis Intonation. 
Barlow mit dunklem Lockenschopf und Brille bewegt sich artistisch über die Bühne, mit tief hängendem Bass verkörpert er heute Abend die Punkattitüde, singt „Training Ground“, einen Song von Deep Wound, jener Hardcore-Band, in der er schon früher mit Mascis zusammen spielte, der im Gegensatz zu ihm häufig mit stoischer Ruhe und geschlossenen Augen vor seinem Mikrophon steht. Das polternde Schlagzeug des Aushilfsdrummers passt hier genau, der junge Mann verzerrt das Gesicht wie Keith Moon und muss danach die Verbände an seinen Fingern austauschen. 
Nach „Forget The Swan“ und 15 Songs verlässt das Trio die Bühne, Barlows Hemd ist Schweiß durchträngt. Für zwei Zugaben kommen die Drei zurück. Mit seinen klobigen Turnschuhen holt Mascis noch einmal alle Effekte aus seinem Instrument heraus, diesmal klingt es überhaupt nicht nach Neil Young, mit dem sein Spiel so oft verglichen wird, sondern eher nach einer harten Version Peter Framptons. Kein Witz! 

Aus guten Gründen nennt Robert Smith die Dinosaur Jr. Version von „Just Like Heaven“ als bestes The Cure Cover. Es ist der formidable Schluss eines guten Konzerts, das man entgegen aller Befürchtungen auch genießen kann, ohne ein Fan der Band zu sein. Zu guter Letzt hört man etwas vom Gesang, es klingt live tatsächlich nach Neil Young – und das liegt nicht am Tinitus, der ist uns nämlich tatsächlich erspart geblieben. Earplugs still recommended! Draußen geht gerade ein endzeitlicher Regen herab, die letzte S-Bahn erreichen wir pünktlich in triefend nasser Kleidung.



Setlist, Dinosaur Jr., Schorndorf:

01: Bulbs Of Passion
02: The Wagon
03: No Bones
04: Almost Fare
05: Raisans
06: Don't pretend you didn't know
07: Watch The Corners
08: Rude
09: Out There
10: Feel The Pain
11: Budge
12: Start Choppin
13: Training Ground (Deep Wound - Song)
14: Freak Scene
15: Forget The Swan

16: ? (Z)
17: Just Like Heaven (The Cure - Cover) (Z) 


Links

- aus unserem Archiv:
- Dinosaur Jr. in Frankfurt, 12.02.2013  
- Dinosaur Jr. in Paris, 23.05.2010
- Dinosaur Jr. in München, 23.05.2008
- Dinosaur Jr. in Paris, 24.08.2007
- Dinosaur Jr. in Hohenfelden, 18.08.2007





 

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