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Sonntag, 7. Juli 2013

Depeche Mode, Düsseldorf, 05.07.13

1 Kommentare

Konzert: Depeche Mode 
Datum: 05.07.2013 
Ort : Düsseldorf, Esprit-Arena 
Zuschauer: mehr als 40.000 
Dauer: ca. 135 Minuten 



von Ursula von neulich als ich dachte

1987: Mit 15 Jahren besuche ich mein allererstes Konzert: meine absolute Lieblingsband Depeche Mode in der Kölner Sporthalle. Mit dabei meine beste Freundin und ein Bekannter, dessen Vater die leidige Pflicht hat, auf uns aufzupassen. Die Vorband heißt Front 242, das aktuelle Album ist Music for the Masses, Dave trägt weiß und ich kann nach dem Konzert die Setliste komplett aus dem Kopf niederschreiben. Hinterher bin ich etwas enttäuscht, was aber höchstwahrscheinlich an übersteigerten Erwartungen liegt. 

2001: Mit ein paar mehr Jahren auf dem Buckel sehe ich die Band meiner Jugend in der Frankfurter Festhalle. Leider muss ich dieses Mal allein hingehen, die Vorband ist Fad Gadget, das aktuelle Album heißt Exciter. Engagiertere Fans als ich verteilen Handzettel mit Strichmännchengrafiken, die man hochhalten soll, wenn das Lied mit der entsprechenden Grafik kommt. Ich kann nicht wirklich viel von der Bühne sehen, schaffe es nicht weiter nach vorne und bin insgesamt frustriert. 

2006: Schon wieder sind die Band und ich älter geworden, ich habe einige Konzerttermine ausgelassen, nun sind Depeche Mode Headliner bei Rock im Park. Ich bin mit Freunden da, die Vorband ist Placebo (irgendwie), das aktuelle Album heißt Playing The Angel. Dieses Mal läuft vieles besser, da wir zwar großen Abstand zur Bühne haben, aber zumindest gut sehen können. Außerdem spielt die Band meinen alten Favoriten Photographic

2012: Depeche Mode und ich sind mittlerweile so alt geworden, dass es schon nicht mehr schön ist. Dave ist bereits mehrfach verstorben, glücklicherweise nie dauerhaft. Mein Freund überrascht mich zu Weihnachten mit Tickets für das Zusatzkonzert in Düsseldorf im Juli 2013. Wir fahren also zusammen hin, die Vorband ist Matthew Dear, das aktuelle Album heißt Delta Machine. Und hier kommt der Bericht. 


Als Exkölnerin hält man ja bekanntermaßen nicht viel von Düsseldorf, wobei ich das aus Verjährungsgründen schon fast vergessen habe. Aber diese Esprit Arena! Eine Fußballmannschaft, die ihren Gästen (beziehungsweise ihren Fans) ein derartiges Park-Chaos zumutet, hat ihren Abstieg so was von verdient! Nicht nur hatten wir dank Staus für eine Strecke, die regulär etwa 1,5 Stunden benötigt, das Doppelte gebraucht, nun standen wir am Ende unserer Nerven im Parkstau. Das Parkplatzkonzept scheint auf maximalem Personalaufwand zu basieren (was auch die unverschämten 7 Euro Gebühren erklärt). Reihe für Reihe müssen die Autos "eingewunken" werden, der Rest drängelt und kreist in der Zwischenzeit, was auch den Rückstau bis weit vor der Ausfahrt erklärt. Wirklich toll gelöst, Esprit Arena! 

So kann ich zu Matthew Dear genau überhaupt nichts sagen, denn als wir die Halle mit hängenden Zungen erreichten, standen Depeche Mode bereits auf der Bühne. Es erweist sich als großer Vorteil, dass wir unheimlich teure "front of stage" Tickets besitzen, die es ermöglichen, auch jetzt noch den Zuschauerbereich direkt vor der Bühne zu betreten, sonst stünden wir wahrscheinlich einen Kilometer von der Band entfernt. "Direkt vor der
Bühne" entspricht in diesen Dimensionen zwar auch eher "Jahrhunderthalle, ganz hinten", aber immerhin: Mit etwas Mühe kann ich die drei Bandmitglieder mit ihrem Extrapersonal an Schlagzeug und Keyboard tatsächlich sehen, für den Rest müssen es die LED Wände (eine große hinter der Bühne für Projektionen, zwei daneben zeigen die Band) tun. Das Dach der Esprit Arena bleibt an diesem Abend übrigens geschlossen. 

Dank akribischer Vorbereitung ist uns die Setliste des Abends bereits weitestgehend bekannt, was zu der beruhigenden Erkenntnis führt, dass wir nur ein Lied verpasst haben, den Opener Welcome to my World. Bei Angel (ebenfalls von Delta Machine) akklimatisieren wir uns noch. Ich stelle fest, dass ich das Publikum um uns herum optisch so gar nicht zuordnen kann. Wüsste ich nicht, dass wir bei Depeche Mode sind, könnte das hier auch ein Rolling Stones-Konzert sein. Oder einfach ein Zufallstreffen von Tausenden Mittvierzigern. 

Auf der Bühne trägt Dave Anzughose und Weste, sieht wie immer
überraschend jung, schlank und fit aus und führt zusätzlich zum Gesang seine altbekannten Anheizertänze auf - mit Hinternwackeln, häufigem Griff in den Schritt und suggestiven Gesten mit dem Mikrofonständer. Ein Laufsteg ermöglicht ihm, manchmal weit ins Publikum hinein zu tänzeln. Martin Gore ist ebenfalls nur in Hose und Weste, nur glitzert sein Outfit - dafür bedeckt es auch mehr. Von hinten sieht es aus, als hätte er einen Rock an, dazu trägt er wie fast immer Lidschatten und Nagellack. Und Fletch steht weit weniger glamourös in Jeans und Polohemd bei seinen Synthesizern. 

Meine Überlegungen muss ich kurz unterbrechen, denn mit Walking in my Shoes kommt nun das erste Highlight - es zeigt sich, dass die Zuschauer wohl allesamt die früheren Albenveröffentlichungen der Band bevorzugen und wer könnte es ihnen verdenken. Auf jeden Fall verbessert sich die Publikumsstimmung unvermittelt um hundert Prozent, was auch beim (relativ neuen) darauf folgenden Precious erhalten bleibt. 


An und für sich gibt es auf der Bühne relativ wenig Technik und zum Beispiel keine ausufernde Lichtshow, dafür wird annähernd jeder Song von einem eigenen Hintergrundbild oder -video begleitet. Bei Precious sieht man zum Beispiel riesige Hundebilder, die (zumindest für mich) die traurige Grundstimmung des Lieder gut widerspiegeln. Je nachdem, was sonst noch so los ist, achte ich mal mehr und mal weniger auf die Animationen, die wohl einmal mehr von Anton Corbijn realisiert wurden, zu sehen gibt es aber beinahe immer etwas. 

Nach Behind the Wheel und World in my Eyes flacht die Stimmung zu Should be Higher und John the Revelator wieder merklich ab, vielleicht kennen einige der Anwesenden die letzten beiden Alben auch gar nicht? Dann verlässt Dave mit Fletch sowie Christian Eigner (Schlagzeug) zum ersten Mal die Bühne, was einen Solosong für Martin mit Peter Gordeno (Keyboard) bedeutet. Zu meiner Überraschung hat er sich Only when I lose myself ausgesucht, ein Lied, das normalerweise von Dave gesungen wird. Die Martin-Version ist aber selbstverständlich hervorragend und wie noch einige Male an diesem Abend wird mir auch wieder einmal klar, was für tolle Texte diese Band zu bieten hat.

Im Anschluss folgt mit Home ein klassischer Martin-Titel, der in der Liveversion zu meiner Überraschung "Fangesänge" nach sich zog: Martin Gore dirigierte, während das Publikum die Gitarrenpassage nachsang. Nachdem ich ja einige Stationen der Depeche Mode-Tourneegeschichte ausgelassen hatte, konnte ich nicht einordnen, ob es sich hier um eine Tradition handelte. Martin wirkte in jedem Fall aufrichtig erfreut über die Publikumsteilnahme. 

Nun durfte Dave wieder auf die Bühne zurück, lobte Martins Soloauftritte (was mir etwas albern erschien, aber möglicherweise ist man nur um einen netten Umgang miteinander bemüht) und sang mit frischer Weste die vorletzte Single Heaven, die sich in meinem Gehirn leider untrennbar mit "Wetten, dass...?" (wo Depeche Mode mit ihr aufgetreten sind) verknüpft hat. Na ja, so gut ist der Song wohl einfach nicht, sonst könnte er meine Schreckenserinnerungen an diese Sendung wohl überstrahlen. Mit "Soothe My Soul" folgte darauf auch gleich die aktuelle Singleveröffentlichung, die mir etwas besser gefällt. 

A Pain that I'm Used To, das danach kam, ist dagegen eines der wenigen Lieder von Playing the Angel, die sich mir eingeprägt haben, einigen anderen im Publikum schien es ebenfalls zu gefallen. Auf das anschließende Soft Touch / Raw Nerve hätte ich wieder ganz gut verzichten können (zumal auf einer "Alternativ-Setliste" wohl an diesem Platz schon A Question of Time gespielt wurde!), anschließend wurde ich mit In Your Room (in einer langsameren Remix-Version dargeboten), Enjoy the Silence und Personal Jesus wieder versöhnt. Goodbye hieß dann genau das, wobei es schon sehr überraschend gewesen wäre, wenn keine Zugaben mehr gekommen wären. 


Diesen Block eröffnete dann Martin allein und bereitete uns mit Somebody eine echte und freudige Überraschung - diesen Uralt-Song hatte die Band bei der aktuellen Tournee überhaupt noch nicht gespielt! Halo, das danach von Dave (der die Bühne wiederum mit einem Lob für Martin betrat) in der auf einem der Remix-Alben veröffentlichten Goldfrapp-Version (aber natürlich ohne Alison Goldfrapp im Refrain) dargeboten wurde, gehört dagegen zum Standardset der Tournee, was ja auch nicht schlimm ist. Doof, wenn auch nicht unerwartet, fand ich dagegen das darauf folgende Just Can't Get Enough, weil ich mit diesem Song noch nie viel anfangen konnte, er überhaupt nicht in seine musikalische "Umgebung" passte und mir spontan fünf alte Songs eingefallen wären, die ich lieber gehört hätte. 

Den anderen im Publikum gefiel das antike Feierlied aber - so sehr, dass nach seinem Ende noch weiter gesungen wurde, bis der nächste Song anfing - und nach I Feel You und dem traditionell fast immer am Schluss kommenden Never Let Me Down Again ging der Konzertabend mit einem mittlerweile halbnackten Dave und einem aus Tausenden im Publikum schwingenden Armen gebildeten Meer - nun endgültig - zu Ende. Zuletzt verbeugte sich die Band und Dave umarmte jedes Mitglied einzeln. 

Bei der im Vergleich zur Anreise erfreulich zügigen Autosuche und Rückfahrt war es dann Zeit für ein Fazit, das sich als gar nicht so einfach erwies. Die Band hatte ihr aktuelles Tourneeprogramm perfekt, und sogar zumindest mit einer Überraschung, abgeliefert. Soundtechnisch gab es nichts zu meckern, die Stimmen waren gut, die Publikumsstimmung, zumindest in meiner direkten Umgebung, allerdings etwas behäbig. Im Interesse der Fans, die beide Düsseldorfer Konzerte besucht hatten, musste man auch positiv zur Kenntnis nehmen, dass die Setliste zwischen beiden Auftritten variiert worden war. 


Ein viel größeres Problem war für mich dagegen die Größe des Events an sich, denn ich finde es schon recht seltsam, ein Konzert zu sehen, die so oder zumindest sehr ähnlich ein paar hundert Mal aufgeführt wird. Es fällt mir einfach schwer, zu glauben, dass man als Künstler bei so etwas dann beim hundertsten Mal noch mit dem Herzen dabei sein kann. Aber dass es sich um diese Art Show handeln würde, wusste ich natürlich bereits vorher, und es wäre albern, sich im Nachhinein darüber zu beklagen. 

[Mimi aus der Nähe von Mülheim/Ruhr vom Depeche Mode Konzert in Düsseldorf (da warst Du mit Freundin Claudia): rufst Du Norman mal an? Danke!]

Setlist Depeche Mode, Esprit-Arena, Düsseldorf: 

01: Welcome to My World 
02: Angel 
03: Walking in My Shoes 
04: Precious 
05: Behind the Wheel 
06: World in My Eyes 
07: Should Be Higher 
08: John the Revelator 
09: Only When I Lose Myself 
10: Home 
11: Heaven 
12: Soothe My Soul 
13: A Pain That I'm Used To 
14: Soft Touch/Raw Nerve 
15: In Your Room 
16: Enjoy the Silence 
17: Personal Jesus 
18: Goodbye 

19: Somebody (Z)
20: Halo (Z)
21: Just Can't Get Enough (Z)
22: I Feel You (Z)
23: Never Let Me Down Again (Z)

Fotos: Dirk (Platten vor Gericht


Mittwoch, 5. Juni 2013

Depeche Mode, Stuttgart, 03.06.2013

0 Kommentare
Konzert: Depeche Mode
Ort: Mercedes-Benz Arena, Stuttgart
Datum: 03.06.2013
Zuschauer: 36.000
Dauer: 137 Minuten

Dass ich zwei Stadionkonzerte innerhalb von acht Tagen besuche, überrascht mich selbst. Mein letztes Konzert in einem Fußballstadion liegt fast sechs Jahre zurück, es war mein zweiter richtiger Konzertbesuch überhaupt. Damals gewann ich Karten für The Rolling Stones in der Frankfurter Commerzbank-Arena, ursprünglich hätte Amy Winehouse im Vorprogramm spielen sollen, ersetzt wurde sie letztlich von Starsailor. Als 15-jähriger Stones-Fan verließ ich das Stadion von Eintracht Frankfurt enttäuscht: Die Akustik war eine Zumutung, die Show der Stones eine Spur zu routiniert, wobei ich das Konzert im Nachhinein besser bewerte. Dennoch war dieses Erlebnis wohl ein Grund, dass es solange dauerte, bis ich Bruce Springsteen im Olympiastadion in München sah.

Depeche Mode schätze ich schon seit langer Zeit – und nach dem positiven Erlebnis bei Springsteen, verlor ich einige Aversionen gegenüber solchen Massenevents in Sportstätten, so dass ich mir kurzerhand Karten für das Konzert in der Mercedes-Benz Arena in Stuttgart besorgte, die ich von meiner Straße aus sehen kann; im Nachhinein wäre es törricht gewesen, auf diesen Abend zu verzichten:

Die Sonne ist noch nicht untergegangen, als der zehnte Song des Abends verstummt. Dave Gahan verließ kurz zuvor die Bühne. Der exaltierte Frontmann macht Platz für das Mastermind hinter den zahllosen Hits seiner Band. Alt geworden ist er, dieser Martin Gore, dessen Ängste und vertonte Perversionen einige der wirklich unsterblichen Klassiker der Popgeschichte seit den 1980ern hervorbrachten. Im schwarzen, enganliegenden Langarmshirt mit Glitzerelementen und unglaublich bizarrer Metallkettenapplikationen auf der Rückseite steht Gore für einige Minuten im Zentrum. Spielt Gitarre, auf den großen Bildschirmen erkennt man seine schwarz lackierten Fingernägel. Gitarre spielend sang er gerade das erhabene „Higher Love“ von „Songs Of Faith And Devotion“, jenem düsteren Electro-Gospel-Album. Äußerlich ähnelt der geschminkte Gitarrist und Keyboarder immer mehr Lou Reed in dessen mittlerer Schaffensphase, sein Gesang hingegen ist immer noch ein engelsgleicher Tenor. „When The Body Speaks“ ist das ruhigste Stück heute Abend in der Mercedes-Benz Arena in Bad Cannstatt. Stille zieht sich durch die Reihen des nicht ausverkauften Fußballstadions, andächtig lauscht man einem Song, der wie kaum ein zweiter den Ausnahmelyriker Gore in den Fokus stellt, es ist das künstlerische Selbstverständnis eines Popgenies, dass sich in etwas über sechs Minuten den 36.000 Zuschauern offenbart. „I'm just an angel / Driving blindly / Through this world / I'm just a slave here / At the mercy / Of a girl“, Gore war immer die treibende künstlerische Kraft der Gruppe, wie Pete Townshend bei The Who verdient er die Aufmerksamkeit und genießt sie mit stoischer Miene.

Gahan kehrt zurück, rudert mit den Armen, animiert in seiner glitzernden Weste das Publikum. Er ist schon ein begnadeter Entertainer, dieser Dave Gahan, seines schwarzen Jackets entledigt er sich nach wenigen Liedern, sein Hüftschwung, sein Bewegungsdrang sind legendär, er ist der Mick Jagger des Electro-Pops. 
 
Trentemøller, den dänischen Technogroßmeister, der den Abend als Support Act eröffnen sollte, verpasse ich. Früher als erwartet, beginnt das Konzert erwartungsgemäß mit „Welcome To My World“ dem Opener des aktuellen Albums, einer treibenden, sperrigen Electro-Hymne mit deutlichen Industrialanleihen und wachsender Klasse.

The angel of love was upon me / And Lord, I felt so small / The legs beneath me weakened / I began to crawl“, „Angel“ folgt und ich muss anerkennen, dass Depeche Mode mit „Delta Machine“ ein starkes Album gelang, das auch live funktioniert. 
 
2009 schaute ich mir die Echo-Verleihung an, weil Depeche Mode die erste Single ihrer damaligen Platte „Sounds Of The Universe“ erstmals vorstellten, so enttäuschend wie „Wrong“ war dann auch das Album, die folgende Tour interessierte mich plötzlich gar nicht mehr. Ganz anders erging es mir mit „Delta Machine“, doch im direkten Kontrast verdeutlicht die Band selbst, um wie viel größer vergangene Glanztaten erstrahlen.

Walking In My Shoes“, „Precious“, „Black Celebration“, „Policy Of Truth“, die Stimmung erreicht selbst auf den Rängen eine Stimmung, die ich mir in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle nebenan kaum vorstellen könnten. Ein riesiges Fußballstadion wirkt plötzlich heimeliger als die seelenlose Mehrzweckhalle, dass der Sound selbst auf der Haupttribüne solide, im Innenraum sicherlich großartig ist, spricht für die Entscheidung zum Stadionkonzert.

Vom 1997er Album Ultra gibt es das pulsierende „Barrel Of A Gun“, nachdem das neue „Should Be Higher“ etwas schleppend serviert wurde. Andrew „Fletch“ Fletcher steht nahezu regungslos mit schwarzer Sonnenbrille hinter seinem Keyboard, wirkt wie die Personifikation der Coolness. Die Zeit ging nicht spurlos vorbei an den drei 51-jährigen. Besonders Fletch und Gore sieht man das Alter deutlich an, während Dave Gahan, zumindest aus der Entfernung jugendlich erscheint. Seine Tätowierungen präsentierend verkörpert der Sänger mit den kurzen akkurat nach hinten gegelten Haaren den aussterbenden Typus des leidenschaftlichen Frontmann, wie kaum ein anderer seiner Generation. Dass seine Stimme trotz Erkältung wie eh und je klingt spricht für seine Klasse, auch wenn der schwarze Wollschal, den er zu keinem Zeitpunkt des Konzerts auszieht, ein wenig deplatziert wirkt. Er selbst beschreibt sich gerne als „The Cat“ und spielt damit darauf an, wie oft er dem Tod entging. In den 90ern stark Heroin und Kokain abhängig, von Depressionen geplagt, nach einer Überdosis im Koma liegend, verlangte er seinen Körper Unmenschliches ab. Mageninfektionen und eine Krebserkrankung später sieht man dem agilen Sänger seinen Leidensweg kaum an.

Seine Performance ist die eines leidenschaftlichen, obwohl er Anfang der 90er mit langen Haaren und Bart stark an eine Mischung Bono und Jesus erinnerte und Depeche Mode seitjeher einen ähnlichen Weg wie U2 gingen, indem sie in ihren Genre die Größten wurden, wirkt Gahans Bühnenverhalten ehrlicher. Ohne Messias-Komplex, dafür mit jeder Menge Charisma nimmt er das Publikum spielend für sich ein. Kein Wunder, dass diese Band weltweit so vergöttert wird. Besonders groß ist die Zahl der Anhänger freilich in Deutschland, hier gab die englische Band mehr Konzerte als in ihrer Heimat, füllt größere Hallen und Stadien in größerer Anzahl als irgend sonst. Selbstredend sind die acht Stadienkonzerte diesen Sommer in Deutschland durchweg ausverkauft – mit Stuttgart als Ausnahme. Im Winter wird man für ebenso viele Hallenshows zurückkehren. Eine beeindruckende Statistik, die vermutlich keine andere internationale Band vorweisen kann.

Nach der formschönen Soloshow Gores folgt „Heaven“, das meines Erachtens schönste Stück auf „Delta Machine“, ein undurchsichtiges Liebeslied, das den klaren Bariton Gahans ausgesprochen angenehm zur Geltung verhilft, mit „Soothe My Soul“ gibt es den treibendsten der neuen Lieder direkt im Anschluss, bevor „A Pain That I'm Used To“ vom letzten echten Meisterwerk der Band, „Playing The Angel“ von 2005, in einer langen, an den Jacques Lu Conts Remix angelehnten Version folgt. 
 
In den 80ern gelangen Depeche Mode zahllose brillante Singles; „Question Of Time“ heizt die Stuttgarter erwartungsgemäß ein, im Innenraum wird ausgelassen getanzt, auf den Rängen steht ohnehin fast keiner. 
 
Mittlerweile ist es relativ dunkel, die hoch ästhetischen Videos auf den Bildschirmen kommen umso besser zur Geltung, nach einem weiteren neuen Song, versetzen Depeche Mode die Zuschauer mit ihren wohl größten Hits in pure Ekstase. „Enjoy The Silence“ und „Personal Jesus“ werden direkt hintereinander gespielt, im Innenraum sieht man plötzlich nur noch Smartphone-Displays, seltsam. Dass „Goodbye“ vom neuen Album, das es direkt nach „Personal Jesus“ gibt, fast genauso klingt, ist ebenso seltsam und ja, auch ungeschickt.

Das perfekte „Home“ in einer reduzierten Version als erste Zugabe singt wieder Gore, spielt brillant Gitarre, bevor „Halo“ in der Goldfrapp Remix Version und die Hits „Just Can't Get Enough“ und „I Feel You“direkt folgen.

Wer über Hits dieser Klasse verfügt braucht keine opulente Bühne wie U2, die Stones oder mittlerweile auch Coldplay. Depeche Mode sind eine gereifte Band, die ihren künstlerischen Zenith längst überschritten hat, dennoch glaube ich nicht, dass es vermessen ist zu sagen, dass sich das Londoner Trio mit seinen beiden Livemitglieder, Christian Eigler (Schlagzeug) und Peter Gordeno (Keyboards) zu einer der aufregendsten Stadionbands der Welt entwickelt hat. 
Zum Schluss gibt es „Never Let Me Down Again“, die Menge tobt, Gahan schwenkt die Arme, das Publikum folgt. Es ist ein Augenblick des puren Glück.

We're flying high / We're watching the world pass us by / Never want to come down / Never want to put my feet back down / On the ground“.


Setlist, Depeche Mode, Stuttgart:

01: Welcome To My World
02: Angel
03: Walking In My Shoes
04: Precious
05: Black Celebration
06: Policy Of Truth
07: Should Be Higher
08: Barrel Of A Gun
09: Higher Love 
10: When The Body Speaks
11: Heaven
12: Soothe My Soul
13: A Pain That I'm Used To 
14: A Question Of Time
15: Secret To The End
16: Enjoy The Silence
17: Personal Jesus
18: Goodbye

19: Home (Z)
20: Halo (Z)
21: Just Can't Get Enough (Z)
22: I Feel You (Z)
23: Never Let Me Down Again (Z)


Links:
- aus unserem Archiv:
- Depeche Mode, Düsseldorf, 26.02.2010 

Samstag, 27. Februar 2010

Depeche Mode, Düsseldorf, 26.02.10

18 Kommentare

Konzert: Depeche Mode (& Nitzer Ebb)
Ort: esprit* Arena, Düsseldorf
Datum: 26.02.2010
Zuschauer: vielleicht 40.000 (nicht ganz ausverkauft)
Dauer: Depeche Mode 105 min, Nitzer Ebb (vermutlich) 60 min


Wenn mich jemand in den 80ern nach einer Lieblingsband gefragt hat, gab es nur eine Antwort: Depeche Mode, nichts anderes! Vorher hatte es ein paar unbedeutende Flirts gegeben, über die ich mich später wunderte, eine kurze intensive Mike Oldfield Phase; die erste große musikalische Liebe waren aber die komisch angezogenen und frisierten englischen Jungs, die mit Vorschlaghämmern auf Autos einschlugen und daraus Hits machten. Und die musste ich alle haben. Für jemanden mit Sammelanfälligkeit (und finanziell okayen Ferienjobs) war Depeche Mode ein Paradies aber auch eine Herausforderung herkulischen Ausmaßes, denn jedes Lied erschien als 7" und als 12" (und einigen wenigen 10"s, die ganz besonders toll waren), oft als Erstauflage in buntem Vinyl und in zig Remix-Varianten. Auch ohne Bootlegs häuften sich da Schallplatten an, für die so mancher Dinosaurier zu Erdöl werden mußte.

Irgendwann änderte sich mein Geschmack - und der der Band, mein Interesse versandete. Vorher hatte ich Depeche Mode zweimal gesehen: 1990 in Dortmund und 1993 auf einem Parkplatz in Garbsen, beide Konzerte waren nach damaligen Maßstäben gigantisch und weltbewegend.

Die 93er Platte Songs Of Faith And Devotion war aber auch die letzte, die ich bewußt gehört habe. Den Nachfolger von 1997 hatte ich zwar noch, mochte ihn aber nicht mehr. Darüber verlor ich auch alles restliche Interesse.

Im vergangenen Jahr kam dann aber die Frage, ob ich nicht mit nach Düsseldorf gehen wolle. Ja, warum eigentlich nicht?

Kurz vorher wurde das Konzert in der damals noch anders heißenden Dingsbums-Arena wegen einer Krebserkrankung von Dave Gahan abgesagt und auf Februar verschoben - eigentlich genug Gelegenheit, sich ein wenig vorzubereiten, denn weil die Setlist (Singular) der Tour (!) nach dem Auftaktkonzert in Luxemburg bekannt war, hätte ich die Stücke der letzten 13 Jahre, die jetzt zum Live-Repertoire gehören, ja einmal hören können. Habe ich nicht, und so kannte ich nur Wrong, die Single des aktuellen Albums, die mir gut gefällt.

Nach irren Staus, einem irren Parkplatz, einer Art Schülerlotsen, die uns Fußgänger über eine Straße vor dem Stadion begleiteten, kamen wir knapp zu spät am Stadion an, tschuldigung, an der Arena. Ausgeschildert war die allerdings wie ein Regionalliga-Stadion, an Türen klebten so wichtige Informationen wie Nummer der Tür und des Treppenaufgangs, sichtbar auszuhängen, um welchen Block es sich handelt, passte wohl nicht ins (durchaus gelungene) Designkonzept. Da ich aber ohnehin der Meinung bin, daß in der Regel Aussehen vor Funktionalität geht, war das schon in Ordnung, und wir fanden ja unsere Plätze.

Die waren sehr weit oben und gaben mir eine sehr ungewohnte Perspektive auf ein Konzert. Unten spielten Nitzer Ebb, die Helden der Electronic Body Music, die aus einer Zeitkapsel entstiegen zu sein schienen. Das war unterhaltsam und ein stimmiger Auftakt, bedeutete mir aber nicht so viel wie sicher vielen im Publikum, weil die Band schon damals nur am Rande zu meiner Musik gehörte. Da Nitzer Ebb auf Wunsch der Hauptgruppe auftraten, hatten sie auch einen ungewöhnlich langen Slot zugewiesen bekommen. Eine Stunde durfte Douglas McCarthy in sein Mikro schreien und lustig über die Bühne gehen, bevor dann um zehn nach neun die Depeche Modes begannen.

Richtig sympathisch war mir da zunächst, daß der ganz große Bühnenschnickschnack U2scher Dimensionen fehlte. Zwei Videowände und ein Metalldings über der Bühne waren alles.

Es begann mit drei Stücken von der aktuellen Platte, von denen ich nur Wrong kannte. Dave Gahans Stimme klang wie immer, der Sound war oben etwas dumpf, im Innenraum aber sicher gut, es passte also bestens.

Mein Konzert begann dann erst mit Walking in my shoes, einem der Songs Of Faith And Devotion. Das neue Album war zu diesem Zeitpunkt bereits abgearbeitet.** Danach wechselte das Programm recht gleichmäßig zwischen den Platten fünf (Black Celebration - ein Meisterwerk) bis neun (Ultra - keine Ahnung), Exciter, das 2001er Album wurde ganz ignoriert**, von dessen Nachfolger wurde nur Precious gespielt.** Eigentlich komisch, oder? Auf mich wirkt das so wie ein Statement "unsere besten Jahre waren Mitte der 80er bis Mitte der 90er - und vom neuen Album müssen wir halt was spielen, machen wir dann am Anfang." Natürlich habe ich nicht erwartet, eine der zahllosen Perlen der ganz frühen Bandphase zu hören, gefreut hätte es mich aber ungemein. Vielleicht dann beim 50. Bandjubiläum...

Mit der Beurteilung der mir weitestgehend unbekannten Stücke tue ich mich schwer. Umgehauen hat mich davon nichts. Die alten Bekannten gefielen mir sehr gut. Sie waren nicht kaputtarrangiert, klangen aber auch nicht verstaubt. Bei all den regelmäßig wiederkehrenden Retrowellen ist es ja auch kein Wunder, daß innovative Musik von damals auch heute noch zeitlos ist (nicht mehr zeitlos sein, ist auch ausgemachter Blödsinn...). Am besten gefielen mir erstaunlicherweise das eigentlich totgenudelte Enjoy the silence, natürlich A question of time und ganz besonders Policy of truth, am meisten im Ohr war mir nach Konzertende I feel you. Aber es gab dann auch noch besondere Knüller: die erste Zugabe zum Beispiel, das von Martin Gore alleine vorgetragene Dressed in black - ein besonderer Moment des Abends! Auch der sehr sehr ruhige Anfang von Personal Jesus, bevor eine Welle rheinischer Fröhlichkeit klatschend zuschlug, war grandios - oder das extrem zurückgenommene und dadurch verflucht charmante Stripped. Etwas lahm war nur Never let me down again.***

Tja, und als alle dann dachten, daß nach Personal Jesus noch ein zweiter Zugabenblock käme, war es sehr unvermittelt vorbei. Ohne Waiting for the night zum Beispiel.

Mit Herzblut bin ich bei Depeche Mode - und auch bei Stadionkonzerten dieses olympischen Ausmaßes - nicht mehr dabei, das haben Alter und unzählige brillante kleine Konzerte versaut. Aber wir hatten einen sehr guten Abend, das Konzert war sehr gut, und Depeche Mode füllen vollkommen zurecht Stadien bzw. Arenen. Sie waren früher die Allergrößten und
altern jetzt in Würde, ohne peinlich zu werden.

Der schönste Moment fand bei Policy of truth statt. Da liefen Videos mit Luftballons. Die (besser als ich) vorbereiteten Leute im Innenraum packten dazu mitgebrachte Ballons aus und hielten die hoch. Und zwar Tausende. Von oben war das ein ganz und gar wundervolles Bild!

Setlist Depeche Mode, esprit Arena, Düsseldorf:

01: In chains
02: Wrong
03: Hole to feed
04: Walking in my shoes
05: It's no good
06: A question of time
07: Precious
08: World in my eyes
09: Insight
10: Home
11: Miles away/The truth is

12: Policy of truth
13: In your room
14: I feel you
15: Enjoy the silence
16: Never let me down again

17: Dressed in black (Martin Gore solo) (Z)
18: Stripped (Z)
19: Behind the wheel (Z)
20: Personal Jesus (Z)


* so heißt sie gerade. Der Laden ändert aber seinen Namen schneller, als man papp sagen kann.
** jedenfalls denke ich das. Ein Lied habe ich nicht erkannt, vielleicht war das von Sounds of the universe
*** vor dem Konzert hatte ich mir nie Gedanken über Texte von Depeche Mode gemacht. Die handeln ja alle von Drogen! Tsss!




 

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