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Montag, 6. September 2010

Pete & The Pirates, Frankfurt, 05.09.10

2 Kommentare

Konzert: Pete & The Pirates
Ort: Yellowstage Tonstudio, Frankfurt
Datum: 05.09.2010
Zuschauer: knapp 80
Dauer: 70 min


Heute abend lief der letzte Frankfurter Tatort mit Andrea Sawatzki - oder in der gleichen Stadt ein Konzert mit einer von mir sehr geschätzten, allgemein aber wenig wahrgenommenen Band.

Auch wenn es sicher nicht die letzte Chance war, Pete & The Pirates live zu sehen, versprach der Auftritt der Band aus Reading den spannenderen Abend.

Vom Yellowstage Tonstudio hatte ich bisher nur gehört (u.a. hier), selbst da war ich noch nicht. Das Studio gehört zum Frankfurter Label Hazelwood Vinyl Plastics, bei dem ausgezeichnete Künstler wie The Broken Beats oder The Miserable Rich veröffentlichen. Es liegt in Rödelheim, das ich - das liegt auf der Hand - musikalisch bisher nur am Rande wahrgenommen habe (um Sabrina Setlur zu zitieren: "in meiner Kindheit gab es kein Ghetto")1.

Wir waren gegen halb neun da und fanden unseren Weg durch einige lange Gänge des Industriebaus dank der vielen Pete & The Pirates Schilder leicht ins Studio. Für ein Tonstudio wirkte der Raum mit den Backsteinmauern komisch geformt. Zumindest hatte ich bisher andere Vorstellungen. Da ich allerdings vom Musikaufnehmen überhaupt keine Ahnung habe, sind meine Vorstellungen reichlich egal.

Kurz nach neun begann eine heimische Vorgruppe, Rokoko aus Wiesbaden. Bei der fünfköpfigen Band, die auf deutsch sang, gefielen mir die Melodien und die Instrumentierung gut; das passte durchaus zur späteren Hauptgruppe und war gut ausgewählt. Der Gesang packte mich aber nicht, daher war ich wenig aufmerksam. Die spannendste Beschäftigung während des Auftritts war dann die Frage, wer der fünf Musiker gestern nichts getrunken hatte, denn der Sänger der Band hatte berichtet, 80% hätten einen Kater. Ich hielt erst den Keyboarder, dann aber den rechten Gitarristen (mit ironischem Schnauzbart) für den nicht-Trinker. Vor lauter spannendem Grübeln, hätte ich fast verpasst, daß es eine Zugabe der Wiesbadener gab. Dabei fragte ich mich dann, ob es spießig von mir ist, Zugaben von örtlichen Vorgruppen unangemessen zu finden, weil sie die Demut vor der eigentlichen Band des Abends ebenso missen lassen, wie das offensichtliche Nicht-Kennen des Hauptacts.

Es war also schon spät geworden, als die Hauptgruppe ihren Umbau machte. Wenn ich mich recht entsinne, war die Besetzung von Pete & The Pirates noch dieselbe wie bei meinen ersten Konzerten der Band. Auch die Engländer treten zu fünft auf. Neben den beiden Peters (Hefferan, Gitarre und Gesang und Cattermoul, Bass) sind dies Sänger Thomas Sanders, Gitarrist David Thorpe und Schlagzeuger Jonny Sanders.

Gegen 22.15 h begannen die Engländer ihr Set mit Bright lights von ihrem tollen 2008er Debütalbum Little death. Und auch nachdem ich mit einem recht aktuellen Maccabees-Konzert die artverwandten Musiker noch recht frisch im Ohr hatte, kamen mir Pete & The Pirates absolut nicht wie ein Abklatsch vor. Die Lieder mit ihren vielen Melodiebrüchen, überhaupt das Melodieverliebte der Musik, die Wechsel zwischen leisen und lauten Passagen und die teils mehrstimmigen Gesänge verbinden beide Bands, gar keine Frage. Pete & The Pirates sind aber trotzdem sehr eigenständig und unbedingt hörenswert! Sprich: ich mochte den Auftaktsong schon sehr!

Es folgten (halb)neue Stücke.
Things that go bump in the night (oder Things that go bump?) und Motorbike sind schon lange im Repertoire der Band, sind bisher aber unveröffentlicht. Da die Band gerade an ihrer zweiten Platte arbeitet, werden diese Stücke wohl darauf erscheinen.

In die gleiche Kategorie gehörten Cold black kitty, Can't fish, Washing powder, Little gun und United, die die Band zum Teil schon 2008 und 2009 gespielt hat. Ganz neu für mich war eines der schönsten Stücke des Abends,
Half Moon Street, das von Thomas Sanders' anderer Band Tap Tap stammt.

Der Sänger stand überhaupt mehr im Mittelpunkt, als ich das in Erinnerung hatte. Durch seinen ungewöhnlichen Singstil fällt Thomas immer auf. Er macht das Mikro oft los, nimmt es in beide Hände, hält es recht weit von Körper weg und wandert während des Singens (und singt dabei erstaunlich sauber). Ich rätsele immer noch, an wen er mich damit erinnert (Morrissey? The Twang? Die Housemartins?). In meiner Erinnerung hatte Co-Sänger Peter Hefferan viel größere Gesangsanteile. Heute war ganz deutlich Thomas der Sänger, Peter und Jonny sangen Zweit- oder Drittstimme.

Vermutlich täuschte mich mein Gedächtnis, denn musikalisch war der Abend keinen Deut schlechter als mein erstes Konzert der Band in Köln 2008. Wie auch bei Liedern wie Jennifer, Blood gets thin (dieser lustige Rock Lobster Rhythmus!), She doesn't belong to me, Mr. Unterstanding oder Come on feet?

Nach Rokoko hatte ich Bedenken, daß viele der enthusiastischen Klatscher Freunde der Rheinhessen wären, die anschließend nach der Vorgruppe gehen würden. Auch die Einschätzung war Unsinn, die Stimmung während der Piratenfreunde war hervorragend, für die Band vielleicht zu gut. Denn auch nach den beiden eingeplanten Zugaben hatten die Zuschauer nicht genug. Nach ewig langer Zeit kam die sichtlich verunsicherte Band zurück, erklärte, man komme niemals noch ein zweites Mal raus, spielte aber trotzdem mit Wrong man und Not a friend zwei weitere Stücke - pannenfrei.

Für mich bot der Abend allerlei Erkenntnisse: Konzerte sind Fernsehkrimis immer vorzuziehen, das Yellowstage ist trotz der Raucherlaubnis eine echte Konzertsaalbereicherung und Pete & The Pirates sind eine ausgezeichnete Band, nur leider viel zu wenig bekannt. Aber das wusste ich ja schon vorher.


Setlist Pete & The Pirates, Yellowstage, Frankfurt:

01: Bright lights
02: Things that go bump in the night
03: Motorbike
04: She doesn't belong to me
05: Can't fish
06: Cold black kitty
07: Lost in the woods
08: Jennifer
09: Half Moon Street (Tap Tap "Cover")
10: Knots
11: United
12: Washing powder
13: Little gun
14: Mr. Understanding
15: Blood gets thin

16: Eyes like tar (Z)
17: Come on feet (Z)

18: Wrong man (?) (Z)
19: Not a friend (Z)

Links:

- aus unserem Archiv:
- Pete & The Pirates, Luxemburg (Support Maximo Park), 19.10.09
- Pete & The Pirates, Köln, 26.09.08
- Pete & The Pirates, Paris, 18.03.08
- unser Interview mit Pete & The Pirates


1 bei Harald Schmidt vor vielen Jahren

Fotos folgen!




Dienstag, 18. Mai 2010

Sophia, Frankfurt, 15.05.10

2 Kommentare

Konzert: Sophia

Ort: Yellowstage, Frankfurt-Rödelheim
Datum: 15.05.2010


Neulich als in Rödelheim zur Akustikgitarre gesungen wurde

- von Ursula von Neulich als ich dachte -

Rödelheim kennt man als musikinteressierter Mensch wohl nur als Ursprungsort peinlicher deutscher Hip Hop-Projekte, doch gestern Abend gab es einen anderen Grund, hinzufahren: Als Teil seiner aktuellen Tournee „At Home with Sophia“ trat im Tonstudio Yellowstage Robin Proper-Sheppard alias Sophia auf.

Das Konzept dieser Tournee besteht darin, die Songs allein auf der Akustikgitarre an kleinen, intimen Spielorten aufzuführen, und so war das Tonstudio nicht nur eher schwer zu finden, sondern es fasste auch nur um die 100 Leute, die sich auf Bierbänken scharten, während auf der Bühne zunächst ein Tonbandgerät lief.

Herr Proper-Sheppard ist dafür bekannt, etwas empfindlich, um nicht zu sagen launisch zu sein, wenn ihn bei seinen Auftritten etwas stört. Unsere Sitzplätze in der zweiten Reihe in gefühlten 10 cm Abstand zur Bühne ließen uns deshalb kaum frei atmen – was, wenn wir durch ein falsches Geräusch, Geschwätz oder einen gelangweilten Gesichtsausdruck den Meister verärgern würden?

Wir sorgten uns, während wir das Bühnenbild betrachteten: Neben dem erwähnten Tonband gab es auch postergroße Drucke von Albumcover, wobei die hier enthaltene Pappheizung auf höchster Stufe zu laufen schien - oder war das der Angstschweiß?

Als Robin schließlich die Bühne betrat, das Tonbandgerät abschaltete und das erste Lied Heartache spielte, trug er nicht zur Entspannung bei, denn er brach den Song ab und erklärte, dieses Lied habe er nun selbst versemmelt, normalerweise sei aber das Publikum schuld. Außerdem ermahnte er uns zur absoluten Stille, da das gesamte Konzert aufgezeichnet werde und man durch das Spezialmikrophon jeden Mucks hören könne.

Dennoch, grundsätzlich war er gut gelaunt, streifte seine Lackschuhe ab und begann den nächsten Song So Slow, der manchen Konzertbesucher zu Tränen rührte.

Die Setliste, erklärte er uns, bestand im Wesentlichen aus den Musikwünschen einer extra aus Italien für das Konzert angereisten Tanja (dem „number one fan from Italy“), die sich nicht weniger als 25 Lieder gewünscht hatte. Robin hatte versucht, diese in ein sinnvolles Listenformat zu bringen, dabei aber keinen Erfolg gehabt. Letztendlich spielte er dann alles von der entworfenen Liste und einiges zusätzlich (Swept Back, Another Trauma, Holidays Are Nice, Lost, Directionless), nicht ohne anzumahnen, dass niemand der deutschen Zuschauer Wunschsongs für das Konzert eingereicht hatte – das wäre nämlich vorab per E-Mail möglich und auch erwünscht gewesen.

Nach einigen weiteren traurigen und aufrüttelnden Liedern kam es zum nächsten Ärgernis, denn an den leisen Stellen waren plötzlich leise aber deutlich Fernsehgeräusche (wohl vom DFB-Pokalendspiel) zu hören. Herr Sophia bat erst von der Bühne aus darum, den Fernseher, wo auch immer er sei, auszuschalten; als nichts passierte, wurde es ernst: Mit dem Hinweis, dass „all hell will break loose“, begab er sich nach nebenan, und fast erwartete man, demnächst einen entsetzten Todesschrei zu hören und zu sehen, wie die blutverschmierten Überreste des Fernseh-Störers an die eigentlich abgehängte Scheibe des Nebenraums fliegen würden.

Nichts dergleichen geschah, Robin kehrte aufgeräumt zurück und erklärte, das Geräusch komme aus dem Nachbarhaus, und die Nachbarn könne er nicht verprügeln, weil er bereits seine Schuhe ausgezogen habe. Außerdem würde er bei viel mehr Lärm komponieren, also sollte das Performen auch bei ein bisschen Fernsehradau funktionieren.

Tatsächlich gab es also offenbar keinen Grund, Angst zu haben, und auch nach dem Konzert begab sich der Sänger unverzüglich an den Merchandise-Stand, nötigte alle Besucher, sich in die Liste für den kostenlosen Erhalt der Konzertaufnahme einzutragen, verkaufte seine CDs und signierte bereitwillig. Nett.

Auch Selbstironie ist ihm nicht fremd – so erwähnte er nach einer Pause zum Getränkeholen, auch für ihn sei es anstrengend, die eigenen Songs für zwei Stunden zu akustischer Gitarre zu präsentieren, weil sie selbst ihn deprimieren würden. Der Veranstalter des luxemburgischen Konzerts derselben Tournee habe angesichts der Ankündigung, zwei Stunden spielen zu wollen, mit den besorgten Worten „You know, your music is not so bright“ reagiert.

Die in Frankfurt begeistert aufgenommene geballte Schmerzdosis fand schließlich ihr Ende, und das Konzert schloss mit einer Zugabe von drei Liedern: The Last Dance, You Are My Everything (Coverversion eines Anna Ternheim-Lieds) und There Are No Goodbyes.

Das ganze in der Musik transportierte Leid ist dabei durchaus authentisch. Lied um Lied drehte sich um Trennungen, unerwiderte Liebe, Enttäuschungen, den Krebstod der Mutter und menschliche Tragödien, und während den Erläuterungen zum Inhalt eines Liedes erwähnte der Autor und Sänger, dass er bisweilen gefragt werde, ob die Lieder alle auf persönlichen Erfahrungen beruhten. Die Antwort: „Every fucking word.“



 

Konzerttagebuch © 2010

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