Konzert: The Sisters Of Mercy (& I Like Trains)
Ort: E-Werk, Köln
Datum: 06.03.2009
Zuschauer: ausverkauft
Dauer: The Sisters Of Mercy 85 min, I Like Trains 35 min
Wieder einmal solch ein Spontanentschluß, mit denen ich so oft schon großes Glück hatte. Mit den Sisters Of Mercy sollte eine meiner Lieblingsbands - vor 20 Jahren - im Kölner E-Werk auftreten. Das hätte noch nicht ausgereicht, nach
Köln zu fahren. Doch eine meiner aktuellen Lieblingsgruppen, I Like Trains (früher: iLiKETRAiNS), sollte supporten; so war ich auch erst darauf aufmerksam geworden, daß Andrew Eldritch und Band auf Tour sind.
Im E-Werk war ich viel zu lange nicht mehr. Wie gut doch diese Kulisse zu dem passte, was ich erwartete! Meine ersten Wünsche wurden sofort erfüllt, denn das Publikum sah zu großen Teilen exakt so aus, wie sich das für ein Sisters Konzert (meiner Vorstellung nach) gehört. Schwarz ist das neue Schwarz... Lackhosen, Röcke, die man in Supermärkten oder Banken eher selten sieht, Sisters Of Mercy T-Shirts jeglichen Alters und Zustands und ganz wundervolle Frisuren. Bei den Ende dreißig bis Mitte vierzig Jahre alten Männern fiel mir auf, wie pragmatisch doch Wave- oder Goth-Frisuren sind. Geheimratsecken sind bei Trägern dieser Stile nämlich kein akutes Problem, die Seiten sind wegrasiert, die Haare sehen ewig jung aus. Praktisch!
Das Publikum scheint sich aber doch verändert zu haben, denn ich bekam ein fachmännisches Urteil eines Nachbar mit, der seit den 80er zu der Band aus
Leeds geht (also zu der alten; I Like Trains kommen ja auch aus der nordenglischen Stadt): "Es ist weniger schwarz als früher." Nun denn!
Die weniger-schwarz-Aussage galt nicht für die Vorgruppe. I Like Trains, die im vergangenen Jahr einiges verändert haben (wir haben darüber geschrieben), trugen nicht mehr die vertrauten weißen Hemden mit Trauerflor. Sänger David Martin und seine Kollegen Gitarrist Guy Bannister, Bassist Alistair Bowis und Schlagzeuger Simon Fogal hatten dunkle Uniformen an. Ob das englische Bahn-Juppen waren, weiß ich nicht, eher sahen sie nach Marine-Jacken aus. David trug zwei Streifen am Arm, die andern einen, alles streng hierarchisch.
Um halb neun begannen I Like Trains mit Terra Nova. Mein dauerhaftes Einreden, ich sollte bloß die Band nicht mit der Zeit vor der Trennung von ihrem Hornisten (und der damit fehlenden visuellen Unterstützung der Lieder) vergleichen, scheint aufzugehen; der Auftritt, der folgte, fand ohne faden Beigeschmack statt. Das E-Werk mit seiner kühlen Industrie-Architektur, heute mit sensationellem Licht ausgeleuchtet, der Nebel... all
das passte vollkommen perfekt zur düsteren, beeindruckenden Musik der (jungen) Leedser - oder mit mehr Pathos: I Like Trains spielten so etwas wie den Soundtrack zum E-Werk und Terra Nova war der perfekte Song für dessen Beginn.
Das nächste Stück kannte ich nicht. Divorce before marriage ist neu und wurde auf dieser Support-Tour, aber noch nicht im November vergangenen Jahres gespielt. Damals war mir bei einem der beiden im Pretty Vacant gespielten Lieder aufgefallen, daß es eine fröhlichere Melodie als die veröffentlichen I Like Trains Songs hat. Auch Divorce before marriage mit der Refrainzeile "Close your bright eyes" hörte sich eine Ecke weniger düster an. Es ist immer noch tieftraurig, nicht daß ich da falsche Eindrücke hinterlasse. Dafür sorgt schon Davids Stimme. Aber verglichen mit solchen Horror-Songs wie Stainless steel, ist Divorce before marriage lebensbejahend. Vermutlich handelt das Stück aber von einer unfassbar tragischen Geschichte, die ich aber leider noch nicht kenne. Bemerkenswert bei dem Lied war auch, daß Alistair und vor allem Guy (hierbei am Keyboard) eine ganze Background-Strophe gesungen haben. Vielleicht macht alleine das - nämlich die andere Stimmlage - schon einen helleren Eindruck.
Es folgte ein weiteres neues Lied. "Das ist unsere neue Single, sie heißt A sea of regrets." Die Melodie des Stücks ist anfangs noch fröhlicher als die von
Divorce before marriage. Ganz offensichtlich verändert sich die Band hier, was ich als schade empfände. Allerdings schlägt A Sea of regrets einen anderen Weg ein, denn das Stück wird schneller, dunkler und lauter, bis es nach ewigen Zeiten in den so typischen I Like Trains Gitarren mündet, gespielt von zappelnden Bandmitglieder. Fabelhaft, ohne Abstriche! Meine Gedanken vorher, daß diese optimistischen Songs ein Zugeständnis an den berechtigten Wunsch nach größerem kommerziellen Erfolg sind, spülte der herrliche Krach leicht und locker weg! I Like Trains haben sich weiterentwickelt, große Angst habe ich aber nicht vor dem wann auch immer kommenden Album.
Nach ein paar kleineren Problemen mit Davids Gitarre folgte ein grandioses The voice of reason. Höhepunkt dieser 35 sehr guten Minuten war allerdings Spencer Perceval zum Abschluß, dieses ewig lange Stück über einen im 19. Jhd. ermordeten britischen Premier. Aufregend dabei war vor allem die zweite Stimme des Keyboarders und Gitarristen Guy. Auf Platte war mir nie so richtig aufgefallen, wie schön die Stellen gegen Ende sind, an denen David und Guy singen. Und irgendwann schrammelten sie wieder ihre Instrumente in Grund und Boden und hinterließen ein beeindrucktes E-Werk. Glaube ich zumindest. Es könnte aber auch sein, daß I Like Trains dem Publikum etwas zu düster waren - mir gefielen iLiKETRAiNS 2.0 sehr gut, und Applaus gab es reichlich.
Setlist I Like Trains, E-Werk, Köln:
01: Terra Nova
02: Divorce before marriage (neu)
03: A sea of regrets (neu)
09: Susanne
10: Arms (neu)
11: Dominion
12: Mother Russia
13: Summer
14: First and last and always
15: This corrosion
16: Flood II
17: Something fast (Z)
18: Vision thing (Z)
19: Lucretia (Z)
20: Top Nite Out (instr.) (Z)
21: Temple of love (Z)
Aus unserem Archiv:
- I Like Trains, Düsseldorf, 28.11.08
- iLiKETRAiNS, Frankfurt, 15.04.08
- iLiKETRAiNS, Paris, 08.04.08
- iLiKETRAiNS, Köln, 16.11.07
- iLiKETRAiNS, Paris, 31.10.07
- iLiKETRAiNS, Paris, 12.10.06
- Fotos aus dem E-Werk
Ort: E-Werk, Köln
Datum: 06.03.2009
Zuschauer: ausverkauft
Dauer: The Sisters Of Mercy 85 min, I Like Trains 35 min
Wieder einmal solch ein Spontanentschluß, mit denen ich so oft schon großes Glück hatte. Mit den Sisters Of Mercy sollte eine meiner Lieblingsbands - vor 20 Jahren - im Kölner E-Werk auftreten. Das hätte noch nicht ausgereicht, nach
Köln zu fahren. Doch eine meiner aktuellen Lieblingsgruppen, I Like Trains (früher: iLiKETRAiNS), sollte supporten; so war ich auch erst darauf aufmerksam geworden, daß Andrew Eldritch und Band auf Tour sind.Im E-Werk war ich viel zu lange nicht mehr. Wie gut doch diese Kulisse zu dem passte, was ich erwartete! Meine ersten Wünsche wurden sofort erfüllt, denn das Publikum sah zu großen Teilen exakt so aus, wie sich das für ein Sisters Konzert (meiner Vorstellung nach) gehört. Schwarz ist das neue Schwarz... Lackhosen, Röcke, die man in Supermärkten oder Banken eher selten sieht, Sisters Of Mercy T-Shirts jeglichen Alters und Zustands und ganz wundervolle Frisuren. Bei den Ende dreißig bis Mitte vierzig Jahre alten Männern fiel mir auf, wie pragmatisch doch Wave- oder Goth-Frisuren sind. Geheimratsecken sind bei Trägern dieser Stile nämlich kein akutes Problem, die Seiten sind wegrasiert, die Haare sehen ewig jung aus. Praktisch!
Das Publikum scheint sich aber doch verändert zu haben, denn ich bekam ein fachmännisches Urteil eines Nachbar mit, der seit den 80er zu der Band aus
Leeds geht (also zu der alten; I Like Trains kommen ja auch aus der nordenglischen Stadt): "Es ist weniger schwarz als früher." Nun denn!Die weniger-schwarz-Aussage galt nicht für die Vorgruppe. I Like Trains, die im vergangenen Jahr einiges verändert haben (wir haben darüber geschrieben), trugen nicht mehr die vertrauten weißen Hemden mit Trauerflor. Sänger David Martin und seine Kollegen Gitarrist Guy Bannister, Bassist Alistair Bowis und Schlagzeuger Simon Fogal hatten dunkle Uniformen an. Ob das englische Bahn-Juppen waren, weiß ich nicht, eher sahen sie nach Marine-Jacken aus. David trug zwei Streifen am Arm, die andern einen, alles streng hierarchisch.
Um halb neun begannen I Like Trains mit Terra Nova. Mein dauerhaftes Einreden, ich sollte bloß die Band nicht mit der Zeit vor der Trennung von ihrem Hornisten (und der damit fehlenden visuellen Unterstützung der Lieder) vergleichen, scheint aufzugehen; der Auftritt, der folgte, fand ohne faden Beigeschmack statt. Das E-Werk mit seiner kühlen Industrie-Architektur, heute mit sensationellem Licht ausgeleuchtet, der Nebel... all
das passte vollkommen perfekt zur düsteren, beeindruckenden Musik der (jungen) Leedser - oder mit mehr Pathos: I Like Trains spielten so etwas wie den Soundtrack zum E-Werk und Terra Nova war der perfekte Song für dessen Beginn.Das nächste Stück kannte ich nicht. Divorce before marriage ist neu und wurde auf dieser Support-Tour, aber noch nicht im November vergangenen Jahres gespielt. Damals war mir bei einem der beiden im Pretty Vacant gespielten Lieder aufgefallen, daß es eine fröhlichere Melodie als die veröffentlichen I Like Trains Songs hat. Auch Divorce before marriage mit der Refrainzeile "Close your bright eyes" hörte sich eine Ecke weniger düster an. Es ist immer noch tieftraurig, nicht daß ich da falsche Eindrücke hinterlasse. Dafür sorgt schon Davids Stimme. Aber verglichen mit solchen Horror-Songs wie Stainless steel, ist Divorce before marriage lebensbejahend. Vermutlich handelt das Stück aber von einer unfassbar tragischen Geschichte, die ich aber leider noch nicht kenne. Bemerkenswert bei dem Lied war auch, daß Alistair und vor allem Guy (hierbei am Keyboard) eine ganze Background-Strophe gesungen haben. Vielleicht macht alleine das - nämlich die andere Stimmlage - schon einen helleren Eindruck.
Es folgte ein weiteres neues Lied. "Das ist unsere neue Single, sie heißt A sea of regrets." Die Melodie des Stücks ist anfangs noch fröhlicher als die von
Divorce before marriage. Ganz offensichtlich verändert sich die Band hier, was ich als schade empfände. Allerdings schlägt A Sea of regrets einen anderen Weg ein, denn das Stück wird schneller, dunkler und lauter, bis es nach ewigen Zeiten in den so typischen I Like Trains Gitarren mündet, gespielt von zappelnden Bandmitglieder. Fabelhaft, ohne Abstriche! Meine Gedanken vorher, daß diese optimistischen Songs ein Zugeständnis an den berechtigten Wunsch nach größerem kommerziellen Erfolg sind, spülte der herrliche Krach leicht und locker weg! I Like Trains haben sich weiterentwickelt, große Angst habe ich aber nicht vor dem wann auch immer kommenden Album.Nach ein paar kleineren Problemen mit Davids Gitarre folgte ein grandioses The voice of reason. Höhepunkt dieser 35 sehr guten Minuten war allerdings Spencer Perceval zum Abschluß, dieses ewig lange Stück über einen im 19. Jhd. ermordeten britischen Premier. Aufregend dabei war vor allem die zweite Stimme des Keyboarders und Gitarristen Guy. Auf Platte war mir nie so richtig aufgefallen, wie schön die Stellen gegen Ende sind, an denen David und Guy singen. Und irgendwann schrammelten sie wieder ihre Instrumente in Grund und Boden und hinterließen ein beeindrucktes E-Werk. Glaube ich zumindest. Es könnte aber auch sein, daß I Like Trains dem Publikum etwas zu düster waren - mir gefielen iLiKETRAiNS 2.0 sehr gut, und Applaus gab es reichlich.
Setlist I Like Trains, E-Werk, Köln:
01: Terra Nova
02: Divorce before marriage (neu)
03: A sea of regrets (neu)
04: The voice of reason
05: Spencer Perceval
Dann wurde es scheußlich...
Obwohl ich schon beim Opener Crash and burn dachte, daß irgendetwas ganz schrecklich schief laufe, wurde die wahre Qualität des Abends erst nach und nach deutlich. Ribbons (einmal ein Hit) und Train liefen auch noch vollkommen an mir vorbei, bevor sich langsam der Nebel senkte.
Sänger und (vormals) Mastermind Andrew Eldritch trug Glatze und die alberne
Sonnenbrille, die er immer schon hatte, Militaryhosen und ein schwarzes offenes Hemd. Ausgestattet war er mit einem Funkmikro, das er meist beidhändig benutzte. Begleitet wurde er von einem Gitarristen und einem Bassisten (auf der anderen Seite der Bühne; ich bin recht sicher, daß er Bass und nicht auch Gitarre spielte). Der Gitarrist, ein Schönling mit langer, lockiger Frisur, poste ohne Unterlaß mit einem Bein auf der Monitorbox und spielte Guitar Hero. Sein Bass-Kollege (Namen kenne ich nicht, mag ich aber entgegen anderer Gewohnheiten auch nicht raussuchen), eigentlich auch Glatzkopf, hatte ein paar Resthaare zu einer Igelfrisur gebastelt und eine Sonnenbrille "im Haar". Solche Typen sieht man sonst nur in Ballermann Reportagen auf Kabel 1 oder bei Big Brother. Offenbar hatte Igel mit Poser
gewettet, wer die schlechteren Posen hinbekomme. Ich möchte das nicht entscheiden müssen, beide waren unerträglich. Andrew rannte in der Zwischenzeit über die Bühne und sang oder brüllte in sein Mikro.
Äußerlichkeiten, dachte ich noch. Aber das war es eben nicht, denn viel schlimmer als die Outfits waren die musikalischen Qualitäten. Da ich recht früh in der Sisters Geschichte ausgestigen bin, kannte ich wenige der späteren Sachen. Aber ich erkannte auch die so vertrauten Lieder kaum, weil sie so schäbig und seelenlos runtergespult wurden. Neben den drei Musikern gab es niemanden auf der Bühne. Bitte korrigiert mich, wenn ich die einfach übersehen haben sollte. Im dichten Nebel möchte ich das nicht komplett ausschließen, ich gehe aber nicht davon aus. Schlagzeug und alles andere
kam also vom Band. Vermutlich dachte sich Eldritch, was bei Madonna klappt, muß bei mir auch funktionieren.
Das Konzert lief dann also so ab, daß sich die drei Schießbudenfiguren nach einem Lied - und dem immer kleiner werdenden Applaus - wieder aufstellten, recht schnell das nächste Playback startete und die beiden von Right Said Fred und der Bon Jovi Imitator einstiegen, um schlechte Coverversionen der Sisters Of Mercy Lieder zu spielen. Heute morgen habe ich im Radio zwei Ausgehtips gehört. In Rüdesheim gab es ein Konzert der Coverband Die Fachärzte, irgendwo in der Nähe eine klingt-wie-U2-Band. Ich bin sehr sicher, beide haben das Programm ihrer Vorlagenbands besser drauf als die Sisters Of Mercy.
Ich war ganz froh, daß viele Lieder kamen, die ich nicht kannte, denn die waren zwar
schlecht, haben mich aber nicht enttäuscht. Songs wie Flood I dagegen waren schlicht eine Unverschämtheit. Ganz besonders gruselig hörte sich Marian an, dieser Knüller mit deutschem Teil-Text. Als Krönung hatte hier der alberne Gitarrist intensive Gesangsparts, die das Lied in Grund und Boden stampften.
Aber da war ich lange schon über den Punkt hinaus, mich zu ärgern. Mir war es egal, was da passierte. Mein einziger verbleibender Wunsch war, daß nicht 1959 gespielt würde, damit ich mein liebstes Lied der Band irgendwann noch einmal wertfrei hören kann.
Eine dreiminütige (!) This corrosion Karaoke Nummer belehrte mich dann noch einmal, daß es immer noch schlechter werden kann. Allerdings bin ich recht sicher, damit schon das ekelhafteste Livelied des Jahres gehört zu haben, auch wenn irgendwann noch LaFee kommen sollte.
Auch die beiden Zugabenblöcke sollten irgendwie überstanden werden. Eigentlich hielt mich aber schon ab der Mitte des Konzerts nur noch die Aussicht, durch das proppevolle E-Werk gehen zu müssen, davon ab, früher abzuhauen. Und eine gewisse Sensationsgier, nur wirklich über das schreiben zu wollen, was ich ganz gesehen habe.
Das beste Lied des Sets war Vision thing, aber auch danach kam mit Temple of love noch ein echter Tiefschlag.
Mir taten all die Leute leid, die 50 oder 60 Euro für diese Unverschämtheit bezahlt haben! Die einen
musikalischen Selbstmord ihrer alten Lieblinge erleben mussten. Ich habe mich am Mittag noch über die Idioten totgelacht, die im Sommer in London Michael Jackson raus aus den Schulden helfen. Abends war ich einer von ihnen. Ähnlich wie bei Jacko war auch bei den Sisters Of Mercy der Nebel das einzig Echte.
Aber in jedem Dunkel gibt es dann auf wundersame Weise wieder ein Lichtlein. Denn ein wundervolles Lied sollte noch kommen: Where is my mind von den Pixies. Auch vom Band, nachdem die Sisters Of Mercy die Bühne verlassen hatten. Und ein schönes Fazit des Abends.
Setlist The Sisters Of Mercy, E-Werk, Köln:
01: Crash and burn
02: Ribbons
03: Train
04: Alice
05: Flood I
06: Floorshow
07: Anaconda
08: Marian05: Spencer Perceval
Dann wurde es scheußlich...
Obwohl ich schon beim Opener Crash and burn dachte, daß irgendetwas ganz schrecklich schief laufe, wurde die wahre Qualität des Abends erst nach und nach deutlich. Ribbons (einmal ein Hit) und Train liefen auch noch vollkommen an mir vorbei, bevor sich langsam der Nebel senkte.
Sänger und (vormals) Mastermind Andrew Eldritch trug Glatze und die alberne
Sonnenbrille, die er immer schon hatte, Militaryhosen und ein schwarzes offenes Hemd. Ausgestattet war er mit einem Funkmikro, das er meist beidhändig benutzte. Begleitet wurde er von einem Gitarristen und einem Bassisten (auf der anderen Seite der Bühne; ich bin recht sicher, daß er Bass und nicht auch Gitarre spielte). Der Gitarrist, ein Schönling mit langer, lockiger Frisur, poste ohne Unterlaß mit einem Bein auf der Monitorbox und spielte Guitar Hero. Sein Bass-Kollege (Namen kenne ich nicht, mag ich aber entgegen anderer Gewohnheiten auch nicht raussuchen), eigentlich auch Glatzkopf, hatte ein paar Resthaare zu einer Igelfrisur gebastelt und eine Sonnenbrille "im Haar". Solche Typen sieht man sonst nur in Ballermann Reportagen auf Kabel 1 oder bei Big Brother. Offenbar hatte Igel mit Poser
gewettet, wer die schlechteren Posen hinbekomme. Ich möchte das nicht entscheiden müssen, beide waren unerträglich. Andrew rannte in der Zwischenzeit über die Bühne und sang oder brüllte in sein Mikro.Äußerlichkeiten, dachte ich noch. Aber das war es eben nicht, denn viel schlimmer als die Outfits waren die musikalischen Qualitäten. Da ich recht früh in der Sisters Geschichte ausgestigen bin, kannte ich wenige der späteren Sachen. Aber ich erkannte auch die so vertrauten Lieder kaum, weil sie so schäbig und seelenlos runtergespult wurden. Neben den drei Musikern gab es niemanden auf der Bühne. Bitte korrigiert mich, wenn ich die einfach übersehen haben sollte. Im dichten Nebel möchte ich das nicht komplett ausschließen, ich gehe aber nicht davon aus. Schlagzeug und alles andere
kam also vom Band. Vermutlich dachte sich Eldritch, was bei Madonna klappt, muß bei mir auch funktionieren.Das Konzert lief dann also so ab, daß sich die drei Schießbudenfiguren nach einem Lied - und dem immer kleiner werdenden Applaus - wieder aufstellten, recht schnell das nächste Playback startete und die beiden von Right Said Fred und der Bon Jovi Imitator einstiegen, um schlechte Coverversionen der Sisters Of Mercy Lieder zu spielen. Heute morgen habe ich im Radio zwei Ausgehtips gehört. In Rüdesheim gab es ein Konzert der Coverband Die Fachärzte, irgendwo in der Nähe eine klingt-wie-U2-Band. Ich bin sehr sicher, beide haben das Programm ihrer Vorlagenbands besser drauf als die Sisters Of Mercy.
Ich war ganz froh, daß viele Lieder kamen, die ich nicht kannte, denn die waren zwar
schlecht, haben mich aber nicht enttäuscht. Songs wie Flood I dagegen waren schlicht eine Unverschämtheit. Ganz besonders gruselig hörte sich Marian an, dieser Knüller mit deutschem Teil-Text. Als Krönung hatte hier der alberne Gitarrist intensive Gesangsparts, die das Lied in Grund und Boden stampften.Aber da war ich lange schon über den Punkt hinaus, mich zu ärgern. Mir war es egal, was da passierte. Mein einziger verbleibender Wunsch war, daß nicht 1959 gespielt würde, damit ich mein liebstes Lied der Band irgendwann noch einmal wertfrei hören kann.
Eine dreiminütige (!) This corrosion Karaoke Nummer belehrte mich dann noch einmal, daß es immer noch schlechter werden kann. Allerdings bin ich recht sicher, damit schon das ekelhafteste Livelied des Jahres gehört zu haben, auch wenn irgendwann noch LaFee kommen sollte.Auch die beiden Zugabenblöcke sollten irgendwie überstanden werden. Eigentlich hielt mich aber schon ab der Mitte des Konzerts nur noch die Aussicht, durch das proppevolle E-Werk gehen zu müssen, davon ab, früher abzuhauen. Und eine gewisse Sensationsgier, nur wirklich über das schreiben zu wollen, was ich ganz gesehen habe.
Das beste Lied des Sets war Vision thing, aber auch danach kam mit Temple of love noch ein echter Tiefschlag.
Mir taten all die Leute leid, die 50 oder 60 Euro für diese Unverschämtheit bezahlt haben! Die einen
musikalischen Selbstmord ihrer alten Lieblinge erleben mussten. Ich habe mich am Mittag noch über die Idioten totgelacht, die im Sommer in London Michael Jackson raus aus den Schulden helfen. Abends war ich einer von ihnen. Ähnlich wie bei Jacko war auch bei den Sisters Of Mercy der Nebel das einzig Echte.Aber in jedem Dunkel gibt es dann auf wundersame Weise wieder ein Lichtlein. Denn ein wundervolles Lied sollte noch kommen: Where is my mind von den Pixies. Auch vom Band, nachdem die Sisters Of Mercy die Bühne verlassen hatten. Und ein schönes Fazit des Abends.
Setlist The Sisters Of Mercy, E-Werk, Köln:
01: Crash and burn
02: Ribbons
03: Train
04: Alice
05: Flood I
06: Floorshow
07: Anaconda
09: Susanne
10: Arms (neu)
11: Dominion
12: Mother Russia
13: Summer
14: First and last and always
15: This corrosion
16: Flood II
17: Something fast (Z)
18: Vision thing (Z)
19: Lucretia (Z)
20: Top Nite Out (instr.) (Z)
21: Temple of love (Z)
Aus unserem Archiv:
- I Like Trains, Düsseldorf, 28.11.08
- iLiKETRAiNS, Frankfurt, 15.04.08
- iLiKETRAiNS, Paris, 08.04.08
- iLiKETRAiNS, Köln, 16.11.07
- iLiKETRAiNS, Paris, 31.10.07
- iLiKETRAiNS, Paris, 12.10.06
- Fotos aus dem E-Werk