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Montag, 9. Mai 2011

Jae & General Bye Bye & Vessels, Paris, 08.05.11

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Konzert: Jae & General Bye Bye & Vessels

Ort: L'International, Paris
Datum: 08.05.2011
Zuschauer: 150 oder so


Gleich drei sehr ordentliche Konzerte und dies alles gratis, da konnte man wirklich nicht murren!





Und wenn es nach dem britischen NME geht, haben wir in Paris mit den Postrockern von Vessels eine der besten Bands des Jahres 2011 gesehen. Nun, die Schreiberlinge vom NME sind für ihre vollmundigen Kommentare bekannt, aber im Falle von Vessels kann ich die Begeisterung nach dem heutigen Gig im International gut nachvollziehen. Der Fünfer aus Leeds bot nämlich wirklich euphorisierenden, instrumentellen Gitarrenrock voller Eleganz und epischer Kraft und nagelte mich förmlich an die Wand. Seit 2005 elektrisieren Vessels mit diesem Wahnsinnssound, dürfen sich immer wieder über lobhudelende Kommentare in der Presse freuen, haben es aber bisher noch nicht geschafft, sich bei einem größeren Publikum Gehör zu verschaffen. Ob dies mit dem aktuellen Opus Helioscope, dem zweiten Longplayer, anders wird? Fraglich ist das, denn man hat ein wenig den Eindruck, daß etablierte Platzhirsche wie Mogwai, Explosions In The Sky oder Godspeed! You! Black Emperor den fetten, dollargespickten Kuchen alleine mampfen. Sie bespielen die großen Locations und teilen die Knete unter sich auf. Für die anderen beiben da nur ein paar Krümel und ranzige Kellerkonzerte übrig.

Sei's drum, Vessels sind auf jeden Fall eine Wucht. Sie bedienen sich nicht allein klassischer Postrockschemata (langsamer Aufbau, explosives Finale), sondern vermengen auch Elemente des Mathrocks und des Experimental Metal zu einem ungewöhnlichen Gemisch. Und auf der Bühne sind sie richtig agil und dynamisch, also das genaue Gegenteil von Mogwai. Das Pariser Publikum stand drauf und ich denke, auch die Zuschauer in Deutschland werden bei den kommenden Konzerten im Mai ihre helle Freude haben. Klarer Tip!

Empfehlungen kann ich auch für die Franzosen General Bye Bye und die in Oslo lebende Holländerin Jessica Sligter aka Jae aussprechen.

Fangen wir mit Jae an. Weltberühmt geworden ist sie durch eine Oliver Peel Session zu Beginn des Jahres. Aber auch kleinere, unbedeutendere Blogs wie z. B. die Blogothèque (freilich ein Scherz, ich liebe die Blogothekler, sie haben alles in Rollen gebracht!) mögen Jae und haben sie auch bereits gefilmt und gekonnt in Szene gesetzt. (Hier kann man sich das Ganze ansehen).

Dabei ist die Musik von Jessica keine leicht zu konsumierende Kost. Sie spielt keinen seichten Folk Pop à la Anna Ternheim (die ich bekanntlich schätze), sondern baut auch experimentelle Momente und Brüche in ihre sanft-melancholischen Songs mit ein. Begleitet wird sie seit einer Weile von ihrem Gitarristen Viljam, der auch dezent Harmoniegesänge mit beisteuert. Lieblich die Stimme von Jessica, nachdenklich, aber in manchen Phasen auch fest und nachdrücklich. Meist gemächlich das Tempo, als könne sie nichts aus der Ruhe bringen. Aber es gibt auch schnellere, fast fröhliche Stücke wie das famose Jims Place ("Everlasting hope for everlasting love"). Jims Place spielte Jae heute in Paris aber nicht, sie war schon mit ihrem künftigen Album beschäftigt, performte einige noch unveröffentlichte Songs. Auch diese erneut bewußt nicht auf Mainstream getrimmt, sondern teils spröde, aber dennoch verwunschen und zeitlos schön. Etwas irritierend allerdings, daß ihre Stimme so stark verzerrt wurde, so verlor sie ein wenig von ihrer herrlichen Naturreinheit.

Brillant war ihr Song Shots Being Fired, den man auch auf dem wundervollen Video von der Blogothèque genießen kann.

Insgesamt wurden heute acht betörende Stücke gespielt, die mir ob ihrer Komplexität und Eigenständigkeit erneut bewußt machten, welch großes Talent Jae ist. Kein Wunder, daß renommierte Musikmagazine wie Mojo und Uncut jeweils 4 Sterne für das Album Balls & Kittens, Draught & Strangling Rain springen lassen. Mit ihr sollte sich jeder einmal beschäftigen und wenn man schon dabei ist, auch ihrem anderen Projekt namens Sacred Harp Gehör schenken.



Morgen geht es hier mit General Bye Bye weiter. Stay tuned!

Ausgewählte Konzerttermine von Vessels (ohne Gewähr):

10.05.2010: Ziegel Oh Lac, Zürich
11.05.2011: Kulturladen, Konstanz
13.05.2011: Forum Stadtpark, Graz
17.05.2011: Werk II, Leipzig
18.05.2011: Kulturhaus III & 70, Hamburg
19.05.2011: Levee, Berlin
20.05.2011: Ekko, Utrecht
21.05.2011; Botanique, Brüssel (Les Nuits Botaniques)


Aus unserem Archiv:

Jae, Paris, 31.01.11
Jae, Paris, 30.01.11 (Oliver Peel Session mit Jae und General Bye Bye)




Montag, 31. Januar 2011

Jae & General Bye Bye, Paris, 30.01.11

3 Kommentare

Konzert: Jae & General Bye Bye

Ort: ein Wohnzimmer irgendwo in Paris, Oliver Peel Session # 34
Datum: 30.01.11
Zuschauer: 28


Nach der letzte Session, bei der 58 Leute unser Wohnzimmer bevölkerten, hat mich meine Frau (auf dem Foto, die Katze streichelnd) bezüglich der Zuschauerzahl hart an die Leine genommen. "Wenn das nächste Mal wieder so viele kommen, wird es nie wieder ein Konzert bei uns geben!", ließ sie durchblicken und ihrem strengen Gesichtsausdruck entnahm ich, daß sie nicht zu Scherzen aufgelegt war. Ohnehin hat sie bei uns das Sagen, sie ist neben unserem Kater der uneingeschränkte Boss im Hause. Ihr sardisches Temperament hat sie von ihrem Vater in die Wiege gelegt bekommen und wenn die Sarden wütend werden, dann gnade dir Gott! Habe ich Bock, ein Messer in den Rücken gerammt zu bekommen? Nö.

Konsequenz: wir fanden uns an diesem bitterkalten, aber sonnigem Wintertag in Paris in recht kleiner Runde wieder. Meine Frau hatte in der Einladungs E-mail unmissverständlich klargemacht, daß Leute die sich zu spät schriftlich melden, draußen bleiben müssen. So tröpfelten schließlich 25-30 Musikfans ein (darunter die bildhübsche Alice-Anne, Foto) und lümmelten sich auf dem von den Sessions völlig versifften Teppichboden. Rotweinflecke mustern das häßliche, ursprünglich hellbraune Teil und hinterlassen eine Art Kunstwerk im Stile des Art Brut. Vielleicht sollten wir die Teppichteile rausschneiden, von den jeweiligen Übeltätern unterschreiben lassen und bei ebay versteigern? Aber wer würde so was kaufen? Keine Sau. Na, gut, es gibt hirnverbrannte Leute, die den doofen Spickzettel von Jens Lehmann käuflich erworben haben, aber ein Stück Teppich von Oliver Peel? Dann doch lieber Katzenhaare von d'Artagan?!

Aber lassen wir diese absurden Gedankenspiele und kommen zur Musik, denn die war erneut hochklassig. Wie schon am letzten Wochenende wurde wieder holländisch gesprochen, zumindest vor und nach dem Konzert. Unsere gute Stube ist im Moment Anlaufstelle für Talente aus Amsterdam, nach den famosen Bird On The Wire nun die nicht minder talentierte Jessica Sligter alias Jae. Eigentlich dachte ich, daß die Folkeuse in Oslo leben würde, aber das stimmt so nicht mehr. Ihr Aufenthalt in Norwegen ist zu Ende und sie ist zur Zeit wieder in Holland. Dort scheint die Luft besonders inspirierend zu sein, jeder der sie heute abend erleben durfte, wird dies bezeugen können. Aber sie war nicht alleine auf der improvisierten Bühne, sondern spielte zusammen mit einem Gitarristen names Viljam. Ich glaube er ist Finne und er sprach auch gut deutsch. Die beiden schüttelten ein herrliches Set aus dem Ärmel. Ganz relaxt, ohne zu forcieren, ließ Jae ihre liebliche, naturreine Stimme erklingen (man höre Red Around The Eyes bei Myspace!) und erwärmte die Herzen der bedächtig zuhörenden Gäste. Diese waren zwar nicht so zahlreich wie sonst, dafür aber in Applaudierlaune. Selten gab es nach einem Konzert solch donnernden Beifall. Auch die Debüt CD Balles And Kittens, Draught And Strangling Rain fand reißenden Absatz und so kam es, daß ich selbst leer ausging und mir den Tonträger im Geschäft besorgen muss. Er ist übrigens bei dem norwegischen Label Hubro erschienen.

Vor Jae hatten die drei Pariser von General Bye Bye ein äußerst abwechslungsreiches, spannungsgeladenes und ungewöhnliches Konzert abgeliefert. Highlight war der Einsatz einer roten finnischen Harfe, dessen Name mir schon wieder entfallen ist. Ab und zu gab es aber auch pluckernde Diskobeats, melodramatische Songs im Stile von Blonde Redhead und eine Melancholie, die an Serge Gainsbourg und französiche Spielfilme der 1970er Jahre denken ließ.



Anmerkung zu dem Video von General Bye Bye: die Sängerin (eine Deutsche) mit der sensationellen Jane Birkin Stimme, die man im Clip sehen und hören kann, ist nicht mehr in der Band.



 

Konzerttagebuch © 2010

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