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Sonntag, 19. Mai 2013

Okta Logue, Darmstadt, 17.05.2013

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Konzert: Okta Logue
Vorband: Bees Village
Ort: Centralstation, Darmstadt
Datum: 17.05.2013
Zuschauer: 1.000 (fast ausverkauft)
Dauer: Okta Logue; 116 Minuten  / Bees Village; 45 Minuten


Als wir uns an einem angenehmen Julitag im vergangenen Jahr auf den Weg nach Augsburg machten, um zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate Nada Surf zu sehen, konnten wir noch nicht ahnen, mit einer neuen Lieblingsband aus der Kantine, einem schlauchförmigen Club, außerhalb der Innenstadt, zu kommen. Eine halbe Stunde genügten Okta Logue damals, um auf ganzer Linie zu punkten, einen förmlich wegzublasen. Die vier Jungs, die einer anderen Zeit entstiegen zu sein schienen, spielten virtuosen Psychdelic-Rock mit deutlichen progressiven Elementen und starken Orgel-Momenten, die an Deep Purples Jon Lord, der kurz zuvor verschied erinnerten. Die Enttäuschung, dass nicht wie noch vor einigen Tagen in Dortmund Dirk Darmstaedter für die New Yorker Indie-Pop-Veteranen eröffnete, wich rasch der Gewissheit, dem Auftritt einer besonderen Band auf dem Weg nach ganz Oben beizuwohnen. 

Große Überraschung dann, als sich das Quartett als deutsche Band aus meiner hessischen Heimat entpuppte, sich als vermutlich interessanteste Rockformation, die Darmstadt jemals hervorbrachte, zeigte. Selbst die kalte Musikindustriemaschine honoriert die Klasse mit einem Plattenvertrag beim Major-Label Sony Columbia. Nach dem berrauschenden Stuttgart Debüt im Zwölfzehn im September erklärte Benno Herz, Frontmann und Bassist, rückblickend, dass das Problem solcher Support-Gigs, die kurze Dauer sei. Man werde gerade erst warm. Verständlich bedenkt man, dass Okta Logue über Songs in Support-Slot-Länge verfügen.
Einige Monate später steht Herz mit seinem Bruder Robert (Schlagzeug), Nicolai Hildebrandt (Keyboards) und Philip Meloi (Gitarre) auf der großen Bühne der Centralstation in ihrer Heimatstadt. Glücklich und erschöpft lächelnd blicken die jungen Musiker am Ende des Abends Arm in Arm mit Bees Village, der Vorband aus Frankfurt, und ihren beiden Bläsern in die frenetisch applaudierende Menge. Hunderte erschienen zum Release-Konzert des zweiten Albums, „Tales Of Transit City“, in einer der schönsten Locations der Region. Die Begeisterung des Publikums nach einem annähernd zweistündigen Konzert quittiert die herausragende Qualität der neuen Songs, die unheimliche Spielfreude und musikalische Perfektion der Band. Okta Logue zeigen sich als deutsche Vorzeigeformation, deren erste US-Tour zurecht bereits in Planung ist; mit dem Nachfolgewerk des formidablen „Ballads Of A Burden“ gelang den Hessen eine Platte auf höchstem internationalen Niveau, eine Aufnahme, die im Deutschland der Gegenwart in ihrer Stringenz selbst im psychdelischen bis progressiven Metier einzigartig sein dürfte. 

Bläuliches Dämmerlicht und Kunstnebel kündigen den Beginn des Konzerts an. Ein forderndes, elektronisches Hall-Intro erklingt und Meloi, Hildebrandt und die Herz-Brüder stehen auf der Bühne und eröffnen das Set druckvoll mit „Transit“, dem ersten Track der neuen Platte. Der Song schlägt ein; mit psychedelischen Gitarreneffekten, dezentem Schlagzeugspiel und Benno Herz' markantem Gesang trumpfen Okta Logue schon zu Beginn des Abends groß auf. Niemals zu lange Soli Philip Melois', der mit seiner langen Mähne und dem stilvollen Auftreten zwischen dem jungen Roger Waters und Aerosmith-Gitarristen Steve Perry pendelt und die souveräne Keyboardbehandlung Hildebrandts, die manchmal fast elektronische Atmosphären zwischen New Order und Kraftwerk generiert, prägen das dichte Klangbild.

Gegen Ende schlagen die Beats besonders hoch, es wird deutlich, dass eine Weiterentwicklung stattgefunden hat, die die reine Retroschiene weit verlässt und Okta Logue als relevante Band der Gegenwand und Zukunft ausweist. In den längeren Instrumentalpassagen stehen einem die Haare im Nacken und am Arm zu Berge, dann geht der Song fließend in „Let Go“, einer harmonischen Nummer mit dem vielleicht größten Hitpotential des neuen, weniger sperrigen Albums über. „I see, you're down in misery / If so, slip a lottle closer let me know / What's wrong, twinkle in the sun“, die 60s Referenzen sind reizend, niemals plump und qualitativ um einiges hochwertiger als alles, was die gehypete Neo-Psychdelic-Band Temples aus den Midlands bisher an den Tag legte. Da können sich Noel Gallagher und die Herren von Kasabian noch so sehr in Lobhymnen üben. Immerhin, Casper zeigte sich letzten Sommer begeistert von Okta Logue, selbst wenn man mit seiner Musik wenig anfangen kann, so muss man dem Bielefelder Rapper doch zugestehen, keinen ganz schlechten Musikgeschmack zu haben.  


Benedikt Baum und Sascha Beck, die zuvor mit Eva Baum und Eva Müller als Bees Village ein bemerkenswertes Vorbandset gespielt haben, steuern schöne Backing-Vocals bei. Schon der Auftritt der eigenen Band lebte vom ausgezeichneten, mehrstimmigen Gesang, als Gastvokalisten des Hauptacts sorgen der Bassist und der Gitarrist und Sänger der Frankfurter Gruppe für traumhafte Harmonien. Sascha Baum bewies bereits beim 45-minütigen Auftritt seiner Band mit starken Songs wie „Physical Lie“, „Cold Love“ oder „Nobody Knows“, dessen Grundriff mich positiv ein wenig an „Iron Man“ von Black Sabbath denken ließ, dass er ein fähiger Sänger ist.

Musikalisch haben die Frankfurter ihre Referenzen klar gesteckt, verweisen auf Folkrock-Größen der 60er und 70er ohne sich anzubiedern. Das herrlich leise und unaufgeregte Schlagzeugspiel und die Akkordeon- und Klavierpassagen der beiden Evas taten ihr Übriges für ein gutes Konzert einer Band, die offensichtlich viel Calexico gehört und Neil Youngs Tugenden verinnerlicht hat.
 
Während Okta Logues Set steuern die Vier dann immer wieder – wie auch auf dem Album - perfekte Harmoniechöre bei, die wohl jeden Beach Boys - Connaisseur und Freund des Wohlklangs in Verzückung versetzen dürften.

Die häufigen Vergleiche mit den frühen Pink Floyd greifen sicherlich zu kurz, allerdings brillieren Lieder wie „Shine Like Gold“, das heute Abend das erste gespielte Stück des Debütalbums ist, mit einer ähnlichen Ästhetik und einem Gitarrenspiel das dem jungen David Gilmour wirklich ebenbürtig ist. Dass die Darmstädter auch ähnlich verschrobene Geschichten wie Syd Barret erzählen können wird mit dem neuen Song „Mr. Busdriver“ und „Mr. Zoot Suit“, einem der interessantesten Titel des Debüts, angedeutet. Verstärkt mit Bläsersätzen erzeugt die Band bei ihrem Release-Konzert einen ähnlich satten Sound wie in den Studioversionen, der einen live sprachlos zurücklässt. „Everyday“, das sich nicht auf den beiden Major-Label-Veröffentlichungen findet, ist ein weiteres Highlight. 


 Meist überdurchschnittlich lang, ruft doch kein einziges Lied heute Abend Langeweile in mir hervor. Viel lässt sich beobachten, zahllose interessante Akkordfolgen entdecken. Musikalisch spielt sich alles im hochklassigsten Segment ab; unglaublich, dass man eine derart junge Band vor sich sieht. Betrachtet man eine psychedeliche Power-Ballade wie „Dream On“, würde man darauf wetten, eine ausgefuchste, routinierte Band vor sich zu sehen. Routine kommt heute Abend freilich nie auf, die Freude über den enormen Zuschauerzuspruch ist ehrlich, die Spielfreude echt, hier genießen ein paar bodenständige Jungs den verdienten Erfolg, den gelebten Rockstartraum. Robert Herz, der Schlagzeuger mit den langen Dreadlocks, spielt bis zum Rand der Erschöpfung ohne jemals aufzuhören, fröhlich zu lächeln und synchron mit seinem Bruder zu singen. Die Attitüde stimmt, nervige Starallüren sucht man vergebens.


Mit einem kuriosen Intro beginnt „Just To Hear You Sleep“ von „Ballads Of A Burden“, dann folgt „Judith“, das in großer Blues-Rock-Tradition steht und ein wenig Ähnlichkeit mit „S.F. Sorrow“, der erste Rockoper von den Pretty Things, hat. Darüber singt Benno Herz unprätentiöse Zeilen, mit schönen, treffenden Bilder; „Judith, my dear, / You're waiting for the evening sun / To dry all your tears, / Still carrying that loaded gun, / You're wondering / What it takes to be pleased“.   
Wie „Cats In The Alley“ glänzt der Song im rotweinseligen Dämmerlicht eines lauen Sommerabends, die Musik tritt an einen nah heran. Untypische Liebeslieder mit großartiger musikalischer Umsetzung, Okta Logue gelingen sie immer wieder: „... and I hope we, / We could climb all over the gates / Of the old telephone factory / Again in the westend of the valley / near the railroad / where we used to play / like cats, cats in the alley / and I wonder if you / still see that moon in June“. Angedeutete Drogenmetaphorik, Bilder in Dylan-Tradition mit „Born To Run“-Ethos, es sind hochprozentige Songs, die einen Gegenpol zum perversen Hedonismus, zum vertonten Markliberalismus der David Guetta-Jugend formen.

Den nächsten Song haben wir zuletzt beim Release-Konzert unseres ersten Album 'Ballads Of A Burden' in der Oettinger-Villa gespielt. Es ist heute der richtige Moment es wieder zu spielen, es liegt uns sehr am Herzen“, der aufrichtigen Ansage Benno Herz' folgt der traurige Song „Deal With The Digger“, der mit seiner markerschütternden Geschichte und der passenden Instrumentierung zu dem Besten gehört, was Okta Logue in ihrem erstklassigen Werk bisher kreierten. 


Das Debütalbum endete mit dem fast halbstündigen „Decay“, heute gefällt mir der Song, performt mit Bläserunterstützung besser denn je. Immer wieder erzeugt Hildebrandt interessante Electro-Effekte, es wird hohe Aufmerksamkeit gefordert, doch die Band macht es den Zuschauern leicht zu folgen. Als Dank gibt es „Bright Lights“, den aller Wahrscheinlichkeit nach bekanntesten Song der Darmstädter. Grenzenloser Applaus dankt, „You“, der letzte Titel des neuen Werks folgt und beschließt das reguläre Set.


Für unsere Darmstädter Konzerte überlegen wir uns immer etwas Besonderes“, nach kurzer Unterbrechung steht das Quartett wieder auf der Bühne und wird erneut durch die vier Freunde von Bees Village unterstützt, als man das beste Neil Young Cover spielt, das ich bisher live gehört habe. Das krachende Stück Sozial- und Rassismuskritik, „Southern Man“, in dem der große alte Mann aus den kanadischen Bergen in den 70ern ein zynisches Bild der US-Südstaaten skizzierte und das ihm die bekannte Antwort der, dem „Hurra-Patriotismus“ frönenden, Southern Rockband Lynyrd Skynyrd in ihrem größten Hit einbrachte, wird mit genuinen Chören dargeboten. Ohne für gewöhnlich nach Neil Young zu klingen, ist die Hommage eine leidenschaftliche Referenz an einen der größten popmusikalischen Helden. Ein Medley, das den Fans der ersten Stunde gewidmet wird, folgt, bevor „Chase The Day“ den tatsächlichen Schlussstein des Abends setzt. Philip Meloi, Nicolai Hildebrandt, Robert und Benno Herz sind auf dem richtigen Weg, um eine große Sache, ein international ernstzunehmender Act auf dem Niveau eines Konstantin Groppers zu werden. Die großen Festivals und Hallen, Unmengen an möglichen Fans warten. „Our hearts, out in the toxic rain / If you ever try to name us we'd slip way. / At last, and despite the toxic rain, / We'll be dancing through our dreams built out of sand / We'll chase the day to carry on“.
Im Oktober wird die ausgedehnte Club-Tour Okta Logue erneut in die Kantine nach Augsburg führen, für mich ist es dann wohl wieder an der Zeit für eine Fahrt von Stuttgart zu den Schwaben in Bayerns Südwesten. 



Setlist, Bees Village, Darmstadt:

01: Physical Lie
02: Blew It Away
03: Cold Love
04: Nobody Knows
05: Words
06: Holy Sand Parade
07: Snowman
08: Golden Mountain
09: Outside A World

10: Empty (Z)


Setlist, Okta Logue, Darmstadt:

01: Transit
02: Let Go
03: Shine Like Gold
04: Mr. Busdriver
05: Everyday
06: Dream On
07: Cats In The Alley
08: Mr. Zoot Suit
09: Just To Hear You Sleep
10: Judith
11: Deal With The Digger
12: Hey Dora
13: Decay
14: Bright Lights
15: You

16: Southern Man (Neil Young  - Cover) (Z)
17: Medley (Z)
18: Chase The Day (Z) 


Tourdaten, Okta Logue:

21.05.2013 Köln, Studio 672
22.05.2013 Hamburg, Uebel & Gefährlich
23.05.2013 Berlin, Magnet Club
03.09.2013 Saarbrücken, Garage
04.09.2013 Konstanz, Kulturladen
05.09.2013 Ulm, Roxy
06.09.2013 Würzburg, Café Cairo
07.09.2013 Wiesbaden, Schlachthof
10.09.2013 Hannover, Café Glockensee
11.09.2013 Bremen, Lagerhaus
12.09.2013 Kiel, Schaubude
14.09.2013 Dresden, Beatpol
02.10.2013 Nürnberg, MUZ
03.10.2013 Freiburg, White Rabbit
04.10.2013 Augsburg, Kantine
05.10.2013 Weinheim, Café Central
16.10.2013 PL - Gydnia
17.10.2013 PL - Warschau (plus UFO Mammut)
18.10.2013 PL - Krakau
25.10.2013 Osnabrück, Bastard
26.10.2013 Neumarkt i. d. Oberpfalz, Cooper's
27.10.2013 A - Wien, die Brut
06.11.2013 Leipzig, Werk 2
07.11.2013 Frankfurt/Main, Zoom
08.11.2013 München, Atomic Café
09.11.2013 Stuttgart, Zwölfzehn
04.12.2013 Köln, Luxor
05.12.2013 Aschaffenburg, Colos-Saal 

Mittwoch, 30. Januar 2013

TV Noir #8 (Enno Bunger, Me & My Drummer), Darmstadt, 27.01.13

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Konzert: TV Noir #8 mit Enno Bunger und Me & My Drummer
Ort: Centralstation Darmstadt – kleiner Saal
Datum: 27.01.2013 
Zuschauer: etwa 300 - 400 (ausverkauft)
Dauer: ca. 2h 15min


von Tanita


Nachdem mein allererstes Get Well Soon Konzert letzte Woche den Maßstab für zukünftige Konzerte in fast unmessbare Höhen getrieben hat, wird es wohl von nun an schwierig bis unmöglich, mich so richtig zu beeindrucken. Allerdings war ich sehr gespannt auf das TV Noir Konzert #8 mit Enno Bunger und Me & My Drummer. Einerseits, da ich die TV-Sendung sehr gerne ansehe, andererseits aber auch, da ich Enno Bunger bereits 2011 solo an einem ebenfalls magischen Abend als Vorband von Smith & Burrows im Gloria in Köln erleben durfte. Es war kurz vor Weihnachten, der 15. Dezember, wenn ich mich richtig erinnere, und ich war extra 6 Stunden quer mit dem Zug durch Deutschland gefahren, um bei einem der wenigen Konzerte von Smith & Burrows dabei sein zu können. Smith & Burrows, nun ein ganz kleiner Exkurs, ist das Nebenprojekt von Tom Smith, seines Zeichens Frontmann von Editors, und seinem guten Freund und unter anderem mittlerweile erfolgreichen Soloartist und Ex-Drummer von Razorlight, Andy Burrows. Die beiden hatten es sich zum Ziel gemacht, ein ganz und gar kitschfreies „Weihnachtsalbum“ zu machen – falls man den Begriff überhaupt benutzen möchte, da er doch sehr abgegriffen und eher negativ konnotiert ist. Jedenfalls ist ihnen das mit dem Ende 2011 erschienenen „Funny Looking Angels“ meiner Meinung nach bestens gelungen, das trotz der gefährlichen Verwendung von Schneeglöckchen einfach nur eine wundervoll ruhige und besinnliche Stimmung vermittelt, die nicht nur in der Vorweihnachtszeit, aber besonders dann, eine perfekte Alternative zu „Last Christmas“ und noch Schlimmerem, bietet. Wer schon einmal einem Konzert der sagenhaften Editors beiwohnen durfte, der kann mir bestätigen, dass Tom Smith eine Stimme hat, die einen einfach nur überwältigt. Kurz erwähnt sei hier nur die Tatsache, dass ich direkt vor ihm in der ersten Reihe sitzen durfte und bei der Akustikversion von „Papillon“ so dermaßen von der Schönheit dieses Moments überwältigt war, wie es mir nur selten passiert. Ich war so auf die Umsetzung der tollen stimmungsvollen Weihnachtslieder gespannt und als großer Editors-Fan natürlich auch darauf, welche besonderen Versionen uns vielleicht erwarten werden, dass ich mich gar nicht darüber informiert hatte, ob es einen Support Act gibt. Als nun ein doch ein rotblonder junger Mann die Bühne betrat, war ich durchaus skeptisch – wer kennt das denn nicht: trotz aller angebrachter Toleranz und vor allem gebotenem Respekt, kann man doch schon mal etwas ungeduldig werden, wenn man sich sehr auf ein Konzert freut. Nach wenigen Songs allerdings hatte er sich schon sehr in mein Herz und das meiner Begleiterinnen gespielt – und hierbei sei erwähnt, dass er dies wohl auch nur durch seine von grund auf sympathische Art geschafft hätte, aber es ging tatsächlich primär um seine tolle Musik.


Nach dieser kurzen, aber nicht minder eindrucksvollen Begegnung 2011, war ich umso gespannter, was dieser Abend in der Centralstation bringen würde. Nach einem tendenziell faulen Sonntagvormittag, setzte ich mich dann am frühen Abend mit meiner Begleitung in den Zug Richtung Darmstadt. So ins Gespräch über unsere früheren Konzerte von Enno und Musik im Allgemeinen vertieft, waren wir schnell in Darmstadt angelangt. Sehr sehr blöd nur, wenn man erst in der Straßenbahn Richtung Konzerthalle merkt, dass man das Ticket zuhause liegen lassen hat. Erstmal ein kurzer Moment der Panik, aber zu meinem großen Glück hatte ich ein Online-Ticket und dank meines Handys auch noch die Bestellnummer und alle sonstigen relevanten Daten, so dass mich die netten Menschen der Centralstation problemlos hereingelassen haben. An dieser Stelle Memo an mich selbst: ich werde mich NIE wieder darüber beschweren, dass ich nur ein Online-Ticket bekommen kann und kein schönes „altmodisches“ Ticket. NIE wieder!


Als wir den kleinen Saal der Centralstation nach zugegebenermaßen etwas chaotischem Einlass („Jetzt mal bitte die Leute mit TV Noir Ticket nach rechts und die mit unseren Tickets nach links!“ – Hilfe!?) betraten, war der überschaubare Saal im obersten Stockwerk wie erwartet bestuhlt und trotz anfänglichem Chaos konnten wir uns einen guten Platz ergattern. Was mir direkt besonders auffiel und auch gefiel, war der Bühnenaufbau: eine altmodische Stehlampe, daneben ein Sofa, auf dem dann später die Künstler Platz nehmen werden und vor in Rottönen beleuchtetem Samtvorhang ein Bild von einer Landschaft, das sich – etwas zynisch ausgedrückt - wunderbar in einem deutschen Durchschnitts-Spießer-Wohnzimmer hätte wiederfinden lassen können. Und selbstverständlich jede Menge Instrumente! Da das mein erstes TV Noir Konzert war, konnte ich durch die Sendung nur vermuten, dass die Künstler im Wechsel, aber auch zusammen, spielen werden würden, was durch die Verteilung der Instrumente auf der Bühne widergespiegelt wurde. Auf der linken Seite befanden sich ein eindrucksvoller schwarzer Flügel und ein Keyboard und auf der rechten Seite war unter anderem ein Drumset aufgebaut, so dass man auch schon erahnen konnte, wer wohl auf welcher Seite spielen werden würde.


Gegen 19.30 Uhr betraten alle Künstler gemeinsam die Bühne und Enno Bunger machte solo den Anfang mit dem Lied „Abspann“ von seinem aktuellen Album „Wir sind vorbei“, einem Album, das, wie er uns selbst erzählte, ausschließlich die Geschichte einer Trennung bzw. die verschiedenen Phasen, die man dabei durchlebt, beschreibt. Für meine Begriffe, hat Enno neben außergewöhnlich guten deutschsprachigen Texten auch eine Stimme, die passend dazu auch auf positivste Art und Weise nicht dem Durchschnitt entspricht, sondern meist sehr zart und melancholisch zum Klang des Klaviers seine Lieder trägt. Auch an diesem Abend weiß er so sofort zu begeistern und schnell ist klar, dass der Großteil des Publikums zunächst wegen ihm hier ist. Nach „Roter Faden“ und „Leeres Boot“, die Enno alleine vorträgt und damit das Publikum zu absoluter Stille inspiriert, da alle vollkommen gebannt zu hören, sind Me & My Drummer am Zug. Die Berliner Band, bestehend aus Sängerin und Alleskönnerin Charlotte und Schlagzeuger Matze, setzen der ruhigen, nachdenklichen Atmosphäre sofort lautere Töne entgegen. Da ich die Band bisher nur namentlich kannte, war ich sehr gespannt und anfangs etwas überrascht, da die schiere Lautstärke der Band im Kontrast zu Enno erstmal recht gewöhnungsbedürftig war. Die interessante Mischung aus Keyboard mit den verschiedensten Klangeffekten, den sehr präsenten Drums und allen voran die ausdrucksstarke Stimme der Sängerin, konnten mich und den Rest des Publikums spürbar überzeugen, da sich der anfangs verhaltene Applaus bis zum Ende hin in teilweise Standing Ovations für alle Künstler verwandelt hatte. Besonders bei den Stücken, die Charlotte alleine oder mit sehr reduzierter Begleitung durch ihren Drummer oder aber auch Enno vortrug (z.B. „All My Stuff“), zeigte sie sämtliche Facetten ihrer Stimme, durch die sie sich meiner Meinung nach deutlich von den üblichen Popsängerinnen abhebt. Als begeisterter Fan Enno Bungers, war ich selbstverständlich sehr erfreut darüber, dass man fast das gesamte aktuelle Album zu hören bekam und noch dazu ein paar liebgewonnene Stücke von „Ein bisschen mehr Herz“ – besonders toll auch die Lieder, die Enno mit der Unterstützung von Me & My Drummer spielte, wodurch u.a. „Herzschlag“, „Blockaden“ und „Die Flucht“ noch mehr Nachdruck gewannen. Fast noch schöner nur, dass diesen kraftvollen Liedern immer wieder sehr ruhige Momente, wie bei „Wahre Freundschaft“ entgegengesetzt waren, bei denen sogar das Klicken der Kameras der Fotografen deutlich zu hören war und wie Enno selbst scherzhaft kommentierte, diese aufmerksame Stille auch leider störte. Besonders in der zweiten Hälfte des Sets, die durch Me & My Drummer eröffnet wurde, hatte diese sich sichtlich „warm“ gespielt und wurden immer lockerer, was insgesamt zu einer schönen Atmosphäre beitrug. Das emotionale „Regen“ bewegte nicht nur mich dazu meiner Begleitung einen wissenden Blick zu zu werfen, sondern man konnte vielerseits beobachten, wie man sich gegenseitig zulächelte oder in den Arm nahm – einfach nur ein sehr schöner Moment, der den Hauptteil des Konzertes verdientermaßen beschloss. Für mich persönlich hätte danach schon fast Schluss sein können, einfach da „Regen“ einer der für mich stärksten und gefühlvollsten Songs auf „Wir sind vorbei“ ist. Allerdings legten Enno am „Schifferklavier von der Küste“ und sein Bandkollege Onno (Enno & Onno – vermutlich die besten Namen der Welt!) an der Gitarre, mit „Ich möchte noch bleiben, die Nacht ist noch jung“ einen Song nach, der genau das wiedergab, was wohl der Großteil des Publikums auch dachte. Schön wäre es gewesen – und das klingt jetzt härter, als es eigentlich gemeint ist – hier den finalen Endpunkt des Konzerts zu setzen, denn danach spielten alle gemeinsam noch den Song „Don't be so hot“ von Me and My Drummer, der nicht schlecht war, allerdings insgesamt weniger Anklang bei Publikum fand und das vorher eingeübte Mitsingen doch unerfreulicherweise ziemlich erzwungen klang. 


Insgesamt aber ein durchweg tolles Konzert, das beweist, dass es häufiger Konzerte dieser Art geben sollte, die die Künstler zur Zusammenarbeit auf der Bühne anregen und wie hier bei Enno Bunger und Me & My Drummer geschehen, verschiedenste Stile gekonnt zusammenführen.

Setlist TV Noir #8, Centralstation Darmstadt:

01: Abspann (1)
02: Roter Faden (1)
03: Leeres Boot (1)
04: Five Rules (2)
05: Escaping (2)
06: All My Stuff (2)
07: Wahre Freundschaft (1)
08: Herzschlag (1)
09: So Foreign (2)
10: Down My Couch (2)
11: Pick Up The Phone (The Notwist Cover) (3)
12: Runner (Reprise) (2)
13: Heavy Weight (2)
14: This Rage (2)
15: Blockaden  (1)
16: Die Flucht  (1)
17: Phobia (2)
18: You're a Runner (2)
19: Astronaut (1)
20: Regen (1)

21: Die Nacht ist jung, ich möchte noch bleiben (1) (Z)
22: Don't be so hot (3) (Z)

(1) Enno Bunger
(2) Me & My Drummer
(3) Alle

Links: 

- TV Noir #7 mit Herrenmagazin und Dear Reader, Freiburg, 13.11.12


Fotos: Tanita, Archiv (Tom Smith) 

 

Konzerttagebuch © 2010

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